Ilmar Taska: Pobeda 1946

11. Oktober 2017

Ich muss es zugeben (auch wenn ich glaube, daß ich in dieser Beziehung in guter Gesellschaft bin), daß ich über die Staaten am Ostrand der Ostsee nicht wirklich viel weiß. Lettland, Litauen, Estland – kleine Staaten, immer wieder Spielball der größeren Mächte in ihrer Nachbarschaft, die sie untereinander verschacherten. Der Pakt von 1939 zwischen Nazi-Deutschland und der UdSSR, in dem die jeweiligen Interessensphären und definiert wurden und damit auch über das Schicksal der baltischen Staaten entschieden wurde, ist ein besonders drastisches Beispiel dafür. 1941 marschierte die Wehrmacht in diese Staaten ein und besetzte sie, Nazideutschland seinerseits wurde 1944 durch die Rote Armee vertrieben – die Okkupanten wechselten, die Okkupation jedoch blieb. Nach dem Krieg wurde die nationale Souveränität der Staaten endgültig aufgehoben und sie wurden in die UdSSR integriert. Der schon unter der deutschen Besatzung existierende Untergrundkampf der ‚Waldbrüder‘ ging dementsprechend weiter, man hatte die Hoffnung auf das Eingreifen der westlichen Siegermächte (noch) nicht aufgegeben. Daß der Untergrundkampf zu entschiedenen Aktionen der sowjetischen Staatsmacht führte, braucht im Grunde nicht erwähnt zu werden [2].


Dies sind Situation und Zeitpunkt, in/an die/den uns der Roman des estnischen Schriftstellers Ilmar Taska führt. Er spielt in der estnischen Hauptstadt Tallinn und schildert die unterschiedlichen Schicksale mehrerer Menschen, die jedoch zum Teil eng miteinander verzahnt sind.

Da ist zuvörderst der namenlos bleibende Junge zu nennen. Er ist sechs Jahre alt und lebt mit seinen Eltern in einer Mietwohnung. Der Vater hat seit Jahren das Hinterzimmer nicht verlassen, die Atmosphäre in der Wohnung und in der Familie ist düster. Dieser Junge sieht beim ‚Busfahrerspielen‘ vor dem Haus einen nagelneuen Pobeda [3] um die Ecke biegen und ist begeistert von dem Auto, in dem ein ebenfalls namenlos bleibender Mann sitzt, der ihn zum Mitfahren einlädt. Kann man es dem Jungen verdenken, daß er zu diesem netten Mann einsteigt, daß ihm der eine oder andere Satz herausrutscht, den zu sagen ihm die Eltern streng verboten haben? Daß der Vater am nächsten Tag nicht mehr in der Wohnung ist und daß die Mutter mit ihm zu seiner Tante geht und dann auch verschwunden ist, bringt er nicht mit diesem Mann in Verbindung. Im Gegenteil, sucht er die Nähe dieses freundlichen Mannes, der so tolle Geheimnisspiele mit ihm spielt, ganz anders als die Eltern.

Die Schwester der Mutter wohnt in einem kleinen Häuschen, sie war/ist Sängerin, auch wenn das Opernhaus in Schutt und Asche liegt. Sie und ihr britischer Geliebter, die sich in besseren Zeiten kennen gelernt hatten, haben einen Namen, Johanna und Alan. Sie schreiben sich Briefe und Johanna kann Alan auch hören: er ist Sprecher bei der BBC. Durch den Besuch der Schwester wird Johanna in des Geschehen mit einbezogen: der Junge, auf den sie aufpassen soll, flieht aus ihrem langweiligen Haus… und sie selbst ist durch die Korrespondenz mit einem Kapitalisten ins Visier des Geheimdienstes geraten. In Alan andererseits reift die Erkenntnis, daß er Johanna nach England bringen muss…

Der Mann mit dem Pobeda, auch er namenlos. Obwohl er eine ihm selbst nicht erkärbare Schwäche für die Frau entwickelt hat, nimmt er seine Aufgabe ernst. Zwar versucht er sie zu schonen, aber diese, die sich ihre Schwäche, der sie nachgegeben hat, nicht verzeihen kann, bleibt in den Verhören standhaft, sie verrät nichts und niemanden…


Es ist ein düsteres Bild, das Taska malt. Ein Land ohne Farbe, ohne Aussicht, mit der schwachen Hoffnung, daß vielleicht der Westen doch noch eingreift, schließlich war man ja vor kurzem noch verbündet. Es herrscht Angst und Willkür, eine falsche Reaktion und der Vermerk ‚Zur Deportation vormerken‘ zerstört das Leben, ohne daß der Betroffene weiß, warum. Skrupellos wird der Junge als Beschaffer von Informationen gegen seine Eltern und die Tante instrumentalisiert, wird selbst zum Spielball unterschiedlicher Interessen im Geheimdienst.

In die durch Deportationen freiwerdenden Wohnungen werden Menschen aus weit entfernten Teilen der UdSSR einquartiert [4], der Tante mit der relativ großzügig bemessenen Wohnung geht es ähnlich, obwohl sie selbst noch in der Wohnung wohnt. Durch kleine Geschenke an die inspizierende Beamtin kann sie schlimmeres abwenden, dabei hat sie ferner noch Glück, daß die einquartierte Ex-Nomadenfamilie  nicht als Spitzel taugt.

Ihr Geliebter entwickelt einen kühnen Plan, sie aus dem Land zu holen, ein Plan voller Risiken, nicht das geringste ist es, wie sich Johanna im fremden Land einleben und ob ihre Liebe im Alltag überhaupt überleben kann. Und so, wie im ‚Osten‘ jeder mit Auslandskontakten prinzipiell verdächtig ist, wird sie vom britischen Geheimdienst argwöhnisch betrachtet werden… ganz abgesehen davon, daß der Arm des russischen Pendants lang ist, sehr lang… und wenig fehlertolerant.

Apropos Fehlertoleranz: nicht um Mitleid zu erwecken muss man zur Kenntnis nehmen, daß auch die Schergen selbst Opfer sind und jederzeit Opfer werden können. Niemand kann voraussagen, was der ‚Hausherr‘ (so die interne Bezeichnung für Stalin) für Befehle gibt, welche Losungen er ausgibt, wer als Nächster ins Visier der/von Säuberungen gerät. So steht am Ende des Romans auch ‚Der Mann‘ auf der Abschussliste, wobei er noch Glück hat: zu viele Fehler hat er in den Augen des Generalmajors gemacht, Fehler, die möglicherweise auch auf diesen zurückfallen könnten, falls….. sicher ist sicher und am sichersten wäre es, alle einzukerkern, ohne Ausnahme.

Das Schicksal der Familie des Jungen kann man nur als tragisch bezeichnen. Ihr Bemühen, den Jungen aufwachsen zu lassen, ohne daß man ihn mit dem Wissen um die Gefahr belastet, macht ihn äußerst anfällig für Verlockungen: er sieht nicht, kann nicht sehen, daß man ihn nur missbraucht. Wieviel schöner ist es für einen Sechsjährigen, im Lockvogel, dem Pobeda, auf gut riechenden Ledersitzen zu sitzen, neben einem freundlichen Mann, der einem jeden Wunsch erfüllt als in der dunklen, düsteren Wohnung, in der sich die Depression eingenistet hat…

Interessant ist das Verhältnis der Frau zu dem (Geheimdienst)Mann: ihm, der psychologisch geschult ist, ist es leicht gefallen, mit Blumen und Pralinen gute Stimmung zu erzeugen, Trost zu spenden ob des Schicksals des abgeholten Ehemannes und die Frau letztendlich in ihrer Schwäche zu verführen. Eine Schwäche, die sich die Frau nicht verzeihen kann, die jedoch bei beiden eine Komponente hat, die über den Zweck, der erreicht werden sollte, hinausgeht: es gab eine gewissen Attraktion zwischen beiden. Unter anderen Umständen…

Die Namenlosigkeit dieser Figuren, ein Symbol des Autoren dafür, wie allgemein diese Schicksale zu nehmen sind: jeder konnte betroffen sein, ohne Ausnahme. Besonders dagegen ist das Schicksal des Paares Johanna und Alan, daß ihnen eine Zukunft erhalten bleibt, ist die absolute Ausnahme, besonderen Umständen gedankt, ihnen ‚lohnt sich‘, Namen zu geben.


Taskas Roman schildert die Vorgänge weitgehend nüchtern, obwohl die Angst der Figuren, das Gehetzte, die Unsicherheit deutlich spürbar ist. Da der Autor eine recht einfach strukturierte Sprache spricht (das soll keine Bewertung sein!), halte ich das Buch sogar für Jugendliche gut geeignet: die Strukturen und Geschehnisse dieser Geschichte lassen sich wohl ohne großes Verbiegen in jedes totalitäre Regime übertragen.

