Pat Barker: Niemandsland

8. März 2017

niemandsland

Das 20. Jahrhundert war für uns in Europa ein seltsam geteiltes Jahrhundert. Die erste Hälfte ist geprägt durch zwei menschenverachtende, menschenmordende Kriege, in denen unfassbare Grausamkeiten geschahen, deren Schrecken sich jedoch anscheinend so tief in die Psyche der Menschen eingeprägt haben, daß die zweite Hälfte (zumindest, was die Mitte und den Westen angeht) durch herrschenden Frieden und wachsenden Wohlstand charakterisiert werden kann. Der Fall des ‚Eisernen Vorhangs‘ gegen Ende des Jahrhunderts bestärkt diesen Eindruck.

Der Roman Niemandsland der englischen Autorin Pat Barker [1], den ich hier vorstellen will, ist Teil einer Trilogie, die sich mit dem 1. Weltkrieg aus englischer Sicht auseinandersetzt [2]. England war bei jedem der beiden Kriege auf Seiten der Sieger, nie jedoch gab es Bodenkämpfe auf englischem Territorium. So schlimm die Luftangriffe der Deutschen sowie die durch den U-Boot-Krieg hervorgerufenen Versorgungsengpässe für die englische Bevölkerung auch gewesen sein mögen, an Schrecken und Grausamkeit, wie sie auf den (Ab)Schlachtfeldern des Kontinents herrschten, gemessen, war dies geringfügig.

Pat Barker übernimmt diese Situation für ihren Roman. So wie der Engländer auf der Insel den Krieg nicht bzw. kaum direkt erlebt, so werden auch wir als Leser nicht auf die Schlachtfelder geführt, sondern wir werden mit den Folgen dieser Gemetzel konfrontiert und erleben das Grauen nur indirekt in den Schilderungen und Alpträumen der Soldaten mit.

Als rote Fäden zieht sich durch die Handlung von Niemandsland – der (deutsche) Titel des Romans [3] bezieht sich auf die apokalyptische Landschaft zwischen den Fronten, die völlig zerstört tot erscheint, obwohl tausende Soldaten auf beiden Seiten verschanzt sind und sich versteckt halten – das Schicksal dreier Personen. Dies sind der Schriftsteller und Dichter Siegfried Sassoon (1886 – 1967), [4]), ferner die fiktive Figur des Billy Prior, eines Offiziers, der durch seine Erlebnisse an der Front traumatisiert worden ist und dann als zentrale Persönlichkeit aller drei Bände der Psychiater William Halse Rivers Rivers ([1864 – 1922, [4]), der außerdem noch Anthropologe, Ethnologe und Neurologe war. Der Ort an dem ein Großteil der Handlung spielt ist, Craiglockhart, ein psychiatrischen Krankenhaus für Offiziere in der Nähe von Edingburgh.

Was soll ich mit diesem Lutschbonbon machen?

Die aus völlig unterschiedlicen Gründen in das Krankenhaus eingewiesenen Sassoon und Prior sind völlig unterschiedliche Charaktere. Während Prior aus einfachen Verhältnissen stammend durch seine Kriegserlebnisse in Frankreich die Sprache verloren hat und von Alpträumen gequält wird, hat sich der Dichter Sassoon in einem öffentlichen Aufruf gegen die Weiterführung des Krieges ausgesprochen, in dem politischer Irrtümer und Heucheleien willen sinnlos Frontkämpfer geopfert werden. Die von ihm erhoffte Verhandlung vor dem Kriegsgericht und die damit verbundene Diskussion seines Aufrufs blieb aus, ein Freund von ihm, der Dichter Robert Graves, konnte es arrangieren, daß ihm ein Nervenschock (Shell Shock bzw. Kriegsneurose) attestiert und er zur Behandlung nach Craiglockhart kam.

