Ingeborg Jacobs: Freiwild

21. September 2015

Auf Ingeborg Jacobs´ Buch über das Schicksal deutscher Frauen am und nach dem Ende des 2. Weltkrieges im Osten Deutschlands bin ich aufmerksam geworden, als ich das Tagebuch Eine Frau in Berlin [1] las, in dem eine mutige Journalistin über die Zeit Ende April bis Mitte Juni schreibt, die für die Frauen anfangs durch zum Teil massenhafte Vergewaltigungen, danach zunehmend auch durch Arbeitseinsätze gekennzeichnet war.

Im Osten des Deutschen Reiches brach die letzte Kriegsphase schon früher an. Anfang Januar startete die Rote Armee auf einer mehr als Tausend Kilometer langen Front von der Ostsee bis in die Karpaten mit ihrer Offensive. Zu diesem Zeitpunkt war die Rote Armee der Hitlerschen in allen Belangen (Stärke, Bewaffnung, wahrscheinlich auch Kampfmoral) weit überlegen, sie drängte daher immer weiter auf Reichsgebiet vor.

In den Städten und Dörfern waren vor allem alte Menschen, Frauen und Kinder geblieben, praktisch alle halbwegs tauglichen Männer waren eingezogen und an der Front. Es herrschte Angst vor den Russen, speziell die Frauen ahnten oder wussten, was sie erwartet. Es ging aber nicht nur um die Demütigung und Demoralisierung (Der deutsche Mann kann noch nicht einmal seine Frau schützen.), die russische Propaganda hat in den Tagen des deutschen Vormarsches den Heiligen Hass gegen Deutschland gepredigt, den viele Soldaten verinnerlicht hatten. Auch hatten die Russen das Wüten der Deutschen während des Vormarsches, deren Töten und Vergewaltigen nicht vergessen, ferner waren mittlerweile die Zustände in den Konzentrationslagern bekannt, was den Hass auf Deutschland und Deutsche ebenfalls schürte.

Auf deutscher Seite versuchte die Nazi-Propaganda durch Gräuelgeschichten noch den letzten Willen zum Widerstand zu wecken. Die Ereignisse um Nemmersdorf, einem wegen seiner Brücke strategisch wichtigem Ort, waren beispielhaft dafür. Als diese Ortschaft nach kurzzeitiger Besetzung durch die Russen zurück erobert wurde, wurden zahlreiche Leichen gefunden. Die Nazi-Propaganda bauschte dies weiter auf, u.a. mit der (wohl erfundenen [4]) Behauptung, Frauen seien Scheunentore genagelt worden, eine Aussage, die man z.B. auch bei Grass in seinem Roman „Im Krebsgang“ findet. Auch die Bilder, die man zu diesem Massaker von Nemmersdorf findet, sind mit Vorsicht anzuschauen, auch hier hat die Propagandaabteilung ihre Hände im Spiel. Jedenfalls führte die sich rasch verbreitende Kunde über diese Erschießungen und Gräuel zu einer weiter gesteigerten Angst und zu vermehrter Flucht [3].

freiwild cover

Ingeborg Jacob widmet sich in ihren Ausführungen dem allgemeinen Schicksal der Frauen, sie legt den Begriff „Freiwild“ großzügiger aus und subsumiert darunter praktisch alles, was die Frauen erdulden mussten. Das waren beispielsweise „normale“ Vergewaltigungen, mehrtägige Verschleppungen zum Zwecke der Vergewaltigung, Plünderungen, Verhöre, Internierungen, Gewaltmärsche, Vertreibungen und auch Deportationen nach Russland – dies alles unter Hunger und eisiger Kälte.

