Shūsaku Endō: Skandal

1. November 2017

Ich habe den japanischen Autoren Shūsaku Endō (1933 – 1996; [1]) in meinem Blog schon mit zweien seiner Romane vorgestellt: Meer und Gift befasst sich mit japanischen Kriegsverbrechen und Schweigen geht zurück in die Zeit des Versuchs der christlichen Missionierung Japans [2]. Dieses Thema ist kein Zufall, Endō ist unter den japanischen Schriftstellern eine große Ausnahme, denn er ist mit elf Jahren katholisch getauft und in diesem Glauben von der Mutter erzogen worden. In einem Gespräch, das Manfred Osten Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre mit ihm führte (also nur wenige Jahre nach Publizierung des vorliegenden Romans) und über das er in seinem kleinen Büchlein: Die Erotik des Pfirsichs [3] berichtet, führt Endō aus, daß der christliche Glaube schwierig ist und auch er ein Leben lang damit fremdelte: Ich habe seitdem oft das Bedürfnis empfunden, mich davon loszusagen, aber es ist mir nicht geglückt. Der Grund dafür dürfte sein, daß diese Religion letztlich doch ein Teil von mir selbst geworden ist. Gleichwohl blieb in meinem Herzen das Gefühl wach, daß dies etwas Geliehenes ist, ….. Endō erklärt auch, worin die Problematik (und damit verbunden der geringe Erfolg diverser Missionsversuche in Japan) liegt: Man muss verstehen, dem Japaner bereitet es Mühe, Begriffe wie Sünde oder Schuld einzuordnen. Denn diese sind eine Erfindung des europäischen Individualismus. Der Japaner sieht sich dagegen stets als Angehöriger einer Gruppe und empfindet keine Schuld, nur Scham – die Reaktion auf die Mißbilligung seines Tuns durch die Gemeinschaft.. Auch das Bedürfnis nach Erlösung ist dem Japaner fremd. Denn er versteht den Tod anders, fühlt sich – shintoistisch – einbezogen in den Zyklus der Natur.

Diese Anmerkungen Endōs sind für den vorliegenden Roman insofern von Bedeutung, als gerade die Frage nach Sünde und Erlösung eins der Hauptthemen ist, die sich durch Skandal ziehen. Skandal ist (zumindest der Werksübersicht nach [1] eines der letzten Bücher Endōs, es ist zudem ein Roman, in dem sich viel Biographisches des Autoren finden läßt.


Tief in den Herzen der Menschen herrscht eine Finsternis,
von der sie selber nichts ahnen.

Suguro, sein Protagonist, ist wie Endō selbst, katholischer Schriftsteller, zum Zeitpunkt der Handlung ist er fünfundsechzig Jahre alt, also gut ein Jahrzehnt älter als Endō bei der Veröffentlichung des Buches in Japan. Seltsam mutet dagegen an, daß der Autor das Alter seiner Figur, der er Krankheit und das Bewusstsein eines nicht mehr fern liegenden Todes zuschreibt, tatsächlich nicht ganz erreicht: Endō stirbt im Alter von 63 Jahren.

In der einleitenden Passage, in der Suguro mit einem Preis ausgezeichnet wird und ein befreundeter Kollege die Laudatio hält, werden Details auf Suguros Leben genannt: wie Endō wurde Suguro als Kind von seiner Mutter getauft, schrieb er Romane über das frühe Christentum in Japan. Als Titel eines solchen Romans wird ‚Die Stimme des Schweigens‘ genannt, was unwillkürlich an Endōs Titel Schweigen erinnert, auch der Titel ‚Der Bote‘ suggeriert die Assoziation zu Der Samurai von Endō. In der Lungenkrankheit, die Endō seiner Hauptfigur zuschreibt, spiegelt sich ferner das Thema seine Romans Meer und Gift, in dem es um Menschenversuche an mit Tuberkulose infizierten Kriegsgefangenen geht. Es ist natürlich reine Spekulation und im Grunde nicht zulässig, aber die Vielzahl biographischer Ähnlichkeiten und Anspielungen verführen unwillkürlich dazu, in Suguro eine Art Wiedergänger zu Endō selbst zu sehen.

Dieser Suguro, ein Autor, dessen Werk von Ernsthaftigkeit und Moral geprägt ist, wird auf der erwähnten Preisverleihung von einer betrunkenen Frau, die sich als Künstlerin ausgibt, und von der niemand weiß, wer sie eingeladen hat, lautstark angesprochen. Er selbst, so die Frau, habe sie eingeladen und tue jetzt scheinheilig so, als kenne er sie nicht. Ich verstehe, daß Sie sich nachts an solchen Orten mit uns herumtreiben, soll niemand wissen. Weil Sie ein Christ sind! Natürlich, das wahre Gesicht und das, das man sonst zur Schau trägt, muss man schön auseinanderhalten …

Die Behauptung, sich an ’solchen Orten‘, an denen sich Peep-Shows, Pornokinos und einschlägige Bars aneinander reihen, herumzutreiben, ist für Suguro eine absolut absurde Verleumdung, die er sich nur mit der Existenz eines Doppelgängers erklären kann, der ihm schaden will. Denn würde diese Behauptung öffentlich werden, so wäre sein integerer Ruf als moralischer Schriftsteller mit hohem moralischen Anspruch verloren.

