Jan Kjærstad: Rand

Auf diesen Roman bin ich durch Zufall (Vorbestimmung?) gestoßen, sammle ich doch hin und wieder alte Ausgaben der Reihe Die Andere Bibliothek. Weder vom Titel noch vom Namen des Autoren, Jan Kjærstad [1], wäre ich wohl sonst auf diesen außergewöhnlichen Roman getroffen. Außergewöhnlich, weil schon der erste Satz ohne jede weitere Einleitung schockiert (berührt? verwirrt? irritiert?), so direkt und unvermittelt findet man das selten formuliert, zumal das Sujet der Frage kein Alltagsproblem berührt [2]….


Ich weiß plötzlich, ich sehe – und ich schreibe dies in vollem Ernst –
eine Milliarde Milchstraßen in der Hülle namens Mensch.

Das Buch spielt in Norwegen, genauer Oslo, zur Zeit des Ölbooms [5], in dem viel Geld in das Land fließt und sich die Stadt baulich erneuert und stetig verändert. So ist sie neben dem Erzähler die zweite Hauptperson des Romans, man müsste diesen Roman mit einem Stadtplan an der Hand lesen, denn  Kjærstad führt uns auf vielen Spaziergängen, die seine Hauptfigur unternimmt, durch die Stadt, schildert die Gebäude, die Aussichten, die Baustellen… Ist es verwunderlich, daß der namenlos bleibende Protagonist bei seinen Spaziergängen auch auf einen Architekten trifft und mit ihm ins Gespräch kommt? Nein, ist es nicht, auch wenn der Erzähler dieses Faktum erst posthum, nach dem gewaltsamen Tode Beckers durch die Zeitung erfährt. Der Tote ist der Zeitung eine Meldung wert, in der ein wenig über ihn geschrieben wird, genauso wie über einen weiteren durch Gewalt verursachten Todesfall, bei dem ein ??? stirbt. Als dann eine dritte Leiche, diesmal eine Frau, gefunden wird, wächst die Aufregung (Angst? Besorgnis? Empörung?) unter den Einwohnern, eine Serie wird vermutet, die Zeitung stellt Spekulationen (Holmen!) an und die Polizei setzt ihren erfolgreichsten Vermittler auf den Fall an. Auch unser Protagonist rätselt über die Geschehnisse, verfolgt die Theorien und Hypothesen in Presse, Funk und Fernsehen (Tonga? Deutsche Nachnamen der Opfer? Juden?), die auf Gemeinsamkeiten und damit potentielle Spuren hindeuten, die jedoch durch den nächsten Toten immer wieder obsolet (wie komme ich auf das Wort? .. ein wirklich treffender Ausdruck…) werden.

Schwitzen Sie denn nicht an der Nasenwurzel?

Der Ich-Erzähler lebt in guten Verhältnissen, ist in einer EDV-Firma mit Sonderprojekten betraut. Ingeborg, seine Lebensgefährtin (Frau? Freundin? …) ist meist in der Welt unterwegs (Reiseführerin? Stewardess? Flugbegeiterin?). Sie scheinen glücklich miteinander zu sein, kehrt Ingeborg von einer Reise zurück, nimmt sie sich kaum Zeit, sich der Kleider zu entledigen, um den Erzähler sofort zu Höchstleistungen zu treiben. So reitet sie ihn (ein-zwei-drei) mit Barett auf dem Kopf, oder erregt ihn maßlos durch Küsse der besonderen Art, immer jedoch ist der Erzähler der passive Part des Spiels.

Die Düfte, die Dichte, die Fruchtbarkeit. Die Verwesung.

Aktiv ist dagegen die Beziehung, die er zu seinen flüchtigen Zufallsbekanntschaften eingeht. Er hat keinen Plan (aber das Fatum (ein wunderbares Wort) vielleicht… möglicherweise herrschen Zusammenhänge, die es noch zu finden und zu ergründen gilt… zu sehr wirken die Umstände, als wäre nur blinder Zufall im Spiel…?), den wir erkennen können, erst im Nachhinein fallen Gemeinsamkeiten auf, die sich für den Erzähler wie Spalten darstellen, die den Vorhang zu einer hinter unserer Realität liegenden weiteren Wirklichkeit eröffnen.

Wo sind deine Schwänke? deine Sprünge? deine Lieder? deine Blitze von Lustigkeit?

Die Beziehung, die der Täter zwischen sich und den Opfern knüpft, endet nicht mit deren Ableben, im Gegenteil beginnt sie dort erst. Denn das gelebte Leben seiner Toten interessiert den Erzähler, er recherchiert, macht sich kundig über sie, wo sie gelebt, gearbeitet haben, wohin sie reisten (Tonga?), was sie taten… je mehr er erfährt, desto näher kommt er ihnen, als desto intensiver empfindet er diese Beziehungen. Hier ist er so aktiv, wie er bei unter Ingeborg passiv bleibt.

Diese Stearinkerzen sind schlechter als die alten,
die noch aus dem Tran des Pottwals gemacht wurden.

Sein Idol jedoch ist Zakariassen, der charismatische Ermittler der Osloer Polizei, ihn bewundert, ja verehrt er. Seine Arbeit, seine Hypothesen, die Spuren, die er verfolgt: wenn jemand diesen Fall löst, dann wird es Zakariassen sein, so ist sich der Erzähler sicher… eine Wertschätzung, die in gewisser Weise erwidert wird: auch der Kommissar hat vor dem Mörder einen großen professionellen Respekt…

Wenn ich überlege, bin ich in erster Linie inspiriert.

Es ist seine Chance… Bei der Polizei wird eine EDV-Stelle ausgeschrieben, der Protagonist bewirbt sich, wird angenommen und imponiert seinem Idol durch seine Äußerungen so sehr, daß Zakariassen ihn als eine Art Joker in sein Ermittlungsteam holt. Mit dem unvorbelasteten Blick das Aussenstehenden soll er eingefahrene Gleise der Routine aufbrechen. Eine Aufgabe, die ihn packt, die ihn in Beschlag nimmt, in die er alle Energie steckt. Und wirklich, er fördert Querbeziehungen unter den Opfern zu Tage, an die kein Mensch vorher gedacht hat. Zwar findet auch der Erzähler den Täter nicht, doch – das ist eine Ironie des Buches – so manch anderes Verbrechen wird im Lauf der Wochen, wenn den ansonsten unergiebigen Spuren nachgegangen wird, aufgeklärt…


Das ist schon eine schräge Story: ein Mann, der auf seinen Spaziergängen durch Oslo auf Menschen trifft, mit ihnen ins Gespräch kommt und dann auf einmal sind sie tot, mit einem Stein erschlagen, von -zig Tritten totgetreten, mit einer Hutnadel durchs Ohr ins Hirn oder einem Messer in den Bauch gepiekt… nicht immer weiß unser ‚Held‘, wie das genau nun passiert ist, vor der einen oder anderen Leiche scheint er genauso verblüfft zu stehen wie wir als Leser. Es sind Tötungen (Morde sind es ja zumindest für die deutsche Gesetzgebung eigentlich nicht, es fehlt die niedere Gesinnung, er raubt die Toten ja nicht aus, allenfalls Kleinigkeiten nimmt er mit wie Bergmanns Feuerzeug, mit dem er später dann den Kollegen auf dem Präsidium immer Feuer geben sollte…), die dem absoluten Zufall entspringen, zwischen Täter und Opfer gibt es keine Beziehung ausser den wenigen gemeinsamen Minuten vor der Tat. So zufällig wie die Taten sind, so sinnlos sind sie: es gibt kein Motiv außer dem Stein, der herumliegt, dem Messer, das auf den Boden fiel, die Hutnadel, die den Hut im Haar fixierte…

Entsprechend hilflos sind die Reaktionen der Öffentlichkeit und der Polizei. Letztere hat ihre Ermittlungsroutinen, die aber in diesem Fall ins Leere laufen. Die Öffentlichkeit (Holmen!) spekuliert, teilweise durch originell und intelligent und setzt die Polizei damit unter Druck, zumal diese auch manchmal an der Grenze ihrer Befugnisse operiert. Und in dieser Situation wird ausgerechnet der gesuchte Täter als Ermittler zur Verstärkung ins Team geholt und er erweist sich dort als einer der eifrigsten. Nicht, daß er irgendetwas sabotieren würde, im Gegenteil, er setzt alles daran, den Täter zu ermitteln und seinem Freund (ja, das kann man so sagen, es hat sich eine reine und unbefleckte Beziehung zwischen dem Erzähler und dem Kommissar entwickelt) damit zu helfen. Diese Konstellation zieht Kjærstad dermaßen konsequent durch, daß man als Leser sehr verunsichert ist: weiß der Erzähler überhaupt, was passiert ist und welche Rolle er dabei spielt?