Sehr anschaulich sind auch die kursiv abgesetzten Passagen, in denen Taska seine Figuren selbst zu Worte kommen läßt, indem er ihre Gedanken wiedergibt: Befürchtungen, Ängste, Hoffnungen werden deutlich, seltene Glücksgefühle, Erleichterung, Pläne über das, was als Nächstes zu tun oder zu erreichen ist….

Im Ganzen gesehen ist Pobeda 1946 also ein Roman, der mich sehr positiv überrascht hat: er entführt in eine Weltgegend, in die man auf üblichen Wegen eher selten kommt und macht auf tragische Weise deutlich, wie menschenverachtend dieser (und jeder andere) totalitäre Staat war bzw. ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren der Wiki-Beitrag. https://de.wikipedia.org/wiki/Ilmar_Taska
[2] ein paar Quellen zur baltischen Geschichte, durch die ich mich gelesen habe:  https://de.wikibooks.org/wiki/Baltische_Länder:..Fremdherrschaft
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Estlands
https://linnamuuseum.tartu.ee/en/kgb-kongide-muuseum/pusinaitus/
https://de.wikipedia.org/wiki/Waldbrüder
https://kommunismusgeschichte.de/jhk/jhk-2012/article/detail/estland-waehrend-des-stalinismus-1940-1953-gewalt-und-saeuberungen-im-namen-der-umgestaltung-einer-ge/
[3] Zum Namensgeber des Buches:
https://de.wikipedia.org/wiki/GAZ-M20_Pobeda
[4] lag der Anteil an Russen an der estnischen Bevölkerung 1922 bei 8,2%, stieg er bis 1959 auf über 20 % und liegt noch 2011 (bei einem Maximum von über 30 % im Jahr 1989) bei über 25 %. (https://de.wikipedia.org/wiki/Estland#Bev.C3.B6lkerung)

Ilmar Taska
Pobeda 1964
Übersetzt aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt 
Originalausgabe: Pobeda 1964, Tallinn, 2014
diese Ausgabe: Kommode-Verlag, HC, ca. 300 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Wassermann - Caspar Hauser; Buchclubausgabe von 1958

Wassermann – Caspar Hauser; Buchclubausgabe von 1958

Ich kann mich noch gut erinnern…. mein Vater war ein einfacher Mann, der durch den Krieg um alle Möglichkeiten gebracht worden war, die wahrzunehmen er zweifelsohne das Potential gehabt hätte. So war er, der nach dem Krieg lange im Bergbau arbeitete, einer der wenigen aus seinem Umfeld, der Bücher in nennenswertem Umfang besaß – und sie auch nutzte! Unter anderem war er Mitglied eines Buchclubs – ich weiß nicht mehr genau welches – und im Regal stand neben den Drei Musketieren, dem Grafen von Monte Christo (die ich noch besitze) auch das Buch eines gewissen Jakob Wassermann [1]: Caspar Hauser. Aus irgendeinem Grund ist mir von all den Büchern gerade dieses im Gedächtnis geblieben, vielleicht liegt es am Schicksal Hausers, von dem ich aber aus anderen Quellen erfuhr, Wassermanns Buch habe ich nie gelesen.

Doch im Gedächtnis geblieben ist mir dieser jüdische Autor, der wie so viele andere auch dem Wahn eines zwölf Jahre überdauernden Tausendjährigen Reichs zum Opfer fiel und als jetzt diese Neuausgabe eines seiner Romane im Manesse-Verlag erschien, war und ist dies die Gelegenheit für mich, diesen Autoren kennen zu lernen. Zumal ich in letzter Zeit sowieso ein wenig in dieser Epoche der deutschen Literatur unterwegs war.

Faber oder Die verlorenen Jahre von Jakob Wassermann


Faber also (bei dessen Titel man unwillkürlich an Frischs Figur denkt und unwahrscheinlich, daß der Spätere den Roman Wassermanns nicht zumindest den Titel gekannt haben wird) und das Eintauchen in die Nachkriegszeit um 1920. Wie der aus Fürth stammende Autor selbst den Ersten Weltkrieg überstand, ist zumindest einer groben Sicht der biographischen Notizen im Netz [1] nicht zu entnehmen, die Wiki erwähnt zumindest, daß ihn seine damalige Frau von der freiwilligen Meldung zum Dienst abgehalten habe.

Nach unsteten Wanderjahren wurde sein literarisches Talent erkannt und Wassermann arbeitete mehrere Jahre als Redakteur beim Simplicissimus, in dieser Zeit lernte er uner anderen Schriftsteller wie Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Hermann Hesse kennen. Seine eigenen literarischen Versuche brauchten ein wenig Zeit, bis sie Erfolg zeitigten, aber nach Ende des Ersten Weltkrieges avancierte Wassermann dann zu einem der erfolgreichsten und meist gelesenen Autoren Deutschlands. Zusammen mit seinen Bücher wurde 1933 auch seine Hoffnung auf eine humane Welt zerstört, Wassermann starb nur ein Jahr später im Alter von sechzig Jahren.


Jammervoll hat die Zeit in den Seelen der Leute gehaust,
wer leugnet´s?

Faber oder Die verlorenen Jahre führt uns in die direkte Nachkriegszeit des Ersten Welkrieges. Die Hauptperson, Eugen Faber, vor dem Krieg Architekt, war schon in den ersten Wochen in russische Kriegsgefangenschaft geraten und nach fünfeinhalb Jahren über Sibirien und China zurück nach Deutschland, in seine unbenannte Heimatstadt gekommen. Sehr nüchtern und klar schildert Wassermann schon auf diesen ersten Seiten, daß Faber als Fremder heimkehrt, als Mensch, der sich seines Platzes in der Welt nicht mehr sicher ist. Kühl verabschiedet er sich von den Kameraden im Zug, mit denen er Wochen, ja Monate verbrachte, dann mietet er sich in einem schmuddeligen Wirtshaus ein, wird durch das Lachen der Frau im Nebenzimmer, das durch die dünnen Wände dringt, aber hinaus in die Nacht getrieben. Erst jetzt besucht er, nein: nicht die Schwester oder die Mutter oder seine Frau und seinen Sohn, sondern seinen alten Hauslehrer Fleming. Natürlich freut sich dieser sehr über diesen sehr überraschenden Besuch, ist aber auch verwirrt und befremdet über das Verhalten Fabers, der kaum redet, nur etwas zu essen und zu trinken erbittet. Zu Frau und Kind, Mutter und Schwester geht er erst später, es sollen Treffen und Begegnungen werden, die voller Konflikte sind. Daß in ’seinem‘ Haushalt mit Fides eine junge Frau lebt und arbeitet, wird von diesen nicht der geringste sein.

Faber… ist ein Heimkehrerroman, ein Soldat, der schon anfangs des Krieges in russische Gefangenschaft gekommen war, der auf seiner Flucht einen weiten Weg durch Sibirien und China hinter sich brachte und nach fünfeinhalb Jahren wieder in der Heimatstadt auftauchte. Natürlich traumatisiert durch das Erlebte, in der Erinnerung die heimatlichen Verhältnisse idealisiert und konserviert, muss er feststellen, daß er weder in seiner Ehe noch sonstig keineswegs einfach an dem Status wieder anknüpfen kann, den Ehe und Beruf vor dem Krieg hatten. Martina, seine Frau, ist keineswegs mehr die stille Gefährtin, die sich mit ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau bescheidet, sie arbeitet und engagiert sich jetzt in einem sozialen Projekt (wie man heute sagen würde), das verwahrlosten Kindern eine neue Heimat bieten will. Und an verwahrlosten Kindern hat diese Zeit wirklich keinen Mangel: […] Ein fünfzehnjähriges Mädchen trat vor, bedeckt mit Eiter und Grind, die Haare von Ungeziefer lebendig. Die Mutter Prostituierte, Vater gab es keinen; Pflegevater verschollen. Ein Heim hatte es nie gehabt, ein Bett nie gesehen; hatte genächtigt in Kellern, unter Brücken, auf Baugerüsten, … Wassermann schildert es auch allgemeiner: […] Aus einem engen, übelriechenden Schacht gleichsam quoll schmutzig und schleimig, was die Gesellschaft an Unrat in ihren Tiefen erzeugt hat. … so sollte es Faber bei einem späteren Besuch der ‚Kinderstadt‘, so der Name des Projekts, empfinden.

Mit diesem Konflikt zwischen Eugen Faber und seiner Frau Martina wird Faber auch zum Eheroman, zum Roman enttäuschter Hoffnungen und Sehnsüchte, zur Schilderung, wie ein sich entwickelndes und gewachsenes Selbstbewusstsein auf ein altes Rollenverständnisse stößt. Weder Eugen noch Martina entsprechen dem, was der jeweilig andere erhofft oder erwartet hatte, zwischen ihnen herrscht eine Sprachlosigkeit, die eine Annäherung verhindert, die im Gegenteil die Entfremdung weiter treibt, bis zu dem Punkt, an dem Faber (es sei dahin gestellt, ob aus wirklichem Gefühl oder aus seiner seelischen Pein heraus) erwiderte Nähe bei Fides spürt….

