Martin Beradt: Die Straße der kleinen Ewigkeit

Berlin in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, dem Deutschland der Weimarer Republik, das ist in der ersten Assoziation verknüpft mit urbanem Leben, mit einer pulsierenden Metropole, die sich gleichrangig sieht mit anderen Weltstädten wie Paris, London oder New York. Große Varietees, Theater, Kinos, Kleinkunstbühnen ohne Zahl verliehen ihr Glanz, speziell wir Literaturfreunde denken beispielsweise an das Romanische Café als Treffpunkt einer städtischen Bohemé aus Künstlern und Kreativen. Aber dieser Glanz überstrahlt anderes: Berlin war auch eine Industriestadt (AEG, Siemens u.a.) mit bedrückenden sozialen Verhältnissen. Das Wort von der Stadt, die niemals schläft, galt in anderer Bedeutung auch hier: knapper Wohnraum wurde schichtweise als Schlafstätte vermietet, das Bett wurde nie kalt…. die Arbeiter, die in Berlin lernten, nach der Stechuhr zu leben, sollten zu denen werden, die später dann im Stechschritt durch die Stadt marschierten.

Groß-Berlin war 1920 durch einen Verwaltungsakt entstanden, diese erweiterte Stadt von der Größe des Ruhrgebiets beherbergte um die vier Millionen Einwohner, in ihr fand sich urbanes Leben genauso wieder wie idyllisches, zu ihrem Stadtgebiet gehörten Wälder, Seen und Wiesen. Das urbane Leben konzentierte sich jeweils in bestimmten Bezirken, in der südlichen Friedrichsstraße das Filmquartier, nicht weit entfernt, Koch- und Zimmerstraße, das Zeitungsviertel, das quartier latin mit den Klinken und Instituten nördlich vom Friedriechsbahnhof von der Luisenstraße bis zur Invalidenstraße, um die Gedächtniskirche und die Tauentzienstraße das Amüsier- und Luxusviertel, dann die dunkle zweifelhafte Gegend zwischen Münzstraße und Rosenthaler Platz [3].

Diese ‚dunkle, zweifelhafte Gegend‘ begann direkt hinter dem Alexanderplatz. Es ist das Viertel, in das Franz Biberkopf direkt, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war, eintauchte, eintauchen musste. In einem finsteren Hofe stehend überkam es ihn und er fing an zu singen, laut zu singen, etwas, was er im Gefängnis nie hätte tun dürfen. Im Hof beachtet ihn niemand, aber am Tor nahm ihn der Jude in Empfang. Er folgte ihm auf der Straße, nahm ihn beim Arm, zog ihn unter unendlichem Gespräch weiter, bis sie in die Gormannstraße einbogen, der Jude und der starkbauchige Kerl im Sommermantel, der den Mund zusammenpreßte, als ob er Galle spucken müßte. [4]

Gormannstraße, Münzstraße, Rosenthaler Platz, Mulackstraße, Grenadierstraße: unter anderen diese Straßen bildeten das Scheunenviertel [5] in Berlin, in dem sich ein Bodensatz des Kleinkriminellen und der Prostituierten tummelte. Enge, verwinkelte Straßen, alte, teils baufällige Häuser, kleine Geschäfte und Handwerker, Unübersichtlichkeit und Gedränge: das Scheunenviertel war also nicht originär ein jüdisches Viertel. Die Berliner Juden lebten mehrheitlich im Westen der Stadt, hatten sich im Gegenteil ‚assimiliert‘ und sollten sich, als nach dem ersten Weltkrieg ihr Glaubensbrüder aus dem Osten Europas nach Berlin kamen, derer schämen. In einem umfangreichen und nicht immer leicht zu verstehenden Essay widmet sich der Soziologe Eike Geisel der Geschichte und dem Charakter des Scheunenviertels im Allgemeinen und seiner Bedeutung für das deutsche bzw. osteuropäische Judentum im Besonderen.

Mir hatte sich bis dato dieses Scheunenviertel literarisch erst einmal bemerkbar gemacht, in Israels J. Singers Die Familie Karnovski ist es ein Schauplatz der Handlung. Mit dem Worten In den altersgrauen, zerfallenen Gebäuden der Dragonerstraße im Scheunenviertel, dem Viertel der Altkleiderhändler, das die Nichtjuden spottend die Jüdische Schweiz nannten, lagen eng nebeneinander Läden, Märkte, Metzgereien Gasthäuser und Bethäuser…. leitet er eine Beschreibung des Viertels und seiner Bewohner ein [6]. Für diese (und weitere zum Viertel gehörende Straßen) hält die Statistik für das Jahr 1929 (dem Jahr, in dem der Roman spielt) tatsächlich auch fest, daß die Wohndichte fünfmal höher ist als in der ganzen Stadt, die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal….

In Martin Beradts Straße der kleinen Ewigkeit (ein weichgespülter Titel des Buches, das ursprünglich Die Beiden Seiten der Straße heißen sollte), sind es nicht die vorstehend genannten Straßen, sondern die Grenadierstraße, die im Mittelpunkt steht. Martin Beradt (1881 – 1949) war selbst Jude, 1913 zog die Familie, als es ihr besser ging, in den Westen. Beradt wurde später auf zwei Tätigkeitfeldern erfolgreich: er reüssierte sowohl als Schriftsteller und kam andererseits als Notar und Rechtsanwalt zu Wohlstand. Beides wurde nach 1933 sukzessive durch Berufs- und Publikationsverbote (1933 verlor er seine Zulassung als Notar, 1938 die als Rechtsanwalt zunichte gemacht. Der vorliegende Roman war 1933 (angeblich) fertig gestellt, der Rowohlt-Verlag, bei dem Beradt publizierte, war jedoch zu dieser Zeit der Auffassung, einige Stellen des Romans könnten tendenziös aufgefasst werden und lehnte eine Veröffentlichung ab. Daß Beradt am 10. Mai 1933 von den Machthabern und ihren studentischen Schergen nicht übersehen wurde, versteht sich danach von selbst. In seinem Nachruf geht Eike Geisel auf die Publikationsgeschichte des Buches ein.

