tschick ist sicher einer der erfolgreichsten Romane der letzten Jahre in Deutschland. Dafür lassen sich zumindest zwei Gründe finden. Der eine ist naheliegend: die Geschichte der beiden Jungs aus Berlins Osten ist schlicht und einfach schön, sie ist gut in Szene gesetzt, sie ist einfühlsam und voller Liebe für die Figuren. Der zweite Grund des Erfolgs ist das tragische Schicksal seines Autoren: Wolfgang Herrndorf hat sich 2013 suizidiert, bevor das in seinem Hirn wuchernde Glioblastom ihm endgültig Würde und Persönlichkeit nehmen konnte. In einem Blog bzw. später auch als Buch [2] hat Herrndorf seine Krankengeschichte in selten eindringlicher und bewegender Weise festgehalten.

Der Pressestimmen und Besprechungen zu tschick (ich verwende in meinem Beitrag, sofern ich mich auf das Buch beziehe, die Schreibweise, wie sie auf dem Cover verwendet wird) gibt es viele, sehr viele. In dieser Taschenbuchausgabe musste man sogar das ansonsten leere erste Blatt mit Zitaten füllen, das war wohl der einzig freie Platz im Buch. Auf die sonst üblichen leeren Seiten am Anfang und am Ende des Buches hat man wohl aus Sparsamkeitsgründen verzichtet. Was etwas ungewohnt und auch nicht wirklich schön ist.

Aber nun zur Vorstellung des Buches, dessen Inhalt ich hier nur grob skizzieren will, er dürfte mittlerweile bekannt sein, kann auch im Beitrag zur Wiki [3] noch einmal rekapituliert werden.


Hauptperson und Erzähler ist der vierzehnjährige Gymnasiast Maik Klingenberg. Er leidet unter einem typisch pubertären Problem: er ist schüchtern, fühlt sich als Langweiler und sieht sich selbst als Aussenseiter. So sehr Aussenseiter, daß er noch nicht einmal einen Spitznamen hat. Bis auf das eine Jahr, das man ihn ‚Psycho‘ nannte, weil er in einem Schulaufsatz voller Naivität etwas über seine Mutter schrieb. Was an sich nicht schlimm gewesen wäre, nur, seine Mutter ist Alkoholikerin, daher war es dann doch irgendwie schlimm. Jedenfalls war er danach Psycho, solange, bis der Neue in die Klasse kam. Denn der mischte die Klasse irgendwie auf, indem er – nichts tat. Er ignorierte alles und jeden, wohin er mit seinen Schlitzaugen sah, ob in die Ferne oder nur an die Wand, war nicht unmittelbar zu erkennen, daß da jedoch Alkohol im Spiel war, fiel allerdings spätestens dann auf, wenn er vom Stuhl rutschte. Andrej Tschichatschow. Seit vier Jahren in Deutschland und irgendwie beginnend bei der Förderstufe bis hin ins Gymnasium gelangt. Und sofern er nüchtern war, waren seine Noten auch gar nicht mal so schlecht.

Noch einmal kurz zurück zu Maik, denn der hatte ein weiteres Problem. Wie alle anderen Jungen in der Klasse war er verknallt. In Tatjana. Nur, daß Tatjana ihn mit dem ***** nicht anschaute. Und erst recht nicht auf ihre große Geburtstagsfete einlud. Obwohl er doch ein megageiles Geschenk für sie gemacht hat. Wahrscheinlich als Einzigen auf der ganzen Schule nicht eingeladen hat.

Der Start in die Sommerferien konnte also kaum vielversprechender sein. Wenigstens war er allein, die Mutter im Trockendock, der Vater mit der Sekretärin auf … egal. Die junge Frau sah jedenfalls nicht nach Arbeit aus, als sie Vater Klingenberg abholte. Etwas schwindlig schien ihr jedoch zu sein, immerhin legte Vater den Arm und sie, um sie zu führen. Ne, war jetzt `n Witz von mir, Maik wusste schon, was Sache war und das mit dem ‚in-den-Arm-nehmen‘ noch auf dem Grundstück fand er ziemlich daneben.