„Ganz am Anfang war ich sicher, der Täter sei verrückt“, sagt Zakariassen. „Diese Verbrechen hatten etwas so … Nutzloses, daß es gewissermaßen menschlich unmöglich war. Ich habe den Betreffenden als einen verwirrten Menschen betrachtet, der versucht an Gottes STelle zu treten. Oder einen, der gegen Gott kämpft. – „Und jetzt?“ … „Wir stehen einem Genie gegenüber. Einem Menschen, der jahrelang kalkuliert und geplant hat. Einem Meister in der Detailberechnung von Effekten, einer Person mit eiskalter Geduld. „

Der Täter ist krank, sicherlich. Ich denke, das kann man auch als Laie konstatieren, obwohl wir ja jetzt gelernt haben, daß Ferndiagnosen prinzipiell abzulehnen sind (Trump). Der Tod seiner Opfer ist für ihn das Eintrittstor in ihr Leben, er interessiert sich dafür, recherchiert es, informiert sich, die diversen Theorien, die die Öffentlichkeit suchen (Holmen!) faszinieren ihn und regen ihn an, weiter zu denken, Assoziationen nachzuspüren. Er lernt seine Opfer immer besser kennen, sie werden ihm immer sympathischer, je mehr er von ihnen weiß.#


Genau hier, in dieser Sekunde sah ich es. Ich bin nicht imstande, es zufriedenstellend zu erklären. […] Als erschiene in der Wand, die du ein Leben lang angestarrt hast, plötzlich ein Spalt. Kurze Zeit siehst du etwas Phantastisches, ganz Unbeschreibliches … wohlgemerkt, als etwas Potentielles oder vielleicht Hypothetisches – in Form eines Lichts, eines Scheins, eines Glanzes – durch diesen Spalt. Dann ist er weg. Oder du findest ihn nicht wieder. Alles ist wie vorher.

Es sind dies die Momente, in denen er tötet, als könne er dadurch den Spalt öffnen, Zugang zu diesem anderen, phantastischen erlangen, das ihn so anzieht, das so unbeschreiblich ist, daß er im Lauf der Wochen und Monate und Toten immer größere Probleme bekommt, es in Worte zu fassen, er sogar an der Potenz von Worten zweifelt, es überhaupt fassen zu können…


Der Roman erinnerte mich schon in den ersten Seiten an die wenigen surrealistischen Romane, die ich gelesen habe (es ist gut, daß ich das jetzt gesagt habe. Zwar bin ich kein Experte, aber dieser Eindruck lag einfach nahe, der Gedanke ist einfach großartig, jedes andere Wort wäre zu wenig…)… Irene [3], Ingeborg (Zufall? Notwendigkeit? Monod? Monade? Gonade? Sonate? Wie doch schon ein Buchstabe ganze Welten ändert, hin und her springt zwischen Entitäten, die so fern voneinander liegen und doch nur einen winzigen möchte ich sagen, Buchstaben von einander entfernt. Oder zwei. Unerahntes…)… Die Hölle… Das Vaterland und der Samenspritzer, der wie ein Schussfaden durch das Gewebte dringt… Oslo-City, die Kräne, die wie Arme schwenken und wie Dirigenten ein Orchester der Bauarbeiter führen, den Himmel über Oslo strukturieren. Wieso hat sich Bergman nicht gewehrt, der Kampfsportler? Ein Horn ist im Koffer, o Leser, o Leser – Ein Horn ist im Koffer, o Leser – Ein Horn! Ich denke an ein Schiffsdeck oder an Amerika, ich denke an große Tanzsäle, ich denke an … Ich suche lange: Ich denke an Kirchenmusik. Das Gestreifte des Tigerfells. Spalte über Spalte, in feuerrotem Hintergrund. Hurz.


Kjaerstad ist ein reflektionsbewußter Schriftsteller, der die Poetik der Postmoderne in Opposition zu den literarischen und weltanschaulichen Idealen der vorausgegangenen Generation konstruiert. Die Postmoderne ist bei Kjaerstad keinesfalls Unterbrechung, sondern eine Weiterentwicklung der Moderne, ein Ausdruck der pluralisierenden Reflexion angesichts der Heterogenität der Zeit. Sie entzieht sich jeder zentrifugalen Kraft und damit auch jeder Definition. Dies alles spiegelt sich auch im vorliegenden Roman Rand. Mir ist zwar – ich gebe es unumwunden zu – nicht ganz klar, was das alles bedeutet, aber ich finde diesen Satz in der Textanalyse von Miluse Jurickova [4] einfach wunderbar, er ist so… ja, genau, genauso ist er!

Jedenfalls hat Kjaerstad mit seinem Roman eine fantastische Reise in das Hirn und in die Gedankenwelt eines Menschen geschildert, der einerseits auf der Suche ist nach der Wahrheit hinter der Realität und der andererseits ganz offensichtlich Probleme hat, Beziehungen zu knüpfen, denn solches gelingt ihm erst mit den Toten, die er sich selber schafft. Daneben ist das moderne Leben im Oslo des Jahres 1988 [5] Thema, die Veränderungen in der Stadt, die Bautätigkeit, die das Alte zum Verschwinden bringt und Neues bringt. Der namenlos Bleibende hadert damit, ihm ist das Zwischenstadium, das ihm Raum gibt für Assoziationen, für Phantasien, wertvoller: Ich sah zu dem Betonskelett, mir gefiel der Gedanke nicht, daß sie anfangen würden, es mit Fassadenplatten und Spiegeln zu verkleiden. Drittes Element des Kjaerstadschen Romanes ist die Öffentlichkeit. Sie ist in Form von Zeitung und TV-Berichten (die Mordserie beunruhigt Bevölkerung und Politik natürlich stark) an der Jagd auf den Täter beteiligt, in einer Art Einflüsterung wirkt sie (Holmen!) sogar auf den Gang der Ermittlungen ein, die (herrliche Ironie) eine Vielzahl von Verbrechen aufklärt, nicht jedoch das eine. Bezeichnend wird der Kommissar zum Star, sogar zum Norweger des Jahres gewählt, er ist das Idol des Erzählers, ihm wünscht er aus ganzem Herzen Erfolg…

Der Roman wird, so über ihn geschrieben wird, teilweise als Krimi bezeichnet. Das ist er aber meiner Meinung nach nicht, mit gleicher Berechtigung könnte man ihn dann ebenfalls als erotischen Roman einstufen, denn die Schilderung dessen, was geschieht, wenn des Täters Ingeborg mal wieder in der gemeinsamen Wohnung eintrifft (leider zu selten….), erheben sich vom Niveau her meilenweit über das, was man mittlerweile in der Masse der erotischen Literatur antrifft. In welches Genre Rand nun ‚eigentlich‘ gehört, ich weiß es nicht, es ist aber auch egal, denn es ist so oder so ein faszinierendes, irritierendes, befremdliches Stück Kunst. Wer die Gelegenheit hat, das Buch zu lesen, sollte sie auf jeden Fall nutzen!

… und mir verzeihe man die etwas skurrile Art des vorstehend stehenden Textes, wer das Buch liest, wird die hingestümperten Anspielungen verstehen.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren die Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Kjærstad
[2] https://twitter.com/flattersatz/status/893384862345940992
[3] zu Irene: Albert de Routisie (Louis Aragon): Irènehttps://radiergummi.wordpress.com/2015/07/27/albert-de-routisie-louis-aragon-irene/
[4] Miluse Jurickova: Text als Ornament. Zu Jan  Kjærstads Roman Rand. in: https://digilib.phil.muni.cz/bitstream/handle/11222.digilib/106010/1_BrunnerBeitratgeGermanistikNordistik_10-1996-1_8.pdf?sequence=1
[5] Eröffnungsdatum des im Roman erwähnten Einkaufszentrums ‚Oslo City‘ war der 11. November 1988, so daß man einen guten Anhalt hat, in welcher Zeit der Roman spielt.

Weitere Werke von Jan Kjærstad sind z.B. im kleinen österreichischen Septime-Verlag auf deutsch erschienen:  http://www.septime-verlag.at/autoren/kjaerstad.html

Jan Kjærstad
Rand
Übersetzt aus dem Norwegischen von Angelika Grundlach
Originalausgabe: Rand, Oslo, 1990
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek Bd. 110), HC, ca. 400 S., 1994

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Anne B. Ragde: Die letzte Reise meiner Mutter

Anne B. Ragde [1] ist eine norwegische Erfolgsautorin. Ihre Familiengeschichte der Neshovs, die sie in einer Trilogie (siehe unten und warum habe ich eigentlich den dritten Teil nie gelesen?) verfasst hat, war bzw. ist eine intelligente, unterhaltsame und manchmal ein wenig traurig stimmende Darstellung dieses offensichtlich etwas eigenen Menschenschlages in und um Trondheim, fünfhundert Kilometer nördlich von Oslo gelegen, herum. Trondheim ist auch der Wohnort der in Westnorwegen geborenen Autorin und in dieser Stadt spielt auch ein großer Teil der Handlung des Romans, den man getrost auch als biografischen Roman ansehen kann, da Ragde in ihm ihr Verhältnis zu ihrer Mutter aufarbeitet.

