Der Begriff der „Zeit“ gehört ebenso wie der mit ihr so eng verbundene des „Raums“ zu den (wissenschafts)philosophisch und naturwissenschaftlich am schwersten fassbaren, allzu leicht versagt unsere Vorstellungskraft vor deren Komplexität. Typisch ist ein Blick in die Wiki: Dort wird aufgeführt, was der Begriff „Zeit“ beschreibt (nicht, was sie ist), zusammenfassend und simplifizierend eine Abfolge von Ereignissen. Hier knüpft Suter mit seinem Roman „Die Zeit, die Zeit“ an, nämlich an die Umkehrung dieses Gedanken: wenn keine Ereignisse stattfinden bzw. Änderungen eintreten, die auf Ereignisse zurückzuführen sind, so existiert die Zeit nicht, Zeit ist eine Illusion, hervorgerufen durch Veränderungen. Redewendlich ist dies wohl bekannt, man redet ja häufiger bei Szenerien, die alte Zustände darstellen: „.. als ob die Zeit stehen geblieben wäre.“ Zeit ist also hier nicht die Grundvoraussetzung dafür, daß überhaupt etwas geschehen kann.

Physikalisch hat sich mit Einstein die Vorstellung eines vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuums durchgesetzt, in dem jedes Ereignis einen bestimmten Koordinatensatz hat. Stimmen für jetzt z.B. für zwei Menschen diese Koordinaten überein, kann man sich ziemlich sicher sein, daß sich beide an die Stirn greifen und Entschuldigungen murmeln, da sie ganz offensichtlich zusammen geprallt sind, es gibt ganze Versicherungszweige, die genau davon leben….

Grundprämisse des Suterschen Plots ist der konträre Gedankengang der (fiktiven) „Kerbelianer“, i.e. der Anhänger eines gewissen (und ebenso fiktiven Walter W. Kerbeler), die überzeugt davon sind, daß es keine Zeit gibt, sondern nur Veränderungen, die die Illusion von „Zeit“ hervorrufen. Ferner postulieren sie eine gewisse Art von Reversibilität, kann man nämlich die Veränderungen, die sich relativ zu einem bestimmten Zeitpunkt ergeben haben, rückgängig machen, so kann man auch dieses Ereignis rückgängig machen…

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Peter Taler, 42 Jahre alt, der Protagonist des Romans, ist nur mäßig erfolgreich in seinem Beruf in der Finanzabteilung eines größeren Bauunternehmens. Im Moment stockt es sowieso, da Taler sich noch in einer intensiven Trauersituation befindet, die ihn lähmt, ihn aus der Zeit geworfen hat. Jeden Abend versucht er, die Situation des letzten Abends vor einem Jahr, an dem Laura, seine Frau vor der Haustüre erschossen wurde, nachzustellen, er kocht das gleiche Essen, deckt den Tisch für zwei, läßt Zigaretten im Aschenbecher abbrennen. Und er schaut mit einem unbestimmten Gefühl auf die Straße, irgendetwas für ihn im Moment noch nicht greifbares hat sich verändert. Suspekt ist ihm vor allem der alte Nachbar von gegenüber, der seine Frau vor vielen Jahren ebenfalls verloren hat.

Um diese suspekten Veränderungen sicht- und greifbar zu machen, fängt Taler an, seine Umgebung zu fotografieren und die Fotos zu vergleichen, vor allem, was sich in Nachbars Garten abspielt.. ich will es kurz machen, irgendwann stellt sich heraus, daß er seinerzeit vom alten Nachbarn beobachtet wird.. So kommen die beiden Witwer letztlich ins Gespräch und der alte Knupp weiht Taler in den Kerbelianismus ein und erläutert seinen Plan: Er will alle Veränderungen der näheren Umgebung relativ zum Todestag seiner Frau von ca. zwanzig Jahren (wenige Tage nach dem Tod von Roy Black….) rückgängig machen in der Erwartung, daß dadurch die Illusion von Zeit ausgeschaltet wird und in gleicher Weise die Veränderung im Leben seiner Frau, nämlich der Tod, nicht stattgefunden hat. Aber um das durchzuführen, braucht der Knupp Hilfe und dazu will der den Taler ködern, mit Fotos nämlich, die er vor einem Jahr aufgenommen hat und mit deren Hilfe unter Umständen der nie gefasste Mörder von Laura dingfest zu machen ist….

