Offensichtlich gehört es zum guten Ton bei Titeln aus diesem – zugegebenermaßen – schwierigen Themenbereich, darauf hinzuweisen, daß das Thema ‚Sterben‘ bzw. ‚Tod‘ gesellschaftlich tabuisiert ist und verdrängt wird. Sowohl der Autor Gottschling als auch seine Vorwortverfasserin Käßmann folgen dieser Tradition, deren Aussage mich persönlich in ihrer Absolutheit nicht mehr so recht überzeugen will. Schau ich mir z.B. die Zugriffszahlen des letzten (Zeit)Jahres auf meinen eigenen Blog an, so sind unter den ersten zehn Titeln zwei Jugendromane, die sich mit dem frühen Krebstod eines Menschen auseinandersetzen [1]. Daraus schlussfolgere ich schon eher, daß viele Menschen – auch junge – bereit sind, sich mit diesen letzten Fragen auseinanderzusetzen, auch wenn diese selbstverständlich als reines Partythema und für den unverbindlichen Small Talk nicht geeignet sind. Egal, es ist nur eine persönliche Anmerkung von mir, jetzt zum Buch von Prof. Dr.med. Sven Gottschling und Lars Amend [siehe dazu die Bemerkung am Schluss meiner Besprechung].


Gottschling ist Chefarzt des Zentrums für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie des Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg. Er ist noch jung, 44 Jahre alt, und hat sich mit ‚Haut und Haaren‘ der Aufgabe verschrieben, Sterbenden und ihren Angehörigen durch eine kompetente Begleitung und Betreuung diesen letzten Weg zu erleichtern. Was dies in der Praxis bedeutet, was dies einschließt, auch was es begrenzt, welche Möglichkeiten es gibt und nicht zuletzt, welche sich hartnäckig haltenden Mythen es zu bekämpfen gilt, dem ist dieses Buch gewidmet.

Während es andere Titel zum Themenkomplex gibt, bei deren Studium einem so richtig die Freude am Sterben genommen wird, weil von den gewählten Fallbeispielen eins schlimmer ist als das andere [2], ist der Grundtenor von Gottschlings Buch positiv: Wir können nicht alles Leid verhindern, aber doch sehr, sehr viel Leid mindern. Der Tod, so der Autor, ist nichts Schreckliches. Die fürchterliche Vorstellung vom Tod macht ihn erst furchtbar.

Ich will mich in diesem Beitrag auf einige Punkte von Gottschlings Ausführungen konzentrieren, den Inhalt des Buches wiederzugeben, wäre deutlich zu viel.

Unter den schon erwähnten Mythen geht der Autor auf folgende ein:

  • Sterben und Tod sind leidvoll und schmerzhaft
    Hier räumt Gottschling mit dem weitestverbreiteten Glauben medizinischer Laien, mit dem Sterben verbundenes körperliches Leid (z.B. Schmerz, Atemnot) sei nicht linderbar und die Ärzte täten alles in ihrer Macht stehende, auf: beides ist nicht so. Man kann praktischen jeden Schmerz (hier differenziert der Autor verschiedene Schmerzarten [3]) zumindest deutlich lindern und die Kenntnisse der deutschen Ärzteschaft über moderne Schmerztherapie sind im Schnitt, dürftig, liegen Jahrzehnte hinter dem aktuellen Stand der Wissenschaft zurück. Aber: auch viele Betroffene hängen noch der ‚ein-Indianer-kennt-keinen-Schmerz‘-Philosophie an.
  • „Wie lange noch, Herr Doktor?“
    Auch der Arzt ist kein Herrgott, nirgends kann man sich so sehr verschätzen wie bei einer Antwort auf die Frage nach der verbleibenden Lebenszeit…. Manche Betroffene wollen es auch gar nicht wissen, andere planen auf der Grundlage der Auskunft schon die Trauerfeier und sind dann empört, daß Oppa immer noch schnauft, wo doch die Grube schon ausgehoben ist….
  • Nahrung und Flüssigkeiten sind Lebenserhaltung
    No, das ist einfach nicht so. Wenn der Sterbende nicht mehr essen will, dann braucht er keine Nahrung mehr. Wenn er nicht mehr trinken will, dann ist es praktisch immer kontraproduktiv, ihm Flüssigkeit zu verabreichen, die weder vom langsam abschaltenden Kreislauf noch von den Nieren, die ihre Funkion auch peu a peu aufgeben, verarbeitet werden kann. Der häufig noch ausgeübte moralische Druck (sprich: Erpressung): „Sie wollen ihren …. doch nicht verhungern/verdursten lassen?“ ist perfide. Künstliche Ernährung. so Untersuchungsergebnisse, verlängert die Lebenszeit nicht, mindert aber häufig die Lebensqualität. Was das Trinken angeht, ist die Mundpflege beim Sterbenden viel wichtiger!
  • Schmerzmittel machen süchtig
    Dies bezieht sich natürlich vor allem auf Opiate. Hier klingen die Ausführungen Gottschlings bzgl. des wohl bekanntesten Opiats, Morphin (das er pars pro toto nimmt) fast schon wie ein Appell, doch endlich die Bedenken gegen dieses segensreiche Medikament fallen zu lassen und es in adäquater Dosierung (die durchaus sehr hoch sein kann) einzusetzen!
  • Man muss sich zwischen Lebenszeit oder Lebensqualität entscheiden
    Gottschling verweist auf eine Studie, die zeigt, daß onkologische Patienten mit sehr schlechtem Zustand, die sich noch einer Chemotherapie unterzogen haben, eine deutlich geringere Restlebensspanne hatten als die Patienten, denen die Chemo erspart geblieben ist. Facit: eine Behandlung ist nicht unbedingt lebensverlängernd, aber häufig verschlechtert sie die Lebensumstände. Daraus folgt die Forderung, frühzeitig palliativmedizinische Fachkompetenz bei der Behandlung lebensbegrenzend Erkrankter hinzuzuziehen.
  • Man darf einem Menschen die Hoffnung nicht nehmen
    Dieser Satz dient dem medizinischen Personal häufig als Feigenblatt dafür, dem Patienten gegenüber nicht ehrlich zu sein. Der Umgang mit der Hoffnung des Patienten auf… verlangt jedenfalls ein hohes Maß an Sensibilität…

Das Lebensende ist gespickt mit Beschwerden: Körper und auch Geist sind in die Jahre gekommen. Im Abschnitt Beschwerden am Lebensende und was wir wirklich tun können, befasst sich Gottschling damit. Konkret sind dies folgende Themenbereiche: (noch einmal) Schmerzen, Atemnot/Luftnot, Übelkeit, Angst und Erschöpfungszustände sowie neuropsychiatrische Symptome wie Unruhe, Verwirrtheit, das nicht mehr Erkennen von Menschen. Und das Sterben selbst? Wenn man sich darauf vorbereitet, was einen erwartet, wenn ein geliebter Mensch tatsächlich im Sterben liegt, verliert es seinen Schrecken. Der Autor beschreibt dies und gibt auch Hinweise für Notfälle, die auftreten können (Krampfanfälle, Blutungen u.ä.)

Im Grunde sollte man eigentlich den Begriff ‚Sterbende/r‘ vermeiden, denn er verdeckt nur zu häufig, daß dieser Mensch eine Lebender ist, freilich in einer bestimmten Lebensphase. Und so sollte man ihn auch behandeln und mit ihm umgehen. Die Kommunikation mit lebensbegrenzt erkrankten Menschen (die Umschreibung, die Gottschling häufig benutzt), deren Angehörigen und beteiligten Kindern ist Inhalt des nächsten Abschnitts. Die Frage, wie Kinder mit dem Tod naher Menschen umgehen und wie man als Erwachsener darauf reagieren sollte, bildet einen Schwerpunkt der Ausführungen.

Und wenn es soweit ist, wo bekomme ich Hilfe? Hier geht Gottschling darauf ein, unter welchen Randbedingungen das Sterben zu Hause oder in diversen Einrichtungen (Krankenhaus, Heim…) tatsächlich ablaufen kann oder abläuft. Speziell, wenn dem häufig geäußerten Wunsch des Sterbens zu Hause nachgekommen wird, ist es wichtig, zu wissen, wo welche Hilfe nachfragbar ist. In diesem Bereich sind zwar schon seit Jahren gesetzliche Voraussetzungen geschaffen, aber (Stichwort: SAPV) noch lange nicht flächendeckend umgesetzt.

Im Kapitel 6: Sterbeverhinderung, Lebensverlängerung oder Sterbehilfe klärt Gottschling eingangs die Begrifflichkeiten einzelner Tatbestände: alt: aktive Sterbehilfe, neu: Tötung auf Verlangen; alt: Beihilfe zur Selbsttötung, neu: assistierter Suizid; alt: passive Sterbehilfe, neu: Sterben zulassen.