Beide werden Patienten von Rivers. Rivers ist ein besonderer Arzt, der zur Behandlung seiner Patienten ‚moderne‘ Methoden einsetzt, wie modern, erfahren wir als Leser gegen Ende des Buches in einer schlimmen Passage, in der Parker uns die konventionelle Behandlung damaliger Traumapatienten durch Elektroschocks schildert, die sich allenfalls im Ziel und in der euphemistischen Bezeichnung von einer sadistischen Folterorgie unterscheidet. Rivers dagegen setzt auf Gespräche, auf das Zulassen von Gefühlen auch wie Angst, er versucht, mit seinen Patienten über deren Alpträume zu reden, um die verschütteten und verdrängten Erlebnisse wieder hervorzuholen. Der Begriff der ‚Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)‘ existierte zur damaligen Zeit noch nicht, die ‚Störung‘ als solche natürlich schon, ihr wurden Begriffe wie beispielsweise ‚Kriegsneurose‘ zugeordnet. Stummheit oder Stottern waren häufige Symptome, aber auch Lahmheiten und weitere körperliche Beeinträchtigungen traten auf. Viele der Patienten litten an Alpträumen, Schlaflosigkeit und/oder Halluzinationen. Barker schildert uns diverse Ausformungen des Krankheitsbildes in den Figuren verschiedener Patienten, die sie in ihre Handlung einführt, diese Beschreibungen sind in ihrer Klarheit, die keineswegs nach Sensation haschen, erschreckend.

Der potentielle Aufwiegler Sassoon wurde also für krank erklärt, eine Vorgehensweise, die auch in heutiger Zeit nicht unbekannt ist, wenngleich mit anderer Motivation. Seine Ablehnung der Fortführung des Krieges war weder religiös bedingt noch ein Zeichen persönlicher Feigheit, im Gegenteil war Sassoon ein anerkannt guter Zugführer und Vorgesetzter, der wegen bemerkenswerter Tapferkeit ausgezeichnet worden war. Seiner Einweisung nach Craiglockhart zuzustimmen, fiel ihm sehr schwer, schließlich verbrachte er dadurch seine Tage in Sicherheit und relativer Bequemlichkeit, während seine Leute in Frankreich im Schlamm und unter dem Granatenhagel der Deutschen verreckten. In der Klinik bleibt Sassoon weitgehend für sich, einzig mit dem Dichter Wilfred Owen (1892 – 1918), ebenfalls Patient in der Klinik, freundet er sich locker an, die beiden werden in späteren Jahren als ‚War poets‘ bezeichnet [6].

Rivers ist die unermüdliche, ruhende, überforderte Seele des Krankenhauses. Langsam gelingt es ihm, eine Vertrauensbasis zu Sassoon herzustellen, auf deren Grundlage sie kommunizieren können. Dieser Kontakt mit Sassoon führt Rivers selbst an Grenzen und an einen tiefen Zwiespalt in ihm, denn dem Inhalt des Sassoonschen Aufrufs stimmt er im Grunde zu, aber seine Aufgabe im Krankenhaus ist es, die Offiziere wieder fronttauglich zu machen, damit sie in die sinnlos gewordene Schlacht zurück geschickt werden können.

Die Auseinandersetzung  Rivers mit der zweiten Hauptfigur auf Seiten der Patienten, Prior, ist anders geartet. Prior gibt sich aggressiv, feindselig, wirkt arrogant und ablehnend. Seine Stummheit überwindet er recht schnell, hartnäckig aber verweigert er dem Arzt Auskünfte über sein ‚Innenleben‘. Schließlich wendet Rivers, wie von Prior gewünscht, Hypnose an und deckt so das letztlich zum Trauma führende Erlebnis von Prior auf. Aber das ist nicht das einzige, denn Prior ist intelligent und teilweise verletzend offen: schnell hat er gemerkt, daß auch Rivers traumatische Erlebnisse in seiner Psyche zu verstecken scheint. Damit konfrontiert muss Rivers akzeptieren, daß Prior möglicherweise mit seiner Beobachtung recht hat…

