Stanisław Lem: Eden

22. Oktober 2014

lem autor

Sonntags steh´ ich regelmäßig vor meinen Regalen und schau einfach ´mal wieder die Bücher an, die das so stehen… und manchmal greif´ ich nach einem und blättere ein wenig und noch manchmaler lese ich es dann tatsächlich.. so passiert mit diesem kleinen Roman von Stanisław Lem: Eden.

Lem nimmt in meinen Regalen einen recht großen Raum ein, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht, denn leider sind fast alle Bücher von ihm unter anderen als a-b-clichen Gesichtspunkten eingeordnet: die alten Suhrkampf-TBs, Bücher aus der Bibliothek Suhrkamp, dtv-Ausgaben, andere Sonderbände…. Das führt dann dazu, daß ich einen Roman wie Solaris letztlich dreimal besitze, weil ich ihn einfach zweimal nicht gefunden hatte… ;-)


Eden mit Untertitel: Roman einer außerirdischen Zivilisation ist dem Genre: Science Fiction zuzurechnen, die Handlung ist relativ einfach: ein Raumschiff mit 6 Mann Besatzung havariert durch eine Nachlässigkeit und stürzt auf die Oberfläche eines fremden Planeten, von dem durch eine früher dort die Atmosphäre beprobende unbemannte Sonde nur bekannt ist, daß die Luft atembar ist. Die Besatzung (Koordinator, Chemiker, Physiker, Kybernetiker, Ingenieur und Mediziner) überlebt unverletzt, das Raumschiff (die Rakete) ist beschädigt, es besteht aber Hoffnung, sie mit vielen Wenns und Abers wieder einsatzfähig zu bekommen. Man konzentriert sich jetzt auf zwei Sachen: zum einen die Reparatur des Raumschiffs, zum anderen die Erkundung der Umgebung auf dem fremden Planeten, um möglichst auch Wasser zu finden, denn die Vorräte sind knapp und die Sonne brennt in der wüstenartigen Region, in der sie havariert sind, vom Himmel.

Insgesamt werden vier Expeditionen gestartet, in jede Himmelsrichtung eine. Von der Planung her sind diese „Ausflüge“ etwas seltsam, beim ersten gehen alle sechs Männer mit, die anderen sind zum Teil nachts ohne Funkverbindung zum Raumschiff. Allen Ausflügen gemein ist, daß sehr Seltsames beobachtet wird, auf daß sich keiner der Männer einen Reim machen kann. So finden sie z.B. bei der ersten Expedition eine Art Fabrik, die vollautomatisch arbeitet und etwas Undefinierbares produziert, das sofort wieder als Ausgangmaterial für einen neuen Prozesszyklus verwendet wird.

Bei der Rückkehr ins Raumschiff treffen sie dort auf ein Wesen, sehr groß und massig, wie ein amorpher Schleimbeutel, der eine zweite Kreatur enthält. Es kommt zu keiner Kommunikation und am Ende sind beide „Wesen“ tot, erschossen. Der Doktor nennt sie post mortem mangels einer besseren Bezeichnung: „Doppelt“.

Wunderliche Fahrzeuge begegnen ihnen bei anderen Gelegenheiten, aber es sind keine Insassen zu entdecken, seltsame Pflanzen stehen am Weg, sie finden Tote, sehen Skelette, ausgestellt wie in einem Museum, werden fast von panischen Horden solcher in Lumpen gekleideter Doppelts an den Mauern einer Stadt, auf die sie treffen, zerquetscht, sie müssen gegen die Insassen der seltsame Gefährte kämpfen, finden aber auch eine normale Stadt mit normalem Leben…. aus der Ferne drehen sie Filme dieses fast idyllischen Ortes an einem See….

In der Zwischenzeit wird das Raumschiff aber angegriffen. Nicht, daß man es direkt beschießt oder zerstören will, es wird im Gegenteil artilleristisch anorganischer Samen gepflanzt, aus dem eine massivste Glasmauer um das Raumschiff herum wächst…. mit einen Antiprotonenwerfer kann ein Loch in diesen Glaswall geschossen werden, um eine letzte Expedition durchzuführen. Durch das Loch in der Mauer gelingt es einem weiterer „Doppelt“ unbemerkt zu dem Raumschiff zu gelangen. Diesmal kommt es zu einer Art von Verständigung, die zumindest ausreicht, Grundlegendes über die Gesellschaftsstruktur auf diesem Planeten zu erfahren.