Taler läßt sich auf den ihm obskur erscheinenden Deal (Hilfe gegen Fotos) ein, bleibt aber voller Zweifel – aber ebenso voller Hoffnung. Suter schildert nun in gewohnt routinierter und eloquenter Weise die nächsten Monate, in denen die beiden Männer alle Energie darauf verwenden, das sehr aufwändige Projekt der „Veränderungsrückgängigmachung“ zu realisieren: die Häuser in der Straße müssen wieder auf alt gemacht werden, die Pflanzen in den Gärten sind neu oder (wie die Bäume) in den letzten 20 Jahren gewachsen.. die alten Autos auf den Parkplätzen… wie gesagt, sehr aufwändig, das Ganze….

Der 11. Oktober ist das Datum des Show-Downs, der Zeitpunkt, auf den alles hinläuft, der auch den erzählerischen Spannungsbogen Suters fixiert. Werden die beiden ihr Projekt bis dahin realisiert haben und was wird an diesem Tag geschehen? Nun, der Schriftsteller hat die Definitionsgewalt, in seinem Roman ist er der König, nein, schon eher so etwas wie ein Gott: er kann schaffen und vernichten ohne Erläuterung und Begründung, aus eigener Macht heraus. So macht es Suter hier auch, der 11. Oktober kommt und… tja.

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Mit die „Die Zeit, die Zeit“ hat Suter im Prinzip eine Art Zeitreiseroman geschrieben, eine Reise zurück in der Zeit, indem man in gröbster Näherung die damaligen Zustände wieder herstellt. In gröbster Näherung bedeutet, an der Oberfläche, denn man kann natürlich versuchen, die alten Automodelle, die seinerzeit auf dem Parkplatz standen, zu besorgen und wieder dort abzustellen, nur: was ist mit dem Inneren, mit dem Handschuhfach, mit dem Radio, mit dem… es ist ein schwacher Plot, den Suter sich ausgedacht hat, voller Inkonsistenzen, voller Unlogik. Zumindest an einer Stelle fällt es Suter selbst auf: was das Wetter angeht, läßt er seine Protagonisten einfach hoffen….

Die Idee hätte dann tragen können, wenn sich Suter mehr auf die Personen konzentriert hätte, also die Idee der inexistenten Zeit als Produkt eines durch eine pathologischer Trauer verwirrten Hirns genommen hätte. Dazu bleiben aber die Figuren zu farblos, zu flach, vor allem Knupp ist eindimensional, als Figur ähnlich flach und geglättet wie seine botoxgespritzte Stirn.

Auch eine Diskussion des Begriffs „Zeit“, der gedanklichen Schwierigkeiten beim Fassen des Begriffes, die Begrenztheit unseres Vorstellungsvermögens, ist im Roman nicht zu finden. Dies hätte dem Buch eine vllt andere, philosophische Wendung gegeben, Suter hat darauf verzichtet.

So beobachten wir also in Suters Roman letztlich zwei Männer, die wie Kinder im Legoland Figuren hin- und herschieben und die glauben, damit den Gang der Welt verändern zu können. Können sie es? Wie schon beschrieben, in seinem Roman ist der Autor König….

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Da es mein Interessengebiet tangiert, habe ich den Roman aber ebenfalls unter einem weiteren Aspekt gelesen, auf den ich kurz eingehen möchte. Mit Taler und Knupp hat Suter zwei Witwer in den Mittelpunkt seiner Geschichte gestellt, zwei Männer, die vor vielen Jahren (Knupp), bzw vor einem Jahr (Taler) ihre Frau verloren haben. Beide geben sich eine deutliche (Mit)Schuld an deren Tod, da sie vorher gewisse weichenstellende Entscheidungen getroffen worden hatten. Trauer ist ein sehr individueller Prozess, jeder Mensch trauert anders und unterschiedlich lang. Die Grenze zu therapiebedürftigen Trauervorgängen oder gar zu krankhaften ist sehr schwierig zu ziehen. Aber mit Taler und Knupp beschreibt Suter zwei Charaktere, die diese Grenze deutlich (Knupp) überschritten haben bzw. sie merkbar berühren, wie Taler.

