Stanisław Lem: Eden

22. Oktober 2014

lem autor

Sonntags steh´ ich regelmäßig vor meinen Regalen und schau einfach ´mal wieder die Bücher an, die das so stehen… und manchmal greif´ ich nach einem und blättere ein wenig und noch manchmaler lese ich es dann tatsächlich.. so passiert mit diesem kleinen Roman von Stanisław Lem: Eden.

Lem nimmt in meinen Regalen einen recht großen Raum ein, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht, denn leider sind fast alle Bücher von ihm unter anderen als a-b-clichen Gesichtspunkten eingeordnet: die alten Suhrkampf-TBs, Bücher aus der Bibliothek Suhrkamp, dtv-Ausgaben, andere Sonderbände…. Das führt dann dazu, daß ich einen Roman wie Solaris letztlich dreimal besitze, weil ich ihn einfach zweimal nicht gefunden hatte… ;-)


Eden mit Untertitel: Roman einer außerirdischen Zivilisation ist dem Genre: Science Fiction zuzurechnen, die Handlung ist relativ einfach: ein Raumschiff mit 6 Mann Besatzung havariert durch eine Nachlässigkeit und stürzt auf die Oberfläche eines fremden Planeten, von dem durch eine früher dort die Atmosphäre beprobende unbemannte Sonde nur bekannt ist, daß die Luft atembar ist. Die Besatzung (Koordinator, Chemiker, Physiker, Kybernetiker, Ingenieur und Mediziner) überlebt unverletzt, das Raumschiff (die Rakete) ist beschädigt, es besteht aber Hoffnung, sie mit vielen Wenns und Abers wieder einsatzfähig zu bekommen. Man konzentriert sich jetzt auf zwei Sachen: zum einen die Reparatur des Raumschiffs, zum anderen die Erkundung der Umgebung auf dem fremden Planeten, um möglichst auch Wasser zu finden, denn die Vorräte sind knapp und die Sonne brennt in der wüstenartigen Region, in der sie havariert sind, vom Himmel.

Insgesamt werden vier Expeditionen gestartet, in jede Himmelsrichtung eine. Von der Planung her sind diese „Ausflüge“ etwas seltsam, beim ersten gehen alle sechs Männer mit, die anderen sind zum Teil nachts ohne Funkverbindung zum Raumschiff. Allen Ausflügen gemein ist, daß sehr Seltsames beobachtet wird, auf daß sich keiner der Männer einen Reim machen kann. So finden sie z.B. bei der ersten Expedition eine Art Fabrik, die vollautomatisch arbeitet und etwas Undefinierbares produziert, das sofort wieder als Ausgangmaterial für einen neuen Prozesszyklus verwendet wird.

Bei der Rückkehr ins Raumschiff treffen sie dort auf ein Wesen, sehr groß und massig, wie ein amorpher Schleimbeutel, der eine zweite Kreatur enthält. Es kommt zu keiner Kommunikation und am Ende sind beide „Wesen“ tot, erschossen. Der Doktor nennt sie post mortem mangels einer besseren Bezeichnung: „Doppelt“.

Wunderliche Fahrzeuge begegnen ihnen bei anderen Gelegenheiten, aber es sind keine Insassen zu entdecken, seltsame Pflanzen stehen am Weg, sie finden Tote, sehen Skelette, ausgestellt wie in einem Museum, werden fast von panischen Horden solcher in Lumpen gekleideter Doppelts an den Mauern einer Stadt, auf die sie treffen, zerquetscht, sie müssen gegen die Insassen der seltsame Gefährte kämpfen, finden aber auch eine normale Stadt mit normalem Leben…. aus der Ferne drehen sie Filme dieses fast idyllischen Ortes an einem See….

In der Zwischenzeit wird das Raumschiff aber angegriffen. Nicht, daß man es direkt beschießt oder zerstören will, es wird im Gegenteil artilleristisch anorganischer Samen gepflanzt, aus dem eine massivste Glasmauer um das Raumschiff herum wächst…. mit einen Antiprotonenwerfer kann ein Loch in diesen Glaswall geschossen werden, um eine letzte Expedition durchzuführen. Durch das Loch in der Mauer gelingt es einem weiterer „Doppelt“ unbemerkt zu dem Raumschiff zu gelangen. Diesmal kommt es zu einer Art von Verständigung, die zumindest ausreicht, Grundlegendes über die Gesellschaftsstruktur auf diesem Planeten zu erfahren.

Sie erweist sich als ein System der Unterdrückung und des Terrors. Aber trotzdem entscheiden sich die Männer, nicht einzugreifen, sondern mit dem mittlerweile reparierten Raumschiff wieder zu starten und Eden, das von aussen, vom Weltraum aus, so schön aussieht, zu verlassen.