Sie erweist sich als ein System der Unterdrückung und des Terrors. Aber trotzdem entscheiden sich die Männer, nicht einzugreifen, sondern mit dem mittlerweile reparierten Raumschiff wieder zu starten und Eden, das von aussen, vom Weltraum aus, so schön aussieht, zu verlassen.


Lems Text ist düstere, klaustrophische Science Fiction. Sechs Männer sind gestrandet und kämpfen ums Überleben und die Rückkehr, bei den Erkundungen der Umgebung sehen sie eine Menge Dinge, die sie nicht verstehen. Lem schildert diese Expeditionen in langen Passagen, in denen er die Landschaft beschreibt, in denen er phantastische Szenarien entwirft und ausmalt. Nicht alles kann man sich als Leser vorstellen oder visualisieren, damit ist der Leser in einer ähnlichen Situation wie die Raumfahrer, die des Nachts dort erkunden: auch sie sehen nur eingeschränkt durch die Dunkelheit, die ihre Lampen und Lichter nur ungenügend durchdringen. Es ist die Kunst Lems, daß diese seitenlangen Expeditionsbeschreibungen mit unerklärlichen Dingen an keiner Stelle langweilig sind, im Gegenteil, es baut sich diese beengende, klaustrophobische Spannung auf, weil man wie die Männer in der Geschichte, völlig im Dunkeln tappt.

Das ist das eigentliche Thema Lems in seiner Geschichte, die er auf einen fremden Planeten verlegt hat: Der Mensch im allgemeinen und besonderen tut sich sehr schwer, nur zu beobachten und wahrzunehmen. Automatisch fängt er parallel zur Beobachtung an, zu kategorisieren, in Schubladen zu stecken, ihm bekannte Erklärungsmuster auf das Unbekannte anzuwenden… Der Arzt ist es, der immer wieder versucht, alternative Erklärungen zu finden: vllt waren die „Doppelts“ ja garnicht wegen ihnen so in Panik, sondern sie waren nur zufällig anwesend, als aus einem anderen Grund Panik ausbrach… vllt soll die Glasmauer ja garnicht sie einsperren, sondern Bewohner des Planeten hindern, zu ihnen zu gelangen… So wichtig solche eingefahrenen Denkschemata im Normalfall auch sind, man muss sich der Gefahren, die sie bergen, bewusst bleiben…. nicht jeder aus der Crew kann diese Zweifel des Mediziners akzeptieren, es gelingt dem Koordinator aber immer, offenen Streit zu vermeiden und Kompromisse zu finden.

Wie schon erwähnt, mit dem „Doppelt“, der sich unbemerkt durch das Loch in der Glasmauer zur Rakete schleichen konnte, kam eine rudimentäre Kommunikation zustande. So erfuhren die Raumfahrer, daß auf dem Planeten ein diktatorisches System herrscht, dessen Repräsentanten anonym bleiben, nicht bekannt sind. Es hat genetische Experimente gegeben, die verheimlicht werden, aber zu vielen Missgeburten bei den „Doppelts“ geführt haben. Für die Männer stellt sich die Frage (und ein Schelm, wem hier Worte wie „Iraq“, „Afghanistan“ oder „Libyen“ einfallen… [2]), ob sie eingreifen und gegen das Regime kämpfen sollen…. Lem läßt die Männer diskutieren:

  • … jede Intervention im Dienste dessen, was wir für gut und richtig halten, jeder Versuch dieser Art würde höchstwahrscheinlich genauso enden wie unser heutiger Ausflug. Mit dem Gebrauch des Annihilators. …

  • … Alles, was hier geschieht, ist Glied in der Kette eines langwierigen historischen Prozesses. Der Gedanke an Hilfe resultierte aus der Annahme, die Gesellschaftr eile sich in „Gute“ und in „Böse“. …