Es erscheint schon fast ironisch, daß auch nach dem Krieg erhebliche Schwierigkeiten auftauchten, den Roman zu veröffentlichen, jetzt weil potentiell Antisemitisches darin gesehen wurde: Eine hiesige [i.e. New York, wohin Beradt 1939 geflohen war] jüdische Buchorganisation wollte ihn nicht veröffentlichen, wie ich unter der Hand erfuhr, weil er antisemitisch, sei, das heißt offenbar, daß er nicht aus Marzipan besteht: ich hatte gute und schlechte Juden geschildert und wende die Mittel des modernen Romans an Stelle der Sentimentalität an. … War dies noch Anfang der 40er Jahre, so lehnte Beradts alter Verleger Rowohlt noch 1957 eine Veröffentlichung aus nämlichen Gründen ab, auch andere Verlage zuckten zurück, erst 1962 fand ein kleiner Verlag in der Herausgabe des Romans ‚eine Freude und schöne Aufgabe‘ [Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt]. Eine weitere Buchausgabe erschien 1993 unter dem ursprünglich vom Autor gewählten Titel, 2000 schließlich gab Enzensberger den Roman zusammen mit den beiden umfangreichen Begleittexten von Geisel in Die Andere Bibliothek heraus, diese Ausgabe ist es, die bei mir im Regal wohnt.

beradt


…. mit den Juden dieser Gasse, die neben ihrem bescheidenen irdischen Dasein noch ein zweites, hohes, übersinnliches Leben führten.

Im Mittelpunkt des Romans steht – so deutet es der ursprüngliche Titel schon an – eine Straße und deren Bewohner. Sehr locker wird der Text durch eine Person zusammengehalten, dem jungen Ephrain, genannt Frajim, der schon früh eine unbeherrschte Unterlippe aufwies, der dazu gehörige Mund verriet die gröberen Instinkte, die Nase aber war edel, die Stirn klug – so überlegte sich die Mutter. Dieser Frajim sollte nach dem Willen der Eltern Karriere machen, erfolgreich sein, das ging nur als Kaufmann, aber nicht natürlich im litauischen Elend des Dorfes, in dem sie lebten, sondern vielleicht in Krakau oder Lodz? Man entschied sich letztlich dann für Berlin, denn Deutschland stand in ihren Augen sehr hoch, vor allem stand Polen in ihren Augen sehr viel tiefer. Und wo ging man als Ostjude in Berlin hin, wo zog es einen hin? Dorthin zog es einen, wo schon andere waren, mithin kam auch Frajim ins Scheunenviertel hinter dem Alexanderplatz. Nur zeigte sich dort, daß Deutschland vielleicht sehr hoch stand, doch sicher nicht in diesem Viertel, in dem er, der junge Frajim keinen Erfolg hatte, keine Arbeit fand, obwohl sich seine Zimmerwirtin selbstlos um ihn kümmerte, ihn vermittelte, anpries und in Lohn und Arbeit brachte. Meist jedoch nur für kurze Zeit, was Frajims Ungeschicklichkeit geschuldet war oder der Tatsache, daß wirtschaftliche Probleme zur Entlassung von Beschäftigten zwangen.

Im Umfeld von Frajim führt Beradt eine Vielzahl weiterer Figuren ein. Der achtbare Bettler Fischmann zum Beispiel, dessen Berufung es war, Menschen Gelegenheit zu geben, großzügig und mildtätig zu sein und der wahrnehmen muss, sie sein Berufsethos hier in der Fremde verloren geht. Die Schwägerinnen Riwka und Julchen, die stundenlang auf einem harten Stuhl vor ihrem Verkaufstand mit Wäsche, Unterwäsche (darunter auch orangefarbene (!) Schlüpfer) und Trikotagen stehen und meist vergeblich darauf warten, daß jemand nicht nur schaut, sondern auch kauft. Joel, der Wirt, mit seinem weitbekannten Gasthaus, in dem er auch Zimmer vermietet, an drei, vier der armseligen Gestalten einen Raum….

Sie lebten elend dort in ihrem Viertel, in dem sie nicht unter sich waren, sondern das sie sich teilten mit anderen verschlissenen und unscheinbaren Existenzen. Christliche Minderheiten waren dies, aber auch alteingesessene Juden, darunter ganz arme, halb arme, wohlhabende, aber auch zugewanderte und wohlhabend gewordene und diese noch nicht einmal vereinzelt. Ganz abgesehen vom höchsts bedenklichen Gesindel der gewerbs- und gewohnheitsmäßigen Verbrecher samt ihrem weiblichen Anhang. Es gab Bordelle und es wurde Alkohol getrunken und die Glaubensfestigkeit der Juden auf schärfste geprüft wurde. Sie waren ein Fähnlein Aufrechter, im Quartier mit der Unzucht und dem Verbrechen, eine letzte Kompanie vor Gott. Und warum kommen sie jetzt aus Europas Osten nach Berlin? Nun, ihnen erschien die Wahrscheinlichkeit, in Berlin zu verhungern immer noch attraktiver als die Sicherheit, es in Polen zu müssen….

