Liebe Frau Heidenreich,

gestern abend habe ich, davon gehe ich aus, wieder mal gegen Gesetz und Ordnung verstoßen, es ist nicht einfach in Deutschland, sich darüber wirklich klar zu werden. An dieser Stelle lobe ich mir immer wieder die Zehn Gebote. Das Urheberrecht hat so seine Tücken. Jedenfalls habe ich gestern im Kreise persönlicher Freunde und Bekannter vorgelesen (ich mache das hin und wieder), unter anderen ihren Text Die Liebe.

Es war ein schwieriger Text für mich zu lesen, sie werden, falls Sie diesen Brief zu Ende lesen, wissen, warum. Ihre Geschichte um den ‚Backfisch‘ Sonja herum (damals kannte man die jungen Menschen ja noch nicht als ‚teenager‘) spielt zu der Zeit, in der ich noch Windeln trug, aber doch schon Halbwaise war. Ich musste daran denken, da Sonjas größter Wunsch zu Beginn ihrer Geschichte ja ‚Waisenkind‘ zu werden war. Verständlicherweise kann ich mich an meine Halbwaisenzeit nicht mehr erinnern, möglicherweise könnte ein Psychologe einige meiner Eigenschaften auf Folgen dieses frühen Tod eines Elternteils zurückführen, aber das ist hier ja nicht das Thema. Sicher bin ich jedoch, daß ich nicht ohne Liebe aufgewachsen bin, auch nicht ohne mütterliche Liebe. Nicht verzärtelt, nicht überbehütet, aber innig geliebt. Und damit bin ich wieder bei der Geschichte um Sonja, denn Sonja sucht die Liebe. Nicht unbedingt die Liebe, auf die man mit vierzehn, fünfzehn Jahren mit wachsendem Hormonspiegel so ganz langsam neugierig wird, sondern auch die Liebe, die man zu Hause, bei und von den Eltern spüren will.

An einer Stelle lassen Sie Ihre Sonja sagen, die Mutter sei der Feind für sie. Sie lassen Sonja in Fantasien schwelgen, in denen ihre Mutter tot ist oder stirbt. Dramatisch stirbt, durch einen Sturz vom Kölner Dom. Körperkontakt hat Sonja nur durch Schläge und den Spuckefinger (den ich auch noch kenne), sie verhärtet, keine Schmerz mehr, keine Tränen. Die Liebe zwischen Vater und Mutter, längst vergangen, so sie denn Anfang des Krieges mal bestand – schließlich gibt es ja eine Tochter. Jetzt jedenfalls ist die Lieben dem Hass gewichen. Selbst die zaghafte Annäherung der Tochter an den Vater wird durch die Mutter roh unterbunden.

So sucht Sonja die Liebe ausserhalb ihrer Familie. Sie küsst wild alle Jungs und jungen Männer, die bei drei nicht auf den Bäumen sitzen, führt Listen darüber. Später, so schreiben Sie, geht sie sogar nur für eine Nacht mit Männern mit, zu einer Zeit, in der diese ONS – nach allem, was man so weiß – noch nicht allgemein üblich waren. So, wie ihr Tagebuch von der Mutter gelesen wird, so liest sie die Liebesbriefe der Untermieterin, auch in diesen auf der Suche nach dem, was die Liebe ausmacht….

In Irma findet sie schließlich eine Freundin, mit der sie über alles reden kann, nur nicht über die Mutter, denn Irma ist ohne Vater, vermisst diesen Vater unendlich. Die Mutter dagegen ist so ganz anders als die von Sonja: Können Sie mich nicht adoptieren? Lebenslust, Freude, sie vermittelt das Gefühl, das die Welt nur darauf wartet, umarmt zu werden.

Der Wendepunkt im Leben der Mädchen: sie gehen mit Irmas Mutter ins Kino, Jenseits von Eden. Und sie sehen James Dean, der sofort alle Gefühle bei ihnen besetzt. Projektionen, Schwärmereien… bei Irma ist jedoch noch es mehr als das, sie verknüpft ihr Leben förmlich mit dem ihre Idols, zumal ihre Mutter bekennt, daß der Vater so ein wenig war wie James Dean. Doch am 30. September 1955 verunglückt James Dean tödlich und für die Mädchen bricht eine Welt zusammen – und für Irma noch mehr als für Sonja.


Liebe Frau Heidenreich, wenn ich mit meiner Leserei fertig bin, so entsteht üblicherweise Leben unter meine Gästen. Ich kann dies meinen Freunden nicht verdenken, immerhin haben sie anderthalb Stunden dort still gesessen und einem Menschen zugehört, der nichts anderes machte also Vorzulesen. Sie stehen auf, lachen, rufen was, fragen was, vereinzelt treten sogar Verhaltensanomalien wie zaghaftes Applaudieren auf… Gestern dagegen, nach Ihrem Text, blieb es still, stiller hätte es nicht sein können, wenn niemand da gewesen wäre. Ein angegriffener Vorleser mühte sich, die Fassung wieder zu gewinnen (immerhin bin ich bis auf ein Zittern in der Stimme und etwas längere Sprechpausen hin und wieder ganz gut durch den Text gekommen) und die Zuhörer waren sichtlich ergriffen. Da hast du uns ja ganz schön einen vorgesetzt. Das muss ich erst einmal verdauen. Und: Normalerweise…. aber das muss sich jetzt erstmal setzen…. Und: Als ich fünfzehn war, war ich in Michael Grzimek verliebt, ich wollte ihn heiraten, war ganz sicher. Und dann stürzte er mit seinem Flugzeug ab…..

Sie verstehen es vorzüglich, aus einer unterhaltsamen, möglicherweise etwas melancholischen Stimmung, aus einem ‚ja, damals.. da erinner‘ ich mich auch dran… o gott, ja natürlich, das war bei mir ähnlich…. genau, sowieso…‘ innerhalb weniger Seiten eine emotionale Achterbahn zu machen, die …. ja, wie soll ich sagen, die die Verzweiflung, die sich ihrer Figuren in der Geschichte bemächtigt haben muss, körperlich werden läßt, jeglicher Abstand zu ihnen ist verschwunden, man hört ihrer Geschichte nicht mehr zu, man fühlt sie mit….

Mag sein, daß ich eine besondere Neigung dazu habe, mich derart berühren zu lassen, aber wie gesagt, auch meine Freunde waren durch die Bank hinweg aufgewühlt. Wenn Literatur die Axt sein soll für das gefrorene Meer in uns, so hat ihr Buch diese Aufgabe gut erfüllt: es hat das Meer geschmolzen, uns Leben, Gefühle, Anteilnahme, Verzweiflung, Trauer aber auch Freude und Erinnerung geschenkt: für all das möchte ich Ihnen danken!

Zum Büchlein selbst wäre noch zu erwähnen, daß es ein schmales ist, vorgelesen in einer knappen halben Stunde, angereichert und verschönert mit zeitgenössischen Fotografien, mit Wänden in Zimmern, die mit James-Dean-Fotos tapeziert sind, mit Kinoplakaten, die vom Wind noch nicht verweht sind, mit Straßenszenen aus Zechensiedlungen, auf denen eine Messerschmitt rollt (noch so eine Erinnerung…), mit jungen Menschen, die einem Tansistorradio lauschen, mit heimlich sich küssenden Paaren….