  • … Du kannst hier nicht das Modell unserer Zivilisation einführen. Du müsstest den Plan einer anderen entwerfen, die auch noch nach unserem Abflug funktionierte. …

  • … Ich befürchte, ihr würdet in einem Anfall von Edelmut hier „Ordnung“ machen wollen, was, in die Praxis übertragen, Terror bedeutet hätte. …

Außer diesen sehr grundsätzlichen Überlegungen der Männer läßt sich das auf Eden herrschende System auch problemlos als Bild für die politische Struktur des Ostblocks zu der Zeit, in der Lem diesen Roman schrieb (1959) interpretieren….


Kurz und bündig: Eden ist ein spannender, klaustrophobischer, intelligenter SF-Roman mit erstaunlich aktuellen Bezügen. So wie es von einem Roman, den Lem geschrieben hat, erwartet werden kann.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über den Roman: http://de.wikipedia.org/wiki/Eden…
[2] der Leitartikel des Spiegel (Ausgabe 34/2014 vom 18. August) kommt ebenfalls auf diese Frage zu sprechen und verweist darauf, daß es in Ländern, in denen nicht von aussen eingegriffen wurde, keineswegs besser aussieht: Syrien und Ruanda führt er als Beispiele an….
[3] auf youtube sind clips zu finden, in denen der Text gelesen wird:  https://www.youtube.com/watch?……., ganz nett ist auch dieser Clip, auf dem das Romanthema künstlerisch umgesetzt wird:  https://www.youtube.com/watch?……

Weitere Bücher von Lem hier im Blog
Solaris: https://radiergummi.wordpress.com/2008/11/24/stanislaw-lem-solaris/
Provokation: https://radiergummi.wordpress.com/2012/02/29/stanislaw-lem-provokation/

[B]ildquelle: Autorenbild: http://de.wikipedia.org/wiki/Stanisław_Lem,

Stanisław Lem
Eden
Roman einer außerirdischen Zivilisation
Übersetzt aus dem Polnischen von Caesar Rymarowicz
Originalausgabe: Eden, 1959
diese Ausgabe: dtv, ca. 290 S., 1983

Stanislaw Lem: Provokation

29. Februar 2012


Als Band 740 erschien 1982 in der altehrwürdigen Bibliothek Suhrkamp ein kleines Bändchen mit einem Essay des polnischen Gelehrten Stanislaw Lem, in dem dieser das fiktive Werk des (ebenfalls fiktiven) deutschen Anthropologen und Historikers Horst Aspernicus: Band 1: „Endlösung als Erlösung“ und Band 2: „Fremdkörper Tod“ bespricht.  Von diesen beiden Bänden will ich hier kurz auf den ersten eingehen.

Thema der Arbeit Aspernicus ist die Genese und die Einordnung des Völkermords im Allgmeinen und insbesondere der des Nationalsozialismus an den Juden.

Es ist ein schwieriger Text, ich habe es jetzt zweimal gelesen und möchte nicht behaupten, alles verstanden zu haben, um so interessanter natürlich, dieses Büchlein vorzustellen.

Anfänglich analysiert Lem/Aspernicus, aus welchen Motiven heraus Sieger Besiegte töten, selbst wenn der Kampf, die Auseinandersetzung, der Krieg entschieden ist. Dieses oft massenhafte Töten besiegter Feinde gehörte seit altersher zum Brauchtum des Siegers. Zum einen verminderte man dadurch die Zahl potentieller Rächer und künftiger Vergelter, zum anderen stellte man damit auch die eigene Stärke zur Schau. Passte es ins Kalkül, war die Versklavung und Unterjochung des besiegten Volkes eine unblutige Alternative. Wichtig, so legt Lem seinem Autoren in den Mund, ist, daß praktische Gesichtspunkte des Eigennutzes für den Sieger bei seiner Behandlung des Feindes ausschlaggebend waren.