Zwar war Berlin für manche der Ostjuden der halbe Weg zum eigentlichen Ziel, das New York hieß, aber für die meisten war im Scheunenviertel Endstation. Die Welt außerhalb dieser wenigen Straßenzüge war schon Exil, sie vermieden es, in diese Welt zu gehen, aber diese Welt kam zu ihnen: in Gestalt der Polizei und der Baubehörden. In Joels Wirtshaus wurde Schwamm festgestellt bei einer Inspektion, die Existenz dieses Fleckens an der Wand wird zum Gerücht, es wuchs und verbreitete sich als Angst und Schrecken. Noch einmal gab es später ein ähnliches Gerücht, der Putz der von der Decke rieselte in das Zimmer, in dem Fischmann die Nacht selig entschlafen war, wurde zum Loch in der Decke, dessen Steine ihn erschlugen, das Loch wurde zur Wand, die umgefallen war, die umgefallene Wand wurde zum Haus, das praktisch schon einstürzte! Ausgerechnet zu der Zeit, in dem zusätzliche Zugvögel, die ein Ticket nach New York in der Tasche hatten und hier nur einen Zwischenhalt einlegten, zu all den sowieso schon eng Einquartierten gepackt worden waren. Welch eine Panik, welch eine Unruhe entstand dort. Wie brüllende Rinder, über derem Haupt der Stall in Feuer steht, so schrien alle. Ausgelöst durch einen anonymen Brief, der bei der Polizei eingegangen war, von einem Menschen mit seltsamen Namen… natürlich wusste man gleich, wer diese gewesen sein konnte, nein: musste! Jeder wusste es außer dem Betreffenden, der den geballten Zorn zu spüren bekam.

Es gäbe eine Anordnung der Polizei, das Haus zu verlassen, auch das Bethaus sei zu räumen. Ist sie das jetzt, die Austreibung? Dieses schreckliche Wort fiel, wenn auch nur im Ton der Frage bei denen, die aufgeregt durch Hintertüren in die Schankstuben strömten, um über das Geschehen zu reden. Es ist dies die immanente, ständig über ihnen schwebende Angst vor Vertreibung, die ganz real in diesen Jahren 1928/29 am Horizont erschienen ist.

Es war keine homogene Gemeinschaft. Zwar einte die Not die meisten darin, daß sie genug damit zu tun hatten, zu überleben, aber sie waren, obschon das Scheunenviertel ihre Welt war, nicht abgeschlossen. Im Osten, in Krakau beispielsweise, lebten sie abgeschlossen in ihren Vierteln, lebten die Juden streng unter sich, mit den Andersgläubigen im Verkehr nur durch den Handel. … Es war kühn, von dort auszubrechen, waren auch viele im Laufe des Jahrhunderts von Ost nach West gezogen. Die Mehrheit saß noch da, fromm und strng wie einst, …. hier aber? Inmitten der Unzucht, im Angesicht der Frauen, die von den Männern nur stundenweise besucht wurden, im engen Kontakt – schließlich war überall ähnliche Not – mit christlichen Handwerker, mit Ganoven auch…? Der junge Seraphim, mit dem sich Frajim ein wenig angefreundet hatte, beispielsweise trat für Änderungen ein, die Religion sollte eine freiere und reiner Form erhalten. .. Er galt als Ketzer, er hetze die Jugend auf. Wirklich sagte er: seht euch Herrn Lämmchen an …. bei den Worten Heilig, Heilig, heilig! möchte er höher hüpfen als sie alle, er faßt, wie man sagt, Gott an die Füße, aber zu Hause schlägt er die Frau, und im Geshäft macht er zweifelhafte Sachen! Oh ja, Seraphim hatte ein dezidiertes Urteil, viel forderte er, aber auch er, selbst er, konnte ohne die Gasse nicht leben.

Einige der Personen, die Beradt in seinem wie in einer Art Mosaik als Einzelbildern zusammengesetzten Panorame der Grenadiergasse in das Geschehen einführt, seien noch wenigstens erwähnt.  Beispielsweise Tauber mit seinem Bauchladen, Frau Warszawski, die Vermieterin, Geppert, der Polizeispitzel, Wahrhaftig, der mit Tüchern handelt und jetzt unbändige Angst hat, weil welche dabei sind, die aus der Beute eines erschossenen Diebes sind, der wohlhabende, aber fast blinde Weichselbaum, der nach Berlin der Ärzte wegen kam, der ebenfalls nicht arme Lumpenhändler Lewkowitz, bei dem Frajim zeitweilig, aber nicht lange, arbeitete, der Rabbi Jurkim mit seiner schwermütigen Frau. Dieser betete, wie andere atmeten, es fehlt ihm die Wärme, sein Blick war Eis, entsetzlich, Bett an Bett mit ihm zu schlafen, wahrscheinlich schlief man im Keller wärmer. Dann war da noch Boas, der Arzt, der sich für seine Patienten aufrieb und selbst früh starb. Früh starb? Ein Arzt, der sich selbst nicht helfen konnte und sich früh sterben ließ? O Weh! Ein kollektiver Aufschrei ertönte und die Sicherheit stellte sich in der Menge ein, daß dieser Betrüger dann ja wohl auch seinen Patienten nicht helfen konnte, und war nicht der oder die, trotzdem sie zu ihm gegangen, gestorben? Wieviel vertrauenswürdiger erschien da doch der Heilkundige Jankuhn, der allerdings eher den Aberglauben der Menschen bediente als sie zu heilen….