Das Vergewaltigen der Frauen (die auch polnische, ukrainische oder jüdische Frauen betraf) war auch bei den Russen nie erlaubt. So wurde im April ´45 in einem Bericht an den Chef der politischen Abteilung der Roten Armee festgehalten, daß die Deutschen aufgrund der Vergewaltigungen in dauernder Angst und Anspannung leben.  Daher würden Plünderungen und Vergewaltigungen bekämpft. In der Euphorie und dem Durcheinander des Vormarsches jedoch hing es von den Kommandeuren vor Ort ab, inwieweit – meist gar nicht – solche Vorgänge bestraft wurde, prinzipiell stand die Todesstrafe darauf. Immerhin kam es vor, daß Offiziere in Einzelfällen Vergewaltigungen verhindern konnten; feste Freundin eines Offiziers zu werden war – so wie in Eine Frau in Berlin beschrieben ist – eine der Möglichkeiten der Frauen, sich einen gewissen Schutz zu schaffen. Jedoch waren Fraternisierungen bald verboten, wer eine deutsche Freundin hatte, wurde nach Russland zurückgeschickt. Es muss auch festgehalten werden, daß bei weiten nicht jeder russische Soldat ein Vergewaltiger war. . Den Nachstellungen und der Gewalt versuchten sich die Frauen durch Flucht und durch Verstecken zu entziehen. So führt Jacobs in ihrem Bericht Beispiele an, in denen russische Soldaten Frauen die Flucht ermöglichten oder sie gegen marodierende Kameraden in Schutz nahmen.

Ein großes Problem waren auftretende Schwangerschaften. Da die Männer fast immer an der Front waren oder die Frauen noch sehr jung waren, war es klar, wer Erzeuger des kommenden Russenbalgs war. Manche der Frauen versuchten abzutreiben oder Aborte zu provozieren, in dem sie immer wieder auf den Boden sprangen. Viele Kinder jedoch wurden auch ungeliebt geboren, erfuhren keine Zuneigung, wuchsen nach dem Krieg in Waisenhäusern auf. Welche Ehe hätte nach der Rückkehr des Mannes aus der Gefangenschaft schon ein Russenkind ausgehalten? Überhaupt wurde, nachdem die Verhältnisse nach dem Krieg wieder anfingen, sich zu „normalisieren“, dieses Thema bei Männern und bei Frauen weitestgehend verdrängt, zumindest aus dem öffentlichen Raum. Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele von Frauen, die das ungewollte Kind akzeptierten und als eigenes Kind (und Halbgeschwister) annahmen.

Das Ausmaß der Vergewaltigungen nahm mit Organisation der russischen Armee und Verwaltung in den eroberten Gebieten ab. Dafür nahm andere Drangsal zu. Polnische Familien wurden in die deutschen Siedlungen einquartiert, auch hier berichtet Jacobs von Hass- und Racheausbrüchen der Polen gegen Deutsche. Glücklich war, wer in den Westen umgesiedelt wurde…. denn als immer größeres Schreckgespenst tauchten Deportationen nach Sibirien auf. Fuhr der Zug nach Osten, war dies üblicherweise der Beginn eines jahrelangen Lebens als Zivildeportierte, die in russischen Lagern Zwangsarbeit unter widrigsten Umständen leisten musste. Hunderttausende wurden in solchen Lagern eingesperrt, in Erdbunkern, mit Schlafplätzen aus rohen Brettern, in völlig unzureichender Kleidung, von Werkzeug nicht zu reden. Die Nahrung: viel zu wenig und mangelhaft, Fehlernährung war die Folge. Am Beispiel der 15jährigen Wanda Schultz aus einem pommerschen Dorf schildert Jacobs ein solches Schicksal.

Für die u.a. Zivildeportierten hatten die Russen eine eigene Verwaltung und ein eigenes Lagersystem, das dem Archipel Gulag entsprach: GUPWI (Hauptverwaltung für Angelegenheiten der Kriegsgefangenen und Internierten) [2]. Im Gegensatz zu den Kriegsgefangenen, denen bereits in den ersten Jahren erlaubt worden war, Karten an ihre Verwandten zu senden, hatten die Zivildeportierten dieses Recht nicht. Jahrelang, bis endlich Post erlaubt wurde, fehlten also alle Lebenszeichen und es gab keine Hinweise auf den Verbleib der verschleppten Deutschen. In der Zwischenzeit waren jedoch viele der Verschleppten verstorben, von vielen weiß man heute noch nichts. Die Gesamtzahl der Zivildeportierten wird – je nach Quelle – unterschiedlich hoch benannt, Jacobs geht von wahrscheinlich einer halben Million Menschen aus.

