Antje Wagner: Hyde

Antje Wagner gehört zu den Autorinnen, die ich auf meinem Blog schon des öfteren mit ihren für ältere Jugendliche geschriebenen Titel vorgestellt habe ( Unland,  Schattengesicht und Vakuum) und die sich auch in diesem Genre einen guten Namen gemacht hat, Auszeichnungen, die sie für ihre Romane erhalten hat, zeigen dies. Daneben schreibt Wagner unter (offenen) Pseudonymen auch in anderen Themembereichden. Mit Hyde (https://www.hyde-das-buch.de) stellt sie jedoch wieder einen Roman vor, für den der Verlag eine Altersempfehlung ab 15 Jahren gibt, das Buch ist aber auch durchaus für Erwachsene spannend, sofern man ein paar Abstriche an der Logik der Geschichte macht… Wagner selbst ordnet ihr Buch sogar als eher ein Erwachsenenroman ein: „In meinen Augen ist es „crossover“, also ein Buch für Erwachsene, das aber auch Jugendliche lesen können.“ (persönliche Mitteilung).


Der Autorin Bücher spielen oft mit dem Unheimlichen, mit einem subtilen Grauen, so auch hier. Hyde wie Dr. Jekyll, Hyde wie Park (wenn man ihn für Natur ansehen mag), Hyde wie to hide, verstecken, verbergen, verborgen halten, verheimlichen…. schon in den ersten Absätzen merkt man auch sofort, daß in der Geschichte unter der Oberfläche des Erzählten weitere Geschichten lauern und zwar keine schönen…

Die Protagonisten Katrina, eine achtzehnjährige junge Frau, begegnet uns als Tischlergesellin auf der Walz, Begriffe wie „Kriegskasse“, „Gefangenschaft“, „mich kriegt niemand klein“ deuten darauf ebenso auf diese verborgene Dimension der Geschichte hin wie die Sprachbehinderung und vor allem die Tatsache, daß Katrina (aus deren Sicht wir die Geschichte erzählt bekommen) nie das Tuch vor ihrem Gesicht herunternimmt, außerdem noch hinkt sie. So steht sie im Schneegestöber an der Straße und hält den Daumen raus und tatsächlich hält irgendwann ein Wagen, ein vollgemülltes Auto mit einer extravagant gekleideten Frau am Steuer, Josefine, die sie zur Mitfahrt einlädt. Von ihr erhält Katrina letztendlich den Tip, es beim „Kartoffelparadies“ zu versuchen, ein Motel/Restaurant, bei dem es immer Arbeit gab. Josefine, die beim Radio eine Sendung als „Hellseherin“ hat, hatte Recht, es gab Arbeit, aber was für eine Scheißarbeit. Roland, der Besitzer mit leicht sadistischer Ader, delektierte sich daran, Katrina als eine die Gäste animierende Bedienung einzustellen. Katrina biss die Zähne zusammen und fügte sich … nicht allzulange, bis es nicht mehr erträglich war und sie mit Rolands Auto floh.

Sie hielt sich abseits der Straßen, Rolands Auto war auffällig, Schnee und Kälte nahmen zu und irgendwann stand sie vor einem Hinweisschild, das zu einer Pension leiten sollte und einen Job in Aussicht stellte: Verwalter gesucht. Doch das Haus machte einen unbewohnten Eindruck, bis auf eine räudige Katze gab es kein Leben, die Fensterläden waren zugenagelt. Da der Tank des Autos leerer wie leer war, blieb Katrina jedoch nichts anderes übrig, als in das seltsame Haus einzudringen, wenn sie in der klirrenden Kälte überleben wollte…

Katrina bleibt fürs Erste in diesem Haus und richtet sich dort ein, der Bürgermeister des Ortes ist offensichtlich heilfroh, daß sich überhaupt jemand für den Posten des Verwalters interessiert, er gibt Katrina weitgehend freie Hand bis auf die Einschränkung, daß aufgrund einer obskuren testamentarischen Bestimmung ein bestimmtes Zimmer im Haus geöffnet werden darf. Es dürfte kein Spoiler sein, wenn ich hier schreibe, daß sich in diesem Zimmer das Geheimnis des seltsamen Hauses, dessen verfallende Schönheit Katrin, die Tischlerin und Naturliebhaberin schnell erkennt, und in dem sie jetzt zusammen mit der Katze lebt und sich einzurichten versucht, verbirgt. Mit diesem kurzen Einstieg in die Geschichte ist das Eingangszenario grob umrissen und dabei möchte ich es auch belassen, um dem Buch die Spannung nicht zu nehmen.


Der zweite Teil des Romans hat – im Gegensatz zum ersten – sogar einen eigenen Titel: Das weiße Zimmer, die Zählung der Kapitel ist an dieser Stelle etwas unkonventionell, aber das tut der tatsächlich immer weiter steigenden Spannung keinen Abbruch. Schnell wird klar, daß wir hier mit zwei Geschichten konfrontiert werden: der Katrinas, die immer wieder in Rückblenden in ihr vorheriges Leben, das offensichtlich durch eine große Katastophe aus der Bahn geworfen worden ist, zurückschaut. Und dann hat auch dieses Haus eine eigene Geschichte, die sich langsam mit der Katrinas verbindet, im Grunde sogar notwendigerweise, denn sie lebt und arbeitet in diesem Haus, in dem hin und wieder Sachen geschehen, die sie sich nicht erklären kann, ja, die bedrohlich wirken. Und stetig lockt das Geheimnis um das bewusste, verbotene Zimmer… [ein fast biblisches Motiv wie das des verbotenen Baums im Paradies….]