An diesem Abend zerbricht etwas in Suguros Leben: die Fassade erhält Risse. Denn nicht nur, daß Gäste der Preisverleihung den Auftritt der Frau miterlebt haben, Kobari, ein Sensationsreporter, wittert seine Chance darin, Suguro zu enttarnen, ihm die Maske vom Gesicht zu reißen. So entwickelt sich im Lauf der nächsten Monate eine Art Wettlauf zwischen Suguro und Kobari: Will der eine seinen Doppelgänger finden, so sucht der andere Beweise und Zeugen für Suguros angebliche dunkle Leidenschaften, mithin versuchen beide Männer, die gleiche Person zu finden, die sich nachts ihren mit Schmerz und Qual verbundenen Ausschweifungen hingibt.

Dabei hat Suguro ein sozusagen offizielles Doppelleben schon lange institutionalisiert: er hält seine Frau von allem fern, was seinen Beruf angeht, verschweigt ihr, unter der Ausrede, sie nicht beunruhigen zu wollen, in Wirklichkeit aber, um eine Auseinandersetzung zu vermeiden, auch jetzt die auftauchende Gefahr und Bedrohung.

Die Erosion der Fassade, des professionell nach außen hin lächelnden Schriftstellers, schreitet fort, jetzt wo sie eingesetzt hat. So beobachtet er an sich selbst unschickliche Gedanken, die er beim Anblick von Mitsu, einem jungen Mädchen, das zeitweise in seinem Zimmer sauber macht, hat. Besonders dramatisch wird es jedoch erst, als er in das Atelier der Künstlerin geht, die angeblich ein Portraits von ihm angefertigt hat: er sieht dort ein Bild, das ihn darstellt – lüstern, bösartig im Ausdruck. Er erkennt sich darauf und auch wieder nicht…

An diesem Tag lernt er in einem Cafe neben dem Atelier Frau Naruse kennen. Obwohl die Bekanntschaft so frisch ist, wird das Gespräch bald intensiv, dreht sich um Sex, um geheime Begierden, um verheimlichte Süchte. Frau Naruse fasziniert ihn und das Doppelleben, das sie ihm offenbart, erscheint ihm völlig rätselhaft, wenngleich es einen Sog auf ihn ausübt. Tagsüber nämlich betreut sie voller Liebe und Hingabe Kinder im Krankenhaus, andererseits vertraut sie Suguro an, daß sie bei ihrem Mann sexuelle Erfüllung vor allem dann erreicht hat, wenn sie schlimmste Grausamkeiten vorgestellt hat…

Frau Naruse ist es schließlich, die Suguro anbietet, ihn zu seinem gesuchten Doppelgänger zu führen. Durch ein Guckloch in einem präparierten Hotelzimmer schaut Suguro auf die unbekleidete Mitsu, die betrunken auf einem Bett liegt – und er beobachtet einen Mann, der sich ihr nähert, ein Mann, der ihm, Suguro, bis hin zur Narbe der Lungenoperation auf dem Rücken, gleicht… als Suguro wieder zur Besinnung kommt, nimmt er sich selbst wahr, wie er auf Mitsu liegt und dabei ist, sie mit verzerrtem Gesicht, voller Lust, zu erwürgen…


Endō packt viel hinein in diesen Roman, der – an diesem literarischen Vorbild kommt man ja nicht vorbei – an Dr. Jekyll und Mr. Hyde erinnert, also einen Mann beschreibt, der bei Tageslicht eine moralische Instanz darstellt (was Suguro gar nicht so recht war), der sich bei Nacht jedoch in eine lüsterne, triebgesteuerte Kreatur verwandelt – ohne daß die Taggestalt dies ahnt. Schon in der seinen Roman einleitenden Passage, eine Art stillem Zwiegespräch zwischen dem die Laudatio haltenden Freund und dem über das Gesagte sinnierenden Suguro packt Endō sein Anliegen in Worte. Suguro hatte in seinem gesamten Werk nicht eine einzige lichte und erbauliche Geschichte geschrieben. Immer wieder hatte er die schwarzen und hässlichen Seiten der Gestalten in seinen Werken nachgezeichnet. … Und während er die finstere Seele seiner Gestalten beschrieb, war ihm, als geriete er selbst in eine ebenso finstere Gemütsverfassung. Um ein hässliches Herz zu beschreiben, brauchte man selbst ein hässliches Herz. … Was Suguro hier noch theoretisiert, konkretisiert sich für ihn selbst noch an diesem Abend, auch wenn er dies weit von sich weist und es ein langer, einen ganzen Winter dauernder Prozess ist, bis er die Wahrheit (an)erkennt. Dieser Teil der Geschichte, die Selbstfindung Suguros, erzeugt – obwohl der gesamte Roman spröde ist in seiner Formulierung – einen starken Sog beim Lesen. Und selbstverständlich taucht auch der Gedanke auf, welche Geheimnisse, die man selber hat, man nach außen hin nicht preisgibt – und vor sich selbst leugnet bzw. man dazu steht. Oder, um auf Suguro zurückzukommen: hätte er damals, als Jesus sein Kreuz trug und von den Umherstehenden mit Steinen beworfen wurde, selbst auch einen geworfen?

