Erling Kagge: Stille

29. Oktober 2017

Stille – welch ein kostbares Gut in einer Zeit, in der immer mehr real-time geschieht, in der der Radius des Menschen immer größer wird, in der er das, was er sieht innerhalb von Sekunden weltweit verbreiten kann, er aber auch von solchen verbreiteten Bilderflut selbst überschwemmt wird, eine Flutkatastrophe der anderen Art. Jugendliche beschweren sich bei der Konfirmationsfeier, daß im dörflichen Gemeindehaus kein WLAN zur Verfügung steht und sie tatsächlich gezwungen sind, sich selbst zu beschäftigen, sich sogar mal zu unterhalten oder Fantasie zu entwickeln…

Das norwegische ‚Multi-Talent‘ Erling Kagge (er wird als Verleger, Autor, Jurist, Kunstsammler und Abenteurer vorgestellt [1]) hat ein Buch vorgelegt, eine Sammlung von dreiunddreißig sehr persönlichen Antworten auf die Fragen: Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je?

Stille ist auch für mich persönlich ein Thema, mit dem ich mich stetig auseinandersetze [3], deswegen möge man es mir nachsehen, wenn ich etwas weiter aushole bei meinen Gedanken zum Buch. Als Hinweis: die in runden Klammern gesetzten Ziffern/Zahlen beziehen sich auf die entsprechenden Kapitel des Buches.

Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal für ein Wochenende zur Kontemplation in ein Kloster fuhr, war ich auf das Schweigen vorbereitet, dann aber sehr erstaunt, als uns dann vom Kursleiter auch noch ans Herz gelegt wurde, nicht zu lesen, kein Radio oder Fernsehen zu schauen etc pp. Dabei hatte ich mir doch extra schöne Bücher mitgenommen!

Jedoch, das war die erste Lektion, ist Stille nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen, Stille ist etwas Eigenes, eine eigene Qualität, sie ist auf tieferer Stufe das Eintauchen in eine andere Welt, in die Innenwelt des Selbst, indem ich die Tür nach außen möglichst schließe, Reize, auch visuelle, möglichst meide, wie die drei Affen: nicht schauen, nicht lesen, nicht hören… Das, was einem dort begegnet, ist nicht unbedingt schön. Chaos. Dieses Wort benutzte Abramovic, um zu beschreiben, was sie in der Wüste erlebte. Obwohl es um sie herum ganz still war, gingen ihr die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf. Sie bemühte sich, Ruhe zu finden, mitten in der Stille. Erinnerungen und Gedanken wetteiferten um ihre Aufmerksamkeit. Es kam ihr wie eine leere Leere vor, obwohl das Ziel war, eine erfüllte Leere zu erleben, wie sie sagt. Die leere Leere war so unangenehm, dass sich noch immer lebhaft davon erzählt. In die Stille zu gehen die mehr ist als nur die Abwesenheit von Geräuschen, ist also eine Herausforderung, für die die Künstlerin (The Artist is Present [2]) jedoch eine Antwort fand (27):

Alles dreht sich um die Atmung

Äußere Stille und innere Stille sind unabhängig voneinander, nichtsdestrotz ist das Aufsuchen und Aushalten äußerer Stille der erste Schritt. Ich kann in einen schallisolierten Raum sitzen und doch in mir Gefühle und Gedanken toben hören, die lauter sind als vorbeifahrenden Autos es wären. Umgekehrt kann ich in einem lauten Raum sitzen und doch innerlich in (völliger) Ruhe verharren. Die Stille, auf die ich aus bin, ist die Stille in mir. (4) In einem der Klöster, die ich besuche, gab es jahrelange Renovierungsarbeiten in den Gästehäusern. So erlebte man dort durchaus Schweigetage mit Begleitung von Presslufthämmern, die natürlich nicht zu überhören waren, aber wir lernten, sie nur noch wahrzunehmen und uns nicht mehr davon stören zu lassen. Alles dreht sich um die Atmung. (27)

