Alina Schadwinkel: Marie Curie

Schaut man sich die Liste aller bisherigen Nobelpreisträger [3] an, so fällt der Name ‚Curie‘ heraus, weil er insgesamt fünfmal dort auftaucht:

  • 1903 wurde der Preis für Physik an Pierre Curie und seine Frau Marie Curie vergeben,
  • 1911 erhielt Marie Curie als alleinige Preisträgerin die Auszeichnung in der Kategorie Chemie und
  • 1935 schließlich erhielten Tochter Irène Joliot-Curie und Schwiegersohn Frédéric Joliot den Chemie-Nobelpreis

Aus diesen nüchternen Fakten läßt sich die beeindruckende Ausnahmestellung Marie Curies (1867 – 1934) herauslesen: Sie war die erste Frau überhaupt, der ein Nobelpreis verliehen worden war, sie war die erste (von insgesamt nur sechs) Personen, die den Preis zweimal erhielten und mit ihrer Tochter Irène sind sie das einzige Mutter/Tochter-Paar, das diesen Preis bisher zuerkannt bekam. Daß sie ihre erste Auszeichnung zusammen mit ihrem Ehepartner erhielt, ist ebenfalls eine große Ausnahme.

Eine imponierende Frau also, die in Polen als fünftes Kind eines Lehrerehepaares geboren worden war. Polen war zu dieser Zeit kein selbstständiger Staat, sondern gehörte zum Reich des russischen Zaren, der Polnisches im Land verbot, so z.B. die Sprache… Der Familie Sklodowski wurde mangelhafte Loyalität zu Russland vorgeworfen, was zu Repressionen führte. Die Tochter Maria (die Umbenennung in Marie fand erst später statt) interessierte sich früh für wissenschaftliche Geräte und Probleme. Da Frauen in Polen nicht studieren durften, schloss sie mit ihrer Schwestern Bronja einen Pakt, nach Frankreich zu gehen, wo Frauen einen Studienplatz erhalten konnten. Erst wollte die jüngere Schwester die ältere unterstützen, danach sollte es umgekehrt sein.

Ich will jetzt weder den wissenschaftlichen Werdegang von Marie Curie noch ihren privaten Lebenslauf wiedergeben, dies nämlich ist Inhalt des ersten Teils von Schadwinkels Ausführungen. Mit ihrer Arbeit geht es der Verfasserin im wesentlichen darum, das öffentliche Bild der Frau, die ihre Rollen als Wissenschaftlerin, Ehefrau und Mutter in der öffentlichen Wahrnehmung mit einschüchternder Perfektion ausgefüllt hat und die mit ihrer Einstellung Frauen den Weg in der Forschung geebnet habe, unter anderem Gesichtspunkt zu betrachten und als Ergebnis einer spektakulären Imagekampagne zu erkennen. „Dieser war es nämlich gelungen, das Bild einer Art Superheldin zu schaffen, die zu klug, zu engagiert und zu talentiert war, um von normalen Frauen nachgeahmt zu werden.“ Die normalen „Erdlinge“ waren nicht gut genug für diesen Mythos, sie konnten nur scheitern. Marie Curie also als übermächtige, einschüchternde Person. Wobei diese ‚Korrektur‘ nichts ändert an der Großartigkeit der Leistung und der Person Marie Curies.

Was war passiert? Nach dem Unfalltod ihres Mannes Pierre (1906) trauerte Marie Curie sehr unter ihrer Verlust.  Wenige Jahre nach dem Tod Pierres kam es zu einer Schmutzkampagne gegen sie, die Polin, weil ihre Liebesbeziehung mit dem verheirateten Physiker Langevin bekannt wurde und zu üblen Rufschädigungen führte [6]. Daß sie Nobelpreisträgerin war (im allgemeiner Einschätzung jedoch eher die Assistentin ihres Mannes galt), spielte in der voyeuristisch aufgeheizten Debatte keine Rolle mehr, ihr Ansehen in der Öffentlichkeit litt dramatisch. Dazu kam, daß – später auch unter der Nachwirkung des Krieges – ihr Labor miserabel ausgestattet war, es fehlte an allen Ecken und Enden.

In dieser Situation kam kurz nach dem Ersten Weltkrieg die amerikanische Journalistin Marie Mattingly Meloney [9] auf sie zu und bot ihr die Möglichkeit, über eine Kampagne in den USA Geld zu sammeln, um Forschungsmaterial, sprich Radium, für ihr Labor zu kaufen. Durch die Not gedrungen, stimmte Marie Curie dem Vorschlag der Amerikanern zu, die daraufhin die sowieso schon herrschende Sympathie, die Curie in den Staaten genoss, geschickt immer weiter anheizte und hochpushte.

Weitere Faktoren für das positive Bild Marie Curies in der Öffentlichkeit war die verklärende Biographie, die Eve Curie, die zweite Tochter Maries, verfasste und 1934 veröffentlichte.

In ihrem letzten Abschnitt befasst sich Schadwinkel mit der heutigen Situation von Frauen in der Wissenschaft. Gekennzeichnet ist diese dadurch, daß der Anteil von Frauen auf und in den unteren Stufen, sprich dem Studium, hoch ist, aber je ‚höher‘ hinauf auf der akademische Leiter es kommt, desto geringer wird der Anteil der Frauen, die man trifft. Nur relativ wenigen gelingt es noch ‚oben‘. Die Gründe sind mannigfach und bestehen trotz vieler Förderanstrengungen nach wie vor.