Lems Text ist düstere, klaustrophische Science Fiction. Sechs Männer sind gestrandet und kämpfen ums Überleben und die Rückkehr, bei den Erkundungen der Umgebung sehen sie eine Menge Dinge, die sie nicht verstehen. Lem schildert diese Expeditionen in langen Passagen, in denen er die Landschaft beschreibt, in denen er phantastische Szenarien entwirft und ausmalt. Nicht alles kann man sich als Leser vorstellen oder visualisieren, damit ist der Leser in einer ähnlichen Situation wie die Raumfahrer, die des Nachts dort erkunden: auch sie sehen nur eingeschränkt durch die Dunkelheit, die ihre Lampen und Lichter nur ungenügend durchdringen. Es ist die Kunst Lems, daß diese seitenlangen Expeditionsbeschreibungen mit unerklärlichen Dingen an keiner Stelle langweilig sind, im Gegenteil, es baut sich diese beengende, klaustrophobische Spannung auf, weil man wie die Männer in der Geschichte, völlig im Dunkeln tappt.

Das ist das eigentliche Thema Lems in seiner Geschichte, die er auf einen fremden Planeten verlegt hat: Der Mensch im allgemeinen und besonderen tut sich sehr schwer, nur zu beobachten und wahrzunehmen. Automatisch fängt er parallel zur Beobachtung an, zu kategorisieren, in Schubladen zu stecken, ihm bekannte Erklärungsmuster auf das Unbekannte anzuwenden… Der Arzt ist es, der immer wieder versucht, alternative Erklärungen zu finden: vllt waren die „Doppelts“ ja garnicht wegen ihnen so in Panik, sondern sie waren nur zufällig anwesend, als aus einem anderen Grund Panik ausbrach… vllt soll die Glasmauer ja garnicht sie einsperren, sondern Bewohner des Planeten hindern, zu ihnen zu gelangen… So wichtig solche eingefahrenen Denkschemata im Normalfall auch sind, man muss sich der Gefahren, die sie bergen, bewusst bleiben…. nicht jeder aus der Crew kann diese Zweifel des Mediziners akzeptieren, es gelingt dem Koordinator aber immer, offenen Streit zu vermeiden und Kompromisse zu finden.

Wie schon erwähnt, mit dem „Doppelt“, der sich unbemerkt durch das Loch in der Glasmauer zur Rakete schleichen konnte, kam eine rudimentäre Kommunikation zustande. So erfuhren die Raumfahrer, daß auf dem Planeten ein diktatorisches System herrscht, dessen Repräsentanten anonym bleiben, nicht bekannt sind. Es hat genetische Experimente gegeben, die verheimlicht werden, aber zu vielen Missgeburten bei den „Doppelts“ geführt haben. Für die Männer stellt sich die Frage (und ein Schelm, wem hier Worte wie „Iraq“, „Afghanistan“ oder „Libyen“ einfallen… [2]), ob sie eingreifen und gegen das Regime kämpfen sollen…. Lem läßt die Männer diskutieren:

  • … jede Intervention im Dienste dessen, was wir für gut und richtig halten, jeder Versuch dieser Art würde höchstwahrscheinlich genauso enden wie unser heutiger Ausflug. Mit dem Gebrauch des Annihilators. …

  • … Alles, was hier geschieht, ist Glied in der Kette eines langwierigen historischen Prozesses. Der Gedanke an Hilfe resultierte aus der Annahme, die Gesellschaftr eile sich in „Gute“ und in „Böse“. …

  • … Du kannst hier nicht das Modell unserer Zivilisation einführen. Du müsstest den Plan einer anderen entwerfen, die auch noch nach unserem Abflug funktionierte. …

  • … Ich befürchte, ihr würdet in einem Anfall von Edelmut hier „Ordnung“ machen wollen, was, in die Praxis übertragen, Terror bedeutet hätte. …

Außer diesen sehr grundsätzlichen Überlegungen der Männer läßt sich das auf Eden herrschende System auch problemlos als Bild für die politische Struktur des Ostblocks zu der Zeit, in der Lem diesen Roman schrieb (1959) interpretieren….


Kurz und bündig: Eden ist ein spannender, klaustrophobischer, intelligenter SF-Roman mit erstaunlich aktuellen Bezügen. So wie es von einem Roman, den Lem geschrieben hat, erwartet werden kann.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über den Roman: http://de.wikipedia.org/wiki/Eden…
[2] der Leitartikel des Spiegel (Ausgabe 34/2014 vom 18. August) kommt ebenfalls auf diese Frage zu sprechen und verweist darauf, daß es in Ländern, in denen nicht von aussen eingegriffen wurde, keineswegs besser aussieht: Syrien und Ruanda führt er als Beispiele an….
[3] auf youtube sind clips zu finden, in denen der Text gelesen wird:  https://www.youtube.com/watch?……., ganz nett ist auch dieser Clip, auf dem das Romanthema künstlerisch umgesetzt wird:  https://www.youtube.com/watch?……

Weitere Bücher von Lem hier im Blog
Solaris: https://radiergummi.wordpress.com/2008/11/24/stanislaw-lem-solaris/
Provokation: https://radiergummi.wordpress.com/2012/02/29/stanislaw-lem-provokation/

[B]ildquelle: Autorenbild: http://de.wikipedia.org/wiki/Stanisław_Lem,

Stanisław Lem
Eden
Roman einer außerirdischen Zivilisation
Übersetzt aus dem Polnischen von Caesar Rymarowicz
Originalausgabe: Eden, 1959
diese Ausgabe: dtv, ca. 290 S., 1983