Und just in dieser Situation tauchst Tschick bei ihm auf. Tschick, der das hat, was ihm fehlt: Selbstbehauptungswille, Selbstbewusstsein  – und Mut zur Lücke. Und außerdem kutschierte Tschick mit einen Lada durch die Gegend. Ausgeliehen natürlich…. Selbstverständlich war auch der ‚Mongole‘ bei Tatjana nicht eingeladen, was ihn jedoch nicht hinderte, hinzufahren. Mit Maik, der sich mit Händen und Füßen sträubte. Und Maiks Geschenk. Sie hinterließen, nicht zuletzt wegen der 180-Grad-Drehung, die Tschick mit ’seinem‘ Lada gekonnt hinlegte, einen Rieseneindruck… Adrenalin und Euphorie pur!

Nach dieser Aktion wartete die Welt auf Tschick und Maik und die beiden waren gewillt, dem Ruf der Welt zu folgen. Sie packten den Lada mit allem möglichen voll und starteten still und heimlich ihre Reise ins Irgendwo, denn wo die Walachei nun wirklich lag, wussten die beiden nicht genauer als daß es südlich war. Sie mieden die großen Straßen, nahmen schon mal ein Weizenfeld durch Durchpflügen in Kauf, erlebten Gewitter, die alles durchnässten, schliefen irgendwo im Wald und mussten feststellen, daß aufgetaute Tiefkühlpizzas eher als zum Diskuswurf denn als geniessbare Nahrung geeignet waren. Essen musste her, bloß fanden sie den blöden Supermarkt nicht. Dafür aber den ‚Kleinen Herrn Friedemann‘ (Spontanassoziation bei mir –> [4]), einen aus der Schar der Kinder einer leicht abgedrehten, aber liebenswerten Ökofamilie….

Selbst im beschaulichen Brandenburg (waren sie überhaupt noch in Brandenburg, aus Berlin jedenfalls waren sie draußen) oder wo immer sie waren, fielen zwei Vierzehnjährige, die einen schrottreifen Lada fuhren, irgendwann der Polizei auf… aber auch das Abenteuer überstanden sie unbeschadet, nur war dann plötzlich der Tank vom Auto leer…. Tankstelle, schön und gut, aber das gleich Problem wie gegenüber der Polizei und außerdem: wie tankt man eigentlich? War es vielleicht doch einfacher, das Benzin aus anderer Leute Tank abzuzapfen, weil, mit kommunalen Röhren sollte man das können…. also musste ein Schlauch her und den fanden sie mit Isas Hilfe. Isa, die erstens ohne Pause redete und zweitens stank, das jeder Iltis neidisch und den Jungs schlecht wurde. Denn ganz offensichtlich lebte Isa auf einer Müllkippe. Also schmissen die beiden dieses stinkenden Wesen kurzerhand in einen See und das Duschgel gleich hinterher. Und als sich Isa dann wusch, merkte Maik, der gar nicht wusste, wie er seine Augen nicht auf Isa richten sollte, daß Tatjana beileibe nicht das einzige Mädchen auf dieser Welt war…. und in der Nacht sind die Sterne zum Greifen nah…

Es konnte nicht für ewig gut gehen, dieser Trip der beiden Aussenseiter, der letztlich in einem großen Crash endete und da beide strafmündig waren, auch noch vor Gericht kam. Womit wir wieder beim Anfang der Geschichte wären, denn die beginnt mit Maik, der mit vollgeschifften Hosen und blutend auf der Polizeiwache sitzt und der uns dann erzählt, wie es dazu gekommen ist. Aber das habe ich ja auch schon getan…..

Quasi als kleinen Nachspann erfahren wir noch vom Ende der Familienidylle Klingenberg. Die Eltern trennen sich endgültig, die Mutter befördert im Rausch alle Einrichtungsgegenstände der Wohnung in den Pool und Maik hilft ihr. Vor der alarmierten Polizei ‚fliehen‘ die beiden auf den Grund des Pools und lassen von dort Luftblasen nach oben steigen, wo die ratlosen Polizisten stehen und ins Wasser starren….


So mit vierzehn ändert sich die Welt oder vielleicht auch nicht, möglicherweise hat man nur diesen Eindruck, weil man selbst sich ändert, man aber keine Ahung hat, was da mit einem geschieht. Man merkt, daß die Welt dort draußen auf einen wartet, auf einmal werden Mädchen interessant, aber warum zum Teufel sollten die sich für einen selbst interessieren. So jedenfalls geht es den schüchterneren unter den Pubertieren und Maik ist so einer. Da ist der Tschick schon anders, mit vielen Wassern gewaschen, hat schon so manchen Strauß mit der Welt ausgefochten, ist in gewissen Sinn komplementär zum introvertierten, langweiligen Maik.

