Let’s talk about sex baby
Let’s talk about you and me
Let’s talk about all the good things
And the bad things that may be
[Salt N Pepa [2]]


Egal, wie man den Begriff ‚Leben‘ definiert, die Fähigkeit zur Fortpflanzung, zur Reproduktion, gehört als Kriterium immer dazu. Auch wenn die Reproduktion nicht immer sexuell verlaufen muss (es gibt auch andere Wege), bei den meisten höheren Lebewesen tut sie – so auch beim Menschen. In ihrem Buch Sex Story versuchen die Autoren darzustellen, wie sich diese Fortpflanzung beim Menschen im Lauf seiner evolutionären Entwicklung vom reinen Trieb immer mehr um zumindest zwei Komponente erweitert wurde: um das Gefühl der Liebe und um die Lust, den Spaß an der Sache, ohne daß dabei die Fortpflanzung eine Rolle spielt – im Gegenteil. Und damit ihre Ausführungen sich nicht als ein weiteres, eher trockenes Werk in die Phalanx schon existierender Kulturgeschichten zur Sexualität des Menschen einreiht, haben Philippe Brenot und Laetitia Coryn einen anderen Weg eingeschlagen: sie haben einen Comic geschrieben. Philippe Brenot, um den Textautor bzw die Zeichnerin kurz vorzustellen, ist Anthroploge und Psychiater. Er leitet das Institut für Sexualstudien an der Universität Decartes Paris und ist Autor zahlreicher Sachbücher; Laetitia Coryn hat schon im Alter von 15 Jahren entschieden, dass sie Künstlerin werden will. Heute ist sie erfolgreiche Illustratorin von Graphic Novels und Comics und arbeitet für verschiedenen Magazine [Verlagsangabe].

Das Ergebnis ist ein ansehnliches Buch im DIN A4 Format, wer ein Beispiel für die Bildchen sehen mag, mag hier klicken und sich exemplarisch in den Palast Cleopatras zurückbeamen (und sich vorstellen, die Hülle risse…). Man erkennt es schon, die beiden Autoren setzen mit ihrer Geschichte sehr früh ein, im Wirklichkeit sogar noch viel früher, bei den gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch. Denn Menschen und Affen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer sexuellen Eigenschaften deutlich: Frauen haben Brüste, Affenweibchen nicht, der Mensch kennt die Scham, im Gegensatz zu Tieren – um nur zwei Sachverhalte zu erwähnen. Um zu plausibilisieren, wie solches entstanden sein könnte, dient eine prähistorische Sippe ‚Mustermann‘, in der die Scham ‚erfunden‘ wird (obwohl sie sich wahrscheinlich je eher im Lauf der Evolution entwickelt hat…), bei der aber auch die erste Vergewaltigung stattfindet und die erste romantische Liebe auftaucht…

So geht es dann durch die Jahrhunderte weiter: Babylon, Ägypten, das antike Griechenland und das Römische Weltreich… eine Konstante in diesen Zeiten (und in nachfolgenden) war immer die unterschiedliche Rolle von Mann und Frau: während dem Mann Freiheiten zugestanden worden waren wie der Besuch von Prostituierten und/oder Bordellen, hatte sich die Frau zu Hause um Haus und Kind zu kümmern (eine Ausnahme bildete wohl da alte Ägypten, das beiden Geschlechtern ihre Freuden zustand). Als andere Konstante zeigte sich in den Jahrtausenden, daß auf relativ freizügige oder auch dekadente Perioden repressivere Zeiten folgten (So, Schluss mit dem Unfug.)

Und dann kam das Christentum an die (geistige) Macht. Und da der Apfel eher eine Feige war und Gott das Kosten an dieser missbilligte und die ungehorsamen Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb, war bei den massgeblichen Leuten sozusagen der Genuss von Feigen in Verruf geraten. Augustinus, der Heilige, gehörte zu diesen Leuten und seine Diskreditierung von Lust und Sinnlichkeit sollte über Jahrhunderte das erotische Leben überall dort, wo Christen auftauchten, bestimmen. Jedenfalls wurde der Verkehr zwischen Mann und Frau nur noch zweckgebunden und zielgerichtet geduldet, alles andere war Sünde. Und zum Zeichen, daß der Mann Chef im Ring war, war auch nur noch die Missionarstellung erlaubt, in der der Mann die Frau von oben beschläft und im wahrsten Sinn des Wortes (r)unterdrückt. Na super! Vielen Dank, Augustinus!

Nach dem Mittelalter dann die Renaissance, der Maler und sein Model. Der befreite Körper wird abgebildet, in der Malerei und auch in der Bildhauerei, Leonardo untersucht an Leichen, wie so ein Mensch überhaupt aussieht: erste Theorien zur Fortpflanzung entstehen. Aber auch hier: Gegen Ende  dieser Epoche nimmt die Toleranz gegen eine freier gelebte Sexualität wieder ab.