Szczepan Twardoch: Morphin

10. August 2014

Ernst Ludwig Kirchner: Paar im Zimmer Bildquelle [B]

Ernst Ludwig Kirchner: Paar im Zimmer
Bildquelle [B]

Szczepan Twardoch versetzt uns in seinem umfangreichen Roman „Morphin“, der ihm als Autor den Durchbruch brachte, in das Polen des Jahres 1939, genauer gesagt, nach Warschau in der Oktobermitte dieses Jahres. Polen ist überrannt worden von den Deutschen aus dem Westen und den Russen im Osten, in Warschau herrschen die Deutschen und durch die Straßen dieser, seiner Stadt, streift der Leutnant der Reserve Konstanty Willemann, rastlos wie ein Wolf, gierend nach seinem kleinen flüssigen Glück, das er sich in die Adern spritzen kann um zu versinken in den Farben der Herrlichkeit…. Warschau ist nicht wieder zu erkennen, Zerstörungen der Häuser, der Straßen aber vor allem des Lebens, das er, der Lebemann, Frauenverkoster und Pseudokünstler geführt hat. In den Cafés sitzen Männer in schlecht sitzenden Zivilanzügen, denen man das Militär aus jeder Entfernung ansieht, Hauptmänner, Majore, Oberste in ungewohnter Staffage, draußen schaufeln Juden die Trümmer weg und siegestrunken leben die Deutschen ihren Sieg….

Teil 1

Leutnant Willemann, von väterlicher Seite her dem urdeutschem Adel der von Strachwitzens entstammend, welcher sich nach Jahrhunderten der Reihnheit mit dem beinahe polnischem Blut einer dämonischen Mutter gemischt hat, hat bei den Ulanen gekämpft, aber was heißt schon gekämpft? Zwei Wochen lang in den Wäldern den Boden gekostet, sich versteckt, geflohen, Angriffe befohlen, unverletzt geblieben, zurückgekommen zu Hela, seiner Frau, zu Sala, seiner Hure, zu Jureczek, seinem Sohn…. und jetzt durch die Straßen ziehend, auf dem Weg zu seinem Freund Jacek, dem Arzt, der das Morphin eigentlich für seine schreienden, blutenden, zerfetzten Verwundeten bräuchte und der es ihm nur gibt gegen das Versprechen, Iga zu suchen, seine Frau, die seit zwei Wochen spurlos verschwunden ist…. Kostek würde ihm alles versprechen, die Sonne, den Mond, die Sterne, Hauptsache, er bekommt das Fläschchen und was ist schon das bischen schlechte Gewissen gegen das Glück, das dort im Glas eingesperrt ist…

… und so zieht es ihn zu Salomé, der Tochter des Herodias, der schönsten Frau, der Frau, die die Weiblichkeit für ihn ist, in deren Fülle er versinken kann, in deren Wärme er sich baden kann, in der Feuchte er eintaucht, die ihn liebt, was ihm nicht lieb ist … sie gibt ihm und sich das goldene Spritzchen, das ihn mitnimmt auf diese besondere Reise ins Glück, von der er am nächsten Tag zurückkehrt in seinen Körper und sich ekelt vor dem fetten Wesen neben ihm mit dem offenen Mund, aus dem es röchelt und er schlägt sie und ihr gefällt das und sie sagt, ihm daß sie ihn irgendwann umbringen wird und er geht wieder hinaus auf die Straßen der Stadt und rastlos, ruhelos verbrennt ihn sein Leben und schließlich klopft er bei Hela, seiner Frau, an die Tür, Hela, Helena, deren Körper so fest ist, so muskulös, nicht zum Versinken, nicht zum Eintauchen, nicht als Kissen zu verwenden für den müden, geplagten Kopf, in dem die Bilder sich vermengen vom Leben, das gelebt und doch wieder nicht gelebt worden ist in einer Stadt, die jetzt vom Deutschen geprägt wird, die nicht mehr die seine ist, die eines Polen.

Warschau, Juden (?) bei Aufräumungsarbeiten, Sept. oder Okt. 1939 Bildquelle: [B]

Warschau, Juden (?) bei Aufräumungsarbeiten, Sept. oder Okt. 1939
Bildquelle: [B]

Was ihn von anderen unterscheidet, unseren Kostek, ist das Geld, das er noch hat, das ihm die Mutter gibt, diese dämonische Frau, die damals schon so viele Männer kannte und dann den so viel jüngeren Sechzehnjährigen verführte, ihn ungeachtet des Skandals heiratete und der ihren Schoß befruchtete, aus dem dann der einzige Sohn in die Welt geworfen wurde: eben dieser Kostek, der sie jetzt wieder besucht, sie, von der es heißt, sie esse nicht, sie sitze nur in ihrem Stuhl und schlafe nicht, sie scheide nicht aus, sie, die mit ihren langen, grauen Haaren einem zeitlosen Indianerhäuptling gleicht, sie liebt ihren Sohn und reicht ihm das Geld, das er braucht…

„Ich bin die schwarze Göttin.
Ich spreche in der Zunge der Menschen und der Engel.“