Die Fahrt, diese Woche, die sie unterwegs sind: eine wichtige Etappe auf ihrem Weg ins Erwachsensein. Maik baut Selbstbewusstsein auf, lernt, sich zurecht zu finden, lernt auch, sich selbst auszuhalten und zu akzeptieren. Die beiden merken, daß die Welt da draußen allen Warnungen zum Trotz gar nicht so böse ist, wie man ihnen erzählt hat. Die meisten Menschen, die sie treffen, sind gut zu ihnen, wollen ihnen helfen, sind freundlich. Die Episode, die Herrndorf bei der Friedemann-Familie ansiedelt – ein wunderschönes Beispiel dafür. Auch für die Tatsache, daß den beiden vorgeführt wird, wie sehr man sich in Menschen täuschen kann, wenn man nur den ersten Blick gelten läßt…

Das Ende hat Herrndorf offen gelassen, denn selbstverständlich können Maik und seine Mutter nur begrenzte Zeit unter Wasser auf dem Poolboden hocken bleiben. Danach müssen sie sich wieder der Realität stellen. Genauso wie Tschick, den sie für ein paar Wochen in eine Heim eingewiesen haben…. für beide also ein Neustart, für den sie auch auf Grund ihrer Erfahrungen jetzt gut gerüstet sind.

Herrndorf hat diese Geschichte dem vierzehnjährigen Maik in den Mund gelegt. Die Sprache ist daher jugendgerecht und ähnelt mehr der gesprochenen Sprache als einer literarischen. Viele Dialoge und häufige Szenenwechsel halten das Lesetempo der mit vielen Spannungsspitzen gespickten Geschichte hoch: ehe man sich versieht, hat man den Roman durchgelesen. Es gibt viel Humor in der Geschichte, Maik ist ein guter Erzähler, dem Selbstironie nicht fehlt. Es gibt aber auch die leisen, melancholischen Momente, die anrühren und bewegen. Und auch wenn ich jetzt selbst schon älter bin, habe ich mich durch tschick an manches längst Vergessene wieder erinnern können (wobei mir damals eher die Rolle des Maik entsprach)…..

tschick: Ein Jugendroman auch und für Erwachsene. Der mich mit einer Frage sitzen läßt: warum nur habe ich den nicht schon längst gelesen gehabt?

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Wolfgang Herrndorf:  https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Herrndorf
[2] Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur, https://radiergummi.wordpress.com/2014/02/04/wolfgang-herrndorf-arbeit-und-struktur/
[3] Wiki-Beitrag zum Roman: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschick_(Roman)
[4] Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann; https://radiergummi.wordpress.com/2014/10/12/thomas-mann-der-kleine-herr-friedemann/

2016 kam tschick dann auch als Film in die Kinos:  Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Tschick_(Film) und Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Ph5NOf-di18

Wolfgang Herrndorf
tschick
Erstausgabe: 2010
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 255 S., 2016 (57. Aufl.)

Bonnie Nadzam: Mr. Lamb

19. Februar 2014

Meine Geschichte dieses Buches beginnt mit einer neugierig machenden Besprechung bei Mariki [1] und dem vielversprechenden Urteil von immerhin T.C. Boyle: „… brillant.“, welche auf dem Cover abgedruckt ist. Dieses übrigens in der Tat gelungen und dem Roman angemessen, es verrückt die Perspektive und zwingt dazu, genauer hinzusehen.

Das Grundthema des Buches ist nicht einfach, es ist eines der Themen, die in unserer Gesellschaft mit am meisten Emotionen entfachen, es geht um Kindesmissbrauch, Pädophilie, der (sexuellen) Liebe Erwachsener zu Kindern. Gerade bei uns in Deutschland war dieses Thema ja kürzlich vllt sogar wahlentscheidend gewesen.. [2].

„Mr. Lamb“ [3] ist in der Grundkonzeption ein Zwei-Personenstück, besagter Mr. Lamb, Gary oder David, je nach Partnerin, und Tommie, ein elfjähriges, sommersprossiges dünnes Mädchen. Sie lernen sich kennen, als Tommie von ihren Schulfreundinnen vorgeschickt wird, sie soll den älteren Mann dort an der Haltestelle um Zigaretten anschnorren, während die Freundinnen sie aus dem Hintergrund beobachten. In einer (man muss annehmen: spontanen) Idee fakt der Mann, Mr. Lamb, eine Entführung des Mädchens, zerrt sie in sein Auto und fährt sie nach Hause.

