Meine Lesehöhepunkte 2017

Eine Rückschau gehört dazu, der Jahreswechsel bietet sich an: was war im vergangenen Jahr so besonders beim Lesen, daß es hängen geblieben ist. Mein Kriterium ist das Bauchgefühl, ich scrolle die Veröffentlichungsliste Monat für Monat durch und dort, wo es ‚anschlägt‘ denke ich, dieser Titel gehört wohl dazu. So kommt es, daß meist mehr als 10 Titel in den Top-10 sind, aber was schert es mich. Dieses Jahr jedoch war es anders. Obwohl ich es keinesfalls als schlechtes Lesejahr empfunden habe, hatte ich Mühe, zumindest die obligatorischen zehn Bücher zu finden, die in dieses Aufstellung hineingehören… Diese sind’s jetzt also, die vom letzten Jahr bei mir besonderen Nachklang gefunden haben. Die Reihenfolge ist absolut willkürlich, noch nicht einmal alphabetisch…

John Williams: Augustus

John Williams Augustus wollte ich nicht lesen, seine bis dahin veröffentlichten zwei Romane (Butcher`s Crossing und Stoner) waren dermaßen gut, daß ich davon ausging, daß solch ein Coup ein drittes Mal nicht wahrscheinlich sei. Es war aber so. Williams‘ Roman über den römischen Herrscher Augustus in ein wunderbares, fesselndes, interessantes und sprachlich wunderschönes Buch. Gut, daß man hin und wieder mal was geschenkt bekommt….

Edmund de Waal: Die weiße Straße

Edmund de Waal hatte mit seinem Hasen-Buch die Geschichte seiner Familie, die unter Hitler fast vollständig ausgelöscht worden war, erforscht. Hier legt er mit Die weiße Straße eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit seiner Arbeit als Töpfer vor. Es ist die/eine Geschichte des Prozellans, erfunden in China, wieder erfunden an diversen anderen Orten: Dresden und auch in England und Frankreich. Wie auch sein erstes Buch ein sehr persönlicher Bericht, bei dem man an einigen Stellen das Gefühl hat, der Autor würde sich überfordern, an der Bürde seiner Aufgabe scheitern. Er tut es nicht, und das Buch ist absolut wunderbar.

J. D. Vance: Hillbilly-Elegie

Was immer man auch gegen Trump sagen kann: er ist (gut, das Wahlsystem ist etwas seltsam…) gewählt worden und das zeigt, daß es eine sehr, sehr große Zahl von Menschen in Amerika gibt, die ihn und seine Art gut finden, die an Lügen nichts auszusetzen haben, der Wut auf alles mögliche ‚da oben‘ so groß ist, daß sie kein Problem damit haben, selbstzerstörerisch zu wählen. Was sind das für Menschen, die dort im zentralen Teil Amerikas, unbeleckt von der Aussenwelt, leben? Der Autor dieses Buches, J.D. Vance, gehört(e) zu ihnen, durch eine Menge glücklicher Umstände gelang es ihm, zu studieren und Karriere zu machen. Wenn also jemand dieses oben genannte Phänomen erklären kann, dann jemand wie Vance, der beide Seiten der amerikanischen Gesellschaft kennt.

Hisham Matar: Die Rückkehr

Die Rückkehr Hisham Matars nach Libyen ist eine Auseinandersetzung mit seinem Schicksal, das ihn früh im Leben aus seiner Heimat in ein anderes, ein dunkles, feuchtes Land vertrieben hat und das ihm den Vater nahm. Matar fühlt sich sowohl aus dem Raum als auch aus der Zeit gefallen, er lebt mental in einem Zwischenreich des Unentschiedenen, die Höchstwahrscheinlichkeit, daß sein Vater tot ist, kann ihm das Wissen darum nicht ersetzen und so auch nicht die Ruhe vermitteln, die der endgültige Abschied von einem Toten ermöglichen würde. 2012 schließlich ist für kurze Zeit der Besuch in der alten Heimat möglich…

Anna Kim: Die grosse Heimkehr

Kims Buch widmet sich einem Land, das im Moment immer wieder in die Schlagzeilen gerät, nicht aus erfreulichen Gründen. Die Geschichte Koreas ist tragisch, gab es überhaupt Perioden, von denen man sagen kann, es sei ein glückliches Land gewesen? Nach dem Zweiten Weltkrieg zeichnete sich bald eine Aufteilung des Landes in einen kommunistisch geprägten Norden und einen unter amerikanischer Obhut stehenden Süden ab. 1953 mündete diese Entwicklung in einen Krieg, der nach einem Waffenstillstand die Teilung des Landes zementierte. Meisterhaft schildert Kim die Zerrissenheit des Landes anhand der Schicksale dreier Figuren.