Derjenige, so zitiert Kagge den norwegischen Dramatiker Jon Fosse, der nicht über die Macht der Stille staunt, fürchtet sich vor ihrUnd das ist wohl der Grund, warum so viele vor der Stille Angst haben (deshalb gibt es auch überall, wirklich überall diese Muzak). Als ich letztens mit der Bahn auf die Frankfurter Buchmesse fuhr, fiel mir genau dies wieder auf: von zehn Fahrgästen hatten bestimmt sechs oder sieben Stöpsel im Ohr. Weiter schreibt Kagge über sich und seine eigene Reaktion dazu: Ich erkenne die Angst wieder, … Eine Angst, die bewirkt, dass ich allzu schnell meinem eigenen Leben aus dem Weg gehe. Stattdessen beschäftige ich mir irgendwie, vermeide die Stille und tue das Naheliegende. … (alle Zitate aus 1) Das ist der Punkt. In der Stille begegne ich mir unvermeidlich selbst mit meinen Ängsten, mit meinem Zorn, meiner Wut, meiner Liebe möglicherweise auch, fällt mir meine Hab- und Selbstsucht und anderes mehr auf: all das Verdrängte, Zurückgeschobene tritt zu Tage…

In seiner ersten Antwort geht Kagge kurz auf eine seiner Lieblingsbeschäftigungen, dem Staunen, ein. Das Staunen gehört zu den stärksten Kräften, die uns in die Wiege gelegt wurden. (1) Im Staunen also werden wir wieder zu Kindern, die das ‚Erstaunliche‘ einfach und ganz unvermittelt wahrnehmen, das Staunen versetzt uns schlagartig in die Gegenwart, wir sind nicht mehr durch Erinnerung in der Vergangenheit und durch Planung in der Zukunft, sondern wir sind beim Staunen im Hier und Jetzt. Aus dem wir jedoch sofort wieder herauskatapultiert werden, wenn das Denken („was ist das denn? sieht aus wie….“) einsetzt…

Ich mag die Vorstellung, dass das Erleben von Stille in erster Linie ein Ziel an sich ist. Es hat einen eigenen Wert und sollte nicht gewogen und gemessen werden, wie so vieles andere, aber Stille kann auch ein Hilfsmittel sein. (18) „Jetzt sei doch mal still!“ Daß es sich ohne Ablenkung besser denken oder überlegen läßt, möglicherweise auch kreative Lösungen für Probleme auftauchen können, ist wohl jedem schon im Alltag untergekommen. Wittgenstein, den Kagge nennt, beispielsweise hat seinen Tractatus logico-philosophicus in der norwegischen Einsamkeit geschrieben. Daß Stille ein Weg ist zur Selbsterkenntnis, ist schon gesagt, Stille ist jedoch auch ein probates Mittel, Gehör zu erlangen: in der Musik sind die Pausen genauso wichtig wie die Klänge (bei John Cage mit 4’33“ ins Extrem gesteigert), routinierte Redner bauen bewusst Pausen in ihre Texte ein, um durch diese Stille Wirkung zu erzielen. Viele der Antworten Kagges drehen sich um solche Beispiele, wie Stille als Hilfsmittel, als Methode, etwas (besser) zu erreichen, eingesetzt wird/wurde/werden kann.

Der Abenteurer Kagge, der sowohl Nord- als auch Südpol erreicht, ferner den Chomolungma (Mt. Everest) bestiegen hat, kennt die äußere Stille, das Zurückgeworfen sein auf sich selbst, und deren innere Wirkung. In seiner Sammlung von Gedanken versucht er, die Bedeutung dieser Qualität Stille (die natürlich auch eine spirituelle Dimension hat: Bei Elia offenbart sich Gott als „stilles, sanftes Sausen“ … Mir gefällt das. Gott ist die Stille. (16)) aufzuzeigen, und uns ihren Wert zu vermitteln. Den Fernseher einfach mal ausgeschaltet, das Tablet links liegen und das Smartphone in der Tasche zu lassen: hin und wieder die äußere Stille zu erzeugen, kann ein erster Schritt auf diesem Weg sein, den Kagge uns so trefflich weist. Alles andere ergibt sich dann von allein. Wer sich dem Abenteuer „Stille“ aussetzt und es einmal aushält, wird dessen Schönheit gewahr werden.