Kostek ist nicht allein, wenn er wie ein waidwunder Wolf entwurzelt die Straßen und die Trümmer durchstreift. Immer ist jemand hinter ihm, der ihn begleitet, eine mütterliche Freundin, ein Schutzengel, eine Einhüllende, ein unterbewusstes Ich, das Wahrheiten kennt, die noch niemand schauen konnte, jemand, der die Vergangenheit sieht so wie die Zukunft: ein auktorialer Erzähler für uns Leser, die auch wir Kostek begleiten, ein Geschichtenerzähler, der das Schicksal der Menschen, denen wir begegnen kennt, der weiß, wie der Krieg sie morden wird, so sie enden werden, in welchem Elend sie zugrunde gehen werden. Für Kostek ist es die Intuition, die er hat, das plötzliche Moment, das er spürt, die Eingebung…. so übersteht er kritische Situationen, wenn er mal wieder nach der Sperrstunde durch die Straßen wildert, auf dem Weg zu… Sala… bevor er seinen Auftrag erfüllt, denn er hat einen bekommen, über Hela, er kann sich als Pole, als echter Pole beweisen, wenn er diese Tasche an eine bestimmte Adresse bringt, doch vorher treibt es ihn zu Sala, um in ihr zu versinken, doch Sala ist belegt, zwei Männer, von denen nur einer verschwindet, der Deutsche, als Kostek mit seinem Schlagring im Zimmer auftaucht, während der andere ihn nimmt und auf den Boden schmeißt und mit dem Beil töten könnte, wenn der Tod für Kostek ein Schrecken gewesen wäre, aber Kostek muss lachen, lacht sich die Luft aus der Lunge und so wird er nicht getötet von dem dicken, starken Polen, sondern er wurde nur ins Gesicht geschlagen, das jetzt gezeichnet ist. Doch als wieder gehen will, ist die Tasche weg, die er überbringen soll, sein Auftrag in Gefahr, sein Polensein fraglich, weil er lieber zum Weibe ging als dieses zu beweisen…. und so erfährt er von Sala die Anschrift des dicken Polen, die sie ihm nicht freiwillig gab, Sala, bei der er im Schreibtisch diese Bilder gesehen hatte, von ihr und Iga und vielen anderen Frauen und Männern zusammen, ein Zicklein zerreißend, die Gedärme um den Hals geschlungen, die Hintern freudig und geil der Peitsche entgegenstreckend, die Leiber glänzend von Sperma und Speichel, Iga, die Frau, seine erste Frau, jetzt die seines besten Freundes, Iga, die verschwunden ist, die er suchen soll, finden muss, Iga…. er weiß das Bild, die Bekanntschaft mit der Hure Sala nicht zu deuten, seine Iga im dionysischen Rausch….

O ja, Kostek bekommt seine Tasche wieder, auch diesmal nicht freiwillig, aber er muss, er muss seinen Weg gehen, diese Tasche, der Auftrag, er ist schließlich Pole, der Auftrag muss erfüllt werden, zu Hause wartet Hela, um dies zu sehen, zu sehen, ob er diese Prüfung bestanden hat. Er wusste, was er zu tun hatte, denn auch der dicke Lemberger hatte keine Angst, lachte ihn aus, es musste etwas Gewaltiges sein, ihm Angst zu machen, genügend Angst.. und die Eingebung, die Kostek bekam, sie gab ihm das Mittel, das Angst einflößte auch ihm, der jetzt schon blutend unter ihm lag….

Deutscher soll er werden, sagt ihm der Ingenieur, dem er die Tasche bringt, er, mit seinem perfekten Deutsch, das nach Wien klingt, das leicht singt und mit dem er sich zusammen mit dem neuen Namen als Reichsdeutscher registrieren soll auch wenn dies bedeutet, alles hinter sich zu lassen, Hela, die ihm gerade bewies, wie stolz sie auf ihn sei, zu verlassen, seinen Sohn zu verlieren, Verräter zu werden, zur Kanaille Willemann zu werden  in den Augen aller Polen, in den Untergrund zu gehen, sich von Frau und Kind zu trennen….

Er besteht seine Bewährungsprobe, erhält seinen ersten Auftag und lernt dabei Dzidzia kennen und von dem Geld, das er bekommt, zweigt er genug ab, um Iga aus dem Gefängnis zu holen, denn ohne ein paar Dollar kann der Gestapomann den Entlassungsschein nicht unterzeichnen. So kommt Iga frei, doch zu Jacek, ihrem Mann will sie nicht, nicht diese Nacht, erst morgen, zu Jacek, der zu Hause liegt und der vor Schwermut und Erschöpfung keine Ruhe findet….. tanzen will Iga, trinken will Iga, leben will Iga nach den Tagen in dunkler Haft bei den Deutschen, die sie im Wagen aufgegriffen hatten, im Wagen, aus dem Sala gerade noch so eben fliehen konnte auf der Rückfahrt von dem Ort, an dem ihre Hinterteile den schnalzenden Peitschen entgegen fieberten … daher führt Kostek Iga, die seiner erste Liebe war, zu Sala und zu dritt gehen sie aus, das, was vom Leben in Warschau noch zu holen ist, sich zu holen. Und sie treffen jemanden in dem Lokal, in deutscher Uniform, einen Offizier mit entstelltem Gesicht, in dem Kostek gleichwohl den erkennt, der ihn einst mit der dämonischen Mutter zeugte.