Wagner versteht es, ihre Story (die übrigens fast tagesaktuell im Winter 2018 in der Region um Heidelberg spielt), langsam aufzubauen. Sie greift dabei auf bewährte Stilmittel zurück, indem sie beispielsweise einfach erst einmal beschreibt, ohne zu erkären und damit bei uns Lesern Fragen hervorruft, was dahinter steckt. Mit den Hypothesen, die man sich selbst macht, liegt man schnell falsch, soviel will ich verraten. Da Wagner ihre Protagonist als Ich-Erzählerin führt, die natürlich mehr – wenngleich auch nicht alles – weiß als wir Leser, die jedoch erst einmal kein Interesse daran hat, zu erklären, ist weniges in der Geschichte so, wie es auf den ersten Blick scheint, Insbesondere im zweiten Abschnitt des Romans, in dem sich die Schicksale von Katrina und dem Haus vermengen, führt dies zu einem rasant steigendem Spannungsbogen, zu dem auch der häufige Wechsel zwischen den Zeitebenen, sprich der Kindheit und frühen Jugend Katrinas und der Jetztzeit, beiträgt.

Auf Fragen gibt es Antworten, auf Rätsel Lösungen und bei Mysterien den Glauben….Wagner geht mit dem Ende ihrer Geschichte ein kleines Risiko ein: sie löst sie und damit Mysterium des verbotenen Zimmers tatsächlich auf. Die Auflösung der Geschichte des Hauses ist für ältere Leser (so wie ich einer bin) selbst ein neues Mysterium und da wir als Erwachsene ja doch eher mit der Ratio lesen und daher vllt bereit sind, eine unwahrscheinliche, jedoch mögliche Erklärung zu akzeptieren; die Auflösung, wie sie Wagner uns in Hyde anbietet, hat mich – ich gebe es zu – verwirrt… aber wie Wagner bis sie an diesen letzten Abschnitt kommt, ihre komplexe Geschichte immer schneller und atemloser werden läßt, ist beeindruckend, da habe ich das Buch auch nicht mehr aus der Hand gelegt.

Ja, es findet sich natürlich auch Moral in der Geschichte: beurteile  einen Menschen nie nach seinem Äußeren, Rachegefühle mögen verständlich sein, bringen dich jedoch nicht weiter… sie sind unaufdringlich eingebaut in die Geschichte um Katrina, die selbst ja eine Figur ist mit Ecken und Kanten, die aber im Verlauf der Ereignisse reift. Auch wenn man glaubt, das Ende der Geschichte zu erahnen, so überrascht Wagner dann doch, denn in ihrer Story ist (fast) nichts so, wie es scheint. Sicherlich läßt sich auch dies zu einem moralischen Leitfaden spinnen: sei nicht vorschnell in deinem Urteil!

Hyde ist also, kurz und schmerzlos festgehalten, ein sehr empfehlenswertes, weil unterhaltsames, intelligentes, mit vielen Wendungen in der Story bestücktes, mit interessanten Figuren bevölkertes Buch für Jugendliche und (wenn man ein paar kleine Abstriche macht,) ist es auch für jung Gebliebene sehr spannend lesend. Well done!

Antje Wagner
Hyde
diese Ausgabe: BELTZ & Gelberg, HC, ca. 406 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

 

 

 

 

 

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Wilhelm Ruprecht Frieling: Der Ring des Nibelungen

Ich bin kein Opernliebhaber, das kann ich nicht behaupten. Und auch eine Behauptung derart, ich wäre überhaupt ein Liebhaber von Musik triebe mir als bekennenden Video- und Audioverweigerer die Schamesröte ins Gesicht. Warum also und überhaupt dann auch noch gerade den „Ring der Nibelungen“, diese monumentale Werk, das jährlich in dekadenter Selbstzerfleischung auf den Hügeln Bayreuths zelebriert wird?

Nun, zum einen dem diffus begrifflichem der Allgemeinbildung wegen und zum anderen gehört der Autor Frieling aka Prinz Rupi zu den Blogfreunden, die mir schon seit vielen Jahren bekannt sind, in der schnelllebigen Internetzeit sind dies ja nicht viele… wohlan, schauen wir, ob das Werk gelingt!

Frieling jedenfalls unternimmt in dem kleinen Bändchen den Versuch, das komplexe Libretto des umfangreichen Klangwerks aus der verquasten Kunstsprache Wagners mit ihren vielen Stabreimen herunter zu brechen einerseits auf eine logisch nachvollziehbare Prosageschichte, den roten Faden gewissermaßen, der sich durch die Handlung zieht, andererseits ist es sein Anliegen, die Sprache der heute gebräuchlichen anzunähern, wobei er sich nicht scheut, auch hin und wieder „jungsprech“, meint Umgangssprache, zu verwenden.

Wohlan, Walküren, wie wird wohl des weisen Writers Werk wollbracht?

Aber bevor ich dies verrate – obwohl es schon etwas skurril ist, eine Zusammenfassung noch einmal zu einer Inhaltsübersicht zu straffen – noch einen kurzen Einblick in das, was mir im Hirne haften blieb von der Geschichte….

Ich hab´ den Vater Rhein in seinem Bett geseh´n, in seinem Bett, das Gold, das glänzte schön. Und wird bewacht von den drei Töchtern des Urvaters Rhein, die sich einen Spaß daraus machen, den Schwarzalben Alberich, den gnomigen Herrscher aus der Dunkelheit, der scharf wie Nachbars Lumpi darauf ist, die Girlies  .. (ich greif mal auf Gräfin Gloria zurück): zu schnackseln. Zwar gelingt ihm dies nicht (zu flink sind die glitschigen Mädels in ihrem feuchten Element für ihn), er sieht jedoch den Glanz des Goldes aus der Tiefe des Flusses glitzern, aus dem – so dessen Geheimnis – ein Ring geschmiedet werden kann, ein Ring der Macht verleiht, und zwar dem, der der Liebe abschwört (Fluch 1). Und in seinem Frust unterwirft sich der Schwarzalbe diesem Schwur um der Macht willen, die er gewinnt. Ein Verhalten, das auch in heutigen Zeiten nicht selten ist, für Geld, Gold und Macht wird das zwischenmenschliche nur zu leicht geopfert….

