“… Fragmente einer Kindheit in Pommern”..  ist ein autobiographischer Roman, den die Erzählerin Anfang des Jahres 1900 mit der Hochzeit von Max und Ida Hartmann einsetzen läßt. Die beiden Brautleute lebten in benachbarten Familien, Ida kam aus einer Stellmacherfamilie, die Hartmanns dagegen hatten sich seit Generationen dem Schornsteinfegerhandwerk verschrieben. Max Hartmann muss ein launischer, sprunghafter Mensch gewesen sein, sein Wort hatte in der Familie quasi Gesetzeskraft und nach der Beschreibung von Endres ließ er seine Ida ganz schön springen, vor allem nachdem er durch seinen Beruf zu einem gewissen Wohlstand gekommen war und nicht mehr selbst ausser Haus ging um zu fegen, sondern zu Hause nur noch den Papierkram erledigte. Wie üblich wohnten damals die Gesellen noch mit beim Meister, für Ida eine zusätzliche Belastung, zu der natürlich auch noch die Arbeit im Garten kam, denn Hartmanns waren quasi Selbstversorger.

Felix, im dritten Jahr der Ehe geboren, war der Kronprinz der Familie, nach zwei Mädels endlich ein Sohn, ein Thronfolger. Es sollte aber nicht das letzte Kind bleiben, insgesamt gab es sechs lebende Hartmann-Geschwister. Der für die Erzählerin wichtigste aber ist und bleibt Felix, denn der sollte ihr Vater werden.

Felix wächst unter der Obhut der Eltern heran, er ist ein beliebter und guter Schüler, er betreibt Sport, sieht gut aus und versteht es, mit Menschen umzugehen. Seinen Traum, eine Ausbildung auf der Landwirtschaftsschule in Berlin zu absolvieren, kann er sich aber nicht erfüllen; als Max  – die Zeiten sind schlecht – wieder selbst kehren gehen muss, holt er seinen Sohn nach Hause zurück und steckt ihn ins Geschäft. So wird die Tradition fortgeführt, auch Felix Hartmann verdient sein Geld als Mitglied der “Schwarzen Zunft.”

Mütterlicherseits führt der Stammbaum der Erzählerin nach Berlin. Die Eltern ihrer Mutter heirateten dort, Johannes Schlüter schlug seines schwachen Herzens wegen eine Beamtenlaufbahn bei einer Versicherung ein, Christine verwandelte das Heim in eine Art Puppenstube. Erika, die zukünftige Mutter, wurde im zweiten Jahr der Ehe geboren. Sie, das geliebte Kind, ging schon einige Jahre zur Schule, als der Vater versetzt wurde. Bei der Wahl zwischen Soest und einer Stadt in Pommern entschied er sich für diese, die näher lag an seinem Berlin.

Dort also, in dieser Stadt sollten sich Felix und Erika, die aus so unterschiedlichen Verhältnissen kamen, bei einer Tanzveranstaltung kennenlernen. Sicherlich war es keine Liebe auf den ersten Blick, es gab lange Zeiten der Pause in ihrer Bekanntschaft, Erika hatte andere Freunde, einen Verlobten sogar, der sie aber bitter enttäuschte. Felix bekam dann einen eigenen Kehrbezirk  in Pollin, einen “kleinen, verträumten Dorf“, nahe bei Stolpe, seiner Heimatstadt [1]. Als die Bekanntschaft mit Erika ins siebte Jahr ging schrieb er ihr eine Feldpostkarte: “Heirate mich jetzt oder nie!” und die desillusionierte, auch nicht mehr ganz junge Erika entschied sich trotz einiger Bedenken für das “jetzt”.

Die Ehe glücklich zu nennen, fällt schwer. So charmant und offen sich Felix in Gesellschaft geben konnte, so rau, schroff und unsensibel zeigte er sich zu Hause. Die beiden Kulturen, das städtische der aus Berlin stammenden Erika und das ländliche-raue der Hartmann harmonierten nur schwer, obwohl sich Erika gut in das ländliche Leben einfügen lernte. Aber man arrangierte sich (am meisten wohl Erika….), wohnte gerne und gut in Pollin und 1941 wurde den Hartmanns eine Tochter geboren. “Nur ” eine Tochter, denn Felix wäre ein Sohn so viel lieber gewesen. Sie wurde auf den Namen Eva getauft, einen Namen, der dem Vater nicht gefiel. Aber zwischen Felix und Eva gab es die Liebe auf den zweiten Blick, der Vater war zärtlich zu seinem “Muschiklönchen”, er trug es auf den Armen und liebte es. Es waren glückliche Jahr für das junge Mädchen, unbeschwert und voller Erinnerungen an Haus und Hof, an ihren Hund und an die Menschen.