Ein großes Kapitel widmen die Autoren der Selbstbefriedigung. Hing man, wie die Spermatisten es taten, der Ansicht nach, der vollständige neue Mensch sei im männlichen Samen schon enthalten, so bedeutete eine handbetriebene Ejakulation so etwas wie einen Massenmord, das Handtuch, das Bettlaken wurden zum Massengrab: Nieder mit der Wichserei. Was natürlich auch für die Frauen galt, die in der Vorstellung der Sittenwächter ihr Klitoris mit Gegenständen angefangen vom Gemüse bis hin Flaschenverschluss reizten. Die damaligen Mittel gegen dieses als Krankheit eingestufte Verhalten waren drastisch, gottseidank hat sich diese Einstellung geändert, so daß die Autoren zum Schluss raten: Also, immer schön masturbieren!

Noch waren Ehe und Sexualität getrennt, die Liebe zwischen Eheleuten ein Ding, was nicht sein sollte. Die Männer der höheren Stände liebten ausser Haus, hielten sich Mätressen, gingen in entsprechende Häuser. Hätte es die Syphilis nicht gegeben, was wäre das für ein lustiges Treiben gewesen!

Neuere Zeiten nahten, die französische Revolution, Napoleon oder auch in England Königin Viktoria, die einer ganzen prüden Epoche ihren Namen gab, obwohl sie Wolken-und-Regenspiel selbst gar nicht abgeneigt war… noch wütet die Syphilis, doch Pasteur hat eine große Entdeckung gemacht: er hat die Bakterien entdeckt.

Irgendwann in dieser Zeit finden noch zwei Umwälzungen statt: die Eheschließung aus romantischen Motiven tritt auf und Sex wird getrennt von der Fortpflanzung: Es darf zum Spaß und aus Lust an der Freud gevögelt werden. Mit der wachsenden Bedeutung der Wissenschaft entwickelt sich jetzt auch langsam eine Wissenschaft vom Geschlechtlichen, eine Sexologie, die Jahrzehnte später mit Kinsey Erstaunliches zu Tage fördern wird…

Mit dem Erreichen das zwanzigsten Jahrhunderts kommen wir der Jetztzeit näher. Der Körper – in welchem Ideal auch immer – wird befreit, wird gezeigt, die Entwicklung der Bademode vom Ganzkörperanzug über den Einteiler hin zum Bikini bis zum Tanga ist ein Beispiel dafür. Freud entwickelt seine Theorien, Masters und Johnson beobachten empirisch die sexuellen Reaktionen von Frauen… Homosexualität gibt es, sie wird jedoch noch als abartig empfunden. Erst spät im 20. Jahrhundert setzt sich die Erkenntnis durch, daß es so etwas wie eine Norm in der Sexualität nicht gibt…

Der Comic schließt mit einem Ausblick auf das, was im Bereich Sex und Geschlechtlichkeit möglicherweise noch kommen mag und sie skizzieren dabei Szenarien, die nicht unbedingt erstrebenswert erscheinen.

Ein Bild sagt zwar mehr als tausend Worte, aber doch nicht alles: in einem Anhang fassen die Autoren grundlegende Begriffe zusammen und beantworten offengelassene Fragen. Stichworte sind Liebe, Sexualerziehung, Ehe, Verbote, Normalität, Sexuelle Orientierung, Perversion und Prostitution.


Das alles ist witzig, unterhaltsam und kurzweilig und bietet, da auf dieses Thema „Sex“ hin komprimiert, so manches (mir) Unbekannte wie zum Beispiel die Existenz von ‚Impotenz-Tribunalen‘ (Tribunal de l’Impuissance) im Frankreich der Renaissance, vor deren Augen der unglückliche Tropf von Mann an und mit seiner Frau nachzuweisen hatte, daß deren Behauptung, er sei impotent, falsch ist. Man(n) kann sich leicht vorstellen, daß umständehalber bei dieser Art von Beweisführung meist die Frau Recht behielt…

Womit ich bei meinen Anmerkungen bin. Zum einen liegt der Schwerpunkt der beiden französischen Autoren natürlich auf den Verhältnissen in Frankreich, der Begriff ‚Impotenz-Tribunal‘ (um beim Beispiel zu bleiben) ist für Google zumindest kein findbarer Ausdruck. Überhaupt verspricht der Untertitel Eine Kulturgeschichte in Bildern mehr als er halten kann: der gesamte Osten mit der fein-raffinierten Erotik von Ländern wie Japan, China oder auch Indien kommt nicht vor, von den Völkern anderer Erdteile wie Afrika ganz zu schweigen. Weiterhin bleiben die Autoren notgedrungen an der Oberfläche, aber das Buch bietet genügend Anhaltspunkte, um sich mit anderen Quellen bei Interesse tiefer gehend zu informieren, eine (frankophone) Bibliographie bietet erste Hinweise dazu.

Jeder pisst und scheißt, wo er geht und steht! … Keinerlei Latrinen, keine Toiletten. Gänge, Höfe, Korridore sind voll mit Urin und Fäkalien. Von Versailles Ludwig XV ist die Rede und so ganz glaube ich das nicht… schon aus rein praktischen Gründen: die armen Leutchen wären ja nur noch am Ausrutschen gewesen, außerdem waren ja so etwas wie Leibstühle auch anderswo [1] in Gebrauch, warum nicht hier auch. Die Diskussion im Internet über diese Behauptung jedenfalls ist kontrovers. Möglicherweise sollte der Adel auch nur kompromittiert werden… na, jedenfalls fielen mir diese zwei Bildchen auf. Und die zitierten Sprechblasen zeigen, daß das Buch – da Sex zum Leben gehört – auch eine Geschichte der allgemeinen Kultur ist: über die Stellung der Frau in der Gesellschaft, über Fortschritte in Technik und Wissenschaft, über philosophische und religiöse Fragen. Zudem verdeutlicht diese kleine Zitat auch, daß die Autoren nicht nur auf den medizinischen Fachjargon zurückgreifen: Tonfall und Wortwahl sind ist teilweise recht umgangssprachlich.