Kurze Abschnitte widmet Schadwinkel ferner möglichen Anwendungen von radioaktiven Substanzen als Strahlenquellen (von radioaktiver Strahlung zu reden ist etwas irreführend, denn die Strahlung ist nicht radioaktiv, sondern sie ist Radioaktivität von Substanzen äußert sich u.a. als Strahlung) z.B. in der Medizin bei der Bekämpfung von Krebs. Erschreckend ist die Naivität, mit der damals die Risiken nicht gesehen wurden. So nutzten ‚Strahlenärzte‘ nach Schadwinkel damals die Rötung der eigenen Haut als eine Art Dosimeter für die an Patienten vorgenommene Bestrahlung…. Ganz kurz geht die Verfasserin auch auf die GAU in Tschernobyl und Fukushima ein. Größeren Raum widmet sie der Diskussion um die heutige Rolle und die Möglichkeiten von Frauen und Forschung und Wissenschaft.


Schadwinkels übersichtsartige Ausführungen sind in der Reclam-Reihe 100 Seiten erschienen [5]. Sie sind knapp gehalten und geben einen konzentrierten Überblick über die biographischen und wissenschaftlichen Eckdaten des Lebens von Marie Curie und daraus resultierenden Fragen von heute.

Als Überblick und Einstieg ist das Heftchen sicher gut geeignet. Leider ist es jedoch so, daß die unter ‚Gemecker‘ angemerkten ‚Klopse‘, die die Wissenschaftsredakteurin [7] in ihrem Text versteckt hat, diesem etwas vom Glanze nehmen.


Gemecker:

An zwei Stellen des Buches bin ich heftig ins Schlingern geraten:

… So nimmt 1942 in Chicago der weltweit erste Atomreaktor den Betrieb auf. Er produziert Material für das Manhattan-Projekt, das die erste Atombombe entwickelt. Sie basiert auf Polonium. Am 6. August schließlich setzt das amerikanische Militär die neue Waffe zum ersten Mal ein. [S. 63]

Tja… Polonium hatte damit nur wirklich nichts zu tun und Polonium mit Plutonium zu verwechseln – das ist schon ein grober Schnitzer von Autorin und Verlag. Der Rest der Aussage ist ebenso zumindest missverständlich. Die erste Bombe (Hiroshima) basierte auf U-235, das in Oak Ridge über eine Gaszentrifugenanlage gewonnen worden war. Plutonium (sic!) war Ausgangsmaterial für den Trinity-Test (der aber nur ein Test und keine Bombe war) und dann für ‚Fat Man‘, den zweiten Atombombeneinsatz der Amerikaner am 9. August 45 über Nagasaki.

Das zweite Schlingern ist dagegen schon fast humoristisch:

… liefert das Paar den Beweis, dass sich ein Element von Menschenhand in ein andres verwandeln lässt. … wird Aluminium nach dem Beschuss zu radioaktivem Phosphor. Die Halbwertszeit des strahlenden Elements beträgt dreieinhalb Minuten – dann zerfällt es zu stabilem, nicht radioaktivem Silikon. [S. 77]

Jetzt erfahren wir Heim- und Handwerker also endlich, wo das Zeug in der Kartusche (oder dem Brustimplantat…) wirklich herkommt…. Mit Silikon ist natürlich das Element gemeint, das den guten, alten und allgemein üblichen Namen Silizium trägt[4]; ‚Silikone‘ dagegen – die es tatsächlich gibt – sind chemisch was völlig anderes, stellen eine eigene Substanzklasse in der (organischen) Chemie dar… Wie steht es so treffend (und vllt auch hier gültig) in der Wiki: „Silikon (engl.: silicone) darf nicht mit Silicium (engl.: silicon) verwechselt werden. Die im Englischen ähnliche Schreibweise führt oft zu falschen Übersetzungen.“ [8]


Links und Anmerkungen:

[1] —-
[2] Alina Schadwinkel: Als Ikone vermarktet, aber der Forschung verschrieben; in:  http://www.zeit.de/wissen/geschichte…komplettansicht
[3] z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nobelpreisträger  oder auch hier: https://www.planet-wissen.de/…diefamiliecurie100.html
[4] siehe z.B. hier: http://www.periodensystem-online.de/…nuklid
[5] vlg. hier: https://www.reclam.de/…Infobroschuere.pdf
[6] vgl. z.B. hier: http://www.sciencesofa.info/…dangereuse/
[7] Autorenprofil bei der ZEIT, wo sie im Ressort Wissen arbeitet:  http://www.zeit.de/autoren/S/Alina_Schadwinkel/index
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Silikone
[9] https://www.britannica.com/biography/Marie-Mattingly-Meloney

Alina Schadwinkel
Marie Curie
diese Ausgabe
 (Originalausgabe): Broschiert, 100 S., 2017

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Swetlana Alexijewitsch: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht

Die Autorin dieses 2015 bei Suhrkamp erschienen Buches, Swetlana Alexijewitsch, wird dort noch als mehrfache Preisträgerin u.a.. des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2013, vorgestellt. Mittlerweile haben sich die Ehrungen vermehrt um die angesehenste im Reich der Buchstaben, i.e. den Nobelpreis für Literatur 2015 [2]. Herzlichen Glückwunsch!