Teil 2

Konstanty Willemann, dreißigjähriger Schönling, Möchtegern-Künstler, Morphinist, Dandy, Hurenbock, Ehemann und Vater, Lebemann, jetzt Mitglied einer Untergrundorganisation, bekommt einen neuen Auftrag, der ihn nach Budapest führt. Dzidzia soll ihn begleiten, ein Mann ist dort zu treffen, der weitere Instruktionen geben wird. So wird die Geschichte im zweiten Teil des Romans zu einem Road-Movie, das im kriegszerstörten Warschau seinen Anfang nimmt und welches im noch nicht vom Krieg angegangenen Budapest enden wird. Sie fahren mit dem Wagen, die beiden, die kein Paar sind, weil Dzidzia über Konstanty lacht, sie nimmt ihn nicht ernst, sie spielt mit ihrer Ironie, ihrer Überlegenheit und Konstanty unsicher ist, sich ihr fügt, mit sich spielen läßt. Die Uniform, das, wofür sie steht, was sie verbreitet, der Name Baldur von Strachwitz: das alles ist zu groß für ihn.

Sie kommen auf holprigen, schlaglochübersäten Straßen Richtung Süden vorwärts. Durch Dörfer, die zerstört sind, mit toten Fensterhöhlen, gefledderten Kammern. Sie kommen durch Städtchen, die zerstört sind, mit geborstenem Mauerwerk und zerlumpten Kindern. Juden stehen herum, zerlumpt und ärmlich, warten auf den Arbeitseinsatz, zu dem sie befohlen worden sind…. Ein Priester liest ihnen, bzw. Dzidzia die Messe, und was liest Dzidzia dem Vikar in der Nacht, nur mit einem Handtuch um den Leib gekleidet? Weiß Konstanty dies, ahnt er dies, ist er im Zweifel, in der Hoffnung, in der Verzweiflung? Besser als Pervetin, Erinnerungen schütteln unseren Helden, Bilder ziehen an ihm vorbei, Sala, Hela, Jureczek, Iga, Jacek.. sein Leben, seine Mutter, sein Vater, das Loch zwischen seinen Beinen, er ist Baldur von Strachwitz mit dem gewesenen Gesicht ist Kontanty Willemann mit den heilen Gesicht, das sich rasieren läßt in der Früh….

Die schwarze Göttin, die ihn begleitet, sogar sie hat Angst vor Dzidzia, sie spürt, wie ihr Schützling ihr entgleitet, wie der Einfluss dieser mageren Frau neben ihm immer stärker wird und ihn hinüberholt zu sich. Kostek, Kostek, mein Lieber…. Eine Fieberfahrt, eine Alptraumfahrt für Konstanty, bis sie endlich in Budapest sind….

Eine andere Welt. Budapest ist zivilisiert, die Straßen sind beleuchtet, illuminiert die Gebäude, die Brücken, sich in der Donau spiegelnde Lichter. Man kann zusammen über die Boulevards flanieren, ohne daß Horden von Juden in den Himmel weisende Straßenbahnschienen zu reparieren versuchen. Cafés, Restaurants, Hotels: es ist das Leben, das er früher – ach, was heißt früher, vor wenigen Wochen war es erst – geführt hat, daran erinnert er sich, da kennt sich Konstanty aus. Das Zivil passt ihm besser als der furchteinflößende Waffenrock, sie spazieren zusammen, essen und trinken und geniessen und verlieben sich endlich doch ineinander, langsam, aber unaufhaltbar… und ohne daß Dzidzia davon ahnt, ist sie dabei, die Schwarze Göttin Kosteks zu vertreiben…


Szczepan Twardoch, Festival of Comics  in Łódź 2012 Bildquelle [B]

Szczepan Twardoch, Festival of Comics
in Łódź 2012
Bildquelle [B]

Morphin ist ein fulminanter Roman mit hohem Tempo. Er ist wie ein Fieberrausch, ein einziger unbewusster Aufschrei gegen die Zerstörung des Krieges. Es ist ein Roman auch über Deutschland und Polen, über die ambivalente Nachbarschaft zweier Völker, von denen eins immer das andere verfügte. Mit Konstanty Willemann hat er einen Protagonisten, der das Zerrissene, darstellt: von der Abstammung her deutsch gibt er sich alles Mühe, Pole zu sein, Sohn des anderen Landes. Dabei ist es nicht das Ziel Twardochs, historische Abläufe wiederzugeben in diesem nur wenige Tage umfassenden Text, der eher Lebensgefühlen und Schicksalen widmet. Dabei scheut sich der Autor auch nicht, „übernatürliche“ Instanzen in seine Geschichte einzuführen: diesen schwer fassbaren, dunklen „Schutzengel“, der aber nur solange bei Konstanty ist, wie dieser innerlich ziellos und desorientiert herumirrt. Er wird nicht weiter charakterisiert, aus dem Gefühl heraus würde ich ihn weiblich machen, ist es vielleicht sogar die Mutter, die dämonische Mutter, die Konstanty in ihrer Gewalt hat, in ihrem Einflussbereich, aus dem er sich erst ganz zum Schluss lösen kann – parallel zu dieser nicht Fassbaren? Es bleibt im Dunkeln, so wie auch die Gestalt der Mutter, von der wir zwar viel erfahren, die aber nicht verständlich wird dadurch, im Grunde dunkel und unerklärlich bleibt….

