Die junge, aus Köln stammende deutsche Autorin Mariana Leky [1] entführt uns mit ihrem neuen Roman in eine heile Welt, eine heile Welt nicht, weil es dort kein Unglück gäbe oder Leid, sondern heil, weil eben dieses Unglück, dieses Leid ebenso wie das Glück als zum Leben gehörig empfunden wird, als Schicksal, dem man sich anvertrauen und dem man in der Gemeinschaft begegnen kann.

Der Westerwald, mit den Höhen, über die einerseits der Wind so kalt pfeift, andererseits jedoch auch der kleinste Sonnenschein so tief in die Herzen der Menschen hineindringt [2], ist Schauplatz der Geschichte um Selma, deren heimliche Hauptperson, auch wenn eine andere als sie die Ich-Erzählerin ist: Luise, deren Erzählung einsetzt, als sie zehn Jahre alt ist, das ist so die Zeit um Mitte (das heißt im Grund sogar kurz vor ihr) der 80er Jahre. Also noch in der (was man zu dieser Zeit nicht ahnen konnte) relativ gesehen entschleunigten Epoche des Prä-Internets und des Prä-Prä-Smartphones…

Okapi (Okapia johnstoni)
Bildquelle: [3]

Es herrscht so ein Hauch von Übernatürlichkeit, von Magie über der ganzen Geschichte, angefangen mit dem spektakulären Aufhänger, daß jedesmal, wenn Selma im Traum ein Okapi erscheint, jemand sterben wird im Ort. Nun muß man aber als Leser/-in keine Angst haben, daß dieser Todesbote allzu häufig erscheint, zum einen ist das Okapi ein Einzelgänger, zum anderen scheut die Autorin vor einem Massensterben, denn mehr noch als der Tod ist die Liebe Thema des Romans, die Liebe als Agape, mit einem Spritzer Amor und einem zarten, ganz zarten Hauch von Erotik.

Selma also, um zu den Figuren zu kommen und deren Verhältnis zueinander, ist die Mutter von Peter, welcher der Mann ist von Astrid, beide zusammen sind die Eltern von Luise. Selma war früher verheiratet mit Heinrich, dieser aber ist schon lange tot, jedenfalls war Selma somit schon Teil eines Paares und so versteht sie die Frage, ob sie sich dies zu sein wiederum und nochmals vorstellen könne und dies mit Dietrich Hahnberg, nicht oder gibt vor, sie nicht zu verstehen und so bleibt Dietrich Hahnberg mit seiner unerklärten Liebe,  von der nichtsdestotrozt der ganze Ort – außer Selma – weiß, und seinen inneren Stimmen, die ihm die Unerklärbarkeit dieser Liebe zu jeder Stunde einflüstern, allein. Ob dies letztendlich und am Schluß gut war oder nicht gut war, wer mag dies schon zu beurteilen, die vielen Anfänge eines Versuchs, sich zu offenbaren, die er schuf, sie jedenfalls sollten am Ende noch einmal Frieden und Verbundenheit schaffen. Jener oben erwähnte Heinrich, um diese vorwegnehmende Abschweifung zu beenden, wiederum hatte eine Schwester, die noch lebt und sich auskennt in der magischen Wirkung von Kräutern, Pflanzen und Gesten (nüchterne Naturen würden sagen, sie frönt dem Aberglauben): Elsbeth hatte etwas gegen Gicht, gegen ausbleibende Liebe und ausbleibenden Kindersegen, gegen unausgebliebene Hämorrhoiden und quer liegende ungeborene Kälber…