Frauen spielen in dem Buch eine sehr untergeordnete Rolle. Sie kommen vor, sicherlich, als Krankenschwestern, als gelbgefärbte Arbeiterinnen in den Munitionsfabriken, die dort teilweise mit Gasmasken vor dem Gesicht arbeiten mussten. Zu ihnen gehört auch Sarah, die Prior in einem Cafe kennenlernt. Zwischen beiden entwickelt sich eine zarte Liebesbeziehung. Ansonsten durchzieht das gesamte Buch in seinen Männerfiguren eine mehr oder weniger latente Neigung zur gleichgeschlechtlichen Liebe. Wie erklärt es Lizzie, einer der Freundinnen von Sarah, so anschaulich, in Bezug auf ihren eigenen Freund?: … er hatte keine Schwestern, also hat er nie mit Mädchen zu tun gehabt. Auf der Schule keine Mädchen. Auf der Universität keine Mädchen. Und als er schließlich mich kennengelernt hat, da war´s natürlich zu spät. Die Sache war gelaufen. … Ist mir schleierhaft, wie die sich fortpflanzen. Auch Prior erscheint trotz seiner Annäherung zu Sarah weiterhin auch homoerotisch interessiert.

Immer wieder, teil unvermittelt, werden wir als Leser mit den Inhalten von Träumen, von Erinnerungen der Soldaten konfrontiert. Sie sind meist sehr erschreckend, das von mir vorstehend etwas zusammenhanglose Zitat ‚Lutschbonbon‘ gehört dazu, in die Details will ich hier gar nicht gehen. Die Schilderung des ‚Niemandslandes‘, das immer wieder in den Erinnerungen der Soldaten auftaucht, jedenfalls ist von äußerster Dystopie, es ist eine Landschaft nicht mehr von dieser Welt, in die hinein sie durch unsinnige Befehle gezwungen werden. Sie versinken dort symbolisch und förmlich im Schlamm, der sich durch die immer immerwährenden Regen aufgeweichte Erde, durch die in ihm versunkene, ausgelösten Leichname, durch Dreck, Unrat und Ausscheidungen gebildet hat. Allein der Geruch, der Gestank, der ihm entweicht…

Die englische Klassengesellschaft spiegelt sich auch auf dem Schlachtfeld, die höheren Offiziere bekommen von diesen Verhältnissen wenig mit, sie sitzen bei Rotwein und Pastete und schwadronieren, während die kaum ausgebildeten Soldaten, die in dieses Inferno geschickt werden, verrecken. Sie spiegelt sich auch in der Kleinwüchsigkeit (Barker redet an einer Stelle von kaum einem Meter fünfzig Körpergröße) vieler Rekruten, die aus dem armen Schichten Englands stammen und den – wenngleich auch einen andersgearteten – Überlebenskampf auch in der Heimat auszufechten haben. Zwischen diesen Soldaten und ihren unmittelbaren vorgesetzten Offizieren, den Zugführern und Kompaniechefs, zu denen Sassoon gehört, aber auch Prior, bildet sich unter diesen Bedingungen ein besonderes Verhältnis, ein besonders stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl der Offiziere zu ihren Soldaten.

Für die meisten der Offiziere ist der Aufenthalt in Craiglockhart eine Belastung. Sie empfinden ihren nervlichen Zusammenbruch als persönliche Schwäche, fürchten, daß man sie als Feiglinge ansieht. ‚Was hast du im Krieg gemacht, Siegfried?‘ Nun ja, ich habe drei sehr angenehme Jahre in einer Klapsmühle verbracht ich Mehlpudding gegessen und Golf gespielt habe. Während andere – darunter sehr enge Freunde draufgegangen sind. … äußert sich Sassoon im Gespräch mit dem einzigen anderen Patienten, mit der er sich in der Klinik anfreundet, dem Dichter Wilfred Owen. Kaum nachvollziehbar heutzutage der häufig geäußerte Wille der Offiziere, nach Frankreich zurückzukehren, selbst im Wissen um das, was einen dort erwartet. Dies liest man ja auch in anderen (Anti)Kriegsromanen, Frontsoldaten, die auf Heimaturlaub sind, fühlen sich allein, unverstanden und entwurzelt, ihre ‚Heimat‘, der Ort, an dem sie sich ‚richtig‘ fühlen, ist der Schützengraben, die Gemeinschaft derjenigen, die allesamt dem sinnlosen Tod entgegensehen.