Jacobs widmet sich dem Osten des damaligen Deutschen Reichs, insofern führt der Untertitel ein wenig in die Irre. An den sechs Kriegsschauplätzen Schlesien, Ostpreussen, Pommern, Königsberg, Berlin und Mecklenburg versucht sie das Schicksal der Frauen anhand von Einzelschicksalen aufzuzeigen. So individuell verschieden auch solche Einzelschicksale gewesen sind, fallen sie doch alle in das große Raster unsagbaren Leids, das sich en Detail für jede Familie, jedes Kind und jede Frau möglicherweise anders darstellte. Über allem aber schwebte der „Hungerengel“ (nach Herta Müller), es gab kaum etwas zu essen, auch nach der Besetzung durch die Russen änderte sich das kaum, auch das russische Hinterland war ja zerstört, so daß die Russen selbst keine Nahrung im Überfluss hatten. Und der Hungerengel wurde begleitet von der Angst vor einer Zukunft, die man sich nicht mehr vorstellen konnte.

Es gab Unterschiede in den genannten Regionen. Aus Berlin zum Beispiel wird nicht von Deportationen berichtet, die Berliner Frauen wurden zum Arbeitseinsatz vor Ort herangezogen, im Gegensatz zu den Frauen in den östlichen Regionen, von denen viele nach Sibirien kamen.

Das Ausgeliefertsein den russischen Soldaten gegenüber war gleich, in Berlin wie in Ostpreussen. In Mecklenburg wuchs sich die Angst vor Vergewaltigungen (und bei den Männern (!) vor dem Ehrverlust) so weit aus, daß sich in einer Massenpsychose Hunderte von Menschen, ganze Familien, suizidierten, Jacobs nennt die Zahl von über 3000 Tote in verschiedenen Ortschaften. Auf der anderen Seite gab es ebenso viele Frauen, die zwar den „Glauben“ an die Männer, die den Krieg angezettelt hatten, sie jetzt aber nicht schützen können, verloren haben, die aber den Mut hatten, ihr Leben weiter zu leben – trotz der Schändungen und Erniedrigungen. Die Kraft der meisten Frauen war größer als das Unglück, sie entschieden sich für das Leben.

Und immer wieder die ungewollten Schwangerschaften, die Versuche, abzutreiben, was nicht immer einfach, aber immer gefährlich war. Geschlechtskrankheiten – natürlich, auch die gab es, zusätzlich zu „normalen“ Seuchen wie Typhus, die auftraten…. Spätfolgen: die Traumatisierungen durch die Vergewaltigungen dauerten unter Umständen lange, sehr lange an. Psychologische Betreuung gab es nicht, die eigenen Ressourcen, um damit umzugehen, war meist nicht entwickelt oder gar nicht vorhanden. Über das Thema reden viel vielen schwer, Ehen und Lieben wurden auf eine harte Probe gestellt, viele zerbrachen. So absurd es ist, auch in diesem Kontext tauchte der Vorwurf auf, es wären ja oft die Röcke von den Frauen selbst gehoben worden…. Der „Eichhörnchentrieb“ blieb häufig ein Leben lang: nichts wegschmeissen, alles sammeln….

So grausam, primitiv und barbarisch das Verhalten russischer Soldaten oft war, muss doch immer im Hinterkopf behalten werden, daß es auch Ausnahmen gab. Russische Soldaten, die halfen, die ein Auge zudrückten, die Essen zusteckten…. das Schizophrene: es konnte durchaus sein, daß der Vergewaltiger des Vorabends am nächsten Tag Liebesschwüre von sich gab und mit Essen in der Tür stand…. Kinder wurden gut behandelt, oft wurde ihnen zu Essen gegeben. Andererseits wird auch davon berichtet, daß selbst siebenjährige Mädchen nicht verschont wurden.