Kostek liebt die Frauen, ohne sie zu lieben. Iga hat er seinerzeit an Jacek abgegeben, Hera ist ihm zu wenig leidenschaftlich, erst, als er sich als Pole beweist, stöhnt sie unter ihm, aber dieses Glück währt nicht lange. Daß Sala, die Hure zur liebenden Hure wird, zur Frau geworden ist, die diesen Mann vermisst und sich über seine Rückkehr freut – es ist ihm, der doch nur in ihrem Fleisch versinken will, lästig. Sala und Hera sind gegensätzliche Pole auf der Skala der Weiblichkeit und nicht nur dort: Hera, die eugenisch reine Polin und Sala, die Tochter eines Juden…

Genussfreudigkeit spielt eine große Rolle, Hedonismus: Sex, Drugs and RocknRoll.. na gut, letzteres noch nicht, aber man geht aus, man tanzt, es wird getrunken und ins Bett gestiegen: den Freuden und Höhenflügen des Lebens, und seien sie dem kleinen flüssigen Inhalt des kostbaren Fläschchens zu verdanken, ist man nicht abgeneigt… solange man Geld hat, und Kostek hat Geld, ist vieles möglich in der Stadt, in der die Deutschen das Sagen haben….

Ein Land zerfällt, war in alten Traditionen und Vorstellungen verhaftet, hatte Ulanen mit Säbeln und Stolz, wo der Nachbar doch mit Panzern kam und einfach über sie hinweg fuhr. Zwei Wochen und es gab kein Polen mehr, aufgeteilt wie ein Stück Fleisch war es zur Beute geworden: zwei Hunde hatten dran gezerrt und es zerrissen….. Polen kommt durchaus nicht gut weg in diesem Roman. Nostalgisch orientiert, eine hilflose Offizierkaste, die sich dann in Teilen als Untergrund versucht, die Organisation, der sich mehr oder weniger freiwillig Konstanty anschließt, könnte von Monty Python erdacht worden sein inclusive ihres etwas wirr scheinenden Chefs, des Ingenieurs, der sich die Decknamen nicht merken kann… im Ausland: der Pole trinkt, fällt auf, so sehr, daß Kostek und Dzidzia deutsch miteinander sprechen, um nicht als Polen erkannt zu werden….

Im zweiten Teil des Romans verlassen wir Polen mit der Hauptfigur und verfolgen ihre innere Entwicklung, Twardoch wählt dafür als Bild – wie dies öfter geschieht – eine Reise, eine Fahrt. Nimmt die Verwirrung Kosteks anfänglich auch noch zu, da er in der Uniform des Vaters dessen Persönlichkeit mit der eigenen überlagert sieht, ist dies doch ein Schritt zur Emanzipation: leise, ganz leise fängt er an, sich von der Mutter, aus deren Einflussbereich zu lösen.

Dieser gewandelte Kostek hat keinen Platz mehr im zerrissenen Polen. Twardoch gönnt dem Paar, das sich gefunden hat ohne sich zu erkennen, kein Happy End. Es ist schließlich kein amerikanisches Buch, sondern ein polnisches [2]. Aber eins, an dem man nicht vorbei gehen sollte!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Polenfeldzug: http://de.wikipedia.org/wiki/Polenfeldzug
[2] dieser letzte Satz ist – um ehrlich zu sein – Brad Pitt nachempfunden, aus Vertrauter Feind: „Es ist keine amerikanische Geschichte, sondern eine irische!“

Bildquellen:
– Autorenbild: http://de.wikipedia.org/wiki/Szczepan_Twardoch; von Zorro2212 (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
– Aufräumungsarbeiten: http://de.wikipedia.org/wiki/Polenfeldzug; Bundesarchiv, Bild 101I-001-0251-34 / Schulze / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons
– Kirchner: Paar im Zimmer: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kirchner_-_Paar_im_Zimmer.jpg; Ernst Ludwig Kirchner [Public domain], via Wikimedia Commons

Szczepan Twardoch
Morphin
Übersetzt aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Originalausgabe:
Morfina, Krakau, 2012
diese Ausgabe: Rowohlt, HC, 592 S., 2014

Adam Olschewski: Ewa

18. Mai 2014

Daniel Olschewski ist ein junger, in Deutschland lebender, polnischer Autor, der 2007 mit „Ewa“ sein Romandebut vorgelegt hat, dem aber – zumindest bin ich nicht fündig geworden – bis dato noch kein weiteres Buch gefolgt ist. „Ewa“ nicht „Eva“, das deutet schon darauf hin, daß hier (auch) polnisches verarbeitet wird, Ewa, die mit Nachnamen „Bruner“ heißt, also einen fast deutschen Namen trägt, hat einen Gegenpart, nämlich R, Rainer, der zu seinem urdeutschen Vornamen den fast polnischen Nachnamen Zabka führt, das (beinahe)-Fröschchen. Frau und Mann, das ist oft die Geschichte eines Gefühls, einer Liebe, einer Zugehörigkeit, einer Abhängigkeit, einer Rebellion, die auch in Hass umschlagen kann, Hass, der unter Umständen gar keinen ausdrücklichen Grund hat, sondern der sich entwickelt, weil Hass oft langsam gärend einfach auf seine Zeit wartet. Und Polen und Deutschland ist auch ein Aufeinandertreffen zweier Kulturen, zweier Lebensweisen und differenter Arten, das Leben zu leben. Polen und Deutschland, das sind zwei, die eine gemeinsame Geschichte haben und praktisch immer waren die Polen deren Leidtragende…..