Als Lichtgestalt, die im Roman erst sehr spät tatsächlich als Figur in Erscheinung tritt, agiert im Hintergrund die Fürstin. Sie, eine ehemalige Nonne, agiert als Kraft- und Sinngeberin für Martina und die ganze Arbeit mit den verwahrlosten Kindern, sie ist die Initiatorin, die Seele der Arbeit. Ihr werden fast mystische Fähigkeiten zugeschrieben, eine ungeheure Menschenkenntnis, sie strahlt eine kaum fassbare positive Aura auf jeden aus, der ihr begegnet, letztlich, am Ende des Romans auch auf Faber selbst, der, auch aus Eifersucht, ihr ablehnend gegenüber steht.

Faber enthält ebenso in anderer Hinsicht Ansätze eines Familienromans. Eugen Faber hatte noch drei Geschwister, der Vater war Arzt und die Mutter Anna, Tochter eines nach Hannover eingewanderten Schotten, war die Unruhe des Hauses. Sie war engagierte Frauenrechtlerin, ging mit ihrem Überzeugungen in die Öffentlichkeit und verwirklichte ihre Ansichten ebenfalls in der Erziehung ihrer Kinder, und zwar in der Art, daß sie ihnen völlige Freiheit ließ. Wassermann schildert das Leben in diesem Haushalt aus der Sicht des schon erwähnten Hauslehrer Fleming, der sich über die Menschen, denen er begegnete, immer Notizen machte: …. Wunderliches Haus, wunderliche Vergesellschaftung von Menschen. Eltern, die sich der Herrschaft über ihre Kinder freiwillig entschlugen, Kinder, für die die Worte Gehorsam und Zucht lächerliche Schälle waren. Keine Regel, keine Ordnung, kein Maß und Gleichmaß, keine religiöse Bind und und tiefere Pietät, alles nur zufällige Übereinkunft und Sichvertragen nach Laune und Wahl. …. Am Ende des Romans – der Vater war im Krieg an einer Krankheit gestorben – sollte die Mutter Anna eine gebrochene Frau sein, all ihre Kinder waren auf die eine oder andere Weise im Leben gescheitert, ihr Bemühen, sie zu freien Menschen zu erziehen, hatte sie zu orientierungslosen gemacht, eine deutliche Kritik an der Reformpädagogik vor und während der Weimarer Zeit [2]. Wassermann läßt die Kinder Klara und Eugen diese fundamentale Kritik an Annas Erziehungsideal in heftigen Anklagen formulieren.


In ihrem Nachwort weist Insa Wilke auf eine Rede Wassermanns hin, die dieser Ende 1922 vor Studenten in Kopenhagen hielt: Rede über die Humanität. Am Beginn seiner Rede erklärt Wassermann habe ihn die Betrachtung dessen angetrieben, ‚was Menschen tun und was Menschen leiden‘, und die daraus folgende Frage, ob der Einzelne unwiderruflich verurteilt sei, ‚alle Qual und Bedrängnis, die von der Gesamtheit ausgeht, […] hinzunehmen wie ‚Sturm oder Erdbeben‘. Jakob Wassermann entwarf seinen „Homo Faber“ als Möglichkeit, das, woran ‚er sich gewöhnt hat, als sein unvermeidliches Schicksal zu bezeichnen, in seinen Wirkungen aufzuheben oder wenigstens abzuschwächen.‘ 

Schlüsselbegriff für seinen Humanitätsbegriff ist Wassermann die Achtung, die anderen entgegengebracht wird, Achtung als Gegensatz zum Mitleid. So wie sie beispielsweise Martina praktiziert wird, die ihre Arbeit bei den Kindern nicht aus Mitleid macht, sondern auch praktischen Erwägungen. Am deutlichsten kommt dieses Prinzip ‚Achtung‘ in der Szene zur Geltung, in der Fides den auf Abwegen geratenen Valentin (dies die endgültige Niederlage des antiautoritären Erziehungsideals von Anna Faber), dadurch noch einmal (zumindest vorläufig) rettet, daß sie ihm im Gegensatz zu den anderen, die nur drohen, Achtung entgegenbringt und nicht verurteilt. Zu nennen wäre aber auch die Aufnahmeprozedur für die verwahrlosten Kinder in die Kinderstadt, in der die Kinder weitgehend nüchtern und neutral weder Verurteilung noch demütigendes Mitleid zugemutet wird (… daß nicht geklagt, gejammert, geweint, geschluchzt wurde, sondern lediglich konstatiert und protokolliert..). 

Es gibt aber auch Gegenbeispiele, zuhauf. Die Fürstin, diese Lichtgestalt des Romans, erklärt Faber bei ihrem Treffen, daß sie jetzt, wo er wieder da ist, Martina wieder an ihn zurückgeben müsse, Martina demütigt ihre Seelenfreundin Fides damit, daß sie ihr und Eugen ihren ‚Segen‘ erteilt: Da ihr euch gern habt, Eugen, und ich es nun weiß, so sollt ihr euch nicht abquälen, so müsst ihr einander haben. Nimm sie, Eugen, nimm sie zu dir, nimm sie mit dir.  Menschen als Verhandlungsmasse, zum Objekt herabgestuft. Weitere Beispiele für solche Nicht-Achtung lassen sich leicht finden, auch – und damit zurück zum Ausgangspunkt – die Erziehung bzw. Nicht-Erziehung läßt sich als mangelnde Achtung der Mutter vor den Kindern sehen, die deren grundlegendes Recht darauf, wie auch immer ausformulierte und gesetzte Grenzen und Leitlinien des Zusammenlebens kennen zu lernen, ignoriert. 


Der Roman, der kurz nach Kriegsende spielt, ist in einer unruhigen politischen Zeit angesiedelt. Im November 1918 wurde revoltiert und am Ende dieser Novemberrevolution die (Weimarer) Republik ausgerufen, eine Republik, die sowohl von rechten als auch von linken Kräften attackiert wurde, um hier nur den Kapp-Putsch von 1920 zu nennen und der Epoche des Wassermannschen Romans zu bleiben. Zu nennen wäre natürlich auch die grassierende Inflation zu dieser Zeit in der Weimarer Republik. Diese politischen (und wirtschaftlichen) Unruhen treten im Faber nur als Hintergrund auf und in Person diverser Figuren: das rechte Spektrum völkischer und nationaler Gesinnung wird durch den reichen Schwager Fabers, Hergesell, repräsentiert, der linke Rand kommunistischer Ideen und mit Russland liebäugelnder Revolutionäre tritt in der Figur des Baltesser auf, der Faber zu einem großen Verrat überredet, einem Verrat an dem Werk seiner Frau. Fleming ist die Figur des zurückgezogenen Wissenschaftlers, Anna die Kämpferin für die Rechte der Frauen und die Fürstin mag man als Personifizierung von im nicht fassbaren angesiedelten Heilsversprechen sowie zutiefst moralischen Handelns nehmen. Die weiter vorstehend dargelegte Zwiespältigkeit der Personen bleibt davon unberührt.

Eugen Faber – er darf nicht vergessen werden. Aufgewachsen in einem Elternhaus, das ihm maximale Grenzenlosigkeit bescherte und die Umwelt zur Willkür auslieferte. Eine Ehe geschlossen, die sich wie von Gott gegeben anfühlte. Schmählich, weil sehr schnell in Kriegsgefangenschaft geraten, alles Hoffen und Sehnen an die Heimat, das Heim gebunden, die lange Flucht und dann die enttäuschende Ankunft. Schon der offensichtlich recht intensive Briefverkehr mit Martina (übergehen wir die Frage, wie dieser Kontakt praktisch gehalten werden konnte in Gefangenschaft und Flucht..) hat Fragen und Irritationen hervorgerufen, zu Hause dann fühlt er nur Fremde und Kälte. Er gehört nicht mehr dazu, mehrfach taucht der Begriff der ‚Entwurzelung‘ im Roman auf. Stumme Verzweiflung bemächtigt sich seiner, aus der heraus er mehrfach großen Fehler begeht…. auch im Beruf, in der Stellung, die man ihm verschaffen kann, findet er keine Befriedigung, sieht er keine Aufgabe mehr für sich… letztlich läßt Wassermann seine Handlung auch offen, es ist nicht klar, was aus Faber wird. Zwischen zwei Frauen stehend, die ihre eigenen Probleme haben, entscheidet er sich dafür zu gehen (‚Lösen, um zu binden.‘) und abzuwarten, bis die eine weiß, daß die Flamme erloschen ist, die sie unschuldig entzündet hat […] und die andere das Feuer wieder nähren will […] Rätselhaft der Schluss des Romans, der eine man möchte sagen, verwirrte Martina zeigt, die mit einem Ton […] zwischen kindlichem Schmerz und strahlendem geheimnisvollen Jubel [rief]: „Fides, wach auf! Fides, wach auf! Weißt du es denn nicht? Hast du´s gehört? Er ist fort, der Liebste! Der Aller-Allerliebste ist von mir gegangen….“ 


