Während der vierzig Jahre hatte ich oft an dieses bewundernswürdige und reine Mädchen gedacht, das ohne jeden Zweifel zu der Kategorie der nicht eben zahlreichen Gerechten in der modernen Welt gehört.

(Marthe Pècher, 1981, in deren kleinem Hotel Charlotte die zwei Jahre lebte, in der sie ihr Werk schuf.)

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Die Künstlerin Charlotte Salomon lebte vom April 1917 bis zum Oktober 1943. Sie war Jüdin, das reichte einer wahnwitzigen, damals staatstragenden Idee, sie zu ermorden, ihren Leichnam zu verbrennen. Ihre Asche, die aus den Schornstein Auschwitz` ausgespuckt worden ist, hat die Wälder der Umgebung gedüngt; ich schreibe dies, weil ich gerade in einem anderen Zusammenhang mit einer Freundin geredet habe, die aus nämlich Grunde die Wälder um Hadamar, einer Anstalt, in der ‚lebensunwertes Leben‘ vernichtet wurde, nicht anschauen kann. An diesen Aspekt denkt man selten.

Charlotte Salomon wurde als einziges Kind in eine zur Berliner Gesellschaft gehörende Familie geboren. Ihre Mutter, Franziska Grunwald, und ihr Vater Albert Salomon hatten sich im Krieg kennengelernt. Albert war Chirurg und Franziska hatte sich gegen den erklärten Willen der Eltern als Hilfskrankenschwester gemeldet.

Als Albert um die Hand Franziskas anhielt, waren die Eltern nicht sonderlich begeistert, sie hatten sich etwas ‚besseres‘ für ihre Tochter gewünscht, aber schließlich willigten sie in die Hochzeit ein. Zu diesem Zeitpunkt war Albert die tragische Suizidserie in der mütterlichen Linie der Familie nicht bekannt, er wusste nur von der Selbsttötung der Schwester Franziskas, nach der sie später ihre Tochter Charlotte benannten.

Franziska hatte nach der Hochzeit mit ihrer Arbeit im Hospital aufgehört, ihre Aufgabe war jetzt das Führen des Haushalts und die Pflege gesellschaftlicher Pflichten. Albert Salomon machte im Lauf der nächsten Jahre eine Karriere als Arzt und Professor.

Die Tochter Charlotte wurde 1917 geboren. Die erste Zeit, der Mann war noch im Krieg und arbeitete, ohne daß Franziska dies ahnte, in einem Feldlazarett an der Front, war sicherlich trotz Kindermädchen nicht einfach, Charlotte war ein Schreikind, niemand hatte sie gefragt, ob es ihr recht sei, auf diese Welt zu kommen, und der grundsätzliche Protest dagegen weitete sich schon in ihrer Kindheit auf alle Versuche anderer Menschen aus, über ihr Leben zu verfügen.

Aber selbstverständlich gedieh das Kind, nahm zu an Alter und Vorwitz, war hinreißend altklug und eigensinnig verbockt. Ließ sich die Energie des Mädchens im Vorschulalter noch durch sportliche Aktivitäten lenken, kam es nach der Einschulung zu Schwierigkeiten. Die Lehrer beschwerten sich und beschrieben die Sechsjährige als widerspenstig, ungehorsam und trotzköpfig. Auch zu Hause wurde das Mädchen den Erwartungen, die insbesondere die Großeltern an ein Kind ihrer Gesellschaftsschicht stellen, nur selten gerecht.

Um diese Zeit muss es auch begonnen haben, daß Franziskas Leben sich verdunkelte. Nicht in der Öffentlichkeit oder Gästen gegenüber, dort nahm sie ihre Pflichten war, aber in den stillen Stunden zu Hause fühlte sie sich immer öfter wie von einer ’schwarzen Walze‘ überrollt, die sie mit einem düsteren Trauerkleid zu umhüllen begann, welches schließlich als tiefschwarze Trauergarderobe jede Farbe und alles Licht in sich aufgesogen hatte.