Swetlana Alexijewitsch wurde 1948, wenige Jahre nach Kriegsende also, in der Ukraine geboren und wuchs in Weissrussland auf. Sie studierte in Minsk Journalismus und arbeitete als Journalistin ebenso wie als Lehrerin. Im vorliegenden Buch entwickelte die Autorin Anfang der 80er Jahre zum ersten Mal ihren eigenen Stil, in dem sie die Stimmen von Menschen in einer Art literarischer Collage zu einem Ganzen zusammenstellte und formte. [1] In hunderten von Interviews und Briefen hat sie Aussagen einer bis dato kaum beachteten Gruppe von Weltkriegsteilnehmer gesammelt, von Frauen nämlich, die aktiv als Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg an der Front gekämpft hatten. Zwar waren viele dieser Frauen im Sanitätsdienst tätig (wie man es intuitiv vielleicht erwartet), holten die Verwundeten unter Beschuss von der Frontlinie und versorgten sie weiter im Lazarett, es gab aber auch Scharfschützinnen, Kraftfahrerinnen, Flagschützinnen; viele Frauen kämpften auch in den Reihen von Partisanen.

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Mit diesem Bericht über die Frauen im Krieg „eckte“ Alexijewitsch an: die russische Zensurbehörde warf ihr vor, mit ihm die „Ehre des Großen Vaterländischen Krieges“ beschmutzt zu haben. Erst 1985, nachdem Gorbatschow die Perestoika ausgerufen hatte, konnte dieses Buch in Russland erscheinen und rief eine ungeahnte Resonanz bei vielen Frauen hervor, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nie über ihre Erfahrungen hatten reden können. Daraus resultiert die vorliegende, überarbeitete und erweiterte Ausgabe von Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, die 2008 in Moskau und 2013 in Deutschland erschien. Unter anderen enthält das Buch jetzt eine Aufstellung von Aussagen, die seinerzeit von der Zensurbehörde herausgestrichen worden waren, ferner auch Texte, die die Autoren selbst gestrichen hatte.

 


Ausgangspunkt der Aufzeichnungen ist die sich selbst gestellte Frage der Autorin, warum haben die Frauen, die doch ihren Platz in einer ursprünglich absoluten Männerwelt behaupteten, ihre Geschichte nicht behauptet? Ihre Worte und ihre Gefühle? Sie haben sich selbst nicht vertraut. Sich nicht anvertraut. Eine ganze Welt blieb uns verborgen. Ein separater weiblicher Kontinent. … Es gibt einen Krieg, den wir nicht kennen. Ich möchte die Geschichte dieses Krieges aufschreiben. Die weibliche Geschichte.  .Nimmt man den Buchtitel ernst und setzt ihn in Bezug auf diese ausformulierte Intention, so ist man versucht, kurz und bündig festzustellen: gescheitert, die weibliche Geschichte des Krieges gibt es nicht: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, offenbar also doch ein männliches.

Ganz so einfach ist es aber dann doch nicht (was jetzt wiederum die Frage nach dem Sinn des Buchtitels auf den Plan bringt), wie sich im Lauf des Buches zeigen wird: Frauen erinnern sich an anderes und anders. Sie können Dinge sehen, die den Männern verborgen sind. Es ist eine andere Welt, anders als die der Männer. Mit Geruch, mit Farben, mit Alltagsdetails. .. Doch worüber Frauen auch sprechen, immer ist der Gedanke präsent: Krieg, das ist vor allem töten und – schwere Arbeit. Und auch – ganz normales Leben. Sie haben gesungen, sich verliebt, sich die Haare frisiert. Aber das Wesentliche ist: Wie unerträglich es ist, zu töten, denn eine Frau gibt Leben. ….

Ungefähr eine Million Frauen haben aktiv in der Roten Armee am 2. WK teilgenommen, ob hier die Kämpferinnen in Reihen der Partisanen mit einbezogen worden sind, weiß ich nicht. Die Frauen haben in allen möglichen Funktionen gedient, sogar für Frauen in der Marine auf See gibt es Beispiele. Sie waren (wie schon angeführt) Funkerinnen, Feldscherinnen, Krankenschwestern, Scharfschützinnen, Geschützführerinnen, Telefonistinnen, Wäscherinnen, Instrukteurinnen etc pp…. entweder direkt an der Front oder kurz hinter der Front, wo die für die Versorgung der Frontsoldaten/-innen zuständigen Einheiten liegen.