Der Autor hält fest, daß in einer Studie (2015) festgestellt wurde, daß selbst bei schwerstkrankem Patientengut (?) die Suizidquote um mehr als eine Zehnerpotenz niedriger lag als in der Gesamtbevölkerung, wenn eine qualitativ hochwertige und verlässliche Palliativversorgung aufgebaut werden konnte.

Des weiteren gibt Gottschling einen Überblick über die Situation betr. Tötung auf Verlangen/assistierter Suizid im europäischen Ausland. Die Zahlen aus den Niederlanden und aus Belgien (vor allem aus Flandern), in denen dies per Gesetz unter bestimmten Bedingungen erlaubt ist, rechnet er auf die deutsche Bevölkerungszahl um und plausibilisiert dadurch das erschreckende Ausmaß, in dem in unseren Nachbarländern Menschen von Ärzten getötet werden. Der Autor positioniert sich ganz klar und eindeutig gegen diese Vorgehensweise, wobei ihm die obige Aussage zum Einfluss der Palliativversorgung auf die Suizidalität lebensbegrenzt Erkrankter Recht gibt. Auf die naheliegende Frage, wie der Stand der Palliativversorgung in den Niederlanden und in Belgien ist (diese Frage stellt sich natürlich) geht Gottschling jedoch nicht ein.

An dieser Stelle wird Gottschling leider ein wenig tendenziell, in dem er zwei Fallbeispiele konstruiert, die extreme Situationen darstellen, die in dieser Reinform wohl eher die Ausnahme sind. Beiden liegt ein 43jähriger Familienvater (zwei Töchter im Alter von 8 und 16 Jahren) zugrunde, der unter schwerster Symptomatik an einem metastasierendem Tumorleiden erkrankt ist.

Im Szenario ohne Palliativversorgen baut Gottschling nun angefangen vom Vierbettzimmer auf einer normalen Krankenhausstation ein Horrorszenario auf, in dem der Erkrankte bei unzureichende Pflege und mangelhafte Systemkontrolle schließlich an nicht behandelter Atemnot stirbt. Dies ruft eine posttraumatische Belastungsstörungen bei der Mutter hervor und führt damit zu deren Arbeitsplatzverlust.. Schulversagen eines Kindes und einer Vielzahl weiterer psychischer Schäden (z.B. Einnässen): es tritt alles ein, was prinzipiell in so einer tragischen Situation vorkommen kann: ein Worst-Case-Szenario also, das sehr mit der Angst arbeitet.

Dem gegenüber stellt er die fast heile Welt der Palliativstation, in der Vater unter bestmöglicher Systemkontrolle in einem Familienzimmer liegt, die Kinder in einem Begegnungszimmer mit gleichaltrigen, ebenfalls betroffenen Kindern Kontakt aufnehmen können, beide Eheleute finden in kleinen Zeitinseln noch einmal Gelegenheit zu Nähe, Sexualität und können letzte Dinge regeln… bevor der Vater nach Hause entlassen wird und dort vom SAPV begleitet im Kreis der Familie friedlich stirbt…. wobei die Familie selbstverständlich auch nach dem Tod des Vaters in ihrer Trauerphase nicht allein gelassen wird.

Gottschlings Ziel, den überaus segensreichen Effekt einer adäquaten Palliativversorgung deutlich zu machen, ist hehr, aber in diesen konstruierten Fällen trägt er meiner Meinung doch etwas zu dick auf…


Leben bis zuletzt ist ein Buch aus der Praxis für die Praxis. Der Autor führt viele Fallbeispiele an, die ihm in seiner Praxis untergekommen sind, er ist in seinen Aussagen klar und deutlich, seine Sprache ist gut verständlich, auch für den medizinischen Laien. Er scheut sich ebenfalls nicht, hin und wieder ins Umgangssprachliche zu wechseln, wenn er beispielsweise einen Kollegen zitiert, der in Bezug auf die Darreichungsform von Medikamenten der (nachvollziehbaren) Meinung ist „Zäpfchen sind was für Arschlöcher“. Diese Formulierung ist natürlich die Ausnahme, macht aber deutlich, daß die Aussagen das Buches klar und deutlich formuliert sind.

