Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

seethaler

Robert Seethaler, dieser 1966 in Wien geborene Österreicher, ist ein Meister des unaufgeregten, einfachen Stils – zumindest habe ich ihn in seinem famosen Trafikanten so kennengelernt [1]. Mit diesem vorliegende Roman (einhundertvierundachtzig locker gesetzte Taschenbuchseiten – ein schmaler Roman also) bestätigt sich dieser Eindruck: ein Stil, der unprätentiös einfach beschreibt, was ist und was geschieht und was letztendlich das ausmacht, um das es geht: Ein ganzes Leben.

Der Romantitel ist doppeldeutig. An einer Stelle des Buches läßt Seethaler seine Figur des Andreas Egger feststellen, daß der Mensch geboren wird, daß er stirbt und die Zeit dazwischen sein Leben ist. Diesen Zeitraum also umfasst der Roman, nehmen wir es nicht allzu eng, der frühkindlichen Anamnses geschuldet, tritt Egger erst im Alter von drei oder vier Jahren leibhaftig in das Geschehen ein, aber dazu später mehr, erst noch einmal eine andere Facette des Titel: Ein ganzes Leben im Sinne von: ein rundes, in sich stimmiges, mithin: ein gutes Leben. Ob es das tatsächlich war, dies wird sich am Ende des Romans gezeigt haben.


Am Beginn des letzten Jahrhunderts taucht beim Kranzstocker, einem Bauern in einem unbenannten Tal in den Alpen ein ungefähr vierjähriger Junge auf, der Bankert der flatterhaften Schwägerin, der wohl nur deswegen beim Kranzstocker aufgenommen wird, weil er einen Beutel mit Talern um den Hals trägt. Die folgenden Jahre wächst der Junge heran, er ist auf dem Hof geduldet, mehr nicht. Wann immer es dem Bauern passt, schlägt er den Knaben mit der Rute auf den nackten Hintern, eines Tages so derbe, daß der Knochen kracht. Der Knochenrichter versucht sein bestes, es dauert lange und hinterher hinkt der Egger.

Doch ist er jetzt auch körperlich gezeichnet, so wächst er doch heran und wird so stark, daß er sogar dem Kranzstocker Angst einjagt… er lernt nichts, aber da er kräftigt ist, hat er immer zu tun. Bis auf hin und wieder einen Krauterer in der Wirtschaft legt er sein Geld zurück, kann sich ein Häuschen auf einem Stückchen Ödland, auf dem nur Steine wachsen, pachten. Hier wohnt er fortan und träumt davon, durch Gartentürchen für jemanden, der ihn besucht, öffnen zu können. In Wahrheit hat er es sogar nur aus diesem Grunde angebracht….

Mitte Dreißig ist er, als er den Ziegenhirten sterbend in dessen Behausung findet, ihn aufschultert und ins Dorf bringen will. Doch die Rechnung ist ohne den Wirt gemacht: der Hörnerhannes, wie der Hirt genannt wird, rappelt sich noch einmal auf und entkommt dem Egger in die verschneiten Berge hinauf. In der Wirtschaft jedoch, Egger braucht jetzt einen Krauterer, ändert sich Eggers Leben: Marie, die Bedienung streift ihn am Arm, als sie den Schnaps vor ihn hinstellt. Und noch etwas passiert den kommenden Frühling in Eggers Dorf: eine Baufirma zieht mit ihrem Gerät ein und errichtet ein Lager. Gebaut werden soll, und zwar eine Seilbahn. Und Strom soll gelegt werden für das Dorf.

Egger fragt sich um Arbeit, überzeugt den Prokuristen damit, daß er der einzige ist, der am Hang gerade stehen und gehen kann…. Er ist ein guter Arbeiter und auch wenn er nicht weiß, wie das mit den Frauen richtig macht, so weiß er doch, was er will: Marie. Für sie öffnet er sein Gartentörchen…. Und er macht ihr einen Antrag, einen leuchtenden, brennenden Antrag und Marie sagt Ja.

Eine Lawine zerstört nur wenig später Haus und Glück, auch Egger überlebt nur knapp. Bei Bittermann, der Baufirma, übernimmt er jetzt Wartungsarbeiten… 1939, in den Krieg, für den er sich meldet, darf er nicht als Hinkender, ein paar Jahre später ist man nicht mehr so wählerisch und Egger muss. Er kommt in den Kaukasus, insgesamt sollte er zwei Monate an der Front sein, aber fast acht Jahre im Lager, erst 1951 kommt er wieder in sein Dorf zurück, in dem sich mittlerweile so viel geändert hat.

Eine zeitlang kann er von den Geldern leben, die er als Kriegsgefangener zur Entschädigung und Überbrückung erhält. Dann, eine paar Jahre später, bringt ihn mehr oder weniger der Zufall auf die Idee, die immer zahlreicher werdenden Touristen durch die Berge zu führen.