Die Geschichte spielt, so läßt sich schlussfolgern, Anfang bis Mitte der 90er Jahre vorwiegend in Berlin, zeitlich jedenfalls so, daß Clara Schumann noch mit das Sagen hat – in der Alltagswelt zumindest. Ewa war 1984 als 14jährige nach Deutschland gekommen, die Eltern hatten beschlossen, aus ihrem Urlaub nicht mehr nach Polen zurückzukehren. Dem jungen Mädchen war das recht, auch wenn sie Deutschland im wesentlichen vom Quelle-Katalog her kannt….. Dies ist aber Vergangenheit, wir erfahren nicht allzuviel über diese ersten Jahre, die sie in Deutschland verlebt. Im Gegenteil, wir lernen sie gleich zu Beginn der Geschichte im Vorgriff auf das Ende des Buches kennen: in einer temporeichen, kaum durch Absätze unterbrochenen Einführung schildert der Autor, wie eine, die junge Frau einen Mann, der offensichtlich durch einen Schlaganfall an einen Rollstuhl gebunden ist, packt, in eine Auto zerrt, ihm den Finger bricht und sie die feste Absicht hat, ihn zu töten.

Sie hatte ihn im Zug kennen gelernt, er gab ihr eine Tablette gegen ihren Schmerz, ein älterer Herr, älter als sie zumindest, so um die 50 Jahre, keine Brustbehaarung, was ihr wichtig war („.. Falls…“) und was sie wegen der zwei geöffneten obersten Hemdenknöpfe sehen konnte. Ansonsten: ein Aussehen nach potentierter Gesundheit, das etwas Hohlwangige könnte sie auffüttern, die Augenbrauen berühren sich nur beinahe, was wichtig. War. Die Nase noch nie gebrochen, ein Mann, der Risiken einzuschätzen weiß… und er? Blickte auf unebene, nicht übermäßig volle, aber nicht dünne Lippen, auf sehr hohe Wangenknochen mit Wangen, die eine noch durchaus akzeptable Tendenz zur Pausbäckigkeit aufwiesen, auf ein zartes Erröten vor Verlegenheit, Scham oder Übermut, auf Augen wie Murmeln: „..Schön war sie, ausgesprochen schön sogar. …. endlich eine Frau. Eine echte, die von Gefühlswallung zu Gefühlswallung taumelte. Ohne einen klaren Plan fürs Dasein, lediglich mit Instinkt ausgestattet….“

So kamen sie ins Gespräch, obwohl er sich anfänglich nur gestört fühlte bei seine Zeitungslektüre, für ihn als Chefredakteur einer Berliner Tageszeitung Beruf, aber das ließ sie nicht gelten, es reizte sie, diesen sich ihr Entziehenden zu ködern. Und für ihn wurde ihr Ködern eine Chance, der er schließlich nachlief und die er erhaschte. Und sie blieben im Gespräch, sahen sich regelmäßig, ihm, Rainer, dem Hanseaten, war die Beschränkung auf das Wochenende, bedingt durch die unterschiedlichen Wohnorte, durchaus genügend. Ihr. Nicht. Daher zogen siezusammen bzw. sie zog zu ihm nach Berlin, in seine Wohnung. Er ging fortan zur Arbeit, sie blieb im Bett. Vertrieb sich den Tag mit Totschlagen. Von Zeit. Erlag der Bequemlichkeit, die die Scheckkarte des Mannes bot….. „Liebe wurde zum Tauschgeschäft: etwas für etwas und nichts für nichts.“ Er: musste strampeln, im Job, andere, keine Zeitungsleute, verlangten nach Gewinn, weniger nach journalistischer Qualität.

Ein Schlaganfall, ein Sturz die Treppe hinunter (das sie ihn gestoßen habe: eine Ausgeburt. Seines. Hirns.) Rien ne va plus. Bei. Ihm. Aber: Jetzt konnte sie ihn dorthin bringen, wo sie ihn immer hatte haben wollen und er sich stets gewehrt hatte. Endlich. ….

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Die Gegensätze: R, der Hanseate mit einem Leben, das wie auf Schienen läuft, der Genauigkeit verpflichtet, dem Oberlehrerhaften, mit dem er gerne Vorträge hält, Ordnung und Pünktlichkeit – man kennt das an Deutschen. Sie dagegen impulsiv, aus dem Gefühl heraus, ohne Ziel im Leben aber nicht ohne Plan, läßt sich durch Bequemlichkeit und Geld ködern, ist gut Freund mit dem Fernsehen, proletarisch eben. Und nach wenigen Jahren Kleidergröße 44. Die Gegensätze, die sich einst anzogen, stoßen sich immer mehr ab, sie mutiert in den inneren Monologen zur Gans, bei ihr entwickelt sich eine Abneigung, die zu Hass wird und ihrer potentiellen Gewalttätigkeit ein Feld bieten sollte. Es ist ihr alles zuzutrauen, brutal bricht sie einem Jungen, der den „Benz“ verkratzt, den Arm, verscheucht dessen Freunde mit gezückter Pistole.