Erwartet man also von dem vorliegenden Buch (so wie möglicherweise auch beim Sex selbst) weniger Intellektualität als vielmehr einen mit Fakten und Informationen angereicherten Spaß, so wird man sicher nicht enttäuscht werden. Da der Comic – selbst bei auf den ersten Blick heikel erscheinenden Themen – nie peinlich ist, mag er sogar für den/die eine/n oder andere/n als Einstieg geeignet sein, den Blick für andere Aspekte beim ‚Sex‘ zu weiten. Und dem Verlag kommt der Verdienst zu, uns in Deutschland diesen amüsanten und informativen Überblick zugänglich zu machen.

Links und Anmerkungen:

[1] Die staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württembergs haben im Deutschen Kunstbuchverlag einen sehr hübschen und informativen Katalog: Das Stille Örtchen (z.B. hier und ausnahmesweise mal bei amazon) herausgegeben, in dem die Geschichte der hygienischen Aspekte bei Hofe beschrieben wurden. Danach war die „Technik“ zur halbwegs geordneten Entsorgung der unvermeidlichen Ausscheidungen zu dieser Zeit durchaus vorhanden, kaum vorstellbar, daß ausgerechnet in Versailles darauf verzichtet worden ist.
[2] z.B. hier bei youtube zu sehen und zu hören

Philippe Brenot, Laetitia Coryn
Sex Story
Übersetzt aus dem Französischen von Valerie Schneider 
Originalausgabe: Sex Story – La première histoire de la sexualité en BD, Paris, 2016

diese Ausgabe: btb, HC, ca. 210 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Was dem Verfasser dieses Buches seine Hesse-Lektüre war, war mir, der ich – cum grano salis – in derselben Alterskohorte heimisch bin, mein Jasmin – die Zeitschrift für das Leben zu zweit (wobei ich seinerzeit eher auf meine Kosten gekommen sein dürfte als der junge Moritz mit Narziss und Goldmund, aber Jasmin war ja auch keine wirkliche Literatur…). Dann gab´s da noch Candy im Schrank der schon verehelichten Schwester, ein Titel der amerikanischen Autoren Southern/Hoffenberg [3], der für mein damals noch prägbar-jugendliches Gemüt recht Eindeutiges bot. Beides übrigens in aller Heimlichkeit, aber das versteht sich wohl von selbst – genauso wie die fast verzweifelte Suche nach weiteren Titeln dieser Art. Aber der Rest des Bücherschranks enthielt mehr Werke von Hamsun und ähnlichen, Autoren, auf die noch nicht einmal Moritz hier zurückkommt. Also völlig asexuelles offensichtlich….

moritz


Das Erotische, der Sex. Wohl unbestritten gehört er „dazu“, wir alle verdanken dem Sex unser Leben. Um so erstaunlicher eigentlich, wie – ich schwenke jetzt einfach mal rüber zum hiesigen Biotop der Buch- und Literaturblogs – rar gesät Mitteilungen aus dieser Welt hier zu finden sind. Kaum jemand scheint erotische Literatur zu lesen, Erotisches in Literatur für bemerkenswert zu halten. Blogger und Rezensenten, die sich dem Sujet annehmen, sind nicht nur im übertragenen Sinn, fast an den Fingern einer Hand abzuzählen. Gar nicht zu reden vom freimütigen Bekenntnis, an erotisch eindeutiger Literatur interessiert zu sein.

Der Autor dieser Zusammenstellung, Rainer Moritz, seines Zeichens Leiter des Literaturhauses in Hamburg, steht zu seinem Interesse und was er für sein Stellenbuch zusammengesucht hat, bestätigt dies. In insgesamt fünfzehn Abschnitten, die jeweils eigenen Schwerpunkten gewidmet sind, befasst er sich mit der literarischen Darstellung von Erotischem, beginnend mit den persönlichen Erstkontakten (der erwähnte Hesse…) bis hin zur Moderne, die mit den Feuchtgebieten und 50 Shades of Grey offensichtlich Massenkompatibles geschaffen hat.

Das Definitorische… auch Moritz versucht, seinen Untersuchungsgegenstand näher zu bestimmen, obschon nachher die sowieso fragwürdige und kaum eindeutig zu treffende Unterscheidung zwischen Erotik und Pornographie keine Rolle mehr spielen wird. Intuitiv „weiß“ man ja, was gemeint ist und was man erwartet, das weiß man noch besser (frei nach dem Motto: „Für ein paar Euro fünfzig kann ich schließlich erwarten, daß an meine niedersten Instinkte appelliert wird!“). Entsteht doch vieles von dem, was ein Autor mit Worten schriftlich fixiert, als Bild oder Film erst im Kopf des Lesers, geformt nach seinen Vorlieben. Wohl kaum ein Genre hängt in der Rezeption so von persönlichen Vorlieben und Einstellungen ab wie die schriftliche Darstellung von Erotischem.