Der Junge Martin ist nur kurz in der Geschichte, möglicherweise wollte uns die Autorin damit klarmachen, daß die Welt keine Gewichtheber braucht, während Frederik am Ende der Geschichte hoffentlich (so der feste Glaube beim Lesen) der Beginn einer anderen Geschichte ist, die im Grunde schon acht Jahre (Elsbeth würde an dieser Stelle darauf hinweisen, daß genau diese Ziffer ‚8‘ nicht nur beim Chinesen mit Kostbarkeiten, sondern im Buddhismus auch mit Glückssymbolen verknüpft ist, wobei meine plötzliche Erwähnung dieser östlichen Religion keineswegs willkürlich ist, sondern ihren Grund hat) und über siebenhundert Briefe dauert. Wobei einem Andreas, dieser nachvollziehbare Umweg, den Luise einschlägt (oder auch – ohne daß dies doppeldeutig gemeint ist – diese Sackgasse), etwas dauert. Palm und Marlies sind noch zu erwähnen als die in der Geschichte, bei denen die dunkle Seite vorherrscht: Palm, ein Mensch, der kein Problem mit Alkohol hat, solange welcher vorhanden ist und Marlies, die kein Problem mit Menschen hat, solange sie keine trifft… Doch würde das Buch nicht von der Liebe handeln, wenn nicht auch diese beiden letzt- und schluß- und endlich zu ihrem oder wenigstens zu einem Frieden kämen….

Bleibt wohl nur noch Alaska ausführlicher zu erwähnen (auch noch auf Alberto einzugehen, Herrn Rödder oder die Zwillinge, von denen Luise einmal einen küsst bei einem Fest nach dem Genuss eines gesellschaftlich akzeptieren Rauschmittels, führte zu weit), ihn zu verschweigen, wäre unverzeihbar, begleitet er uns, vor allem aber diese ganzen liebenswerten Figuren durch all die Jahre. . Alaska, der riesige Hund mit der übernatürlich langen Lebensspanne, dem Vater von seinem Psychoanalytiker als Symbol empfohlen, an dem er seinen Schmerz abladen kann… Und – mal abgesehen davon – ist er derjenige, der die Umstände schuf, unter denen Luise und Frederik sich kennenlernten.


Ein Kosmos manchmal etwas kauzig wirkender Figuren, die eine Gemeinschaft bilden, aufeinander acht geben und für einander da sind. Dies fällt nicht immer leicht, besonders wenn man als Kind zur traurigen Marlies geschickt wird, die einem Erbsen aus der Dose mit kalten Kartoffelbrei zum Essen anbietet, das man nicht ablehnen darf, weil sie dann noch trauriger wird… Gut, wenn man dann einen Freund hat, der seinen eigenen Teller hinunterwürgt und das, was man selber nicht schafft, in die Hosentasche steckt, und es bald so aussieht, als hätte er es nicht rechtzeitig zur Toilette geschafft…

Es sind wunderbar skurrile Szenen in dieser Geschichte, so zum Beispiele diese, als Luise und Martin bei der traurigen Marlies sind: „Warum stehst du denn?“ fragte Marlies. Ich stand da, weil ich den Erbsenkartoffelbrei in Martins Hose nicht an ihn herandrücken wollte. – „Weil es keinen Stuhl gibt“ sagte ich. – Setz dich doch wieder auf deinen Freund“, sagte Marlies, „du machst mich ganz nervös, wenn du so dastehst.“ – Ich dachte an den Optiker, der wegen seines Rückens oft nicht sitzen konnte. „Ich habe es mit den Bandscheiben“, sagte ich, „weil ich einer vorwiegend sitzenden Tätigkeit nachgehe.“ – „So jung und schon so kaputt“, seufzte Marlies. Oder die Erwähnung von „Gabys Erotikstübchen“, was so anheimelnd nach Rüschen klingt und Mokkatässchen und hinterher (wenn man Herrn Jeremy oder Frau Lords lange genug bei der Arbeit zugeschaut hat) noch ein Eierlikörchen obendrauf. Für die Verdauung, weil die Buttercremetorte wieder so mächtig war…

Es ist nicht alles Sonnenschein in diesem Westerwälder Dorf. Die traurige Marlies habe ich schon zur Genüge erwähnt, den Optiker, den die inneren Stimmen quälen und die (gar nicht so) heimliche Liebe zu Selma, Palm, den der Alkohol fast zum Mörder macht und der nach der Katastrophe seines Lebens zum Bibelausleger wird und um den man sich kümmern muss, um den man sich kümmert, damit er wenigstens immer dabei ist. Peter, dem das alles zu eng ist und Astrid, die sich mit der Frage herumschlägt, ob sie ihren Mann verlassen soll, selbst als sie schon längst neben Alberto nächtigt. Selmas Haus, das Stellen hat, an denen der Boden so dünn ist, daß man durchbräche, betrete man sie, doch davor warnen die roten Linien auf dem Boden (ein schönes Symbol, das sich trefflich interpretieren ließe…).