Sie wurden als junge, unschuldige, lachende, singende, auf Leben gespannte Mädchen überrascht vom Krieg, vom Überfall der Faschisten auf Russland. Und sie stürmten die Wehrkomitees, um sich registrieren zu lassen, um an die Front zu kommen: …ich hatte an diesem Tag ein Rendezvous. Ich dachte, an diesem Tag würde er mit gestehen: „Ich liebe dich“, aber er kam ganz traurig an: „Vera, es ist Krieg! Wir werden direkt von der Schule an die Front geschickt. … Ich musste unbedingt an die Front und unbedingt ein Gewehr in die Hand!. Vierzehnjährige gaben sich als Sechzehnjährige aus, Sechzehnjährige als Achtzehnjährige. Die Wehrkomitees wollten keine Mädchen an die Front schicken, aber sie gingen immer wieder ins Wehrkomitee, klopften wieder und wieder an., schmuggelten sich in die Truppentransporte an die Front, ließen sich dort nicht abschütteln, fuhren einfach nicht wieder zurück, bis man sie in die Truppe aufnahm. Alle waren bereit, die Heimat zu verteidigen, dies war ihnen wichtiger als der Tod: Wir waren so erzogen, … man hatte uns beigebracht, unser Land zu lieben. Offenbar war diese Erziehung sehr erfolgreich…

Sie kamen an die Front… dort jedoch war man auf Frauen bzw. Mädchen nicht eingerichtet. Es gab es keine Frauenausrüstung. Schuhgröße 34 in Stiefel 42., keine Blusen, keine Frauenunterwäsche, nur grobe Männersachen. Die Zöpfe wurden sofort abgeschnitten. Die Gewehre waren größer als die Mädchen…. Mancher Kommandeur wollte die Mädchen schonen, sie irgendwo auf der Schreibstube einsetzen: wütender Protest: „Genosse noch höherer Chef, ich fahre sowieso nicht nach Hause, ich komme mit Ihnen auf den Rückzug!“ Die militärischen Gepflogenheiten waren ihnen, wie man liest, (weitestgehend noch) fremd.

Die Konfrontation mit der Realität eines Fronteinsatzes muss grausam gewesen sein. Viele der Mädels waren zum ersten Mal von der Mama getrennt, Heimweh, Sehnsucht nach ihr. Die Angst unter dem Feindbeschuss, die fürchterlichen Verletzungen, der Hunger, die Armseligkeit des Soldatenlebens. Der Schlafmangel, der Lärm der Geschütze, das Eingewöhnen in einen militärischen Alltag, das Vergessen des Frau-Seins. Bei einigen Frauen reagierte der Organismus: sie bekamen während des Krieges keine Regel, andere Mädchen schrieen erschrocken auf und glaubten, sie seine verwundet.. sie waren so unschuldig, wußten noch nichts von der „Frauensache“… Drei Tage dauert es, bis man an der Front die Zivilisation abgelegt hat, halb Tier ist, halb Mensch….

Sie standen ihren Mann, so erinnern sie sich. Holten die Verletzen unter Feindbeschuss aus dem Gefecht, Mädels, die verletzte, zerfetzte Soldaten, die viel schwerer sind als sie, bergen. Grausige Szenen.. das Bein ist fast ab, aber beim Herankriechen ist die Tasche aufgegangen und alles ist herausgefallen. Also beisst sie die letzten Fleisch- und Hautfetzen durch… wurden selbst verwundet, das Bein musste amputiert werden, aber es gab keine Narkosemittel und nur eine Zimmermannssäge…. saßen am Flakgeschütz und schossen und schossen und schossen. Fuhren LKW und reparierten sie, wuschen die Wäsche, die immer blutig war und dreckig war, in endlos langen Schichten, kochten Kessel voller Grütze und am Abend kam keiner zum Essen: alle waren tot. Und sie überstanden auch die Folter des SD und der Gestapo….

… und doch blieben sie Frauen, dachten anders, achteten auf anderes, legten Wert auf anderes. Die hilflosen Versuche, das Gesicht zu schützen: wenn schon sterben, dann schön und nicht so verstümmelt. Nahmen Zucker als Haarfestiger anstatt ihn zu essen, wollten sich schminken, wuschen sich die Haare, nahmen zu Not Gras, um Dreck abzureiben. Entdeckten Blumen und Blüten, die die Männer nicht zu Kenntnis nahmen. Sangen Lieder…

Aber ihre Seelen blieben verletzt, ein Leben lang. Sie erzählen von Träumen, in denen alles wieder hochkommt. Für viele ist die Farbe „Rot“ unerträglich: die Farbe des Blutes… manche können kein Hühnerfleisch mehr essen, dessen helle Farbe gleicht dem Fleisch von Menschen… solche Beispiele liest man viele in den Aussagen. Womit wir bei einem weiteren traurigen Kapitel wären: der Zeit nach dem Krieg, als es für die Überlebenden wieder nach Hause ging.

Der Sieg war ein Sieg der Männer.

Manche wurde so empfangen: Wir wissen genau, was ihr dort gemacht habt! Ihr habt dort mit unseren Männer geschlafen. Frontschlampen! Soldatenflittchen! Hatten die Mädchen vor Jahren lernen müssen, im Krieg zu überleben, müssen sie nun den Frieden lernen und es wird ihnen nicht einfach gemacht. Oft ist nichts mehr da, das Haus verbrannt, die Sachen verbrannt, die Familie verbrannt. Kinder erkennen ihre Mutter nicht mehr mit den kurzen Haaren, den Militärklamotten, sie haben Angst vor diesem fremden Mann…. die einstigen Freundinnen haben jetzt vielleicht einen Beruf, haben was gelernt, haben einen Mann.. und was können sie außer töten? Die meisten haben zudem gesundheitliche Probleme, die jetzt in Friedenszeiten um so stärker zu Tage treten. Bei anderen wiederum tritt nicht der erhoffte Frieden ein: das eigene Land wendet sich gegen sie, der NKWD holt den einen oder anderen aus der Familie und wirft ihn für Jahre ins Lager. Man war denunziert worden….