Und eine zweite Sache ist nicht zu vergessen. In vielerlei Hinsicht kann man sagen, daß „der Russe“ mit der Münze zurückzahlte, die „der Deutsche“ in Russland ließ. Jacobs erwähnt einen jungen Wehrmachtssoldaten auf Urlaub, der sich brüstete, Zivilisten in Russland erschossen und andere lebendig begraben zu haben. [S.212]. Nach Öffnung der Archive Mitte der 90er Jahre wurde endgültig klar, daß auch die deutschen Soldaten russische Frauen vergewaltigt hatten, junge Frauen wurden in die Wehrmachtsbordelle gebracht.. Wer sich weigerte, im Bordell zu bleiben, wurde erschossen. ..


Freiwild ist ein grausames, schlimmes Buch. Und was am Schlimmsten ist: auch wenn es Schicksale aus dem 2. Weltkrieg zum Thema hat, ist es ein überaus aktuelles Buch. Frauen und Kinder sind nach wie vor Opfer des Molochs Krieg, der sie frisst: Terrorgruppen wie Boko Haram entführen Tausende von Frauen und Kindern, um sie zu versklaven und um mit ihnen Nachwuchs zu züchten, im IS werden entführte Frauen und Kinder auf Märkten verkauft… das sind plakative Beispiele, aber ich denke, man kann davon ausgehen, daß in jedem Krieg, der geführt wird, immer noch, still und leise, Frauen für den Sieger Beute sind.

Jacobs´ Buch ist wichtig, es beleuchtet (zusammen mit anderen Veröffentlichungen, die jetzt, Jahrzehnte nach dem Krieg in diesem Kontext erscheinen) einen häßlichen, mit Scham besetzten Aspekt des Krieges. Die betroffenen Frauen waren und sind dabei gleich mehrfach Opfer: in einem ganz physischen Sinn als Beute ihrer Peiniger mit allen Folgen wie Krankheiten, Schwangerschaften, zerbrechenden Partnerschaften u.ä., als Traumatisierte, denen nicht geholfen wurde oder werden konnte und zu allem Überfluss kommt oft noch Unverständnis bis hin zu Vorwürfen, so wie es Marta Hillers in ihrem Buch Marta Hillers als persönlich gemachte Erfahrung beschreibt[1].

Freiwild ist ein detailreiches Buch, das zwischen der Darstellung von Einzelschicksalen und dem Versuch, daraus einen Überblick herauszuarbeiten, wechselt. Das macht das Lesen nicht immer einfach, wenn die Schilderung von Lebensläufen unterbrochen und später wieder aufgenommen wird. Hier wäre es unter Umständen sinnvoller gewesen, bei den einzelnen Leben zu bleiben und diese zusammenhängend darzustellen, bevor daraus verallgemeinernde Aussagen gezogen werden. Aber dies ist nur ein untergeordneter Gesichtspunkt, dessen ungeachtet ist der Autorin für ihre Arbeit zu danken, weiß man vom Schicksal dieser Frauen, wird vielleicht das eine oder andere Verhalten unserer Mütter oder Großmütter, was einem bis dato rätselhaft erschien, verständlicher…

Links und Anmerkungen:

[1] Anonyma: Eine Frau in Berlin, Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2015/08/02/anonyma-eine-frau-in-berlin/
[2] siehe z.B. Stefan Karner: Die sowjetische Hauptverwaltung für Angelegenheiten der Kriegsgefangenen und Internierte;  http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1994_3_6_karner.pdf
[3] Wiki-Seite zum „Massaker von Nemmersdorf“:  https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Nemmersdorf

Ingeborg Jacobs
Freiwild
Das Schicksal deutscher Frauen 1945
Erstausgabe: Propyläen Verlag, 2008
diese Ausgabe: Propyläen Verlag, HC, ca. 230 S., 2008
Verlagsseite zur Taschenbuchausgabe

„… Fragmente einer Kindheit in Pommern“..  ist ein autobiographischer Roman, den die Erzählerin Anfang des Jahres 1900 mit der Hochzeit von Max und Ida Hartmann einsetzen läßt. Die beiden Brautleute lebten in benachbarten Familien, Ida kam aus einer Stellmacherfamilie, die Hartmanns dagegen hatten sich seit Generationen dem Schornsteinfegerhandwerk verschrieben. Max Hartmann muss ein launischer, sprunghafter Mensch gewesen sein, sein Wort hatte in der Familie quasi Gesetzeskraft und nach der Beschreibung von Endres ließ er seine Ida ganz schön springen, vor allem nachdem er durch seinen Beruf zu einem gewissen Wohlstand gekommen war und nicht mehr selbst ausser Haus ging um zu fegen, sondern zu Hause nur noch den Papierkram erledigte. Wie üblich wohnten damals die Gesellen noch mit beim Meister, für Ida eine zusätzliche Belastung, zu der natürlich auch noch die Arbeit im Garten kam, denn Hartmanns waren quasi Selbstversorger.