Gottschling spart auch nicht mit Kritik an seinen ärztlichen Kollegen. Die Verordnung von Zäpfchen für Menschen, die bald Sterben werden, die absolut mangelhaften Kenntnisse in moderner Schmerztherapie, die partielle Inkompetenz bei der Kommunikation mit lebensbegrenzt Erkrankten und deren Angehörigen, die Unkenntnis über viele aktuelle Untersuchungsergebnisse (siehe oben: Mythen wie über Nahrung, Trinken), die immer noch anzutreffende Geringschätzung der Palliativmedizin…. Es gäbe viel zu tun in der Ärzteschaft…. Natürlich steht der Gesetzgeber nicht aussen vor war Kritik angeht: die lächerliche Vergütung palliativmedizinischer und sprechender Medizin, die gesetzlich zwar geregelte, aber bis dato nur unzureichend umgesetzte ambulante Palliativversorgung in der Fläche, die unzureichende Pflegesituation für Sterbende in vielen Heimen und Krankenhäusern, die immer stärker auf wirtschaftliche Ziele hin optimiert werden….

Liest man als Laie das Buch, so wird man mit einer Menge soliden Halbwissens aufmunitioniert. ‚Solides Halbwissen‘ soll auch heißen, daß für Patienten und Angehörige ein Problem bestehen bleibt, auf das Gottschling allenfalls indirekt eingeht: ‚wie sag ich´s meinem Arzt‘ bzw. wie setze ich mich gegen die Meinung eines Arztes durch, wenn diese z.B. hinsichtlich der Schmerztherapie anders ist als die meinige…. Ich spreche hier aus leidvoller eigener Erfahrung. Mein Vater, der jetzt schon einige Jahre tot ist, hatte durch Krieg und Beruf (er war einige Jahre Bergmann und hat Kohle gemacht) kaputte Knie, die ihm im Alter starke Schmerzen verursachten. Der Heimarzt verordnete jedoch trotz eindringlicher Bitten meinerseits nichts dagegen: er habe beim Besuch keine Schmerzanzeichen gesehen (klar, mein Vater saß ja immer) und habe auf die Frage nach Schmerzen mit ‚Nein‘ geantwortet (auch klar, in seinem schon länger zurückliegenden Sibirienaufenthalt hatte er verinnerlicht, daß derjenige, der über Schmerzen klagt oder sagt, er sei krank, verloren war….)….. was man jedoch aus Gottschlings Ausführungen auf jeden Fall mitnehmen kann, ist der Rat, frühzeitig (!) einen Palliativmediziner in die Behandlung eines bald Sterbenden miteinzubeziehen. Der hat zum einen die Fachkompetenz und kann diese zum zweiten gegenüber seinen Kollegen – so dies nötig ist – besser zur Geltung bringen als ein durch die Situation eh schon derangierter betroffener Laie.


Zum Abschluss noch Anmerkungen, der aber wohl eher dem Verlag als dem Autoren zuzurechnen ist. In meinen Regalen stehen einige Bretter voll mit Büchern zum Themenkreis rund um´s Sterben, doch dieser Titel von Gottschling ist der einzige, der bei der Autorennennung auf dem Umschlag mit der vollen Wucht professoraler und medizinischer Autorität daherkommt: Prof. Dr. med. Sven Gottschling. Und selbst die allbekannte und fast schon ubiquitäre Margot Käßmann, von der das Vorwort stammt, ist nicht einfach Margot Käßmann, sondern Prof. Dr. Dr.hc Margot Käßmann… Dabei hat das Buch diesen etwas plumpen Aufwertungsversuch doch gar nicht nötig….

Gottschlings Werk und Amends Beitrag… immerhin wird dieser Lars Amend auch auf dem Umschlag, wenngleich etwas kleiner geschrieben, genannt, auf der Verlagsseite sogar in gleichberechtigter Größe (‚Sven Gottschling + Lars Amend‘, Stand: 01.05.17),  in welcher Weise dieser Herr Amend jedoch zum Buch beigetragen hat, ist mir nicht ersichtlich geworden. Ein einziges Mal noch findet er Erwähnung im Klappentext auf der hinteren Umschlagseite. So bleibt die Frage, warum steht der Name da? unbeantwortet….

… und last not least: Greifen sie zu, die einmalige Gelegenheit: Sieben Kapitel zum Preis von sechsen! Denn wie anders soll man es interpretieren, wenn der Verlag auf seiner Ankündigungseite für den Titel davon redet: Anhand der Geschichte zweier jungen Frauen zeigt Prof. Dr. med. Sven Gottschling in einem Bonuskapitel, … [steht wirklich so mitsamt des grammatikalischen Stolpersteins auf der Webseite, Stand: 03.05.2017; Hervorhebung von mir].