Auffällig in den Aussagen der allermeisten Frauen ist der „positive“ Grundtenor. Sicher, der Krieg war grausamst, aber die Kameraden waren gut zu den Mädchen, schützten sie, die Verwundeten waren für ein Lächeln dankbar und starben dann mit einem solchen auf ihrem Gesicht. Man bzw. Frau war gut, manche versorgten sogar ohne Ansehen der Persönlichkeit Deutsche, wenn die Situation so war. Sogar Essen gaben manche ihnen, wenn ein Zug Gefangener an ihnen vorbei marschierte. Der anonyme Hass auf die Faschisten klang manchmal ab, wenn ein konkreter Mensch vor ihnen litt.

Mädchen, junge hübsche Mädchen unter vielen, vielen Männern. Die jahrelang keinen Urlaub bekamen, keine Frau sonst sahen. In einer Armee, die nicht wie z.B. die Wehrmacht, für die Triebabfuhr Bordelle betrieb (so verabscheuungswürdig dieser Betrieb auch war)… und das soll problemlos funktioniert haben? Es gibt zwei Frauen im Buch, die dieses Thema „sexuelle Übergriffe“ angesprochen haben: Wenn geschossen wurde, auf dem Schlachtfeld, da riefen sie „Schwester! Schwesterchen!“, aber nach dem Gefecht lauerten sie einem dauernd auf. Nachts traute man sich gar nicht aus dem Unterstand … Haben die anderen Mädchen ihnen davon erzählt oder nicht? Sie haben sich geniert, nehme ich an … und geschwiegen. Aus Stolz! Aber es war so. Keiner wollte sterben. Ein Gegenmittel war es, sich mit dem Bataillonskommandeur anzufreunden…. eine andere Frau berichtet, daß nachts, wenn sie schlief, immer Hände zu ihr kamen, sie berührten, über sie hinwegfuhren… im Lazarett fiel dann auf, wie unruhig, um sich schlagend, sie schlief…


Viele der Frauen, die Alexijewitsch aufgesucht hat, haben zum ersten Mal von all diesen Dingen erzählt. Nicht immer war dies den Männern recht, diese waren eher an Fakten interessiert: wer wann wo gekämpft hat und mit welchen Ergebnis. Die Gefühlsduselei ihrer Frauen war ihnen unangenehm, aber für diese war ihre Zuhörerin ein Geschenk Gottes: nach all den Jahrzehnten jemand, der sich Zeit nahm für sie, dem ihr Schicksal wichtig war… häufig flossen Tränen….

Die Erinnerung eines Menschen ist eine unzuverlässige Informationsquelle. Das Gehirn siebt, verdrängt, mischt aus einzelnen Erinnerungen neue zusammen, baut Gehörtes mit ein in die eigene Erlebniswelt, sortiert, wertet…. Aber es gibt auch objektive Kriterien für den Wert, den die Frauen für die Rote Armee hatten: viele von ihnen bekamen Orden und Auszeichnungen, wurden von den Kommandeuren gelobt und – soweit in Führungspositionen – auch von den Untergebenen respektiert und möglicherweise „geliebt“. Auch solches klingt immer wieder an.

Die enttäuschte Hoffnung: wenn der Krieg aus ist, wird es niemals wieder Krieg geben. Die Menschen werden sich lieben, werden in Frieden zusammen leben, werden arbeiten, Kinder bekommen, werden alt werden und in Frieden sterben…. Es sollte anders kommen.


Alles kann zur Literatur werden.

Bei der Buchveröffentlichung einer Autorin, die für ihr Werk den Literaturnobelpreis bekommen hat, stellt sich manchmal die Frage: kann man als Leser die Tatsache, daß das Werk der hier: Autorin (als Beispiel für ihr Schaffen diene das vorliegende Buch) derart geehrt worden ist, nachvollziehen?

Alfred Nobel, der die nach ihm benannten Preise für Chemie, Physik, Medizin, Frieden und Literatur gespendet hat, hat die Vergabekriterien für den Literatur-Nobelpreis vage gehalten. Es soll der ausgewählt werden, „der in der Literatur das Vorzüglichste in idealer Richtung geschaffen hat“ (so die Formulierung, die ich gefunden habe), ein Kriterium, das zumindest drei Parameter enthält, die der Definition bedürften: Was ist Literatur, was ist das Vorzüglichste und was ist mit idealer Richtung gemeint und ich bin ganz sicher nicht der Mensch, der diese Definitionen liefern kann (und es ja auch nicht muss)…..