Noch einmal versucht eine Frau in das Leben des Andreas Egger zu treten, Anna Hollers, die Lehrerin in der Dorfschule. Aber Egger verweigert sich, kann nicht, will nicht. Es ist die Zeit, in der er seine Unterkunft, in der er Jahre lebte, verläßt und in einen abseits des Ortes gelegene alten Viehstall zieht. Hier lebt er allein für sich, mit dem Blick in die Berge, in das Tal. Mittlerweile vergisst er schon manches, sein Leben zieht in Bildern an ihm vorbei, er ist ganz zufrieden hier oben… die warmen Sonnenstrahlen im Gesicht, hatte er das Gefühl, daß vieles doch gar nicht so schlecht gelaufen war.

Nur einmal wacht er mit einer Unruhe auf, sieht die Autos das Tal hinaufkommen in das Dorf und ihm wird bewusst, daß er – ausser dem russischen Lager – eigentlich nur dieses Tal kennt. So setzt er sich in den Bus, weiß garnicht, wohin und sagt dem Fahrer als Ziel „Endstation“… dort jedoch sieht er sich selbst als alten Mann, nutzlos und verloren, mitten auf einem leeren Platz, und er schämte sich wie noch nie in seinem Leben. Der Fahrer führte ihn wieder in den Bus und brachte Egger in sein Dorf, das seine Welt war, sein Leben, zurück.

… und dann, nur wenige Wochen später .. stirbt Andreas Egger so wie er gelebt hatte: unauffällig, einfach so. Ein Leben war zu Ende, es war ein gutes Leben, ohne allzu viele Fehler. Seine Marie liebte er bis zum Schluss, einmal erschien sie ihm sogar, sah er sie deutlich. Beerdigt wurde Andreas Egger neben seiner Frau.


Wie alle Menschen hatte auch er während seines Lebens Vorstellungen und Träume in sich getragen. Manches davon hatte er sich selbst erfüllt, manches war ihm geschenkt worden. Vieles war unerreichbar geblieben oder war ihm, kaum erreicht, wieder aus den Händen gerissen worden. Aber er war immer noch da. …. 

Seethaler führt uns mit seinem schmalen Roman zurück in eine Welt, wie wir sie heute nicht mehr kennen, die sich auch im Laufe der Handlung, sprich: des Lebens seiner Figur Egger, ändern wird. Es ist eine Lebensumwelt, die noch stark von der Natur geprägt ist, die Berge verlangen dem Menschen viel ab, wenn er dort überleben will: steinige Wiesen und Äcker, steile Hänge, heftige Wetter, Einsamkeit auch. Das Leben in den Alpen ist ein Kampf auch um´s Überleben.

Im Kranzstocker, dem Bauern, bei der der elternlose Egger unterkommt, hat Seethaler eine Ausformung des Menschen, genauer: des Mannes, dargestellt, der hier überleben kann: Der Mann wurde geformt und gehärtet von Gottes Hand, um sich die Erde, und alles, was sich darauf tummelt, untertan zu machen. Der Mann vollzieht Gottes Willen und spricht Gottes Wort. Der Mann erschafft Leben durch die Kraft seiner Lenden, und er nimmt Leben durch die Kraft seiner Arme. Der Mann ist das Fleisch und er ist der Boden und er ist ein Bauer…. Dieser Schilderung nach könnte man auch sagen, er ist gottähnlich, dieser Kranzstocker in seinem eigenen Weltbild. Auch der Egger ist hart, nie schreit er unter den Schlägen (die in dieser Zeit üblich waren) und Misshandlungen des Bauern, aber, er Egger war kein Bauer und wollte keiner sein, im Gegenteil war er, der nie was gelernt hat, eigentlich garnichts, musste sich erst einmal finden, nachdem er mit Marie eine Aufgabe in dieser Welt bekommen hatte.

Zwei Lebensentwürfe also, die gegensätzlicher kaum sein konnten und die Seethaler auch entgegengesetzt enden läßt. Während Egger gegen Ende seines Lebens, in einem unerwartet hohem Alter, resümieren kann, daß er auf …. sein Leben … ohne Bedauern zurückblicken kann mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen großen Staunen, verliert der Kranzstocker im Alter alle Kraft und bettelt um seinen Tod, der ihn von seinem Leben befreien soll.

Egger war ein Mensch, der (mit einer Ausnahme) nie Liebe erfuhr. Vom Kranzstocker allenfalls geduldet, waren die sporadischen Streicheleinheiten der alten Oma auf dem Hof die einzigen Lichtblicke, freilich sehr wenige. Es wurde wenig geredet mit ihm, seine Fähigkeit zur Kommunikation mit anderen war entsprechend eingeschränkt, er war Aussenseiter und Einzelgänger, freilich genoß er bei den Arbeitskollegen Respekt, weil er ein guter Arbeiter war, sie waren es auch, die ihm bei der Werbung um seine Marie halfen. Einzig in der endlosen Gefangenschaft in Russland zeigt er vermehrt soziale Verhaltensweisen, kümmert sich um seine Mitgefangenen. Selbst später, als Tourenführer, bleiben ihm die Touristen fremd, kann er, der in den Bergen groß geworden ist und sie ohne Verklärung sieht, die Sehnsucht, die diese Menschen romantisierend in die Natur treibt, nicht nachvollziehen. Gegen Ende seines Lebens drängt es ihn wieder in die Einsamkeit, wie eine Art Eremit haust er ausserhalb des Dorfes, ist aber mit seinem Leben dort zufrieden.