Bei ihrer Mutter Birte, im Buch meist ‚Mama‘ genannt, ist mit ihren über achtzig Jahren ein aggressiver Lymphkrebs diagnostiziert worden. Die Chemotherapie ist sehr anstrengend; da die Mutter, die in Oslo lebt, nicht mehr alleine sein kann, muss sie in einem Heim untergebracht werden. Das Geld ist knapp, außerdem ist wohl in dieser Zeit eine Reform der Pflegegesetze vorgenommen worden, die einschneidende Änderungen mit sich brachte, jedenfalls ist die Pflege und Unterbringung der Mutter in dem Heim, in das sie kommt, katastrophal schlecht. Die beiden Töchter, Anne und die jüngere Elin, kümmern sich sehr um die Mutter, fast rund um die Uhr ist jemand von beiden bei ihr. Mama ist eine sehr redselige Frau, wenn sie nicht gerade vor Erschöpfung eingeschlafen ist, will sie erzählen…

Es ist die Zeit der Erinnerungen, ja, auch der Selbstvorwürfe: „Es muss ganz schrecklich gewesen sein, mich als Mutter zu haben, Anne. Als du klein warst.“ – „Ach?“ – „Ja. Du Arme.“ Man kann das nicht abstreiten. Eine Zweijährige auf dem Spielplatz zu ohrfeigen und den Umstehenden stolz zu verkünden, so erziehe man Kinder, ist in der Tat schrecklich. Aber man erfährt im Lauf der Geschichte, daß Mama es selbst nie anders gelernt hatte, ihre Mutter, ‚Hexe‘ genannt, muss die personifizierte Lieblosigkeit gewesen sein, dich hat sowieso keiner lieb, das ist es, was Mama von ihrer Mutter erinnert. Meine Mutter hat mich dauernd geschlagen, ich hätte das doch nicht tun dürfen, ich wusste ja, wie schrecklich das ist, quält die Mutter sich mit der Erinnerung an die besagte Züchtigung Annes.

Anna Ragdes Erinnerungen, die auf einem plötzlichen ‚Heureka‘ beruhen, das sie während der Zeit der Begleitung hatte (ihr eigentliches Buchprojekt kam während dieser Zeit verständlicherweise zum Erliegen) umfassen zwei verschiedene Erzählstränge. Am Beginn des Buches nimmt die Krankheit der Mutter bzw. die Schwierigkeiten bei der Pflege und Begleitung der immer hinfälliger werdenden Mutter einen großen Raum ein. Diese Schwierigkeiten liegen zum einen darin, daß die Pflegesituation und die Unterbringung der Mutter schlicht und ergreifend schlecht ist, die Zustände in der Einrichtung, in der sie gelandet ist, sind erbärmlich. Zum anderen – und der einleitende Satz der Mutter deutet dies an – plagen diese starke Gewissensbisse und Reue und Angst: Kannst du mir jemals verzeihen, Anne? Kannst du das? Oder wirst du dich an solche Dinge erinnern, wenn ich tot bin? Es ist die Zeit des Rückblicks, des Resümees über das gelebte Leben, über die versäumten und über die genutzten Gelegenheiten, über die Sünden, die man auf sich geladen hat und über die Vergebung, die man jetzt so dringend braucht, um Frieden zu finden. Man kann in diesen Passagen wunderbar erkennen, welche Versäumnisse des Lebens sich am Lebensende wieder in Erinnerung rufen und wie wichtig es ist, am besten im Leben selbst zu vermeiden, daß es zu solchen Situationen kommt (‚Lebe jeden Tag so, als ob du morgen sterben würdest!‘) oder zumindest am Ende des Lebens, so wie es Ragde hier schildert, Vergebung suchen.

Tochter und Mutter lassen ihr Leben noch einmal Revue passieren. Es war kein Leben in Saus und Braus, im Gegenteil, es war ein materiell armes Leben. Birtes Mann hatte die Familie, seine Frau und die beiden Mädchen, verlassen, als Anne acht Jahre alt war (d.h. so Mitte der 60er Jahre), wohl einer anderen Frau wegen. Für Birte und Anne war dies ein tiefsitzendes Trauma; Elin war zu dieser Zeit noch sehr klein, die Bindung zur Mutter auch stärker als bei Anne. Birte zog sich eine Zeit lang ganz zurück aus der Welt, wollte mit dieser Schande nicht in die Öffentlichkeit und die achtjährige Anne übernahm es notgedrungen, für die Familie zu sorgen. Für das Kind Anne war Papa die geliebte Bezugsperson gewesen, bei der sie ihren Bedürfnisse nach körperlicher Nähe befriedigen konnte – bei der Mutter war dies nicht möglich gewesen. Anne Ragde schreibt, dieses Trauma hätte sie erst wirklich mit der Gründung der eigenen Familie überwunden. Diese (erste) eigene Familie, vielmehr der Eheschluss (wie sie es nannten) mit Finn, ist dann auch ein weiterer Schwerpunkt der Erzählung der Autorin.

Nach dem Weggang des Vaters konnten sich die drei Frauen noch eine Weile durch Verkäufe von Einrichtungsgegenständen über Wasser halten, aber irgendwann war nichts mehr verkaufsfähiges vorhanden, die Untervermietung von Zimmer in der Wohnung brachte nicht genug und die Mutter musste zur Sozialhilfe. Man zog in eine andere Wohnung um, die … nun ja, einfachste Verhältnisse unterschritt [2]. Die Mutter, eine geborene Dänin, die in den Augen ihrer Kollegen/-innen immer eine ‚Fremdarbeiterin‘ geblieben ist, fing an zu arbeiten, wurde Maschinenführerin an einem Extruder in einer Fabrik, die Plastiktüten herstellte. In der Freizeit strickte sie Norwegerpullis als Auftragsarbeiten, ihr eigentliches Reich jedoch war die Küche: An Essen soll es niemals fehlen, es braucht ja nicht Gänseleber und Champagner zu sein, wenn es nur mit Liebe zubereitet worden ist. 

Die Geschichte dieser Mutter/Tochterbeziehung wird im Lauf der Jahre immer mehr zu einer sich ergänzenden Beziehung, die von mütterlicher Seite Wiedergutmachung sucht und von Seiten der Tochter durch eine diese ergänzende Selbstsucht und Egozentrik geprägt wird. Daß die Mutter, um diese erwähnte (erste) Hochzeit der Tochter zu finanzieren, letztlich ein über fünf Jahre laufendes Darlehen  aufnehmen muss – daran verschwendete Anne damals keine Sekunde ihre Gedanken. Besuchte die mittlerweile im eigenen Haushalt lebende Tochter die Mutter, war es selbstverständlich, daß die Mutter auf Decken am Boden schlief, damit die Tochter das Bett bekam. Mein Gott, bist du unordentlich, Anne! Lächelnd lief die Mutter der Tochter nach dem Waschen hinterher und räumte das fallengelassene Handtuch und die Unterwäsche weg…

Trondheim – wir lernen zwei Personen (bzw. drei) kennen, die ausserhalb der Familie stehen: die Unternachbarin in der Kongens Gate 37 [2], eine Pfingstlerin, die so ganz anders ist als Mama und mit der sie sich doch so gut verstehen und die Schwiegereltern Annes, die – soweit sie Trondheim repräsentieren – dieses nicht allzu positiv vertreten. Verschlossen, eigenbrötlerisch, ein wenig dumpf scheinen sie. Materiell deutlich besser gestellt als Birte, ist für sie Essen beispielsweise reine Nahrungsaufnahme ist und kein Liebesbeweis wie für Mama: das von Mama organisierte und bei ihr stattfindende (notwendige und von den Brautleuten gefürchtete) erste Kennenlernen der jeweiligen Eltern endet zwar nicht mit einem äußeren Eklat, die Unvereinbarkeit der Beteiligten tritt jedoch sehr, sehr deutlich zu Tage….

Annes Ehe hält nur ein paar wenige Jahre, ein Sohn, Stian, bleibt bei der Mutter, dessen Vater erhält zur Scheidung von seinen Eltern ein Auto. Kurz darauf packt Birte eine innere Unruhe und Unrast, sie zieht um, weit weg, nach Oslo, wo Elin mittlerweile eine Anstellung als Polizistin hat. Es wird dort in den ersten Jahren eine Art Nomandenleben, das Birte führt. Unterkünfte, die als Wohnungen kaum zu bezeichnen sind, ein Leben aus Koffern, ohne Besitz, mit dem Gefühl, durch nichts belastet und gehalten zu sein. Selbst als sie dann doch eine kleine Wohnung mietet, begnügt sie sich mit Gartenmöben, die für ihre Bedürfnisse ausreichend sind….

All das (und mehr) sind Erinnerungen am Krankenbett einer langsam Sterbenden, ist der Versuch, ein Leben aufzuarbeiten, Fehler zu bekennen und zu verzeihen. Ein Leben vergeht jetzt unter unwürdigen Umständen, eine Sterbende, die im Heim auf einem Reha-Platz eingewiesen ist und von der Physio zum Krafttraining abgeholt wird – was die Tochter lautstark und wütend verhindern kann. Hier wird nicht massiert, so die Antwort auf die Bitte, doch bitte besser die von der nicht mehr ablaufenden Lymphe dicken Beine zu massieren….

…. die dann abschließend letzte von einigen Reisen, die Mutter und Tochter miteinander unternommen haben, sie führt nach Dänemark, auf ein Segelschiff, das vor dem Strand, den gesamten Øresund im Rücken, kreuzt. Birte kehrt heim….


Anne Ragdes romanhafte, gleichwohl biografische Erinnerungen sind ein wunderbares Stück Literatur, ein unsentimentaler Rückblick auf zwei Leben, auf eine nicht einfache Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Der große Wendepunkt im Leben der Mutter scheint das Scheitern der Ehe gewesen zu sein. Sie suchte danach keinen Mann mehr (sie fragte nach Bettgymnastik, wie sie es nannte, nicht allzu viel nach) und nach einer tiefen Phase der Depression und Niedergeschlagenheit war sie offensichtlich eine andere geworden: neugierig auf das Leben, lebensfroh und zufrieden mit dem, was sie hatte. Für Birte Ragde schien seit dieser Zeit das Glas immer halbvoll gewesen zu sein, sie sah die positiven Seiten des Lebens und mit dem Kochen hatte sie endlich eine Möglichkeit gefunden, Liebe auszudrücken, eine Fähigkeit, die ihr als Kind wohl selbst von ihrer eigenen Mutter aberzogen worden war. Auch von ihrer Tochter Anne, der Autorin, erfahren wir einiges, in der Rückschau ist sie wahrlich nicht auf alles stolz, was sie gemacht hat und wie sie sich gegenüber ihrer Mutter verhalten hat.