Alberich ist also der neue Besitzer des Goldes und er läßt seinen Bruder, den Schmiede Mime schmieden den Ring und eine Tarnkappe, die den Träger unsichtbar macht und ihm erlaubt, jede Gestalt anzunehmen und blitzschnell von einem Ort zum anderen zu gelangen. Der Gnom glaubt sich am Ziel… doch dann wäre der Ring des Niebelungen ja schon am Ende und das kann nicht sein….

So wie das Geschlecht der Schwarzalben in der Unterwelt, in Nibelheim, existiert, so leben die Weißalben unter Leitung des Göttervaters Wotan im Licht.. wie auch immer, Wotan erfährt von dem Gold und da sein Feind Alberich den Ring hat, sieht er sich und das Geschlecht der Götter (das muss man sich von Reich-Ranicki ausgesprochen vorstellen: den Mund etwas verziehen und dann mit Vervé: derrrr Göttterrrr) in Gefahr, außerdem schimpft Fricka, des Wotans Weib und wahre Herrscherin der Götterschar ihn des Leichtsinns, er muss etwas geschehen! Hurtig also schnappt er sich Kollegen Loge und besucht Alberich. Und in der Tat, sie schmeicheln ihm, sie schmieren ihn Honig um den Bart, sie stacheln seinen Ehrgeiz an und spielen Zäpfchen … aber dann: packen sie ihn, zerren ihm Kappe und Ring vom Leib, den Schatz nehmen sie naturalemente auch mit. Ein erneuter Fluch (Fluch 2), diesmal flucht der Alberich, bestimmt er doch düster und todesschwanger, daß der Träger des Rings fortan dem Untergang geweiht ist. uhaaa…..

Zu Hause erwartet Wotan Ungemach. Fasolt und Fafner, die beiden letzten des Geschlechts der Riesen sind mit ihrer Arbeit fertig, die nichts weniger war als der Bau des Götterburg Walhall. Sie wollen ihren vereinbarten Lohn holen, nämlich Freia, der Fricka schöne Schwester. Porca miseria! Na jedenfalls einigt man sich nach einigem Hin und Her darauf, anstelle der Dame den Schatz als Lohn zu geben – nur muss Freia dazu völlig vom Gold bedeckt sein. Man ahnt es und so kommt es: dieses Ansinnen gelingt nur, wenn auch Tarnkappe und Ring auf den Haufen geworfen werden. Ha! Wotan ist den Ring wieder los, Fafner (Fluch 2!) schlägt seinem Bruder erst einmal den Schädel ein, schleppt das Gold in eine Höhle und dank Tarnkappe wandelt bzw. hockt er fortan als Drache im Höhleneingang und bewacht den Schatz.

Tamtarata … Musik …. Frieling begnügt sich nämlich nicht mit einer reinen Inhaltsangabe, er erzählt auch von der Musik, die die Handlung begleitet, sie führt, sie leitet, untermalt, auch gibt er Kostproben des Wagnerschen Textes in Zitaten. Aber back to the roots, zurück zum Inhalt:

Dem Problem (rettet dem Dativ!) ist, daß jetzt irgendjemand a) Fafner töten muss (Fluch 2!) und b) irgendjemand den Ring holen muss. Sonst geht die Handlung ja nicht weiter…. wir kommen also zu einem zweiten Handlungsstrang.

Zwar ist Alberich als Schwarzalbenkönig etwas derrangiert, aber ebenso wie Wotan hat er dafür gesorgt, daß ein Sohn auf der Erde wandelt (käuflicher Sex, denn der Liebe hat er ja abgeschworen, Fluch 1), der für ihn den Ring wiederholen soll. Das ist der (nicht das!) finstere Hagen. Aber widmen wir uns dem anderen Filius, der einer (Fürstin Gloria!) inzestuöen und heißen Schnackselei zwischen Sieglinde und Siegmund entspringen wird. Vorher sorgt noch ein übler Familienkrach dafür, daß a) Fricka ihren Wotan ordentlich in den Senkel stellt, dieser daraufhin b) seine Tochter, das Walkürchen mit dem hübschen Figürchen Brünnhilde ebenfalls in den Senkel stellt und wegen Gehorsamsverweigerung auf einen flammenumtosten Felsen bannt, wo sie im Tiefschlaf desjenigen harrt, der keine Furcht kennt und die Flammenwand durchschreitet, um sie zu dann erst einmal richtig durchzu…. genau! Man sieht, Wagner wusste, worauf es ankam…

.. aber noch ein Weilchen bis dahin … zuvor bringt Sieglinde den Sproß aus dem Geschlecht der Wälslinge zur Welt, es hilft ihr dabei der verstoßene Mime, und verscheidet. Also stirbt meine ich. Also Sieglinde natürlich. Der kecke Knabe wird erzogen jetzt vom Schmied, sieht sein Leben lang nix anderes als Mime und Bäume, wobei unklar bleibt, womit die feuchten Träume der Pubertät gefüttert werden… na jedenfalls kennt unser Held namens Siegfried weder Angst noch Furcht, er lacht des Mimen Sein und Können, er schmiedet aus dem Stahl des zerbrochenen Notungs, an dem Mime schmählich scheiterte ein neues Schwert, ein drachentötendes. Holladiho! Die Schonzeit für Drachen ist beendet! (Jetzt den Ritt der Walküren imaginieren, los!! tamtarata-taa… da läuft es einem wirklich kalt den Rücken herunter…) Wo bin ich stehen geblieben? Ach ja, also: Drache tot, Siegfried, der natürlich nix peilt, nimmt die Tarnkappe und den Ring, das Gold achtet er gering.