Wenngleich Kagge in seinen Miniaturen viele Beispiele und Gedanken zur äußeren Stille als Abwesenheit von Geräuschen gibt, Stille als Werkzeug oder Methode beschreibt, bestimmte Ziele zu erreichen, so ist sein grundlegendes Anliegen doch die innere Stille, das Zur-Ruhe-Kommen, das Wahrnehmen des eigenen Selbst. In keiner anderen Antwort allerdings hat er dies passender und prägnanter beschrieben, die schöneren und wahrhaftigeren Worte gefunden als in seinem letzten Beitrag (33), der all das zusammenfasst, was zu diesem Thema ‚eigentlich‘ zu sagen ist.

Und – auch das soll erwähnt werden – verpackt ist dies alles in einem wunderschönen Büchlein. Der Schutzumschlag in cremigem Weiß, mit einer angedeuteten Wellenlinie, die die Angaben zum Autor, Titel und Verlag symmetrisch teilt. Diese optische Klarheit, die Reduktion auf das Wesentliche zum Buch – sprich: die Vermeidung unnötigen Lärms – verdeckt die Unruhe des alltäglichen Lebens, den Ansturm äußerer Reize, den Straßenlärm, Lichterflut, Hektik, das Sich-beeilen-müssen…

So wird Stille auch eine wunderbare Geschenkidee für die gleichnamige Nacht, der ja leider so oft eine laute, nicht-stille Zeit vorauseilt…. und wie schön wäre es, wenn sich der/die eine oder andere durch Kagges Gedanken angeregt eine Ecke im Alltag ausgucken würde, in der er/sie sich täglich einfach für ein paar Minuten ausklinken könnte.

Links und Anmerkungen:

[1] so die Angaben im Klappentext. In diesem Beitrag der FAZ wird der Autor etwas ausführlicher vorgestellt: http://www.faz.net/aktuell/reise/ewiges-eis-wir-sind-alle-geborene-entdecker-14499322.html
[2] z.B. hier: http://www.art-magazin.de/kunst/6624-rtkl-marina-abramovic-im-moma-new-york-die-goettliche-marina
[3] Zwei weitere Orte hier im Blog, die der ‚Stille‘ gewidmet sind:
Stillehttps://radiergummi.wordpress.com/2010/01/01/stille/ und
Reichtum der Stillehttps://radiergummi.wordpress.com/2012/01/01/reichtum-der-stille/

Erling Kagge
Stille
Ein Wegweiser
Übersetzt aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg
Originalausgabe: Stillhet I Støyens Tid, Oslo, 2016
diese Ausgabe: Insel-Verlag, HC, ca. 140 S., 2017, mit Abbildungen (Fotos)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Wie arm ist
wer seine Wüste nicht hat
mitten im Lärm der Zeit!

Ein älteres Buch, man sieht es ihm an. Die Bilder nicht auf dem Stand der heutigen Technik, noch im Geiste der Bilder, wie sie eben in den 70/80er Jahren des letzten Jahrhunderts veröffentlicht wurden. Aber passt dies nicht gut zu der Reise, die man als Leser mit diesem Buch beginnen kann? So wie uns das Buch zeitlich ein paar Jahre zurücknimmt, so regt es uns an, uns selber auch zurückzunehmen, uns für Momente, Augenblicke aus dieser Welt zu entfernen und in uns selbst zu gehen, um uns dort selbst zu begegnen.

Seine Wüste nicht hat im Lärm der Zeit…. ein für uns im ersten Moment unverständliches Bild. Aber ist die Wüste nicht schon immer ein Ort der Selbstfindung gewesen, ein Ort, der uns auf uns selbst zurückwirft? Ein Ort, an dem nichts ist, was uns ablenkt, was uns von unseren Geistern, die in uns wohnen trennt…. Zu allen Zeiten sind die Menschen auf der Suche nach innerer Ruhe, nach Kraft, nach Besinnung in die Wüste gegangen, sind dort versucht worden von den äußeren Dämonen, den Begierden, bis sie schließlich die Kraft hatten, sich selbst zu auszuhalten und in sich ruhend zu werden.

