Anne B. Ragde: Die letzte Reise meiner Mutter

Anne B. Ragde [1] ist eine norwegische Erfolgsautorin. Ihre Familiengeschichte der Neshovs, die sie in einer Trilogie (siehe unten und warum habe ich eigentlich den dritten Teil nie gelesen?) verfasst hat, war bzw. ist eine intelligente, unterhaltsame und manchmal ein wenig traurig stimmende Darstellung dieses offensichtlich etwas eigenen Menschenschlages in und um Trondheim, fünfhundert Kilometer nördlich von Oslo gelegen, herum. Trondheim ist auch der Wohnort der in Westnorwegen geborenen Autorin und in dieser Stadt spielt auch ein großer Teil der Handlung des Romans, den man getrost auch als biografischen Roman ansehen kann, da Ragde in ihm ihr Verhältnis zu ihrer Mutter aufarbeitet.

Bei ihrer Mutter Birte, im Buch meist ‚Mama‘ genannt, ist mit ihren über achtzig Jahren ein aggressiver Lymphkrebs diagnostiziert worden. Die Chemotherapie ist sehr anstrengend; da die Mutter, die in Oslo lebt, nicht mehr alleine sein kann, muss sie in einem Heim untergebracht werden. Das Geld ist knapp, außerdem ist wohl in dieser Zeit eine Reform der Pflegegesetze vorgenommen worden, die einschneidende Änderungen mit sich brachte, jedenfalls ist die Pflege und Unterbringung der Mutter in dem Heim, in das sie kommt, katastrophal schlecht. Die beiden Töchter, Anne und die jüngere Elin, kümmern sich sehr um die Mutter, fast rund um die Uhr ist jemand von beiden bei ihr. Mama ist eine sehr redselige Frau, wenn sie nicht gerade vor Erschöpfung eingeschlafen ist, will sie erzählen…

Es ist die Zeit der Erinnerungen, ja, auch der Selbstvorwürfe: „Es muss ganz schrecklich gewesen sein, mich als Mutter zu haben, Anne. Als du klein warst.“ – „Ach?“ – „Ja. Du Arme.“ Man kann das nicht abstreiten. Eine Zweijährige auf dem Spielplatz zu ohrfeigen und den Umstehenden stolz zu verkünden, so erziehe man Kinder, ist in der Tat schrecklich. Aber man erfährt im Lauf der Geschichte, daß Mama es selbst nie anders gelernt hatte, ihre Mutter, ‚Hexe‘ genannt, muss die personifizierte Lieblosigkeit gewesen sein, dich hat sowieso keiner lieb, das ist es, was Mama von ihrer Mutter erinnert. Meine Mutter hat mich dauernd geschlagen, ich hätte das doch nicht tun dürfen, ich wusste ja, wie schrecklich das ist, quält die Mutter sich mit der Erinnerung an die besagte Züchtigung Annes.

Anna Ragdes Erinnerungen, die auf einem plötzlichen ‚Heureka‘ beruhen, das sie während der Zeit der Begleitung hatte (ihr eigentliches Buchprojekt kam während dieser Zeit verständlicherweise zum Erliegen) umfassen zwei verschiedene Erzählstränge. Am Beginn des Buches nimmt die Krankheit der Mutter bzw. die Schwierigkeiten bei der Pflege und Begleitung der immer hinfälliger werdenden Mutter einen großen Raum ein. Diese Schwierigkeiten liegen zum einen darin, daß die Pflegesituation und die Unterbringung der Mutter schlicht und ergreifend schlecht ist, die Zustände in der Einrichtung, in der sie gelandet ist, sind erbärmlich. Zum anderen – und der einleitende Satz der Mutter deutet dies an – plagen diese starke Gewissensbisse und Reue und Angst: Kannst du mir jemals verzeihen, Anne? Kannst du das? Oder wirst du dich an solche Dinge erinnern, wenn ich tot bin? Es ist die Zeit des Rückblicks, des Resümees über das gelebte Leben, über die versäumten und über die genutzten Gelegenheiten, über die Sünden, die man auf sich geladen hat und über die Vergebung, die man jetzt so dringend braucht, um Frieden zu finden. Man kann in diesen Passagen wunderbar erkennen, welche Versäumnisse des Lebens sich am Lebensende wieder in Erinnerung rufen und wie wichtig es ist, am besten im Leben selbst zu vermeiden, daß es zu solchen Situationen kommt (‚Lebe jeden Tag so, als ob du morgen sterben würdest!‘) oder zumindest am Ende des Lebens, so wie es Ragde hier schildert, Vergebung suchen.