… und dennoch: diese letzten Kritikpunkte haben leicht ersichtlich nichts mit der inneren Qualität des Buches zu tun. Jeder, der sich über das traurige und leidvolle Thema ‚Sterben und Tod‘ kundig machen will, auch weil es unter Umständen ganz akut geworden ist im familiären, persönlichen Umfeld, sollte Gottschlings Buch ganz oben auf seine Liste der Bücher setzen, die es in die engere Auswahl zu nehmen gilt. Mich hat es jedenfalls überzeugt.

Links und Anmerkungen:

[1] … und zwar: John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter und Jenny Downham: Bevor ich sterbe (Die Links führen zu den Besprechungen hier im Blog)
[2] ich denke hier jetzt an das (ebenfalls empfehlenswerte) Buch von Matthias Thöns: Patient ohne Verfügung, erschienen im Piper Verlag, das ich hier irgendwann noch vorstellen werden
[3] Wer etwas tiefer in den ‚Schmerz eintauchen‘ will, dem kann ich das gleichnamige Buch von Amrei Wittwer und Gerd Folkers empfehlen (https://radiergummi.wordpress.com/..schmerz/)

Mehr hier auf dem Blog zum Themenkomplex ‚Krankheit, Sterben, Tod und Trauer‘ vorgestellte Bücher sind über dieses Inhaltsverzeichnis zu finden: https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Sven Gottschling/Lars Amend
Leben bis zuletzt
Originalausgabe: S. Fischer Verlage, Klappenbroschur, ca. 270 S., 2017

tolstoi alte

Iwan Iljitsch Golowin, Mitglied des Gerichtshofes, hoher Richter, ist im frühen Alter von 45 Jahren gestorben, so teilt es seine gramerfüllte Frau in der Zeitung mit. So wird es den Kollegen, die von der Krankheit des Iwan Iljitsch wussten, bekannt und nicht so sehr die Trauer beherrscht ihre Gedanken, sondern eher, was das Ableben des Kollegen für ihre Karriere bedeuten könne, für ihr Fortkommen oder das ihrer Verwandten. Mit dieser Szene der beieinander stehenden Mitglieder der Gerichtshofkommission läßt Tolstoi seine Novelle über den Tod, besser das Sterben des Iwan Illjitsch beginnen.

Es ist nicht gerade Mitgefühl oder Trauer, die der Tod des Iwan Iljitsch hervorruft, eher sorgen sich die Besucher in der Wohnung des Toten um das Ausfallen des abendlichen Kartenspiels, die Witwe dagegen wird von der Frage beherrscht, wie man außer der Pension, die fällig wird, vllt noch etwas mehr an Geld herausschlagen könnte..

Nach dieser Eingangsszene, in der Tolstoi schon einen Aspekt der Grundkonstellation seiner Geschichte deutlich macht, nämlich der Ignoranz und Gefühlskälte seiner Personen, die vom Tod des Kollegen, Mannes oder Vaters kaum berührt sind, schildert der Autor kurz das bisherige Leben seiner Hauptperson.

Er war der mittlere Sohn seiner Eltern, aber der einzige, der diesen Freude machte, ein „..begabter, heiter-gutmütiger, die Geselligkeit liebender Mensch, welcher jedoch das, was er als seine Pflicht betrachtete, auch streng ausführte. Pflicht aber war bei ihm alles, was von den Höchstgestellten als solche gerechnet wurde...“ So beendete er die Rechtsschule mit Erfolg, hatte auch sofort ein Anstellung in der Provinz, wo er gut zu leben wusste, bevor ihm dann einige Jahre später in einem anderen Government die Stelle eines Untersuchungsrichters angeboten wurde. Hier lernte er dann auch eine junge Dame kennen, die ihm zwar durchaus angenehm war und die er dann auch ehelichte, jedoch zu sagen, warum er dies tat, vermochte er nicht. Am ehesten wohl aus der Gewissheit heraus, daß diese Heirat von den Kreisen, zu denen er gehören wollte, für gut und richtig angesehen wurde. Denn dies war seine Handlungsmaxime: nicht unangenehm aufzufallen, dazu zu gehören, sich sozusagen an die Höheren anzuschmiegen.