Am Ende des Romans werden sie als geheilt, d.h. verwendungsfähig, zurück geschickt in den Krieg. Sassoon sollte den Krieg überleben, Owen stirbt eine sinnlosen Tod kurz vor dem Waffenstillstand. Prior wird  seines Asthmas wegen nicht mehr an die Front abkommandiert wird, sondern an das Rüstungsministerium in London. Selbst Rivers verläßt, völlig erschöpft, die Nervenheilanstalt und nimmt ein Angebot seines früheren Kollegen an, wieder mit ihm zusammen zu arbeiten.


Barker hat auf der Grundlage verschiedener Dokumente einen sehr beeindruckenden Roman über die Grauen des Ersten Weltkrieges geschrieben, der Fakten und Fiktion mischt. In ihm treten historische Persönlichkeiten (Siegfried Sassoon, Wilfried Edward Salter Owen, Dr. W. H. R. Rivers u.a.) auf, aber auch fiktive wie Billy Prior, deren Schicksale sie auf der Grundlage von Akten und Fallbeschreibungen hochdifferenziert ausformt. Man muss sich dabei vor Augen halten, daß der 1. Weltkrieg mehr Opfer forderte, weit mehr Opfer, als der 2. Weltkrieg. So starben zwischen 1914 und 1918 insgesamt 710.000 britische Soldaten, während im 2. Weltkrieg dagegen ’nur‘ ca. 271.000 Soldaten fielen (bei 31.000 bzw. 62.000 zivilen Opfern) [5], die Schrecken der dystopischen Abschlachtfelder Frankreichs, über die noch nicht einmal mehr Krähen fliegen wollten, die der Regen in unüberwindbare Schlammgefilde verwandelte, über die Gas waberte und die Schreie der Verstümmelten, die niemand bergen konnte, grub sich tief ein in die Psyche der Völker. Es ist dies, was Sassoon in seinem Aufruf anklagt: nicht den Krieg an sich, sondern ihn unter diesen Bedingungen sinnlos fortzuführen, die Menschen zu Material zu degradieren und das Schlachten nicht zu beenden, obwohl die ursprünglichen Kriegsziele mittlerweile (der Aufruf wurde 1917 geschrieben) durch Verhandlungen erreichbar seien.

Gleichzeitig vermittelt Barker neben der indirekten Darstellung der Kriegsgräuel auch ein Bild des damaligen Englands, dem sie sich dann im zweiten Band der Trilogie ausführlich widmet. Das damalige England zeichnet sie als ausdrückliche Klassengesellschaft mit der Arbeiterklasse, in dem Menschen vor lauter Not und Armut kleinwüchsig bleiben. Billly Prior entstammt dieser Schicht, er kommt aus dem Norden, einer Landschaft, die in ihrer Armseligkeit in mancher Beziehung so lebensfeindlich wirkt wie die Felder Frankreichs. Dagegen stehen die höheren Gesellschaftsschichten, denen materielle Sorgen fremd sind, die ihr Leben der Jagd und der Politik widmen können. Es ist aber auch eine Gesellschaft, in der es gärt, in der z.B. Frauen Rechte einfordern, in der in der Kunstszene ein Mann wie Oscar Wilde (der häufiger im Roman erwähnt wird) Homosexualität zum Thema macht – und die Gegenreaktion provoziert.

Solche homoerotischen Stimmungen durchziehen die Handlung des gesamten Buches. Insbesondere Prior (als Kind von einem Priester vergewaltigt) ist – obschon mit Sarah liiert – weiterhin empfänglich für gleichgeschlechtliche Reize, aber auch die Beziehung zwischen Sassoon und Owen und selbst in den Gesprächen mit Rivers schwingt immer solch verborgene Sexualität mit.