Eins jedoch passiert. Durch dem Drachenblut nämlich kann er die Sprache der Vögel verstehen und so erfährt er von einem Weib in einem Flammenkranz und nix hat er eiligeres zu tun als dortenhin zu fahren, die Maid zu (be)freien und erst einmal zu … genau! Zwei Jungfrauen, die das Regen- und Wasserspiel für sich entdecken, das wird ein spaßiges Gerangel gewesen sein…. aber für´s Publikum schickt Wagner den Vorhang…

Ewige Treue schwören sich Brünnhilde, die Ex-Walküre und Siegfried, der blonde Held. Das ist auch notwendig, da dieser auf dem Rhein treidelt oder stakt, na eher stakt und zu den Gibichungen fährt. Deren König ist der dröge Gunther, sein Berater der finstere Hagen! Man merkt, der Ring schließt sich…. Es wird munter intrigiert, Siegfried peilt wieder nix (wobei man ihm zubilligen muss, daß Hagen sein Gedächtnis per Zaubertrunk ausgeschaltet und die Blondhelden-Penis-Navigation aber zu 100 pro aktiviert hat). Den Rest, glaube ich, kann ich abkürzen: der Held wird hinterrücks ermordet vom Hagen, bei der Feuerbestattung macht Brünnhilde einen auf indisch und springt mit Ring und Pferd ins Flammenmeer, woraufhin Vater Rhein den Scheiterhaufen überschwemmt und die Asche mit Ring zurück in den Rhein spült…

Da nicht nur der Scheiterhaufen brennt, sondern auch der Götter Burg Walhall ist die Macht der Götter gebrochen, ebenso die der anderen Geschlechter. Am Horizont taucht jetzt das Geschlecht der Menschen auf und wird fortan die Geschicke auf Erden bestimmen.

Puhhhh. Klappe zu. Habe fertig. Ring leer.

Vielleicht hat man es meiner Schreibe angemerkt, daß ich Spaß dabei gehabt habe. Und so ist auch das Büchlein von Frieling: unterhaltsam, schnell zu lesen, dabei nicht trivial, weil er wie gesagt auch einiges über die Musik erzählt, über die Wirkung auf das Publikum. Ebenso wird an einigen Stellen etwas zur Entstehungsgeschichte der Oper berichtet, die zwischen 1869 und 1876 in ihren einzelnen Teilen uraufgeführt worden ist. Damit liegt sie natürlich zeitlich weit vor dem Auftauchen des 3. Reichs, in dem die Wagnersche Musik ja eine große Rolle spielte. Angesichts der Nordischen Figurenwelt, der Bedeutung des Blutes, der Geschlechter ist der Sprung zum Mythos der Rasse, wie er ein paar Jahrzehnte geschah, nicht allzu weit, zumal Wagners Antisemitismus kein heimlicher war (vgl. Marcus Dick: Zu Richard Wagners Antisemitismus und dessen Wirkungsgeschichte, marcusdick.net/wagner.htm). Auf diesem Punkt (der auch, wenn man wie Frieling den Inhalt und die Handlung der Oper wiedergeben will, dafür nicht wichtig ist) geht der Autor aber nicht weiter ein, im Nachwort von Horst A. Bruno wird es erwähnt.

Interessant ist natürlich die Frage, inwieweit es legitim ist, ein derartiges Kulturgut auf eine teilweise doch recht lockerer Sprache herunter zu brechen. Deswegen darf man sich nicht täuschen, wenn man das Büchlein gelesen hat, hat man die Handlung des Zyklus parat, vom „Ring….“ selber aber noch kein bischen, denn dazu gehören sowohl die Musik als auch die Sprache Wagners. Wenn man sich dies vor Augen hält, ist auch die Reduzierung des komplexen Kunstwerks auf eine schmale Nacherzählung meines Erachtens erlaubt und ganz sicher hilfreich, es ist eine Art Übersetzung, eine Übertragung von etwas nur schwer Verständlichem in den Alltag.

Zusammenfassend kann ich sagen, daß Frielings Versuch, die Ringhandlung in eine allgemein verständlichen Prosafassung zu übertragen, gelungen ist: kurzweilig, zuweilen witzig, unterhaltsam und informativ möbelt der Text wohl fast eines jeden Lesers Allgemeinbildung gehörig auf…

Hoho! Hahei!

Wilhelm Ruprecht Frieling
Der Ring des Nibelungen
Internet-Buchverlag, TB, ca. 192 S., 2013

Antje Wagner: Die Gärten bist du

Antje Wagner [1] gehört zu den jungen deutschen Autorinnen, von denen man vllt in Zukunft mehr lesen wird. Immerhin wird sie schon vom Feuilleton wahrgenommen (falls das ein Wert an sich sein sollte) und erscheint in Listen, die die zukunftsträchtigen unter den Schreiberling/-innen aufführen – auch wenn man sich bekanntlicherweise über solche Listen, die ja immer auch Bewertungen und Auswahl sind, streiten kann und soll.. Vom ihrem Verlag Bloomsbury wird sie anscheinend als Jugendbuchautorin aufgebaut, ihre letzten Romane, die ich auch hier schon im Blog vorgestellt habe [2], sind auf diese Zielgruppe hin ausgerichtet. Andererseits ist es unwahrscheinlich, daß damit Ehrgeiz und Vermögen Wagners ausgeschöpft sind, es bleibt also abzuwarten, womit sie uns in Zukunft überraschen wird.