… ein kleiner, feiner Buchschatz…

Anmerkung:

ferner von Elke Heidenreich hier im Blog: (zusammen mit Bernd Schroeder): Alte Liebe

Elke Heidenreich
Die Liebe
diese Ausgabe
: Rowohlt, HC, ca. 62 S., mit vielen Abbildungen, 2008

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Die Summe der Tränen bleibt konstant.

Eine Frau in Berlin, ein etwas antiquiert klingender Titel, sind Tagebuchaufzeichnungen einer ca. Dreißigjährigen, die den Zeitraum vom 20. April bis zum 22. Juni 1945 überstreichen. Drei dichtbeschriebene Schulheft, deren Inhalt – so wird im Vorwort erläuterte – noch im Juli ´45 aus der frischen Erinnerung heraus ausführlicher dargestellt und auf Maschine getippt wurde. Ein Bekannter der Autorin, deren Identität mittlerweile gelüftet ist, erkannte, daß diese sehr persönlichen Aufzeichnung darüber hinaus als Zeitdokument Bedeutung haben, geben sie doch weibliche Perspektive der letzten Tage Berlins im 2. Weltkrieg wieder. Die Erlebnisse der Autorin, die sich in den Aufzeichnungen erhalten haben, sind somit cum grano salis zumindest für den Teil der Hauptstadt repräsentativ, der von den Russen erobert wurde.

Am 20. April, dem Tag, mit dem das Tagebuch beginnt, ist das, was gestern noch fernes Murren war, Dauergetrommel. Man atmet Geschützlärm ein. … Eine Richtung ist längst nicht mehr auszumachen. Wir leben in einem Ring von Rohren, er sich stündlich verengt. Wir, das ist das Kellervolk, der Haufen mehr oder weniger willkürlich zusammengewürfelte Menschen, die im Keller der Häuser hocken, ein paar als wichtig erachtete Sachen im Arm, greinende Kinder auf dem Schoß, in Angst und Schrecken versetzt durch die Erschütterungen, verbunden im Ausblick auf eine bittere Zukunft. Knappheit, Mangel beherrscht das Leben, die letzte Milch ist getrunken, das Gas reicht kaum noch, um etwas kochen zu können, die Angst vor dem Russen ist schon da…

Man sieht an diesen zitierten Zeilen, daß die Schreiberin keine gewöhnliche Frau war im Gegensatz zu den meisten anderen im Keller. Aus dem Tagebuch ergibt sich, daß sie Abitur gemacht hatte, viel gereist war, Städte wie Paris, London oder Moskau kannte, von letzterer auch russische Sprachkenntnisse mitgebracht hatte. Mit der Aufdeckung ihrer Identität [3] ist natürlich auch der berufliche Werdegang der polyglotten Autorin, die tatsächlich Journalistin war, bekannt geworden.

Noch gibt es die Leute, die an den Sieg glauben, die Parolen verbreiten, doch längst lösen sich die Strukturen auf. Bei Plünderungen kann man noch Nahrungsmittel ergattern….Die Bomben fallen immer näher, Tote sind zu sehen, heruntergekommene deutsche Soldaten, denen man die Müdigkeit und die Niederlage allzu deutlich ansieht und denen nichts mehr zuzutrauen ist, wanken durch die Straßen.

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Die Frauen wissen, daß der Russe kommt und was auf sie wartet. Es herrscht ein gewisser Galgenhumor, lieber ein Ruski auf´m Bauch als ein Ami auf´m Kopf oder Nun woll´n wir doch mal ehrlich sein – Jungfern sind wir wohl alle nicht mehr. … solche Sprüche sollen eine gewisse Zuversicht erzeugen und zeigen doch nur – nachvollziehbare – Naivität. Schließlich sind ja auch Russen „bloß Männer“, denen man auf irgendeine weibliche Art, mit List und Kniffen, beikommen könnte; die man hinhalten, ablenken, abwimmeln kann… daß sich zwanzig in einer Schlange aufstellen und warten, bis sie an die Reihe kommen, bei einer Frau, wird die eine oder andere noch erfahren. Es sind nicht immer solch exzessiven Massenvergewaltigungen, aber zu zweit, zu dritt oder zu viert sind sie oft, stürmen in die Keller, überraschen die Frauen in den Treppenhäusern, schlagen die Türen der Wohnungen ein….

Am 27. April tauchen russische Soldaten in der Straße auf, fast klingt es idyllisch, der muntere Soldatenbetrieb mit den Pferden, die gutmütigen Gesichter der Männer, ihr freundlicher Ton „Haben Sie einen Mann?“ Die andere Seite: Kein Leitungswasser mehr, kein Strom, kein Gas, gar nichts. Nur Iwans. Viele Iwans, auf der Suche nach Uhren, nach Schnaps… sie finden Schnaps und abends dann im Keller da haben sie mich, irgendwelche, die beiden haben hier gelauert…. ich schreie, schreie...

Das Zusammenleben des Kellervolks  organisiert sich um, die Menschen können wieder in ihre Wohnungen – soweit diese noch bewohnbar sind. Viele tun sich zusammen, gegen die Einsamkeit, die Angst, auch gegen den allgegenwärtigen Hunger. Schutz bietet diese Gemeinschaft den Frauen kaum, sie werden gegriffen, in andere Zimmer gestoßen, einer hält Wache, der andere…

Nicht Ekel, bloß Kälte. Das Rückgrat gefriert, eisige Schwindel umkreisen den Hinterkopf. Ich fühle mich gleiten und fallen, tief, durch die Kissen und die Dielen hindurch. In den Boden versinken – so ist das also. 

….später dann:

Es war mir, als läge ich flach auf meinem Bett und sähe mich gleichzeitig selbst daliegen, während sich aus meinem Leib ein leuchtendweißes Wesen erhob, eine Art Engel, …. Mein Ich läßt den Leib, den armen, verdreckten, mißrauchten, einfach liegen. .. Es soll nicht mein Ich sein, dem dies geschieht…. 

Dissoziation: ein Schutzmechanismus, den diese Frau gegen den Schrecken, den Schmerz, die Erdniedrigung anwendet: es ist nur mein Körper, dem dies angetan wird, es ist nicht mein „Ich“, es ist nicht das, was „mich“ ausmacht, was hier geschändet wird….

Groteskes: riesige, in Uniform gesteckte sibirische Bauernjungen, die vor ihren gerade vergewaltigten Opfern in Liebesschwüre ausbrechen….

Um dieser Schutzlosigkeit nicht mehr ausgeliefert zu sein, braucht man Schutz.. deutsche Männer können den nicht liefern, sind im Gegenteil vernünftig, geh´ jetzt mit, sonst müssen wir es doch alle ausbaden….. für Widerstand hätte weder Frauen noch Männer im Gegenteil kein Verständnis…. ein paar Tage später wird die Tagebuchschreiberin gegenüber einer Freundin sagen, daß sie sich hochgedient hat, von der Mannschaft über den Oberleutnant zum Major….