Mit Mr. Lamb und Tommie haben sich zwei Einsame getroffen, zwei Menschen mit Sehnsucht in Herzen nach Wärme, nach Nähe, nach Liebe auch, ja. Der Mann ist geschieden, hat eine Geliebte, die er aber belügt, sein Vater, den er aufopferungsvoll pflegte, ist kürzlich gestorben, in der Firma scheint es auch Probleme zu geben. Tommi ihrerseits lebt in einer Familie, die vom Fernsehen beherrscht wird, von der Oberflächlichkeit. Die (vorgetäuschte) Entführung, die ihre Schulkameradinnen nicht sonderlich erschüttert, macht Tommie deutlich, daß diese nicht wirklich Freundinnen sind…

Sie treffen sich wieder, der ältere Mann und das Mädchen, sie fahren in der Gegend herum, Gary (so nenne ich ihn ab hier) kauft Tommi schöne Sachen und verwöhnt sie. Langsam und behutsam flößt er dem Mädchen einen Traum ein, den Traum von einer Hütte irgendwo in einer wunderbaren Landschaft, von Pferden, von Freiheit und Geborgenheit… Er umgarnt sie immer weiter mit seinem Traum und es entwickelt sich ein Plan..

Ein paar Tage nur, so sagt er, und sie könne jederzeit wieder nach Hause, er würde ihr sofort ein Flugticket kaufen, sie müsse es nur sagen, es sind nur ein paar Tage, dann seien sie wieder zu Hause. Das Mädchen gerät immer weiter unter die suggestive Kraft von Garys gebetsmühlenartig wiederholten Sprüchen…

Sie fahren los und kommen an Städten vorbei und an Landschaften, durchqueren die endlosen Weiten des Landes, sie übernachten in Motels, geben sich als Onkel und Nichte aus. Gary verwöhnt das Mädchen, erfüllt ihr Wünsche, versucht ihr aber auch ein Leben zu zeigen, das sie so nicht kennt, ein wenig nimmt er die Funktion eines Vaters ein. Es gibt Krisen, in denen Tommie weint, Heimweh hat, ein schlechtes Gewissen, aber Gary ist geschickt mit Worten, nie redet er dagegen, sondern er verzögert eine mögliche Entscheidung z.B. auf den nächsten Morgen – aber dann ist alles wieder eingerenkt und beschwichtigt. Zu stark ist der Sog der Nähe und Zuneigung, die Gary dem Mädchen vermitteln kann.

Sie erreichen die halbverfallene Berghütte in den Rockys und richten sich dort ein, unter den Augen des misstrauischen Nachbarn Foster, der sein Haus in der Nähe hat und dort seine pflegebedürftige Frau betreut. Die Beziehung zwischen Gary und tommie wird immer intensiver, aber sie hat auch seltsame Momente. Als Linnie, die Geliebte Garys, für die er aber David ist, auf Einladung des Mannes erscheint, muss Tommie für Tage abtauchen, sie ist quasi aus-/eingesperrt in der Werkstatt, muss sich heimlich zum Pinkeln nach draußen schleichen und ebenso heimlich etwas zu essen aus dem Kühlschrank holen. So tief ist sie schon in den verführerischen Sirenenklängen des Mannes verfangen, daß sie dies klaglos erträgt…

Am Ende fahren die beiden die Strecke, die sie hergekommen sind, wieder nach Hause. Sie sind krank, haben Fieber und es ist eine Tortur für sie – ebenso wie der Gedanke an die Zukunft, die sie trennen wird. Die Reise der beiden, der Roman, endet mit dem Bild eines kleinen Mädchens, das mit einem vom Weinen verzerrten Gesicht einem Auto hinterherläuft….