Ich habe mir hier einen ihrer älteren Erzählbände herausgegriffen, der schon 2003 im Berliner Querverlag erschienen ist. Er enthält 15 kleine Geschichten, auf die ich jetzt nicht im Einzelnen eingehen will. Fast allen sind gewisse Elemente eigen, sie handeln von der Liebe zweier Menschen (fast immer der zwischen Frauen), die jedoch immer unerfüllt bleibt. Kennzeichnend für diese Beziehungen ist der Abstand zwischen den Frauen, den sie nicht aus eigener Kraft überwinden können. Wagners Figuren haben Sehnsucht nach Wärme, nach Geborgenheit, auch nach Berührung – sie wird nicht erfüllt, die Gegenüber scheint eher verschreckt, zieht sich zurück, läßt die Suchende allein.. dabei gelingen Wagner melancholisch-anrührende Sätze wie „.. Hauchzarte Fäden im Raum, an denen Seufzer pendeln. …“, „Ich hatte nicht gewusst, daß zarte Blüten nur hinter geschlossenen Lippen aufgehen. … Und meine Worte fielen und zersprangen in zausend Stücke. ..“ oder auch (als letztes Beispiel): „Nachdem du gegangen warst, rankte sich das Schweigen die Wände empor. Die Stille wuchs in mir. Sie schlug Wurzeln in den nicht gefallenen Worten. ..“. Das Buch ist voll von solchen Bildern, immer wieder herrscht lautes Schweigen und Stille zwischen ihren Protagonisten, das nicht aufgelöst wird. Solche Sätze, die hier im Zitat vllt kitschig klingen, muss man im Zusammenhang der Geschichte lesen, dort passen sie und erzeugen sofort die Atmosphäre des geheimnisvoll Zerbrechlichen einer Seele. Da dieses Stilelement jedoch häufig auftritt, verliert es in den „hinteren“ Erzählungen ein wenig von seinem Zauber, wirkt routiniert, eben als Mittel der Autorin, eine bestimmte Stimmung zu erzeugen. Um diesem Gewöhungseffekt zu entgehgen ist es daher ratsam, dieses Büchlein nicht auf einmal durchzulesen.

Was in den „späteren“ Jugendromanen Wagners konstituierendes Element ist, deutet sich auch hier schon an. Die Geschichten schweben im Irgendwo, sie sind nicht verortet in Zeit und Raum, im Gegenteil enthalten sie fast immer ein mystisches, geheimnisvolles Element, das in den Ablauf der Geschichte eingreift. Dabei scheut sich Wagner nicht, solches Unerklärliches einfach unerklärt stehen zu lassen. Dadurch regt sie die Fantasie beim Lesen an und vermeidet, daß sie durch gekünstelte Erklärungen eventuell den Fluss der Geschichte beim Leser unterbricht.

Schon die erste der Erzählungen reißt den Leser derart aus seinen gewohnten Denkbahnen: eine junge Frau ist auf der Flucht, schreckliches muss sie getan haben, schuldlos, wie sie sich beteuert. Verliebt war sie sowohl in Antonia als auch in Isabelle, mit beiden teilte sie ihre Woche. Doch als sie diesen Rhythmus mal durchbrach, konnte sie vom Garten aus Antonia im Gespräch mit einer anderen Frau beobachten und diese andere Frau kannte sie – sie war es selbst, dort in der Stube und sie war es hier im Garten, die sich selbst zusah….

Überhaupt ist es das „Haus“, das als Motiv immer wieder auftaucht („Auf der Flucht“, „Der Riss“ oder „Hol´ mich“, um drei Beispiel zu nennen), das Haus, das immer ja auch ein Bild ist für das Selbst, in dem die Seele wohnt. Das Unbekannte nähert sich ihm von außen, langsam, oft im Verborgenen, bedroht die Bewohner, ihren Frieden… ist Gefahr für Leib und Seele… bekämpft man das Unbekannte oder öffnet man sich ihm?

Noch eine zweite Geschichte will ich exemplarisch anführen, weil sie ein klein wenig ein anderes Element mit einbringt, nämlich: wie gut kenn ich einen anderen Menschen, wie gut kann ich ihn kennen…. und wie reagiere ich, wenn ich merke, daß er anders geworden ist, als ich ihn kannte. So geschieht es Jacki nach der angenehm erschöpfenden Hochzeitsnacht mit Forentine, als sie unter die Dusche hüpfen will und einen blauen Drachen im Bad findet, der sich begeistert nach ihr umdreht und sie liebevoll anschaut…. „Ein Reptil! Ein Reptil!“ Schon ein etwas seltsamer Gedanke, die Transformation einer Geliebten in einen blauen, sanften (wenngleich auch etwas tapsigen), liebenden Drachen, der immer noch ein Mädchen ist, auch wenn er die besondere Form aschigen Mundgeruchs nicht verbergen kann…. aber auch eine schöne Geschichte, in der wir erfahren, daß Drache garnicht so schlecht ist, manche werden ja auch zum schüchternen Reh oder zum häßlichen Nacktmull… Recht hat Wagner, jeder ist auf seine Art und Weise eine „Wundertüte“, man kann nie sicher sein, was alles drin verborgen ist…

„Die Gärten bist du“ ist eine Sammlung teilweise skurriler, seltsamer, auch verstörender Geschichten, die mit dem Unbekannten spielen, mit der Gefahr, mit der Sehnsucht, mit der Einsamkeit der Menschen und ihrem Unvermögen, auch in und mit der Liebe die Distanz zum anderen wirklich zu überwinden: ein Rest Fremdheit bleibt… es sind kleine Geschichten, zum Vorlesen, zum Nachsinnieren, Geschichten, die nachdenklich machen oder auch märchenhaft verzaubern („Der Riss“)….