Treffend und einfühlsam schildert Suter die Einsamkeit der Männer, ihr Bemühen, die Zeit aufzuhalten (oder zu überlisten): man läßt die Zimmer der Frauen unverändert, behält Rituale bei, um so die verlorene Gegenwart der Geliebten ein wenig mit dem Gefühl aufzufüllen, sie würde gleich.. oder sie wäre… die glimmende Zigarette, das zweite Gedeck… Leben kommt in diese beiden Männer erst durch ihren aberwitzigen Plan bzw. durch die Arbeiten, ihn umzusetzen: Taler hat ein Ziel, kann Handlungskompetenz beweisen. Auch der Zusammenbruch des ikonenhaften Bildes von Laura, das er kultiviert hat, hilft ihm – auch wenn sich später dann alles als ganz anders herausstellt… der alte Knupp hingegen ist gefangen in einer Vorstellung, in einer Welt, die nicht mehr zu korrigieren geht, er fokussiert einzig und allein auf ein Heilsversprechen hin, dem er sich verschrieben hat – ohne wenn und aber scheut er vor keiner Konsequenz zurück. Es ist das einzige, was ihn noch am Leben hält….

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Was ich bisher geschrieben habe, klingt nicht sonderlich begeistert, ist es auch nicht. Was jedoch die Fähigkeit Suters ausmacht, ist die Tatsache, daß das Buch trotz dieses recht schwachen Plots spannend und unterhaltsam ist, man ist neugierig, wie es ausgeht, man geht auch als Leser falschen Fährten auf den Leim, die der Autor uns anbietet. So habe ich das Büchlein, obwohl ich es mir kurzfristig überlegte, dann doch nicht weggelegt, sondern zu Ende gelesen. Aber Begeisterung ist anders….

Nur eine Anmerkung:

Zu Beginn von Kapitel 19 wird die in den betrachteten 20 Jahren stark gewachsene Birke gestutzt und gefällt. Wenn das die Berufsgenossenschaft (oder die anloge Schweizerische Organisation) liest… Suter stellt seine Gärtner tatsächlich mit der Motorsäge auf die oberste Sprosse einer Leiter! WoW! Großes Kino… wenn das nicht mal schon fast suizidal ist…. ;-)

…. und dann noch eine:

ein Zitat von der hinteren Umschlagseite: „… verwischt souverän die Grenze zwischen Unterhaltung und Literatur …“ (Annemarie Stoltenberg, NDR). Da ist wieder diese unsägliche Einstellung, daß zwischen Literatur und Unterhaltung angeblich eine Grenze verläuft, d.h., Unterhaltendes a priori erst mal keine Literatur ist und Literatur nicht unterhaltsam ist.

Martin Suter
Die Zeit, die Zeit
diese Ausgabe: Diogenes, HC, 304 S., 2012

Martin Suter: Der Koch

20. Februar 2010

Mit großer Vorfreude habe ich mir diesen neuen Roman von Suter, dessen Bücher ich bisher alle gerne und mit Gewinn gelesen habe, gekauft. Und jetzt, nach dem Lesen, bleibt ein schales Gefühl, um nicht zu sagen, eine Enttäuschung zurück. Nein, „Der Koch“ fällt gegen die anderen Suter-Bände, die ich bisher las, eindeutig ab.

Aber zuerst die Story.

Maravan ist tamilischer Flüchtling, der seine Familie in der Heimat zurücklassen musste. Obwohl selbst ein begnadeter Koch, muss er froh sein, daß er eine Aushilfstätigkeit in einem der Nobelrestaurants Zürichs hat. Dort gerät er mit dem Chefkoch wegen der richtigen Art, ein Curry zu kochen in Streit. Seine Kollegin Andrea unterstützt ihn und läßt sich von ihm zu einem selbstgekochten Curry einladen.