Wer hat den schlechtesten Sex? Was wie eine Frage aus der Klasse der Herrenwitze klingt, ist doppeldeutig: einerseits kann man die Frage so nehmen, wie sie dort steht und in einigen Abschnitten wie beispielsweise dem über Matratzendesaster macht Moritz dies auch: […] ist die Literatur durchzogen von mal peinlichen, mal ekligen, mal hilflosen Beischlafanläufen. […] Im größten Teil des Buches jedoch konzentriert sich der Autor darauf, für seine literarische Stellensuche Beispiele zu präsentieren, in denen Sex (der durchaus gut gewesen sein kann) handwerklich schlecht in Worte gefasst worden ist. Was mich fast verlockt festzuhalten, daß Moritz, der seinen Schriftstellerkollegen seine Meinung recht deutlich sagt, für sein eigenes Werk einen im Grunde leicht irreführenden Titel gewählt hat. Nun ja. Wir jedenfalls wissen, worum es geht. Und es tut ja auch gut, mal so richtig abzulästern bzw. einem anderen dabei zuzuhören bzw. es zu lesen.

Früher war alles einfacher. Erotisches gab es im wesentlichen als Bückware für die Herren, denen eine gewisse sittliche Reife zubilligt wurde und die die plastischen Beschreibungen solcher Bücher, die zum Teil noch illustriert waren, entsprechend einordnen konnten. Die Dichter und Schriftsteller, die für die Allgemeinheit schrieben, waren darauf angewiesen, das Geschehen in Gottes weiter Flur oder im abgeschlossenen Schlafraum durch Leerzeilen angedeutet der Phantasie des Lesers anheim zu stellen – oder sie verwendeten Symbolisches und beschreiben, wie das Erblühen der Knospe durch Kälte zurückgehalten wurde, selbst auf die Gefahr hin, daß [er] die Knospe abwerfe, damit er nicht eher blühe als heute. „Er“ ist hier der blütentragende Kaktus, gemeint ist aber doch das, was wir in die Bildern Georgia O’Keeffe spontan hinein interpretierenDie Stelle übrigens ist bei A. Stifter (Nachsommer) zu finden.

Man muss Moritz recht geben, dem Dichter ermangelt bei diesem Sujet an der adäquaten Sprache. Der medizinische Fachjargon ist nüchtern und keineswegs luststeigernd (ja, es ist erlaubt, sich durch erotische Literatur anregen zu lassen!), ihm gegenüber steht die Vulgärsprache, die zwar deutlich mehr an begrifflicher Auswahl zu bieten hat, aber in der mehr oder wenig Hochliteratur oft deplatziert wirkt. Ich beispielsweise gebe zu, daß ich, stoße ich auf jenes Wort, das sich auf „nicken“ reimt, jedesmal zusammen zucke, ich mag es einfach nicht, zumal nicht in Texten, die ansonsten einen Anspruch erheben wollen. Treffend stellt Moritz fest, daß […] alles – wie freizügig sich die Gesellschaft auch geben mag -, was mit dem Sexualakt zusammenhängt, weiterhin schambesetzt ist [..]. So kämpft der Literat an mehreren Fronten: rein handwerklich fehlt es an adäquatem „Werkzeug“, sprich einem anerkannten Vokabular und verständlichen Bildern/Metaphern, er konfrontiert den Leser mit dessen Schamgefühl und Peinlichkeitsgrenzen und natürlich dürfte auch seine eigene Einstellung gegenüber dem Sexuellen mit in die Niederschrift einfließen.

In seinem Buch befasst sich Moritz freilich weniger mit explizit erotischer Literatur, die abzufassen in den Zeiten des Internet sich mittlerweile anscheinend fast jeder befähigt fühlt, sondern mit Erotischem in der Literatur. Da, wie festgestellt, Erotik und Sex zum Leben gehören und Literatur Leben schildert, sind solche Passagen, nachdem das Leerzeilenzeitalter verklungen ist, keine Seltenheit mehr. Auch wenn es – gottseidank (?) – durchaus Autoren gibt, die bei ihrem Leisten bleiben und für sich akzeptieren, daß sie besser auf die Schilderung sexueller Handlungen verzichten. Frisch beispielsweise gehört in diese Kategorie von Autoren, Lenz auch, obwohl Moritz von diesem eine überaus köstliche Passage über einen Luftmatratzenaufblaswettbewerb zitiert. Was völlig übergangslos Familie Hoppenstedt ins Spiel bringt, deren Mutti ja seinerzeit bekanntlich durch den Heinzelmann saugende Unterstützung beim Blasen bekam. Denn Moritz, man vermutet es, schweift manchmal etwas ab, schaut über den Gartenzaun in den TV/Filmbereich bzw. den deutschen Schlagertext. Wo er bei Loriot lobend fündig wurde (fündig nicht nur bei ihm natürlich, aber hier eben ausnahmesweise mal lobend).