Insgesamt überstreicht Lekys wunderbare Geschichte einen Zeitraum von gut zwanzig Jahren. Luise ist am Ende eine junge Frau, die ihren Platz im Leben noch nicht so richtig gefunden hat, weil die Liebe, die sie im Herzen mit sich herumträgt und die sie wohl verleugnen, aber nicht wegzaubern kann, dies verhindert. Aber wer wollte ernsthaft daran zweifeln, daß Frederic, der die Rituale der Gemeinschaft, inclusive des diensttäglichen Rehverjagens durch lautes Türenzuschmeissen schnell verinnerlicht hat, dies auch musste, weil Luise jetzt diejenige ist, die auf Reisen geht und er auf sie warten muss, daß Frederic also und Luise ein glückliches Paar werden…

Lekys Roman in seiner eingängigen, einhüllenden, von der Liebe und Zuneigung zu seinen Figuren geprägten Sprache liest sich wie von selbst. Er ist eine Liebeserklärung an die(se) dörfliche Gemeinschaft, die Anteil nimmt und hat am jeweiligen Leben, die niemanden ausschließt um des Preises willen, daß es im Grunde keine Geheimnisse gibt: „Luise bekommt demnächst Besuch aus Japan“, sagte im Oktober Selma zu Elsbeth und band ihr auf die Seele, es nicht weiterzusagen, weil sie nicht wusste, ob es mir recht war, und die Bänder um Elsbeths Seele hielten genau bis zum Einzelhändler.

Jetzt habe ich gar nichts über das Okapi gesagt, das ganz offensichtlich der Untergang des Westerwalds beziehungsweise seiner Bevölkerung bedeutet. Das ist natürlich etwas übertrieben, dreimal insgesamt träumte Selma ein Okapi und aus der Tatsache der drei Tode, die dem Traum folgten, schlussfolgerte man diesen Zusammenhang. Interessant sind zwei Aspekte dieses Traumes: zum einen war Peter jetzt zwar nicht unbedingt erpicht auf eine Mondfahrt, aber die Welt im Dorf war ihm zu eng, deswegen war es sein Spruch Ihr müsst mehr Welt hereinlassen! Aber kann man mehr Welt hineinlassen als ein Okapi, das ja von ganz weit wech herkommt? Bedeutet das, daß die Welt, wenn man sie hineinläßt, ihren Preis fordert, ja, den Tod bringt, man als Gemeinschaft bereit sein muss, ein Opfer zu bringen? Und das zweite ist, sofern man diesen Zusammenhang ernst und als gegeben nimmt, daß bei jedem der Dorfbewohner als potentiellem Sterbekandidaten die Frage auftaucht: Was mache ich in den möglicherweise letzten vierundzwanzig Stunden meines Lebens?

Wie immer man diese Fragen (und andere) auch für sich selbst beantworten mag, sofern sie sich uns überhaupt stellen, was nicht automatisch der Fall sein muss, aber natürlich auch nicht ganz unwahrscheinlich ist, Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky ist in jedem Fall ein wunderschöner, gefühlvoller, empathischer Roman ganz einfach über das Leben und die Menschen darin…

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über die Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Mariana_Leky
[2] nur für die Unerschrockenen, die, die sich vor gar nichts fürchten: https://www.youtube.com/watch?v=D7Ieq2xInrI
[3] Bildquelle: Raul654 (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D, via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Okapi2.jpg?uselang=de)

Mariana Leky
Was man von hier aus sehen kann
diese Ausgabe: DuMont Buchverlag, HC, ca. 320 S., 2017 

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.

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