Links und Anmerkungen:

[1] hier eine Übersicht bei buzzaldrin
[2] Antje Wagner hier im blog:
Unland
Schattengesicht
Vakuum

Antje Wagner
Die Gärten bist du
Querverlag GmbH, Berlin, brosch., 183 S., 2003

Antje Wagner: Vakuum

Das Ausgangskonstellation in diesem neuesten Roman von Antje Wagner, Vakuum, ist nicht ganz unbekannt. Schon in ihrem „Unland“, den ich vor einigen Wochen hier vorgestellt habe, begegnet sie uns: eine Gruppe von Jugendlichen mit jeweils problematischen Punkten in ihrer bisherigen Biographie sind durch ein gemeinsames Schicksal verknüpft. Noch befinden sie sich an unterschiedlichen Wohnorten, weit auseinander, aber durch diverse Botschaften werden sie zusammengeführt und ihre Gemeinsamkeit begegnet ihnen dann in Form eines nicht fassbaren Feindes, mystisch, unerklärbar und alles verschlingend…

….aber der Reihe nach.

Der Roman beginnt mit der 16jährigen Kora, die eine Jugendstrafe in einer Jugenstrafanstalt verbüsst, weswegen bleibt unklar. Wagner schildert ihren Alltag, die tödliche Routine des langweiligen Tagesablaufs, das Nervende der Zellengenossin, die fehlende Privatsphäre und der Druck, der sich in dem Mädchen, das sich von ihren Schicksalsgenossinnen abseits hält, dadurch aufbaut. Ein Brief beschäftigt sie im Moment, eine mysteriöse, verschlüsselte Botschaft warnt sie vor dem Nebel und fordert sie auf, auf eine Tamara zu warten.

Hannes, ebenfalls 16 Jahre alt, schleppt an einer schweren Last, deren Ursache ein paar Monate zurückliegt. Sie ist so schwer, daß er sich sogar von seiner Freundin Emma trennt…

Alissa, 18jährig, und der jüngere Leon sind Geschwister. Aber während Leon seiner Schwester jeden Wunsch von den Lippen abliest, weist diese ihn unnahbar und schroff zurück. Ihr, beiden, geht Nina nicht aus dem Sinn..

Und Tamara, mit 13 die jüngste, bekommt endlich die Nachricht von Adoptionsbüro, wer ihr Auskunft über ihre biologischen Eltern geben könne. Heimlich macht sie sich mit dem Zug auf den Weg an die angegebene Adresse, wo eine gewisse Kora wohnen soll….

Die Geschichte spielt an wenigen Tagen eines heißen Augusts in einem bis dahin verregneten Sommer, ja, man kann sogar die genaue Uhrzeit nennen, zu der sie spielt, denn zu dieser Zeit bleiben alle Uhren stehen. Bis auf Kora, die ja in der Jugendstrafanstalt sitzt, befinden sich alle unsere Hauptpersonen zu dieser Zeit in Mannheim oder in der Nähe, durch die schon erwähnten Botschaften werden sie schließlich in der von einer Sekunde auf die andere menschenleer gewordenen Stadt zusammengeführt. Sie sind die einzigen Menschen, die es in dieser rätselhaften Welt, in der die Sonne nicht mehr untergeht, noch gibt… Vor allem Alissa behält den Überblick, sie beschließen, zu der Adresse zu fahren, zu der Tamara unterwegs war. Dort treffen sie im letzten Moment ein und finden eine schwerverletzte, blutüberströmte Kora in einem menschenleeren, völlig verlassenen Gefängnis.

Sie sind jetzt zu fünft, eine weitere Spur führt sie nun in den Osten Deutschlands, in den Ort, in dem Alissas und Leon mit ihren Eltern wohnten, bevor das mit Nina geschah…

Es ist keine Spazierfahrt durch dieses Land, in dem es keine Menschen mehr gibt, in dem die Autos auf den Straßen stehen, die Geschäfte offen sind wie die Wohnungen in den Städten… ihr Feind verfolgt sie und er ist bösartig und voller Tücke. Es ist der Nebel, der sie einhüllt und zu verschlingen droht, der ihnen den Atem nimmt und sie zerdrückt… Sie treffen auf ihn, bzw er findet sie und sie entkommen ihm nur sehr, sehr knapp…. endlich erreichen sie ihr Ziel…

Wagner beginnt ihren Roman mit einer recht ausführlichen Schilderung des Lebens ihrer Protagonisten. In diesen Lebensgeschichten deutet sie nur an, sie gibt Hinweise, legt Spuren, Fragen läßt sie offen im Raum stehen. Derart baut sie langsam, aber sicher einen Spannungsbogen auf, der dann in der zweiten Romanhälfte steil ansteigt. Auch hier eine ganze Menge Unerklärliches, Übernatürliches, Mystisches, aber sie gibt uns als Leser auch Hilfen („Du bist Ellens Angst„), die wir vllt im ersten Augenblick gar nicht verstehen…

Lassen wir die Unmöglichkeit der Phänomene, die Wagner schildert, dem Verschwinden aller Menschen, der immer scheinenden Sonne, dem unheimlichen und gefährlichen Nebel, mal beiseite und nehmen sie als Bild. Wofür könnte es stehen? Spiegeln wir dafür die Warnung, die Kora bekam: „Meide den Nebel!“ wird dann zu „Suche das Leben!“ [Leben ist gleich Nebel rückwärts gelesen]…