Dennoch kann ich die Kritik von Iris Radisch [3] an der Verleihung des Preises an Swetlana Alexijewitsch gut nachvollziehen. Nehme ich dieses vorliegende Werk von ihr beispielhaft (so wie man liest, entsprechen die anderen Bücher von ihr diesem in seiner Konzeption und seinem Aufbau), so sieht man, daß von ca 350 Textseiten vielleicht 50 oder 60 von ihr sind, denen die anderen ungefähr 300 (bearbeiteten?) Seiten mit  Gesprächsprotokolle der Frauen gegenüberstehen. Unabhängig davon, wie wichtig das Werk, diese Zusammenstellungen an sich sind, entspricht das dem, was „man“ unter Literatur versteht? Radisch sieht hier einen sehr freien Literaturbegriff (und wenn alles Literatur ist, dann ist letztlich nichts mehr Literatur), der im Grunde alles schriftlich Niedergelegte umfasst und damit verschiedene Kategorien vermengt: Literarisches mit Journalistischem und mit Chronistenarbeit. Solches nämlich ist meiner Meinung nach die Arbeit das Buch/Werk Alexijewitschs eher denn Literatur im Sinne eines Grass, Böll, eines Modiano, einer Müller oder auch eines (immer wieder nicht ausgezeichneten) Philip Roth, selbst wenn Alexijewitsch im vorliegenden Buch konstatiert: Alles kann zur Literatur werden. Letztlich hat wohl auch die Vergabe des Literaturnobelpreises oft eine politische Komponente (in der Vergabebegründung dieses Jahres heißt es: „….für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt„[4], was nicht unbedingt ein Hinweis auf neu erschlossene literarische Dimensionen ist als das sie eher auf gesellschaftliche bzw politische Aussagen hindeutet), womit ich nicht (noch einmal ausdrücklich) den Wert der Arbeit von Swetlana Alexijewitsch anzweifeln will.

Mit Der Krieg hat kein weibliches Gesicht (ich verstehe den Titel angesichts des Inhalts im Übrigen immer noch nicht) hat sie jedenfalls den Soldatinnen der Roten Armee eine gewichtige Stimme verliehen. Sie, die im Krieg zum Teil über sich hinaus gewachsen waren, wurden nach dem Krieg nicht geehrt, ihre Verdienste verschwiegen. Im Gegenteil ließ man sie mit all den Problemen, die sie aus dem Krieg mit hinüber in den Frieden brachten, allein. Dies wird sich auch nach der Veröffentlichung des Buches in Russland kaum geändert haben, aber zumindest  hat die Autorinnen den vielen Frauen, die für ihr Land kämpften, eine aufrüttelnde Stimme gegeben. Und sie hat – wie es schon so oft geschehen ist und immer vergebens – die Grausamkeit, die Menschenverachtung eines jeden Krieges dargestellt.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite der Autorin in der Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Swetlana_Alexandrowna_Alexijewitsch
[2] siehe zum Beispiel hier auf der Autorenseite des Hanser-Verlages:  http://www.hanser-literaturverlage.de/autor/swetlana-alexijewitsch/
[3] Iris Radisch: Plötzlich ist jeder Text ein Kunstwerk;  http://www.zeit.de/2015/42/literatur-nobelpreis-swetlana-alexijewitsch
[4] zitiert nach: – : Swetlana Alexijewitsch erhält den Literaturnobelpreis;  http://www.zeit.de/kultur/literatur/2015-10/nobelpreis-literatur-2015-live

Ein Übersichtsartikel in der Wiki über Frauen beim Militär:  https://de.wikipedia.org/wiki/Frauen_im_Militär

zur Farbcodierung: grün markierte Stellen sind dem vorliegenden Buch entnommen (unter u.U. grammatikalisch leicht verändert in den Text eingefügt), violette Stellen sind Zitate aus anderen Quellen.

Swetlana Alexijewitsch
Der Krieg hat kein weibliches Gesicht
Übersetzt aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt

Originalausgabe:
diese Ausgabe: suhrkamp-taschenbuch 4605, ca. 360 S., 2015

Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen

1944, im Frühling, wird in der Wohnung der jüdischen budapester Familie Köves der Abschied vom Vater begangen, der eine Einberfung in ein Arbeitslager erhalten hat. Sicherlich, eine unangenehme und gefährliche Sache, insbesondere im Zusammenhang mit anderen Einschränkungen, die jüdischen Geschäftsleuten auferlegt werden, aber – so wissen es die Verwandten – es sind Verhandlungen im Gange, in denen die Juden Budapests als Faustpfand der Deutschen gegen die Alliierten dienen und so wird es nicht zum Äußersten kommen. Und überhaupt – so ein anderer Verwandter – hat Gott ihnen dieses Schicksal um ihrer einstigen Sünden willen zuteil werden lassen. Und er würde erwarten, daß wir [i.e. die Juden] in diesen schweren Zeiten an dem Platz bleiben, den er uns zugeteilt hat. [Dem Sinn nach zitiert, S. 31].

Zwei Monate später erhält auch der Ich-Erzähler, der 15 jährige György (das alter ego des Autoren) seine Arbeitsverpflichtung in einer etwas ausserhalb gelegenen Fabrik, der Shell-Erdölraffinierie. Die Juden unterliegen mittlerweile (wie Kertesz sehr beiläufig und ohne groß Aufhebens davon zu machen) einer Vielzahl von Beschränkungen: so dürfen sie mit dem gelben Stern das Stadtgebiet nicht verlassen (den Stern natürlich auch nicht abenehmen oder verdecken), man darf auch nur bis 20:00 Uhr mit dem gelben Stern auf die Straße. Ferner darf niemand Handel treiben, der nicht reinen Blutes ist. Jüdische Personen haben mit geringeren Lebensmittelzuteilungen zu leben. Und ordnungsgemäß handelt heißt für Juden, auf die allerletzte Plattform im letzten Anhänger der Straßenbahn zu gehen.