Ich habe schon einmal hier einen Beitrag über das Thema „Stille“ gepostet und möchte dies heute wieder aufgreifen mit diesem Buch, das ich in einer Grabbelkiste gefunden habe. Es ist als Begleiter gedacht für die Reise in die eigene Stille, die eigene Wüste, an den Ort, an dem ich mir selbst begegnet in all meiner Unvollkommenheit. Wer einmal versucht hat, eine halbe Stunde still, ohne sich zu bewegen zu sitzen mit einer weißen Wand vor sich, wird wissen, was ich meine….

Einen Text aus dem Buch möchte ich dem Jahr 2012 voranstellen, denn er erzählt von dieser Stille, die die Kraft, die man braucht, sich ihr auszuliefern, vielfach zurück gibt…

„Stille ist nicht einfach da, wenn einer sie sucht. Denn sie entsteht nicht von selbst, wo das äußere Leben zurücktritt, wo die Hast der Arbeit sich entfernt oder der Straßenverkehr verstummt. Das einsam Zimmer an Ferienort ist noch kein Ort der Stille, sowenig wie der abgelegene Raum des Kranken. Denn wie die äußere Welt schweigt, setzen die inneren Stimmen ein, beginnt das Herz zu reden, zu schreien, zu fragen oder sich selbst Antworten zuzulärmen, stehen die Erinnerungen auf, kommen die Gespräche wieder, die abgebrochenen, und schließen sich die Selbstgespräche an, die anklagenden und die verteidigenden, die beweisen sollen, daß das Leben ungerecht und die Menschen undankbar seien, der Redende selbst aber ohne Schuld. Es gibt eine Lautlosigkeit, die leer und trostlos ist wie eine Wüste, dunkel wie ein Gefängnis, gefährlich wie ein Raubtier, von Stimmen durchschwirrt wie die Hölle selbst. Jede Stille, die man nicht liebt, wird zu Hölle.

….

Stille entsteht in der Stunde, in der eine quälende Frage ihre gute und klare Antwort gefunden hat. Sie tritt ein, wo uns statt eines ängstigenden Bildes ein tröstliches vor der Seele steht. Aber sie kommt nicht von selbst und nicht zufällig. Ohne Warten und Stillhalten geschieht nichts Erlösendes an uns.

Jörg Zink

In diesem Sinn wünsch ich euch allen ein gutes Neues Jahr voller schöner Momente, auch voller stiller Augenblicke, in denen das Glück in euch hineinströmen soll…. und uns allen wünsch ich – ganz profan und weltlich – auch viel Spaß im nächsten Jahr, viele gute Bücher und die Zeit, sie zu lesen, in die Welten zu reisen, die sie für uns aufspannen und fabulierend gestalten!

euer flattersatz

Rudolf Schnettler (Textauswahl)/Edmond Van Hoorick (Fotos)
Reichtum der Stille
Fotokunst-Verlag Groh, München, 1980

Stille….

1. Januar 2010

Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.

Das Unglück des Menschen rührt daher, daß er unfähig ist, mit sich selbst in einem Zimmer zu sein“, schreibt der französische Philosph Blaise Pascal. Wer Ablenkung meiden und Stille ertragen kann, merkt, wie es um ihn steht. Das ist manchmal schwer auszuhalten und doch eine Sehnsucht.

Schweigen ist mehr als nicht reden. Wer mit allen Sinnen still sein kann, schaltet sein Herz auf Empfang und nimmt tiefer wahr, was innen und außen vor sich geht. Es ist gut, Menschen zu haben, mit denen man beredt schweigen kann und Orte der Stille, an denen die Seele Abstand nimmt und ihren „Eigen-Sinn“ findet – innere Klärung und Stärkung aus der Tiefe des Seins.
„Erst das Schweigen tut das Ohr auf für den inneren Ton in allen Dingen“, weiß der Mystiker Romano Guardini. Wer schweigt und sich im Hören und Wahrnehmen übt, kann sich selbst und anderen näherkommen – und vielleicht auch Gott. Denn auch das Gebet ist zuerst eine Übung, mit sich selbst in einem Zimmer zu sein.
[1]