Felix, im dritten Jahr der Ehe geboren, war der Kronprinz der Familie, nach zwei Mädels endlich ein Sohn, ein Thronfolger. Es sollte aber nicht das letzte Kind bleiben, insgesamt gab es sechs lebende Hartmann-Geschwister. Der für die Erzählerin wichtigste aber ist und bleibt Felix, denn der sollte ihr Vater werden.

Felix wächst unter der Obhut der Eltern heran, er ist ein beliebter und guter Schüler, er betreibt Sport, sieht gut aus und versteht es, mit Menschen umzugehen. Seinen Traum, eine Ausbildung auf der Landwirtschaftsschule in Berlin zu absolvieren, kann er sich aber nicht erfüllen; als Max  – die Zeiten sind schlecht – wieder selbst kehren gehen muss, holt er seinen Sohn nach Hause zurück und steckt ihn ins Geschäft. So wird die Tradition fortgeführt, auch Felix Hartmann verdient sein Geld als Mitglied der „Schwarzen Zunft.“

Mütterlicherseits führt der Stammbaum der Erzählerin nach Berlin. Die Eltern ihrer Mutter heirateten dort, Johannes Schlüter schlug seines schwachen Herzens wegen eine Beamtenlaufbahn bei einer Versicherung ein, Christine verwandelte das Heim in eine Art Puppenstube. Erika, die zukünftige Mutter, wurde im zweiten Jahr der Ehe geboren. Sie, das geliebte Kind, ging schon einige Jahre zur Schule, als der Vater versetzt wurde. Bei der Wahl zwischen Soest und einer Stadt in Pommern entschied er sich für diese, die näher lag an seinem Berlin.

Dort also, in dieser Stadt sollten sich Felix und Erika, die aus so unterschiedlichen Verhältnissen kamen, bei einer Tanzveranstaltung kennenlernen. Sicherlich war es keine Liebe auf den ersten Blick, es gab lange Zeiten der Pause in ihrer Bekanntschaft, Erika hatte andere Freunde, einen Verlobten sogar, der sie aber bitter enttäuschte. Felix bekam dann einen eigenen Kehrbezirk  in Pollin, einen „kleinen, verträumten Dorf„, nahe bei Stolpe, seiner Heimatstadt [1]. Als die Bekanntschaft mit Erika ins siebte Jahr ging schrieb er ihr eine Feldpostkarte: „Heirate mich jetzt oder nie!“ und die desillusionierte, auch nicht mehr ganz junge Erika entschied sich trotz einiger Bedenken für das „jetzt“.

Die Ehe glücklich zu nennen, fällt schwer. So charmant und offen sich Felix in Gesellschaft geben konnte, so rau, schroff und unsensibel zeigte er sich zu Hause. Die beiden Kulturen, das städtische der aus Berlin stammenden Erika und das ländliche-raue der Hartmann harmonierten nur schwer, obwohl sich Erika gut in das ländliche Leben einfügen lernte. Aber man arrangierte sich (am meisten wohl Erika….), wohnte gerne und gut in Pollin und 1941 wurde den Hartmanns eine Tochter geboren. „Nur “ eine Tochter, denn Felix wäre ein Sohn so viel lieber gewesen. Sie wurde auf den Namen Eva getauft, einen Namen, der dem Vater nicht gefiel. Aber zwischen Felix und Eva gab es die Liebe auf den zweiten Blick, der Vater war zärtlich zu seinem „Muschiklönchen“, er trug es auf den Armen und liebte es. Es waren glückliche Jahr für das junge Mädchen, unbeschwert und voller Erinnerungen an Haus und Hof, an ihren Hund und an die Menschen.