Margret Greiner: Charlotte Salomon

Charlotte Salomon, eine junge jüdische Frau im Dritten Reich, eine Künstlerin, sollte vor dem Regime in Sicherheit gebracht werden, und zwar in den Süden Frankreichs, zusammen mit den Großeltern. Dort erst, nach dem Suizid der Großmutter, erfuhr sie vom dunklen Schicksal, das über ihrer Familie schwebt: deren Geschichte weist eine auffällige Häufung von Selbsttötungen auf. Charlotte erkrankt nervlich, das Zusammensein mit dem Großvater, die Internierung in Gurs – das alles ist zuviel für sie. Auf Anraten ihres Arztes erzählt sie ihre Lebensgeschichte – in Hunderten von Bildern. Greiners Buch schildert das tragische Leben dieser Frau in sensiblen, einfühlsamen Worten. Zusammen mit den Bildern ist diese Biographie mehr als ein Buch.

Donald Ray Pollock: Das Handwerk des Teufels

Hard stuff. Pollocks Geschichte ist eine Version von Hölle auf Erden, eine fleischgewordene Freak-Show, eine Ansammlung von Menschen, denen jedweder Wertemaßstab, ach: jeder Maßstab eigentlich, abhanden gekommen ist. Konflikte werden über das Faustrecht ausgetragen oder auch mit Waffen, jemanden zu ‚Brei schlagen‘ ist hier keine leere Redewendung. Pollock schildert Amerikas dunkelste Ecken…

Deborah Feldman: Überbitten

Deborah Feldman hat mit ihrem Erstling Unorthodox, der ihre Säkularisierung, ihre Abkehr von der ultraorthodoxen chassidischen Gemeinschaft der Satmarer schildert, einen großen Erfolg. In diesem Nachfolgebuch widmet sie sich der Zeit nach dieser Abkehr, die für sie und ihren Sohn zwar die Freiheit bedeutete, aber auch einen absoluten Neuanfang verlangte: sie konnte weder auf Freunde, noch auf Geld oder Beziehungen zurückgreifen. Das alles gab es schlicht und einfach nicht für sie. Nach Jahren des Weges findet sie ausgerechnet in dem Land, das ihre Vorfahren ausrotten wollte, eine neue Heimat: … ich habe auf unerklärlichem Wege gelernt, dieses Land und seine Menschen zu lieben, ganz so, wie ich gelernt habe, für die irregeleiteten Menschen, die mich erzogen hatten, und ihre traumatisierten, aber wohlmeinenden Methoden Zuneigung zu empfinden. 

Han Kang: Menschenwerk

Mit Han Kang hat mich der Roman einer weiteren Autorin aus Korea begeistert. Han widmet sich dem Süden des Landes, sie geht auf ein traumatisches Ereignis aus dem Jahr 1980 ein. Gäbe man sich der Vorstellung hin, nur weil Südkorea nicht kommunistisch ist, wäre es damals ein demokratischer Staat gewesen, so wäre dies im besten Fall naiv. Es war ein von den USA geduldetes/unterstütztes autokratisches System an der Macht, die diese mit allen Mitteln verteidigte. 1979/80 kam es im Land zu Unruhen, in der im Südwesten des Landes liegenden Stadt Gwangju wurde im Mai 1980 ein Exempel statuiert und der Aufstand der Bevölkerung brutal niedergeschlagen. In ihrem unaufgeregten und gerade dadurch so eindringlichen Bericht läßt die Autorin verschiedene Menschen, die damals die Aufstände erlebten, zu Wort kommen…

Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit‎

Dieser Ransmayr ist ein wenig ein Irrläufer, da ich ihn schon 2016, am Ende des Jahres gelesen habe, aber in meinem seinerzeitigen Rückblick übersehen hatte. Deswegen also dieses Jahr der Hinweis auf die Geschichte des englischen Uhrmachers Cox, der vom chinesischen Kaiser an den Hof eingeladen wird, dort eine Uhr zu konstruieren, mit der der Kaiser hofft, auch Herr über die Zeit zu werden. Die Zeit… dieser Alltagsbegriff, der sich uns sofort entzieht, wenn wir versuchen zu definieren, was das ist, die Zeit…. In Peking trifft Cox mit seinen Leuten auf einen kaiserlichen Hof, der selbst in der Präzision eines Uhrwerks funktioniert und wehe, jemand versucht, auszubrechen aus diesem strengen Zeremoniell… Der Lauf der Zeit, ein Sprachkunstwerk des Österreichers.

Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg

Die Darstellung des 1. Weltkrieges aus englischer Sicht, wie sie Pat Barker in einem Romanwerk verfasst hat, umfasst drei Bände: Niemandsland,  Das Auge in der Tür und Die Straße der Geister. Ich bin eher durch Zufall auf dieses Werk gestoßen, dann auch noch auf den dritten Teil, aber ich war so fasziniert, daß ich mir die anderen Bände ebenfalls besorgt habe und voilà, ich kann es eigentlich jedem nur empfehlen, sich diesem Thema von einer Seite zu nähern, die man überlicherweise nicht so auf dem Film hat, weil man ja doch den Stellungskrieg in Frankreich eher mit – eben – Franzosen und Deutschen in Verbindung bringt. Daß auch die Engländer ähnlich hohe Totenzahlen aufweisen wie die Franzosen, ist wohl weniger präsent wie auch die sozialen Erschütterungen, die England im Nachgang durch dieses Gemetzel durchleben musste.

Sodele, dann schließe ich diesen Rückblick auf 2017, weiß, daß auch die anderen von mir vorgestellten Bücher des Lesens wert waren, weiß, daß ich (nicht viele, aber doch ein paar) Bücher gelesen habe, die hier im Blog nicht auftauchen, weil ich nicht dazu gekommen bin, die Besprechungen zu schreiben. Das verursacht mir ein klein wenig ein schlechtes Gewissen – den Büchern gegenüber… ,-)
Auf ein neues, wunderbares Lesejahr, auf ein Jahr, in dem jedoch auch das Lebens außerhalb des Bücherschranks zu seinem Recht kommen soll und darf!

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Pat Barker: Niemandsland

niemandsland

Das 20. Jahrhundert war für uns in Europa ein seltsam geteiltes Jahrhundert. Die erste Hälfte ist geprägt durch zwei menschenverachtende, menschenmordende Kriege, in denen unfassbare Grausamkeiten geschahen, deren Schrecken sich jedoch anscheinend so tief in die Psyche der Menschen eingeprägt haben, daß die zweite Hälfte (zumindest, was die Mitte und den Westen angeht) durch herrschenden Frieden und wachsenden Wohlstand charakterisiert werden kann. Der Fall des ‚Eisernen Vorhangs‘ gegen Ende des Jahrhunderts bestärkt diesen Eindruck.

Der Roman Niemandsland der englischen Autorin Pat Barker [1], den ich hier vorstellen will, ist Teil einer Trilogie, die sich mit dem 1. Weltkrieg aus englischer Sicht auseinandersetzt [2]. England war bei jedem der beiden Kriege auf Seiten der Sieger, nie jedoch gab es Bodenkämpfe auf englischem Territorium. So schlimm die Luftangriffe der Deutschen sowie die durch den U-Boot-Krieg hervorgerufenen Versorgungsengpässe für die englische Bevölkerung auch gewesen sein mögen, an Schrecken und Grausamkeit, wie sie auf den (Ab)Schlachtfeldern des Kontinents herrschten, gemessen, war dies geringfügig.

Pat Barker übernimmt diese Situation für ihren Roman. So wie der Engländer auf der Insel den Krieg nicht bzw. kaum direkt erlebt, so werden auch wir als Leser nicht auf die Schlachtfelder geführt, sondern wir werden mit den Folgen dieser Gemetzel konfrontiert und erleben das Grauen nur indirekt in den Schilderungen und Alpträumen der Soldaten mit.