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Tagelanges Schweigen in einem Sesshin, einem mehrtägigen Zen-Kurs: Viele zweifeln anfangs, ob sie das überhaupt „können“. Haben sie sich dann überwunden, entdecken sie oft im Tun, wie sehr ein erfülltes Schweigen zur inneren Mitte führt und, was noch erstaunlicher ist, wie ein gemeinsames Schweigen Menschen miteinander verbindet, die sich nicht kennen und eben nicht auf dem gewöhnlichen Wege durch Worte kommunizieren. Es ist ein „anderes“ Kennen von innen her, das Bewusstsein einer geschenkten Einheit trotz all der Unterschiedlichkeit von Lebenssituationen und Altersstufen.

Eigentlich ist die Erfahrung der Stille der christlichen Tradition nicht fremd. Wie im Zen-Buddhismus kommt sie vor allem aus der Lebenspraxis der Klöster, wird darüber hinaus angeboten in Exerzitien, Geistlichen Übungen, die zur eigenen Mitte und Berufung führen wollen. Einige Tage so im Schweigen verbringen zu dürfen, das bildet ein kostbares Gegengewicht zum erlebten Übergewicht des Wortes in Gesellschaft und auch in Kirche. Denn leider ist aus den normalen Sonntags-Gottesdiensten die „heilige Stille“ völlig ausgezogen und wird oft selbst dort, wo sie sich nahe legt, durch das gesprochene oder gesungene Wort verdrängt. Dabei gehört es zu den Grunderkenntnissen über den Menschen, dass nicht in erster Linie Worte übertragen werden, sondern der Zustand, in dem ich da bin und aus dem dann jegliches Reden und Handeln folgt.

Von Anfang an steht in der Weitergabe des christlichen Glaubens das Unfassliche und damit auch Unsagbare im Vordergrund. Die Auferstehung Jesu als Beginn der „neuen Schöpfung in Christus“ ließ sich nicht durch Worte verstehbar machen; vielmehr heißt es am Schluss der ursprünglichen Fassung des Markus-Evangeliums (16,8), dass Furcht und Entsetzen die Frauen am Grab gepackt hatte und sie niemand etwas davon erzählten,was sie gesehen und erlebt hatten.

Eine alles Begreifen sprengende Erfahrung wird durch Worte eher „verwässert“. Nur in der persönlichen Erfahrung ist es möglich, sich von der Wirklichkeit unmittelbar berühren zu lassen nach dem christlichen Grundwort „Mir geschehe“. Genau hier aber setzt der Zen-Weg ein, und buddhistische Zen-Lehrer fordern von ihren christlichen Schülern, ihrer eigenen Erfahrung treu zu bleiben, ihren Glauben auf der Ebene der Erfahrung zu realisieren. [2]

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Das Schweigen ist keine Pause beim Reden, sondern eine Sache für sich. Ich kenne von zu Hause aus bei den Bauern eine Lebensweise, die sich den Gebrauch von Wörtern nicht zur Gewohnheit machte. .. Je mehr jemand zu schweigen imstande war, desto stärker war seine Präsenz. Wie alle im Haus hatte auch ich gelernt, am anderen das Zucken der Gesichtsfalten, Halsadern, Nasenflügel oder Mundwinkel, des Kinns oder der Finger zu deuten und nicht auf Wörter zu warten. Unter Schweigenden hatten unser aller Augen gelernt, welches Gefühl der andere mit sich durchs Haus trägt. Wir horchten mehr mit den Augen als mit den Ohren. Es entstand eine angenehme Schwerfälligkeit, ein in die Länge gezogenes Übergewicht der Dinge, die wir im Kopf herumtrugen. So ein Gewicht geben die Wörter gar nicht her, weil sie nicht stehenbleiben. Gleich nach dem Sprechen, kaum zu Ende gesagt, sind sie schon wieder stumm. Und aussprechen lassen sie sich nur einzeln und nacheinander. Jeder Satz kommt erst dann an die Reihe, wenn der vorherige weg ist. Im Schweigen kommt aber alles auf einmal daher, es bleibt alles drin hängen, was über lange Zeit nicht gesagt wird, sogar was niemals gesagt wird. [3]