György fährt täglich mit anderen Jugendlichen zusammen in die Fabrik, wegen der kriegswichtigen Tätigkeit haben sie eine entsprechende Erlaubnis. Doch eines Tages wird der Bus angehalten und alle Juden werden herausgeholt und aufgehalten. Erst am Ende des Tages geschieht aber etwas: offenbar von höherer Stelle aus koordiniert marschieren die Festgehaltenen los, vereinigen sich mit anderen Marschgruppen und treffen schließlich in einer Ziegelei ein. Dort verbringen sie die Nacht, zusammengepfercht mit vielen anderen, die schon an diesem Ort waren.

Beim Lesen dieses Abschnitts habe ich mir gedacht, daß ich mein Urteil, das ich bzgl der Naivität des Jungen im Buch John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama zurücknehmen muss. Kertesz schildert hier, wie „er“ zum Beispiel das Untertauchen und Verschwinden eines Kameraden aus dem Zug, als dieser mal stoppen musste, verurteilte, weil es nicht anständig war. Eine eigenes Entkommen, welches ihm ebenso möglich schien, hat er deswegen nicht ernsthaft in Erwägung gezogen. Und ebenso hat der Polizist, der einen Bestechungsversuch ablehnte, mit dem einer der Festgehaltenen entkommen wollte, anständig gehandelt… Nach all den Einschränkungen, Willkürakten, der Vater schon im Arbeitslager, kann man da wirklich so unbedarft sein? Ich muss es wohl glauben, denn der Autor beschreibt ja sein eigenes Schicksal….

Der Junge kommt nach einer qualvollen Bahnfahrt (es wird ihnen Wasser verweigert) nach Ausschwitz. Dort – auch das scheint ihm alles seine notwendige Ordnung zu haben – durchläuft er die Eingangsprozedur mit Selektion („Eine Tauglichkeitsprüfung wohl im Hinblick auf die Arbeit…„, Leibesvisitation, Bad, Friseur. (Mit der Einschätzung der Selektion als Tauglichkeitsprüfung lieg György ja garnicht so verkehrt…. jedoch: „From a transport consisting of about 1.500 people, about 1200 to 1300 went to the gas chambers…. [4]“) Es ist geradezu makaber, wenn Kertesz schildert, daß der Junge nach der Selektion im Kreis seiner Freunde steht und die hinter ihm vor den Arzt tretenden betrachtet, im Geiste ebenfalls selektiert und mit mancher Entscheidung des Arztes nicht zur Gänze einverstanden ist. Erst das Aushändigen der Sträflingsklamotten weckt Zweifel in ihm. [1]

Drei Tage nur bleibt der Junge in Ausschwitz, es reicht, um die wesentlichen Abläufe und vor allem auch den Hunger im Lager kennen zu lernen. Danach wird er nach Buchenwald transportiert, das im Gegensatz zu Auschwitz kein Vernichtungslager ist und letztlich landet er im Aussenlager Zeitz. Was ihn besonders schmerzt ist die Trennung von den anderen Jungen, mit denen er bisher zusammen war. Aber er lernt in Zeitz [3] einen Freund kennen, von dem er sich einiges abschauen kann, der seine Moral stützt. Aber irgendwann ist selbst ihm, der in allem, was er sieht, einen Sinn sucht, alles zuviel: György ist erschöpft und am Ende, gibt sich auf, wird apathisch und es wird ihm alles egal.

Wegen einer Phlegmone am Knie kommt er auf die Krankenstation, wird dort behandelt. Wieder zurück nach Buchenwald ist er mehr Tod wie lebendig, schon kurz davor, auf den Karren mit den Leichen geworfen zu werden. Aber dann wird er völlig überraschend von einem Pfleger der Sanitätsstation gepackt und auf selbige eingewiesen. Schnell fasst er Vertrauen in den Pfleger und den Arzt, es geht ihm immer besser und über die Lagerlautsprecher kann er das Geschehen draußen verfolgen. Am 11. April 1945, gegen 12 Uhr hört er dann, daß alles SS-Angehörigen aufgefordert werden, das Lager zu verlassen. Damit ist das Lager de facto befreit.

György braucht eine Zeit, bis er dies fassen kann. Schließlich schlägt er sich nach Hause durch, dort erfährt er, daß sein Vater in Mauthausen ermordert wurde, seine Stiefmutter hat in der Zwischenzeit den Verwalter des alten Geschäfts geheiratet.