Es mutet seltsam an, die Schändungen gehören bald zum Tagesablauf, sie sichern auch das Überleben. Es bildet sich eine lockere Gemeinschaft heraus, die sich in der Wohnung, in der die Autorin mit einer weiteren, älteren Frau, der Witwe, die ihrerseits einen noch einem bettlägerigem Mann, Herrn Pauli, aufgenommen hat, trifft. Es kommen wechselnde Russen mit Schnaps und Essen, es wird gefeiert, gesungen, gefressen…. Schnaps, Brot, Hering, Büchsenfleisch, Beischlaf, Anatol … Anatol, der Oberleutnant, hat die Schreiberin als seine Beute akzeptiert, er ist ihr Schutz geworden, sie und ihre Mitbewohner sind Anatols privater Hirschpark – für den Preis, den sie ihm zahlen muss. Diese Arrangements von Frauen mit höheren Dienstgraden findet man nach den ersten Tagen öfters: viele der geschändeten Frauen sind auf die gleiche Idee gekommen….

Beim Major, der mit seinem Burschen auftaucht, läuft es etwas anders. Dieser ist gebildet, eloquent, schüchtern. Sie ist sich sicher, ihn könnte sich ablehnen, wegschicken.. sie tut es nicht. Es ist keine Vergewaltigung, was dann geschieht, das weiß sie…verzeihen Sie mir, ich habe schon so lange keine Frau mehr gehabt… das durfte nicht kommen. Schon liege ich mit meinem Gesicht auf seinen Knien und schluchze und heule und heule mir einmal den ganzen Jammer von der Seele…  ist dies Prostitution, ist sie damit zur Dirne geworden? Verkauft sie sich gegen Nahrung und Schutz? Zweifel …..

Tagsüber immer wieder das gleiche: Immerzu Russen, Schnaps, Küchenarbeit, Wasserschleppen. Wasser muss an einer Pumpe in Eimern geholt werden, Russen haben dort Vorrang, so kann es lange dauern… Die Frage „Wie oft?“ wird zur Begrüßungsfrage unter Frauen, die Sprache passt sich an, es wird von Schändungsbetrieb gesprochen, von Plünderwein, Klaukohle, Majorszucker…. die Gemeinschaft, das Wissen, daß fast alle Frauen (nur wenige können sich in Verstecken retten) das gleiche Schicksal erleiden, hilft: man kann darüber frei reden, findet Verständnis unter Gleichen. Die Vergewaltigung als Witz, der präsentiert wird: aus Daumen und Zeigefinger beider Hände einen Kreis bilden: so ist Ukrainerfrau, den Kreis mit einer Hand: du so. Damit erntet die Witwe überall Gelächter….

Nicht alle Frauen überstehen diese Zeit so „gut“ wie die Autorin, die im Schreiben ihres Tagebuches viel Last von ihrer Seele abwälzen kann. Manche werden krank, manche werden schwanger, manche ertragen die Last nicht….

Die zeitlose Zeit, die wie Wasser dahinrinnt und deren Uhrzeiger für uns einzig die Männer in den fremden Uniformen sind.

Aber auch diese Tage des ungezügelten Sturms gehen vorbei, es tritt eine gewisse Ordnung zu Tage. Am 8. Mai ist der Krieg zu Ende, jeder ist schon immer gegen Adolf gewesen… der Radius der Lebenswelt wächst wieder über die Nachbarhäuser hinaus, man schaut sich die Straßen an, wo man früher gearbeitet hat, wo Freundinnen wohnen… Trümmer, Schutt, armselige Gestalten, Karawanen mit Handkarren, Tote, „stille Einquartierungen“ in Gärten und Parks…. Die Notgemeinschaften in den Häusern, ein paar Tage später sogar die Wohngemeinschaft der Autorin: sie zerbrechen wieder, lösen sich auf: das schlimmste Chaos ist vorbei, die russische Verwaltung macht Anstalten, das Leben der Bevölkerung zu organisieren.

Mit den russischen Beschützern und nach dem Auszug bei der Witwe verliert die Autorin auch die Lebensmittel, gut, daß sie sich vorher reingestopft hat, was ging … sie lebt wieder allein in der Dachwohnung im Haus, hungert, musste auf Betreiben von Herrn Pauli ausziehen, weil sie selbst jetzt nichts mehr zum Unterhalt beitragen konnte und die Vorräte mit aufbrauchte. Daß sie selbst eine zeitlang Essen angeschlafen hatte, zählte nicht mehr…

Arbeitseinsätze bei der Demontage der Fabriken: zwölf Stunden Tage bei knapper Kost, mit Belästigungen und Schikanen… den versprochenen Lohn? .. vielleicht nächste Woche…

Leben im Hier und Jetzt… da taucht ein Ungar auf mit Plänen, voller Tatendrang. Zeitungen seien jetzt gefragt, all das, was die letzten Jahre nicht gedruckt werden durfte. Sie starten ein Projekt… jeden Tag muss die Frau zwanzig Kilometer durch Berlin laufen, bis sie im Büro bzw. wieder zu Hause ist. Die Schuhe durchgelaufen, die Ernährung auf Löwenzahn, Brennnessel und Melde (man denkt sofort an Müller und ihren Hungerengel) zurückgeschrumpft. Daß es Lebensmittelkarten gibt, bedeutet nicht unbedingt, daß es auch Lebensmittel gibt….. aber die Zeitung ist eine Perspektive, es ist etwas, was in die Zukunft weist – auch wenn völlig offen ist, ob sie jemals erscheinen wird.

Völlig überraschend steht auf einmal Gerd in der Tür, ihr Freund aus so lange vergangenen Zeiten. Er war an der Ostfront, konnte sich durchlavieren und ist gut genährt in Berlin angekommen. Zwei Welten prallen aufeinander, der Mann mit seiner „alten“ Moral und die Frau, die sich anpassen musste, um überleben zu können. Sie gibt ihm ihr  Tagebuch zu lesen, er versteht nicht alles.

„Was soll das zum Beispiel heißen?“ fragte er und deutet auf „Schdg“.  Ich musste lachen: „Na, doch natürlich Schändung.“

„Ihr seid schamlos wie die Hündinnen geworden. Merkt ihr das denn nicht? …. Alle Maßstäbe sind euch abhanden gekommen.“ …

Seit gestern ist er wieder fort. .. 

Der 22. Juni
…….

Gestern erlebte ich was Komisches: Vor unserem Haus hielt eine Karre mit einem alten Gaul davor, einem Tier aus Haut und Knochen. Lutz Lehmann, vier Jahre alt, kam an Mutters Hand daher, blieb vor dem Karren stehen und fragte mit träumerischer Stimme: “ Mutti, kann man das Pferd essen?“
Gott weiß, was wir noch alles essen werden. Ich bin noch längst nicht am äußersten Rande der Lebensbedrohungen angelangt, weiß nicht, wie weit es noch ist bis dahin. Ich weiß nur, daß ich überleben will – ganz gegen Sinn und Verstand, einfach wie ein Tier. 


Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Wie oft habe ich beim Lesen dieser Aufzeichnungen an dieses Gleichnis, dieses Bibelwort gedacht. Und zwar gleichermaßen für diese Frauen, die einfach nur überleben wollten und mussten, für die Männer, die sie gehen ließen, sogar aufforderten und – am Schluss – auch für Gerd, ihren Freund. Wie hätte man selbst reagiert, in dieser Situation? Natürlich ist es so gut wie unmöglich, sich in eine solch extreme Lage zu versetzen, aber wäre man nicht vielleicht, wahrscheinlich auch geschockt und angewidert gewesen? Wer wollte dies für sich von der Hand weisen…. und hätte man seine Frau auch aufgefordert, mit zu gehen? .. und wie haben die Paare nachher miteinander gelebt, wie haben sie diese persönlichen Katastrophen in ihr Leben eingebaut?

Als ich mich in das Buch eingelesen hatte, einige Dutzend Seiten, kam mir der Gedanke, daß ich aufpassen müsse, diese Aufzeichnungen, in den fünfziger Jahren publiziert, zu einer Zeit, in der der Kalte Krieg tobte, waren doch sicher ein gefundenes Fressen für die Propaganda gegen die UdSSR, die Russen, die Bolschewisten, die Rote Gefahr…. Wie naiv von mir! Nein, in realiter hatte „Gerd“ gewonnen, die deutsche Erstveröffentlichung von 1959 wurde heftig kritisiert… Man wollte das Geschehene nicht wahrhaben, die Verdrängung der Tatsachen war noch voll im Gange, auch auf diesem Gebiet. Auch das freizügige Thematisieren unter den Betroffenen selbst dürfte bald aufgehört haben, war man in den ersten Tagen noch eine Schicksalgemeinschaft, die sich gegenseitig stützte, so zog man sich doch mit zunehmender äußerer Ordnung auch hier ins Private zurück, redete nicht mehr darüber, verdrängte dies. Auch dies nachvollziehbar, wenngleich nicht gesund: im Untergrund der Seele (von Frauen und Männern!) war das Trauma nur vergraben, nicht aus der Welt.

Nach dieser Erstausgabe von 1959 dauerte es dann bis Mai 2003, bis der Tagebuchtext als Ausgabe der „Anderen Bibliothek“ wieder in die Öffentlichkeit gebracht und einer der Bucherfolge dieses Jahres wurde [1]. Aufgekommene Zweifel an der Authentizität des Textes wurden wiederlegt [2], auch der Name der „Anonyma“ ist mittlerweile bekannt [3]. Im Jahr 2008 wurde das Tagebuch mit Nina Hoss in der Hauptrolle verfilmt [4].

Inwieweit diese Schilderungen der Autorin repräsentativ sind, kann ich zumindest nicht beurteilen. Aber warum sollte es woanders anders gewesen sein, in Leizpig zum Beispiel oder Dresden….? Es ist nun mal so, daß dieses Tagebuch wohl recht allein steht und damit ein seltenes Zeugnis ist vom Krieg und den ersten Tagen der russischen Besatzung. Was hat sich unter den anderen Besatzungsregimes abgespielt, den Amis, den Tommies und den Franzosen? Was dort passiert ist und wie: auch das ist nicht bekannt, zumindest nicht in solcher Deutlichkeit beschrieben…. so ist man auf Vermutungen angewiesen, erinnert sich vielleicht an Andeutungen, hat das altbekannte Schema im Kopf: hier die Guten, dort die Bösen… aber Männer waren es in jedem Fall und Rachegefühle dürften hie wie dort vorhanden gewesen sein..

Eine Frau in Berlin ist jedenfalls ein erschütternd zu lesendes Dokument, das einmal mehr beweist, daß im Krieg die Frau im Falle einer Niederlage einfach eine Beute ist, die der Sieger sich krallt und die er benutzt: zur eigenen Befriedigung und zur Demütigung, zur Erniedrigung.

Eine Frau in Berlin ist aber mehr als eine traurige Geschichte von Massenvergewaltigungen. Es ist auch ein Bild und eine Beschreibung einer zusammen gebombten Stadt, die sich aus ihren Trümmern heraus wieder zum Leben wendet, die den Ausnahmezustand abschüttelt und sich wieder zu organisieren versucht. Fliegende Friseure tauchen auf, die den Frauen die Haare wieder schneiden, nach ein paar Tagen können die Frauen aufhören, sich alt und häßlich zu machen und auch wieder ein nettes Kleid anziehen… Lebenswille, der Wille, durchzukommen, es zu überstehen… Lebenpläne tauchen wieder auf, wie wird es weiter gehen, gehen wir nach Russland, finden wir dort Arbeit, was wird aus Deutschland, ein einziger, riesiger Acker für Kartoffel?

Langsam sickern Nachrichten durch, Wasser und Strom und damit auch das Radio funktionieren nach ein paar Tagen wieder. Im Osten zum Beispiel sollen Millionen Juden umgebracht und zu Kunstdünger verarbeitet worden sein. Hitler, für den jetzt natürlich kein Baum zu hoch gewesen wäre, sei tot, andere gefangen…. die Sieger würden feiern, die Besiegten müssen flaggen, die deutsche Hausfrau improvisiert, die Flaggen des 3. Reichs werden umgeschneidert, am einfachsten zu der russischen Fahne…. ein hübsches Detail, sehr symbolträchtig… ein interessanter Gedanke der Autorin: wäre Hitler am 20. Juli tatsächlich getötet worden, wäre dann ein Rest Glorienschein über ihm geblieben?


Ich möchte diese Besprechung mit einem Zitat der Autorin aus dem Jahr 1947 schließen, das in gewissen Sinn an die Aussage des weiter oben stehenden Absatzes über Sieger und Besiegte anknüpft, denn in diesem verdammten Krieg von vor siebzig Jahren waren auch die Deutschen eine zeitlang die Sieger. Manchem/r war dies bewusst, auch wenn es noch lange Jahre dauern sollte, bis dies in das Bewusstsein der Allgemeinheit durchgedrungen ist:

Keins der Opfer kann das Erlittene
gleich einer Dornenkrone tragen.
Ich wenigstens hatte das Gefühl,
daß mir da etwas geschah,
was eine Rechnung ausglich.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Buch: https://de.wikipedia.org/wiki/Eine_Frau_in_Berlin, vgl. aber auf jeden Fall auch diesen Kommentar der Biographin von Marta Hillers: https://radiergummi.wordpress.com/2015/08/02/anonyma-eine-frau-in-berlin/#comment-4767
[2] zur Authentizität des Buches: Joachim Güntner: Walter Kempowski legt Gutachten vor: Eine Frau in Berlinhttp://www.nzz.ch/article9CNMS-1.202394
[3] Wiki-Beitrag zu Marta Hillers:  https://de.wikipedia.org/wiki/Marta_Hillers
[4] Wiki-Beitrag zum Film:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anonyma_–_Eine_Frau_in_Berlin

ein Übersichtsartikel über „Sexuelle Gewalt im 2. Weltkrieg“ ist in der Wiki nachzulesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Gewalt_im_Zweiten_Weltkrieg