Obwohl Andrea diese spontane Hilfsgeste bald bereut und Maravan sehr nervös ist: das Curry ist ein Erfolg und nur der erste Höhepunkt des Abends. Was Andrea aufs heftigster verwirrt, da sie eigentlich ausschließlich mit Frauen schläft. Aus dieser stark aphrodisierenden Wirkung des durch molekularküchische Verfahren verfeinerten ayurvedischen Rezepts entwickelt sie nach einiger Überlegung eine Geschäftsidee, die bitter notwendig ist, denn beide, Maravan als auch Andrea, werden in der Folge dieses Curry-Streites entlassen und stehen ohne Geld und Arbeit dar.

Das jetzt sexualtherapeutisch eingesetzte Essen wird ein Erfolg, leider führt Andreas Gier dazu, daß die Partnerschaft mit der Therapeutin zerbricht. Der Not gehorchend kocht Maravan daraufhin auch für „unanständige“ Zwecke, sprich, für nicht verheiratete Paare.

Soweit also der (magere) Grundplot des Buches, dessen Handlung sehr zeitnah spielt. So flicht Suter immer wieder die aktuellen Ereignisse in Sri Lanka ein, die, da seine Familie davon direkt betroffen ist, Maravan in starke Konflikte führen, denn er braucht viel Geld, um seine Leute zu Hause zu unterstützen. Zu allem Überfluss wird er auch vom langen Arm der tamilischen Befreiungsarmee ergriffen, die ihn von der Sinnhaftigkeit der Zahlung freiwilliger Beiträge zum Befreiungskampf „überzeugen“ kann…

Einen weiteren Handlungsstrang verfolgt Suter in der Figur des Geschäftsmannes Dalmann, eines undurchsichtigen Finanzjongleurs, der Geschäfte aller Art, auch mit Waffen, vermittelt. Er ist Stammgast im Nobelrestaurant, in dem Maravan einst arbeitete, und jetzt sein Kunde, denn seine Geschäftspartner läßt er gerne in den Genuss der Dienste von „Love Food“, so der Name des illegalen Catering Services von Maravan und Andrea, kommen.

Obwohl das alles in gewohnt präziser, klarer, nüchterner Sprache geschildert, trägt diese Handlung nicht sonderlich weit. Eine nette Idee, die aphrodisierende Wirkung von Essen so zu thematisieren, aber sind Menschen wirklich so eine Art Automat, die, wenn sie nur das richtige Essen bekommen, mit jedem ins Bett gehen, der in der Nähe ist? Lesben mit Männern, Heteras mit Frauen.. nur gut, daß immer aufgegessen wurde und nicht irgendein Haustier den Teller leermachen durfte… also, das scheint mir doch etwas zu einfach zu sein…

Natürlich, die aktuellen Bezüge des Romans haben ihren Reiz. Die bei Suter üblichen Vorwürfe gegen skrupellose Geschäftemacher und ihre Praktiken, die verzweifelten, unter dem Bürgerkrieg leidenden Menschen in Sri Lanka, die Repressionen, denen auch die Exilanten im Ausland ausgesetzt sind, da sie durch ihre Familien zu Hause erpressbar sind… das alles ist schon interessant und auch wichtig, immer wieder darauf hin zu weisen und zu thematisieren, aber hier in diesem Roman ist alles irgendwie vorhersehbar.

.. und daß ausgerechnet der streng gläubige Hindu Maravan .. ach, das verrat ich jetzt nicht, für mich ist es jedenfalls unglaubwürdig und wirkt irgendwie aufgesetzt. Na ja, komm ich also zu meinem –> :

Facit: ein routinierter Roman in gewohnt schöner Sprache, dessen Handlung aber irgendwie nicht trägt. Als gebundene Ausgabe ist er mir im nachhinein sein vieles Geld nicht wert gewesen….