Faber oder die verlorenen Jahre ist ein handlungsarmes Stück. Es lebt von von den Betrachtungen der Protagonisten, von den Gesprächen zwischen ihnen, den Diskussionen und Auseinandersetzungen, von den Erinnerungen auch. Wassermann konzentriert sich auf die seelischen Nöte seiner Protagonisten, Faber steht bei ihm als Figur für den entwurzelten und als Fremden, als Aussenseiter zurückgekehrten Kriegsteilnehmer, der die Welt, die er vor dem Krieg kannte, nicht mehr auffindet. Politische Strömungen bekämpfen sich mit zum Teil radikalen Methoden, Krieg und Armut haben soziale Verwerfungen hervorgerufen, einer Arbeit nachzugehen, erscheint sinnlos. Was sich im nächsten Weltkrieg wiederholen sollte, ist auch schon in diesem Menschenschlachten zu beobachten: die Frauen zu Hause, die durch die Abwesenheit der Männer auf sich selbst gestellt waren, entwickeln Selbstbewusstsein und Initiative – müssen dies sogar, um materiell und auch seelisch zu überleben. Nur, daß die Rückkehrer, die sich nichts sehnlicher wünschen als sich hineinfallen zu lassen in das Bild vom Heim, das sie noch verinnerlicht haben, um dann so tun zu können, als hätte die verlorenen Jahre es nicht gegeben, damit nicht zurecht kommen….


Jakob Wassermann gelingt es in seinem Roman, sich trotz der vielen Themen, die er anschneidet, nicht zu verzetteln. Einzig die Episode mit Valentin wäre vielleicht nicht notwendig gewesen, andererseits läßt gerade sie den Charakter von Fides deutlich hervortreten, erfüllt letztlich also doch eine wichtige Aufgabe…. so schafft Wassermann ein großartiges Bild einer Zeit im völligen Umbruch, einer Epoche, die sich neu erschaffen muss, weil das Bisherige in Trümmern liegt. Insofern ist Faber auch ein Gesellschaftsroman, in dem Wassermann seine Vorstellung einer humanen, auf Achtung des Gegenüber fussenden Gemeinschaft formuliert.

Manche der Gespräche und Ausführungen, die Wassermann seinen Figuren in den Mund legt, wirken heutzutage möglicherweise etwas umständlich, etwas grüblerisch, aber wir heutigen haben mittlerweile ja auch gelernt (hoffentlich…), Sprachlosigkeit zu überwinden. Seinerzeit war das In-Sprache-Bringen gerade für Männer noch nicht hoch entwickelt, wir müssen´s hinunterschlucken; wir müssen tapfer sein. Die Welt verlangt es von uns, so erklärt Eugen Faber seinem Sohn, daß dieser nicht weinen soll über das Unglück, das auch dieser natürlich spürt. Diese Erklärung gilt selbstverständlich für´s Sprechen wie für´s Weinen….

Der Roman Faber… ist nach seiner Erstpublikation 1924 bei S. Fischer in Berlin nicht mehr allzu häufig aufgelegt worden. Für 1945 habe ich noch eine schweizerische Ausgabe (Carl Posen, Zürich) gefunden, 2011 erschien eine Taschenbuchausgabe im Salzwasser-Verlag. Die vorliegende Neuerscheinung in der Bibliothek der Weltliteratur des Manesse-Verlages ist ein (wie bei dieser Edition gewohnt) wunderschönes Buch, das mit Erläuterungen und dem sehr informativen Nachwort von Insa Wilke, einer jüngeren deutschen Literaturkritikerin und Germanistin abgerundet ist. Und dem Verlag kommt das große Verdienst zu, mit diesem Buch einem Autoren, dessen Werke 1933 verbrannt worden waren, wieder eine Stimme gegeben zu haben.

Links und Anmerkungen:

[1] – Wiki-Beitrag zu Wassermann: https://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Wassermann
– https://www.literaturportal-bayern.de/autorinnen-autoren?
– http://www.jakob-wassermann.de
[2] zur Geschichte der Reformpädagogik:  https://de.wikipedia.org/wiki/Reformpädagogik#Geschichte_der_Reformp.C3.A4dagogik

Ein Roman, der in ähnlicher Thematik das Schicksal eines Heimkehrers darstellt, ist Erich Maria Remarques: Der Weg zurück; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2011/11/12/erich-maria-remarque-der-weg-zuruck/

Jakob Wassermann
Faber oder Die verlorenen Jahre
mit einem Nachwort von Insa Wilke
Erstausgabe: Berlin, 1924
diese Ausgabe: Manesse (Bibliothek der Weltliteratur), HC, ca. 416 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Die Summe der Tränen bleibt konstant.

Eine Frau in Berlin, ein etwas antiquiert klingender Titel, sind Tagebuchaufzeichnungen einer ca. Dreißigjährigen, die den Zeitraum vom 20. April bis zum 22. Juni 1945 überstreichen. Drei dichtbeschriebene Schulheft, deren Inhalt – so wird im Vorwort erläuterte – noch im Juli ´45 aus der frischen Erinnerung heraus ausführlicher dargestellt und auf Maschine getippt wurde. Ein Bekannter der Autorin, deren Identität mittlerweile gelüftet ist, erkannte, daß diese sehr persönlichen Aufzeichnung darüber hinaus als Zeitdokument Bedeutung haben, geben sie doch weibliche Perspektive der letzten Tage Berlins im 2. Weltkrieg wieder. Die Erlebnisse der Autorin, die sich in den Aufzeichnungen erhalten haben, sind somit cum grano salis zumindest für den Teil der Hauptstadt repräsentativ, der von den Russen erobert wurde.

Am 20. April, dem Tag, mit dem das Tagebuch beginnt, ist das, was gestern noch fernes Murren war, Dauergetrommel. Man atmet Geschützlärm ein. … Eine Richtung ist längst nicht mehr auszumachen. Wir leben in einem Ring von Rohren, er sich stündlich verengt. Wir, das ist das Kellervolk, der Haufen mehr oder weniger willkürlich zusammengewürfelte Menschen, die im Keller der Häuser hocken, ein paar als wichtig erachtete Sachen im Arm, greinende Kinder auf dem Schoß, in Angst und Schrecken versetzt durch die Erschütterungen, verbunden im Ausblick auf eine bittere Zukunft. Knappheit, Mangel beherrscht das Leben, die letzte Milch ist getrunken, das Gas reicht kaum noch, um etwas kochen zu können, die Angst vor dem Russen ist schon da…

Man sieht an diesen zitierten Zeilen, daß die Schreiberin keine gewöhnliche Frau war im Gegensatz zu den meisten anderen im Keller. Aus dem Tagebuch ergibt sich, daß sie Abitur gemacht hatte, viel gereist war, Städte wie Paris, London oder Moskau kannte, von letzterer auch russische Sprachkenntnisse mitgebracht hatte. Mit der Aufdeckung ihrer Identität [3] ist natürlich auch der berufliche Werdegang der polyglotten Autorin, die tatsächlich Journalistin war, bekannt geworden.

Noch gibt es die Leute, die an den Sieg glauben, die Parolen verbreiten, doch längst lösen sich die Strukturen auf. Bei Plünderungen kann man noch Nahrungsmittel ergattern….Die Bomben fallen immer näher, Tote sind zu sehen, heruntergekommene deutsche Soldaten, denen man die Müdigkeit und die Niederlage allzu deutlich ansieht und denen nichts mehr zuzutrauen ist, wanken durch die Straßen.

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Die Frauen wissen, daß der Russe kommt und was auf sie wartet. Es herrscht ein gewisser Galgenhumor, lieber ein Ruski auf´m Bauch als ein Ami auf´m Kopf oder Nun woll´n wir doch mal ehrlich sein – Jungfern sind wir wohl alle nicht mehr. … solche Sprüche sollen eine gewisse Zuversicht erzeugen und zeigen doch nur – nachvollziehbare – Naivität. Schließlich sind ja auch Russen „bloß Männer“, denen man auf irgendeine weibliche Art, mit List und Kniffen, beikommen könnte; die man hinhalten, ablenken, abwimmeln kann… daß sich zwanzig in einer Schlange aufstellen und warten, bis sie an die Reihe kommen, bei einer Frau, wird die eine oder andere noch erfahren. Es sind nicht immer solch exzessiven Massenvergewaltigungen, aber zu zweit, zu dritt oder zu viert sind sie oft, stürmen in die Keller, überraschen die Frauen in den Treppenhäusern, schlagen die Türen der Wohnungen ein….