Natürlich gibt es nicht nur diese beiden Personen in diesem Roman. Um diese herum spielen andere einen durchaus relevante Rolle: Jagoda, die noch in Polen lebende Cousine Ewas, Gotfryd, der spät in der Handlung auftritt und der wohl mit beiden was hat (so wie R auch mit Jagoda?, eine Andeutung läßt dies vermuten), die Mutter von R, die Ewa nicht ausstehen kann, die sie durchschaut, die aber keinen Einfluss mehr auf ihren Sohn hat, das Verhältnis dieser beiden nur noch auf der formalen Ebene.. Freunde hat R wohl nicht, Arbeitskollegen, die immer auch Konkurrenten sind, Chefs, die immer auch Richter über ihn, der mit einer Polin zusammenlebt, sind….

Ewa hat einen Plan, der sich peu a peu offenbart, R dagegen, bewegungsunfähig und verstummt auf der Pistole sitzend im Benz, hat ein letztes Fünkchen Vertrauen in sie, daß sie ihm nur einen Schrecken einjagen will, ihn bittend und bettelnd sehen will (der er nicht nachzukommen entschlossen ist, nicht einmal der von Ewa gebrochene Finger entlockt ihm sichtbare Äußerungen des Schmerzes), doch wie es so mit Plänen ist, manchmal kommt es anders, wird der Jäger. Zum Gejagten, wird der Betrüger zum Betrogenen… Für R bleibt dies letztlich. Egal….

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In „Ewa“ feiern die Vorurteile, die man so über Polen und Deutschland, Polen und Deutsche hat, fröhliche Urstände: gehen wir davon aus, daß der Autor, selbst in Polen geboren und in Deutschland lebend, sich da auskennt. Wirklich gut schneidet keins der beiden Länder ab, beiden bekommen sie ihr Fett weg… Damit kann natürlich auch die Beziehung zwischen Ewa und R als Clash zweier „Kulturen“ bzw. Lebensphilosophien interpretiert werden, die anfänglich zwar in der Lage sind, eigene Defizite zu bedienen und auszugleichen, die sich aber im Lauf der Zeit immer fremder werden. Ändern jedenfalls tut sich keine der Parteien… Woher Olschewski allerdings den ins Mörderische wachsenden Hass seiner Ewa nimmt, das blieb mir rätselhaft…

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Der Text selbst ist nicht immer ganz einfach zu. Lesen. Wie ich auch in dieser Besprechung plagiiert habe, liebt es Olschewski, die Worte seiner Sätze durch Punkte. Abzusetzen. Ähh… puhhh… ja. Es ist so. Warum. Weiß. Ich. Nicht. Vielleicht auch nur als Alleinstellungsmerkmal gedacht…. Nach dem temporeichen (obwohl auch hier schon innere Monologe eingestreut sind) Beginn des Romans, der durchaus auch einen Thriller einleiten könnte, verliert das Buch ein wenig an Fahrt, weil sehr viel in – den schon erwähnten – inneren Monologen dargelegt wird. Zeichen dafür, daß die Beziehung des Paares wortlos war, nicht durch Diskussionen, Gespräche geprägt? Dadurch die Notwendigkeit, alles mit sich selbst zu besprechen, gegeben war? Auch bei diesen Monologen, in denen sich die Entwicklung der Beziehung offenbart, muss man aufmerksam sein, da der Autor manchmal mitten im Satz zur Gegenseite, zur anderen Person wechselt, völlig unvermittelt aus deren Sicht weiter monologisiert…. gewöhnungsbedürftig und die allermeisten wahrscheinlich ratlos zurücklassend (und damit den Leser in die Rolle R´s drängend) auch die unübersetzten Einsprengsel in polnischer Sprache.

„Ewa“ beginnt als Beziehungsgeschichte zweier ungleicher Partner. Dieser Plot wird sukzessive unterwandert von krimiartigen Elementen, bis die Geschichte am Ende dann zu einem fast lupenreinen Krimi mutiert ist, der durchaus überraschende Elemente aufweist und nur Verlierer zurückläßt. Zumindest in Bezug auf R und Ewa.

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Was bleibt bei mir vom Buch? Sicherlich ist dieser Roman kein „Muss“, manches ist doch zu stereotyp, zu holzschnittartig. Andererseits würde es mich interessieren, wie sich der Autor weiter entwickelt hat, aber wie eingangs erwähnt, der Erstling scheint ein Einling zu sein…. So mag, wer ihm habhaft werden kann, „Ewa“ zwischendurch lesen, als Abwechselung, der Roman hat jedenfalls sein Eigenes.

Adam Olschewski
Ewa
diese Ausgabe: Rogner & Bernhard, HC, ca. 343 S., 2007

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