Martin Suter
Der Koch
Diogenes; 2010, geb. 272 S.
ISBN-10: 3257067399
ISBN-13: 978-3257067392

Sonja Frey war mit einem Banker verheiratet, aber die Ehe ist gescheitert. Unter dramatischen Umständen, denn ihr Ex sitzt in der Psychatrie, die ihm wohl liebere Alternative zum Zuchthaus. Sonja, die sich danach unter dem Motto: „Sex and Drugs and Rock´n´Roll“ ausgetobt hat, beschließt, ihr Leben wieder in geordnetere Bahnen zurückzuführen: sie nimmt eine Stellung als Physiotherapeutin, ihrem früheren Beruf, in einem neu-/wiedereröffneten Hotel im Engadin an.

Dort, in einer eher abweisenden Umgebung, geschehen seltsame Dinge, die sie mit einer alten Sage, die sie in einem Buch gelesen hat, verknüpfen kann. In dieser Sage hat eine junge Frau gegen ewige Schönheit ihre Seele dem Teufel verkauft. Der Preis dafür wird erst fällig, wenn sieben an sich unmögliche Ereignisse eintreten und Sonja ist bald davon überzeugt, daß jemand diese Sage nachspielt. Mehr zum reinen Inhalt verrate ich jetzt nicht, wie unten angegeben, ist eine sehr ausführliche Beschreibung in der Wiki zu finden.

Suter schreibt einfach gut. Auch dieses Buch, das im Grunde sehr gemächlich, langsam anfängt, schlägt einen schon bald in seinen Bann, obwohl meiner Meinung nach die Figuren recht blass bleiben Dies gilt auch für Sonja, deren latente Veranlagung zur Synästhesie nach ihrem letzten LSD-Trip offensichtlich wird (und sie ziemlich verwirrt). Weswegen Suter dieses Phänomen in seinen Roman einbaut – ich weiß es nicht, für mich ist es eher ein exotisches Beiwerk. Es sei denn, man billigt dieser Erscheinung die Funktion einer Art Frühwarnsystem zu, denn die ungewöhnlichen Sinneseindrücke machen Sonja des öfteren auf Vorkommnisse aufmerksam, die sie sonst nicht oder erst später wahrgenommen hätte.

Einzig die in der Unterhaltung mit einem Patienten aufgeworfene Frage nach dem Wesen der Wirklichkeit finde ich interessant, denn wenn für einige z.B. Farben in bestimmter Art und Weise klingen: ist das nun wirklich oder nicht (denn ich höre das nicht, auch wenn es selbst für Nichtsynästhetiker „schreiende Farben“ gibt..) und wieviel Wirklichkeiten gibt es und ist das, was ich „Rot“ nenne, für den anderen, der es ebenfalls „Rot“ nennt, auch wirklich derselbe Sinneseindruck? An diesen Fragen haben sich schon viele Philosophen versucht, sie sind aber auch interessant…

Von den Büchern Suters, die ich bisher gelesen habe, hat mir dies am wenigsten gefallen. Mir fehlt irgendwie die Logik in den zeitlichen Abläufen, der Plan, der hinter allem steckt: kann man den wirklich so schnell aushecken und mit den vielen Variablen auch umsetzen? Das scheint mir sehr gekünstelt, abgesehen davon, daß ich immer noch nicht weiß, was überhaupt der Plan war. Ok, außer dem großen baddabumm…. Und wie hat der Täter das alles in die Praxis umgesetzt? Zuviele Fragen für mich…

Aber wie gesagt, Suter schreibt spannend und gut, so daß ich auf das eigentlich altbekannte Verwirrspiel: „Verdächtiger-Unverdächtiger-wirklicher Täter“ hereingefallen bin, obwohl man ja im Grunde darauf konditioniert ist, daß der Verdächtige letztlich nie der Täter ist….

Facit: ein gut geschriebener Roman mit einer Handlung, die mir etwas arg konstruiert erscheint.