Die Pflegesituation der kranken Mutter schildert Anne Ragde als katastrophal, sie schreibt, daß sie und Elin nach dem Tod der Mutter Anzeige wegen Pflichtverletzung gegen die Stadt erhoben haben, die – wenig überraschend – kein Erfolg war. Daß in Norwegen solche Probleme bei der Pflege auftreten, hat mich ein wenig überrascht, ich war davon ausgegangen (und kurze Recherchen im Internet haben das bestätigt), daß z.B. das Verhältnis Pfleger zu Patient in diesem Land sehr gut ist. Was mich ausserdem gewundert hat, war die Tatsache, daß die Autorin, die ansonsten wirklich nicht geizig war, wenn es darum ging, der Mutter eine Freude zu machen, offensichtlich nicht in der Lage war – oder es nicht möglich machen konnte – die Mutter in eine besseres Heim zu bringen….

Der Teil des Romans, in dem Ragde schildert, wie die sterbende Birte sich mit Fragen quält, mit Selbstvorwürfen, wie sie bedauert und alles mögliche bereut: er ist fast wie ein Lehrstück darüber, was einen Sterbenden am Ende seines Weges quälen und belasten kann und wie wichtig es ist, diese Hindernisse, die auf der Seele liegen, zu klären und soweit es geht durch Verzeihen und Entschuldigen, abzubauen. „Sich etwas von der Seele reden“ ist kein leerer Spruch, sondern notwendiges Tun und Handeln, dies stellt Anne Ragde sehr plastisch und anschaulich und auch liebevoll dar.

Sehr schön schildert die Autorin aber auch, wie sehr Birte ihre Töchter (Elin und Anne wechseln sich ja in der Begleitung der Mutter ab, auch wenn Elin im Buch keine große Erwähnung findet) manipuliert. Sie kann weinen wie ein Kind, sich mit den Handrücken die Augen zerwischen und Mitleid erregen, das ein ‚Nein‘ unmöglich macht. Stundenlang sind die Töchter bei der Mutter, die dies auch einfordert, wenn sie aus dem Schlaf erwacht oder aus dem Einnicken aufschreckt möchte sie nicht alleine sein… Allgemein ist eine solch intensive Inbeschlagnahme eine schwierige Situation für den Begleitenden, der auch sich selbst gegenüber eine Verantwortung hat und eigentlich auch mal ‚Nein…‘ sagen können müsste…. auch das eine sehr realistische Schilderung dessen, was einen bei der Begleitung Sterbender erwarten kann.

In toto kann ich festhalten, daß mir Die letzte Reise meiner Mutter sehr gut gefallen hat. Die weitgehend unaufgeregte Schilderung einer Mutter-Tochter-Beziehung, wobei sich die Autorin auf einige prägende Situationen beschränkt, aus der sich das Bild einer bemerkenswerten Frau, die nie (sieht man von der letzten Lebensetappe mal ab) ihre Freude am Leben verloren hat, die Darstellung der Probleme, die bei der Pflege und Versorgung der todkranken Mutter auftraten: all das macht das Lesen des Romans zu einem zu einem eindringlichen, intensiven Erlebnis.

Links und Anmerkungen:

[1] es ist wenig von der Autorin im Netz zu finden… hier der Link zur Autorenseite beim Verlag
[2] so sieht es heute dort aus. Das Haus ist nach Angaben der Autorin renoviert worden und beherbergt jetzt eine Galerie (wie auch aus den Infos im Link erkennbar ist)

Weitere Besprechungen von Bücher der Autorin hier im Blog:

– Das Lügenhaus
– Die Liebesangst
– Einsiedlerkrebse

Anne B. Ragde
Die letzte Reise meiner Mutter
Übersetzt aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Originalausgabe: Jeg har et teppe i tusen farger, Oslo, 2014
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 300 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Viktor Arnar Ingólfsson: Bevor der Morgen graut

Vier Stunden Flugzeit wollen überbrückt werden, bei mir normalerweise (das klingt jetzt fast so, als sei ich Vielflieger…. ) mit Dösen oder mit leichterem Lesestoff. So habe ich mir nach langer Zeit mal wieder einen Krimi gegönnt, einen isländischen zumal, der möglicherweise etwas interessanten Lesestoff zu beherbergen versprach. Denn Krimis, wer meinen Blog verfolgt, ahnt dies, gehören nicht zu meinem Beuteschema.

island-krimi


Bevor der Morgen graut, ein nicht mehr ganz neuer Roman aus dem Jahr 2005 also sollte es sein vom 1955 geborenen isländischen Autoren Viktor Arnar Ingólfsson, der hauptamtlich bei der isländischen Straßenbauverwaltung tätig ist [1]. Diese Zeit vor dem Morgengrauen ist in Island nicht gerade gemütlich, die Dunkelheit und die Kälte, aber dann andererseits wieder das schöne Gefühl, wenn die aufgehende Sonne die Schultern ein wenig wärmt. Die Schultern des Jägers nämlich, der seit längerem ansitzt auf der Jagd nach Gänsen, die auf ihrem Morgenstrich bei der Herde von Locktieren, die er vorher aufgestellt hat, landen sollen…

Doch unvermutet wird aus dem Jäger ein Gejagter, sieht sich der Mann als Ziel für Schrotladungen, die immer dichter bei ihm einschlagen, deren Körner seine Kleidung schließlich nur notdürftig abhalten kann, weil der Schütze immer näher an ihn heran kommt. Eigene Versuche, den Mann durch Schüsse zu vertreiben, sind erfolglos, auf die Signalpatronen hin rührt sich in der einsamen Gegend nichts und auf der Flucht erwischt den Mann eine Ladung ins Bein. Hilflos erlebt er mit, wie sein Mörder naht, sich neben ihn stellt und ihm mit einem weiteren Schuss den Kopf zermetzgert.

Ein grausamer Mord also, den Hendriksen und Mariusson, die zwei Inspektoren aus Reykjavik, aufzuklären haben….

Erst einmal die Routinearbeit: Spurensicherung, wer ist verdächtig, könnte ein Motiv haben (es gab Streit um das Grundstück, auf dem noch ein alter Bauer lebt, der es aber verlassen muss…), Befragungen, Zeugenaufnahmen etc pp… doch am nächsten Tag wird ein weiterer Gänsejäger erschossen. Porca miseria und Schluss mit lustig, denn das könnte sich ja fast zur Mordserie ausweiten!

Viel mehr will ich zum Inhalt gar nicht schreiben. Natürlich gibt es verschiedene Verdächtige, Lügen werden aufgedeckt, es wird noch eine schon etwas ältere Leiche entdeckt, die in das Schema der Morde passt und schließlich wird der Fall – das ist keine sonderliche Überraschung – gelöst. Aber nicht bevor der Täter Gelegenheit hat, in einem langen, sich selbst beweihräucherndem Monolog alles zu erklären…. genau das ist es, was ich an Krimis so liebe: alles ist vorhersehbar und ewig gleich…. es gibt viele Motive, der erste Verdächtige ist es nie, und zum Schluss wird für die Begriffstutzigen noch einmal alles genau dargelegt.


Die erwähnten Kommissare Hendriksen und Mariusson sind typische Buddys: von gegensätzlicher Sta- und Natur sind sie befreundet und ergänzen sich in ihren kriminalistischen Fähigkeiten. Der deutschstämmige Mariusson (bei der Gelegenheit erfährt man, daß nach dem Ende des letzten Krieges viele deutsche Frauen nach Island gekommen sind) ist groß, dick, ewig hungrig und auf dem besten Weg, ein Alki zu werden, der kleine, drahtige Hendriksen dagegen gehört zu den Boatpeoplen, die vor dem Vietnamkrieg aus dem Land geflohen und dann in einem europäischen Land, in diesem Fall Island, aufgenommen worden sind. Er kam als kleines Kind, ist jetzt ‚Isländer‘, spricht auch perfektes Isländisch, fällt aber als Asiate natürlich auf. Im Gegensatz zu seinem schlampigen Kollegen kompensiert er wohl seine sexuelle Energie im abendlichen Bügeln seines Dienstanzuges für den nächsten Tag.

Ansonsten begegnen uns die üblichen Verdächtigen: die kettenrauchende und im Beruf gealterte Gerichtsmedizinerin, die schon alles gesehen hat, der nichts Verwesendes mehr fremd ist und die die Welt dadurch mit anderen Augen betrachtet; der Chef, der seine Aufgabe im wesentlichen darin erblickt, seine Mitarbeiter bei der Arbeit nicht zu stören und natürlich die diversen Verdächtigen mit ihren Anverwandten, die den Ermittlern im Lauf der Arbeit unterkommen und die ein weites Spektrum menschlicher Charakterschwächen erkennen lassen.