Die Neuerungen, die mit der Zeit auch in sein Alpental gekommen sind, nimmt er staunend zur Kenntnis. War seinerzeit die Elektrifizierung des Dorfes noch ein großes, auch von ihm begrüßtes Ereignis, so sagt ihm nach seiner Rückkehr ins Dorf das Fernsehen nichts mehr, er staunt zwar, aber das, was er sieht, ist nicht mehr seine Welt. So ist es ebenso nicht verwunderlich, wenn sein panikartiger Ausflug in die ‚weite Welt‘ am Ende seines Lebens grandios scheitert: sein Platz ist im Tal, in seiner Hütte, nicht irgendwo da draußen.

Seine Welt war die Natur, und alles in seinem Leben musste er erkämpfen. Aber er nahm dies an, sein Leben war nicht von Zukunftsvisionen und Plänen bestimmt, sondern vom Hier und Jetzt. Einzig Marie war für ihn eine Zukunft, denn mit ihr wollte er sein Leben teilen bis zum Ende, aber Marie wurde ihm genommen und damit auch seine Lebensperspektive.

Eggers Leben ist somit eine Art Gegenentwurf zum modernen Leben. Seethaler schildert uns einen Menschen, der sein Leben trotz aller Unbillen in all seiner Härte angenommen hat, der sich nicht ungerecht behandelt fühlt vom Leben, der (möglicherweise) nicht genutzten Chancen nicht nachweint, der einfach am Ende zusammenfassen kann: so war es und so wie es war, war es gut. Ein wenig von dieser akzeptierenden Einstellung würde in heutiger Zeit manchem von uns in seinem Leben gut tun….


Seethaler beginnt seinen Roman mit der Schilderung, wie Egger sich den sterbenden Hörnerhannes auf den Buckel schnallt, um ihn ins Dorf zu bringen. Auf diesem Weg ’sehen‘ sie den Tod bzw, und das ist (für mich zumindest) das Interessante: die Tödin, denn es ist eine Frauenfigur, die Seethaler beschreibt. Diese Figur taucht dann am Ende des Romans noch einmal auf – und ebenso in der Mitte, in der Anna Hollers nämlich, denn u.a. als Holla oder Holler ist die aus dem Allgemeinwissen weitgehend verschwundene Tödin in die Sagenwelt eingegangen. Bezeichnenderweise geht Egger keine Verbindung mit dieser Frau ein, aber er zieht sich bald nach der Begegnung zurück aus dem Dorf an den Ort, der sein Sterbeort werden soll [3].


Mit Ein ganzes Leben ist Robert Seethaler mithin ein Buch gelungen, das man ohne Wenn und Aber empfehlen kann, ein zeitloses Kleinod in einer stimmigen, von vielen Bildern geprägten einfachen, aber nicht simplen Sprache, in der einem beim Lesen die Figur des Andreas Egger so richtig ans Herz wächst.

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage des Autoren: http://www.robert-seethaler.de
[2] R. Seethaler: Der Trafikant, Besprechung hier im Blog
[3] zufällig hatte ich zeitnah das Buch von Erni Kutter gelesen, so daß mir diese Figur des weiblichen Todes hier sofort aufgefallen war: Erni Kutter: Schwester Tod; Besprechung hier im Blog.

Last not least möchte ich mich bei meinen Kolleginnen vom Lesekreis herzlich für die fruchtbare Diskussion und den ‚weiblichen‘ Blick auf diesen Roman bedanken.

Robert Seethaler:
Ein ganzes Leben
Erstausgabe: Hanser-Verlag, 2016
diese Ausgabe: Goldmann, TB, ca. 184 S., 2016

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Karin Seethaler: Die Kraft der Kontemplation

Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein,
einer, der etwas erfahren hat,
oder er wird nicht mehr sein.
(Karl Rahner)

kontemplation cover


Leser des Spiegel wissen es, zum Jahresende, im Weihnachtsheft, ist traditionell jedes Jahr ein Beitrag, der sich mehr oder weniger kritisch mit Belangen der Kirche, des Glaubens oder auch der Gottesvorstellung auseinandersetzt. Dieses Jahr 2015 ist es eine Diskussion zwischen einem Physiker und einem Pastoren um die Frage: Ist Gott ein Irrtum? Und der Mensch nur ein Zufall?