Als rote Fäden zieht sich durch die Handlung von Niemandsland – der (deutsche) Titel des Romans [3] bezieht sich auf die apokalyptische Landschaft zwischen den Fronten, die völlig zerstört tot erscheint, obwohl tausende Soldaten auf beiden Seiten verschanzt sind und sich versteckt halten – das Schicksal dreier Personen. Dies sind der Schriftsteller und Dichter Siegfried Sassoon (1886 – 1967), [4]), ferner die fiktive Figur des Billy Prior, eines Offiziers, der durch seine Erlebnisse an der Front traumatisiert worden ist und dann als zentrale Persönlichkeit aller drei Bände der Psychiater William Halse Rivers Rivers ([1864 – 1922, [4]), der außerdem noch Anthropologe, Ethnologe und Neurologe war. Der Ort an dem ein Großteil der Handlung spielt ist, Craiglockhart, ein psychiatrischen Krankenhaus für Offiziere in der Nähe von Edingburgh.

Was soll ich mit diesem Lutschbonbon machen?

Die aus völlig unterschiedlicen Gründen in das Krankenhaus eingewiesenen Sassoon und Prior sind völlig unterschiedliche Charaktere. Während Prior aus einfachen Verhältnissen stammend durch seine Kriegserlebnisse in Frankreich die Sprache verloren hat und von Alpträumen gequält wird, hat sich der Dichter Sassoon in einem öffentlichen Aufruf gegen die Weiterführung des Krieges ausgesprochen, in dem politischer Irrtümer und Heucheleien willen sinnlos Frontkämpfer geopfert werden. Die von ihm erhoffte Verhandlung vor dem Kriegsgericht und die damit verbundene Diskussion seines Aufrufs blieb aus, ein Freund von ihm, der Dichter Robert Graves, konnte es arrangieren, daß ihm ein Nervenschock (Shell Shock bzw. Kriegsneurose) attestiert und er zur Behandlung nach Craiglockhart kam.

Beide werden Patienten von Rivers. Rivers ist ein besonderer Arzt, der zur Behandlung seiner Patienten ‚moderne‘ Methoden einsetzt, wie modern, erfahren wir als Leser gegen Ende des Buches in einer schlimmen Passage, in der Parker uns die konventionelle Behandlung damaliger Traumapatienten durch Elektroschocks schildert, die sich allenfalls im Ziel und in der euphemistischen Bezeichnung von einer sadistischen Folterorgie unterscheidet. Rivers dagegen setzt auf Gespräche, auf das Zulassen von Gefühlen auch wie Angst, er versucht, mit seinen Patienten über deren Alpträume zu reden, um die verschütteten und verdrängten Erlebnisse wieder hervorzuholen. Der Begriff der ‚Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)‘ existierte zur damaligen Zeit noch nicht, die ‚Störung‘ als solche natürlich schon, ihr wurden Begriffe wie beispielsweise ‚Kriegsneurose‘ zugeordnet. Stummheit oder Stottern waren häufige Symptome, aber auch Lahmheiten und weitere körperliche Beeinträchtigungen traten auf. Viele der Patienten litten an Alpträumen, Schlaflosigkeit und/oder Halluzinationen. Barker schildert uns diverse Ausformungen des Krankheitsbildes in den Figuren verschiedener Patienten, die sie in ihre Handlung einführt, diese Beschreibungen sind in ihrer Klarheit, die keineswegs nach Sensation haschen, erschreckend.

Der potentielle Aufwiegler Sassoon wurde also für krank erklärt, eine Vorgehensweise, die auch in heutiger Zeit nicht unbekannt ist, wenngleich mit anderer Motivation. Seine Ablehnung der Fortführung des Krieges war weder religiös bedingt noch ein Zeichen persönlicher Feigheit, im Gegenteil war Sassoon ein anerkannt guter Zugführer und Vorgesetzter, der wegen bemerkenswerter Tapferkeit ausgezeichnet worden war. Seiner Einweisung nach Craiglockhart zuzustimmen, fiel ihm sehr schwer, schließlich verbrachte er dadurch seine Tage in Sicherheit und relativer Bequemlichkeit, während seine Leute in Frankreich im Schlamm und unter dem Granatenhagel der Deutschen verreckten. In der Klinik bleibt Sassoon weitgehend für sich, einzig mit dem Dichter Wilfred Owen (1892 – 1918), ebenfalls Patient in der Klinik, freundet er sich locker an, die beiden werden in späteren Jahren als ‚War poets‘ bezeichnet [6].