Der NDR hat (so steht´s geschrieben auf dem Cover) im Roman einen ‚tiefen Einblick in die Psyche der Isländer‘ erhascht. Das kann man natürlich so sehen, aber wenn man diesen Einblick wirklich sucht, greife man lieber zum Original, also beispielsweise zu Laxness. Bevor der Morgen graut war für mich jedenfalls nicht mehr als ein vorhersehbarer Krimi mit weitgehend stereotypen Figuren, der in der nicht immer kuscheligen Atmosphäre Islands spielt. Aber immerhin hat er mir die Zeit im Flieger doch ganz gut vertrieben. Is ja auch was….

Links und Anmerkungen:

[1] zur Biographie des Autoren siehe hier: http://www.schwedenkrimi.de/viktor_arnar_ingolfsson_biografie.htm

Viktor Arnar Ingólfsson
Bevor der Morgen graut
Übersetzt aus dem Isländischen von  Coletta Bürling
Originalausgabe: Afturelding, 2005
diese Ausgabe: editionnova, TB, ca. 335 S., o.J.

Sigurd Mathiesen: Das unruhige Haus

Das schriftstellerische Schicksal des Norwegers Sigurd Mathiesen (1871 – 1958) ist tragisch, denn obwohl von der Kritik gewürdigt und als Großer seiner Zunft eingestuft, hatte er beim Publikum keinen Erfolg. Im Gegenteil, wie der Kölner Literaturprofessor Brynhildsvoll in seinem kenntnisreichen Nachwort erläutert, war Mathiesens Misserfolg letztlich derart groß, daß er in neueren Literaturgeschichten aus dem Kanon der verzeichniswürdigen Autoren gänzlich herausgefallen war … Erst 1998 erschien nach langen Jahren des Vergessens wieder eine Auswahl seiner Kurzprosa – in russischer Übersetzung, 1999 folgte eine norwegische Ausgabe und ebenso die vorliegende deutsche Buchveröffentlichung

So ist die Bezeichnung ‚Wiedergänger‘ auf dem Schuber des gewohnt schönen Bandes der Anderen Bibliothek nachvollziehbar: lange hat Mathiesen darauf gewartet, wieder enteckt zu werden. Andererseits führt der Begriff aber ein wenig in die Irre: auch wenn die Geschichten blutig sind und oft mit Toten enden, sind es keine Vampirgeschichten und daß der Begriff des Wiedergängers in die Vampyrologie gehört, weiß der Bücherfreund spätestens seit Steinhauer [2].

mathiesen


In diesem Band der Die Andere Bibliothek sind zehn Schauergeschichten von Mathiesen versammelt. Entstanden sind sie um die vorletzte Jahrhundertwende, einige Geschichten auch im Vorfeld des ersten Weltkriegs, die letzte der Erzählungen stammt aus dem Jahr 1924, in ihr spiegelt sich die Unruhe der Welt zwischen den beiden Kriegen wieder. Die einzelnen Geschichten sind jeweils in der Ich-Form erzählt, das verführt – zumindest war es bei mir so – zu dem Eindruck, es handele sich um Episoden einer durchgängigen Geschichte, was natürlich nicht der Fall ist.

Oft sind die Geschichten blutig, ranken sich um rätselhafte Erscheinungen, weisen auch die typischen Merkmale solcher Schauer- und Gruselgeschichten auf: es herrscht heftiges Wetter mit Regen und Sturm, da meist in Norwegen angesiedelt, braust und dröhnt oft das Meer im Hintergrund und schlägt wütend an die Küste, mit der Dunkelheit der Nacht werden die inneren und äußeren Dämonen in den Figuren freigesetzt. Eine Besonderheit mehrerer Geschichten liegt darin, daß der Erzähler in einer Art innerer Schau in die Seelenwelt einer anderen Figur Einblick erhält und Vorkommnisse aus deren Blick (nach)erlebt. Wahrscheinlich nicht zu Unrecht fühlt man sich beim Lesen an Poe erinnert…. in einigen der Geschichten verbirgt sich das Geheimnis in den Seelen schöner Frauen, die den Erzähler immer wieder in erotische Verwirrung zwischen Begehr und Abscheu führen.


Junge Seelen (1898) ist eine Erzählung, in der das homoerotische Element zwischen zwei Männern aufgegriffen wird: Der Ich-Erzähler trifft in einem verruchten Tanzlokal zwei junge Männer, die ihn faszinieren. Gleichzeitig bemerkt er einen Fremden, einen großen, gewalttätig aussehenden, Angst einflößenden Mann, der sie beobachtet. Auf dem Nachhauseweg stürzt sich dieser tatsächlich auf einen der beiden jungen Männer und verletzt ihn schwer im Gesicht. Der Erzähler und der Freund kümmern sich um den Verletzten, der einige Tage darauf den Besuch seiner Verlobten erwartet. Dieser Besuch der im Grunde ungeliebten Frau jedoch endet im Zerwürfnis der Verlobten und in der abschließenden Szene bekennen sich die beiden Freunde zu ihren wahren Gefühlen.

Die Stadt hier verharrt in einer sonderbaren Luft. In einer Luft von Auflösung, Tod und Verwesung. …. Und in dieser Luft geschehen viele merkwürdige Dinge. Die schwarze Woche (1899) besteht aus einer Rahmenhandlung und einer zweiten Erzählstrang, der darin eingebettet ist. In der äußeren Erzählung geht es um einen stadtbekannten Geizhals, der in seinem Haus aufgehängt aufgefunden wird. Der Erzähler erkennt unter den Gaffenden eine arme, zerlumpte Frau wieder, die er früher schon einmal, in einer seltsamen Episode, kennengelernt hatte. Ihrem kleinen Mädchen war damals bei einem Unfall eine Kutsche über die Beine gefahren und als er wollte den beiden helfen. Die Mutter vertraute der Wirkung eines magischen Buches, der Erzähler vermittelte ihnen aber einen Arzt. Verwirrt und noch weiter heruntergekommen nimmt die Frau jetzt an der Beerdigung des Erhängten teil und läßt sich hinterher auf dem Friedhof einsperren.

In Asser Hein (1899) thematisiert Mathiesen den Selbstzerstörungstriebe eines Menschen. Der Erzähler begegnet in einem Hotel einem jungen Mann, der – wie immer man das auch feststellen mag – genau die gleiche Stimme hat wie er selbst. Auch ansonsten äußert sich dieser wohlhabende Grundbesitzer, mit dem der Erzähler ins Gespräch kommt, recht seltsam. Ich war jetzt fest davon überzeugt, daß etwas Böses passieren würde. Trotzdem folgt er Asser Hein und den anderen, die aufgefordert sind, in das Hotelzimmer, in den sie sich zum Kartenspiel treffen mit der Absicht, Asser Hein, den jungen Mann, auszunehmen. Man schrie durcheinander, man lachte mit irren Blicken. Mit habgierigen Blicken. Nur Asser Hein saß ruhig da, obwohl er immer verlor. … 

Blutdienstag (1901) ist die Geschichte des Verschwindens mehrerer halbwüchsiger Jungen. Auch hier hat Mathiesen eine kleine Rahmenhandlung konstruiert, in die er seinen eigentlichen Stoff eingebettet hat. Dieser handelt von einer Gruppe von vor vielen Jahren verschwundener Jungen, von denen niemand weiß, wo sie geblieben sind, möglicherweise – so eine verbreitete Vermutung – wurden sie entführt und verkauft. Dem Erzähler, dessen Onkel zu dieser Gruppe gehörte,  jedoch eröffnet sich in einer Innenschau das wahre Geschehen von damals, das blutig war und von Grausamkeit geprägt. Die Geschichte ist voll von düsterer Symbolik, die Gruppe der Jungens, die sich alle in der Pubertät befinden, verlassen ihren Ort und ziehen unter der Führung eines der ihren in die immer karger werdende Natur, wo sich an einem Tümpel dann das grausame Schauspiel ereignet. Der Zeitpunkt des Vorkomnisses, das Osterfest, läßt eine Beziehung zum Opfertod Christi entstehen, im Alter der Jungens deuten sich pubertär bedingte Faktoren wieder, nur zwei Jungens, die sich frühzeitig von der Gruppe trennen, überleben schließlich.

Die Namensgeberin der längeren Erzählung Abigael (1908) verbindet in sich zwei Welten. Sie stammt mütterlicherseits von den Samen, einem Naturvolk ab, der Vater dagegen war Holländer. Ort der Handlung ist ein fernes, transatlantisch flaches Land. Dort trifft der Erzähler auf diese Abigael Falbe, eine Frau mit temperamentvollem, dunklem Gesicht, katzenhaftem Wesen und nordländischer Meeresströmungsstimme…Glauben Sie, ich bin ein Abschaum“, lachte die vornehme Dame. „Dann irren Sie sich nicht.“ Eine Frau jedenfalls, zu der sich der Erzähler hingezogen fühlt, aber auch abgestoßen. Eine Frau, immer begleitet von einem großen Hund…. Sie kommen ins Gespräch und Abigael Falbe erzählt von ihrer Lust, die sie empfindet, wenn sie Schmerzen zufügt, zum ersten Mal, als sie als Kind einen Entenschnabel mit einem Nagel durchbohrte…. auch diese Geschichte strebt einem blutigen und schaurigen Ende zu, bei dem der Hund eine große Rolle spielt. Dieser Hund namens Hektor war eine Erinnerung an ihren an Schwindsucht dahingeschiedenen Mann, auf dessen blutende Lippen sie voller Schmerzlust die ihren gepresst hatte….