Rivers ist die zentrale Gestalt des Romans, ja, der gesamten Trilogie. Er, der völlig Erschöpfte, der Ausgelaugte und Überforderte, ist der ruhende Pol, obschon er selbst eigene innere Kämpfe auszufechten hat, denn das Schicksal seiner Patienten läßt ihn keineswegs unberührt. In ihm wird der Kampf zwischen Barbarei und Zivilisation ausgefochten, er ist Abraham, der Isaac opfern, sprich: die ihm Anvertrauten an die Front zurück schicken muss und der darauf wartet, das befreiende Wort ‚Gottes‘ zu hören, das den Beginn der Zivilisation, die Grenze zur Barbarei markiert.

Summa summarum: Pat Barker ist mit ihrer Trilogie (die nächsten Bände werde ich bald hier auch vorstellen) ein zeitloses Meisterwerk über die Grausamkeit eines Krieges gelungen, das weit über den 1. Weltkrieg hinausreicht. Zudem ist es ein kluges und tiefgründiges zeitgeschichtliches Werk über das England dieser Epoche.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Pat Barker:  https://de.wikipedia.org/wiki/Pat_Barker
[2] Hier im Blog vorgestellte Bücher, die sich mit dem 1. Weltkrieg auseinandersetzen: https://radiergummi.wordpress.com/tag/1-weltkrieg/
[3] der Originaltitel des Buches lautet Regeneration, was u.a. sowohl mit ‚Wiederherstellung‘ als auch u.a. mit ‚Aufarbeitung‘ übersetzt werden kann und dem Inhalt des Buches besser entspricht als das deutsche ‚Niemandsland‘.
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried_Sassoon
https://de.wikipedia.org/wiki/William_Halse_Rivers_Rivers
https://de.wikipedia.org/wiki/Craiglockhart_Hydropathic
[5] nach http://www.science-at-home.de/wiki/index.php/Die_Opfer_des_1._Weltkriegs und https://de.wikipedia.org/wiki/Tote_des_Zweiten_Weltkrieges. Selbst wenn die Erhebungsgrundlagen für die Daten der beiden Quellen unterschiedlich sein mögen, sind die Unterschiede doch deutlich erkennbar. Sogar was die Gesamtzahl aller Gefallenen angeht, war der 1. Weltkrieg grausamer.
[6] vgl. z.B. hier:    https://theredanimalproject.wordpress.com/2011/03/09/poets-of-the-great-war-siegfried-sassoon-and-wilfred-owen/

Pat Barker
Niemandsland
Übersetzt aus den Englischen von Matthias Fienbork
Originalausgabe: Regeneration, London, 1991
diese Ausgabe: dtv, ca. 325 S., 1999
(anscheinend nur noch antiquarisch erhältlich)

 

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Kurze Zeit nach der Veröffentlichung seines Erfolgsromans „Im Westen nichts Neues“ wurde dieser vom inhaltlichen her zeitlich anschließende Roman publiziert. Ernst Birkholz, der Ich-Erzähler, liegt mit seinen Kameraden noch in Frankreich auf dem Gefechtsfeld, in der durch Bomben und Granaten umgepflügten Landschaft, in den Gräben und Trichtern. Das Gerücht vom unmittelbar bevorstehenden Kriegsende beflügelt die Phantasie der Männer, endlich wieder das lang vermisste Essen, Wärme, die Familie, die Heimat, die Berührung einer Frau. Melancholisch (und hungrig) schauen sie einem Schwarm Gänse nach, die hoch am Himmel unantastbar davon ziehen. Jetzt nur nicht noch erwischt werden, nachdem man all die Schlachten mehr oder weniger unbeschadet überstanden hat!