Auf Betreiben der Großmtter  sagten sie dem Kind Charlotte, die Mutter sei sehr plötzlich an Grippe erkrankt und gestorben, erst viele Jahre später sollte sie als erwachsene Frau die Wahrheit erfahren. Das Kind trauerte um die geliebte Mutter, zog sich zurück, wurde schwierig, einzelgängerisch, vergrätzte ein Kindermädchen nach dem anderen, die Schulleistungen waren nicht besonders. Der Vater hatte wenig Zeit bei seinem Beruf, war ratlos, was aus dem Mädchen mal werden sollte, er ahnte aber, daß sie von der Mutter eine künstlerische Begabung mitbekommen hatte. Die Großeltern Marianne und Ludwig Grunwald wollten in die Erziehung des problematischen Kindes eingreifen, sie nahmen sie mit in einen Urlaub in das Engadin. Auch dort fiel das sich langweilende Kind durch Streiche eher unangenehm auf, bis sie zufällig eine junge Frau traf, an die sie sich wie eine Klette hängte. Zwar konnte diese Marie den Regen auch nicht stoppen, aber gegen die Langeweile hatte sie ein Rezept: zeichnen und malen… hier, in der Stube des Aussiedlerhofs, mit Blick über die verregneten Wiesen in die grauen Berge hinein, hier machte Charlotte Salomen ihre allerersten Schritte hin zu ihrer Berufung….

Es dauerte ungefähr vier Jahre, bis Albert Salomon auf einer Abendgesellschaft (Veranstaltungen, zu denen er nur selten und eher ungern geht) eine Frau traf, die er näher kennen lernen wollte. Paula Lindberg war eine bekannte und gefragte Sängerin, die auf sein Werben einging. Ob dies eine Heirat (1930) aus Liebe oder von Paulas Seite aus aus einer gewissen, nicht bösartigen Berechnung, geworden war, läßt Greiner ein wenig im Dunkeln: Albert Salomon hatte einen bekannten Nebenbuhler, Kurt Singer, ein vielbeschäftiger Mann aus der Kulturszene, der spätere Gründer des Jüdischen Kulturbundes [3]. Paula Lindberg jedenfalls hatte die Befürchtung, von diesem nur für seine Zwecke ausgenutzt zu werden, falls sie ihn erhören würde. Paula und Charlotte dagegen… Paula gewann dieses Mädchen schnell lieb und Charlotte vergötterte Paula, ihre Stiefmutter. So normalisierten sich in der Folgezeit die Verhältnisse im Hause Salomon.

Was sich nicht normalisierte, sondern im Gegenteil aus dem Ruder lief, waren die politischen Verhältnisse. Charlotte war zehn Jahre alt, als sie das erste Mal den Begriff ‚Judenbengel‘ hört und ihren Vater fragte, was denn damit gemeint sei. Albert Salomon aus dieser voll assimilierten Familie sah sich gezwungen, seiner Tochter zu sagen, daß sie selbst Jüdin ist und was das überhaupt heißt, Jude zu sein…

1933, drei Jahre nach der Hochzeit, wurden öffentliche Auftritte von Juden, also auch von Paula Lindberg, geb. Levi, verboten. Im gleichen Jahr wurde dem Professor Albert Salomon die Lehrbefähigung entzogen, der schon genannte Kurt Singer gründete den ‚Kulturbund Deutscher Juden‘, hier konnte auch Paula Lindberg noch ein Weile auftreten. Charlotte Salomon verließ das Gymnasium, weil sie, die Jüdin, dort diskrimiert wurde. Zur gleichen Zeit emigrierten die Großeltern, für kurze Zeit gingen sie nach Rom; als dort die Faschisten an die Macht kamen, zogen sie 1934 weiter nach Südfrankreich.