Viele Autoren jedoch schreiben munter drauflos, lassen kopulieren und fellieren, lassen die Mundwerkzeuge auch anderswo Volten schlagen, entledigen ihre Protagonisten mehr oder weniger feinfühlig der Kleidung, paaren sich in der freien Natur oder wälzen sich im stockigen Bettzeug alter Hotels in Bahnhofsnähe. Der Schwerpunkt der von Moritz herausgesuchten Stellen liegt bei deutschen Autoren, in der Minderheit sind ausländische Literaten wie Philip Roth, aber auch Brodkey, Millet u.a.m. werden zitiert. Es ist müßig, es hier eine Auflistung zu geben, das Buch enthält ein entsprechendes Verzeichnis.

Interessanter ist die inhaltliche Gliederung der Moritz´schen Stellensuche. Nach den einleitenden Abschnitten über Persönliches, Definitorisches und den Hürden bei der literarischen Adaption des Sujets fasst Moritz den Sex, den er betrachtet, mit dem jeweiligen Hintergrund/Umfeld, in dem er stattfindet, zusammen. Das (so es nötig ist) Entkleiden beispielsweise, das elegant sein kann, stolprig, hastig oder knöpfeverschleissend. Vom BH-Verschluss garnicht zu reden…. „Mach mir den Hengst“: jawohl, auch Tierisches spielt eine Rolle und besagtes „hengstliches“ kann auch heißen, […] daß er kam wie ein trinkendes Pferd. […]. Aber natürlich sind es nicht nur die Equiden, die zum Vergleich bemüht werden, wer kennte nicht den Witz vom Blinden im Fischgeschäft: Hallo, Mädels! Das Getier des Meeres einerseits und Wasser, Meer und anderes an Flüssigem andererseits… Was dem Tier recht ist, ist dem Obst billig, so gären bei Ortheil die Feigen vor lauter Hitze im Zimmer (was mir zeigte, daß ich das Buch [4] seinerzeit viel zu naiv gelesen hatte….) und über Einsatzmöglichkeiten von Bananen, Gurken und ähnlich phallischem Obst herrscht keine Unklarheit mehr. Sofern Zunge und Lippen nicht anderweitig im Einsatz sind, kann aber muss Sex nicht unbedingt still sein, vom aufmunternd-fordernden „Tiefer, tiefer..“ bis hin zur Kündigung durch den Vermieter wegen andauernder Lärmbelästigung reicht die Spannweite der Lautäußerungen… und wie unvollständig wäre die Übersicht ohne die Zusammenhänge zwischen Sex und Wasser bzw. Sex und Essen/Trinken zu betrachten…. Die immer wieder so gern bemühte Flutwelle und das große Fressen, das sich gegenseitig mit diverser Nahrung einschmieren und wieder Ablecken… und das Obszöne der Auster sowieso…  Nun ja…. lassen wir es genug sein, Moritz selbst bietet noch einiges mehr…

Das alles ist flott geschrieben, mit Witz bis hin zur beissenden Ironie, liest sich unterhaltsam und amüsant. So weit, so gut. Der Autor hat sich für seine Zusammenstellung eine sichere Methodik ausgedacht: kleine Textschnipsel, aus dem Zusammenhang gerissen und an seinen Erwartungen gemessen. Das ist freilich immer eine schlechte Ausgangsposition für den Text, ich will ein Beispiel dafür geben, was ich meine.
Moritz zitiert Peter Härtling mit einem Werk aus dem Jahr 1983 (Das Windrad):
Ihre Haut war warm, weich, sonderbar nachgiebig. Als er auf ihr lag, bäumte sie sich kurz auf, als wolle sie ihn wieder abwerfen. Sein Atem strengte ihn an.
Sei ruhig, sei doch lieb . Sie redete neben seinem Ohr. Rammel doch nicht einfach los, Mann. Sie lachte mit ihrem Bauch gegen seinen, schob ihn behutsam zur Seite, wälzte ihn auf den Rücken, streichelte ihn mit ihren Brüsten, setzte sich auf ihn. Jetzt kannst du. Und ich auch. 
Nach einer Weile legte sie sich sanft auf ihn. Er sah hinter seinen Lidern ein sphinxähnliches Wesen, eine Frau mit dem Leib einer Löwin. 

Wie gesagt, die Geschmäcker sind verschieden: mir gefällt die Textstelle, ich finde sie authentisch, nahe an dem, wie es tatsächlich passieren könnte oder auch schon vieltausendmal geschehen ist. Moritz dagegen macht sich lustig, vergleicht den Text mit Gebrauchsanweisungen eines esoterisch angehauchten Erotikratgebers, wie man ihn damals in der Tübinger Altstadt kaufen konnte… um zwei Zeilen später zu konstatieren: Als konkrete Handlungsanweisung taugt das nicht. Was denn nun? Gebrauchsanweisung: ja, Handlungsanweisung: nein? Und überhaupt: wer sucht denn bei Härtling (!) Handlungsanweisungen, wie man Sex machen soll(te)?? Wenn man Härtling liest, sollte man besser mit Erwartungen an den Text gehen, die dem Autoren gerecht werden. Apropos: Handlungsanweisung. Ein paar Seiten vorher wird eine Passage aus Puzos Der Pate zitiert, in der recht genau geschildert wird, wie die beiden Protagonisten sichanschicken, sich dem Rausch der Sinne hinzugeben, man könnte das im Stehen erfolgende Präludium durchaus als Vorlage nutzen. Aber auch das ist nicht recht, Moritz macht sich hier die resignierende Äußerung eines anderen Kritikers zu eigen: Sex schien eine komplizierte akrobatische Nummer zu sein, es wurde gesprungen, gefangen, hochgehoben, gestoßen, die eine Hand, die Zunge, die andere … Ich würde es nie lernen. .. Da mag man den Kritiker trösten: wenn die Situation da ist, ist sie da und vieles ergibt sich von selbst und auch anscheinend überfordernde Handlungsabläufe klären sich, schließlich ist noch kein Meister vom Himmel gefallen…. und überhaupt ist es die Frage, ob jede Darstellung solch eher hormonell bedingter Tätigkeiten unbedingt auf ihre Plausibilität zu prüfen ist – Moritz hängt sich da z.B. auch sehr an dem öfter zu lesenden „Rissen sich die Kleider vom Leibe“ auf, nimmt es sehr wörtlich [5]… nun ja, für mich ist es eher ein bildlicher Ausdruck für die hohe Dringlichkeit des Vorhabens denn unbedingt eine Beschreibung eines tatsächlich stattfindenden aggressiven Aktes gegen körperverhüllende Textilien.