Link:
Inhaltsangabe in der Wiki, aber Achtung: sehr ausführlich!
Übersicht über Synästhesie

Martin Suter
Der Teufel von Mailand
Diogenes; 2007, Tb., 304 S.
ISBN-10: 3257236530
ISBN-13: 978-3257236538

Der letzte Weynfeldt, Adrian mit Vornamen, ist sozusagen von Beruf Erbe. Als letzter Sproß einer ehemals reichen Industriellenfamilie, jetzt selber wohl eher wohlhabend, lebt er sein Leben in geregelten Bahnen. Seine Leidenschaft, die Kunst, konnte er zu seinem Beruf machen, er bewertet und begutachtet Kunstgegenstände für ein Auktionshaus, verhandelt mit Künstlern und Klienten, erstellt die Kataloge und organisiert die Auktionen.

Weynfeldts Lebensphilosophie ist die Regelmäßigkeit, er glaubt an diese „..als lebensverlängernde Maßnahme.“ Eine Woche in Weynfeldts Leben kennen, heißt sein gesamtes Leben kennen, seine Treffen, seine Veranstaltungen wiederholen sich gleichmäßiger als die Jahreszeiten… Sein Leben verläuft unauffällig, irgendwo mittendrin. Er, der Mittfünfziger, hat zwei streng voneinander separierte Bekanntenkreise (ich scheue mich, das Wort „Freund-“ zu wählen), eine Gruppe teilzeitparasitär von ihm lebender Möchtegernkünstler in den Enddreißigern und den Kreis um die von seinen Eltern ererbten Freunde, der aber, so die natürlichen Zeitläufte, vor sich hin schmilzt.

Adrian hat Geld und er gibt es gerne aus. Fast hat man den Eindruck, er betrachtet seine finanziellen Möglichkeiten als Makel und wolle sich seinen „Freunden“ gegenüber freikaufen. Er übernimmt die Rechnungen, still und diskret, damit nur keiner seiner Gäste in Verlegenheit kommt. Bei Verabredungen trifft er frühzeitig ein, damit seine Verabredung, falls sie selber zu früh kommen sollte, nicht warten muss. Am Tisch in seinem Donnerstagslokal ist immer ein Gedeck mehr, es könnte ja ein unverhoffter Besuch auftauchen. So unauffällig ist er, daß noch nicht einmal jemand Notiz davon nimmt, wenn er ausnahmsweise mal früher geht.

In dieses Leben bricht nun Lorena ein, die er in einer Bar kennenlernt (in der er aus seinem Martini nur die Olive verzehrt…), mit nach Hause nimmt (ohne, daß dort etwas intimeres geschieht) und die er am nächsten Morgen am Balkongeländer findet, bereit zum Sprung. Daß sie nicht springt liegt vor allem am Mitleid, das Weynfeldt in ihr auslöst, weil er zwar nichts sagen kann, die Sprache verloren hat, aber er weint….
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Das Bild zeigt eine nackte Frau, die auf einem gelben Kelim vor einem Kamin kniete. Darin stand ein Salamander, ein gusseiserner Ofen mit verglaster Front, in dem ein Feuer glühte. Die Frau hatte dem Betrachter den Rücken zugewandt. Die letzte Hülle, die sie hatte fallen lassen, ein leichtes lila Unterkleid, lag um sie herum drapiert auf dem Teppich. In einigem Abstand zu ihr, achtlos hingeworfen, gelb und mauve ihr Kleid und Unterrock. Sie hielt den Kopf in andächtiger oder demütiger Haltung leicht geneigt. Ihr rotbraunes Haar war hochgesteckt. Ihre Taille sehr schmal, ihr Becken breit, Gesäß und Oberschenkel massig. Über dem Kamin hing ein Spiegel, in dem man einen kleinen Streifen des Zimmers sah. Von rechts ragte ein Stück eines roten Fauteuils ins Bild, links vom Kamin stand die Tür eines in die Tapete eingelassenen Schrankes halboffen.“
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Die Verbindung zwischen Lorena und Weynfeldt ist locker, sie erinnert ihn an seine ehemalige Geliebte, er ist für sie erst einmal ein reicher Siegelringträger, den man um den Finger wickeln kann. Und das soll auch in großem Stil geschehen, Weynfeldt soll überredet werden, auf einer Auktion ein Gemälde zu versteigern, daß nicht echt ist. Ob und wie Weynfeldt dies in den Griff bekommt, nun, das verrat ich nicht, ein wenig Spannung soll ja bleiben…..