Eine Biographie von Marta Hillers ist 2013 (in erweiterter Auflage 2015) von Clarissa Schnabel publiziert worden: Mehr als Anonyma: Marta Dietschy-Hillers und ihr Kreis, BoD (Bezugsquellen sind leicht zu ergoogeln)

Anonyma 
Eine Frau in Berlin
mit einem Nachwort von Kurt M. Marek

Erstausgabe: Ffm, 1959 (auf deutsch)
diese Ausgabe: R&M Buch und Medien GmbH/Buchgemeinschaften, HC, ca 290 S., 2003

Stig Dagerman [1] wurde 1923 in einem kleinen Dorf ca. 170 km nördlich von Stockholm geboren. Schon früh heimste er mit seinen Roman Die Schlange, in dem er über die Barbarei des Krieges und über seine eigenen Erfahrungen im Militärdienst schreibt, literarischen Ruhm ein. So wird er im Herbst 1946 Auftrag der Zeitung „Expressen“ nach Deutschland geschickt, um von dort aus über die Verhältnisse im Jahr 1 nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu berichten. Ergebnis dieser Reise ist dieses Büchlein, das in dreizehn Kapiteln über Aspekte des täglichen (Über)Lebens im zerstörten Deutschland berichtet und versucht, diese in den größeren politischen Zusammenhang einer sich neu konstituierenden politischen Landschaft in Deutschland zu stellen. Die Texte sind im (zeitungsgemäßen) Stil von Reportagen gehalten, die sowohl einfach schildern und beschreiben, die sich aber auch um Deutungen bemühen. Für uns heute ist es naturgemäß interessant, diese zeitnahen Deutungen in Bezug zu setzen zu dem, was sich dann tatsächlich (oder auch nicht) ereignet hat.

dagermann herbst cover

Diese Fahrt durch das am Boden liegende Deutschland führte Dagerman insbesondere in die Städte. Essen, Hamburg, Berlin, München, Frankfurt oder Stuttgart waren die Ziele, er machte aber auch Abstecher in äußerlich viel weniger im Mitleidenschaft gezogene ländliche Regionen.

Der Herbst 1946 (noch ahnte niemand, was im kommenden Winter auf die Menschen zukommen sollte) war regenreich, das Ruhrgebiet schien unter Wasser zu stehen, die Keller waren voll gelaufen, die Menschen, die dort hausten, standen knöcheltief in der Brühe. Nasses Holz sollte die Höhlen wärmen, die Kinder wurden zum Besorgen von Nahrungsmitteln, sprich „Stehlen“ [3] nach draußen geschickt, Kartoffeln (das Hauptnahrungsmittel) klauen vor einem Schulunterricht, der den Namen nicht verdient. Die Bahnhöfe voll von Übersiedler und Flüchtlingen aus dem Osten, die hier keiner brauchte und keiner wollte, die einzig als Objekt und Blitzableiter für die allgemeine Wut gut waren.

War es unter Hitler besser? Die Antwort lautet „Ja“ und Dagerman bemüht sich, auch seinen Kollegen gegenüber, dies zu relativieren. Diese Antwort sei keineswegs ein Zeichen eines neuen (oder noch alten) Nazismus: habe man unter Hitler fünf Scheiben Brot am Tag gehabt und jetzt nur noch zwei, dann sei es für die Leute in der Tat unter Hitler besser gewesen… Hunger ist kontraproduktiv für die Entwicklung eines demokratischen Gemeinwesens, dies ein immer wieder auftauchender Vorwurf an die Besatzungsmächte, daß sie die äußeren Bedingungen, unter denen sich demokratische Gesinnung entwickeln kann, kaum fördern. Eine Feststellung, die auch heutzutage kaum von ihrer Relevanz eingebüßt hat, wie bittere Erfahrungen gezeigt haben. Immerhin aber hatten die Amerikaner deutschen Jugendlichen schon mal Basketball beigebracht….

Wie eine Gesellschaft, deren moralischer Status (z.T. durch die normative Kraft des Faktischen) so gesunken ist (Stehlen von Nahrungsmitteln, Schwarzhandel, Prostitution, Schieberei, Diebstähle) wie bei den Deutschen, eine Zukunft haben kann, ist ebenfalls eine immer wieder kehrende Frage Dagermans. Zusätzlich konstatiert er einen herrschenden Hass zwischen den Generationen und verschiedenen Bevölkerungsgruppen: die Bauern und die Stadtbevölkerung sind sich nicht grün, die Jungen werfen den Alten vor, sie haben nichts getan, um den Zusammenbruch der alten Demokratie zu verhindern, umgekehrt glauben die Alten, daß den Jungen, die unter dem Hakenkreuz groß geworden sind, nicht zu trauen ist….. Dagerman gebraucht den Begriff der „Lost Generation“ für die Heranwachsenden.

Eine Klassengesellschaft hatte sich in diesen Monaten nach Kriegsende etabliert: die Armen, die Ärmsten – und die, die immer oben schwimmen….

Bayern ist viel weniger zerstört als andere Landesteile es sind. Trotzdem weist die bayerische Regierung Nicht-Bayern aus und schickt sie in Güterzüge gepresst nach Norden. Dort stehen diese dann, da sie nicht angemeldet sind und schon für die eigentlichen Einwohner der Städte weder ausreichend Wohraum noch Essen vorhanden ist, tagelang auf irgendwelchen Abstellgleisen herum. Die Waggons, in denen die Abgeschobenen warten müssen, haben undichte Dächer, für Güter, die wasserempfindlich sind, sind sie ungeeignet, für Menschen jedoch nicht….

In München besucht Dagerman eine Veranstaltung, auf der „Dr. Schumacher“ [Kurt Schumacher, Vorsitzender der SPD von ´46 – ´52, vgl. 3] spricht und er analysiert die Rolle, die dieser und seine Partei, die SPD, spielen. Auch hier ist eine Menge Skepsis zu spüren… Nach Dagerman erntet jede Partei, die sich auf die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen fixiert (so zeigen viele Wahlplakate 1946 Motiv aus dem landwirtschaftlichen Bereich (Obstkörbe, Brot, Ähren) zeigen), Zustimmung – weitgehend unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung.

Wurde die Chance für eine Revolution direkt nach dem Krieg versäumt? Die ´45 zurückkehrende Soldaten wären zur Abrechnung mit dem Hitlerregime bereit gewesen, ebenso die aus den Konzentrationslagern Befreiten, in den Großstädten hätte es starke antinazistische Aktionsgruppen gegeben, die gegen die Nazis lokale Bürgerkriege führten – über das ganze Frühjahr ´45 hin – so ein Stimmungsbild aus dieser Zeit.

Bahnfahren in Deutschland.. fünfundzwanzig Personen in Abteilen für acht Personen…. Dunkelabteile: die fehlenden Fenster sind mit Brettern vernagelt… tragische Schicksale an Bahnhöfen, Fahrgäste, die sich auf Puffern niederlassen oder auf den Dächern der Wagen….