Am 27. April tauchen russische Soldaten in der Straße auf, fast klingt es idyllisch, der muntere Soldatenbetrieb mit den Pferden, die gutmütigen Gesichter der Männer, ihr freundlicher Ton „Haben Sie einen Mann?“ Die andere Seite: Kein Leitungswasser mehr, kein Strom, kein Gas, gar nichts. Nur Iwans. Viele Iwans, auf der Suche nach Uhren, nach Schnaps… sie finden Schnaps und abends dann im Keller da haben sie mich, irgendwelche, die beiden haben hier gelauert…. ich schreie, schreie...

Das Zusammenleben des Kellervolks  organisiert sich um, die Menschen können wieder in ihre Wohnungen – soweit diese noch bewohnbar sind. Viele tun sich zusammen, gegen die Einsamkeit, die Angst, auch gegen den allgegenwärtigen Hunger. Schutz bietet diese Gemeinschaft den Frauen kaum, sie werden gegriffen, in andere Zimmer gestoßen, einer hält Wache, der andere…

Nicht Ekel, bloß Kälte. Das Rückgrat gefriert, eisige Schwindel umkreisen den Hinterkopf. Ich fühle mich gleiten und fallen, tief, durch die Kissen und die Dielen hindurch. In den Boden versinken – so ist das also. 

….später dann:

Es war mir, als läge ich flach auf meinem Bett und sähe mich gleichzeitig selbst daliegen, während sich aus meinem Leib ein leuchtendweißes Wesen erhob, eine Art Engel, …. Mein Ich läßt den Leib, den armen, verdreckten, mißrauchten, einfach liegen. .. Es soll nicht mein Ich sein, dem dies geschieht…. 

Dissoziation: ein Schutzmechanismus, den diese Frau gegen den Schrecken, den Schmerz, die Erdniedrigung anwendet: es ist nur mein Körper, dem dies angetan wird, es ist nicht mein „Ich“, es ist nicht das, was „mich“ ausmacht, was hier geschändet wird….

Groteskes: riesige, in Uniform gesteckte sibirische Bauernjungen, die vor ihren gerade vergewaltigten Opfern in Liebesschwüre ausbrechen….

Um dieser Schutzlosigkeit nicht mehr ausgeliefert zu sein, braucht man Schutz.. deutsche Männer können den nicht liefern, sind im Gegenteil vernünftig, geh´ jetzt mit, sonst müssen wir es doch alle ausbaden….. für Widerstand hätte weder Frauen noch Männer im Gegenteil kein Verständnis…. ein paar Tage später wird die Tagebuchschreiberin gegenüber einer Freundin sagen, daß sie sich hochgedient hat, von der Mannschaft über den Oberleutnant zum Major….

Es mutet seltsam an, die Schändungen gehören bald zum Tagesablauf, sie sichern auch das Überleben. Es bildet sich eine lockere Gemeinschaft heraus, die sich in der Wohnung, in der die Autorin mit einer weiteren, älteren Frau, der Witwe, die ihrerseits einen noch einem bettlägerigem Mann, Herrn Pauli, aufgenommen hat, trifft. Es kommen wechselnde Russen mit Schnaps und Essen, es wird gefeiert, gesungen, gefressen…. Schnaps, Brot, Hering, Büchsenfleisch, Beischlaf, Anatol … Anatol, der Oberleutnant, hat die Schreiberin als seine Beute akzeptiert, er ist ihr Schutz geworden, sie und ihre Mitbewohner sind Anatols privater Hirschpark – für den Preis, den sie ihm zahlen muss. Diese Arrangements von Frauen mit höheren Dienstgraden findet man nach den ersten Tagen öfters: viele der geschändeten Frauen sind auf die gleiche Idee gekommen….

Beim Major, der mit seinem Burschen auftaucht, läuft es etwas anders. Dieser ist gebildet, eloquent, schüchtern. Sie ist sich sicher, ihn könnte sich ablehnen, wegschicken.. sie tut es nicht. Es ist keine Vergewaltigung, was dann geschieht, das weiß sie…verzeihen Sie mir, ich habe schon so lange keine Frau mehr gehabt… das durfte nicht kommen. Schon liege ich mit meinem Gesicht auf seinen Knien und schluchze und heule und heule mir einmal den ganzen Jammer von der Seele…  ist dies Prostitution, ist sie damit zur Dirne geworden? Verkauft sie sich gegen Nahrung und Schutz? Zweifel …..

Tagsüber immer wieder das gleiche: Immerzu Russen, Schnaps, Küchenarbeit, Wasserschleppen. Wasser muss an einer Pumpe in Eimern geholt werden, Russen haben dort Vorrang, so kann es lange dauern… Die Frage „Wie oft?“ wird zur Begrüßungsfrage unter Frauen, die Sprache passt sich an, es wird von Schändungsbetrieb gesprochen, von Plünderwein, Klaukohle, Majorszucker…. die Gemeinschaft, das Wissen, daß fast alle Frauen (nur wenige können sich in Verstecken retten) das gleiche Schicksal erleiden, hilft: man kann darüber frei reden, findet Verständnis unter Gleichen. Die Vergewaltigung als Witz, der präsentiert wird: aus Daumen und Zeigefinger beider Hände einen Kreis bilden: so ist Ukrainerfrau, den Kreis mit einer Hand: du so. Damit erntet die Witwe überall Gelächter….

Nicht alle Frauen überstehen diese Zeit so „gut“ wie die Autorin, die im Schreiben ihres Tagebuches viel Last von ihrer Seele abwälzen kann. Manche werden krank, manche werden schwanger, manche ertragen die Last nicht….

Die zeitlose Zeit, die wie Wasser dahinrinnt und deren Uhrzeiger für uns einzig die Männer in den fremden Uniformen sind.

Aber auch diese Tage des ungezügelten Sturms gehen vorbei, es tritt eine gewisse Ordnung zu Tage. Am 8. Mai ist der Krieg zu Ende, jeder ist schon immer gegen Adolf gewesen… der Radius der Lebenswelt wächst wieder über die Nachbarhäuser hinaus, man schaut sich die Straßen an, wo man früher gearbeitet hat, wo Freundinnen wohnen… Trümmer, Schutt, armselige Gestalten, Karawanen mit Handkarren, Tote, „stille Einquartierungen“ in Gärten und Parks…. Die Notgemeinschaften in den Häusern, ein paar Tage später sogar die Wohngemeinschaft der Autorin: sie zerbrechen wieder, lösen sich auf: das schlimmste Chaos ist vorbei, die russische Verwaltung macht Anstalten, das Leben der Bevölkerung zu organisieren.

Mit den russischen Beschützern und nach dem Auszug bei der Witwe verliert die Autorin auch die Lebensmittel, gut, daß sie sich vorher reingestopft hat, was ging … sie lebt wieder allein in der Dachwohnung im Haus, hungert, musste auf Betreiben von Herrn Pauli ausziehen, weil sie selbst jetzt nichts mehr zum Unterhalt beitragen konnte und die Vorräte mit aufbrauchte. Daß sie selbst eine zeitlang Essen angeschlafen hatte, zählte nicht mehr…

Arbeitseinsätze bei der Demontage der Fabriken: zwölf Stunden Tage bei knapper Kost, mit Belästigungen und Schikanen… den versprochenen Lohn? .. vielleicht nächste Woche…

Leben im Hier und Jetzt… da taucht ein Ungar auf mit Plänen, voller Tatendrang. Zeitungen seien jetzt gefragt, all das, was die letzten Jahre nicht gedruckt werden durfte. Sie starten ein Projekt… jeden Tag muss die Frau zwanzig Kilometer durch Berlin laufen, bis sie im Büro bzw. wieder zu Hause ist. Die Schuhe durchgelaufen, die Ernährung auf Löwenzahn, Brennnessel und Melde (man denkt sofort an Müller und ihren Hungerengel) zurückgeschrumpft. Daß es Lebensmittelkarten gibt, bedeutet nicht unbedingt, daß es auch Lebensmittel gibt….. aber die Zeitung ist eine Perspektive, es ist etwas, was in die Zukunft weist – auch wenn völlig offen ist, ob sie jemals erscheinen wird.

Völlig überraschend steht auf einmal Gerd in der Tür, ihr Freund aus so lange vergangenen Zeiten. Er war an der Ostfront, konnte sich durchlavieren und ist gut genährt in Berlin angekommen. Zwei Welten prallen aufeinander, der Mann mit seiner „alten“ Moral und die Frau, die sich anpassen musste, um überleben zu können. Sie gibt ihm ihr  Tagebuch zu lesen, er versteht nicht alles.