Das Kriegsende steht bevor, aber er Krieg ist noch nicht aus. Wie ungewohnt der Frieden sein wird, schildert Remaraque gleich am Anfang seines Buchs. Es ist der Moment, in dem Stille herrscht auf dem Gefechstfeld, keine Schüsse zu hören sind, nichts explodiert. Diese unerklärliche Stille vermittelt den Eindruck von Gefahr, sie ist neu, niemand fühlt sich wohl in ihr, die Beklemmung verschwindet erst, als die normale Geräuschkulisse des Krieges wieder einsetzt.

Schließlich ist es soweit, der Deutsche Reich hat kapituliert, die Männer können nach Hause. Vorher sammeln sie sich, von den 500 Soldaten der Kompanie sind 32 noch am leben, sieben Chefs hat die Kompanie in den letzten zwei Jahren gehabt… Der Kaiser ist nach Holland geflohen, und dafür sollen sie solange im Dreck gelegen und verreckt sein? Erste Wut zieht auf.. zu Hause angekommen, werden sie gleich von der ausbrechenden Revolution empfangen – mit Prügeltrupps, weil sie ihrem Leutnant die Epauletten nicht abgezogen haben. Aber sie sind alte Frontschweine und behalten die Oberhand, verprügeln ihrerseits die Revolutionäre.

„Viele liegen da von uns, aber bislang haben wir es nicht so empfunden. Wir sind ja zusammengeblieben, sie in den Gräben, wir in den Gräben, nur durch ein paar Handvoll Erde getrennt. Sie waren uns nur etwas voraus, denn täglich wurden wir weniger und sie mehr – und oft wussten wir nicht, ob wir schon zu ihnen gehörten oder nicht. Aber manchmal brachten die Granaten auch sie wieder herauf zu uns, hochgeschleuderte zerfallende Knochen, Uniformreste, verweste, nasse, schon erdige Köpfe, die im Trommelfeuer noch einmal aus ihren verschütteten Unterständen in die Schlacht zurückkehrten. Wir empfanden es nicht als schrecklich; wir waren ihnen zu nahe. Aber jetzt gehen wir ins Leben zurück, und sie müssen hierbleiben.“

Sie kommen zurück in ihre Häuser, aber sie empfinden es nicht mehr als zu Hause. Das, was sich schon beim Heimaturlaub von Ernst (siehe: Im Westen nicht Neues) zeigt, trifft hier in noch viel größerem Umfang zu: es sind nicht mehr die Jungs, die von der Schulbank weggeholt in den Krieg geschickt wurden. Zurückgekommen sind Soldaten, die eine völlige Umwertung aller Werte erfahren haben. Menschen, die jahrelang keine Zukunft gehabt haben, die nicht mehr geplant haben über den Moment hinaus weil sie in der nächsten Minute schon tot sein konnten, erschossen, zerfetzt, erschlagen. Die Bücher, die sie zuhause finden, sagen ihnen nichts mehr, die Themen, über die man sich unterhält, interessieren sie nicht. Sie kennen sich nicht mehr aus im Frieden, an der Front wussten sie Bescheid, wie sie sich zu verhalten hatten, auf was zu achten war. Hier, in der Heimat, sind sie Fremde, mit anderen Werten, mit anderen Verhaltensmustern. So suchen sie die Nähe der alten Kameraden, war Kameradschaft doch das einzige, was ihnen im Feld Halt gab.

Doch auch die hat keinen Bestand. Das Militär, die Front, war ein Gleichmacher, jeder lag im gleichen Dreck, fraß den gleichen Fraß, jeder konnte der Nächste sein im MG-Feuer. Jetzt im Frieden, treten die Unterschiede wieder zutage. Mancher findet zurück in seine alte Welt, streift mit der Uniform auch das militärische ab, wird vllt Schieber und Schwarzhändler und kann das Geld bald mit vollen Händen ausgeben. Andere, Handwerker, kleine Arbeiter zumeist, tragen ihre alte, blutbefleckte, geflickte Uniform weiter, finden keinen Anschluss und auch die Verbundenheit mit den anderen, die jetzt wieder so anders aussehen, bröckelt.