Allein – die Ehe war ihm hin und wieder und immer öfter eine Fessel, die ihn z.B. hinderte, die Abende in der ihm so angenehmen Art mit seinen Freunden beim Kartenspiel zu verbringen. Das Zusammenleben mit seiner Frau wurde immer konfliktbeladener, er floh es auch, indem er sich auf seine Arbeit konzentrierte. Dann, nach Jahren (seine beruflichen Aussichten waren mittlerweile schlecht), nutzte er die Chance, eine relativ hochdotierte Stellung in einer anderen Stadt anzunehmen.  Das Glück schien ihm wieder hold zu sein, was zählte da der kleine Sturz von der Leiter, als er die neue Wohnung für sich und seine Familie renovierte. Ein paar blauen Flecken, ein bischen Schmerzen, die sicher bald weggehen würden… Mit Theaterbesuchen, Feiern, Kartenspiel, neuen Bekannten richteten sie sich ihr Leben aufs Vortrefflichste ein. Allerdings – manchmal verspürte Iwan Iljitsch einen unangenehmen Geschmack im Mund und einen dumpfen – konnte man es schon so nennen? – Schmerz an der linken Seite des Leibes, vllt eher ein lästiges Gefühl, verbunden mit steter Schwere und daraus resulitierend schlechter, ja, sich immer weiter verschlechternder Gemütsstimmung….

Hier, mit Beginn des vierten von insgesamt zwölf Kapiteln, stupst der Tod den Iwan Iljitsch zum ersten Mal an, unmerklich daß es der Tod ist für die Betroffenen; für uns Leser, die wir den Titel des Buches kennen und der Totenmesse schon beigewohnt haben, ist es offensichtlich. Iwan Iljitsch ist jetzt 45 Jahre alt, sein Leben ist geordnet in gesicherten Verhältnissen, er ist beruflich anerkannt und verkehrt in den Kreisen, denen er sich zugehörig fühlt. Die Tochter hat einen ernsthaften Verehrer, der akzeptabel ist, auch der Sohn macht keinen Kummer. Daß die Gemeinsamkeiten zwischen den Eheleuten abgenommen haben, nun ja, das komfortable Leben tröstet darüber hinweg. Warum also sollte Iwan Iljitsch jetzt sterben sollen?

Tolstoi schildert nun den Krankheitsprozess seiner Titelfigur in all seinen Auswirkungen und Facetten für die Betroffenen. Das stete Unwohlsein, der Schmerz, der die Psyche des Erkrankten verdunkelt, zu schlechter Stimmung führt und damit zu Streit in der Familie, die ihrerseits wenig Verständnis für den Erkrankten hat. Die Arztbesuche sind unergiebig, im Grunde fühlt sich Iwan Iljitsch beim Arzt wie vor Gericht sitzend, nur daß er es jetzt ist, der auf sein Urteil wartet, es nicht aufhalten kann und es auf sich nehmen muss. Aber auch die Ärzte vertrösten nur, jeder hat eine andere Meinung über die den Beschwerden zugrunde liegende Ursache, erzählen ihm von Problemen mit der Niere oder dem Darm, die man in den Griff bekommen können, er solle nur seine Medikamente nehmen und sich schonen…. was er aber so regelmäßig wohl nicht tut und schon gibt ihm seine Frau die Schuld an der Malaise….

Hoffnung, Zweifel, Wut, der Versuch, sich durch konzentrierte Arbeit abzulenken: Iwan Iljitsch durchleidet alle Gefühle und immer dieser zermürbende Schmerz, Tag und Nacht sein Begleiter. Schon hat er sich zum Schlafen eine Kammer neben seinem Arbeitszimmer zurecht gemacht, liegt dort isoliert von der Familie, die hin und wieder mehr der Form halber dort wie auf Besuch hereingeht, mehr jedenfalls Besuch als lebe er noch mit ihnen. Durchwachte Nächte mit Grübeleien: Warum? und die niederschmetternde Erkenntnis, daß der Satz, daß alle Menschen sterblich sind, nicht abstrakt ist und in weiter Ferne gilt (so wie er bisher fühlte), sondern daß er sehr wohl bedeutet, daß auch er, Iwan Iljitsch, sterblich ist. Ja, in diesem dunklen Stunden, allein mit den Schmerzen in seiner Kammer liegend, spürt Iwan Iljitsch, daß es der Tod sein könnte, der sich an ihn wendet, sich mit Schmerzen ankündigt und Übelkeit und dessen Gewissheit langsam in das Bewusstsein des Erkrankten einsickert.