Ich habe den Beitrag nur überflogen, denn für meine Begriffe krankt er an einem grundlegenden Missverständnis. Der Mensch hat verschiedene „Kanäle“, mit denen er mit seiner Umwelt in Kontakt treten kann: den Verstand, das Gefühl, die Intuition und die Wahrnehmung. Denken ist eine schöne und stolze Beschäftigung beim Studieren. Aber aus schwierigen Gemütszuständen kann man sich nicht „herausdenken“. Dazu muss man anders vorgehen. Man muss sich passiv verhalten und horchen. Wieder den Kontakt mit einem Stückchen Ewigkeit finden. So zitiert Seethaler in ihrem Buch die holländische Jüdin Etty Hillesum [3], die in Auschwitz vergast worden ist und über ihre letzte, sehr intensive Zeit in Holland Tagebuch geführt hat. Es ist genau dies: der Physiker, der (Natur)Wissenschaftler kann mit seiner Ratio die Welt erklären (es zumindest versuchen), aber er kann mit dem Verstand nicht in die Dimension des Gefühls, der Wahrnehmung, der Intuition hineinhorchen, der Sphäre also, in der Glauben (wie immer auch er sich manifestieren mag) angesiedelt ist. So ist es auch für mich kein Widerspruch, wenn ein Wissenschaftler gläubig ist – es sind einfach zwei verschiedene Sachen, einerseits etwas zu wissen und andererseits wahrzunehmen, daß es ein Geheimnis gibt (das man Gott nennen mag), das hinter/über/in allem zu finden ist. Womit ich wiederum die Überleitung zu diesem kleinen Büchlein zur Kontemplation gefunden habe, denn der kontemplative Weg ist ein Weg, eine Methodik, sich diesem Geheimnis zu nähern. Er ist damit ein abendländischen Pendant zu den östlichen Meditionsformen, wie sie beispielsweise im Zen oder in Ausprägungen des Yoga praktiziert werden. Aus der muslimischen Welt wäre als mystische Bewegung der Sufismus zu nennen, möglicherweise besser als „Tanzende Derwische“ bekannt.


Karin Seethaler [1] stammt aus der Schule von Franz Jalics, SJ, einem bekannten Kontemplationslehrer, der in Gries ein Exerzitienhaus betreibt und dort Kurse anbietet und lehrt [2]. Dieses Büchlein über Die Kraft der Kontemplation legt seinen Schwerpunkt auf die praktischen Aspekte des Meditierens (die beiden Begriffe Kontemplation und Meditation werden weitgehend synonym verwendet), die Erklärung einiger grundlegender Begriffe und Fakten sowie etwas „Historisches“ sind vorausgeschaltet.

Nun ist Meditation auch bei uns im Westen mittlerweile kein unbekannter Begriff mehr. Seethaler legt aber einleitend auf die Feststellung wert, daß Meditation bzw. Kontemplation ein spiritueller Weg ist, Gott wieder zu entdecken, es ist kein Lifestyle-Produkt, um einem Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung nachzugehen, es ist auch kein Therapieersatz, wenn (schwerwiegende) psychische oder seelische Probleme im Hintergrund auftauchen, die unter Umständen professionelle psychologische Unterstützung brauchen.

Die Sehnsucht nach Gott kann nur gestillt werden,
wenn der Mensch bereit ist, sich selbst zu begegnen.

Es ist im Grunde, von aussen gesehen, sehr einfach, zu meditieren. Man sitzt oder kniet, meist sind die Augen geschlossen, es herrscht Stille, man atmet ein und aus. Mehr ist eigentlich nicht. Und hier treten in der Praxis schon die ganzen Probleme auf… es können rein körperliche Probleme sein: die Knie fangen an zu Schmerzen, der Rücken tut weh, die Schultern verkrampfen… das Fehlen jeglicher Ablenkung kann dazu führen, daß aus dem Inneren Gefühle nach oben getragen werden: positive wie Freude oder Hoffnungen, negative wie Trauer, Angst oder Wut, die so stark sein können, daß man anfängt, zu weinen. Zweifel tauchen auf: was mach ich eigentlich hier, was soll das überhaupt und sowieso: kann mein Nachbar nicht mal mit den Schnaufen aufhören und überhaupt: die Tauben auf dem Dachfirst gegenüber machen wirklich einen ganz schönen Lärm…. Und nicht zuletzt der Ärger darüber, daß man offensichtlich noch nicht einmal in der Lage ist, nur für ein paar Sekunden seine Gedanken beiseite zu schieben, um endlich leer zu werden. Verflixt noch mal, jetzt habe ich doch vergessen, vorher noch bei Tante Else anzurufen! Die Stille kann manchmal sehr laut sein…

Seethalers Buch gibt hier Hilfen. Nach einführenden Abschnitten über die Methodik der Kontemplation wie das eigentliche Sitzen, die Bedeutung des Atems und des Gebetswortes sowie – typisch für die spezielle Methodik von Franz Jalics – die Ausrichtung der Wahrnehmung auf die Hände  widmet sie sich auftretenden Schwierigkeiten und Missverständnissen, mit denen jeder, der sitzt, zu tun hat.

Gegliedert ist ihr Buch in vier Hauptabschnitte, die helfen sollen, in die Grundhaltung der Kontemplation zu finden:

  • die achtsame Haltung bedeutet, aufmerksam sein, für das was ist
  • die zugewandte Haltung meint die Ausrichtung auf Gott
  • die vergebende Haltung beinhaltet die Bereitschaft, zu verzeihen und sich zu versöhnen und
  • die leidensbereite Haltung hilft, dem Schmerzhaften im eigenen Leben (und in der Kontemplation) zu begegnen

Mit vielen Beispielen aus ihrer Praxis macht die Autorin deutlich, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt und wie sie sich in der Kontemplation verwirklichen lassen. Dabei geht sie auch auf häufig auftauchend Missverständnisse ein und erklärt sie. Wichtig ist ihr auch, daß der kontemplative Weg eine Weg ist, der das gesamte Leben umfasst und nicht beschränkt ist auf die Zeiten, in denen man sitzt. Kontemplation in diesem Sinne heißt, das, was man tut, jeweils achtsam tun: die Türklinke in die Hand nehmen, die Treppe hochgehen, einen Brief schreiben… die ganz alltäglichen Dinge des Lebens, die man oft unbewusst macht, bei denen die Gedanken irgendwo anders hin schweifen… wie oft laufen wir zurück, um uns zu vergewissern, ob wir wirklich abgeschlossen (das Licht ausgemacht u.a.m….) haben…. ein deutliches Zeichen dafür, daß wir nicht achtsam waren.