Drei Texte – die ersten beiden aus dem kirchlichen Umkreis, der letzte von einer Schriftstellerin – die sich mit dem Schweigen rsp. der Stille auseinandersetzen. Alle drei verweisen auf Charakteristika: Im Schweigen erfolgt die Begegnung mit sich selbst, Schweigen erhöht die Fähigkeit zur Wahrnehmung, die Achtsamkeit sich selbst und dem anderen gegenüber und Schweigen ist nicht einfach die Abwesenheit, das Fehlen von Geräuschen, Schweigen, die Stille ist eine Qualität an sich.

„Wer mit allen Sinnen still sein kann“: schweigen also auch mit den Gedanken, Stille herstellen im Herzen, in der Seele, um das wahrzunehmen, was bleibt, wenn alles andere schweigt: „Sich von der Wirklichkeit unmittelbar berühren lassen.“ Keine leichte Übung, wir sind es nicht gewohnt, die Gedanken schweigen zu lassen, nur wahrzunehmen, uns nur berühren zu lassen: wir sind getriebene, zu berühren. Wir nehmen nicht den Baum wahr am Wegesrand, sondern wir sehen eine Kastanie. Unsere Gedanken ordnen schon, bevor wir uns berühren lassen.

Der Schweigende greift mit seiner Aufmerksamkeit tief in sich hinein, lässt sich berühren in seinem Grund. Das Schweigen steht im Dienst dieser Wandlung, öffnet einen Raum, in dem nicht nur das Äußere, sondern nach und nach auch das Innere still wird.“ So formuliert es Rheinbay [2]

In der Stille wird, wie es Müller schreibt, die Präsenz erhöht. Strukturieren meine Gedanken das Wahrzunehmende nicht mehr, werde ich Teil davon, hebe ich die Grenzen, die mein Intellekt setzt, auf. Der Schweigende wird zum Teil der hinter allem stehenden Wirklichkeit und so wahrgenommen – und er nimmt sich selbst so wahr.

Schweigen schafft Gemeinsamkeit. In der Gruppe schweigen schafft eine Verbindung, weil Schweigen aller Sinne eine universale Sprache der Seele ist, nämlich das sich der Wahrnehmung öffnen und das Einswerden in dieser Wahrnehmung.

Die „Reduktion“ auf Wahrnehmung ohne Bewertung, Einordnung oder Strukturierung schärft die Sinne für das, was im Reden untergeht. In einem stillen Raum fangen die Dinge an zu reden, Geräusche, die sonst nicht zu hören sind, werden laut, Stimmungen werden spürbar, Schwingungen dringen durch.

Alte Kirchen, Meditationräume, aber auch die Kathedrale eines Buchenwaldes, ein Sonnenuntergang oder ein Musikstück können unmittelbar auf unser Innerstes wirken, unsere Seele zum Schwingen bringen, uns einhüllen, uns der Wahrnehmung öffnen. Buchstäblich fehlen uns in solchen Momenten die Worte und der Versuch, dieses Empfinden in Worte zu fassen, zerstört es.

Ergänzung vom 11. Januar 2010:

Ein sehr schönes Wort habe ich heute gelesen [4]:

Wenn du stille wirst, wird dir geholfen

Wo sich der Raum der Stille öffnet bzw. wir uns dem Raum der Stille öffnen, da öffnet sich uns der Raum des Geheimnisses bzw. da öffnen wir uns dem Raum des Geheimnisses.

[1] M. Kirschstein in: sonntags, Andere Zeiten e.V., Hamburg, www.anderezeiten.de
[2] P. Paul Rheinbay, S.A.C., Rede, ohne die Lippen zu bewegen
[3] Herta Müller, Der König verneigt sich und tötet, Ffm 2008
[4] das Zitat ist von Goethe, die Textstelle aus: Sill B.: Die Kunst des Sterbens, Kevelaer 2009, S. 95 bezieht sich auf Gedanken des Philosophen Peter Wust
[5] Eine Broschüre zum Jahr der Stille

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