Nur der Vollständigkeit halber: Sex dient nicht nur der Fortpflanzung oder dem Vergnügen, Sex ist auch ein Machtinstrument zur Unterdrückung der Frau, eine Ansicht, die Moritz insbesondere bei Autorinnen verortet, die getragen vom Geist des (Post)Feminismus, [..] das ausbeuterische patriarchalische System in den Geschlechterbeziehungen aufspüren und schonungslos brandmarken. Beispielhaft verweist er auf Autorinnen wie Verena Stefan (Häutungen), Elfriede Jelinek (Lust), Sibylle Berg (Ein paar Leute machen das Glück und lachen sich tot) und Helene Hegmann (Axolotl Roadkill [4]). Ob die in diesem Zusammenhang zitierten Stellen jetzt hinsichtlich der Form oder des Inhalts angeführt werden (z.B Berg: Er verbringt schnell sein Glied in Nora und beginnt seine Arbeit.) wird nicht ganz klar. Aber anregend ist es jedenfalls nicht.

Ich habe mir – welch ketzerischer Gedanke! – während des Lesens hin und wieder überlegt, ob man mit denselben Zitaten, die der Autor anführt, ein Buch mit gegensätzlichem Tenor schreiben könnte, ein Stellenbuch also, wie man es kennt, zum Erheitern, zur Anregen der Fantasie und der Vorstellungen…. Unmöglich wäre es sicher nicht, die Interpretationsmöglichkeiten von fast allem sind bekanntlich unbegrenzt.

Was dem einen, und damit will ich langsam zum Ende kommen (eins der Verben, die zum Thema gehören und über dessen Sinnhaftigkeit beim Schildern sexueller Akte sich der Autor ebenfalls lang und breit mokiert), seine Himbeere (hmmm… auch dieses Obst würde ganz gut ins entsprechende Kapitel passen), ist dem anderen der seit 1993 verliehene Literary Review’s Bad Sex in Fiction Award [6] für den regelmäßig nicht nur Nobodys, sondern auch Größen wie Murakami oder Erica Jong nominiert werden. Ob der Leitfaden über „Dirty Writing“ von Ines Witka [7] da Abhilfe schaffen kann? Nun, bei dem einen oder anderen Selfpublisher, der sich vom erotischen Pegasus geritten fühlt, möglicherweise…

Es wird manchmal etwas viel des Spottes bei Moritz, der dann bemüht wirkt bzw. nicht sonderlich überzeugt.  In solchen Momenten kann man das Werk auch zur Seite legen, sich etwas erholen und am nächsten Tag weiterlesen – wenn einem wieder danach ist. Darin ähnelt es seinem Thema, in dem ja auch nicht unbegrenzt Höhepunkte am laufenden Meter zu produzieren sind.

Es gibt „schlechtesten Sex“ – zweifelsohne und Beschreibungen desselben, die grottig [8] sind – möglicherweise sogar fallen die einem nach der Lektüre der Moritz´schen Übersicht auch auf: dann haben wir als Leser wieder etwas dazu gelernt…. aber ansonsten ist die Zusammenstellung, die uns der Autor an die Hand gibt, gute Unterhaltung und man sollte sie nicht allzu ernst nehmen. Denn eins ist auch wahr: was beim Sex und das gilt meiner Meinung nach auch für seine literarische Darstellung, gelungen ist, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Person des Autoren:  https://de.wikipedia.org/wiki/Rainer_Moritz
[2] –
[3] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46462472.html und http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46135666.html
[4] Einige wenige der von Moritz benutzten Titel habe ich auch in meinem Blog schon vorgestellt. Es wären (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)
– Hanns-Josef Ortheil: Die große Liebe
– Helene Hegemann: Axolotl Roadkill
– Charlotte Roche mit Schossgebete und Feuchtgebiete
– Harold Brodkey: Unschuld
– Catherine Millet: Das sexuelle Leben der Catherine M.
[5] z.B. auch hier: http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/mdr/sendung-vom-15032015-100.html
[6] https://literaryreview.co.uk/bad-sex-in-fiction-award
[7] http://blog.konkursbuch.com/buchpremiere-zum-mitmachen/
[8] in seinem Buch Frauen und Bücher (btb, 2015; S. 403) zitiert Stefan Bollmann eine schöne Übersicht, die Herrn Moritz auch gefallen würde. Und zwar hat sich jemand die Mühe gemacht, in Shades of Grey die Häufigkeit, mit der bestimmte Begriffe auftauchen, festzustellen. So wird (in Band 1) 94-mal gestöhnt, 44-mal zieht sich Anastasias Unterleibsmuskulatur auf köstliche Art und Weise zusammen und anderes mehr….. Den Verkaufserfolg hat diese eintönige Begriffshäufung jedoch nicht geschmälert. Erotisches liest man eben nicht (nur) mit der Strichliste in der Hand.