Alle unsere Helden haben ihre Probleme, Krankheiten, ihre Herkunft, schlimme Erlebnisse oder Taten… dies lastet auf ihren Seelen und bedrückt sie, erdrückt sie, erstickt sie, hüllt sie ein, isoliert sie von einem „normalen“ Leben. Nie haben sie bisher über diese Seelenlast, an der sie so schwer tragen, geredet… wie unter einer Glocke sitzen sie mit ihrem Schicksal alleine da. So ist der Nebel, der sie in der von Wagner geschaffenen seltsamen Welt verfolgt und zu vernichten droht, ein Bild für ihre Last, ihre Bedrückung, ihre jeweiligen Ängste, die sie zu überrollen drohen, die drohen, ihnen das Leben zu nehmen. Um wieder ins Leben zurückzukommen, müssen sie sich diesem Nebel stellen, man kann das „Meide den Nebel!“ also lesen als „Vermeide den Nebel!“ im Sinne von „Vermeide, daß es ihn überhaupt gibt!“. Und tatsächlich, im Verlauf dieser Horrorfahrt zum alten Wohnort Alissas und Leons fangen die fünf an zu reden, sich ihr Schicksal zu erzählen, Vertrauen zueinander zu fassen… und sie merken, daß die Last dadurch nicht weggenommen wird, aber leichter zu tragen ist….

So bleiben zwei Botschaften der Geschichte. Die eine ist die, daß man seinen Problemen, seinen Ängsten, seiner Trauer nicht davon laufen kann, weil man sie auf der Flucht unweigerlich mitnimmt, sie sitzt ja ganz innen drin und vergeht nicht, wenn  man wegläuft. Im Gegenteil, sie kann jederzeit auftauchen, einem auflaueren, über einen herfallen und einen ersticken. Um gesund zu bleiben, am Leben zu bleiben, muss man sich dem allem stellen, sich auseinandersetzen und lernen, damit zu leben. Die zweite Botschaft ist, daß dies nicht allein gelingen kann oder zumindest sehr schwer ist. Man schafft es jedoch, wenn man sich anderen anvertraut, wenn man andere Menschen sucht, die einen begleiten und einem beistehen….

Zum Schluss, als die fünf am Ziel ihrer Reise angekommen sind, klären sich für sie die Vorgänge. Ob die Erklärung, die Wagner für alles gibt, wirklich eine Erklärung ist oder das mystische Geschehen nur in eine andere Dimension schiebt, mag dahin gestellt sein lassen, Raum für weitere oder andere Interpretationen der Geschichte läßt sie allemal. So ist der Autorin mit ihrem bewährten Rezept erneut ein Buch gelungen, daß Untiefen der menschlichen Innenwelt in mystische Bilder und Vorgänge überträgt und den Leser fesselt. Geschrieben ist das Buch natürlich nicht in erster Linie für meine Altersgruppe, sondern für Jugendliche. Insofern ist es für mich schwierig, zu beurteilen, ob dieser Roman auch für junge Leute spannend ist und gut geschrieben. Vorstellen kann ich es mir, denn Wagner bevorzugt eine geradlinige und klare Formulierungsweise, meidet komplizierte Satzkonstruktionen und geschraubte Formulierungen, sie schreibt szenisch, dadurch gewinnt die Geschichte ein hohes Tempo, das sie auch den gesamten Roman über durchhält, so daß man ihn gar nicht aus der Hand legen will, bis man ihn endlich ausgelesen hat.

Weitere Bücher von Antje Wagner bei aus.gelesen sind Unland und Schattengesicht

Antje Wagner
Vakuum
Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher, HC, 364 S., 2012

Ich bedanke mich beim Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

Antje Wagner: Schattengesicht

Es ist dies mit „Schattengesicht“ innerhalb kurzer Zeit nach „Unland“ [2] der zweite Roman der Autorin, den ich hier vorstelle [1]. Dies hat seinen Grund: die Bücher sind einfach spannend geschrieben, die Autorin versteht es, ihre Geschichten so zu konstruieren, daß das Geheimnisvolle dahinter allzeit spürbar ist, ohne daß man es greifen kann. So auch in diesem Roman. Dies macht es andererseits schwierig, den Inhalt des Buches wiederzugeben, zu groß die Gefahr, voreilig eins der Geheimnisse zu lüften und dem Buch damit die Spannung zu nehmen.

Versuchen wir es aber trotzdem.

Wir lernen im ersten, kurzen Abschnitt des Buches die 23jährige [3] Milana Helmholz bei der Kleiderausgabe im Gefängnis kennen, sie hat, so sagt sie den anderen, einen Menschen umgebracht. Von dieser Situation ausgehend, die automatisch die Frage in den Raum stellt, was passiert ist und wie und aus welchen Gründen, läßt Wagner ihre Protagonistin ihr Leben in Rückblenden erzählen und zoomt so zurück auf die Lebenssituationen von Mila, in denen die entscheidenden Weichenstellungen stattfanden.

Die Kindheit von Mila war glücklich. Zwar waren ihre Eltern wirklich alt, aber sie zogen sie mit viel Liebe auf und ließen ihr viel Freiheit. Dies sollte sich mit dem Tod ihres Vaters ändern. Völlig unvermittelt taucht Ina, ihre Schwester, von der sie bis zu diesem Tag nichts wusste, mit Carsten vor dem alten, jetzt, nachdem der Vater tot ist geschlossenen Gasthof der Helmholzens auf. Anfänglich noch als Abwechselung des täglichen Lebens empfunden treten bald Spannungen zwischen Mila und Ina auf, da letztere durch Verbote, Verhängung von Stubenarrest etc. immer stärker in das Leben von Mila eingreift. Nur gut, daß Mila Polly kennen gelernt hat, eine Stromerin, die eines Tages plötzlich in ihrem geheimen Versteck am Weiher auftauchte. Zwar verschwand sie dann wieder für einige Zeit, aber gerade im richtigen Moment, als es Mila schlecht ging, kehrt sie wieder zurück und konnte das Mädchen trösten. Von da ab waren die beiden unzertrennlich.