Wo soll ich anfangen? Am besten bei deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir. Ich fürchte, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest… Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem Du nicht landen willst…. Du fragst an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz anfängt, hart zu werden…. Wie kannst Du aber voll und echt sein, wenn Du Dich selber verloren hast? Auch Du bist ein Mensch. Damit Deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst Du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für Dich selbst ein aufmerksames Herz haben…. Ja, wer mit sich schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für Dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.

Geschrieben hat diese Zeilen, die Seethaler zitiert, vor über 800 Jahren Bernhard von Clairevaux an Papst Eugen III. [4] und wie aktuell sind sie heute noch, in Zeiten des Burn-outs, des beruflichen und privaten Stresses, der Arbeitsüberlastung, der stetig wachsenden Anforderungen des Alltags! ….wer mit sich schlecht umgeht, wem kann der gut sein?…. oder wie es in der Bibel steht: wenn ich mich nicht lieben kann, wie kann ich dann meinen nächsten lieben? Und es bedeutet, daß ich auch mich selbst aushalten muss und mir selbst vergeben muss, mich mit mir selbst versöhnen – mich akzeptieren, wie ich bin. Stufen auf dem kontemplativen Weg.


Natürlich gibt es Bücher. Aber was wollen Sie mit Büchern?
Sie müssen üben, üben, üben….. 

So beschied einer meiner Lehrer an einer der ersten Übungstage eine Frage nach Literatur über Kontemplation. Die Frage stammte zwar nicht von mir, aber ich haben Rat angenommen. Dieses Büchlein dagegen steht bei mir in Regal und wird häufiger herausgenommen. Nach meinem Empfinden kann es eine große Hilfe sein, wahrscheinlich vor allem für die Übenden, denen wie bei mir die Übung oft zäh, mühsam und vergeblich erscheint. Dokusan bzw. Einzelgespräche mit dem Lehrer ersetzt es natürlich nicht, aber wenn solche gerade nicht möglich sind, findet man hier möglicherweise Hilfe und Ermutigung.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite der Autorinhttp://www.karin-seethaler-wendepunkte.com/Leitbild/
[2] zur Vita von Franz Jalics SJ: http://www.haus-gries.de/franz_jalics_sj.html
[3] Besprechung ihres Buches Das denkende Herz hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2014/07/16/etty-hillesum-ein-denkendes-herz/ 
[4] zitiert nach hier: http://www.kirchameck.de/texte8.html

Karin Seethaler
Die Kraft der Kontemplation
In der Stille Heilung finden

diese Ausgabe: Echter Verlag, brosch., 208 S., 2014

Robert Seethaler: Der Trafikant

„Ach so ist das“, sagte Franz nach einer Weile.
Anezka blinzelte träge.

„Ja, so ist das“, antwortete sie.

Trafikant

Was ein schönes, was ein trauriges Buch! Und irgendwie stoße ich, ohne daß ich das beabsichtige, in den letzten Wochen immer wieder auf diese Zeit, Ende der 30er des letzten Jahrhunderts in Österreich…

Der Trafikant des österreichischen Schriftstellers Robert Seethaler [1] umfasst ungefähr ein Jahr im Leben des kaum erwachsenen, mit siebzehn Jahren noch im Irgendwo zwischen den Träumen eines Kindes und den Enttäuschungen eines Erwachsenen lebenden Franz Huchel. Von beiden erlebt er in diesem Jahr 1937/38 viel…

Geboren wurde der Franz im Salzkammergut, den Vater sah er nie, den Holzarbeiter erschlug im Wald ein Baum. So lebt er zusammen mit seiner Mutter, finanziell offensichtlich ausreichend unterstützt durch den monatlichen Scheck vom reichen Grund- und vieles-mehr-Besitzer Preininger, für dessen regelmäßiges Eintreffen die Mutter sich auf dem Rücksitz des schicken Austro-Daimlers einsetzt. Nun sollte man aber nichts falsches über die Mutter denken, sie ist eine liebe, gute und ihren Sohn liebende Frau; das mit dem Preininger – das ist halt so wie es manchmal so ist im Leben, manches ergibt sich einfach. Der Franz muss jedenfalls daher auch nicht wie seine Altersgenossen hart arbeiten, er hat ein schönes Leben, man muss es so sagen. Doch es endet abrupt, denn den Preiniger erwischt beim Baden im See während eines starken Gewitters (der Preiniger liebte so etwas Urgewaltiges wie ein Starkgewitter….) der Blitz mit der Folge, das der Rücksitz fürderhin unbevölkert bleiben wird und mit dem Scheck nicht mehr zu rechnen ist..