Auf dem Land sind weniger Zerstörungen festzustellen, hier sind die „Schäden“ eher im Inneren der Menschen zu finden: Dagermann stellt Verrohung der Sitten schon bei Kindern fest. Krieg und Tod waren ihr normales Umfeld…

Zusammenfassend zeigt sich in diesen Momentaufnahmen aus einem schuldig gewordenen, zerstörten und politisch zerschlagenen, einem hungernden und leidenden Land, daß dessen Zukunft noch keineswegs absehbar war. Weitsichtig beklagt der Autor, daß die Siegermächte (im wesentlichen bezieht er sich auf die Engländer und Amerikaner) zu wenig vorausschauend agieren, zu sehr von Vergeltung geprägt waren („warum sollte man den Deutschen helfen, etwas in drei Jahren wieder aufzubauen, wenn es auch dreißig Jahre dauern könnte“  dem Sinne nach wiedergegeben), um konstruktiv zu wirken. Nicht der Aufbau und Neubeginn war zu dieser primäres Ziel der Sieger, sondern das Auskosten des Sieges – inclusive Demontage, ungeachtet der Tatsache, daß die demontierten Sachen in den Häfen vor sich hinlagerten und -rosteten….. und das Ziel der Deutschen? Die Massen hatten genug damit zu tun, zu überleben: wenn Moral und Hunger gegeneinander antreten, gewinnt meist der Hunger und die Moral bleibt auf der Strecke.

Deutscher Herbst ´46 ist nach keineswegs veraltet oder irrelevant geworden – im Gegenteil: die Reportagen Dagermans bieten neben und durch Informationen nach wie vor breiten Stoff zur Diskussion und zur Analyse der Ausgangsbedingungen, aus denen unser heutiges Deutschland entstanden ist. Da Dagerman quasi als Journalist und Reporter unterwegs war, sind seine Text gut lesbar und wären auch als Schulstoff für den entsprechenden Themenkatalog sehr gut geeignet.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Stig Dagerman:  http://de.wikipedia.org/wiki/Stig_Dagerman
vgl auch hier zur Lebensgeschichte:  http://www.kat.ch/bm/s_dager0.htm
und zur Werksgeschichte:  http://readme.readmedia.com/A-celebration-of-the-work-of-Swedish-author-Stig-Dagerman-to-be-held-at-UAlbany-October-25-2013/7379631
[2] zum Wetter im Herbst 1946 habe ich (auf den ersten Blick) nicht allzuviel gefunden, die meisten Fundstellen erinnern an den extrem kalten (Hunger)Winter 1946/47. Diese kleine Notiz in der Münsterland-Zeitung bestätigt jedenfalls Dagermans Hinweis auf die Überschwemmungen im Herbst dieses Nachkriegsjahres, die er im Ruhrgebiet erlebte:  http://www.muensterlandzeitung.de/staedte/heek/Als-das-Dorf-unter-Wasser-stand;art963,795657
[
3] der Begriff „fringsen“ wurde erst ein paar Wochen später geboren…
[4] Wiki-Beitrag zu Kurt Schumacher:  http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Schumacher
[5] Bilder aus dieser Nachkriegszeit gibt es natürlich auch… z.B. bei Tony Vaccaro: Entering Germany;  https://radiergummi.wordpress.com/2009/01/07/nachkriegsdeutschland-bis-wirtschaftswunder/

Stig Dagerman
Deutscher Herbst `46
Aus dem Schwedischen übersetzt von Günter Barudio
Originalausgabe: Tysk Höst, Stockholm 1947

diese Ausgabe: Hohenheim-Verlag (Edition Maschke), HC, ca. 165 S., 1981; mit einem Nachwort des Übersetzers

Neulich bekam ich vom Suhrkamp-Verlag als Beilage zu einer Büchersendung Prospekte über die bei ihnen verlegten Arno-Schmidt-Bücher. Nun ist jener ganz sicher einer der Dichter, die viele kennen, aber der von deutlich weniger Lesern gelesen wird. Das – so dachte ich bei mir – kann man ändern, wenigstens ein ganz klein wenig kann die Waagschale weiter zugunster der ihn Kennenden ausschlagen. Und ich schritt zur Tat, sprich zur Buchhandlung und ich sah, daß es gut war.

Arno Schmidt zu lesen und mit der Seelandschaft mit Pocahontas habe ich mir sicherlich ein gutes Stück von ihm ausgesucht, macht Spaß. Man kann es nicht anders sagen, es ist ein besonderes Leseerlebnis, in das man sich freilich erst einfinden muss :/: ignoriert Schmidt doch konsekwennt die Regeln der Ortografie, schreibt in einer 1:1 Abbildung der natürlich gesprochenen Sprache inclusiver einer eventuellen mundartlichen Färbung. Zudem erfindet er auch neue Begriffe zuhauf, so wie z.B. „eichelviolett“ als neue Farbe; der Text ist durchsetzt mit zum Teil wunderschönen Bildern… ein kleiner Eindruck:

(….“Binsen faßten sich an den Rispen und ringelreihten kurz ums Boot: : „Neenee. Komm mit!“)./ Die Bäume hupten und gebärdeten sich, als wollten sie in Staub aufgehen, Wind machte Kopfsprünge und die Büsche verjazzten verzerrter in ihren Mauerecken. Ein plumper Wolkensack schleifte quer über den Himmel, riß immer wieder, daß die grobe Jute faserte und die Messingbleche rausschlitterten: „Aber jetzt los Du!“ „

So kann einem der Wetterhimmel erscheinen, wenn man verliebt ist. Denn genau das ist ….Pocahontas, eine wunderbare kleine Liebesgeschichte aus der Nachkriegszeit, die im Krönungsjahr der englischen Königin, im Sommer 1953, spielt.

Dümmer in Niedersachsen, im Hintergrun die: Dammer Berge, Bildquelle: [1]

Dümmer in Niedersachsen, im Hintergrund die: Dammer Berge, Bildquelle: [1]

Auf den ersten Seiten der Erzählung begleiten wir den Ich-Erzähler auf seiner Bahnfahrt aus dem Saarland nach Niedersachsen. Er kommt an Trier vorbei, quert das bigotte Rheinland mit seiner Hochburg Köln und ist irgendwann dann an seinem Ziel in Diepholz, wo er sich mit einem ehemaligen Kriegskameraden trifft, dem Malermeister Erich Kendziak. Im Gegensatz zu ihm selbst ist der Handwerker etabliert, hat einen gut gehenden Betrieb und lädt den Ich-Erzähler daher ein, er hat die Mitel. Doch nicht Diepholz ist das endgültige Ziel der beiden, sie fahren weiter, bis sie am Dümmer [1] sind, diesem großen, flachen Binnensee etwas weiter südlich des Ortes. Dort mieten sie sich in einer Pension ein und treffen auf zwei Frauen, die offensichtlich allein reisen und in dieser Pension ebenfalls für ein paar Tage wohnen.