Tochter und Mutter lassen ihr Leben noch einmal Revue passieren. Es war kein Leben in Saus und Braus, im Gegenteil, es war ein materiell armes Leben. Birtes Mann hatte die Familie, seine Frau und die beiden Mädchen, verlassen, als Anne acht Jahre alt war (d.h. so Mitte der 60er Jahre), wohl einer anderen Frau wegen. Für Birte und Anne war dies ein tiefsitzendes Trauma; Elin war zu dieser Zeit noch sehr klein, die Bindung zur Mutter auch stärker als bei Anne. Birte zog sich eine Zeit lang ganz zurück aus der Welt, wollte mit dieser Schande nicht in die Öffentlichkeit und die achtjährige Anne übernahm es notgedrungen, für die Familie zu sorgen. Für das Kind Anne war Papa die geliebte Bezugsperson gewesen, bei der sie ihren Bedürfnisse nach körperlicher Nähe befriedigen konnte – bei der Mutter war dies nicht möglich gewesen. Anne Ragde schreibt, dieses Trauma hätte sie erst wirklich mit der Gründung der eigenen Familie überwunden. Diese (erste) eigene Familie, vielmehr der Eheschluss (wie sie es nannten) mit Finn, ist dann auch ein weiterer Schwerpunkt der Erzählung der Autorin.

Nach dem Weggang des Vaters konnten sich die drei Frauen noch eine Weile durch Verkäufe von Einrichtungsgegenständen über Wasser halten, aber irgendwann war nichts mehr verkaufsfähiges vorhanden, die Untervermietung von Zimmer in der Wohnung brachte nicht genug und die Mutter musste zur Sozialhilfe. Man zog in eine andere Wohnung um, die … nun ja, einfachste Verhältnisse unterschritt [2]. Die Mutter, eine geborene Dänin, die in den Augen ihrer Kollegen/-innen immer eine ‚Fremdarbeiterin‘ geblieben ist, fing an zu arbeiten, wurde Maschinenführerin an einem Extruder in einer Fabrik, die Plastiktüten herstellte. In der Freizeit strickte sie Norwegerpullis als Auftragsarbeiten, ihr eigentliches Reich jedoch war die Küche: An Essen soll es niemals fehlen, es braucht ja nicht Gänseleber und Champagner zu sein, wenn es nur mit Liebe zubereitet worden ist. 

Die Geschichte dieser Mutter/Tochterbeziehung wird im Lauf der Jahre immer mehr zu einer sich ergänzenden Beziehung, die von mütterlicher Seite Wiedergutmachung sucht und von Seiten der Tochter durch eine diese ergänzende Selbstsucht und Egozentrik geprägt wird. Daß die Mutter, um diese erwähnte (erste) Hochzeit der Tochter zu finanzieren, letztlich ein über fünf Jahre laufendes Darlehen  aufnehmen muss – daran verschwendete Anne damals keine Sekunde ihre Gedanken. Besuchte die mittlerweile im eigenen Haushalt lebende Tochter die Mutter, war es selbstverständlich, daß die Mutter auf Decken am Boden schlief, damit die Tochter das Bett bekam. Mein Gott, bist du unordentlich, Anne! Lächelnd lief die Mutter der Tochter nach dem Waschen hinterher und räumte das fallengelassene Handtuch und die Unterwäsche weg…