Da fällt der Mutter der Otto Trsnjek ein, der in Wien eine Trafik hat und ihr einen Gefallen schuldet. Erwartungsgemäß  erklärt sich dieser auch bereit, den Bub als Lehrbub anzunehmen, es sei aber nicht allzuviel zu erwarten. So kommt der Franz schneller als er denkt von Nussdorf am Attersee über Timelkam nach Wien und stolpert am Westbahnhof, holterdipolter, in die große Stadt hinein, bis er schlußendlich ankommt in der Währinger Str. bei Trsnjek seiner Trafik, in der Nähe der Votivkirche und der Berggasse [2].

Die Stadt empfängt ihn laut und turbulent, überall riecht´s – nicht immer gut -, die Leut´ sind in Eile, rufen, fuchteln mit den Händen, viel zu sehen gibt´s, was der Franz noch nie gesehen… der Trsnjek nimmt ihn gut auf, erklärt ihm, was zu tun ist in der Trafik, worauf zu achten ist und worin seine, Franzens, Aufgaben bestehen. Vor allem lesen soll er. Lesen, lesen, lesen…. Auch wo die „Hobellektüre“ liegt, merkt der Junge schnell (ich erwähne es hier nur weil sie noch eine Rolle spielen soll in beider Leben, aber das hat noch ein paar Monate Zeit)…. und die Rauchwaren galt es zu beachten, zu lernen, was über beispielsweise Zigarren zu wissen war, die von den Herren hier erstanden wurden [3]. Selbstverständlich – muß ich´s extra erwähnen – hatte der Franz sich die Stammkundschaft einzuprägen samt deren Vorlieben, damit diese angemessen bedient werden konnte.

Laufen kann er nicht gut, der Otto, aus dem letzten Krieg kam er um ein Bein leichter nach Hause, so daß er sich jetzt mit Krücken behelfen muss. Und die Zeiten.. ja, die Zeiten.. die gefallen ihm auch nicht. Was da am gar nicht so weiten Horizont wartet, verspricht nichts gutes… wie des Blutes Anblick an der Scheibe seiner Trafik nur zu deutlich zeigt: der Metzger nebenan ist so einer, der den Judenfreund nicht mögen mag und ihm, der ihm kaum bis an die Achsel reicht, dies auch zeigt. Ein mutiger Mann, der Metzger, fürchtet sich nicht vor einem Einbeinigen… so mutig wie die gesamte Berliner Bagage, die im Österreich dieser Jahre von so vielen gerufen wird, die so braun sind – oder sich so braun geben – wie das, was sie täglich absondern.

Der Franz liest dies alles in den Zeitungen – dies gehört schließlich zu seinen Aufgaben – aber verstehen? Nein, verstehen tut er es nicht wirklich, aber wer versteht dies schon? Allenfalls wissen die, die etwas älter schon sind, aus ihrer Erfahrung heraus, daß das nicht gut enden wird. Und so gibt es auch keine Volksabstimmung, der Schuschnigg sagt sie im letzten Moment ab, weil die fette Katze, die auf ihre Beute „Österreich“ lauert, ihm dies so nahe legt und bald wehen die Fahnen mit dem Hakenkreuz in der Stadt und immer mehr Juden knien auf den Bürgersteigen, sie zu schrubben und der eine oder andere von den „Roten“ fällt aus einem Fenster und liegt dann zerschmettert im eigenen Blut und vor der Gestapo im Hotel Metropol sind alle Menschen gleich…. In den Zeitungen freilich liest man davon nicht viel, vor allem nicht mehr unterschiedliches und was ganz anderes, dort hat nämlich der „Rote“, der zerschmettert auf dem Trottoir liegt, vorher einen feigen Kampf geführt gegen die Aufrechten bei dem er – keiner hat´s so richtig gesehen – pardautz! gestolpert ist und durch´s geöffnete Fenster fiel und daß der Jude die öffentliche Ordnung störte, war – so im Nachhinein betrachtet – gar nicht so falsch und also war es ja wohl auch richtig, da mal was zu unternehmen….

Der Franz freilich hat damit erst einmal nix zu tun (noch nichts), ihn plagt anderes, schließlich ist er ein junger Mann, der voll im Saft steht und der Professor, der – um genau zu sein – „Deppendoktor“ aus der Bergasse 19, der öfter in die Trafik kommt zum Einkauf, hat´s ihm gesagt, daß mit der Liebe könnte zwar keiner erklären, aber schließlich würd´s fast jeder schaffen, ein Mädel zu bekommen, und er sollt´s halt versuchen…

Also versucht´s der Franz, geht am Wochenende, fein herausgeputzt mit schweineschmalzgeglättetem Haupthaar in den Prater. Und – was soll ich sagen? Um´s kurz zu machen: wie beim Preiniger, wo er freilich nicht dabei war, schlägt der Blitz ein. Heftigst. Er rudert wild mit den Armen (das ist jetzt bildlich gemeint) wie wohl der Preininger es auch noch getan hat und so wie jener in den Fluten ersoff schlagen beim Franz die Wellen des Verliebtseins über seinem Kopf zusammen. Und eine Station weiter unten entfalten die Hormone ihre Wirkung, der Franz freilich würde das anders formulieren….