Man lernt sich – von den beiden Männer wird dies zugegebenermaßen forciert, man könnte sagen, sie baggern die Frauen an, stolzieren wie Hähne zu ihnen an den Tisch – kennen und tut sich zusammen, schnell sind die Paare, die sich wollen, gefunden. Der Ich-Erzähler namens Joachim Bomann [2], ist das Alter Ego des Autoren, Schriftsteller wie dieser, Kriegsteilnehmer, Heimatvertriebener und jetzt an der Saar wohnend, tut sich mit Selma zusammen, einer Frau, die groß zu sein scheint und nicht dick, die er anfänglich für häßlich hält (und die sich selber an einer Stelle als „Vogelscheuche“ tituliert), zu der sich aber eine immer größere Zuneigung entwickelt, da Seelenverwandtschaft vorhanden.

Im Grunde ist jetzt nicht mehr allzuviel zu erzählen [4]. Es entwickelt sich eine kleine, rührende Liebesgeschichte zwischen Selma und Joachim, nach kurzer Zeit schon teilen die beiden Paare ihre Zimmer so auf, daß sie zusammen mit ihren neuen Partner dort schlafen. Was Erich mit seiner Annemie macht, bleibt weitgehend unerwähnt, es ist aber davon auszugehen, daß auch diese ihren Spaß haben. Ab und an treffen Selma und Joachim auf die beiden, aber im Grunde sind sie froh, wenn sie alleine sind. So fliehen sie auch dem Urlaubsbetrieb häufig durch Bootsausflüge auf den See, dort sind sie ungestört in den Schilfgürtel zwischen Binsen und Enten, dort können die Lippen aufeinanderkleben und die Hände und die Arme laokoonartig auf Entdeckung gehen…. das Handtuch griffbereit, falls Fremdes in ihre Nähe kommt, geniessen sie dort Natur und natürliches…

Schilfgürtel am Südufer des Dümmers Bildquelle [3]

Schilfgürtel am Südufer des Dümmers; Bildquelle [3]

…. wir erknöpften uns nochleidlichstraffe Seligkeiten, und unsere Körper schmatzten eine gute Weile miteinander. In dieser sahnigen Nachttorte. Auch ihr Mund schmeckte wieder groß und saftig: wo ihr Haar aufhörte fing Strandhafer an : aber wo war das? Wo ihre Finger endeten begannen Halme : ohne Übergang. Die Stammstücke ihrer Beine; 3 moosige Winken. In unserem Gesichterbündel drehten sich langsam Augen und Flüster. …

Sie besichtigen, lassen sich auf dem See treiben, diskutieren über den Alltag und die Begebenheiten desselbigen. Sie bekommen Sonnenbrand und werden vom Regen durchnäßt, Gewitter gehen nieder und der Mond ist himmelstrohnend. Doch ihre gemeinsame Zeit ist begrenzt, nach einer letzten Nacht voller Hingabe und Tränen kommt der Abschied, Selma muss zurück zu den groben Menschen, die ihren Alltag bevölkern, kann nicht beim geliebten bleiben. Der wiederum erlebt den Abschied sprachlos, auch ihm wird mit Selma etwas aus dem Herzen gerissen, während Erich schon wieder die Busfahrerin taxiert.

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Im „Editorischen Nachwort“ zu der Sammelausgabe der Romane und Erzählungen „Geschichten aus Deutschland“ [5] wird Schmidt folgendermassen zitiert: „… Eines aber sollte jeder Dichter einmal leisten : ein Bild der Zeit uns zu hinterlassen, in dem er lebte! – Denn wenn ich Zustände und Denkweisen einer Epoche erfahren will, benütze ich mitnichten die Meßtischblätter der Historiker …. sondern ich nehme mir für, sagen wir 1770, den Werther zur Hand; ….. [hier folgen jetzt noch einige Buchtitel jener Epoche]“ . Wie von anderen gefordert, liefert auch und gerade Schmidt Beschreibungen dieser Zustände und Denkweisen. Es sind die Alltäglichkeiten, die Namen, die mit den Zeiten oft untergehen .. Schmidt nutzt die Regentage am Dümmer, um Nachrichtensendungen des Radios wiederzugeben, die er kommentiert und bei denen er aus seiner Meinung zur (damaligen) Politik der Adenauer-Ära und auch der Kirche keinen Hehl macht. Zeitungen, Illustrierten, Werbung: Schmidt nutzt alles, um die „Zustände und Denkweisen“ festzuhalten und zu überliefern.

Zu diesen Denkweisen der damaligen Zeit passt auch gut die Publikationsgeschichte der Erzählung, wie sie sich sehr anschaulich in den Ausführungen der Staatsanwaltschaft liest:

„Der Schriftsteller Arno Schmidt und der Redakteur und Schriftsteller Alfred Andersch werden angeklagt, zu Saarburg und an anderen Orten, im Jahre 1955, gemeinschaftlich handelnd, in Tateinheit, […]eine unzüchtige Schrift verbreitet zu haben, indem sie in der Zeitschrift Texte und Zeichen einen von dem Angeschuldigten Schmidt geschriebenen Kurzroman Seelandschaft mit Pocahontas veröffentlichten, der Religionsbeschimpfungen und Gotteslästerungen enthält und weiterhin Schilderungen sexuellen Charakters bringt, die geeignet sind, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl gesund empfindender Menschen in geschlechtlicher Hinsicht zu verletzen.“ [zitiert nach 3b]

Überhaupt hatte Schmidt wohl Schwierigkeiten, für sein Stück einen Verleger zu finden, wie in [1] beschrieben lehnten sowohl Rowohlt als auch die Frankfurter Verlagsanstalt eine Veröffentlichung ab, teils mit Hinweis auf die „radikale Onanie von Schmidts Sprache“, teils wegen seines „sexuellen Aggregatzustands“ – was immer das auch heißt. Verklemmt, spießbürgerlich, muffig, geistig noch in alten Zeiten gefangen war Schmidt in Stil und Inhalt zu forsch, zu offen für diese Zeit. Das angestrebte Verfahren wurde letztlich dann aber doch (und gottseidank) – unter Anerkennung der Qualität des Textes und mit Hinweis auf die Kunstfreiheit niedergeschlagen.

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Die kleine Erzählung ist als Fließtext geschrieben und in insgesamt 18 Kapitel unterteilt, das heißt, es sind bekömmliche kleine Lese“happen“, die jeweils episodenhaft sich einem Thema widmen. Da Schmidts Sprache, wie man an den wenigen Zitaten oben sehen kann, nicht unbedingt realitätsnah-deskriptiv, sondern eher assoziativ-bildhaft ist, muss man vieles von dem Gelesenen erst für sich „übersetzen“ in Bilder, die vor dem geistigen Auge, das ja jeder von uns hat, dann als kleines Schauspiel ablaufen. Das erzeugt eine intensive Nähe zum Beschriebenen, da es auch Alltagssituationen sind, die man selber kennt, seien es nun die Beschreibung der Versuche Selmas, vom Wasser aus wieder ins Boot zu steigen oder die nächtlichen Anschmiegungen der Körper aneinander….