Am Ende all dieser Geschichten, hiermit schließt sich dann der lockere Rahmen, der durch die Existenz von Frajim gebildet wird, reist dieser mit Weichselbaum, der von den Ärzten Berlins enttäuscht ist, wieder zurück in die Heimat, aus der er ausgeschickt worden war. Er hatte trotz aller Enttäuschungen doch manches gelernt – vielleicht gab es dann doch noch einmal einen Aufstieg für ihn – in Polen.


Es sind Zwiegespräche, innere Monologe, Diskussionen, auch Beschreibungen, die Beradt in Art einer Collage zu einem Gesamtbild der Grenadierstraße, nolens volens also des Scheunenviertels zusammengefügt hat. Des Scheunenviertels, in dem sich die Ostjuden sammelten (es ist an mehreren Stellen von dreitausend die Rede), in der Hoffnung auf einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg, der ihren Glaubensbrüdern rund zweihundertfünfzig Jahre vorher gelungen war. Doch – so schreibt Geisel bitter weiter – statt auf Aufklärung und Lessing treffen sie auf Antisemitismus und Ludendorff, die Austreibung als Schreckgespenst immer im drohend im Hintergrund. Ein paar Jahre später, 1939, besuchte Beradt die Grenadiergasse noch einmal, diesen Besuch fügte er seinem Text als Epilog bei: … Ich habe sie [i.e. die Grenadiergasse] im Juli 1939, wenige Wochen vor dem Ausbruch des Krieges, gesehen, sie war nicht wiederzuerkennen. Es war ein Nachmittag, keine besonders lebhafte Zeit, aber auch keine stille für die Gasse. Wieviel Hunderte standen sonst um diese Zeit in ihr herum! Nun waren sie tot! …Die befürchtete Austreibung war wahr geworden, nicht nur hatte man sie aus Berlin, aus ihrem Viertel getrieben, man trieb sie aus aus Frankreich, aus den Niederlanden, aus allen Ländern, in die Deutschland mit seiner Militärmaschine kam, ja, man hatte begonnen, ihnen allen, einem ganzen Volk, sogar das Leben aus dem Leib zu treiben…

Beradt war herumgereist und hat für seinen Roman gesammelt: Witze, Anekdoten, Gespräche, Diskussionen, Episoden und anderes mehr. So ist dieser Roman von jüdischem Leben durchzogen, liest sich an vielen Stellen auch humorig, geprägt auch von diesem ‚typisch‘ jüdischen Humor, der die Hürden des Alltags offenlegt und gleichzeitig zu ertragen und hin und wieder zu überwinden vermag. Beradts Juden sind nicht aus Marzipan, wie er später schreiben sollte. Es sind Menschen, und es gibt gute Menschen und nicht so gute. Es gibt welche, die ihren Vorteil über alles stellen, es gibt welche, die helfen, wo sie helfen können. Menschen eben. Martin Beradt, der selbst 1939, kurze Zeit nach seinem oben geschilderten Besuch in der Grenadiergasse nach New York emigierte, hat dem Berliner Scheunenviertel und den dort wohnenden Juden mit Der Straße der kleinen Ewigkeit ein Denkmal gesetzt, hat ihnen, den von der Erde Vertilgten zumindest ein literarisches Überleben gesichert.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Beradt
[2] —
[3] Willi Jasper: Berlin Alexanderplatz, in: Manfred Görtemaker: Weimar in Berlin, be.bra verlag, Berlin, 2002
[4] Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz, zitiert nach: dtv, 24. Aufl., 1980
[5] als Beispiel eine Touristentour durch´s Scheunenviertel:  http://travel.nationalgeographic.com/travel/city-guides/berlin-walking-tour-3/
[6] Israel Joshua Singer: Die Familie Karnovski, Besprechung hier im Blog

 

Martin Beradt
Die Straße der kleinen Ewigkeit
Ein Roman aus dem Berliner Scheunenviertel
Mit einem Essay und einem Nachruf von Eike Geisel.
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek, Bd. 190), HC, ca. 370 S., 2001.

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Israel Joshua Singer: Die Familie Karnovski

 

Vorneweg: ich muss es bekennen. Erst mit und bei diesem Buch habe ich nach Jahrzehnten realisiert, daß es neben Isaac Bashevis Singer noch einen anderen Singer gab, der wunderbare Bücher schrieb. Und das, nachdem die „Brüder Ashkenasi“ friedlich im Regal neben den vielen Romanen des Bruders stehen. Peinlich… aber ich habe wenigstens den schwachen Trost, daß es nicht nur mir so ging, Liisa beschreibt dies ganz ähnlich…. und auch in Braunecks Autorenlexikan: Weltliteratur des 20. Jahrhunderts (in dem ich ab und an blättere) kommt dieser Singer nicht vor, was mir bei diesen Büchern, die ich jetzt von ihm kenne, unverständlich ist….

Die Familie Karnovski also… eine Familiengeschichte über drei Generationen, die Singer bei der letzten Generation ungefähr in dem Alter enden läßt, in dem er mit David Karnovski einsetzt. Jedem der drei (männlichen) Protagonisten widmet der Autor einen Buchabschnitt, wobei aber die Geschichte Georgs, des mittleren die weitaus umfangsreichste ist, da sein Leben als Sohn Davids und Vater Jegors natürlich auch in den beiden anderen Abschnitten geschildert wird.