„Was soll das zum Beispiel heißen?“ fragte er und deutet auf „Schdg“.  Ich musste lachen: „Na, doch natürlich Schändung.“

„Ihr seid schamlos wie die Hündinnen geworden. Merkt ihr das denn nicht? …. Alle Maßstäbe sind euch abhanden gekommen.“ …

Seit gestern ist er wieder fort. .. 

Der 22. Juni
…….

Gestern erlebte ich was Komisches: Vor unserem Haus hielt eine Karre mit einem alten Gaul davor, einem Tier aus Haut und Knochen. Lutz Lehmann, vier Jahre alt, kam an Mutters Hand daher, blieb vor dem Karren stehen und fragte mit träumerischer Stimme: “ Mutti, kann man das Pferd essen?“
Gott weiß, was wir noch alles essen werden. Ich bin noch längst nicht am äußersten Rande der Lebensbedrohungen angelangt, weiß nicht, wie weit es noch ist bis dahin. Ich weiß nur, daß ich überleben will – ganz gegen Sinn und Verstand, einfach wie ein Tier. 


Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Wie oft habe ich beim Lesen dieser Aufzeichnungen an dieses Gleichnis, dieses Bibelwort gedacht. Und zwar gleichermaßen für diese Frauen, die einfach nur überleben wollten und mussten, für die Männer, die sie gehen ließen, sogar aufforderten und – am Schluss – auch für Gerd, ihren Freund. Wie hätte man selbst reagiert, in dieser Situation? Natürlich ist es so gut wie unmöglich, sich in eine solch extreme Lage zu versetzen, aber wäre man nicht vielleicht, wahrscheinlich auch geschockt und angewidert gewesen? Wer wollte dies für sich von der Hand weisen…. und hätte man seine Frau auch aufgefordert, mit zu gehen? .. und wie haben die Paare nachher miteinander gelebt, wie haben sie diese persönlichen Katastrophen in ihr Leben eingebaut?

Als ich mich in das Buch eingelesen hatte, einige Dutzend Seiten, kam mir der Gedanke, daß ich aufpassen müsse, diese Aufzeichnungen, in den fünfziger Jahren publiziert, zu einer Zeit, in der der Kalte Krieg tobte, waren doch sicher ein gefundenes Fressen für die Propaganda gegen die UdSSR, die Russen, die Bolschewisten, die Rote Gefahr…. Wie naiv von mir! Nein, in realiter hatte „Gerd“ gewonnen, die deutsche Erstveröffentlichung von 1959 wurde heftig kritisiert… Man wollte das Geschehene nicht wahrhaben, die Verdrängung der Tatsachen war noch voll im Gange, auch auf diesem Gebiet. Auch das freizügige Thematisieren unter den Betroffenen selbst dürfte bald aufgehört haben, war man in den ersten Tagen noch eine Schicksalgemeinschaft, die sich gegenseitig stützte, so zog man sich doch mit zunehmender äußerer Ordnung auch hier ins Private zurück, redete nicht mehr darüber, verdrängte dies. Auch dies nachvollziehbar, wenngleich nicht gesund: im Untergrund der Seele (von Frauen und Männern!) war das Trauma nur vergraben, nicht aus der Welt.

Nach dieser Erstausgabe von 1959 dauerte es dann bis Mai 2003, bis der Tagebuchtext als Ausgabe der „Anderen Bibliothek“ wieder in die Öffentlichkeit gebracht und einer der Bucherfolge dieses Jahres wurde [1]. Aufgekommene Zweifel an der Authentizität des Textes wurden wiederlegt [2], auch der Name der „Anonyma“ ist mittlerweile bekannt [3]. Im Jahr 2008 wurde das Tagebuch mit Nina Hoss in der Hauptrolle verfilmt [4].

Inwieweit diese Schilderungen der Autorin repräsentativ sind, kann ich zumindest nicht beurteilen. Aber warum sollte es woanders anders gewesen sein, in Leizpig zum Beispiel oder Dresden….? Es ist nun mal so, daß dieses Tagebuch wohl recht allein steht und damit ein seltenes Zeugnis ist vom Krieg und den ersten Tagen der russischen Besatzung. Was hat sich unter den anderen Besatzungsregimes abgespielt, den Amis, den Tommies und den Franzosen? Was dort passiert ist und wie: auch das ist nicht bekannt, zumindest nicht in solcher Deutlichkeit beschrieben…. so ist man auf Vermutungen angewiesen, erinnert sich vielleicht an Andeutungen, hat das altbekannte Schema im Kopf: hier die Guten, dort die Bösen… aber Männer waren es in jedem Fall und Rachegefühle dürften hie wie dort vorhanden gewesen sein..

Eine Frau in Berlin ist jedenfalls ein erschütternd zu lesendes Dokument, das einmal mehr beweist, daß im Krieg die Frau im Falle einer Niederlage einfach eine Beute ist, die der Sieger sich krallt und die er benutzt: zur eigenen Befriedigung und zur Demütigung, zur Erniedrigung.

Eine Frau in Berlin ist aber mehr als eine traurige Geschichte von Massenvergewaltigungen. Es ist auch ein Bild und eine Beschreibung einer zusammen gebombten Stadt, die sich aus ihren Trümmern heraus wieder zum Leben wendet, die den Ausnahmezustand abschüttelt und sich wieder zu organisieren versucht. Fliegende Friseure tauchen auf, die den Frauen die Haare wieder schneiden, nach ein paar Tagen können die Frauen aufhören, sich alt und häßlich zu machen und auch wieder ein nettes Kleid anziehen… Lebenswille, der Wille, durchzukommen, es zu überstehen… Lebenpläne tauchen wieder auf, wie wird es weiter gehen, gehen wir nach Russland, finden wir dort Arbeit, was wird aus Deutschland, ein einziger, riesiger Acker für Kartoffel?

Langsam sickern Nachrichten durch, Wasser und Strom und damit auch das Radio funktionieren nach ein paar Tagen wieder. Im Osten zum Beispiel sollen Millionen Juden umgebracht und zu Kunstdünger verarbeitet worden sein. Hitler, für den jetzt natürlich kein Baum zu hoch gewesen wäre, sei tot, andere gefangen…. die Sieger würden feiern, die Besiegten müssen flaggen, die deutsche Hausfrau improvisiert, die Flaggen des 3. Reichs werden umgeschneidert, am einfachsten zu der russischen Fahne…. ein hübsches Detail, sehr symbolträchtig… ein interessanter Gedanke der Autorin: wäre Hitler am 20. Juli tatsächlich getötet worden, wäre dann ein Rest Glorienschein über ihm geblieben?


Ich möchte diese Besprechung mit einem Zitat der Autorin aus dem Jahr 1947 schließen, das in gewissen Sinn an die Aussage des weiter oben stehenden Absatzes über Sieger und Besiegte anknüpft, denn in diesem verdammten Krieg von vor siebzig Jahren waren auch die Deutschen eine zeitlang die Sieger. Manchem/r war dies bewusst, auch wenn es noch lange Jahre dauern sollte, bis dies in das Bewusstsein der Allgemeinheit durchgedrungen ist:

Keins der Opfer kann das Erlittene
gleich einer Dornenkrone tragen.
Ich wenigstens hatte das Gefühl,
daß mir da etwas geschah,
was eine Rechnung ausglich.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Buch: https://de.wikipedia.org/wiki/Eine_Frau_in_Berlin, vgl. aber auf jeden Fall auch diesen Kommentar der Biographin von Marta Hillers: https://radiergummi.wordpress.com/2015/08/02/anonyma-eine-frau-in-berlin/#comment-4767
[2] zur Authentizität des Buches: Joachim Güntner: Walter Kempowski legt Gutachten vor: Eine Frau in Berlinhttp://www.nzz.ch/article9CNMS-1.202394
[3] Wiki-Beitrag zu Marta Hillers:  https://de.wikipedia.org/wiki/Marta_Hillers
[4] Wiki-Beitrag zum Film:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anonyma_–_Eine_Frau_in_Berlin

ein Übersichtsartikel über „Sexuelle Gewalt im 2. Weltkrieg“ ist in der Wiki nachzulesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Gewalt_im_Zweiten_Weltkrieg

Eine Biographie von Marta Hillers ist 2013 (in erweiterter Auflage 2015) von Clarissa Schnabel publiziert worden: Mehr als Anonyma: Marta Dietschy-Hillers und ihr Kreis, BoD (Bezugsquellen sind leicht zu ergoogeln)