Im Verlauf der Jahrhunderte bildeten sich jedoch langsam Verhaltenskodices heraus, die letztlich dazu führten, daß der militärische/kriegerische Erfolg völlig vom Mord an Besiegten getrennt wurde, modern kodifiziert in der Haager Konvention. Zwar geschahen auch in der Neuzeit noch Akte des Völkermords, jedoch fehlte ihnen – nach Aspercius – der archaische Charakter bzw. das eigennützige Interesse der Urheber. Vielmehr verdeutlicht er, daß das erfolgte Abschlachten notwendig war, um bestimmte Ziel zu erreichen (Landeroberungen, Sklavenjagd etc).

Eine Art Zäsur in der Genese des Völkermords erkennt der Autor in dem Massaker der Türken an den Armenieren (die ja immer noch in der Einordnung als Völkermord heftig umstritten sind, wie die aktuellen Auseinandersetzungen zwischen der Türkei und Frankreich zeigen, Franz Werfes Buch: Die vierzig Tage des Musa Dagh schildern dieses Massaker in aller Breite, Anmerk. d.Verf.), das für die Türken keiner Nutzen oder Gewinn brachte. Damit entspricht er dem nationalsozialistischem Genozid an den Juden: auch dieser hatte für Deutschland keinerlei Nutzen, ganz im Gegenteil, er band erhebliche Mittel an Personal und logistischen Einrichtungen und er wurde vor der Welt mit einer Vielzahl von Euphemismen verheimlicht. Noch in den Lagern selbst wurde den Juden die Hoffnung auf ein Überleben nicht völlig genommen.  Je totaler der Mord, um so mehr wurde er mit Geheimhaltung umgeben. Daraus und aus der Tatsache, daß es für die Nazis, die zu diesem Zeitpunkt ja noch an ihr Tausenjähriges Reich glaubten, durchaus effektive, mit weniger Nachteilen verbundene Alternativen zum blutigen Genozid an den Juden gegeben hätte, folgert Apercius, daß aus der 1942 gefällten Entscheidung zur „Endlösung der Judenfrage“ reine Mordlust spricht:

„Mit einem Wort, es ging nicht nur um den Nutzen aus dem begangenen Verbrechen, sondern um die Befriedigung, die seine Ausführung verschaffte.“

Über Sieger sitzt niemand zu Gericht. Deshalb widmet sich Aspernicus der Frage, warum – trotz des vermeintlich sicheren Sieges vor Augen – der Völkermord an den Juden so euphemisiert wurde (Endlösung, Umsiedlung, Arbeit macht frei). Als Grund dafür erkennt er den immanenten Widerspruch, der darin liegt, daß er Arier der Erste unter der Menschen sein sollte, der aber in seinem Tun gleichzeitig der Mörder Wehrloser ist. Gerade in der Verleugnung sieht der Autor ein starkes Indiz dafür, wie sehr die Nazis in der christlichen Kultur verankert waren, denn „… in diesem Kulturkreis kann man alles tun, was aber nicht heißt, daß man auch alles sagen kann.“ [dem Sinn nach zitiert].

Der nächste Abschnitt des Buches befasst sich mit dem Neonazismus, der trotz drückenster Beweise den Völkermord immer noch leugnet und als Fälschung bezeichnet, er betrachtet auch die Rolle der Philosophie am Beispiel des Philosophen Heidegger und kommt zum Schluss, daß ein Philosoph aus prinzipiellen Gründen zu den Verbrechen der Nazis nicht schweigen darf und daß – noch weiter verallgemeinert – jeder Mitschuld trägt, der „…den Stellenwert dieses Verbrechens in der Ordnung der menschlichen Existenz möglichst niedrig ansetzt.

Im folgenden lässt Lem seine Aspercius ausführen, daß Deutschland den Krieg nie hätte gewinnen können, sondern ihn nur noch totaler verloren hätte, selbst und gerade wenn es im Osten gegen Russland gewonnen hätte. Dann nämlich hätte sich Amerika auf jeden Fall gezwungen gesehen, die (maßgeblich auch von aus Europa vertriebenen Juden mitentwickelte) Atombombe auch auf Deutschland zu schmeissen, bevor die Nazis selbst („Uran-Projekt„) diese Bombe herstellen könnten.