Das Werk setzt irgendwann in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts im jüdischen Milieu Polens ein (Jahreszahlen kommen im Roman nicht vor, man muss sich die Daten anhand von Ereignissen oder genannten Zeiträumen ableiten). David Karnovski, hochintelligenter, hochbelesener, der streitbaren Diskussion zugeneigter Sproß einer im Holzgewerbe tätigen Familie, wird von „der Tochter des Leib Miller geschnappt, des größten Holzhändlers von Melnitz.“ Es dauert nicht lang, da liegt er im Streit mit dem örtlichen Rabbi, den er mühelos in Grund und Boden argumentiert. Doch er übertreibt es, er wird erwischt, daß er beim Synagogenbesuch den Pentateuch des von ihm verehrten Moses Mendelssohn [5] liest, dieses Ketzers mit seinen verdammenswerten Ansichten. Der Streit eskaliert derart, daß David Karnovski beschließt, die engstirnige, bornierte jüdische Gemeinde zu verlassen und mit seiner Frau Lea nach Berlin zu gehen.

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Er hat Erfolg in Berlin, baut sich ein florierendes Geschäft auf, er parliert in geschliffenem Deutsch und findet Zugang zu den Kreisen der dort seit Generationen lebenden, assimilierten Juden, die sich in nichts außer ihrem Glauben von den anderen Deutschen unterscheiden [6]. Sie leben nach dem Motto: „auf der Straße Deutscher, zu Hause Jude“ und schauen mit Geringschätzung, ja Verachtung hinab auf die Ostjuden, deren Platz in Berlin vor allem im Scheunenviertel, der „Jüdischen Schweiz“ liegt. Repräsentiert wird dieses jüdische Milieu im Roman durch Salomon Burak, der ein Warenhaus für Textilien betreibt und sein Jüdischsein ganz offen vertritt. Er ist der geborene Händler, ein Mensch, der sein Hab und Gut mit allen teilt, der helfen kann und will – und es auch tut. Aber er gehört zu denen, auf die die assimilierten Juden, die Bankdirektoren, die Ärzte, die Rechtsanwälte herunter schauen und so verneint auch David Karnovski hochmütig und in erniedrigender Weise die Frage Buraks, ob nicht Davids Sohn Georg und seine Tochter Ruth, die hoffnungslos in den jungen Mann verliebt ist, verheiratet werden sollten.

Dieser Georg ist lange Zeit das einzige Kind von David und Lea, die nie heimisch werden sollte in Berlin, nie sich in der anderen Sprache sicher fühlen und die immer ihre Melnitzer Heimat vermissen sollte. Hochmut ist ihr fremd und sie fühlt sich wohl im Hause Buraks, wo sie heimlich dessen Frau besucht und wo endlich wieder einmal jiddisch reden kann, wo sie Wärme und Geborgenheit empfindet. Erst viele Jahre nach Georg sollte Lea noch eine Tochter zur Welt bringen, Rebecca.

Georg also der Sohn (Georg auf der Straße, Moses (sein zweiter Vorname) in der Synagoge)…. er ist nicht unbedingt nur der Quell ungetrübter Freude für seine Eltern. Er ist aufsässig, renitent, spielt er gern mit den (christlichen) Schmuddelkindern aus dem Hinterhof, lernt nicht und lehnt sich besonders gegen den Vater auf. In der Pubertät wird dies nicht einfacher, erstaunlicher- (und für die Eltern nicht erklärlicher) weise ändert sich das Verhalten des Jungen aber, nachdem ihn sich die Hausangestellte Emma eines Abends (im nicht nur im metaphorischen Sinne) zur Brust genommen hat. Fiebrigkeit und Unruhe sind wie weggeblasen, sogar in der Schule arbeitet er jetzt mit und schließlich schafft er sein Abitur mit Auszeichnung.

Was nun folgt ist ein durchaus typisches Schicksal dieser Epoche (man denke an Kafka!): der in der Stadt geborenen Generation liegt nichts ferner als in das Geschäft, das der Vater mit viel Mühe und Arbeit aufgebaut hat, zu übernehmen. So weigert sich auch Georg, in das Handelsgeschäft einzusteigen und letztlich fängt er an, Medizin zu studieren, denn er verliebt sich heftig in Elsa Landau, der Tochter eines jüdischen Arztes, eines liebenswerten Kauzes, aus Neukölln. Diese rothaarige, ebenfalls Medizin studierende junge Frau hegt zwar ebenfalls Gefühle für den ansehnlichen Georg, hält ihn aber auf Abstand, ihr ist die Medizin und später dann vor allem ihre politische Tätigkeit bei den Genossen wichtiger und sie ordnet dieser alles unter.

Der Krieg bricht aus, mit Begeisterung zieht das Kaiserreich in den Kampf, auch Georg, mittlerweile Doktor, wird eingezogen und kommt an die Front…. zuhause in Berlin wird mittlerweile die Zweiklassengesellschaft unter den Juden wieder deutlich: die Ostjuden werden verhaftet, so auch David Karnovski. Und all die Freunde aus guten Tagen, die assimilierten Juden, die Deutschen, die zufällig auch hebräischen Glaubens sind, wenden sich ab, wollen nicht helfen, wollen nicht auffallen… erst der beherzte Auftritt des deutschen Leutnants und Frontarztes Georg Karnovski holt den Vater aus der Haft…..