Iwan Iljitsch leidet, er leidet mehrfach. Nicht nur quälen ihn die körperlichen Ankündigungen seines nahenden Endes, nein, vielmehr quält ihn die Lüge, in der er zu leben sich gezwungen sieht: obwohl er um seinen möglichen, wahrscheinlichen, ja: manchmal ihm sicher scheinenden Tod weiß und auch seine Familie dies wissen könnte (allzu deutlich hat sich sein Zustand in den letzten Wochen verschlechtert, als könne man diese Möglichkeit noch leugnen), spricht niemand es aus. Es finden keine Gespräche statt, die Trost spenden können, die Kommunikation wird immer oberflächlicher von der Familie her, hasserfüllter von Seiten des Kranken, der sich allein, so elend allein fühlt, der einfach nur einmal in den Arm genommen werden will und weinen dürfen möchte…

Wenn… Gerassim, der Knecht, der einfache Mensch vom Land, er ist der einzige, der Iwan Iljitsch so nimmt, wie er ist: krank, hilfsbedürftig (auch bei den peinlichen Funktionen des Körpers zu deren Verrichtung Iwan Iljitsch jetzt Hilfe braucht, um die er seine Frau nie fragen könnte…) und sterbend. Er macht dies ohne große Worte zu verlieren, ist einfach da und spendet seine Nähe. Denn dieser einfache, ungebildete Mensch weiß in seiner Herzensgüte, daß auch er einmal sterben muss und dann Hilfe braucht und Begleitung…

„Alles, wodurch du gelebt hast und noch lebst, ist – Lüge, Betrug,
die vor dir das Leben und den Tod verschleiern“

Das Sterben des Iwan Iljitsch ist nicht leicht, Tolstoi läßt ihn seinen Tod nur unter Qualen finden. Außer dieser Lüge des Verschweigens nämlich wühlt den Sterbenden ein weiterer Gedanke auf: in der Rückschau auf sein Leben deucht ihm immer, daß es vielleicht doch nicht so gut war, wie er immer annahm. Die Vergnügungen, die angenehmen Stunden mit den Freunden beim Kartenspiel, die Zerstreuungen, die er sich gönnte – jetzt, wo er sein Leben betrachtet, schwinden die Erinnerungen daran, immer nichtiger werden sie. In der Kindheit findet er in seinen Gedanken noch Halt, in dieser Zeit damals gab es Momente, die noch nachhallen, die noch präsent sind, die nicht verschenkt waren.

Mit dieser Qual im Herzen und in der Seele entwindet sich ihm ein Schrei, ein Schrei, der drei Tage lang andauert, der seinen Todeskampf begleitet und untermalt, der durch sämtliche Mauern und Zimmer reicht, der seine Familie nicht zur Ruhe kommen läßt. In ihm artikuliert sich alle Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und aller Zorn, es ist sein Kampf gegen das Unvermeidliche, er ist nicht bereit zu gehen, das Leben, das er geführt ist nicht das, welches er hätte führen sollen, gibt es noch einen Weg, es gutzumachen? Für Iwan Iljitsch existiert die Zeit nicht mehr, er lebt und stirbt in einem zeitlosen Raum, nähert sich der Grenze, die er zu überschreiten sich weigert und er es doch nicht verhindern kann…

Doch letztlich läßt Tolstoi seinem Iwan Iljitsch Erlösung in seinem dunklen Todeskampf noch Erlösung zu kommen: er sieht ein Licht in der dunklen Tiefe, in die er stürzt, ein Licht, das ihm Hoffnung gibt… es ist der Moment, in dem der Knabe zu dem sich in der Agonie windenden Vater geht, sich dem Bett nähert und eine Hand des Vaters küsst. Es ist der Moment, in dem Iwan Iljitsch um Verzeihung bittet, auch wenn er es kaum noch aussprechen kann, es ist der Moment, in dem Iwan Iljitsch erkennt, daß er seinen Tod akzeptieren muss, um so seine Familie vom Leid zu erlösen. Es ist der Moment, in dem die Angst vor dem Tod vergeht: „Die Angst war nicht da, denn auch der Tod war nicht mehr da. Anstelle des Todes war das Licht.

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„Der Tod des Iwan Iljitsch“ ist eine sehr intensive und genaue Schilderung eines langgezogenen Sterbeprozesses. Akribisch analysiert und beschreibt Tolstoi weniger die körperlichen Aspekte der von ihm auch nicht benannten Krankheit seiner Hauptfigur, er konzentriert sich auf die mentalen und psychischen Vorgänge, die sich bei seinem Protagonisten abspielen.