In Das unruhige Haus (1914) trifft der Erzähler, ein junger Ingenieur, dem ein bestimmtes Anwesen von Bekannten zur Einquartierung empfohlen worden war, in eben diesem weit ausserhalb liegenden, von dem Einheimischen schlecht beleumundeten Haus auf eine imponierende, rätselhafte Frau mit dem Namen Rosa Gahn. Schon auf dem schwierig zu findenden Weg zu diesem Haus glaubt der Erzähler seltsame Erscheinungen gesehen zu haben…. So faszinierend der Mann diese Rosa Gahn auch findet, sie flößt ihm auch Angst ein, an einer Stelle sieht er in ihr gar eine Hexe. Ihre jungen Bediensteten zum Beispiel, sind es Verwandte von ihr, dienen sie ihr auch in anderer Weise in diesem seltsamen Haus, das der schon länger tote Bruder der Frau, ein Forschungsreisender, mit den vielen Dingen, die er aus Asien mitgebracht hat, gestaltet hat? Insbesondere diese indische Götterfigur mit den durchdringenden Augen flößt Furcht ein… in der Nacht erschrecken gespenstische Geräusche den Besucher, dem selbst der gurgelnde Schrei im Hals stecken bleibt…. ein schreckliches Geheimnis scheint über den Menschen dieses Hauses zu schweben.. und über allen tobt der Sturm … wie eine teufelsgesandte Macht. .. Es pfiff und schrillte… rast mit berstenden Krachen gegen die Wand. Es gellte von Höllengelächter. Und draußen vom Meer erscholl ein vielsagendes Murmeln. Aber in der Tiefe meiner Seele zitterte es krank und kläglich….

Schatten (1914): Ich habe schönere Frauen gesehen als Asta Azelius. Aber ein so mildes aufopferndes Schwermutslächeln. Ein wehrloses, schicksalsergebenes Lächeln. Asta ist die Tochter des seltsamen Buchhändlers, die sich ganz in den Dienst des Vaters stellt… Und auf einmal war es für mich seltsam klar: Sie lebt nicht lange. Ein seltenes Vergnügen, ein Ausflug mit anderen jungen Leuten, ein Boot… ein Unglück… sie hatte nie Schwimmen gelernt. …

Ähnlich wie schon die Erzählung Blutdienstag ist auch Das Spukschiff (1914) aufgebaut, im Unterschied zu den anderen Texten des Buches spielt die Handlung in Holland. Durch die Berührung der Hand seines Freundes, des Botanikers Jan van der Blumenwelde gerät der Erzähler in eine Innenschau, in der er sieht, wie das Land vom Meer, von einer großen Flut bedroht wird. Und mit dieser Meereswoge kommt ein Schiff auf die schützenden Deiche zugetrieben, ein riesiges Schiff. Da sich der Freund immer nur um seine Pflanzen, nie um die Welt gekümmert hat, muss er mit grenzenlosem Erschrecken zusehen, wie die Flut über die Deiche schwappt, wie das Schiff mit seinem mächtigem Bug den Deich rammt und das Hinterland überschwemmt wird….

Der grosse Brand (1924) ist schon vom Titel her symbolträchtig. Europa ist sechs Jahre nach dem großen Krieg nicht zur Ruhe gekommen, weder politisch noch wirtschaftlich. Der Erzähler wählt das Bild eines Brandes, der die ganze Stadt erfasst und den Menschen alles raubt, was sie besitzen. Noch nach Jahrzehnten quält die Erinnerung daran den Erzähler der Geschichte, der als zwölfjähriges Kind diese Katastrophe miterlebt hat. Jede traumschwere Nacht durchlebe ich [jenen Schreckensmoment]. Und ich fahre mit einem Angstschrei hoch … Triefend vor Schweiß, erwache ich mit der qualvollen Empfindung, zu verbrennen. Nur langsam wurde damals deutlich, wie gefährlich das Feuer war, wie unaufhaltsam es sich – einmal angefacht – durch die gesamte Stadt fraß… Dabei gab es genug Vorzeichen, die diese unheilvolle Begebenheit ankündigten. ….


Ich hatte mir dieses Buch neulich besorgt, weil ich immer auf der Suche nach Geschichten bin, mit denen ich Vorleseabende gestalten kann. Diese Art von Erzählungen würde sich natürlich anbieten für ein Datum rund um Halloween…. es sind gute Geschichten, sie spannend, düster, geheimnisvoll, voller Symbole, lassen viel Raum für Interpretationen. In einem Norwegen, das nach 1905 (Erlangung der politischen Souveränität) eine anti-modernistische Restauration erlebte, konnten diese Texte, so führt Brynhildsvoll in seinem Essay aus, zwar Kritiker, aber nicht das Publikum überzeugen. In seinem Essay würdigt Brynhildsvoll den so lange vergessenen Norweger, ordnet ihn literarisch ein und gibt auch zu den einzelnen Stücken Interpretationen und Deutungen, stellt sie ebenfalls in den Zusammenhang und Kontext der zeitgenössischen Literatur. Diese Ausführungen sind zwar sehr interessant, da ich aber von den aufgeführten Vergleichstexten kaum welche kenne, hat mir das wenig gesagt, hier setzt Brynhildsvoll wohl mehr voraus, als der ‚Normalleser‘ mitbringt. Deswegen ist der Ratschlag, der auf dem Schuber zu finden ist, durchaus berechtigt: …. lassen sich [die] Erzählungen …. auch ganz einfach als spannende Meisterstücke einer phantastische Literatur des Nordens lesen.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Wer also die Gelegenheit hat, das Buch zu erwerben, sollte zugreifen!

Links und Anmerkungen:

[1] Leider existiert nur eine norwegische Wiki-Seite über den Autoren: https://no.wikipedia.org/wiki/Sigurd_Mathiesen
[2] Eric W. Steinhauer: Bücher und Vampire; https://radiergummi.wordpress.com/2017/01/04/eric-w-steinhauer-buecher-und-vampire/

Sigurd Mathiesen
Das unruhige Haus
Zehn unheimliche Geschichten
Übersetzt aus dem Norwegischen von Angelika Grundlach
mit einem Essay von Knut Brynhildsvoll
Originalausgabe: Die Geschichten wurden zwischen 1898 und 1924 in diversen norwegischen Zeitschriften und Büchern veröffentlicht
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek, Bd. 179), HC, ca. 390 S., 1999

Stig Dagerman: Schwedische Hochzeitsnacht

Hinweis: diese Buchvorstellung gibt es auch als Audio-File: https://app.box.com/


 

Stig Dagermann (1923 - 1954) Bildquelle: [B]
Stig Dagermann (1923 – 1954)
Bildquelle: [B]
Stig Dagermann, der  1923 in einem kleinen Dorf ca. 170 km nördlich von Stockholm geboren worden war, kannte das ländliche Leben. Er wuchs, nachdem die Mutter die Familie kurz nach der Geburt verlassen hatte und der Vater wenig Neigung zeigte, sich um ihn zu kümmern, bei den Großeltern in einem armen, kleinbäuerlichen Milieu auf. Trotzdem bezeichnete er selbst seine Kindheit als die einzig glückliche Zeit seines Lebens.

Früh machte Dagerman literarisch auf sich aufmerksam, die Kritik war begeistert. So wurde er nach dem Krieg 1946 für eine Reportage in das zerstörte Nachkriegs-Deutschland geschickt, die Reisebeschreibung Deutscher Herbst war das Ergebnis. Diese Reise, so schreibt Enquist in seinem Vorwort zum Buch, hat Dagerman verändert, offensichtlich hat die deutsche Erfahrung einen inneren Bruch bewirkt, auch sein Schreibstil nähert sich der Wirklichkeit an. Eine analoge Reise, die er durch Frankreich machte, konnte er nicht mehr literarisch fixieren. Bis zu seiner nächsten Veröffentlichung sollte es dann bis 1948 dauern. Die Schwedische Hochzeitsnacht ist sein letzter Roman, er wurde im Jahr 1949 publiziert. Dagermann litt zunehmend unter Schreibblockaden, der Druck wegen nicht eingehaltener Termine für Projekte wächst. Danach gibt es noch Anfänge weiterer Romane, wenige Seiten meist nur im Umfang. Private Probleme kommen dazu, seine Ehe scheitert, Dagerman leidet unter Depressionen. Ende 1954 schließlich tötet Stig Dagerman sich durch Autoabgase in einer Garage, einunddreißig Jahre alt.


dagman - cover

Unser Bedürfnis nach Trost ist unersättlich…

Dagermans Roman Schwedische Hochzeitsnacht überstreicht einen Zeitraum von vierundzwanzig Stunden: es ist der Tag der Hochzeit von Hildur Palm, der jüngsten Tochter eines Bauern mit dem Schlachter Hilmer Westlund, es ist die Zeitspanne von einem Morgen bis zum nächsten. Der Ort der Handlung ist ein (imaginäres ?) Dorf „Fuxe“, das in der Nähe der Stadt Gävle liegt, ca. Hundert Kilometer nördlich von Stockholm (bzw. siebzig Kilometer nördlich von Uppsala), zeitlich reisen wir zurück bis zum Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts, eine Jahreszahl, die genannt wird, ist 1937, jahreszeitlich spielt die Geschichte im Hochsommer, der Roggen steht, nächstens feuchtet sich das Gras mit Tau…

Ländliche Idylle eines verklärten, romantischen Schwedens also könne man erwarten, so meint man, doch weit gefehlt, Dagman hat einen Minikosmos von Figuren geschaffen, in denen das aller Beschönigungen entkleidete „Menschsein“ offen gelegt wird: Hass, Liebe, Gier, Neid, Zorn beherrschen die Protagonisten…..