Nach dem Krieg kommt Georg als Hauptmann und erfahrener Chirurg zurück nach Berlin. Der alte Landau, bei dem er Elsa zu finden verhofft, überzeugt ihn, daß jetzt, nach dem Krieg Frauenärzte gebraucht werden, Ärzte, die sich um das kommende Leben, um die vielen Geburten, die jetzt zu erwarten stehen, kümmern…. er vermittelt Georg an die renommierteste Klinik Berlins und Georg fühlt sich dort sehr wohl, bald schon ist er die rechte Hand des Chefs. Elsa hat ihm mittlerweile endgültig klargemacht, daß sie kein Privatleben hat, sondern sich voll und ganz ihrer politischen Arbeit widmen wird… und so entwickelt sich ganz langsam und auf Umwegen eine Beziehung zwischen Georg und Therese, einer schüchternen, unauffälligen, blonden Krankenschwester, die ihn vom ersten Moment an anhimmelt, während Georg sie oft in Verlegenheit bringt und auf den Arm nimmt…. Die Hochzeit der beiden bringt den endgültigen Bruch mit dem Vater David, eine Schickse zu heiraten, wo seinem Sohn doch die besten jüdischen Partien angeboten wurden….

Georg wird Nachfolger seines Chefs in der Klinik, wird zum „bekanntesten Frauenaufschneider“ der Stadt, während draußen, auf den Straßen die ersten Boten der Neuen Ordnung aus dem braunen Sumpf kriechen und sich immer stärker bemerkbar machen. Aber noch ist Georg gern gesehener Gast auf den Gesellschaften und auch die dort zu treffenden Weiblichkeit scheint er nicht verschmäht zu haben. Der Ehe mit der farblosen, duldsamen Therese fehlt die Leidenschaft, das Aufregende… ein Sohn, Joachim Georg, genannt Jegor, wird geboren, ein ängstliches, mageres Kind, das mit seiner charakteristischen Nase,der  dunklen Haut und den rabenschwarzen Haaren ganz auf den Vater kommt, nichts von der blonden Mutter hat.

Die Neue Ordnung greift langsam, aber sicher um sich, die Gestiefelten trampeln durch die Straßen. Noch nimmt man sie nicht ernst, in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, kann solch ein primitives Unterfangen nicht lange überleben… doch es überlebt, die Menschen sind die hohlen Worte und Versprechungen leid, haben in der Inflation alles verloren, sie wollen Taten sehen und sie bekommen Taten zu sehen, jetzt, nachdem die Neue Ordnung zur einzigen gewählt worden ist, die zählen soll.

Die (mittlerweile) Reichstagsabgeordnete Elsa Landau wird inhaftiert, der alte Landau muss die Praxis aufgeben, Arier haben dort Zugangsverbot… auch Georg muss seine Praxis ver“kaufen“, darf nicht mehr behandeln. Wieder zeigt sich die Klassengesellschaft unter den Juden Berlins, jeder glaubt, er sei eigentlich nicht gemeint… die assimilierten Juden, weil sie doch Deutsche sind, Juden wie David Karnovski gehen davon aus, daß sie ja fast Deutsche sind und die Schikanen nur die Ostjuden betreffen, die Ostjuden glauben, da sie einen Pass haben, seien nur die gemeint, ohne Pass und diese letztendlich denken, sie könnten sich ja (das 20. Jahrhundert!) jederzeit einen besorgen….

Jegor, der Sohn, macht den Eltern Sorgen. Als kleines Kind ist er ängstlich, fürchtet sich im Dunkeln, er hat keine Freunde, findet keinen Anschluss. In der Schule wird er zum Aussenseiter, versteht nicht, warum ab und an auf ihn gedeutet wird, man über ihn lacht. Manchmal wird er vor die Türe geschickt, weil seine Leute doch damals den Jesus ermordet haben…. alles Sachen, die er nicht versteht. Und endgültig gebrochen wird der Junge, als er dem ehrgeizigen Schuldirektor als lebendiges Anschauungsobjekt dient, mit dem die Minderwertigkeit der Rasse bewiesen werden soll. Die Aula ist voll mit Menschen, als ihm der Schädel vermessen wird und als der Pubertierende schließlich unbekleidet auf die Bühne gezerrt wird, bricht er nicht nur körperlich zusammen.

Die Lebensverhältnisse werden immer schwieriger, immer öfter klirren Fensterscheiben. Burak kommt zu der Erkenntnis, daß sämtliche (bislang erfolgreichen) Bestechungsversuche allenfalls hinauszögern, auch Karnovski entschließt sich, auszuwandern, seiner Familie wegen, die er schützen muss….

Amerika… hat das Land die ersten Flüchtlinge noch mit offenen Armen empfangen, kühlt sich die Stimmung jetzt ab. Das Land braucht die vielen Ärzte, die vielen Koryphäen nicht, die jetzt kommen und den einheimischen Medizinern die Patienten wegnehmen. Folgerichtig werden die Zulassungsprüfungen so ausgelegt, daß möglichst wenige sie bestehen… die Sprache zu lernen ist mühsam… die in Deutschland assimilierten Juden, die Direktoren, Juristen.. was sind sie hier wert? Sie haben ihren Dünkel nicht verloren, auch wenn er sie hier nur behindert. Amerika ist ein Land für Leute wir Burak… er fängt so an wie weiland in Berlin: zieht mit einem Koffer voller Textilien von Tür zu Tür… bald braucht er eine Schubkarre, dann ein altes Auto, das durch ein größeres, neueres ersetzt wird. Ein kleiner Laden zuerst, dann ein größeres Geschäft und bald sieht es bei ihm aus wie seinerzeit in Berlin: ein offenes Haus, in dem jeder Hilfe findet, zu essen bekommt und ein Dach über dem Kopf hat. Es ist seine stille Genugtuung, daß es hier nicht die Ostjuden sind, die die Hilfe brauchen, jetzt sitzen die ehemaligen Direktoren bei ihm, dem Vorsitzenden der Synagoge, der er auch ist, und halten still die Hand auf….. Lea blüht auf, hier findet sie ihr Schtetl wieder, die Herzlichkeit, die Wärme, das Geplapper, das Gekose, die Umarmung, die ihr in Berlin so gefehlt hat….