Trondheim – wir lernen zwei Personen (bzw. drei) kennen, die ausserhalb der Familie stehen: die Unternachbarin in der Kongens Gate 37 [2], eine Pfingstlerin, die so ganz anders ist als Mama und mit der sie sich doch so gut verstehen und die Schwiegereltern Annes, die – soweit sie Trondheim repräsentieren – dieses nicht allzu positiv vertreten. Verschlossen, eigenbrötlerisch, ein wenig dumpf scheinen sie. Materiell deutlich besser gestellt als Birte, ist für sie Essen beispielsweise reine Nahrungsaufnahme ist und kein Liebesbeweis wie für Mama: das von Mama organisierte und bei ihr stattfindende (notwendige und von den Brautleuten gefürchtete) erste Kennenlernen der jeweiligen Eltern endet zwar nicht mit einem äußeren Eklat, die Unvereinbarkeit der Beteiligten tritt jedoch sehr, sehr deutlich zu Tage….

Annes Ehe hält nur ein paar wenige Jahre, ein Sohn, Stian, bleibt bei der Mutter, dessen Vater erhält zur Scheidung von seinen Eltern ein Auto. Kurz darauf packt Birte eine innere Unruhe und Unrast, sie zieht um, weit weg, nach Oslo, wo Elin mittlerweile eine Anstellung als Polizistin hat. Es wird dort in den ersten Jahren eine Art Nomandenleben, das Birte führt. Unterkünfte, die als Wohnungen kaum zu bezeichnen sind, ein Leben aus Koffern, ohne Besitz, mit dem Gefühl, durch nichts belastet und gehalten zu sein. Selbst als sie dann doch eine kleine Wohnung mietet, begnügt sie sich mit Gartenmöben, die für ihre Bedürfnisse ausreichend sind….

All das (und mehr) sind Erinnerungen am Krankenbett einer langsam Sterbenden, ist der Versuch, ein Leben aufzuarbeiten, Fehler zu bekennen und zu verzeihen. Ein Leben vergeht jetzt unter unwürdigen Umständen, eine Sterbende, die im Heim auf einem Reha-Platz eingewiesen ist und von der Physio zum Krafttraining abgeholt wird – was die Tochter lautstark und wütend verhindern kann. Hier wird nicht massiert, so die Antwort auf die Bitte, doch bitte besser die von der nicht mehr ablaufenden Lymphe dicken Beine zu massieren….

…. die dann abschließend letzte von einigen Reisen, die Mutter und Tochter miteinander unternommen haben, sie führt nach Dänemark, auf ein Segelschiff, das vor dem Strand, den gesamten Øresund im Rücken, kreuzt. Birte kehrt heim….


Anne Ragdes romanhafte, gleichwohl biografische Erinnerungen sind ein wunderbares Stück Literatur, ein unsentimentaler Rückblick auf zwei Leben, auf eine nicht einfache Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Der große Wendepunkt im Leben der Mutter scheint das Scheitern der Ehe gewesen zu sein. Sie suchte danach keinen Mann mehr (sie fragte nach Bettgymnastik, wie sie es nannte, nicht allzu viel nach) und nach einer tiefen Phase der Depression und Niedergeschlagenheit war sie offensichtlich eine andere geworden: neugierig auf das Leben, lebensfroh und zufrieden mit dem, was sie hatte. Für Birte Ragde schien seit dieser Zeit das Glas immer halbvoll gewesen zu sein, sie sah die positiven Seiten des Lebens und mit dem Kochen hatte sie endlich eine Möglichkeit gefunden, Liebe auszudrücken, eine Fähigkeit, die ihr als Kind wohl selbst von ihrer eigenen Mutter aberzogen worden war. Auch von ihrer Tochter Anne, der Autorin, erfahren wir einiges, in der Rückschau ist sie wahrlich nicht auf alles stolz, was sie gemacht hat und wie sie sich gegenüber ihrer Mutter verhalten hat.