Rainer Moritz
Wer hat den schlechtesten Sex?
Eine literarische Stellensuche
diese Ausgabe: DVA, HC, ca. 235 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Sigrid Neudecker ist keine Unbekannte. Sie schreibt in der ZEIT Wissen-Redaktion und, manche mögen sie von daher noch eher kennen, sie betreibt den ZEIT Sex-Blog, weil sie „der festen Überzeugung [ist], dass es keinen Grund gibt, das Thema Sex nicht genauso offen zu behandeln wie andere Alltäglichkeiten“. Recht hat sie. Auch wenn sie damit als kleiner Multiplikator genau das macht, was sie im ersten Kapitel ihres Buches durchaus eloquent und zustimmungsfähig anprangert: nämlich langsam aber sicher die Schamgrenze senken und die Privatsphäre auslöschen.

wiewarich

Aber eins nach dem anderen. Der Untertitel des Buches lautet: „Der Mythos vom perfekten Sex“. Bevor sie aber zu diesen Thema kommt, führt sie einen unterhaltsamen Rundumschlag gegen die gesellschaftliche, vor allem durch das Fernsehen, in den letzten Jahren dann auch durch das Internet festzustellende Tendenz, Privates zugunsten des öffentlichen aufzulösen. [1]

Als einen der Initialpunkte erwähnt sie den (den älteren unter uns vielleicht noch bekannten) Auftritt von Leonie Stöhr 1970 bei „Wünsch dir was“, der seinerzeit zu heller Empörung im bundesdeutschen Feuilleton führte. Ein paar durch Kleidung sichtbare Brüste.. was ist das schon gegen den Pen.isbru.ch von Dieter B. oder auch Jürgen Drews… Der Knackpunkt, den Neubauer anführt, wird vllt noch deutlicher, wenn man ein paar Jahre zurück geht: Hildegard Knef zeigte sich 1950 in „Die Sünderin “ nackt. Deutschland tobte. Aber im Gegensatz zu Stoehr war Knef eine Schauspielerin, der Auftritt von Stoehr war ein Auftritt von jemandem wie dir und mir. Und – so unscheinbar das seinerzeit angefangen hat – so fulminant und vehement erodierte die Schamgrenze. Bei Tutti Frutti (das keiner schaute, aber jeder kannte….) strippten die Teilnehmerinnen selbst und ließen die Hüllen fallen, in Sendungen wie „Wahre Liebe“ oder bei Erika Berger wurde sich auch verbal kaum noch Hemmung auferlegt. Und der Daily Talk am Nachmittag, das Schmidt´sche Unterschichtenfernsehen, ließ dann endgültig jede Beschränkung ausser acht: dort tobten sich herr und frau nachbar für eben dieselben aus.

So erodierte (nach Neudecker, und wer wollte ihr widersprechen) im Lauf weniger Jahre vor allem durch das Fernsehen, aber auch durch Printmedien, die natürliche Scham der Menschen: was die da oben können, kann ich auch! Das Mitteilungsbedürfnis, wer wann mit wem wie oft und warum in welcher Stellung gemacht hat, wuchs weiter und weiter, was vom Wesen her privat und intim ist, durfte dies nicht bleiben. Und über das, was heutzutage auf immer und ewig in facebook, in blogs und foren an Daten und Einzelheiten verbreitet ist (und kaum einer stört sich drum, daß er oftmals mit den AGB´s auch die Rechte an den veröffentlichten Daten/Bildern abgibt)…. wer 1985 den Aufstand über die Volkszählung miterlebt hat, schüttelt eh nur den Kopf…..

Neudecker versucht in diesem einleitenden Kapitel folgende Kausalkette plausibel zu machen: Die Ablösung der exotische Figur „Schauspieler“ oder „Darsteller“, der von seiner Rolle lebt, durch den Mann/die Frau von nebenan, also durch jemanden wie uns, die Zuschauer selbst führt zu dem Effekt, daß langsam aber sicher, daß, was in den entsprechenden Darbietungen geschildert, gezeigt wird, als normal angesehen wird. Dies koppelt jetzt wieder rück auf die Medien, indem sich der Gedanke festsetzt, was überhaupt dort geschrieben steht, muss die Wahrheit sein. Und dies wird jetzt verallgemeinert auf alle Medien, ob Ratgeber in Buchform oder Frauen-/Männerzeitschriften, seien es TV-Reportagen oder Meldungen und Beiträge im Internet: Der Mythos entsteht und setzt sich in den Köpfen fest.