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Die angedeutet Handlung des Romans könnte eine banale Liebesgeschichte sein, wäre Tommie nicht ein kleines, junges Mädchen und Gary ein älterer Mann. So ist es aber und damit wird die Geschichte, die Nadzam erzählt, zur Geschichte eines Missbrauchs. Es ist – was die körperliche Komponente angeht – kein Missbrauch, der als momentaner, roher, physischer Akt daher kommt, es ist ein sich langsam aufbauender Missbrauch, der durch dieses sukzessive Auftreten seinen Schrecken verliert [4] und der am Ende von Tommie ganz natürlich Handlung und Regung empfunden wird. Die Grenze dessen, was Tommie akzeptiert, vllt sogar als von ihr selbst gewollt und  als schön empfunden, wird immer weiter verschoben. Geschickt spielt die Autorin in diesen Momenten mit den unterschwelligen Befürchtungen des Lesers, der instinktiv immer auf das Schlimmste gefasst ist, mit diesem Moment gelingt es ihr immer wieder, eine ungute Spannung aufzubauen….

Gary nutzt seine natürliche Überlegenheit dem Mädchen gegenüber schamlos aus. Muss er ihr bei der anfänglichen, vorgetäuschten Entführung noch etwas nachhelfen, so kann er sie bald schon durch die suggestive Kraft seiner Worte, die anscheinene Logik seiner Argumente fast nach Belieben manipulieren. In den seltenen Momenten, in denen Tommie gegen ihn aufbegehrt, agiert er sehr geschickt, in dem er ihren Widerstand ins Leere laufen läßt: wie eine Gummiwand nimmt er den Impetus auf, gibt ihr Recht, bittet um Bedenken und Zeit und verdreht die Situation derart, daß die Bindung der beiden „danach“ noch stärker geworden ist als zuvor.

Wie manipuliert Gary das kleine Mädchen? Es sind die tausenfach bewährten Techniken: Geschenke machen, ihr schöne Erlebnisse geben (sozusagen die Vater-/Tochter Momente, die die beiden erleben), Widerspruch hervorlocken (á la: „ich bin ein alter Mann“) verbunden auch mit Mitleid, daß er, Gary, wenn sie, Tommie, mal verheiratet ist, allein ist und einsam. Oft weint er bittere Tränen, es ist nicht klar, ob es Krokodilstränen sind oder echte, die aus Selbstmitleid fließen…. am Ende ist es für beide selbstverständlich geworden, von Liebe zu reden und der Kuss auf den Mund ist normal zwischen ihnen und die Hand auf der Brust des Mädchens wird nicht weggeschoben….

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Gary nennt Tommie hin und wieder „Schweinchen“ und ist doch selber eins. Lügen und Manipulieren scheint seine zweite Natur zu sein, er ist ein großer Geschichtenerzähler, der sich spontan aus verfänglichen Situationen herausreden kann. Immer wieder kommt ihm diese Fähigkeit zugute, damit lullt er misstrausche Nachbarn ebenso ein wie Tommie oder Linnie. Er ist sich im Klaren über das was er tut, in einer verqueren Verkennung der Umstände fühlt er sich aber dazu berechtigt. Weist er Tommie nicht in ein Leben ein, das sie ohne ihn nicht kennengelernt hätte? Zeigt er ihr nicht wunderschöne Sachen, ist er nicht lieb zu ihr? Und spürt er nicht, daß Tommie ihn lieb gewonnen hat, dies alles will?

„Mr. Lamb“ ist aus der Sicht des Mannes geschrieben, wenig nur erfahren wir von den Gefühlen des Mädchen. Diese ist auf das Objektsein für die Bedürfnisse des Mannes reduziert, wie sie die Übergriffe des Älteren empfindet, bleibt unklar. Nur in den wenigen Momenten, in denen sie sich wehrt oder versucht, etwas abzuwehren kann man davon ausgehen, daß sie nicht völlig dem Einfluss des Mannes unterliegt, aber letztlich kann er immer seinen Willen durchsetzen: mit sanftem Druck, mit Überredung, mit Verniedlichung… ist er Mr. Lamb, so ist sie „Lamb“, nämlich Opferlamm… kann man das gegenrechnen zur Zuwendung, die sie zweifelsohne auch erhält, eine Zuwendung, die sie zu Hause so nicht hat, die ihr guttut, die sie sucht, die sie braucht? Mit dieser Frage sind wir dann fast bei der Diskussion aus lang vergangenen Jahrzehnten angelangt, auf die ich weiter oben schon einmal anspielte [2] und die mittlerweile ja entschieden ist…