Rivers ist die unermüdliche, ruhende, überforderte Seele des Krankenhauses. Langsam gelingt es ihm, eine Vertrauensbasis zu Sassoon herzustellen, auf deren Grundlage sie kommunizieren können. Dieser Kontakt mit Sassoon führt Rivers selbst an Grenzen und an einen tiefen Zwiespalt in ihm, denn dem Inhalt des Sassoonschen Aufrufs stimmt er im Grunde zu, aber seine Aufgabe im Krankenhaus ist es, die Offiziere wieder fronttauglich zu machen, damit sie in die sinnlos gewordene Schlacht zurück geschickt werden können.

Die Auseinandersetzung  Rivers mit der zweiten Hauptfigur auf Seiten der Patienten, Prior, ist anders geartet. Prior gibt sich aggressiv, feindselig, wirkt arrogant und ablehnend. Seine Stummheit überwindet er recht schnell, hartnäckig aber verweigert er dem Arzt Auskünfte über sein ‚Innenleben‘. Schließlich wendet Rivers, wie von Prior gewünscht, Hypnose an und deckt so das letztlich zum Trauma führende Erlebnis von Prior auf. Aber das ist nicht das einzige, denn Prior ist intelligent und teilweise verletzend offen: schnell hat er gemerkt, daß auch Rivers traumatische Erlebnisse in seiner Psyche zu verstecken scheint. Damit konfrontiert muss Rivers akzeptieren, daß Prior möglicherweise mit seiner Beobachtung recht hat…

Frauen spielen in dem Buch eine sehr untergeordnete Rolle. Sie kommen vor, sicherlich, als Krankenschwestern, als gelbgefärbte Arbeiterinnen in den Munitionsfabriken, die dort teilweise mit Gasmasken vor dem Gesicht arbeiten mussten. Zu ihnen gehört auch Sarah, die Prior in einem Cafe kennenlernt. Zwischen beiden entwickelt sich eine zarte Liebesbeziehung. Ansonsten durchzieht das gesamte Buch in seinen Männerfiguren eine mehr oder weniger latente Neigung zur gleichgeschlechtlichen Liebe. Wie erklärt es Lizzie, einer der Freundinnen von Sarah, so anschaulich, in Bezug auf ihren eigenen Freund?: … er hatte keine Schwestern, also hat er nie mit Mädchen zu tun gehabt. Auf der Schule keine Mädchen. Auf der Universität keine Mädchen. Und als er schließlich mich kennengelernt hat, da war´s natürlich zu spät. Die Sache war gelaufen. … Ist mir schleierhaft, wie die sich fortpflanzen. Auch Prior erscheint trotz seiner Annäherung zu Sarah weiterhin auch homoerotisch interessiert.

Immer wieder, teil unvermittelt, werden wir als Leser mit den Inhalten von Träumen, von Erinnerungen der Soldaten konfrontiert. Sie sind meist sehr erschreckend, das von mir vorstehend etwas zusammenhanglose Zitat ‚Lutschbonbon‘ gehört dazu, in die Details will ich hier gar nicht gehen. Die Schilderung des ‚Niemandslandes‘, das immer wieder in den Erinnerungen der Soldaten auftaucht, jedenfalls ist von äußerster Dystopie, es ist eine Landschaft nicht mehr von dieser Welt, in die hinein sie durch unsinnige Befehle gezwungen werden. Sie versinken dort symbolisch und förmlich im Schlamm, der sich durch die immer immerwährenden Regen aufgeweichte Erde, durch die in ihm versunkene, ausgelösten Leichname, durch Dreck, Unrat und Ausscheidungen gebildet hat. Allein der Geruch, der Gestank, der ihm entweicht…