Charlottes Besuch einer Modezeichnerschule war nicht erfolgreich, sie nahm jedoch privaten Zeichenunterricht. Im Herbst 1935 wurde sie auf Probe an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst angenommen, doch schon zwei Jahre später verließ sie die Schule wieder, weil sie als Jüdin den ersten Platz eines Wettbewerbs, den sie gewonnen hatte, nicht annehmen durfte.

Bestimmend für das weitere, kurzes Leben Charlottes sollte die Bekanntschaft mit Albert Wolfsohn werden, der als Gesangspädagoge in das Haus Salomon kam. Charlotte verliebte sich in diesen exaltierten, durch Weltkriegserlebnisse traumatisierten Mann, der zu keiner Sekunde merkte, wie sehr sich Charlotte in ihn verliebt hat und der sich ihr meist mit schmerzender Gleichgültigkeit näherte – oder eben auch nicht….

Die Lagerhaft Albert Salomons in Sachsenhausen (1938), aus der ihn Paula mit Hilfe vieler Bekannter befreien konnte, raubte die letzten Illusionen. Charlotte wurde nach Südfrankreich zu den Großeltern geschickt, dort wähnten sie die Eltern in Sicherheit. Paula und Albert wollten in die USA emigrieren und Charlotte dann nachholen, ein Plan, der nicht umgesetzt werden konnte.


In Villefranche bei Nizza sind die Großeltern bei einer Amerikanerin, Ottilie Moore, untergekommen, die auf einem großzügigen, naturnahen Grundstück lebt und dort elternlos gewordene Kinder aufnimmt. Die Großeltern haben sich sehr verändert, die Großmutter ist ängstlich geworden, hat sich in sich zurückgezogen, der Großvater grantelt und ist mit allem unzufrieden. Beide bestehen darauf, die Verhältnisse, die sie aus Berlin gewohnt waren, möglichst auch in ihrem Exil beizubehalten. Dies führt zu häufigen Spannungen und als der Großvater dabei ertappt wird, mit völliger Selbstverständlichkeit Lebensmittel aus dem Vorratsraum zu stehlen, werden die Großeltern von Ottilie Moore rausgeschmissen. Die stille, das Licht, das Meer, den Garten malende Charlotte, „die Stumme“, wie sie manchmal genannt wird, sie hätte selbstverständlich bleiben dürfen…

Als sich auch die Großmutter im März 1940 vor den Augen Charlottes das Leben nimmt, erfährt die junge Frau von ihrem Großvater das ganze Ausmass des Familienunglücks, er schleudert es ihr in einem Anfall von Furor förmlich entgegen [6]. Charlotte ist am Boden zerschmettert, bitte lass mich nicht wahnsinnig werden fleht sie Gott an. Und obendrein grummelt der Alte, auch sie solle sich doch umbringen, damit dies Geklöne endlich aufhört.

Die Stimmung der Franzosen ihren ungebetenen Gästen gegenüber wird immer negativer [2], im Sommer 1940 werden Charlotte und ihr Großvater als ‚feindliche Ausländer‘ in Gurs, einem fürchterlichen Internierungslager in den Pyrenäen, eingesperrt. Wegen der Gebrechlichkeit des alten Mannes können sie beide das Lager im Juli wieder verlassen, die Aufenthaltsgenehmigung Charlottes ist fortan jedoch an das Leben ihres Großvaters gekoppelt. Charlotte fällt in ein tiefes, tiefes Loch, auch bei ihr treten suizidale Gedanken auf. Sie greift jedoch den Rat ihres Arztes, Dr. Moridis, der eine Art väterlicher Freund für sie ist, auf und fängt das Malen wieder an, das Malen ihres Lebens… für zwei Jahre mietet sie sich in einem kleinen Hotel ein, der Belle Aurora bei Marthe Pèncher und ihrem Mann… in dieser Zeit entstehen die vielen Hunderte von Bildern, die ihr Leben beschreiben und die ihr Erbe werden sollten für die Welt, in der ihr nur sechsundzwanzig Jahre vergönnt waren.