Aus Böhmen ist sie, man hört´s sofort [4], Haar wie goldener Weizen und zwischen der Perlenreihe der Zähne eine Lücke… eine Zahnlücke zum Versinken und schmal ist sie nicht, rund ist sie, darauf besteht der Franz als andere sagen, sie sei „ausgefressen“, schlagen tut er sich sogar deswegen, auch wenn dies einseitig zu seinen Lasten ausgeht, immerhin erfährt er doch die Adresse, oder bleiben wir näher bei der Wahrheit, den Ort, wo sie haust, denn wohnen kann man´s kaum nennen, diese Absteige in einem Abbruchhaus, wo die Anezka mit 30 andernen Böhminnen lebt. Wie´s dazu aber gekommen ist, liegt daran, daß der Franz sich dem Mädel vorstellte und eindeutig kundtat, Interesse zu haben und diese darauf einging, es wurd´ ein scheener Abend… aber dann flüsterte sie ihm ins Ohr „Haben wir gesoffen, haben wir getanzt – und was machen jetzt?“ – und hier hat der Franz wohl die falsche Antwort gegeben, denn die Anezka staunte nur ungläubig, lachte dann glockenhell und beschied ihm: „Gleich wieder da, Burschi“ . Zwar sah der Franz sie jetzt noch zum Pieseln gehen, aber danach nicht mehr wieder….

In seiner Verzweiflung – schließlich konnt´ er nicht mehr schlafen, nicht mehr Ruhe halten, Zeitung lesen, bekam Ringe unter den Augen, wurd´ noch schmaler, als er eh schon war, sprach er den Professor Freud an, den aus der Berggasse. Konkretes wusste der zwar auch nicht zu raten, aber immerhin… na ja, jedenfalls bekam der Franz heraus, wie die Böhmin hieß und wo sie zu finden war. Und wo er sie dann auch fand…. „Nicht so viel reden“, sagte sie dann später in der Nacht, „lieber noch mal vögeln“. Sie sagte natürlich nicht vögeln, sondern veegeln, mit einem sehr langgezogenen böhmischen e. Aber Franz verstand sie trotzdem ganz genau. …. und danach verschwand Anezka mit der schönsten aller Zahnlücken, dieser Krönung eines unsagbaren weichen und warmen Körper wieder unauffindbar… bis der Franz ihr auflauerte und sie nicht ansprach, sondern ihr nachging…aber was dann geschah, erzähl´ ich hier nicht…..

Das dritte im Leben des Franz Huchel ist die Bekanntschaft mit dem Professor Freud, diesem alten Mann, der damals ja schon über achtzig Jahre alt war und ganz dünn, mit einer Haut wie Pergament… fragt man sich, warum sich der Professor mit diesem Jungen abgab, der gerade erst begann, sich in die Welt zu trauen, so ist es wohl, weil dieser so unverfälscht war, so direkt und so offen… ganz im Gegensatz zu den Patienten, mit denen er es normalerweise zu tun hat….

Der Franz ist kein großer Schriftsteller, der Mutter schreibt er, so wie es ausgemacht war, jede Woche eine Karte mit der Auskunft, wie es ihm geht und was passiert ist und jede Woche bekommt er eine solche zurück mit einem Bild des Sees, den er so vermisst, obwohl er sich mittlerweile ein wenig in der Stadt eingelebt hat.

Und so wie sich Wien unter den neuen Herrn verändert hat, hat sich auch das Leben am See verändert. Die Mutter berichtet ihm von den Flaggen, die am Ufer stehen, dem Ausflugsdampfer, der einen neuen Namen bekommen hat und auch davon, daß der Wirt, wo sie jetzt arbeitet, sie auf´s Gästebett geschmissen hat und sie ihn abgewehrt hat mit der angeblichen Bekanntschaft zum Gauleiter….

Lieber Gott, mach mich stumm
dass ich nicht nach Dachau kumm.
Lieber Gott, mach mich taub
dass ich an unsre Zukunft glaub.
Lieber Gott, mach mich blind,
dass ich alles herrlich find.
Bin ich erst taub und stumm und blind
bin ich Adolfs liebstes Kind.

Viele Leute werden mittlerweile eingeladen ins Hotel Metropol, wer solche Lieder singt, ist allemal dabei. Von manchen sieht man nur ein Päckchen wieder mit ein paar Sachen, die sie dabei hatten…. und der Lehrbub wurd´ derart zum Trafikanten, hochoffiziell. Und der Lehrbub, der jetzt Trafikant war, war auch ein Narr, ein Narr im guten Sinn, ein Narr, der alles durchaus durchschaute, der sich aber dennoch weigerte mitzuspielen, der immer noch an das Gute glaubte, ein Narr, der noch eine Posse ritt – der eben ein Narr war. Nur daß die, die Regie führten, keine Narren mochten…….