Nur widerwillig kehren die Jungs wieder auf die Schulbank zurück, wo sie mit leerem Pathos, mit Worthülsen und Phrasen über ihren Mut und ihre Tapferkeit empfangen werden. Die Schulbank drücken, die Autorität von Lehrern anerkennen, die nie gehört haben, wie Kameraden im Todeskampf schreien – das ist einfach lächerlich für die Heimkehrer, sie revoltieren gegen den stupiden Versuch, die Zeit zurückzudrehen und sie als Schüler zu behandeln….

Stille ist tödlich. Sie erlaubt den Gedanken, den Erinnerungen, wieder zu erscheinen. Alpträume suchen Ernst heim, er sieht die Toten, sieht den englischen Hauptmann, dem er mit einer Handgranate die Beine vom Körper wegsprengt. Er bewegt sich wieder, der Totgeglaubte, läuft auf den Stümpfen hinter ihm, dem die Beine versagen, her, näher.. näher… bekommt ihn fassen, würgt ihn mit den wie Fahnen im Wind wehenden Gamaschenwickeln.. Schreie, wildes Umsichschlagen, bis Ernst wieder wach ist und nicht glauben kann, daß er zu hause im Bett liegt…. Ein Krankheitsbild, das man in der Folge des Vietnam-Krieges als „posttraumatische Belastungsstörung“ bezeichnet, damals war es noch namenlos, wenn es überhaupt als Krankheit aufgefasst wurde….

Umsonst, umsonst… schon fangen die Menschen wieder an, den Schrecken des Krieges zu verklären. Beim Spaziergang im Wald begegenen ihnen Jugendliche, die Krieg „üben“, militärisch gedrillt werden, sprung auf, marsch marsch….

Der durchgängige Tenor des Buches ist grau und schwarz. Ist erfüllt von Sinnlosigkeit, von Überflüssigkeit, von Ausgestossenheit. Für was und wen wurde dieser Krieg geführt, warum die vielen Menschen abgeschlachtet? Die Rückkehrer – keiner will sie so richtig, sie sind Aussenseiter, die man nicht versteht, mit denen man sich nicht mehr unterhalten kann, die nicht lustig sind, sondern krank. Sie, die sie so lange mit dem Tod in enger Nachbarschaft lebten, können sich in die Unbefangenheit des zivilen Lebens kaum einfügen, mit den Regeln, die hier gelten, wären sie draußen schnell zum Opfer geworden.

Ein verlorener Haufen sind solche Rückkehrer, damals wie heute. Als Väter (und mit anderen Schicksalen auch als Mütter) geben sie diese Erfahrungen bzw. die Folgen der Erfahrungen an ihre Kinder weiter, tradieren sie. „Ein Junge weint nicht“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ sind Sprüche, die ich in meiner Kindheit noch viel gehört habe und die sich auf solche seelischen Verhärtungen zurückführen lassen.

War bei „Im Westen nichts Neues“ der Frieden noch die große Hoffnung aller, so desillusioniert uns Remarque mit diesem Folgeband. Einzig seine Hauptperson läßt er gegen Ende des Buches etwas Zuversicht schöpfen, andere haben dagegen den Suizid gewählt, sind in der Irrenanstalt oder im Gefängnis gelandet. Die Heimkehrer von der Front kehren nicht wirklich heim, sie sind fremd geworden zu hause, Eindringlinge mit anderen Werten, anderen Erwartungen, anderer Sprache. Schwer nur ist eine Verständigung mit den Daheimgebliebenen möglich, die das, was den Frontsoldaten geprägt hat, nicht kennen….Nur wenige der Heimkehrer können sich in einem halbwegs „normalen“ Leben einrichten, zufrieden, wenn es genug Essen gibt….

Erich Maria Remarque
Der Weg zurück
Erstveröffentlichung (als Buch) 1931
diese Ausgabe:
KiWi, Tb, 286 S. 2009

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