Betrachten wir die Bauernfamilie Palm: der Vater ist die „Schnecke“, die in ihrem Haus sitzt, im ersten Stock, den er konnte es sich leisten, aufzustocken, doch ist ihm diese Etage zum inneren Gefängnis geworden, daß er nicht mehr verlassen will. Aber nun beginnt der Alte zu gehen. Immer um die Kaminsäule herum. Die Filzpantoffeln schlurfen, die Hosenträger schleppen hinterher. Solch einen Vater habe ich. Eine Schnecke, einen menschenscheuen Narren. Der nicht mitgehen will zum Pastor. Der nicht herunterkommen will zur Hochzeit seiner Tochter.  Einzig die Mähmaschine liebt er und die Kuh Kulla, die aber schon längst zum Schlachter gewandert ist, was man ihm aber verheimlicht, krank sei sie und könne nicht auf die Weide und stünde daher im Stall…

Hilma, die Mutter, begibt sich am Vormittag mit einem Korb voller Äpfel zum Armenhaus, dem Haus, in dem die Armen und Alten entsorgt werden, ein Panoptikum gespenstergleicher Gestalten. Dort besucht sie den Sänger, der für eine kurze Zeit von jetzt schon dreißig Jahren dort Aufenthalt hat und unentwegt Briefe schreibt an die Direktoren der Häuser, in denen er noch auftreten will…

Irma ist die ältere Schwester von Hildur, schon fünfunddreißig Jahr alt ist sie, frustriert und aggressiv kneift sie Gunnar und fügt ihm Schmerz zu. Gunnar ist ihr Sohn, den sie hat, ohne daß der Mann dazu da ist, ein Unehelicher, eine Schande, ein Mal für sie und so heiratet nicht sie, sondern die dreiundzwanzigjährige Hildur. Martin, flüstert sie, Martin. und: Was habe ich getan? Hilf Gott, daß es gut geht.

Sie blättert die Zeitung durch und sieht die Hochzeitsanzeige für ihre Schwester und malt selbst eine andere daneben auf das Papier:

Der ehemalige Hilfsarbeiter
Martin Egg
und
die Schneckentochter
Hildur Palm
Zusammenbruch am 18. Juli

Doch man nimmt, was man hat.

Doch auch in Hildurs Gesicht, die ja die Braut ist, spiegelt sich kaum das in einer Zweisamkeit zu erhoffende oder zu erwartende Glück wieder. Noch im Bett liegend hat sie ein Gespräch mit der Mutter: … Aber du weinst dennoch, mein Mädchen. … Westlund ist wohl lieb. Aber du bist klein. Und er ist groß. Du bist jung… Und er ist alt. Fast doppelt so alt wie du. Und hat eine Tochter, die den Kerlen schon nachläuft. Siri. Aber warum nimmst du ihn? – Kriegst du ein Kind, Hildur? Die Frage ist schwer zu stellen. Doch schwerer zu beantworten.

…und es schleicht irgend jemand um´s Haus, klopft an die Fenster, ohne sich zu zeigen…
…und ein weißer Rock verschwindet im beginnenden Tag getragen von Mädchenhacken eilends im Gebüsch vom nahen See….

…und der Bruder Rudolf, der sich in Rullan verguckt hat, aber Rullan ist Bedienung im Café und hat viele Verehrer und scheint nicht alle abzweisen. Rudolf, der den kleinen, buckligen Stein an der Hausecke rundpissen will und dann auf den Kaminsims legen: Das ist eins seiner Ziele im Leben. Und nicht das kleinste.

Bei Sören, dem Knecht, liegt Svea, die Magd Westlunds. Sie liegt nah beim Knecht, spürt seine Rippen so wie die Federn der dünnen Matratze, die Palms dem Knecht gaben. Beim Schlachter liegt sie weicher, so denkt sie, aber sie denkt auch dies über Westlund: Mich siehst du nicht wieder auf dem Rücken liegen. …aber das Kind trägt sie doch schon unter dem Herzen…

In der Scheune sind drei Landstreicher geduldet, die ihre eigene Philosophie haben, die sich selbst die Freiesten dünken, denn sie brauchen keine Rücksicht zu nehmen. Und doch sind sie nicht frei, denn was für eine Freiheit ist dies…, Ivar weiß es, denn sie müssen betteln und sind angewiesen auf die guten Taten der Unfreien.

Westlund ist vieles: Schlachter ist er, Witwer ist er und Vater ist er, aber nur ein Kind hat er mit Frida, seiner verstorbenen Frau, Siri. Wie viele Kinder er anderen Frauen in den Bauch legte, weiß man nicht, zu wie vielen welchen Frauen er sich selbst ins Bett legte, weiß man auch nicht so genau. Von Svea weiß man es, aber auch Rullan soll eine Brosche von ihm bekommen. Westlund ist jemand, der eine Liste mach von Menschen, denen er Gutes getan hat. Zweiundvierzig (!) Namen stehen auf dieser Liste und Westlund kommen die Tränen vor Rührung darüber, wie gut er doch ist…

Heute, am Tag der Hochzeit, hängt er das Bild der verstorbenen Frau ab und sagt Siri, sie bekäme heute eine neue Mutter. Oder – angesichts des geringen Altersunterschiedes – eher eine Freundin? Siri ist´s egal, sie weint der Mutter nach, hängt das Bild, als Westlund weg ist, wieder hin. Siri ist auch jemand derjenigen, die weinen, und wenn man lange genug geweint hat, wird das Weinen zu einem Gesang und sie weiß, es gibt ein Lied, und sie weiß, es gibt feine Gedanken und einen Stern… und Träume hat sie, einen zum Beispiel wie diesen …. einmal einer kommen wird, der nicht zwickt und flucht, sondern andere Hände hat, der eine andere Sprache hat, dessen Schönheit über jeden Verstand erhaben ist. Und dann wird es anders sein, dann wird es andere Zimmer geben, in denen niemand zu schwitzen braucht, wo keiner Pickel auf der Stirn hat, wo keiner nach Schnaps riecht. Der andere beugt sich über die Wiese, sie ist eine Wiese. Sie ist eine große Scheide, sie ist Scheide für einen Säbel. Eines Tages kommt… der blanke Säbel.. um nach der Schlacht in seiner Scheide zu ruhen. Er ist rot von Blut, die Scheide wird bis zum Rand gefüllt, das tut nicht weh.

Noch ahnt sie nicht, daß der, der heute Nacht zu ihr kommt, zwicken wird und fluchen, daß er Pickel hat und auch nach Schnaps riecht und die Erde ihr Blut zur Neigen trinken wird…. und doch: „Du Ärmster, du!“ wird sie zu dem unfreien Freien sagen…

Ein paar Jahre zuvor was Westlund in Amerika, ollreit Baby. Hat sich dort alles angeschaut, das Leben, das andere, genossen. Jetzt ist er wieder Schlachter hier in der Region, aber Konkurrenz ist ihm erwachsen. Simon schlachtet auch, wirbt ihm Kunden ab, fährt das neuere Auto. Simon kommt am Mittag des Hochzeitstages zu Westlund, sie sind keine Feinde. Saufen miteinander. Gründen eine Firma miteinander. Der Glorienschein verwegener Pläne wabert um ihren Stirnen, sie würfeln die Posten in der neuen Firma aus, Simon gewinnt die meisten davon… so muss er mit anderem angeben: „Hallo Rullan“, röhrt er ins Telefon am Tag seiner Hochzeit mit Hildur, „Wie willst du es heute Nacht haben?“ 

… und der alte Landstreicher schreibt ein Gedicht zur Hochzeit doch denkt er bei sich, man sollte ein Gedicht über den Tod schreiben, bevor es zu spät dafür ist….

Die Hochzeit selber läuft kaum harmonischer und friedvoller ab – und doch klärt sich manches auf und findet seine Bestimmung. Alle sind erschienen, sogar die Schnecke ist herunter gekrochen gekommen, frisch gewaschen und eingekleidet von Hildur, der Tochter und Braut, Besuch aus der Stadt ist da, der Selbstgebrannte fließt, angestaute Wut bahnt sich ihren Weg in Prügeleien und dann gehen die Männer Pokern, setzen alles inklusive Hochzeitsring und verlieren alles bis auf die Unterhose an einen..

Sören, der Knecht, geht nach draußen, Mary, die Frau aus der Stadt, folgt ihm, ihr Sinn verlangt das Urwüchsige, Einfache, den Schweinemist an den Stiefeln beispielsweise, ein wenig Schmerz würde ihr gut tun: Das Primitive, das bin ich. Das sind wir alle. Wir, die mittendrin stehen in der Scheiße. Dann lieb uns doch, verdammt noch mal! .. raunzt Sören sie an, aber schon kommt Svea wütend in die Knechtkammer  und reißt das ungleiche Paar auseinander… Sören ist es auf einmal recht, Svea, das weiß er jetzt, Svea ist die, die zu ihm passt, zu ihm gehört, daß das Kind in ihrem Bauch nicht von ihm ist, ist ihm egal, irgend einen Vater muss ein Kind ja schließlich haben: Wir gehören zusammen, ich bin das Pech, und du bist der Schwefel und das Kind spielt keine Rolle.