Die letzten Sätze sind die rätselhaftesten im Buch:

„… Denn sogar dort, bei den Schornsteinen , gab es in der Pause zwischen all den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war. Alle fragen mich immer nur nach den Übeln, den „Greueln“: obgleich für mich vielleicht gerade diese Erfahrung die denkwürdigste ist. Ja, davon, vom Glück der Konzentrationslage, müßte ich ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen. … „

Der Titel des Buches: Roman eines „Schicksallosen“ läßt stutzen, ist seltsam. Aber vielleicht führt dieses Zitat [2] auf die Spur:

Natürlich“, „das sah ich ein“, auf diesen Ton ist alles gestimmt. der junge Köves revoltiert nicht, er versucht, die Welt zu verstehen. Er weiß nicht, was auf ihn zukommt (Kertész hat immer wieder bekräftigt, dass dies für die meisten galt, die deportiert wurden), so tritt er jeder neuen Lage innerlich frei gegenüber. In Buchenwald lobt er Landschaft und Proportionen als „gemäßigt, ja, ich darf sagen lieblich“. Ihm gefällt der kleine Tierpark der SS mit dem spaßigen Bären, und später, als er aus dem Lager Zeitz nach Buchenwald zurückkehrt, da zeigt sich ihm ein freundliches Bild und es war die „Stimme einer leisen Sehnsucht nicht zu überhören: ein bißchen möchte ich noch leben in diesem schönen Konzentrationslager.“

Denn, so sagt er nach seiner Rückkehr: “ es war nicht einfach so, daß die Dinge „kamen“, wir sind auch gegangen. Nur jetzt wirkt alles so fertig, so abgeschlossen, unveränderlich…. wenn es ein Schicksal gibt“ so sagt er weiter, „dann ist Freiheit nicht möglich: wenn es aber die Freiheit gibt, dann .. gibt es kein Schicksal, das heißt also ….. wir selbst sind das Schicksal…. .. Ichso beschwört er seine Gesprächspartner, „könne die dumme Bitternis nicht herunterschlucken, einfach nur unschuldig sein zu sollen.“

Kertesz schreibt oder besser läßt seinen Helden alles ganz unaufgeregt erzählen über die Lager, das Leben dort, den Alltag und auch die Greuel, die er selbstverständlich miterlebt. Die Zählappelle, die an seinem Fuss festwachsenden „Schuhe“, über die Latrinen, die Seife, die Stunde am Abend, in der Neuigkeiten ausgetauscht werden können, in denen gehandelt wird unter den Häftlingen… „Gute Häftlinge“ zu sein, das war das Bestreben der meisten, denn dann dauerte der Appell nicht ganz so lange, waren die Schläge nicht ganz so häufig….

Facit: Zu ergründen, was Kertesz uns sagen will, ist nicht einfach, zu sehr widerspricht es unseren Vorstellungen. Aber um so mehr denkt man auch über das Buch nach…..

Anmerkungen:

[1] Was die Eingangsprozedur angeht verläuft sie von den Umgangsformen her weitgehend zivilisiert (wenn man das so sagen kann). Die Jungen werden sogar noch von Häftlingen gewarnt, ihr Alter mit 16 anzugeben. Bei Kogon [s.u., S. 75] heißt es dagegen: „Ein Rudel herumlungernder Scharführer stürzte sich lüstern auf die neue Beute. Es regnete Schläge und Fusstritte…… “ Und auch die Zeugenaussagen im Dokument F 321 gehen in diese Richtung. Hier nur die kürzeste: „Zwei Riesen peitschten mit Lederriemen auf die hereinkommenden Häftlinge ein.“ [S. 28]

[2] Eine Besprechung der Verfilmung „Fateless“ in der Berliner Zeitung

[3] Das Lager konnte ich nicht verifizieren, weder in der Auflistung von Kogon [a.a.O., S. 271] noch über google. Habe aber auch nicht allzu intensiv gesucht…

[4] Die Transporte aus Ungarn begannen wohl im späten Mai 1944. O. Wolken (ein österreichischer Arzt) beschreibt dies so: „Als die Transporte aus Ungarn ab spätem Mai 1944 einsetzten gab es nicht genug Verbrennungsöfen. So wurden große Gräben ausgehoben, um die Körper verbrannt wurden. Das Holz wurde mit Petroleum getränkt. Die Körper wurden in diese Gräben geworfen, oftmals waren die Kinder und Erwachsenen noch am leben. Sie starben einen fürchterlichen Verbrennungstod. Das Fett und Öl, das zum Verbrennen benötigt wurde, wurde zum Teil aus den Leichen der Vergasten gewonnen, um Petroleum zu sparen.“ in: Robert Jay Lifton: The Nazi Doctors, Basic Books, NY, 1986, ISBN 0465049052; Übersetzung von mir.

Imre Kertész
Roman eines Schicksallosen
Rowohlt TB-Verlag, Sonderausgabe HC, 2009; 381 S.
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3499253690
ISBN-13: 978-3499253690

Falls möglich, sind z.B. diese beiden Bücher als Hintergrund zum Roman sehr hilfreich. Insbesonder Kogon beschäftigt sich exemplarisch mit Buchenwald, also genau dem Lager, in dem ein großer Teil des Romans spielt.

Französisches Büro des Informationsdienstes über Kriegsverbrechen (Hrsg)
(Neitzke P; Weinmann M: Erläuterungen)
Konzentrationslager Dokument F 321
Zweitausendeins, Ffm, 1988; Tb, 343 S.

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Eugen Kogon
Der SS-Staat
Kindler, 1974, 413 S.
ISBN 3463005859 (von mir zitierte Auflage)