Anonyma 
Eine Frau in Berlin
mit einem Nachwort von Kurt M. Marek

Erstausgabe: Ffm, 1959 (auf deutsch)
diese Ausgabe: R&M Buch und Medien GmbH/Buchgemeinschaften, HC, ca 290 S., 2003

romische cover

Alberto Moravias Römische Erzählungen sind nicht neu, die italienische Originalausgabe stammt aus dem Jahr 1954. Das Buch enthält – sofern ich mich nicht verzählt habe – 60 Geschichten aus dem Rom der Nachkriegszeit. Es sind Geschichten der Menschen, die „unten“ sind, die arbeitslos sind, die in Hütten hausen oder gar in Höhlen, die sich als Tagelöhner verdingen oder deren Geschäfte schlecht gehen. Sie wollen das gleiche wie alle anderen: leben, satt werden, die Familie ernähren, sich verlieben, etwas Spaß und Freude haben… doch oft sind die Lebensumstände einfach nicht danach: die Menschen sind ungebildet, oft ungelernt und feste Arbeitsstellen sind selten. Manchmal wird ein Bote gebraucht, der ein oder andere kann als Taxifahrer arbeiten oder in einer Werkstatt …. So bleibt vielen  nur das Betrügen und Belügen, sie werden betrogen und belogen, manches Mal bleibt nur der Versuch, anderen etwas wegzunehmen, oder (etwas prosaischer gesagt), der Diebstahl. Man stiehlt aus Not, nicht aus Berufung: nur selten sind die Diebe so geschickt, daß sie nicht erwischt werden, manch einer wandert ins Gefängnis… wird er entlassen, geht der Teufelskreis wieder von vorne los…. das Denken der meisten Figuren ist einfach, zu einfach meist, als daß sie ihr Leben grundlegend ändern könnten…

Es gibt oftmals Händel untereinander, die Fäuste ersetzen hin und wieder Argumente, auch die Messer sitzen offen, von vermeintlichen Freunden aufgehetzt wird im Jähzorn schon mal zugestochen, hin und wieder bleibt jemand auf der Strecke. Im Gefängnis bekommt man wenigstens regelmäßig sein Essen…

Die Liebe, die Liebe… man verguckt sich in ein Mädchen, man versucht, es zu beeindrucken, es verliebt zu machen… es gibt Rivalen, die auszustechen sind und ist man dann glücklich ein Paar, bedeutet das nicht unbedingt, daß der Mann das Sagen hat. Mancher sitzt stumm zu Hause, wird von den Vorwürfen der Frau wie unter Geröll vergraben. Manch einer mag sich auch fragen, wo nur das Mädchen geblieben ist, in das er sich seinerzeit verliebt hatte, diese böse, zankende, keifende Frau, mit der er zusammenlebt, kann es doch nicht sein?

Rom, ein paar Jahre nach Kriegsende, das zivile Leben hat wieder Einzug gehalten, es geht wieder „aufwärts“. Man geht wieder in Lokale, auch wenn sie einfach sind, trifft sich mit Freunden in der Bar, auch wenn es nicht unbedingt Freunde sind, man plant wieder sein Leben, will Familie haben.. wie es eben so sein sollte. Nicht immer sind in Moravias Geschichten den Verhältnisse so, daß dies auch umgesetzt werden kann, meist sind seine Figuren die Pechvögel, die Ungeschickten, die, die trotz aller Bemühungen den Teufelskreis nicht durchbrechen können…

Die Geschichten sind unabhängig voneinander. Meist sind sie gleich aufgebaut, die Hauptfigur stellt sich und ihre Lebensumstände kurz vor, gleich so, als ob sie mit dem Leser redet. Dann beginnt die Geschichte, die erzählt werden soll. Moravia schreibt eine (den Geschichten angepasste) einfache, kraftvolle, bildhafte und klare Sprache, er erzählt meist nur, manchmal aber läßt er seine Figuren über das, über ihr Leben auch reflektieren, ins alltags-philosophische abschweifen…

Ich habe dieses Buch über viele Wochen hinweg gelesen. Immer mal wieder ein, zwei, vllt sogar mal drei Geschichten, mehr nicht, zu ähnlich sind sich die meisten der Stücke. Die Erzählungen „erden“ ein wenig, man spürt beim Lesen, wie gut es uns heutzutage geht, daß unsere Sorgen oft weit abgehoben sind von denen, bei denen es ums Leben, ja, ums Überleben geht… beim Lesen vermischen sich die Geschichten mit den Bildern, die man selbst von Italien hat und es entsteht oft eine leichte, mittelmeerische Stimmung in einem selbst…. Römische Erzählungen sind ein ideales Buch für „zwischendurch“, für den Strand, die Bahn, den Flieger… oder den Abend, wenn man für kompliziertes schon ein wenig müde ist….

Weitere Bücher von Alberto Moravia hier im Blog:

Ich und Er
Die Römerin

Alberto Moravia
Römische Erzählungen
Übersetzt aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn
Originalausgabe: Racconti romani, Mailand, 1954
dieses Ausgabe: Sammlung Luchterhand, TB, ca. 480 S., 2010

Gedenkmarke zum 100. Geburtstag von Stefan Andres, 2006 Bildquelle: [B]

Gedenkmarke zum 100. Geburtstag von Stefan Andres, 2006
Bildquelle: [B]

Stefan Andres [1]… ich denke mal, ich bin nicht der Einzige, dem es so geht: dieser Schriftsteller war mir unbekannt und die Tatsache, daß er nach dem Krieg einer der meistgelesenen, diese Novelle sogar Schulstoff war, hat mich überrascht. Zu verdanken habe ich diese neue Bekanntschaft meinem Lesekreis, wo das Büchlein – vielleicht aus einer Jugenderinnerung heraus – als Lesestoff vorgeschlagen wurde.

Der Autor – ganz kurz zu seinem Leben, ausführlicheres ist unten unter [1, 4] zu erfahren – wurde 1906 an der Mosel geboren (Trittenheim) und starb 1970 in Rom. 1933 ging der angehende Schriftsteller nach Italien, kam zwischenzeitlich noch einmal nach Deutschland zurück bevor er endgültig nach Italien zog; er war mit einer Jüdin verheiratet („Innere Emigration„). Nach dem Krieg kehrte er nochmals für einige Jahre nach Deutschland zurück, ging dann aber der politischen Entwicklung wegen 1961 endgültig nach Italien, wo er auch 1970 verstarb. Die vorliegende Novelle konnte 1942 in der Frankfurter Zeitung erstveröffentlicht werden, ein Jahr später erschien sie als Buch, wurde danach aber von der Zensur wieder einkassiert [4].


Gott ist gnädig

Vom Entstehungszeitpunkt der Novelle aus gesehen führt die Handlung nur ein paar Jahre zurück in die Vergangenheit und zwar in das Spanien der Bürgerkriegszeit 1936/37. Paco Hernandes, einer der Protagonisten, Soldat und Matrose (53. Marine-Infanterie) – woraus teilweise gefolgert wird, daß er zu den regulären Truppen gehört [4, 5] – wird zusammen mit anderen gefangenen Kameraden in ein Karmeliterkloster im spanischen Hochland gebracht. Er fällt durch sein seltsames Benehmen auf und wird vom Leutnant der gegnerischen Truppen zur Rede gestellt. So erfährt er, daß Paco vor zwanzig Jahren in diesem Kloster als Mönch gelebt hat, als Padre Consalves. Sein Wunsch, wieder in die alte Zelle gelegt zu werden, erfüllt ihm Teniente Pedro, die zweite Hauptperson in dieser Geschichte.

Don Pedro äußert dem ehemaligen Priester gegenüber eine seltsam anmutende Bitte. Er wird von Alpträumen geplagt, in denen ihm die Nonnen erscheinen, denen er und seine Leute – ohne daß dies en Detail ausgeführt wird – wohl schreckliches angetan haben (.. Schließlich starben sie endlich, ….“), die Säuberung dieses Klosters von seinen Mönchen war brutal genug, um sich zu denken, was mit den Nonnen geschah… ihm dagegen bleibt der Tod (sprich: die Erlösung) verwehrt, auch in den Träumen… und  so will er von Paco die Beichte abgenommen haben, ein Ansinnen, dem sich der Ex-Priester erst einmal verwehrt.

Wieder allein in seiner Zelle wird Paco von den Erinnerungen an seine Zeit als Mönch eingeholt. Er legt sich auf die Pritsche und sieht den alten Wasserfleck an der Decke, der nicht zu übertünchen ist und sich immer wieder zeigt – dieser Fleck wurde seinerzeit in seiner Fantasie zu einer Insel der Seligen, zu einem Utopia, in dem die Menschen in Frieden lebten und ich dem die Religionen sich gegenseitig ergänzten, die Grenzen zwischen ihnen sich verwischten. In einem inneren Monolog repetiert Paco das Gespräch darüber, welches er seinerzeit mit seinen Lehrern führte, Stichworte dieses Gesprächs sind „freier Wille“, „Wahrheit“  und auch übergeordnet „Theodizee“. Die Quintessenz lautet, daß wir Utopia nicht irgendwo da draußen suchen dürfen, sondern in uns. Es ist an uns Menschen, uns zu entwickeln, hin zu einem Status, der dem utopischen immer näher kommt…..