Nachdem sie ihr Werk vollendet hat, geht Charlotte wieder zurück zu ihrem Großvater, der Anfang 1943 jedoch an einem Schlaganfall stirbt. Den Packen Bilder übergibt sie Dr. Moridis: Dies ist mein Leben. Auf dem Gelände der Villa (Ottilie Moore war 1941 in die Staaten zurückgekehrt) betreut deren ehemaliger Liebhaber Alexander Nagler, ein österreichischer Jude, letzte Kinder, zu ihm zieht Charlotte jetzt. Und ihn heiratet sie auch, er ist bei all seinen vielen Schwächen der einzige Mensch, den sie noch hat… Werden dei beiden verraten oder haben sie sich selbst ans Messer geliefert? Greiner läßt diese letzte Möglichkeit offen, jedenfalls werden die mittlerweile schwangere Charlotte und ihr Mann am 21. September 1943 von der Gestapo abgeholt, nach Drancy überführt und von dort nach Auschwitz deportiert. Charlotte wird noch am Tag der Ankunft ermordet, Alexander stirbt wenige Wochen später an Entkräftung.


Charlotte Salomon hat als Künstlerin ’nur‘ ein Werk, ein allerdings einzigartiges, hinterlassen: eine aus einem therapeutischen Malen heraus entstandene Autobiographie, die mit kurzen, in die Bilder gemalten Texten und Ausrufen ergänzt und mit Musikanweisungen versehen ist. Es sind eine Unzahl von Bildern, viele Hundert hat Charlotte zu diesem von ihr Leben? oder Theater? getauften Kunstwerk arrangiert. Sonst ist wenig/nichts (?) von ihr erhalten geblieben, die vielen Bilder, die sie im Garten der Villa Ottilies gemalt hat – verschollen. Im Eingangskapitel schildert Greiner die Begegnung der Eltern Charlottes, die den Krieg überlebten (eine bitterste Ironie, daß ausgerechnet Charlotte, die in Sicherheit gebracht worden war, von den Nazis ins Gas geschickt wurde) mit Ottilie Moore. 1947 fuhren die Eltern auf den Spuren ihrer Tochter, von deren Tod sie durch das Rote Kreuz erfahren hatten, nach Südfrankreich. Sie trafen dort auf eine alkoholsüchtige, derangierte Ottilie Moore, die vor ihren Augen Bilder Charlottes zerriss und nur bereit war, den Eltern irgendwelche Kartons, die Charlotte ihr zugewidmet hatte und die im Keller standen, zu überlassen. Nur weil Ottilie Moore den Wert dieser Bilder nicht erkannte, ist Leben? oder Theater? der Welt erhalten geblieben.

Der Name Charlottes war (und ist) sicherlich kein Bestandteil der Allgemeinbildung. Ein wenig hat sich das nach 2014 geändert, in diesem Jahr erschien der Roman Charlotte von David Foenkino [4], der von der Kritik und den Lesern größtenteils mit Lob überschüttet worden ist. Ich habe damals zu diesem Buch keinen Zugang gefunden; Foenkinos Versuch, die Art, wie Charlotte ihre Bilder mit kurzen Textzeilen kommentiert hat, auf ein ganzes Buch auszudehnen, wirkte auf mich im Endeffekt sehr holprig. Das vorliegende Buch Charlotte Salomon – Es ist mein ganzes Leben von Margret Greiner zeigt dagegen eine deutlich angemessenere, sensiblere Ausdrucksform.