Wieder ein Zeitsprung…. ein paar Jahre später, nachdem Mila (die jetzt im Haushalt von Ina und Carsten lebt) ihr Abitur gemacht hatte, fahren die beiden zusammen für einen Ferienjob nach Schweden. Dort sollten sie für ein paar Wochen auf ein Haus in einem kleinen Dorf aufpassen. Hier lernte Polly dann Ole Jansson kennen – obwohl, kennenlernen ist der falsche Ausdruck, eher muss man sagen, sie traf auf ihn….

Noch ein paar Jahre später ist Mila mit ihrem Studium fertig. Von Berlin aus geht sie mit Polly nach Mannheim, eine Stelle als Lehrerin antreten. Sie ziehen in eine Wohnung in einem herunter gekommenen Viertel, nehmen Vincent, den Polly aus einer lebensgefährlichen Situation gerettet hat, zu sich in die Wohnung. Die beiden, bzw. es sind ja jetzt drei, haben auch hier keine Ruhe, es gibt aber mit dem Nachbarn, den/die sie lange Zeit nicht kennengelernt haben, Ärger und so müssen sie diese Wohnung fluchtartig verlassen….

Die letzte Station, auf die uns Wagner die beiden jungen Frauen begleiten läßt, ist ein Hotel, in dem Mila als Zimmermädchen arbeitet. Die Lebensumstände der beiden sind mies, sie hausen in einer abbruchreifen Wohnung, die Fenster sind verhangen, damit kein Licht nach aussen tritt. Im Hotel wird Mila von ihrer Chefin gemobbt, nichts kann sie dieser domina-haften Frau recht machen, eine Schikane nach der anderen muss sie erdulden. Dies ändert sich erst, als Rosa, so heißt diese Frau, auf der Fensteraussenseite im neunten Stock nach Dreckspuren sucht, mit dem sie Mila vorführen kann….

Wie gesagt, dies beschreibt die Autorin in Rückblenden. Je weiter wir darin in die Vergangenheit gelangen, desto näher kommen wir dem Geheimnis von Milana und Polly, die seit damals, der ersten Umarmung, als Polly zu der kranken Mila ins Bett schlüpft und sie warm hält, alles zusammen machen. Und es muss ein dunkles Geheimnis sein, denn um sie herum ist der Tod nicht weit, das Sterben, das Vergehen, das immer tiefgreifender auch auf das eigene Leben übergreift, welches mehr und mehr von Dunkelheit und Einsamkeit geprägt wird. Exemplarisch dafür die vielen Umwege, die Mila auf sich nehmen muss, um von ihrer Arbeit im Hotel in die dunkle Wohnung zu kommen, die Wohnung (das Haus) immer ja auch ein Bild für das eigene Innere. Das einzig warme, tröstende in dieser Existenz/Wohung ist die Anwesenheit von Polly….

Die langen Jahre zwischen den Zeitsprüngen läßt Wagner im Dunkeln. Wir erfahren nicht, was in diesen Zeiträumen passiert, dieser Kunstgriff ermöglicht es ihr, die einzelnen Episoden weitgehend isoliert zu schildern, ohne auf eine kongruente Story achten zu müssen. Aber dies schadet nichts, es sind die Schlüsselszenen eines Lebens, die Wagner schildert, eines Lebens, das – obwohl zu zweit geführt – immer einsamer und trostloser wird. Es ist erstaunlich, wie es Wagner gelingt, die Spannung, die sie von der ersten Seite an erzeugt, durch geschicktes Spiel mit der Sprache, durch Doppelbödigkeit und Weglassungen bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. Zwar ahnt man irgendwann, worauf die Geschichte hinausläuft, aber wirklich sicher sein kann man sich nie, daß Wagner nicht noch eine erneute Wende in petto hat.

„Schattengesicht“ ist ein kurzer Roman, aber ein intensiver, sehr spannender. Er hat Momente, in denen man förmlich in die Geschichte hineingesogen wird und die Umwelt vergisst. Mila (und in geringerem Masse auch Polly) nehmen vor dem geistigen Auge Gestalt an, man meint, beim Lesen den Weiher zu sehen, die unerträgliche Hitze des Sommers zu spüren oder auch ein die kalte Mimik Rosas zu schauen, die sich an Milas Angst weidet…

So, würde ich das jetzt noch so machen wie früher und ein Facit schreiben, könnte da nur stehen: spannend, hintergründig, fesselnd, empfehlenswert!

Links und Anmerkungen:

[1] ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Buchexemplars
[2] zur Buchvorstellung hier im blog: Antje Wagner: Unland
[3] ich halte mich bei dieser Altersangabe einfach mal an den Text der Autorin [S. 82] und nicht an die dem Buch vorgeschaltete Inhaltsangabe, in der Mila drei Jahre älter gemacht wird
[4] über eine Sache bin ich gestolpert: der/die Nachbar/in in der Mannheimer Wohnung wird zwar nie gesehen, aber als man sich dann auf der Straße plötzlich über den Weg läuft, wird er/sie sofort mit Namen angeredet. Oder habe ich das was überlesen? Genauso wird der Besuch bei diesem/r Nachbarn/in durch den Türspion beobachtet, aber nicht erkannt, obwohl….

Antje Wagner
Schattengesicht
bloomsbury taschenbuch, 190 S., 2012
Erstveröffentlichung: Berlin, 2010