Ein weiteres, den Roman prägendes Thema ist dieses christliche Konzept der Sünde, das dem japanischen so fremd ist. Auch dazu nimmt die Laudatio schon Stellung: Nach einer Zeit des Herumtastens im Dunkeln, in der Suguro mit Vorliebe von der Sünde des Menschen schrieb, ist es ihm gelungen, in seinen Werken zu zeigen, dass sich in der Sünde das Verlangen nach Wiedergeburt verbirgt. … stets birgt sie den menschlichen Wunsch, einen Ausweg aus dem erstickenden Leben der Gegenwart, aus dem Dasein überhaupt zu finden, … Hier spiegelt sich, denke ich, die eigene Auseinandersetzung des Autoren mit seinem Glauben und dessen Verhältnis zu seinem Land, das dieses Konzept von ‚Sünde‘ nicht kennt, wieder.

Daß Endō, der in Frankreich studiert hat, Europa kennt, zeigen die eingebauten Verweise auf Dante, Poe, Baudelaire oder auch auf fratzenartige Steinmetzarbeiten an Kirchen, die plötzlich Bedeutung gewinnen. Auch Freud wird bemüht, der Vergleich des dunklen Schreibzimmer Suguros, in dem er sich so wohl fühlt, mit einem Uterus, in der er sich dieser Deutung nach zurücksehnt, ist ein Beispiel dafür. Inwieweit solche Deutungen heute noch als gültig angesehen werden können, kann man als Laie wohl nicht beurteilen…

Skandal ist also kein unterhaltsames Buch, man kann Endō nicht vorhalten, er hätte mit (l,s)eichter Literatur auf unser Vergnügen hin geschrieben. Skandal ist eine tiefgründige und intensive Auseinandersetzung mit der Tatsache, daß jeder Mensch Geheimnisse mit sich herumträgt, die oftmals gegen weltliche oder religiöse Gebote verstoßen. Die Frage ist die nach dem Umgang mit solchen geheimen Süchten und Gelüsten, Endōs Figur des Suguro verdrängt sie, auch um in der Öffentlichkeit ein bestimmtes Bild von sich aufrecht zu halten, letztlich sogar vor sich selbst, ihr Widerpart ist Frau Naruse, die sich im Gegensatz zu Suguro völlig über die Abgründe in ihrer Seele bewusst ist und sie zwar im Geheimen, aber trotzdem bewusst, auslebt.

Skandal ist sicherlich ein Roman, mit dem man sich länger befassen muss. Er ist, in Endōs typisch sprödem Stil geschrieben, nicht unterhaltsam, zieht einen beim Lesen aber schnell in Bann: die Fragen, die Endō anspricht, sind in gewisser Weise allgemeingültig. Mit dem ‚Wettlauf‘ zwischen Suguro und Kobari, die beide die ‚Wahrheit‘ suchen, bringt Endo einen zusätzlichen Spannungsbogen in seine Geschichte. Wer also einen relativ kurzen Roman sucht, der sich mit den Fragen nach Sünde, Schuld und Authentizität befasst, liegt mit Skandal sicherlich richtig. Und dem kleinen Septime-Verlag in Wien sei gedankt, daß er Endōs Romane in so schöner Form (die ja geradezu zum Sammeln einlädt) wieder aufgelegt hat. Es wäre schön, wenn der Verlag noch weiteres dieses äußerst interessanten japanischen Autoren auflegen würde.

Links und Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Endō_Shūsaku
[2] Besprechungen hier im blog:
– Meer und Gift
– Schweigen (Diesem Beitrag sind auch Teile der vorliegenden Einführung zum Buch entnommen)
[3] Manfred Osten, Die Erotik des Pfirsichs, Suhrkamp, st2515, ca 162 S.

Shūsaku Endō
Skandal
Übersetzt aus dem Japanischen von Jürgen Berndt
Originalausgabe: スキャンダル (Sukyandaru), , 1986
diese Ausgabe: Septime, HC, ca. 298 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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