Es sind dies vor allem folgende Punkte, die den Krankheitsverlauf bzw. den Sterbeprozess des Iwan Iljitsch bis hin in den finalen Todeskampf hin beherrschen:

  • die gegenseitige Sprachlosigkeit, was die Möglichkeit bzw. den zu erwartenden Tod angeht
  • die Iwan Iljitsch extrem belastende Erkenntnis, daß sein Leben nicht „gut“ war
  • die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod.

Die Sprachlosigkeit… es herrschen oft (und nicht nur damals und bei Tolstois Figuren) Ängste vor, als würde man durch das Aussprechen des Wortes „Tod“ oder „sterben“ selbiges erst verursachen, als könne man, wenn man still bleibt, dies verhindern. Aber trotz aller Probleme ist es wichtig über dieses Thema zu reden, miteinander zu reden und sich so gegenseitig auf die Möglichkeit, daß man stirbt, vorzubereiten….

Das „falsche“ Leben: ja, die Erkentnis, sein Leben „falsch“ gelebt zu haben, kann niederschmetternd sein, Tolstoi läßt es seinen Iwan Iljitsch durchleiden. Schon Ignatius von Loyola schreibt in seinen Exerzitien: „… ich will bedenken und erwägen, wie mir bei dem letzten Gerichte zumute sein wird und welchen Entschluss ich dann über die gegenwärtige Frage gefasst zu haben wünsche; und die Richtschnur, welcher ich dann gefolgt sein möchte, will ich jetzt befolgen, damit einst in jener Stunde Wonne und Freude mich erfülle.“ Lebe und verhalte dich also jeden Tag so, als ob du morgen sterben würdest! Dieser Lebensmaxime ist Iwan Iljitsch sicher nicht gefolgt, ihn reuen die oberflächlichen Vergügungen seines Lebens, die Vergeudung der Zeit, die ihm damals so vergnüglich erschienen.

Womit auch schon der letzte meiner Punkte angesprochen ist: die notwendige Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod als Vorbereitung für das eigene Sterben. Tolstoi läßt seine Figur recht jung sterben, ein Zeichen dafür, daß diese Auseinandersetzung (die Iwan Iljitsch nicht nur vermieden hat, sondern die ihm nie überhaupt in den Sinn gekommen war) nicht früh genug geführt werden kann. Wobei sie nicht dazu führt, daß das Leben durch traurige Gedanken eingetrübt wird, im Gegenteil hilft sie, das Leben bewusster zu führen.

Natürlich ist das Buch nicht frei von Moral. Wenn wir uns die Menschen um Iwan Iljitsch herum betrachten, so sehen wir, daß nur der einfache Knecht Gerassim und der unschuldige Sohn Wasja dem Sterbenden unbefangen und ehrlich gegenüber treten können. Die Gesellschaft in Person der Arbeitskollegen, die restliche Familie, ist dazu moralisch nicht mehr in der Lage, sie alle trennen sich spätestens jetzt seelisch von Iwan Iljitsch, soweit sie diese Trennung innerlich nicht schon längst vollzogen haben. So wenig ficht sie dessen Sterben an, daß Tochter fast in der Todesstunde des Vaters den Heiratsantrag ihren Galans annimmt….

„Der Tod des Iwan Iljitsch“ ist, auch wenn seine Sprache nicht modern ist, ein zeitloses Buch mit Aussagen und Schilderungen, die immerwährende Gültigkeit haben. Und da es gleichzeitig ein schmales Büchlein ist, das sich gut liest, kann ich es jedem nur ans Herz legen….

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag: Der Tod des Iwan Iljitsch
[2] wer eine fundierte Besprechung und Analyse des Buches lesen möchte, kann diese z.B. hier finden: http://religionheute.wordpress.com/2010/11/16/leo-tolstoi-und-der-tod-der-tod-des-iwan-iljitsch/
[3] Wiki-Beitrag: Lew Nikolajewitsch Tolstoi
–  Bildquelle: [1]

mehr Buchvorstellungen zum Thema im Themenblog: Sterben, Tod und Trauer

Leo Tolstoi
Der Tod des Iwan Iljitsch
Übersetzt aus dem Russischen von Julie Goldbaum
Originalausgabe: Moskau, 1886
diese Ausgabe: Anaconda, HC, 112 S., 2008

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