Mit dem Franz Huchel hat Seethaler einen Figur geschaffen, die klar und unverbogen ist und dies bleibt in einer Zeit, in der so vieles umgewertet wird. Franz sieht sehr klar, was um ihn herum geschieht, bei seinem letzten Versuch, Anezka zu retten (die sich ihrerseits schon auf ihre Art um sich gekümmert hatte), wird dies ganz deutlich – und auch die so altmodisch und antiquiert gewordene Ritterlichkeit des jungen Mannes, die einem beim Lesen so anrührt, denn man denkt sich: weiß er wirklich um die Konsequenzen oder steht hier ein Don Quichotte, der gegen Windmühlen anrennt? Ja, ich denke, er weiß sie, mit der neu erworbenen, eigenen Zahnlücke und der „Ausreise“ der Familie Freud nach London sind auch die letzten Illusionen verflogen. So mutet sein letzter Narrenstreich, der das Regime bloßstellt, der aber selbstverständlich ohne Konsequenz bleibt: zu viele, deutliches Signale sind schließlich vorher schon folgenlos verhallt, wie die Buchung eines Zimmers im Hotel Metropol an….

Zwei Nebenfiguren des Romans sind noch bemerkenswert. Zum einen ist dies die Mutter von Franz. Früh verwitwert hat sie ihren Sohn mit viel Liebe groß gezogen, sie ist eine gute Mutter und ein guter Mensch. Noch einmal geheiratet hat sie wohl nicht und wie ihr emotionales Verhältnis zum Preiniger ist, läßt Seethaler offen, er charakterisiert die Treffen der beiden als kurze, eruptive Zusammenstöße, die mit keinerlei Forderungen und keinen Erwartungen verbunden waren. Ob diese verschwitzten Zusammenkünfte auf dem Rücksitz, die willkommen zum monatlichen Einkommen beitrugen, zu Gerede führten oder wie (und ob überhaupt!) sie moralisch einzustufen waren, läßt der Autor ungesagt…

Auch in der Figur der Anezka ist Doppeldeutiges angelegt. Das böhmische Pratermädel mit der schönsten Zahnlücke der Welt ist lebenslustig, sie weiß das Leben – das hart ist für sie – zu geniessen: essen, trinken, tanzen – und auch „veegeln“ – und sie muss für sich sorgen, muss überleben und erweist sich in diesen ungemütliche Zeiten als nicht wählerisch. Wo Franz den Romantiker gibt, entscheidet sie pragmatisch, setzt ihre Reize dort ein, wo der Gegenwert hoch ist. Nicht ohne Symbolik ist es, daß Franz sowohl von Anezka als auch von der Gestapo gleich angeredet wird: Burschi. …. Da kann Franz bei Anezka nicht mithalten, auch wenn in der letzten Szene des Romans klar wird, daß er wohl immer zumindest in einer kleinen Stube des Herzens von Anezka den Krieg überlebt hat. Aber dies auch nur dort.

Außer dieser wunderschönen, wenn auch traurigen Geschichte des Franz Huchel ist Der Trafikant natürlich auch ein Buch über Österreich bzw. Wien kurz vor dem 2. Weltkrieg. Das alte, gemütliche Wien geht unter in der preussischen Effizienz. Was nicht „Ja“ schreit und „Heil Hitler“ ist bald weg, wird von den brauntrunkenen Massen verjagt oder denunziert, die Medien werden gleichgeschaltet, im Postkeller sind Hunderte von Menschen damit beschäftigt, Briefe zu öffnen und zu kontrollieren, bevor sie zugestellt werden.

Dies alles in einer wunderschönen Sprache voller Menschlichkeit, voller Verständnis und Sympathie für seine Figuren, einer Sprache, die ihnen auch in den schwierigen Momenten gerecht wird. In drei, vier Passagen verleiht Seethaler seinen Figuren eine Stimme, in der Wut, Ärger und Sorge über das Unrecht, das jetzt überall geschieht hervorbricht… aber diese Pflanze kann nicht wachsen, verdorrt…

Zwar hat Seethaler mittlerweile einen neuen Roman geschrieben (Ein ganzes Leben) und ich bin mit meiner Buchvorstellung des Trafikanten einfach etwas zu spät. Aber was heißt schon „zu spät“ bei einem so schönen Buch? Natürlich kann man es trotzdem noch lesen – nein, besser noch: man sollte es sogar lesen. Unbedingt!

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage des Autoren: http://robert-seethaler.de
[2] … was man leicht in Stadtplan von Wien findet – so man sucht…
[3] als nicht mehr ganz junger Mensch schmunzelte ich über diesen Begriff im Buch, musste mich aber dann per Internet belehren lassen, daß dieser Begriff immer mehr tatsächlich für Tabakwaren verwendet wird….
[4] eben, man hört´s sofort….  (<– youtube-link)

Robert Seethaler
Der Trafikant
Verlagsseite zur Hardcoverausgabe: https://keinundaber.ch/de/literary-work/der-trafikant/
diese Ausgabe (Cover siehe Bild oben): Kein & Aber, brosch., ca. 256 S., 2013 (der farbige Buchschnitt macht diese Buchausgabe, die so schön in der Hand liegt, außerdem zu einem kleinen Augenschmaus)