Gay Talese: Der Voyeur

Gay Taleses  Der Voyeur ist ein verstörendes Buch, denn der Autor ist kein Romanschriftsteller, der sich Figuren ausdenkt und Handlungen konstruiert. Er ist ein Sachbuchautor, der nichts erfindet. Die Geschichten, die ich schrieb – so führt Talese aus –, erhielt ich von Leuten, mit denen ich sprach und die ich für eine Zeitlang begleitete. Ich verbarg nichts vor meinen Lesern: echte Namen und Faktgen, die sich überprüfen lassen – oder es gab keine Story. Was die Reporterlegende Talese [1] in diesem Buch also festhält, ist so geschehen, auch wenn sich bei genauer Recherche einige Ungereimtheiten ergeben, die aber an der prinzipiellen Richtigkeit der Story wohl nichts ändern [3].

Der Kontakt Taleses mit Gerald Foos, dem Mann, um den er hier geht, währte einige Jahrzehnte, 1980 erhielt der Autor einen handgeschriebenen Brief von Foos, in dem dieser u.a. ausführt, daß er seit fünfzehn Jahren Besitzer eines kleinen Motels ist, das er erworben hat, um seine voyeuristischen Neigungen zu befriedigen und sein obsessives Interesse am Menschen in all seinen Aspekten zu stillen, in gesellschaftlicher wie in geschlechtlicher Hinsicht, wie auch, um die alte Frage zu beantworten, wie Menschen sich wirklich sexuell verhalten, also privat, in den eigenen vier Wänden des Schlafzimmers.

In realiter bedeutete dies, daß Foos (das fragliche Motel ist auf dem Cover schön zu sehen) den Dachboden des Motels dick mit schallschluckenden Teppichen ausgelegt hatte und einige der Zimmer derart präpariert waren, daß er von seiner ‚Beobachtungsstation‘ auf dem Dachboden direkt in das Zimmer schauen konnte. Dazu waren im Zimmer speziell konstruierte Gitter in die Decke eingelassen, die auf den ersten Blick von unten nach der Abdeckung eines Abluftkanals aussahen. Durch diese Vorrichtungen konnte Foos das Zimmer, wenn die Tür offenstand, auch die Toilette beobachten. Das dies keine bloße Erfindung des Briefeschreibers war, konnte Talese bei einem Treffen mit ihm nachprüfen: ein einziges Mal war er selbst mit auf dem Dachboden und beobachtete zusammen mit dem Voyeur ein Paar beim Oralverkehr – wobei ihm die Krawatte durch das Gitter in das Zimmer rutschte, eine gefährliche Situation für die beiden Spanner, der Mann hatte jedoch die Augen geschlossen gehalten.

Foos hatte Talese am Beginn ihrer Bekanntschaft ein Dokument unterzeichnen lassen, mit dem sich der Autor zur Verschwiegenheit verpflichtete. Erst Jahrzehnte später, als Foos schon alt, das Motel lange verkauft und mittlerweile sogar abgerissen war, erteilte er Talese die Erlaubnis, über seine Beobachtungen zu schreiben und dies zu veröffentlichen.

Denn Foos, der das heimliche Beobachten schon als Junge kennen- und lieben lernte (… When he was a child, his mother’s married sister, Katheryn, lived in the farmhouse next door. At the age of nine, he said, he started watching her. …. His aunt Katheryn liked to sit at her dressing table with no clothes on, arranging her miniature porcelain dolls or her collection of “valuable thimbles. …) sah sich selbst nicht als einfacher Spanner, bzw. Voyeur, im Gegenteil schrieb er sich den Anspruch zu, das (Sexual)Verhalten und dessen Wandel im Lauf der Zeit von sich unbeobachtet fühlenden Menschen in seinen ausführlichen Tagebüchern zu dokumentieren. Erwähnenswert ist, daß die Ehefrauen von Foos (sowohl Donna, seine erste Frau und später, nach der Trennung von Donna, auch Anita, seine zweite Frau) von seiner Passion wussten, sie hin und wieder sogar mit ihm teilten.