Nach 4 Jahren endete diese Kindheit. Der Krieg erreichte die bis dahin weitgehend verschont gebliebene Ecke im Nordosten Deutschlands… erst von Polen aus dem Haus getrieben und danach von den vorrückenden Russen bedrängt fliehen immer mehr der Menschen. Felix ist im Feld und Erika entschließt sich, mit ihren mittlerweile drei Kindern ebenfalls zur Flucht, Berlin ist ihr Ziel. Es ist ein entbehrungsreiche Zeit, eine Zeit voller Not, voller Hunger, eine Zeit Erschöpfung bis kurz vor das Ende. Immer wieder aufgehalten und eingesperrt ernähren sie sich wie Tausende andere von dem, was normalerweise Abfall wäre. Die wenigen Habseligkeiten, die sie mitgenommen haben, gehen verloren, vorsichthalber werden die Schuhe schon garnicht mehr ausgezogen. Schwärende Geschwüre sind die Folge. Die vierjährige Eva ist der Mutter eine große Stütze, die kleine Schwester Annemarie, die der Vater nie sehen sollte, verhungert, Rolf, ihr Bruder entgeht dem Schicksal nur knapp.

Sie schaffen es, irgendwie. Aber natürlich herrscht auch hier, in Berlin, große Not. Nur schwierig ist unterzukommen bei den Verwandten. Irgendwann kommt vom Vater Nachricht, er lebt in einem Lager. Wieder machen sich die drei, Erika, Eva und Rolf auf den Weg, diesmal nach Norddeutschland. Felix ist im Krieg verwundet worden, aber die Familie ist wieder zusammen.

Endres schildert das Leben in dieser Zeit in sehr anschaulichen Worten, ohne große Aufreger. So wird die Not dieser Tage damals praktisch mit den Händen greifbar. Sirup, Sirup und nochmals Sirup, altes Brot, gammelige Kartoffeln. Brei ist ein Festessen, das es nicht alle Tage gibt. Nur ungern geben die Bauern, bei denen Betteln gegangen werden muss, etwas von ihren Nahrungsmitteln ab…. Mangelkrankheiten sind nicht zu vermeiden, insbesondere der Bruder, Rolf, ist schwächlich und kümmert.

Endres bezeichnet ihre Familie in dieser Zeit kurz nach dem Krieg als „Zugvögel“, die von einem Ort zum anderen ziehen. Aber dann kann der Vater sich in Köln einen Kehrbezirk sichern und zieht vor der Familie um, die dann nachfolgt. Wieder bekommt Erika einen Schock, als sie dann die Wohnung des Mannes in Köln betritt: „.. Vater besaß nur einen Kochlöffel ausser seinem blechernen Klappbesteck. … An der Wand aufgereiht stand eine Tüte Zucker, eine Tüte Mehl, die angebrochene Dose mit dem Rest Haferflocken. Vaters Schuhe, Rasierpinsel im Napf und Seifendose… “ Ferner gab es noch ein eisernes Bettgestell, einen Kanonenofen, einen ungestrichenen Küchenhocker und einen Blechkochtopf… Wände und Boden der Zimmer waren undicht, man konnte nach unten schauen und die Nachbarn beobachten, von unten kamen im Austausch des Nachts die Wanzen hochgeeilt….

Aber es ging aufwärts. Eva war, wie schon in Pollin, eine gute Schülerin. Obschon evangelisch und aus einer ganz anderen Kultur stammend lebte sie sich gut ein in Köln, hatte aber viel Pech mit Verletzungen und Krankheiten. Oft lag sie im Krankenhaus, musste sogar einmal in ein Kinderheim für Lungenkranke. Aussergewöhnlich ist [2], daß sie auf Gymnasium geschickt wurde, in dieser Zeit für Mädchen kein normaler Gang. Zwischen den Eltern gab es häufig Verstimmungen wegen des Geldes, Felix wies es seiner Frau sehr knapp zu, für jede Extraausgabe musste lange gebettelt werden. Irgendwann zeige sich, wofür er das Geld brauchte: er hatte ein Grundstück gekauft und dort fing die Familie mit dem Bau eines Hauses an. Jede freie Minute verbrachte Felix fortan auf dem Bau, auch Rolf half ihm dort nach besten Kräften, bis man endlich das neue Zuhause in Besitz nehmen konnte. Man war angekommen in der Stadt am Rhein.