Mit Hitler und Himmler charakterisiert Aspernicus zwei der hervorstechendsten Figuren des 3. Reiches. Bei Hitler erkennt er die Zwiespältigkeit seines Charakters, der in persönlichen Dingen keinerlei Ausschweifung kannte, sich im Spiel um die Macht jedoch keinen Regeln unterwarf: „Er war gut zu Hunden, Sekretärinnen, Dienern und Chauffeuren, seine eigenen Generäle aber ließ er wie Schweine am Schlachterhaken aufhängen, Millionen von Gefangenen ließ er verhungern.„. Für Himmler, einen Mann beschränkte Geistes, konstatiert er, daß dieser wie ein aus der Flasche entlassener Ungeist die Möglichkeiten, die ihm seine Stellung gab, ausnutzte und sich austobte. Er war es, der den Mord als Pflicht, als Aufopferung, als Mühe und als Ruhmestat glorifizierte [„Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen daliegen oder tausend. Das durchgestanden zu haben und dabei anständig geblieben zu sein, ist ein niemals geschriebenes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“ nach „Himmler-Projekt„]

Schließlich kommt Aspernicus auf den tiefsten, weil letzten Sinn dieses Völkermord, zu sprechen. Es ist die kitschige Ikonographie des Abschlachtens, die nackten Menschen, die vor den Herrenmenschen an den Graben treten, jetzt im sicheren Wissen um ihren Tod, und erschossen werden. Nackt, wie Gott sie schuf, stehen sie vor ihrem Herrn und Richter (auch wenn das Urteil natürlich feststeht), es ist das Bild des Jüngsten Gerichts. Derart erhöhte sich die Clique der „Lumpenproletarier“, der „ungebildeten Flegel“ und „Unteroffizierssöhne“, der „Bäckergehilfen“ und „drittklassigen Schreiberlinge“ selbst zum Vater über die nackten Menschen, zum Gottvater in seiner Allmacht über Leben und Tod.

Die Juden waren die fixe Idee des Dritten Reiches, ihre Verfolgung und Ausrottung wurde mit geradezu selbstzerstörerischer Konsequenz betrieben, der Jude an sich war für die Nazis die Manifestation des Bösen, so sehr, daß Systemfeinde, die nicht jüdisch waren, als „weiße Juden“ bezeichnet wurden. Und das Böse gehört ausgerottet, den Juden sollte das widerfahren, was ihnen nach Recht und Gesetz gebührte und ausersehen, dies durchzuführen, waren in der Ideologie der Nazis die Deutschen, es wurde geradezu zu einer persönlichen Angelegenheit („Hier liegen MEINE Juden“ verscharrt….“). Die Quintessenz seiner Argumentation führt Aspercius zu dieser Schlussfolgerung:

Da die Deutschen Gott nicht töten konnten, töteten sie sein „auserwähltes Volk“, um dessen Platz einzunehmen und nach der blutigen Entthronisierung in effigei zu selbsternannten Auserwählten der Geschichte zu werden….. Der Genozid ist die stellvertretende Exekution Gottes.

die uns radikal und ungewöhnlich erscheint, mit der Lem aber letztlich nicht allein steht, wie man im Artikel von Bauer (s.u.) nachlesen kann.

Der Text Lems ist eine stringente Auseinandersetzung mit der verstörenden Frage, aus welchen Motiven eine politische Klasse (und in der Folge ein großer Teil eines ganzen Volkes) sich ein selbstzerstörerisches, den eigenen Ansprüchen der Auserwähltheit entgegenstehendes Verhalten als politische Maxime zu eigen machen kann. Und das überraschende ist das Ergebnis, daß ausgerechnet die Ideologie des Nationalsozialismus „auf christlich-antijüdischen, albtraumartigen Vorstellungen“ [Bauer] beruht.

Links:

http://www.stanislaw-lem.de/buch/provokation.html
http://www.hansschauer.de/html/dir4/ch10t11.html
Yeshua Bauer: Die Schande bleibt, Die ZEIT, 23.03.2005

Die Besprechung wurde am 11.02.2012 in den Jüdischen Lebenswelten erstveröffentlicht

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