In dem Buch beschreibt Talese in groben Zügen das Leben und den Lebenslauf von Gerald Foos, der sich im Grunde in den der meisten Menschen einfügt, ich gebe das hier nicht im Einzelnen wieder. Talese formuliert sein eigenes Interesse an der Geschichte folgendermaßen: I was hoping to get his permission to read the hundreds of pages that he claimed to have written during the past fifteen years, with the result that he would one day allow me to write about him. I knew that he viewed himself as a sex researcher along the lines of Alfred Kinsey, and I assumed that his account centered on what excited him sexually, but it was possible that he noted things that existed beyond his desires. Eine Erlaubnis, die er, auch wenn das neue Jahrtausend schon lange angebrochen war, eines Tages tatsächlich erhalten sollte.

Und in der Tat – und das ist das Zwiespältige (aber im Grunde auch Triviale) an dieser ganzen Geschichte – spiegeln sich in den Aufzeichnungen von Foos die gesellschaftlichen Änderungen, die im Lauf der Jahre eingetreten sind, wieder. War beispielsweise bei gemischtfarbigen Paaren einer der beiden in den frühen Jahren bei der Anmeldung im Auto geblieben, änderte sich dies später und beide kamen zur Rezeption. Analoges gilt auch für gleichgeschlechtliche Paare, auch änderten sich die Praktiken, ebenso notierte Foos, wie sich mit den Jahren die Frauen als immer selbstbewusster präsentierten. Viele Stunden der Beobachtung waren langweilig, weil nichts geschah, im Zimmer Sprachlosigkeit zwischen den Partnern herrschte oder einfach nur Fernsehen geschaut wurde. Interessant ist die Wirkung, die das jahrelange heimliche Beobachten auf Foos selbst hatte: er war misstrauisch geworden und mied später allgemein die Menschen, deren Verhalten ihn enttäuscht hat. Die einzigen, so gibt Talese ihn wieder, die generell wirklich liebevoll und sanft miteinander umgegangen wären, waren lesbische Paare.

Es kam erstaunlicherweise nur sehr selten zu Situationen, in den Foos in der Gefahr schwebte, entdeckt zu werden. Die bizarrste ist wohl die, in der sein eigenes Sperma durch das Abdeckgitter tropfte, die Frau jedoch beeindruckt davon ausging, es wäre das ihres Partner, dem sie gerade mit der Hand einen fulminanten Höhepunkt verpasst hatte.

Es gab Situationen, in denen es nicht beim Beobachten blieb – abseits der (wie oben angedeutet) vorgenommenen Selbstbefriedigungen. Wenn Foos beispielsweise beobachtete, daß im Zimmer mit Drogen gedealt wurde, konnte es vorkommen, daß er, wenn das Zimmer leer, in das Zimmer ging und die Drogen durch die Toilette wegspülte. Einmal kam es nach einer solchen Aktion bei der Rückkehr des Paares, das das Zimmer gemietet hatte, zu einem heftigen Streit zwischen den beiden, da der Mann der Frau unterstellte, die Drogen an sich genommen zu haben. Den Aufzeichnungen von Foos nach, der diesen Streit beobachtet hatte, lag die Frau nach den Schlägen des Mannes bewusstlos, aber atmend, auf dem Zimmerboden, so daß er sich damit beruhigte, daß am nächsten Tag alles wieder in Ordnung sein werde bei der Frau. Das Zimmermädchen jedoch fand sie am nächsten Morgen tot vor. Dies ist eine der erwähnten Ungereimtheiten, denn als Talese diesen Mord Jahre später verifizieren wollte, war das nicht möglich, eine Gewalttat war in keinen offiziellen Unterlagen nachzuweisen. Die Beschäftigung mit diesem Ereignis, das für Talese eine unterlassene Hilfeleistung durch Foos bedeutet, die einem Menschen den Tod nach sich zieht, nimmt im Buch einen größeren Raum ein. Foos selbst versucht sich durch die Tatsache, daß er die Frau noch atmend gesehen hat, er andernfalls aber eingeschritten wäre, vor sich selbst zu rechtfertigen.