Die Pflegesituation der kranken Mutter schildert Anne Ragde als katastrophal, sie schreibt, daß sie und Elin nach dem Tod der Mutter Anzeige wegen Pflichtverletzung gegen die Stadt erhoben haben, die – wenig überraschend – kein Erfolg war. Daß in Norwegen solche Probleme bei der Pflege auftreten, hat mich ein wenig überrascht, ich war davon ausgegangen (und kurze Recherchen im Internet haben das bestätigt), daß z.B. das Verhältnis Pfleger zu Patient in diesem Land sehr gut ist. Was mich ausserdem gewundert hat, war die Tatsache, daß die Autorin, die ansonsten wirklich nicht geizig war, wenn es darum ging, der Mutter eine Freude zu machen, offensichtlich nicht in der Lage war – oder es nicht möglich machen konnte – die Mutter in eine besseres Heim zu bringen….

Der Teil des Romans, in dem Ragde schildert, wie die sterbende Birte sich mit Fragen quält, mit Selbstvorwürfen, wie sie bedauert und alles mögliche bereut: er ist fast wie ein Lehrstück darüber, was einen Sterbenden am Ende seines Weges quälen und belasten kann und wie wichtig es ist, diese Hindernisse, die auf der Seele liegen, zu klären und soweit es geht durch Verzeihen und Entschuldigen, abzubauen. „Sich etwas von der Seele reden“ ist kein leerer Spruch, sondern notwendiges Tun und Handeln, dies stellt Anne Ragde sehr plastisch und anschaulich und auch liebevoll dar.

Sehr schön schildert die Autorin aber auch, wie sehr Birte ihre Töchter (Elin und Anne wechseln sich ja in der Begleitung der Mutter ab, auch wenn Elin im Buch keine große Erwähnung findet) manipuliert. Sie kann weinen wie ein Kind, sich mit den Handrücken die Augen zerwischen und Mitleid erregen, das ein ‚Nein‘ unmöglich macht. Stundenlang sind die Töchter bei der Mutter, die dies auch einfordert, wenn sie aus dem Schlaf erwacht oder aus dem Einnicken aufschreckt möchte sie nicht alleine sein… Allgemein ist eine solch intensive Inbeschlagnahme eine schwierige Situation für den Begleitenden, der auch sich selbst gegenüber eine Verantwortung hat und eigentlich auch mal ‚Nein…‘ sagen können müsste…. auch das eine sehr realistische Schilderung dessen, was einen bei der Begleitung Sterbender erwarten kann.

In toto kann ich festhalten, daß mir Die letzte Reise meiner Mutter sehr gut gefallen hat. Die weitgehend unaufgeregte Schilderung einer Mutter-Tochter-Beziehung, wobei sich die Autorin auf einige prägende Situationen beschränkt, aus der sich das Bild einer bemerkenswerten Frau, die nie (sieht man von der letzten Lebensetappe mal ab) ihre Freude am Leben verloren hat, die Darstellung der Probleme, die bei der Pflege und Versorgung der todkranken Mutter auftraten: all das macht das Lesen des Romans zu einem zu einem eindringlichen, intensiven Erlebnis.

Links und Anmerkungen:

[1] es ist wenig von der Autorin im Netz zu finden… hier der Link zur Autorenseite beim Verlag
[2] so sieht es heute dort aus. Das Haus ist nach Angaben der Autorin renoviert worden und beherbergt jetzt eine Galerie (wie auch aus den Infos im Link erkennbar ist)

Weitere Besprechungen von Bücher der Autorin hier im Blog:

– Das Lügenhaus
– Die Liebesangst
– Einsiedlerkrebse

Anne B. Ragde
Die letzte Reise meiner Mutter
Übersetzt aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Originalausgabe: Jeg har et teppe i tusen farger, Oslo, 2014
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 300 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Anne B. Ragde: Das Lügenhaus