Und, ja, natürlich: es ist auch eine Liebesgeschichte, die Entwicklung einer unmöglichen Beziehung zwischen einer Frau, die vom Leben hie und da gezeichnet ihre Vorteile sucht und ihren Gewinn, die misstrauisch ist und berechnend und einem Mann, der sich erst mit dem Gedanken vertraut machen muss, daß das durch die Regelmäßigkeit verlängerte Leben sich vielleicht garnicht lohnt, wenn in diesem Leben nichts passiert. Und so baut Lorena ihre Vorurteile ab und für Adrian verblasst die ihre Ähnlichkeit mit Daphne, seiner Jugendliebe immer mehr und im gleichen Maße gewinnt Lorena für ihn ihre eigene Persönlichkeit.

Es ist schon ein Kunststück, wie Suter es versteht, die im Grunde langweilige Existenz Weynfeldts, der ja erklärtermassen aller Abwechselung aus dem Wege geht, mitsamt seinem Design-Mobiliar so darzustellen, daß man weiterliest, obwohl kaum was passiert. Die Sprache ist es, seine präzisen Beschreibungen, die nichts Unnötiges enthalten, aber das Wesentliche erfassen. Oben als Beispiel die Beschreibung des Bildes von Vallotton: „Femme nue devant une salamandre“, um das sich ein Großteil des Buches dreht. Er recherchiert gründlich (nach der Lektüre des Buches fühlt man sich fast als Experte für schweizerische Designmöbel der 50er und 60er Jahre und auch einige Facetten des internationalen Kunsthandels scheinen einem vertraut geworden zu sein….), beschreibt exakt, aber nicht ohne daß man eine gewisse Verbundenheit zum Gegenstand oder zur Person spürt und geleitet den Leser damit auch über die durchaus vorhandenen inhaltlichen Längen der Handlung.

Facit: eine intelligente Geschichte um zwei Menschen, die, aus diametralen Ecken kommend, sich trauen und die sich dann irgendwo in der Mitte treffen….

Martin Suter
Der letzte Weynfeldt
Diogenes, September 2009, Tb 313 S.
ISBN-10: 3257239335
ISBN-13: 978-3257239331

koni

Suter scheint sich ja langsam zu einem meiner Lieblingsautoren zu entwickeln…. jedenfalls habe ich mir letzte Woche seine „Small World“ mitgenommen und auch direkt gelesen, denn das Thema „Alzheimer“, das ja einen der Schwerpunkte des Buches ausmacht, interessiert mich.

Suter erzählt die Geschichte des Konrad Lang, eines alkoholabhängigen Mittsechzigers, der von der reichen schweizerischen Industriellefamilie Koch finanziert wird. Wofür und warum bleibt im unklaren, ist weitgehend rätselhaft, denn eine echte Gegenleistung muss er nicht bringen. Im Gegenteil, als Hausmeister der Familie im Anwesen auf Korfu eingesetzt, fackelt er dies ab, weil er in einem Moment geistiger Abwesenheit den Holzstoß neben dem Kamin (anstelle des Holzes im Kamin) mit Brandbeschleuniger versetzt und anzündet. Aber selbst nach diesen erheblichen Schaden, den er verursacht hat, läßt ihn die Familie Koch, allen voran die Matriarchin Elvira, nicht wirklich fallen.

Man erfährt, daß er seinerzeit mit Thomas Koch, dem Sohn von Elvira, zusammen aufwuchs, sozusagen dessen „Haustier“ war. Wechselte Thomas die Schule, ging Konrad natürlich mit. Lernte Tomi Schifahren, bekam auch Koni Stunden, auf gleiche Weise kam Koni zum Klavierspielen, wo er nicht unerhebliche Fertigkeiten zeigte. Hatte Tomi mal keine Lust auf Koni, schob er ihn auf´s Abstellgleis, bis er ihn dann Tage oder Wochen später wieder brauchte. Auch im Internat sorgte Tomi instinktiv mit seinen gleichreichen Freunden dafür, daß die Klassenschranken dicht blieben, Koni wurde allenfalls zum Schmierestehen oder zum Aufpassen mitgenommen.