Nach 4 Jahren endete diese Kindheit. Der Krieg erreichte die bis dahin weitgehend verschont gebliebene Ecke im Nordosten Deutschlands… erst von Polen aus dem Haus getrieben und danach von den vorrückenden Russen bedrängt fliehen immer mehr der Menschen. Felix ist im Feld und Erika entschließt sich, mit ihren mittlerweile drei Kindern ebenfalls zur Flucht, Berlin ist ihr Ziel. Es ist ein entbehrungsreiche Zeit, eine Zeit voller Not, voller Hunger, eine Zeit Erschöpfung bis kurz vor das Ende. Immer wieder aufgehalten und eingesperrt ernähren sie sich wie Tausende andere von dem, was normalerweise Abfall wäre. Die wenigen Habseligkeiten, die sie mitgenommen haben, gehen verloren, vorsichthalber werden die Schuhe schon garnicht mehr ausgezogen. Schwärende Geschwüre sind die Folge. Die vierjährige Eva ist der Mutter eine große Stütze, die kleine Schwester Annemarie, die der Vater nie sehen sollte, verhungert, Rolf, ihr Bruder entgeht dem Schicksal nur knapp.

Sie schaffen es, irgendwie. Aber natürlich herrscht auch hier, in Berlin, große Not. Nur schwierig ist unterzukommen bei den Verwandten. Irgendwann kommt vom Vater Nachricht, er lebt in einem Lager. Wieder machen sich die drei, Erika, Eva und Rolf auf den Weg, diesmal nach Norddeutschland. Felix ist im Krieg verwundet worden, aber die Familie ist wieder zusammen.

Endres schildert das Leben in dieser Zeit in sehr anschaulichen Worten, ohne große Aufreger. So wird die Not dieser Tage damals praktisch mit den Händen greifbar. Sirup, Sirup und nochmals Sirup, altes Brot, gammelige Kartoffeln. Brei ist ein Festessen, das es nicht alle Tage gibt. Nur ungern geben die Bauern, bei denen Betteln gegangen werden muss, etwas von ihren Nahrungsmitteln ab…. Mangelkrankheiten sind nicht zu vermeiden, insbesondere der Bruder, Rolf, ist schwächlich und kümmert.

Endres bezeichnet ihre Familie in dieser Zeit kurz nach dem Krieg als “Zugvögel”, die von einem Ort zum anderen ziehen. Aber dann kann der Vater sich in Köln einen Kehrbezirk sichern und zieht vor der Familie um, die dann nachfolgt. Wieder bekommt Erika einen Schock, als sie dann die Wohnung des Mannes in Köln betritt: “.. Vater besaß nur einen Kochlöffel ausser seinem blechernen Klappbesteck. … An der Wand aufgereiht stand eine Tüte Zucker, eine Tüte Mehl, die angebrochene Dose mit dem Rest Haferflocken. Vaters Schuhe, Rasierpinsel im Napf und Seifendose… ” Ferner gab es noch ein eisernes Bettgestell, einen Kanonenofen, einen ungestrichenen Küchenhocker und einen Blechkochtopf… Wände und Boden der Zimmer waren undicht, man konnte nach unten schauen und die Nachbarn beobachten, von unten kamen im Austausch des Nachts die Wanzen hochgeeilt….

Aber es ging aufwärts. Eva war, wie schon in Pollin, eine gute Schülerin. Obschon evangelisch und aus einer ganz anderen Kultur stammend lebte sie sich gut ein in Köln, hatte aber viel Pech mit Verletzungen und Krankheiten. Oft lag sie im Krankenhaus, musste sogar einmal in ein Kinderheim für Lungenkranke. Aussergewöhnlich ist [2], daß sie auf Gymnasium geschickt wurde, in dieser Zeit für Mädchen kein normaler Gang. Zwischen den Eltern gab es häufig Verstimmungen wegen des Geldes, Felix wies es seiner Frau sehr knapp zu, für jede Extraausgabe musste lange gebettelt werden. Irgendwann zeige sich, wofür er das Geld brauchte: er hatte ein Grundstück gekauft und dort fing die Familie mit dem Bau eines Hauses an. Jede freie Minute verbrachte Felix fortan auf dem Bau, auch Rolf half ihm dort nach besten Kräften, bis man endlich das neue Zuhause in Besitz nehmen konnte. Man war angekommen in der Stadt am Rhein.