Dieser Roman spielt auf einem völlig heruntergekommenen Bauernhof in der Nähe von Trondheim, der drittgrößten Stadt Norwegens. Auf dem Hof leben die Altbäuerin Anna und ihr Mann, den sie aber eher wie ein zu fütterndes und ungeliebtes Haustier hält. Ferner ist da noch der Mittfünfziger Tor, der mit Liebe und Leidenschaft seine Schweinehaltung betreibt [1]. Das Miteinander der drei im Haus, das Sozialleben ähnelt dem äußeren Zustand des Hofes: zerrüttet, kaputt, zum Weglaufen. Als zum Beispiel Tors Mutter eines Morgens nicht in der Küche ist und für Frühstück sorgt, bemerkt Tor das zwar als er aus dem Stall ins Haus kommt, aber bis er tatsächlich mal nach der Mutter schaut, vergeht eine lange Zeit.

Radge stellt uns in den ersten Kapiteln die Angehörigen dieser seltsamen Familie vor. Da ist der ältere Bruder von Tor, Margido, der ein Bestattungsunternehmen betreibt. Er hat gerade den Auftrag zur Bestattung eines Jungen bekommen, der sich offensichtlich aus Liebeskummer erhängt hat [2]. Margido geht in seinem Beruf auf, mit den Eltern hat er gebrochen, er hat den Hof im Streit verlassen. Da er keinen Kontakt zur Weiblichkeit hat oder jemals hatte, kann er sich voll und ganz seinem Geschäft widmen.

Der dritte Bruder Erlend ist der jüngste. Er ist ein „Männermann“, auch er hat den Hof vor Jahren im Streit verlassen. Mit seinem Freund lebt er in einer glücklichen Beziehung in Kopenhagen, an Geld mangelt es den beiden nicht und auch nicht an Lebensfreude und gegenseitiger Liebe.

Als letzte stellt uns Radge Torunn vor. Mit einer beispielhaften Effizienz (so erfahren wir im späteren Verlauf des Romans) hatte es Tor vor 37 Jahren fertig gebracht, bei seinem einzigen engen Kontakt, den er jemals mit einer Frau hatte, ein Kind zu zeugen, eben diese Torunn. Cissi, Torunns Mutter, wurde damals von dieser vom Hof geekelt, Torunn selbst hat ihren Vater nur einmal getroffen.

Diese Personen werden uns von Radge in jeweils einem typischen Kontext vorgestellt. Margido wie schon erwähnt, bei seinem Auftrag, den jungen Selbstmörder zu bestatten, Tor, wie er sich im Stall bei seinen Schweinen wohlfühlt und wie sehr er mit der Mutter verbunden ist und er in gleicher Intensität den Vater hasst. Erlend und Krumme, sein Freund, dagegen sind ganz darin vertieft, die anstehenden Weihnachtsfeiern zu planen und zu gestalten, ein Höhepunkt ihres Jahres.

In diese Idylle platzt die Nachricht, daß die Mutter einen Schlaganfall gehabt hat, denn irgendwann ist es Tor dann doch aufgefallen, daß etwas nicht stimmt. Wohl spätestens, als er sie in ihren Exkrementen [3] vor sich liegen sah… Die Mutter wird ins Krankenhaus gebracht und die Brüder, die untereinander auch keinen Kontakt haben, sehen sich gezwungen, dann doch alle an ihr Krankenbett zu eilen. Ebenso wie Torunn, die auch informiert wird.