Und diese Mythen, und damit sind wir endlich beim Untertitel, entlarvt sie in den folgenden Kapiteln ihres Buches. Zum Beispiel in „Pimp my body“: Wie sieht der erstrebenswerte Körper von Männlein und Weiblein im Bild der Medien aus? Sixpackig, siliconbrüstig, knackärschig und symmetrisch-labig (womit gemeint ist, es gibt auch asymmetrisch ausgeformte Labien, was natürlich (sic!) korrigiert werden kann. btw: daß Neudecker in ihrem Aufzählung der Skurrilitäten garnicht auf das Anal-Bleaching eingegangen ist.. nicht, weil mich das besonders interessiert, aber ich hätte gerne gelesen, wie sie das niederschreibt….). [2] Ebenso und genau die Frage: „Wie sieht der perfekte Sex aus?“, wann, wo, wie, mit wem warum und wie oft? Und überhaupt….

Neudeckers Buch ist kein wissenschaftliches Elaborat mit entsprechendem Vokabular über das Thema, es ist mehr ein persönlicher Appell an den gesunden Menschenverstand des Lesers, all das, was ihm die Medien vergaukeln, beiseite zu schieben und sich darüber klar zu werden, was ER denn SELBST will und mag. Brüste unterliegen eben natürlicherweise der Schwerkraft, Penisse sind nicht immer eisenhart und Haare wachsen auch nicht nur auf dem Kopf…. Wenn ihm/r einmal vögeln im Monat reicht und er/sie damit zufrieden ist, dann sollte man sich durch Geschwätz nicht einreden lassen, zum perfekten Sex gehöre 3 mal die Woche mit 5 unterschiedlichen Stellungen….. Zur Selbstbestimmung zurückfinden, das ist ihre Aufforderung an uns alle.

Das Buch liest sich sehr unterhaltsam, auch wenn ich sagen muss, daß Neudecker so ein klein wenig ihrer eigenen Feststellung, daß die Schamgrenze immer weiter gesenkt wird, auf den Leim geht. So hält sie beim Weiblein zwar an der „Vagina“ fest, das männliche Pendant bezeichnet sie aber oft ungebremst als Sch*anz, Schni**edel, Ständer… f*cken ist auch so ein Wort, das kennt natürlich jeder und es mag Situationen geben, in denen es (und nur es) angebracht ist, aber in einem Buch, was ernst genommen werden will, hat es m.E. nach nichts zu suchen. So unterhalten sich die Menschen, die ich kenne, auch nicht. Es mag in der großen Stadt anders sein, vllt ist dort die Schamgrenze wirklich so weit abgetaucht, wie Neudecker es suggeriert, das kann ich nicht beurteilen. Aber trotz dieses Einwands ist ihrer These, daß das, was man täglich im TV, in der Werbung, im Internet an Sex sieht und hört und was dadurch öffentlich gemacht wird, die allgemeine Empfindlichkeit gesenkt hat und das, was früher privat war, jetzt öffentlich wird, zuzustimmen. Und ihrer Aufforderung, sich wieder selbst auf die eigenen Bedürfnisse zu besinnen und sich nicht fremdbestimmen zu lassen, sowieso….

Facit: ein unterhaltsames Buch über ein ernstes Thema, bei dem man an vielen Stellen anfängt zu sagen: ja, das stimmt, da hat sie recht!

Link zu einen podcast (Interview mit Neudecker bei swr1. einen besseren habe ich leider nicht gefunden….)

Sigrid Neudecker
Wie war ich?
Fischer Tb, August 2009, 247 S.
ISBN-10: 3596182328
ISBN-13: 978-3596182329

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[1] Zufälle… mir ist beim Aufräumen das Buch von Domian/von Sinnen: „Jenseits der Scham“ in die Hände gefallen (ich habe es noch in einer anderen Ausgabe als der verlinkten, mit Doppeltitel: Extreme Leben/Jenseits der Scham). Das war ja auch schon so ein früher Versuch, den Mann/die Frau von der Straße als voyeuristisches Objekt für den Zuhörer/-schauer zu präsentieren. Natürlich ging man damals, 1994, im immerhin öffentlich-rechtlichen Bereich etwas schamhafter vor, aber das ist nur das Feigenblatt. Motiv für die Sendung war, so Fritz Pleitgen (Intendant) in seinem Vorwort: „Dem Radio des WDR ging das junge Publikum stiften. Mit aller Kraft [soll wohl heißen, egal wie….] sollte der böse Trend gestoppt und umgekehrt werden.“ Nun ja, jenseits der Scham (aus dem Inhaltsverzeichnis): Fisten, Jung und lesbisch, Der Schwanz, Sodomie, Kindesmissbrauch, Inzest, Alt und schwul, Autofellatio (nein, das ist kein Autotest), Päderasten etc pp…. ich muss zugeben, einen gewissen Unterhaltungswert kann man den einzelnen Beiträge nicht absprechen….. Jenseits der Scham eben…

[2] Mein Zahnarzt, bei dem ich heute saß, parlierte ein wenig mit mir (wahrscheinlich um das Kreischen des Bohrers zu übertönen…] und erzählte, daß er am Wochenende die Praxis eines befreundeten Kollegen besucht hätte, der nur noch High-End-Behandlungen macht und sich auf das Spritzen von Botox spezialisiert hätte….. die Nachfrage nach starren Mienen ist wohl da….

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