Im Gegensatz zu Foenkinos Titel, der vom Verlag als Roman etikettiert worden ist, hat der Verlag Greiners auf eine Kategorisierung verzichtet, lediglich bei der Kurz-Bio der Autorin wird auf deren Spezialität der ‚erzählten Biographie‘ verwiesen. Da auch kein Nach- oder Vorwort beigegeben ist, in dem die Autorin ihr Arbeitsweise und die Grundlagen ihrer Aussagen beschreibt, steht der Leser vor der praktisch nicht lösbaren Aufgabe, zu unterscheiden, was von den Aussagen Greiners belegt ist und was sie im Gegensatz dazu ‚erfunden‘ hat. Beispielhaft möchte ich hier nur die Episode herausgreifen, in der Charlotte mit dem von ihr so geliebten Alfred Wolfsohn (im Singspiel: Amadeus Daberlohn) eine Bootsfahrt auf dem Wannsee unternimmt. Greiner läßt in ihrer Schilderung des Tages Intimes geschehen, nicht unbedingt aber Schönes, Foenkino ist sehr viel nüchterner bei der Schilderung dieses Ausflugs, aber niemand wird wohl wissen, wie der Ausflug wirklich verlaufen ist.

Amadeus Daberlohn: in ihrem Singspiel, das ihr Leben beschreibt mit den Menschen, die darin vorkommen, bekommen diese andere Namen, die teilweise charakterisierend, teilweise ein wenig lächerlich sind. Paula Lindberg, die Sängerin, wird zu Paulinka Bimbam, Kurt Singer zu Doktor Singsang, der Dirigent Siegfried Ochs (ein Gesangslehrer ihrer Stiefmutter) zu Professor Klingklang, sie selbst wurde zu Charlotte Kann, die Tochter des Arztes Dr. Kann. Den von ihr verehrten Vater wollte sie nicht mit einer frivolen Benennung ins Lächerliche ziehen. Für sie war und blieb er die Verkörperung eines Menschen, der das Gute in die Welt bringen wollte und auch im Scheitern Würde bewahrte.

Der Aufbau des Textes ist, wie bei einer Biographie sinnvoll, weitestgehend chronologisch. Weitestgehend, weil Greiner ihre Schilderung mit zwei späteren Ereignissen beginnen läßt, zum einen bezieht sich das auf die Reise von Paula und Albert Salomon 1947 nach Südfrankreich, bei der Charlottes Werk gerettet wird und zum zweiten zieht die Autorin das Gespräch zwischen der verzweifelten Charlotte und ihrem Arzt Dr. Moridis, in dem dieser ihr rät, zu Malen und sich durch´s Malen auszudrücken – und damit die Entstehungsgeschichte des Zyklus – vor.


Es gibt in der Biographie Charlottes Fragen, die offen sind, die wohl auch der Autorin, Margret Greiner, rätselhaft geblieben sind. Sie betreffen das Verhalten der jungen Frau, das an manchen Stellen ihrer so sehr gefährlichen Lage als Jüdin so gar nicht entspricht. So kommt sie eines Tages außer Atem und erschöpft in ihr Hotel zu Marthe Pècher zurück, die sie nach dem Grund fragt. Charlotte antwortet ihr, es hätte eine Aufforderung an alle Juden gegeben, sich registrieren zu lassen und so sei nach Nizza gelaufen. Marthe Pècher konnte diese Auskunft kaum fassen: zum einen erfuhr sie erst durch diese Antwort, daß ihr liebgewonnener Gast, der in allem, dem Aussehen, der Kleidung, dem perfekten Französisch einer jungen Frau vom Land glich, die in der Stadt als Dienst- oder Hausmädchen arbeitete, Jüdin war und dann diese Dummheit, die Naivität, diese…. und gleichzeitig dieses unfassbare Glück: sie saß schon im Bus, als ein Polizist sie wieder rausjagte, er hielt sie wohl für eine fälschlicherweise zur Deportation vorgesehene Französin…. und das alles geschah, nachdem sie schon in Gurs gewesen war…

Auszug aus der Deportationsliste des Transport No. 60 (Drancy – Auschwitz)
Bildquelle: [B]

Besonders rätselhaft scheint Greiner jedoch die Hochzeit Charlottes gewesen zu sein. Sie legt dem Arzt Dr. Moridis, der Trauzeuge war [5] ihre Fragen und den Zorn in den Mund: warum in aller Welt haben die beiden überhaupt geheiratet und dann auf dem Standesamt auch noch ihre richtige Adresse angegeben? Wusste man auf dem Amt bei Charlotte, daß sie Jüdin war und eine Hochzeit mit einem Nicht-Juden verboten war, so rief in diesem Moment Alexander Nagler dem Standesbeamten aus freiem Willen zu: Wir sind doch beide Juden! 