Torunn findet einen leisen Zugang zu Tor, da sie seine Leidenschaft für die Schweine verstehen kann. Auch sie ist von den Tieren begeistert, aber der Dreck und die Verwahrlosung auf dem Hof stoßen sie ab. Erlend, ihrem Onkel, der bis dato noch nichts von ihrer Existenz wusste und mit dem sie sich auch auf Anhieb gut versteht, geht es ähnlich. Und so fangen die beiden an, in einer Art Selbsterhaltungstrieb und reinem Mitleid mit Tor, einzukaufen, den allergröbsten Dreck wegzuräumen und später dann auch richtig sauber zu machen. Tors Welt bekommt dadurch einen Riss, er empfindet es als ungehörig, was die beiden machen, ihm und seiner Mutter war es doch immer gut genug. Aber langsam gewöhnt er sich dann doch an die neue Reinlichkeit. Nur mit Erlend kann er nichts anfangen, besonders als dann der von Sorge getriebene Krumme auch noch auftaucht und unter seinem Dach dann diese beiden Schwulen es treiben…. [5]

Die Mutter stirbt dann doch recht plötzlich. Alle beschließen, über Weihnachten auf dem Hof zu bleiben. Einfach, aber schön, wird die jetzt grundgereinigte Wohnung für das Fest hergerichtet, sogar der Vater, dessen Gebiss beim Saubermachen wieder gefunden worden war, wird rasiert und vorzeigbar hergerichtet. Und beim Essen und nach einigen einleitenden Schnäpschen platzt dann die „Bombe“ in die Runde der Familie…. aber das verrate ich jetzt nicht….

Radge hat mit ihrer Familiengeschichte einen sehr schön zu lesenden, aber auch traurig stimmenden Roman vorgelegt. Diese emotionale Kälte, die dort durchschimmert [4], macht einem Angst, alles ist farblos und dunkel, wie mit einer Decke zugedeckt und erstickt. Radge konzentriert sich ganz auf die Brüder und ihr Verhältnis zu den Eltern bzw. untereinander. Kaum etwas dagegen schildert sie von der Mutter oder dem Vater, diese beiden bleiben praktisch als Personen völlig im Hintergrund mit groben Strichen nur gezeichnet. Erst ganz zum Schluss kann man sich zurechtreimen, was in dieser Familie geschehen ist, damit es zu dieser Situation kommen konnte. Es hätte mich sehr interessiert zu erfahren, wie es passiert ist, daß aus dieser lustvollen Anna, mit der das Buch eröffnet und geschlossen wird, eine solch verbitterte und böse Frau werden konnte….

Anmerkungen

[1] Ob die Übersetzung „Schweinezucht“ im Buch richtig ist, bezweifel ich, der Beschreibung nach würde ich den Betrieb eher als Schweinemastbetrieb ansehen. Schließlich werden die Schweine ja geschlachtet und nicht zur Mast oder zur Zucht verkauft.
[2] Seltsame Trauerriten, dort in Norwegen. Der Schmerz der Frauen wird durch Tabletten ruhig gestellt (bzw. besser: nach hinten geschoben), während es als unmännlich angesehen wird, wenn diese Pillen nehmen würden. Natürlich dürfen Männer auch nicht weinen und arbeiten sollen sie in der Trauer auch nicht, das übernehmen die Nachbarn. Da sind die Frauen jetzt besser dran, Haus- und Küchenarbeiten lenken sie ein wenig ab….
[3] ich finde die Verwendung dieses doch recht neutralen Wortes in einen Kontext, wie er hier beschrieben wird, in dem ganzen Dreck und Chaos, irgendwie witzig, als müsste was kaschiert werden. Es gäbe wohl passendere Ausdrücke….
[4] eine Kundenrezension bei amazon hat festgestellt: „typisch norwegisch“. Dann will ich da aber nicht hin!
[5] Eigentlich ein schönes Bild dafür, daß es manchmal den Blick von draußen, die „Fremden“ braucht, um die eigenen Grenzen mal wieder zu sehen und sie zu überwinden, um mal wieder was Neues, Schönes zustande zu bringen…..

Facit: ein schöner, trauriger Roman über eine zerstörte Familie

Anne B. Ragde
Das Lügenhaus
btb 2009, 336 S.