Paco genießt eine Sonderbehandlung durch Don Pedro, er bekommt ein gutes Essen und auf dem Tablett liegt ein Besteck, incl. Messer. Dieses Messer steckt Paco sofort ein, er ist verwundert darüber und in der Folge reift in ihm ein Plan, wie die Flucht aus diesem Gefängnis gelingen könnte: er könnte Pedro bei passender Gelegenheit erstechen, die mit Riegeln verschlossenen Zellentüren öffnen und die geringe Besatzung der Wachen überwältigen. Der Theologe in ihm ist derjenige, der ihm eingibt, „Gegen das Verbrechen sich zu wehren, ist erlaubt; das Leben der anderen zu verteidigen, ist sogar eine sittliche Forderung. ….“, der reale Paco dagegen wälzt sich unruhig hin und her, in ihm streiten viele Ansichten, die theologische ist nur eine von ihnen, die entschiedene; wie sonst auch, scheut der Soldat eine wirkliche Festlegung.

Der Geschütz- und Kampflärm rückt näher an das Städtchen mit dem alten Karmeliterkloster heran, es scheint zu eilen, der Leutnant erhält Befehle per Telefon. Paco will Don Pedro nach einem langen Gespräch, in dem sich Pedro als von Grund auf böser Mensch beschrieben hat, doch die Beichte abnehmen, sie vereinbaren ebenso, daß alle Gefangenen die Generalabsolution bekommen. Nach der Beichte, dazu ist Paco (wie er später zugeben wird) entschlossen, will er Pedro töten… doch bevor es dazu kommt, entdeckt der Leutnant das Messer, er berührt Paco nach der Beichte am Schenkel und die Spitze des in der Hosentasche verborgenen Messers macht ihn bluten. Somit ist der Plan Pacos vereitelt, Paco ist erleichtert und offenbart sich seinem Gegenüber… in einer Art Abschied erkennen sie sich als Brüder, sie küssen sich bevor die Gefangenen dann in das Refrektorium gebracht werden, um die Absolution zu erhalten.

Auf dem Weg dahin fällt Paco auf, daß eins der beiden Maschinengewehre nicht mehr an seinem Platz steht. Er weiß, was ihn erwartet, ihn und die Mitgefangenen… und er täuscht sich nicht.


Wir sind Utopia war nach dem Krieg sehr erfolgreich, es ist in Hunderttausenden von Exemplaren verkauft worden, war sogar Schullektüre [2]. Aus diesem Kanon fiel es heraus, als in späteren Jahrzehnten der literarische Fokus sich immer mehr auf soziale, politische oder ökonomische Gesichtspunkte konzentrierte, die stark religiöse Ausrichtung dieser Novelle führte sie konsequenterweise mit den neuen Zeiten ins Abseits. Sie ist auch heute nicht unbedingt leicht zu lesen, oft wird (wie bei mir) der theologische Hintergrund fehlen, um z.B. die Dialoge Pacos mit seinen Lehrern, die sich um den freien Willen, die Wahrheit und auch theodizee´ische Aspekte drehen, verstehen zu können.

Andererseits findet man ein paar Fragestellungen in diesem Text, die gerade auch in unseren Zeiten aktuell sind:

  • das Idealbild eines „Utopia“, eines Fleckchens Erde, einer von anderen abgeschotteten Insel, auf der Frieden herrscht, die verschiedenen Religionen sich nicht bekämpfen, sondern voneinander lernen und sich befruchten und vielleicht sogar irgendwann zu der Erkenntnis kommen, daß Gott nicht das Eigentum einer Religion sei. Aktuell ist die Vorstellung eines „alles-wird-gut“-Utopias: die Diskussion um die Allmacht von Google, das eine perfekte Welt auf der Grundlage technischer Problemlösungen zu versprechen scheint, geht in diese Richtung. Aber Andres sagt auch:
  • Gott hat kein Utopia geschaffen, weil er das Unvollkommene liebt, weil er uns Menschen liebt, so wie wir sind: Wir sind Gottes Utopia. Wenn wir ein Utopia schaffen wollen, dann ist es ein inneres, die Entwicklung unseres Selbsts… und gerade das Inperfekte der äußeren Welt mache sie lebenswert, in einer perfekten Welt, einen Utopia, gäbe es nur noch Stillstand.
  • Das, was unsere Vorstellung von Gott ausmacht, findet sich nicht nur im Christentum. Gott gehört keiner Religion allein, er steht über den einzelnen Religionen.
  • Paco, das wird deutlich gesagt, weiß, daß er in seinem alten Kloster sterben wird. Andres schildert einen Moment, in dem dieser Mensch, ein Soldat, ein Getriebener auch, der sich nie zu entscheiden wusste, von innerer Stille durchflutet wird, er Ruhe findet, er verankert wird im Universum: es ist der Moment, in dem er sein inneres Utopia erreicht. Die letzte große Entscheidung wird ihm abgenommen: die Entdeckung des Messers durch seinen Bewacher, den er damit erdolchen wollte, entbindet ihn von der moralischen Forderung, die Befreiung, die Flucht aus der Gefangenschaft, zu versuchen. Er geht seinem Schicksal entgegen….
  • …. und nimmt wissend 200 Mitgefangene mit in den sicheren Tod. Nach seiner Vorstellung gehen sie jungfräulich in den Himmel ein, er hat ihnen ja die Generalabsolution erteilt, bevor sie durch die Salven aus dem Maschinengewehr niedergemäht werden. Das moralische Dilemma dahinter also: darf oder muss ich sogar unter Umständen einen (oder hier auch vier Bewacher) Menschen töten, um viele zu retten, ihnen zumindest eine Chance zu geben? Ist es richtig, mich dahinter zu verstecken, daß ich meinen eigenen Frieden gefunden habe? Eine Frage, die in verschiedenen Abwandlungen durchaus aktuell ist….
  • Die Tatsache, daß Don Pedro, ein erfahrener Kämpfer, seinem Gefangenen mit dem Essen ein Messer gibt, kann kaum Zufall sein. Was also will er erreichen, provozieren? Seinen eigenen Tod, seine eigene Erlösung von einem Leben, das ihm selbst ob seiner Schlechtigkeit, nicht mehr ertragbar erscheint?
  • 1941, zum Entstehungszeitpunkt der Novelle, tobt der 2. Weltkrieg, die Verfolgung der Juden, von der Andres seiner Frau wegen selbst betroffen ist, wird immer rigider und grausamer: den Bezug zu diesen Ereignissen in die Novelle hinein zu interpretieren, ist möglich, trotzdem ist dieser Text wohl nicht als Widerstandsliteratur, also politisch, zu sehen.

Ich hätte mir, um zum Schluss zu kommen, Wir sind Utopia sicherlich nicht „freiwillig“ gekauft. Das schmale Bändchen hat aber zu einer regen, interessanten, in Teilen durchaus kontroversen Diskussion in unserem Lesekreis geführt, es ist in manchen seiner Aspekte durchaus noch aktuell. Wer Zugriff auf diese Novelle hat und Interesse an solchen Fragestellungen, für den lohnen sich die zwei, drei Stunden Lektüre sicherlich.

Links und Anmerkungen:

[1] zu Stefan Andres:
– Wiki-Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Andres
– vgl. auch [4]
[2] – http://www.litde.com/deutsche-novellen/stefan-andres-wir-sind-utopia/
http://www.wissen.de/lexikon/andres-stefan-wir-sind-utopia
[3] Marcel Reich-Ranicki: Stefan Andres zu Unrecht vergessen? in: http://www.faz.net/aktuell…
[4] Sascha Kiefer: Die deutsche Novelle im 20. Jahrhundert: eine Gattungsgeschichte; in: http://books.google.de/books?….
[5] Wer von beiden jetzt zu den Aufständischen gehört und wer zur damals frisch gewählten Volksfrontregierung, ist mir nicht klar. In [4] wird Paco bei Franco verortet, der gegen die Regierung putscht, der Leutnant daher bei den Kommunisten der Regierung… dabei ist (mir) nicht klar, ob die angeführte Einheit zu Franco oder zur Regierung gehört…. die Zurordnung der beiden Charaktere zu Regierung resp. Putschisten ist nicht trivial, da Don Pedro als Vertreter „seiner Leute“ als brutaler, ja böser Mensch, voller Gewalt und Heimtücke, gezeichnet wird….

[B]ildquellen:
– Briefmarke: http://de.wikipedia.org/wiki/.…; von Birgit Hogrefe (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons

Stefan Andres
Wir sind Utopia
Erstveröffentlichung: Frankfurter Zeitung, 1942 [3, 4]
Originalausgabe: Verlag Riemerschmidt, Berlin, 1943
diese Ausgabe: Piper & CO, HC, ca. 106 S., 1953

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