Man geht davon aus, daß die beiden (um eines Judaslohnes wegen?) denunziert worden sind, angeblich hätten die Menschen im Dorf noch nach Jahrzehnten gewusst, durch wen, aber mit dieser Eintragung in den offiziellen Dokumenten wären sie wohl auf jeden Fall verloren gewesen. Für Brunners Leute wäre es damit ein leichtes gewesen, sie zu finden…


C´ET TOUTE MA VIE [1]

Die Bilder Charlottes, insgesamt schuf sie in den zwei Jahren über 1300 Blätter, sind farbkräftig und ausdrucksstark, kombiniert mit Texten und Musik. Sie beginnen 1913 mit dem Tod der Tante, deren Namen sie trägt: 1. Aufzug, 1913. An einem Novembertage verließ Charlotte Knarre das elterliche Haus und stürzte sich ins Wasser [4156, diese vierstelligen Nummern beziehen jeweils auf die Bilder im online zugänglichen Werk, das vom Jüdischen Museum in Amsterdam bewahrt wird: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater ] und endet im Epilog mit den Jahren 1939 bis 1942 in Südfrankreich. C´ET TOUTE MA VIE. Es umfasst Charlottes gesamtes Leben, das Singspiel ist autobiographisch und es ist therapeutisch. In einigen der Blätter sind Hinweise darauf zu finden, daß auch Charlotte der Gedanke daran, alles hinter sich zu lassen, nicht fremd war. In Greiners Text sind ein paar der Guachen abgebildet, es ist jedoch sehr empfehlenswert, den Text parallel zur oben verlinkten online gestellten Bildersammlung zu lesen, da die Autorin des öfteren Bildbeschreibungen und -interpretationen in ihre Arbeit eingefügt hat, die man natürlich sehr viel besser versteht, wenn man die Bilder parallel sieht.

Bei den vierundzwanzig dem Buch beigegebenen Abbildungen sind es vor allen drei, die mich besonders erschüttern. Es sind die Verzweiflung, die Einsamkeit, die Hoffnungslosigkeit, dieses Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins und der ebensolchen Hilflosigkeit, das in Abbildung 19 [4808] zum Ausdruck kommt: Charlotte auf dem Bett sitzend, auf den leeren Koffer starrend, den sie für ihre Flucht nach Frankreich zu packen hat…. Lieber Gott, lass mich bloss nicht wahnsinnig werden als sie den Suizid der Großmutter miterlebt [4907]. Lautlos windet sich dieser verzweifelte Aufschrei unüberhörbar aus dem Bild in die Seele des Betrachters…. aber auch der naive Traum des jungen Kindes vom Tod der Mutter, die als Engel in den Himmel schwebt, läßt einen beim Betrachten nicht unberührt [4175].

Ich habe gestern noch bei einer Blogkollegin, die mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hatte, einen Kommentar gepostet [7] und in diesem Kommentar die Formulierung gefunden, die mir gefehlt hat: ‚es ist, als ob die Bilder eine Brücke schlagen von Seele zu Seele, als ob sie einen besonders tiefen, intimen Blick in ein Geheimnis offenbaren…‘: schaue ich die Bilder an, so spüre ich tatsächlich diesen darin verborgenen Schmerz und die Verzweiflung der jungen Frau zerrt auch an mir….

Dagegen (dieser ‚Widerspruch‘ bezieht sich selbstverständlich nicht auf die Qualität der Bilder, sondern auf meine Reaktion darauf….) ist die Darstellung Der Tod und das Mädchen (nicht im Bilderzyklus enthalten) eine der schönsten zum Thema, die ich kenne und auch das etwas düstere Portraits ihres Ehemannes, Alexander Nagler, beeindruckt mich sehr….