Die englische Klassengesellschaft spiegelt sich auch auf dem Schlachtfeld, die höheren Offiziere bekommen von diesen Verhältnissen wenig mit, sie sitzen bei Rotwein und Pastete und schwadronieren, während die kaum ausgebildeten Soldaten, die in dieses Inferno geschickt werden, verrecken. Sie spiegelt sich auch in der Kleinwüchsigkeit (Barker redet an einer Stelle von kaum einem Meter fünfzig Körpergröße) vieler Rekruten, die aus dem armen Schichten Englands stammen und den – wenngleich auch einen andersgearteten – Überlebenskampf auch in der Heimat auszufechten haben. Zwischen diesen Soldaten und ihren unmittelbaren vorgesetzten Offizieren, den Zugführern und Kompaniechefs, zu denen Sassoon gehört, aber auch Prior, bildet sich unter diesen Bedingungen ein besonderes Verhältnis, ein besonders stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl der Offiziere zu ihren Soldaten.

Für die meisten der Offiziere ist der Aufenthalt in Craiglockhart eine Belastung. Sie empfinden ihren nervlichen Zusammenbruch als persönliche Schwäche, fürchten, daß man sie als Feiglinge ansieht. ‚Was hast du im Krieg gemacht, Siegfried?‘ Nun ja, ich habe drei sehr angenehme Jahre in einer Klapsmühle verbracht ich Mehlpudding gegessen und Golf gespielt habe. Während andere – darunter sehr enge Freunde draufgegangen sind. … äußert sich Sassoon im Gespräch mit dem einzigen anderen Patienten, mit der er sich in der Klinik anfreundet, dem Dichter Wilfred Owen. Kaum nachvollziehbar heutzutage der häufig geäußerte Wille der Offiziere, nach Frankreich zurückzukehren, selbst im Wissen um das, was einen dort erwartet. Dies liest man ja auch in anderen (Anti)Kriegsromanen, Frontsoldaten, die auf Heimaturlaub sind, fühlen sich allein, unverstanden und entwurzelt, ihre ‚Heimat‘, der Ort, an dem sie sich ‚richtig‘ fühlen, ist der Schützengraben, die Gemeinschaft derjenigen, die allesamt dem sinnlosen Tod entgegensehen.

Am Ende des Romans werden sie als geheilt, d.h. verwendungsfähig, zurück geschickt in den Krieg. Sassoon sollte den Krieg überleben, Owen stirbt eine sinnlosen Tod kurz vor dem Waffenstillstand. Prior wird  seines Asthmas wegen nicht mehr an die Front abkommandiert wird, sondern an das Rüstungsministerium in London. Selbst Rivers verläßt, völlig erschöpft, die Nervenheilanstalt und nimmt ein Angebot seines früheren Kollegen an, wieder mit ihm zusammen zu arbeiten.


Barker hat auf der Grundlage verschiedener Dokumente einen sehr beeindruckenden Roman über die Grauen des Ersten Weltkrieges geschrieben, der Fakten und Fiktion mischt. In ihm treten historische Persönlichkeiten (Siegfried Sassoon, Wilfried Edward Salter Owen, Dr. W. H. R. Rivers u.a.) auf, aber auch fiktive wie Billy Prior, deren Schicksale sie auf der Grundlage von Akten und Fallbeschreibungen hochdifferenziert ausformt. Man muss sich dabei vor Augen halten, daß der 1. Weltkrieg mehr Opfer forderte, weit mehr Opfer, als der 2. Weltkrieg. So starben zwischen 1914 und 1918 insgesamt 710.000 britische Soldaten, während im 2. Weltkrieg dagegen ’nur‘ ca. 271.000 Soldaten fielen (bei 31.000 bzw. 62.000 zivilen Opfern) [5], die Schrecken der dystopischen Abschlachtfelder Frankreichs, über die noch nicht einmal mehr Krähen fliegen wollten, die der Regen in unüberwindbare Schlammgefilde verwandelte, über die Gas waberte und die Schreie der Verstümmelten, die niemand bergen konnte, grub sich tief ein in die Psyche der Völker. Es ist dies, was Sassoon in seinem Aufruf anklagt: nicht den Krieg an sich, sondern ihn unter diesen Bedingungen sinnlos fortzuführen, die Menschen zu Material zu degradieren und das Schlachten nicht zu beenden, obwohl die ursprünglichen Kriegsziele mittlerweile (der Aufruf wurde 1917 geschrieben) durch Verhandlungen erreichbar seien.