Nur Jegor wird nicht heimisch, verkriecht sich immer mehr. Wie so viele Opfer gibt er nicht den Tätern die Schuld, sondern sucht sie bei sich selbst: Wäre er kein Jude, wäre das nicht passiert. Und Jude ist er, weil sein Vater Jude ist… wie konnte seine zarte, blonde, arische Mutter diesen Mann nur heiraten! Jegor wird de facto zu einer Art Gesinnungsnazi, hat deren Ideologie verinnerlicht… in Yorkville, in das er durch Zufall eines Tages gerät, endlich fühlt er sich wohl, zu Hause [4], hier wehen die richtigen Fahnen, hier ist das Deutschland, wie er es sucht…

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Es ist für Jegor der Anfang eines langsamen, sich immer weiter beschleunigenden Abstiegs.. er, der von zu Hause weggelaufen ist, fühlt sich hier wohl, geniesst seine Freiheit, die neuen Freunde: er wird anerkannt, zum ersten Mal in seinem Leben, merkt aber nicht wie er ausgenutzt und instrumentalisiert wird… ein Wunsch wird in ihm immer stärker: er will nach Deutschland zurück, in völliger Ignorierung dessen, was ihn dort erwarten würde. Schließlich ist er ein Holbeck und er grüßt zackig wie ein SA-Mann… der Konsularbeamte, an den er sich wendet, requiriert ihn als Spitzel, er soll als Jude, als Insider Informationen über die jüdischen Exilanten sammeln… letztlich versagt er auch hier und es beginnt ein road-movie für ihn, das ihn weit durch die Staaten führt, bis er buchstäblich das letzte Hemd versetzt hat und am Ende ist – und wieder in New York. Hier kommt es dann zu einer Verzweifelungstat…

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Singer läßt seine Familiengeschichte ohne wirkliches Ende ausklingen. Zwar läßt sich so etwas wie die Heimkehr des verlorenen Sohns herauslesen, aber auch das ist nicht sicher. Wegen der fehlenden Jahresangaben ist mir auch nicht ganz klar, ob in Europa zu diesem Zeitpunkt schon der Krieg tobt, veröffentlicht wurde der Roman ein Jahr vor dem frühen Tod des Autoren, 1943. Vielleicht spiegelt sich in diesem unentschiedenen Romanende auch die zu dieser Zeit noch unsichere Kriegslage wieder [1a]…

Sehr deutlich wird in dem Roman, daß das deutsche Judentum keineswegs eine homogene Gesellschaftsschicht war. Es gab die vollständig assimilierten Juden, die Deutsche waren mit zufällig mosaischem Glauben, die durch ihre Intelligenz, ihren Fleiß und ihre Zielstrebigkeit wichtige Positionen in Staat und Gesellschaft einnahmen. Sie gingen ebenso selbstverständlich in den Krieg für Deutschland wie jeder andere Deutsche auch. Und sie schauten herab auf ihre schäbigen Verwandten aus dem Osten, die ärmlich als Hausierer, als Viehhändler oder in anderen niedrigen Berufen ihr Auskommen zu sichern versuchten. Selbst einen David Karnovski, hochintelligent, belesen, in geschliffenem Deutsch redend, beruflich erfolgreich – aber eben ein Pole, selbst so einen Mann duldeten sie nur unter sich, solange es ohne Gefahr für sie war. Draußen ein Deutscher – drinnen ein Jude: sie glaubten, mit dieser Mimikry würden sie ihre Haut retten können.

Es sind wunderhübsche Passagen in dem Buch, in dem die „Jüdische Schweiz“ beschrieben wird, die Gegend des Scheunenviertels [7], die in so vielen Aspekten dem osteuropäischen Shtetl ähnelt. Das obige Bildchen (anklicken!) ist von Zille. Die Menschen werden ebenso beschrieben wie die Auslagen der Geschäfte, die Gerücke, die Küchen, die Speisen… Singer, der ja selbst einem polnischen Schtetl entstammt [8] und die Verhältnisse dort kennt, war ja auch in Berlin, ich denke, daß er da auch das entsprechende Lokalkolorit aufgenommen hat.

Man täuscht sich, man will die auf sich zukommende Zukunft nicht sehen. Natürlich, niemand konnte sich vorstellen, mit welcher teilweise selbstzerstörerischer Konsequenz der aufkeimende Nationalsozialismus gegen alles Jüdische vorgehen würde und niemand konnte sich vorstellen, daß die Deutschen (Dichter und Denker!) dies lange dulden würden, eine kurzzeitige Verwirrung eines kultivierten Volkes wollte man aussitzen. Aber es gab nichts auszusitzen: Flucht oder Tod.. die Gerüchte um die Konzentrationslager mit der systematischen Ermordung müsste Singer noch erlebt haben vor Beendigung seines Romans.