Es gibt Bücher, die sind mehr als Texte. Für mich gehört Greiners erzählte Biographie der Charlotte Nagler/Salomon dazu. In ihrem Schicksal manifestiert sich alles Unglück, alles Unheil dieser Welt auf zwiefache Weise: diese ungeheuerliche familiäre Belastung durch die tragische Suiziddisposition in der mütterlichen Linie und den hier auf eine Person heruntergebrochenen Wahnsinn der Nazis. Das zu dokumentieren hat Greiner angemessene und einfühlsame Worte gefunden, das ist ein großes Verdienst….

…..ich selbst möchte an dieser Stelle aufhören mit Schreiben, obwohl ich noch so viel schreiben könnte, weil mein Herz voll ist von weiteren Worten, aber es ist eh lang geworden und ‚es‘ geht auch ziemlich an mich….

Ich müßte es wohl nicht noch einmal extra sagen, aber ich lege dieses besondere Schicksal jedem ans Herz und dieses Buch dazu, das – der Vollständigkeit halber sei es erwähnt – noch ein Literaturverzeichnis, eine Zeittafel und kurze Angaben über die Lebensläufe der wichtigsten Personen enthält…..


Links und Anmerkungen:

[1] siehe die online-Präsentation des Joods Kultureel Kwartier: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater

[2] Lion Feuchtwanger hat dies in seinem Buch Der Teufel in Frankreich sehr anschaulich beschrieben, Feuchtwanger selbst hat die Lager durchlebt und ist der Deportation nur knapp entkommen (Der Link führt zu meiner Beschreibung des Buches)

[3] Die Gründung dieses ‚Kulturbundes deutscher Juden‘, der später von den Nazis in ‚Kulturbund der Juden in Deutschland‘ umbenannt wurde, war dem Regime sehr recht: zum einen war es schlicht und einfach die Einrichtung eines kulturellen Ghettos, denn im Kulturbund dürften nur jüdische Stoffe von Juden für Juden adaptiert werden. Dem Ausland gegenüber konnte der Kulturbund andererseits als wohlfeiles Feigenblatt dienen. Zum zweiten galt schlicht und einfach Heydrichs Aussage (1935), daß damit sämtliche jüdischen kulturellen Aktivitäten leichter erfasst und zentral überwacht werden konnten [aus: Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden 1933 – 1939, München, 1998)

[4] David Foenkinos: Charlotte. Hier finden sich auch noch einige weiterführende Links, die ich hier nicht aufgenommen habe. Die dort noch angegebene Verlinkung zum Amsterdamer Museum hat sich leider geändert, man kommt (nur) mit den URL, die hier in dieser Besprechung angegeben sind, direkt zu den Bildern.

[5] Die Eintragung beim Standeamt ist im weiter unten aufgeführen Buch von Pollock und Silvermann abgebildet.

[6] die Texte dazu hatte ich in [4] zitiert, wer mag…..

[7] Marina Büttner: Margret Greiner: Charlotte Salomon „Es ist mein ganzes Leben“ Knaus Verlag; in:  https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/04/16/margret-greiner-charlotte-…/

Auch interessant:

Charlottes Leben als Oper, hier aufgeführt am Theater Bielefeld:  https://theater-bielefeld.de/veranstaltung/charlotte-salomon.html

Selbstportrait und Foto von Charlotte Salomon aus der Kunstsammlung in Yad Vashem: http://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/art/salomon.asp

Bildersammlung, auch mit Fotos von Charlotte und ihren Großeltern in Villefranche:  https://www.pinterest.de/pin/541909767641981714/

Bildquelle:

Margret Greiner
Charlotte Salomon
„Es ist mein ganzes Leben“
Originalausgabe: Knaus, HC, ca. 320 S., 2017

Ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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