Es ist eins der Bücher, die im Verborgenen wirken. Ein Bestseller, ohne Frage. Jahr für Jahr sehen sich die Herausgeber gezwungen, ihn neu aufzulegen, ein Heimatroman, aber einer der unromantischen Sorte. In dieser Hinsicht allenfalls vergleichbar noch den Eifelkrimis, so wie sie auch Nele Neuhaus über den Taunus verfasst, nur mit sehr viel mehr Personen aber ohne Schneewittchen [1]. Es ist ein basisdemokratisches Buch, wenn ein Buch, ein Schriftwerk dieses Attribut verdient, dann dieses (sowie selbstverständlich alle Mitglieder dieser Reihe, denn der Erfolg hat natürlich dazu geführt, daß immer mehr Spezialausgaben aufgelegt wurden und immer mehr Orte angefangen haben, auch für sich den Erfolg zu suchen.)

Im Telefonbuch zu stehen, schweißt zusammen. Wo sonst würden sich alle Müllers auf einen Platz zusammenfinden, alle Meiers und auch Meyers. Ja, die feinen Unterschiede, auf die kommt es an. Aber nicht nur diese versteckten familiären Bezüge, die sich im gleichen Namen manifestieren, nein, auch Hobbies, Leidenschaften finden sich. Proktologen unter sich, Zahnärzte en gros und Gardinenfreaks, soweit die Stores reichen… Ein Schlaraffenland… Schlosser schließen vergleichend ihre Schlösser, Schlüsseldienste stehen Spalier, Bäcker backen mit und ohne Bäckerblume auf einer Seite alle Brote dieser Örtlichkeit.

Dazwischen, wie kleine Fremdkörper, Bildchen mit Symbolen, nein, nicht des Unbewussten, Esoterisch-hermetischen, sondern des ganz praxisnahen Lebens. Was den Floristen ihre Blumen sind den Bestattern ihre Särge.

Hätte man das ahnen können, hätte sich das irgendjemand vorstellen können, weiland, als der Generalpostmeister Stephan 1887 in Berlin das erste deutsche Telefonbuch mit dem Titel „Verzeichniss der bei der Fernsprecheinrichtung Betheiligten“ herausgab? Nein, nein und nochmals Nein! Dieser Erfolg, ach, was sag ich, Erfolg, ein viel zu schwaches Wort, dieser brutalstmöglichste Erfolg (Danke, Herr Koch!), war nicht abzusehen, zeichnete sich nicht ab und auch die ersten Herausgeber hätten in ihren kühnsten Träumen nicht daran gedacht….

Vereinzelt hört man als Kritik (Dial et al, München, 2008), Telefonbücher seien zu handlungsschwach, die Akteure zu flach gezeichnet und der Schluss meist kitschig-süßer Hollywoodschmalz, xyz eben. Oh heiliger Ignorabimus! Wer so argumentiert, verkennt, daß die Handlungsstränge eines Telefonbuches subtiler sind, im Hinterngrund verlaufen, manchmal sogar im Untergrund, subversiv, ficktiv und anaphylaktisch, in realiter ein Angriff auf das sich eingebürgert habende gesellschaftlich-soziale Phlegma einer ganzen Generation sogenannter Couch-Potatoes. Es braucht nicht den terminatorischen Handlungsaktionismus eines Schwarzeneggers, viel näher an der Wahrheit war seinerzeit schon Sly, der gute, alte Sly.. (net der Franz… der war fei aach guart, na der aba net…): “Was macht das blaue Licht?” – “Es leuchtet blau.” Reduktionismus auf das Wesentliche, das Offensichtliche.. was Sly begann, führt das Telefonbuch in Vollendung fort: kontemplative Konzentration auf das Ursächliche, dargeboten in meditativer Schlichtheit… in blau….

..suggestiv die Aufforderung: “Entdecke deinen Ort”! Was will das Buch uns damit sagen? Zuerst und zuvörderst: wenn wir unseren Ort entdecken sollen, kann dies nur heißen, daß wir ihn noch nicht kennen, daß wir noch nicht dort sind, daß wir unter Umständen noch ganz falsch gepolt sind. “Was macht das blaue Licht?” Diese Frage kann uns weiter helfen, schauen wir auf das Naheliegende, das in der Nahe liegende (oder den oder die): “Es leuchtet blau” kann nur heißen, wenn wir es auf seinen Sinn konzentrieren, eindampfen, anwenden auf die Frage “Entdecke deinen Ort”: “Es ortet!” Ortwin, Ortwin… Ort Win! Er kam, sah und siegte! Der Ort ist der Gewinn, soll heißen, das Ziel! Und so entschlüsselt sich das mystische “Entdecke deinen Ort” zu einem so einfachen und doch schwierigem: “Orte dein Ziel!” und das auf den ersten Blick so trivial anmutende Telefonbuch in seiner ganzen Bläue entpupt sich als metaphysisches Meisterwerk der Lebensführung.

Es saugt und bläst der Heinzelman…. wo Mutti sonst nur.. was uns Pallhuber und Söhne in klarer Erkenntnis dualistischer Handlungsalternativen erklärten, führt das “Örtliche”, wie es seine Fans nennen, in erstaunlicher Konsequenz weiter. “to Call oder not to call!”, welcher Ausspruch brächte es punktiger auf den Punkt als dieser, denn durch diese schwarze Leitung muss es kommen. Das Telefon als Wilhelm Tell des 20. Jahrhunderts, als Turmbau zu Babel in der kleinsten Hütte, als Antiphlogistikum einer ritalingedopten Gesellschaft. Vergessen wir es nicht, entscheidend ist, was hinten rauskommt, mag die Karawane auch selbst weiterziehen oder einen ziehen lassen!

Die Interaktivität des “Örtlichen” ist erstaunlich. Mit Hile eines kleinen, mittlerweile meist mobilen Gerätes, läßt sich flugs mit den wiedergegebenen Zahlencodes Verbindung herstellen. “Hallo?” – “Auch Hallo!”. Na ja, auch wenn dies ein Beispiel dafür ist, daß das Medium oft wichtiger ist als die Botschaft (wer kennte nicht den Spruch vom Pferd und dem Gurkensalat), offenbart sich doch deutlich die Stringenz der frohen Botschaft: jeder kann mit jedem jederzeit jedes beredet verorten. Das Örtliche als Manual einer interhumanistisch-postskripierenden Gesellschaft interpunktativ in den öffentlichen Diskurs einbezogen, verspricht ein subreales Sekundäriat ohne die sonst übliche dioptrinierte Zwangsneurose. Schon allein das sollte Motivation genug sein, dieses alphaholographisch-surreakubisch-blaue Büchlein jederzeit griffbar zu halten. Mögen die schwarzen Löcher noch so schwarz sein, im Örtlichen sind sie sich zu Hause – denn nur dort werden sie geholfen!

Rechts und Abmerkungen:

[1] natürlich, Schneewittchen musste ja auch sterben

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