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Der Roman, ich habe es am Anfang erwähnt, wird hochgelobt, die Besprechungen und Rezensionen sind voller Begeisterung. Ich kann diese leider nicht teilen, mir hat die Art, in der die Autorin ihre Figuren beschrieben hat, nicht gefallen. Diese etwas künstlich wirkenden Passagen, in dem der Leser mit in die Geschichte hineingezogen wird, Mitwisser wird (Mitverantwortlicher vielleicht sogar?): „Stellen wir uns vor, daß …“ dies und jenes… diese Aufforderung impliziert gefährlich auch ein“…, dann ist es verständlich/ kann man sich vorstellen/ erscheint es naheliegend…“, das mir unsympathisch ist. Außerdem wälzt Nadzam als Autorin ihre Arbeit, eine Situation nämlich derart zu schildern, daß ich als Leser eine Vorstellung davon entwickle, auf mich ab: ich muss mir meine Vorstellung aus ihren Vorgaben selbst aufbauen. Manchem, wenn man Besprechungen liest, gefällt dieses Stilmittel, mir nicht so.

Als „gebetsmühlenartig“ bezeichnete ich weiter oben die Art und Weise wie Mr. Lamb auf der langen, langen Fahrt durch Amerika auf Tommie einredete. Mich ermüdete das ewige leicht greinend wirkende Wiederholen der immer gleichen Sprüche, das sie ein elfjähriges Mädchen bei Laune gehalten haben sollen, kann ich mir kaum vorstellen.

Auch mit dem Besuch Linnies, der Geliebten von Mr. Lamb, für die er David ist, an der alten Hütte in den Rockies kann ich nun garnichts anfangen. Was sollte das denn? Subtile Qual für Tommie, die sich tagelang versteckt halten musste in dem Wissen, daß jemand anderes die Gefühle von Gary in Beschlag nimmt?

So bleiben für mich Fragen offen und der fast schlimmste Teil des Missbrauchs scheint mir zu sein, daß Mr. Lamb ein kleines Mädchen emotional von sich abhängig gemacht hat und es dann wieder zurückstößt in seine alte, kalte Welt. Es ist der Moment im Roman, in dem das Gesicht Tommie vom Weinen verzerrt ist….

Ich will den Roman aber auch nicht in Bausch und Bogen verdammt wissen, das wäre wahrlich übertrieben. Er liest sich gut, Nadzam versteht es auch, Spanung aufzubauen, Suspense zu erzeugen, ohne dabei auf z.B. die Schilderung von physischen Grausamkeiten zurückgreifen zu müssen. Das gelingt ihr gut. Vielleicht hat mich das Buch auch nur in einem falschen Moment erwischt, schlussendlich vertrete ich mit meiner Kritik ja eine Minderheitenposition. Aber ich bin nicht alleine  ;-) [4]

Links und Anmerkungen:

[1] Rezension des Romans im Bücherwurmloch: http://buecherwurmloch.wordpress.com/2014/02/02/3049/
[2] Parvin Sadigh: Nicht nur die Grünen verharmlosten Pädophilie, ZEIT ONLINE 17.12.2013, http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-10/paedophilie-kinderschuetzer/komplettansicht als Beispiel und Übersicht aus der Menge der Berichte zum Thema
[3] der Buchtitel ist ein schönes Beispiel dafür, wie sinnentstellend Übersetzungen sein können. Im Original heißt der Roman „Lamb“, also „Lamm“ oder (gastronomisch) „Lammfleisch“, ist also im wesentlichen auf das Mädchen fixiert, deutet ihre Rolle im Roman an, sie ist das Opfer und die Speise. Dass die männliche Hauptfigur „Lamb“ heißt (nein, Zufall ist das natürlich nicht…) kann auch dahingehend interpretiert werden, daß auch er ein Opfer ist, der Umstände, seines Werdeganges.. wir werden es erfahren… Die Beschränkung des Buchtitels auf den reinen Namen „Mr. Lamb“ ist dagegen eine bedauernswerte Reduktion dieser Andeutungen….
[4] Die Leserin: Mr. Lamb | Bonnie Nadzam [Rezension]; http://www.dieleserin.at/2014/01/mr-lamb-bonnie-nadzam-rezension.html

andere Titel zum Thema „Pädophilie“ bei aus.gelesen:

Bonnie Nazdam
Mr. Lamb
Aus dem Englischen von Suanne Höbel
Originalausgabe: „Lamb“, NY 2011
diese Ausgabe: dtv, ca. 240 S., 2014

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