Talese beschreibt und zitiert jedoch nicht nur, er versucht auch, den Ursprüngen dieser Leidenschaft in der Biografie Foos‘  nachzuspüren, dessen Motivation zu erkennen und ebenso, welche Bild Foos von sich selbst hat. Bezeichnend ist beispielsweise, daß er in seinen Aufzeichnungen von sich selbst in der dritten Person spricht: er ist, sobald er auf dem Dachboden liegt ‚der Voyeur‘, Gerald Foos ist er nur ausserhalb des Dachbodens. Foos war sich auch nie einer Schuld bewusst. Die Tatsache, daß nie jemand von seiner Beobachtung wusste und daß er nie jemandem Schaden zugefügt hatte, reicht ihm ein Leben lang aus, sich von Schuld freizusprechen. Am Ende des Buches, beim letzten Treffen von Talese und Foos im Jahr 2013, weist Foos empört auf die vielen Beobachtungskameras hin, mit denen praktisch alles aufgezeichnet wurde, ohne daß man weiß, wozu es verwendet wird. So sieht sich Foos eher in der Nachfolge von Kinsey als in der Phalanx anderer Spanner, die sich am heimlichen Beobachten erregen, entsprechend niedrig liegt sein Schuldbewusstsein und konsequenterweise stellt er seine Handlung auch später nicht in Frage.

Talese beschreibt und untersucht jedoch auch das eigene Interesse, seine Motivation, den Kontakt mit Foos über Jahrzehnte hinweg, teilweise locker, teilweise intensiver, aufrecht erhalten zu haben. Für Foos scheint der Autor die einzige Ansprechperson gewesen zu sein, bei der er über seine Aktivitäten geredet hat, ein Ventil, durch das er den Druck, der sich in ihm aufbaute, ablassen konnte. Da er sich ja nicht als primitiver Spanner verstand, brauchte er jemanden, der die von ihm beanspruchten und im Tagebuch festgehaltenen und aufbereiteten Erkenntnisse (im Fototeil des Buches ist eine Statistik von Foos wiedergegeben, in der er den Geschlechtsverkehr der von ihm beobachteten Motelbesucher nach diversen Kriterien aufschlüsselt…) würdigen und letztlich auch in die Öffentlichkeit bringen soll.

Der Voyeur, ein Buch, das interessant ist, das das moralisch fragwürdige Verhalten eines Mannes dokumentiert, das aber beim Lesen auch ein schlechtes Gewissen macht, weil man durch die zitierten Tagebucheinträge von Foos das Gefühl hat, selbst wie ein Voyeur heimlich in die Zimmer des Motels zu schauen und in die Privatsphäre dieser unbekannten Menschen einzudringen – auch wenn man weiß, daß seit dem Geschehen schon Jahrzehnte vergangen sind.

Links und Anmerkungen:

[1] der Wiki-Beitrag zu Gay Talese: https://de.wikipedia.org/wiki/Gay_Talese
[2] Buch(ausschnitte?) im New Yorker:  http://www.newyorker.com/magazine/2016/04/11/gay-talese-the-voyeurs-motel. Diesem Beitrag sind auch die englischen Zitate entnommen.
[3] vgl dazu diesen Artikel in der NYT:  https://www.nytimes.com/2016/07/02/books/gay-talese-defends-the-voyeurs-motel.html

Gay Talese:
Der Voyeur
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Weber
Originalausgabe: The Voyeur’s Motel, NY, 2016
diese Ausgabe
: Hoffmann und Campe, HC, ca. 224 S., 2017

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