Gleichzeitig vermittelt Barker neben der indirekten Darstellung der Kriegsgräuel auch ein Bild des damaligen Englands, dem sie sich dann im zweiten Band der Trilogie ausführlich widmet. Das damalige England zeichnet sie als ausdrückliche Klassengesellschaft mit der Arbeiterklasse, in dem Menschen vor lauter Not und Armut kleinwüchsig bleiben. Billly Prior entstammt dieser Schicht, er kommt aus dem Norden, einer Landschaft, die in ihrer Armseligkeit in mancher Beziehung so lebensfeindlich wirkt wie die Felder Frankreichs. Dagegen stehen die höheren Gesellschaftsschichten, denen materielle Sorgen fremd sind, die ihr Leben der Jagd und der Politik widmen können. Es ist aber auch eine Gesellschaft, in der es gärt, in der z.B. Frauen Rechte einfordern, in der in der Kunstszene ein Mann wie Oscar Wilde (der häufiger im Roman erwähnt wird) Homosexualität zum Thema macht – und die Gegenreaktion provoziert.

Solche homoerotischen Stimmungen durchziehen die Handlung des gesamten Buches. Insbesondere Prior (als Kind von einem Priester vergewaltigt) ist – obschon mit Sarah liiert – weiterhin empfänglich für gleichgeschlechtliche Reize, aber auch die Beziehung zwischen Sassoon und Owen und selbst in den Gesprächen mit Rivers schwingt immer solch verborgene Sexualität mit.

Rivers ist die zentrale Gestalt des Romans, ja, der gesamten Trilogie. Er, der völlig Erschöpfte, der Ausgelaugte und Überforderte, ist der ruhende Pol, obschon er selbst eigene innere Kämpfe auszufechten hat, denn das Schicksal seiner Patienten läßt ihn keineswegs unberührt. In ihm wird der Kampf zwischen Barbarei und Zivilisation ausgefochten, er ist Abraham, der Isaac opfern, sprich: die ihm Anvertrauten an die Front zurück schicken muss und der darauf wartet, das befreiende Wort ‚Gottes‘ zu hören, das den Beginn der Zivilisation, die Grenze zur Barbarei markiert.

Summa summarum: Pat Barker ist mit ihrer Trilogie (die nächsten Bände werde ich bald hier auch vorstellen) ein zeitloses Meisterwerk über die Grausamkeit eines Krieges gelungen, das weit über den 1. Weltkrieg hinausreicht. Zudem ist es ein kluges und tiefgründiges zeitgeschichtliches Werk über das England dieser Epoche.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Pat Barker:  https://de.wikipedia.org/wiki/Pat_Barker
[2] Hier im Blog vorgestellte Bücher, die sich mit dem 1. Weltkrieg auseinandersetzen: https://radiergummi.wordpress.com/tag/1-weltkrieg/
[3] der Originaltitel des Buches lautet Regeneration, was u.a. sowohl mit ‚Wiederherstellung‘ als auch u.a. mit ‚Aufarbeitung‘ übersetzt werden kann und dem Inhalt des Buches besser entspricht als das deutsche ‚Niemandsland‘.
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried_Sassoon
https://de.wikipedia.org/wiki/William_Halse_Rivers_Rivers
https://de.wikipedia.org/wiki/Craiglockhart_Hydropathic
[5] nach http://www.science-at-home.de/wiki/index.php/Die_Opfer_des_1._Weltkriegs und https://de.wikipedia.org/wiki/Tote_des_Zweiten_Weltkrieges. Selbst wenn die Erhebungsgrundlagen für die Daten der beiden Quellen unterschiedlich sein mögen, sind die Unterschiede doch deutlich erkennbar. Sogar was die Gesamtzahl aller Gefallenen angeht, war der 1. Weltkrieg grausamer.
[6] vgl. z.B. hier:    https://theredanimalproject.wordpress.com/2011/03/09/poets-of-the-great-war-siegfried-sassoon-and-wilfred-owen/

Pat Barker
Niemandsland
Übersetzt aus den Englischen von Matthias Fienbork
Originalausgabe: Regeneration, London, 1991
diese Ausgabe: dtv, ca. 325 S., 1999
(anscheinend nur noch antiquarisch erhältlich)