Dieser Koni also wird von der Familie Koch nach dem Brandfall in Korfu mit einer monatlichen Grundausstattung an Wohnung, Verfügungsmitteln und Taschengeld ruhig gestellt. Er spricht dem Alkohol weiter zu, lernt aber eine attraktive Frau in seinem Alter kennen und verliebt sich. Er schafft es sogar, dem Alk zu entsagen. Einzig die Socken im Kühlschrank, die Tatsache, daß er sich im Supermarkt verirrt und ähnlich seltsam-beunruhigende Erfahrungen trüben das Leben des Paares ein wenig ein.

Die Symptome der Vergesslichkeit werden bei Koni immer schlimmer, Verwirrtheit kommt hinzu, Weglauftendenzen… Rosemarie sorgt sich zunehmend mehr, fragt einen befreundeten Arzt. Verblüffend ist, daß im selben Maß, in dem die Erinnerungen aus dem Kurzzeitgedächtnis verschwinden, ihm Geschehnisse aus früher, immer früherer Jugend einfallen. Eine Tatsache, von der Elvira erfährt und die ihr Sorgen macht.

Gut, ich will hier jetzt nicht den ganzen Roman erzählen. Letztlich will Elvira die Kontrolle über den immer weiter in die Vergangenheit abdriftenden Konrad nicht verlieren, sie richtet ihm auf Betreiben ihrer Schwiegertochter Simone eine Art Privatpflege auf dem Koch´schen Anwesen ein, mit Ärzten, Pflegerinnen, Therapeuten – alles vom Feinsten. Eines dieser therapeutischen Themen ist das Betrachten alter Familienfotos, die Simone sich heimlich bei Elvira besorgen muss, da diese jene wie ihren Augapfel hütet.

Soweit, so gut. Danach wird das ganze dann etwas … nun ja… mir fehlt das richtige Wort. Jedenfalls haben die beiden Ärzte, die Konrad betreuen, über ihre Arbeit Zugang zu Alzheimermedikamenten, die sie an Konrad ausprobieren. Und – Freude, Freude, Freude – sie wirken, langsam, aber stetig… ein schmalziges, unglaubwürdiges Happy End, zumal Suter abschließend noch einen Markennamen für das Medikament präsentiert, das weder ergoogelbar noch erbingbar ist.. (Wen es interessiert hier ist etwas über medikamentöse Alzheimer-Behandlung geschrieben).

Tja, und das Geheimnis um Toni und Koni, Tomikoni und Konitomi wird auch gelöst, es ist aber allenfalls noch en detail eine Überraschung, da man schon relativ früh ahnt, worauf das Ganze hinausläuft.

Wie immer hat auch hier Suter eine klar, nüchterne, präzise Sprache, die nichts beschönigt, nichts wertet. Er beobachtet genau, schildert exakt (hier insbesondere die Eigenheiten im Verhalten eines Alzheimer-Patienten). Seine Akteure sind zum Teil sehr deutlich gezeichnet (Konrad, Elvira), zum Teil noch nicht so in die Tiefe gehend (Rosemarie, Thomas, Urs), was aber angesichts der Dichtes des Romans nicht ins Gewicht fällt. So bleibt einzig das unnötige, unglaubwürdige und schmalzige Happy-End als Kritikpunkt übrig.

Facit: Die ersten 85 % des Buches sind stark, dann wird das Geheimnis gelöst und das Happy-End konstruiert. Das mindert die Freude etwas. Aber nur etwas.

Links:

Das Buch gibt´s auch als Film

Martin Suter
Small World
Diogenes Tb; 323 S.
ISBN-10: 3257230885
ISBN-13: 978-3257230888

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