Der endgültige Abschied Evas vom Ort ihrer glücklichen Kindheit dauerte noch einige Jahrzehnte. 30 Jahre nach ihrer Flucht war es wieder möglich geworden, nach Polen zu fahren. Ja, sie erkennt vieles wieder, Eva sieht aber auch, daß jetzt andere Menschen dort ihr zuhause gefunden haben, vllt sogar eine neue Heimat.

Diese von Endres verfassten “Fragmente” sind eine schöne Lektüre, ganz zweifelsohne. Neben der reinen Familiengeschichte erlauben sie auch Einblicke in das Alltagsleben, geben auch Auskunft über die Eigenheiten der Menschen und den zum Teil täglichen Kampf des Zusammenbleibens. Die ganz alltäglichen Dinge, was gegessen wurde, die Erziehungsmethoden, die Kleidung, das tägliche Leben halt: Endres erzählt es uns. Dabei wechselt sie in der Mitte des Buches die Perspektive. Bis dahin berichtet sie von ihrer Familie, so wie sie es wahrscheinlich erzählt bekommen hat oder sie es sich aus Briefen angelesen hat. Ihre eigene Erinnerung (und darauf besteht sie) setzt sehr früh ein, sie führt es darauf zurück, daß sie so glücklich gewesen sei und sich daher alles in ihr eingeprägt hat.

Aufgefallen ist mir, daß die beiden Weltkriege in dieser Familiengeschichte keine Rolle spielen, sie werden kaum erwähnt, obwohl doch gerade die Zeit nach 1933 an kaum einem Haushalt vorbei gegangen ist. Erst die Niederlage und die Flucht Erikas mit den Kindern läßt als Folge des Krieges diesen wirklich werden. Einen Kritikpunkt habe ich (auch wenn ich nicht ausschließen will, daß ich es nicht überlesen habe, aber ich habe wirklich gesucht): es hätte mir gut getan und geholfen, ab und an einen Namen zu finden von der Stadt, in der z.B. die Hartmanns lebten. Irgendwann wird der Name Stolp genannt, vorher ist immer nur von der “Stadt” oder der “Heimatstadt” die Rede, ebenso vom Fluß, aber von welchem, fragt man sich…. merkwürdigerweise kann ich auch das Dorf “Pollin”, das ja in der Nähe von Stolp liegen soll, nicht finden, obwohl es z.B. auf der wiedergegebenen Karte von 1910 aufgeführt sein sollte….
(Nachtrag vom 12.4.2012: hier löst sich diese Frage auf….)

Verwirrend fand ich auch, daß sich in diesem Text die Autorin “Eva” nennt, obwohl die Geschichte ja wohl autobiographisch ist. Nur, wo fängt das autobiographische an und was hat die Autorin – aus welchen Gründen auch immer – hinter anderen Namen und Daten verborgen? Sie wird ihre Gründe haben, aber für mich als Leser spukte diese Frage immer im Hinterkopf herum.

Sieht man von diesen Punkten ab, hat sich das Lesen des Büchleins aber auf jeden Fall gelohnt. Es ist, und das ist bei solcher Art Text nicht selbstverständlich, gut und flüssig geschrieben, immer interessant, oft auch spannend.  Und vom Erzählten her… wir leben in einer so satten und saturierten Gesellschaft, daß der Blick zurück (und sooo lang ist es auch noch nicht her) manchmal hilft, wieder einen vernünftigen Massstab zu finden….

Links und Anmerkungen:

[1] Kartenmaterial aus der Wiki. Leider ist es mir nicht gelungen (auch auf neueren Karten), den Ort Pollin/Polzina zu lokalisieren….
[2] .. zumindest aus meiner eigenen Erfahrung heraus….

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Barbara Endres
Pollin
Fragmente einer Kindheit in Pommern
Frieling & Huffmann, Berlin, Paperback, 176 S., 2012

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:Ich danke dem Frieling-Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars.

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