… und immer wieder schleicht etwas bedrohlich um die Häuser, die Scheune, über den Hof…

Es gibt eine Reinheit bei den Sterbenden,
die uns zum Weinen bringt,
die sie [i.e. Hildur] still und viel weinen läßt.

Der Tod ist allgegenwärtig auf dieser Hochzeitsfeier, er ist gegenwärtig mit dem Sänger, er ist gegenwärtig mit Ville, dem Sohn des Nachbarn, der sich mit dem Böller zum Hochzeitssalut selbst in die Luft sprengen wollte, er ist gegenwärtig in Hägstrom, dem Chauffeur, der sich tot stellt und letztlich erscheint er und nimmt Martin mit, den Mann, der Westlund demütigen wollte, in dem er noch einmal mit Hildur schläft, der eine Woche durchgewandert ist, um rechtzeitig zur Feier zu gelangen, dem Mann, der in der Scheune mit zwei anderen zusammen Unterschlupf gefunden hat: Ich will dich haben. Ich will dich jetzt haben. Jetzt, bevor er…. bedrängt er die Braut… Doch Hildur ruft Hilmer herbei, trotz der Drohung Martins, denn was man nimmt hat man und sie hat Westlund genommen und er sie.

… und am Morgen nach dieser durchzechten, durchsoffenen, durchspielten, durchliebten Nacht schlafen alle, auf der Seite liegend, auf dem Rücken oder hängend, keiner will sie wecken. Ihre Gesichter so lieb, ihre Gedanken nicht böse… Bei Sören schläft Svea und bei Svea bei Sören. Rullan schläft auf Rudolfs Sofa, und Rudolf schläft auf seinem. Die Vagabunden schlafen neben dem Grünfutter…. Gunnar schläft in der Küche und weiß nicht, daß er allein ist, einmal wird er es wissen. Martin schläft auf dem Tisch, mit Dahlien zu seinen Füßen, Irma schläft auf dem Stuhl und träumt, daß er lebt. …..


Die Welt in Dagermans Roman mutet an wie aus einem irrwitzigen Traum, irreal bis surreal verweigern sich die Figuren dem üblichen Verhalten: Der Alte ist verrückt geworden und hat das Fenster zerschlagen, und Mama hat im großen Zimmer den Landstreicher geküsst, und Einohr hat die Mähmaschine über den Haufen gefahren, und Hildur läuft mit Milch umher, die keiner haben will, und Großmutter hat den alten Vagabunden in die Laube gesetzt.. Alle sind verrückt. Und ihr seid es auch. … Es muss die Hölle sein …. denn her wimmelt es von Menschen

Ungeschönt stattet Dagerman seine Figuren mit Gefühlen aus, die fast ausnahmslos negativ sind: Aggression, Angst, Wut, Zorn, sexuelle Frustration, Neid…. sie bestimmen das Leben der Menschen, definieren sie, immer liegt Gewalt in der Luft, es geht auch hier, in der scheinbar so idyllischen Atmosphäre des Dorfes um Macht, die in den Händen weniger konzentriert ist.

Es ist auch das fatalistische Sichfügen in ein Schicksal zu spüren, es ist egal, von wem das Kind ist, das im Leib heranwächst, wenn dies die Frau ist, die ich haben kann, dann nehm´ ich sie: Doch man nimmt, was man hat. Man hat zufrieden zu sein, mit dem, was man bekommen kann… es ist dies die Methode, mit der letztlich alle Protagonisten ein kleines Stück vom Glück bekommen, die Schlussszene zeigt es, alles schläft friedlich mit oder bei dem, der/die zu ihm/ihr gehört. Einzige Martins Begehr blieb unerhört, aber im Tod wird er bewacht noch von Irma…. letztlich wichtig ist, daß man seine Existenz fristen kann, von anderem, besserem mag man träumen, die Realität sieht anders aus.

Westlund als Schlachter und Mann, der in Amerika war, ist was Besseres. Und als „Besserer“ übt er Macht aus über andere Menschen, die Frauen beschläft er, macht ihnen Kinder, die Bauern sind auf ihn als Abnehmer für ihr Vieh angewiesen. Erst Simon rüttelt an dieser Stellung und macht sie ihm streitig. War sich Westlund seiner Macht zu sicher, kümmerte er sich mehr um die Röcke der Frauen als um sein Geschäft? Jedenfalls gelingt es Simon im Morgengrauen noch, im Beritt Westlund noch unter die Bettdecke einer Frau zu schlüpfen… man weiß nicht, welche es ist, es könnte jede sein….

In einer anderen surrealen Szene stehen die Frauen im großen Zimmer unter der Ampel. Siri ist gerade zurückgekommen, nachdem sie mit Ivar geschlafen hat und die Frauen beschließen, das Herz Siris zu untersuchen, schließen es auf, holen es aus ihrer Brust, betrachten es und kommentieren sein Aussehen: Mary legt das Herz behutsam in Hilmas ausgestreckte Hand. „Das war ein kleines,“ sagt Hilma und wiegt es in der Hand. Es kann nicht viel wiegen. Siri steht und schaut auf das Loch, das das Herz hinterließ. Es blutet nicht, nur die Ampel blutet... es gibt einige solcher Sentenzen in der Geschichte, die aus der realen Welt herausfallen, sie transzendieren..

Im Ganzen gesehen ist die Welt, die Dagerman in seinem Roman geschaffen hat, ärmlich, in ihren einfachen Strukturen einzementiert, deprimierend, ohne Hoffnung auf Besserung. Der Krieg, der noch nicht lange zu Ende war (die Erstveröffentlichung des Buches war 1949), lastet noch auf dem Land bzw. dem Autoren und findet in seiner düsteren Stimmung Niederschlag im Text. In den Figuren konzentriert der Autor die dunklen Aspekte des Mensch-Seins, die real existierenden Abhängigkeiten, deren skrupellose Ausnutzung, die unterschwellige Aggression, die bei den Männern immer wieder durchbricht, die sexuelle Frustration der Frauen, die dem Trieb Männern kaum etwas entgegen zu setzen haben. Bezeichnenderweise ist es nur Mary, der Frau aus der Stadt, als einziger gestattet, eigene sexuelle Bedürfnisse zu formulieren und aktiv zu werden…

Romantisches sucht man im Roman vergebens. Die eine oder andere Traumpassage mag man so sehen, in toto aber ist der Text nüchtern, durch die meist kurzen Sätze, die Dagerman formuliert, wirkt er schnörkellos und hart, er geht in expressionistischer Art und Weise häufig auf das Innenleben der Figuren ein. Die Geschichte dieses Hochzeitstages wird in vielen kleinen „Bildern“ erzählt, vor dem inneren Auge entsteht fast so etwas wie ein Theaterstück, man könnte die meisten dieser Szenen sofort auf die Bühne bringen: die schlurfende Schnecke im ersten Stock und die Lauscher im Zimmer darunter, das Gespräch Hildurs mit ihrer Mutter, Irma, die am Morgen erwacht und die Hochzeitsanzeige liest, die Sauferei und das Würfelspiel Westlunds und Simons, das Pokerspiel der Männer in der Hochzeitsnacht, der nächtliche Ausflug von Ivar und Mary, die Vagabunden in der Scheune…. um nur wenige Beispiele zu nennen.


Das Buch selbst ist – wie alle Bände der „Die Andere Bibliothek“ – ein Schmuckstück. Schon die Banderole mit ihrem Schneebild (obwohl dies eigentlich nicht zum Roman passt, der ja im Sommer spielt) vermittelt den Eindruck von Kälte und Einsamkeit. Das Buch in die Hand zu nehmen, zu berühren, ist ein haptisches Vergnügen: es liegt schwer in der Hand, hat sein Gewicht, das mit Spitze kaschierte Glanzpapier ist reliefartig strukturiert und schmeichelt den Fingerspitzen, die darüber hinweggleiten… so möchte ich das Buch trotz des weitgehend düsteren Inhalts (aber wer hätte schon einmal was von „schwedischem Humor“ reden gehört?) jedem, der Bücher mag und lesen liebt, ans Herz legen…

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Stig Dagerman:  http://de.wikipedia.org/wiki/Stig_Dagerman
vgl auch hier zur Lebensgeschichte:  http://www.kat.ch/bm/s_dager0.htm
und zur Werksgeschichte:  http://readme.readmedia.com/A-celebration-of-the-work-of-Swedish-author-Stig-Dagerman-to-be-held-at-UAlbany-October-25-2013/7379631

[B]ildquelle: Portraits: http://readme.readmedia.com/A-celebration-of-the-work-of-Swedish-author-Stig-Dagerman-to-be-held-at-UAlbany-October-25-2013/7379631

Hinweis: diese Buchvorstellung gibt es auch als Audio-File: https://app.box.com/

Stig Dagerman
Schwedische Hochzeitsnacht
Mit einem Vorwort von Per Olov Enquist (Übersetzt von Wolfgang Butt)
Übersetzt aus dem Schwedischen von Herbert. G. Hegedo
Originalausgabe: Bröllopsbesvär, 1949
diese Ausgabe: Eichborn, (Die Andere Bibliothek Band 304),  HC, ca. 288 S., 2010