Der endgültige Abschied Evas vom Ort ihrer glücklichen Kindheit dauerte noch einige Jahrzehnte. 30 Jahre nach ihrer Flucht war es wieder möglich geworden, nach Polen zu fahren. Ja, sie erkennt vieles wieder, Eva sieht aber auch, daß jetzt andere Menschen dort ihr zuhause gefunden haben, vllt sogar eine neue Heimat.

Diese von Endres verfassten „Fragmente“ sind eine schöne Lektüre, ganz zweifelsohne. Neben der reinen Familiengeschichte erlauben sie auch Einblicke in das Alltagsleben, geben auch Auskunft über die Eigenheiten der Menschen und den zum Teil täglichen Kampf des Zusammenbleibens. Die ganz alltäglichen Dinge, was gegessen wurde, die Erziehungsmethoden, die Kleidung, das tägliche Leben halt: Endres erzählt es uns. Dabei wechselt sie in der Mitte des Buches die Perspektive. Bis dahin berichtet sie von ihrer Familie, so wie sie es wahrscheinlich erzählt bekommen hat oder sie es sich aus Briefen angelesen hat. Ihre eigene Erinnerung (und darauf besteht sie) setzt sehr früh ein, sie führt es darauf zurück, daß sie so glücklich gewesen sei und sich daher alles in ihr eingeprägt hat.

Aufgefallen ist mir, daß die beiden Weltkriege in dieser Familiengeschichte keine Rolle spielen, sie werden kaum erwähnt, obwohl doch gerade die Zeit nach 1933 an kaum einem Haushalt vorbei gegangen ist. Erst die Niederlage und die Flucht Erikas mit den Kindern läßt als Folge des Krieges diesen wirklich werden. Einen Kritikpunkt habe ich (auch wenn ich nicht ausschließen will, daß ich es nicht überlesen habe, aber ich habe wirklich gesucht): es hätte mir gut getan und geholfen, ab und an einen Namen zu finden von der Stadt, in der z.B. die Hartmanns lebten. Irgendwann wird der Name Stolp genannt, vorher ist immer nur von der „Stadt“ oder der „Heimatstadt“ die Rede, ebenso vom Fluß, aber von welchem, fragt man sich…. merkwürdigerweise kann ich auch das Dorf „Pollin“, das ja in der Nähe von Stolp liegen soll, nicht finden, obwohl es z.B. auf der wiedergegebenen Karte von 1910 aufgeführt sein sollte….
(Nachtrag vom 12.4.2012: hier löst sich diese Frage auf….)

Verwirrend fand ich auch, daß sich in diesem Text die Autorin „Eva“ nennt, obwohl die Geschichte ja wohl autobiographisch ist. Nur, wo fängt das autobiographische an und was hat die Autorin – aus welchen Gründen auch immer – hinter anderen Namen und Daten verborgen? Sie wird ihre Gründe haben, aber für mich als Leser spukte diese Frage immer im Hinterkopf herum.

Sieht man von diesen Punkten ab, hat sich das Lesen des Büchleins aber auf jeden Fall gelohnt. Es ist, und das ist bei solcher Art Text nicht selbstverständlich, gut und flüssig geschrieben, immer interessant, oft auch spannend.  Und vom Erzählten her… wir leben in einer so satten und saturierten Gesellschaft, daß der Blick zurück (und sooo lang ist es auch noch nicht her) manchmal hilft, wieder einen vernünftigen Massstab zu finden….

Links und Anmerkungen:

[1] Kartenmaterial aus der Wiki. Leider ist es mir nicht gelungen (auch auf neueren Karten), den Ort Pollin/Polzina zu lokalisieren….
[2] .. zumindest aus meiner eigenen Erfahrung heraus….

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Barbara Endres
Pollin
Fragmente einer Kindheit in Pommern
Frieling & Huffmann, Berlin, Paperback, 176 S., 2012

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:Ich danke dem Frieling-Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars.

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