Auch Amerika war nicht das gelobte Land – zumindest nicht für alle. Amerika war das Land der Buraks, derjenigen, die die Ärmel hochkrempelten und anpackten. Die Arroganz, die die assimilierten Juden mit über den Ozean brachten und auch hier gegenüber den einheimischen Juden zeigten, führte sie in die Isolierung, es war die späte Genugtuung Buraks, das jetzt alle von ihm abhängig waren, daß er es war, der Geld und Brot verteilte (was er ja auch freigiebig machte…). Es war auch das Land der Leas, die hier wieder aufblühten, ihren ureigenen Bedürfnissen nachgehen konnten – es kümmerte einfach keinen, ob sie jiddisch redeten oder Kinder herzen mussten und für sie selbst war es in Ordnung.

Das Leben – ein Zyklus. Die Ausgewanderten, Exilierten nahmen ihre Vorstellungen, ihr bisheriges Leben mit. Exemplarisch hat Therese ihren gesamten Hausstand aus Berlin mit nach Amerika genommen, die gewohnte Lebensumgebung, die natürlich in den viel kleineren Wohnungen nur Ballast waren. Die Schränke konnten gleich auf der Straße stehen bleiben, amerikanische Wohnungen haben Einbauschränke…. und doch: es wurde die gewohnte Lebensumgebung geschaffen, zum Teil, in dem man sich integrierte (so wie Lea und Burak), zum Teil, in dem man die Einheimischen vertrieb, so wie es in der Synagoge geschah, die schnell von den Neuankömmlingen ursurpiert wurde (was ihnen – zugegebenermassen – durch das Desinteresse der angestammten Juden leicht gemacht wurde).

Aber auch im Privaten sehen wir das Zyklische: Davids Probleme mit seinem Sohn Georg wiederholen sich eine Generation später zwischen Georg und Jegor, nur – den Zeitumständen geschuldet – in noch stärkerer Art und Weise..

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„Die Familie Karnovski“ ist ein Buch wie ein Fluss, der den Leser mitnimmt und ihn trägt. Man wird schnell mit den Personen vertraut, lebendig und farbig treten sie einem entgegen, der arrogante David, die warmherzige Lea, der renitente Georg ebenso wie der kauzige Arzt Landau mit seiner der Welt zugunsten der politischen Arbeit entsagenden Elsa… selbst die „kleineren“ Figuren wie Johanna, die Hilfe Landaus, sind mit viel Liebe gezeichnet.

Gegen Schluss des Buches, ich habe es schon angedeutet, könnte man meinen, Singer habe nach einem passenden Ende gesucht, aber die Zeitläufe haben ihm keins gegeben… die Handlung war dabei, die Realität einzuholen, vllt läßt er Jegor aus diesem Grund seine etwas langatmige, zum Teil quälend deprimierende Tour durch Amerika absolvieren: Zeit gewinnen, um der Realität einen Vorsprung zu geben… letztlich haben die Karnovskis Amerika erreicht, bleiben aber seltsam unangekommen, ihr Schicksal dort läßt Singer offen…. aber dies macht dem Vergnügen, die Geschichte der Familie Karnovski zu lesen, keinen Abbruch, das Leben ist eine Veranstaltung, die offen ist, deren Ende und Entwicklung nicht abgesehen werden kann  – bis auf das eine, endgültige Ende, das Singer seinen Protagonisten nicht angedeihen ließ, das ihn aber leider ein Jahr nach Veröffentlichung der Geschichte selbst ereilte.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zum Autor Israel Joshua Singer. [1a] Sehr viel ausführlicher und substantieller ist die Darstellung von Anita Norich: Singer, Israel Joshua, in: The YIvO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe
[2] Zum alten Scheunenviertel bzw. der Dragonerstraße in Berlin: Erwin Leiser: The saddest streets in the world: Shimon Attie projects a Jewish past on to present-day Berlin.
Erwin Leiser, himself a child of the Thirties ghetto, explains, The Independent, Sunday 08 May 1994
siehe auch Wiki-Artikel zum Scheunenviertel
[3] Bildquelle „Scheunenviertel“: Hof im Scheunenviertel, Heinrich Zille, wikimedia
[4] Yorkville als „Zentrum“ der Nazis in New York: When the Bund marched in Manhattan, in: Ephemeral New York
[5] vgl hier: Britta L. Behm: Moses Mendelssohn und die Transformation der jüdischen Erziehung in Berlin , insbesonder S. 163
[6] Gordon A. Craig beschreibt es in seiner Geschichte der Deutschen so: „Wie Golo Mann einmal schrieb, war der gewöhnliche deutsche Jude, ob getauft oder ungetauft, deutsch in seinen Tugenden, deutsch in seinen Lastern, deutsch in Kleidung, Sprache udn Manieren, patiotisch und konservativ. Es gab nichts Deutscheres als jene jüdischen Geschäftsleute, Ärzte, Anwälte und Gelehrte, die sich 1914 ganz selbstverständlich freiwillig zum Kriegsdienst meldeten.“ (zitiert nach der dtv-ausgabe vom April 1985, S. 159/60)
[7] Ekkehard Schwerk gibt hier eine kritische Darstellung der Bezeichnung „Scheunenviertel“: Der Unfug mit dem „Scheunenviertel”, in: augustrasse-berlin-mitte.de
[8] sein Bruder hat darüber ein wunderschönes Büchlein geschrieben: Isaac Bashevis Singer: Eine Kindheit in Warschau, erhältich z.B. bei dtv

Israel Joshua Singer
Die Familie Karnovski
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Dora Winkler
Originalausgabe (auf jiddisch): New York, 1943, auf Amerikanisch: 1969
diese Ausgabe: Berliner Taschenbuch Verlag, ca. 500 S., 2005