.. Ihr Fuß kam neben mir vor, groß, glatt, kalt; versuchte in mich zu schlüpfen,
unter mich, drückte an und bettelte mit langen Zehen um obdachne Wärme .
. Noch einmal dankte da der Streichelfuß. Als irrten wir durch den Orionnebel : glänzender Gedanke : ein Mädchen im Gepäck ….

… heißt es zum Beispiel im umkasteten Vorspann zum Kapitel XV. „Umkastet“: jedem Abschnitt ist ein Kasten vorangestellt, in dem Schmidt auf das Kommende einstimmt mit einem mehr oder weniger langen Text…

Zum Schluss kann ich nur jedem, der so wie ich Respekt und Zögerlichkeit Schmidt gegenüber hat(te), raten, es einfach mal mit dieser Erzählung zu probieren. Es ist ein wunderschönes Stück Literatur…..

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zum Dümmer: http://de.wikipedia.org/wiki/Dümmer
Bild: CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D, from Wikimedia Commons
Mehr Bilder vom See sind auch hier zu finden: http://www.bildergalerie-diepholz.de/html/duemmer.html
[
2] Wiki-Artikel zur Erzählung: http://de.wikipedia.org/wiki/Seelandschaft_mit_Pocahontas
Den Namen des Erzählers habe ich dieser Quelle entnommen, im Text habe ich ihn vllt überlesen…
[3] Rezensionen im Netz:
a) Thomas Wirtz: Paddeln mit Arno, in: FAZ vom 27.05.2000
b) Giesbert Damaschke: Arno Schmidt »Seelandschaft mit Pocahontas«, in: ASml-News
c) radiobremen: Arno Schmidt und der Dümmer See / Entstehung und Folgen der Erzählung „Seelandschaft mit Pocahontas“, 16. April 2013
d) bei Bonaventura ist der Hinweis auf die schöne Sonderausgabe der Erzählung von 2012 zu finden:  http://www.vigilie.de/2012/arno-schmidt-seelandschaft-mit-pocahontas/, vgl. auch: Marius Fränzel: „Dies wundersame Gemisch“ : eine Einführung in das erzählerische Werk Arno Schmidts (Link zu google.books)
[
4] Vielleicht sollte ich mir ein Beispiel an der Inhaltsangabe von Radio Bremen [3c] nehmen, die es wahrlich auf den Punkt bringen: „Der Plot der Geschichte ist schnell erzählt: Zwei Freunde verbringen einen Urlaub am Dümmer, lernen zwei Frauen kennen und haben Sex.
[5] Arno Schmidt: Geschichten aus Deutschland, Romane und Erzählungen in 2 Bänden, Suhrkamp-Verlag 2007 (Band 1: 251 – 297)
[6] Infos zum Autoren:
a) Webseite der Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld: http://www.arno-schmidt-stiftung.de/
b
) Wiki-Artikel zum Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Arno_Schmidt

Arno Schmidt
Seelandschaft mit Pocahontas
Originalausgabe: 1955 in der Zeitschrift Texte und Zeichen (Luchterhand-Verlag)  [2]
diese Ausgabe: Geschichten aus Deutschland, Romane und Erzählungen in 2 Bänden, Suhrkamp-Verlag 2007 (diese Erzählung in Band 1: 251 – 297)

Michel Bergmanns Roman „Die Teilacher“ führt uns in den matschigen Winter des Jahres 1972. Alfred Landau stapft zu leicht bekleidet durch das Wetter, um im Jüdischen Altenheim das Zimmer seines „Onkels“ David Bermanns auszuräumen. David Bermann, der Freund seiner Mutter, mit dem er Zeit seines Lebens ein gutes Verhältnis hatte, auch wenn der Kontakt in den letzten Jahren, seit er als unbedeutender Schauspieler in Italien lebt, verflachte, war Teilacher in Frankfurt am Main gewesen und nicht irgendeiner von ihnen, nein, er war der „Einstein unter den Teilachern“ und die Teilacher waren die jüdischen fahrenden Händler, die in der Nachkriegszeit übers Land (und durch die Städte) fuhren und die Leute keilten, sprich, ihnen mit viel Geschick und Chuzpe Waren verkauften.

Alfred räumt die Sachen seines Onkels zusammen, findet Bilder, Briefe, Erinnerungsstücke. Nach der Beerdigung, auf der er das Kaddisch spricht, sitzt er zusammen mit den anderen Teilachern, mit denen David zusammenarbeitete, mit Emil Verständig und Jossel Fajnbrot, die zu denen gehörten, die nach dem Krieg für Max Holzmann arbeiteten und viel Geld verdienen wollten, um dann wegzugehen…

.. wegzugehen.. nur wohin? Wer nahm nach dem Krieg die übrig gebliebenen Juden auf? Man hatte überlebt, in Nordafrika, versteckt in Belgien, weit weg in Shanghai…. Der Amerikaner wollte sie nicht wirklich, so wenig wie der Brite. Manche gingen nach Palästina und einige gingen zurück in das Land, in dem sie noch vor wenigen Monaten vergast wurden. Sie saßen auf gepackten Koffern, stets auf dem Sprung aber nie wirklich bereit zu gehen [6].. und so blieben sie hier und vermittelten auch der nachfolgenden Generation das Gefühl, nur „auf Zeit“ hier im Land zu sein… sie schauten den Deutschen ins Gesicht und fragten sich, was hast du gemacht, wo warst du in dieser Zeit.. sie lebten in einem abgeschlossenen Kosmos, was in Deutschland geschah, interessierte sie nur insoweit, als sie davon betroffen waren. Oder getroffen wurden, ins Herz nämlich, wenn sie auf einmal so einer blonden Schickse gegenüberstanden, die die Mauer um ihr Herz sang- und klanglos einriss und die selbst derart zur „Juddenutt“ wurde.

„… and it was no more heard of.“

Sie erzählen von früher, von der Zeit vor dem Krieg, von ihrem Leben, ihren Möglichkeiten, von ihrem Zögern angesichts der heraufziehenden Gefahr, die von allen unterschätzt wird… sie haben die Lager überlebt, haben ihre Leidensgenossen in Asche und Rauch aufgehen sehen, haben sie in die Öfen gesteckt und die Farbe Lila ruft noch nach Jahren Panik in ihnen hervor, denn es ist die Flammenfarbe brennender Menschen.. sie sind die einzigen ihrer Familien, die überlebt haben, und zwar nicht nur den Krieg, sondern auch die Zeit danach. Ihre Wohnungen waren bewohnt, als sie zurückkamen, die neuen Mieter aßen von ihrem Besteck, saßen auf ihren Stühlen und dachten garnicht daran, das wieder aufzugeben. Man war unwillkommen, das Überleben der KZs sozusagen ein ungeplanter Betriebsunfall, aber was nicht ist, kann ja noch werden… deswegen ging zum Beispiel Holzmann, nach dem Krieg im „heimatlichen“ Polen fast totgeschlagen, wieder nach Frankfurt, in die Steinwüste [4], wo kaum noch ein Stein auf dem andern stand, wo Gesetz und Ordnung oft nur auf dem Papier existierten, wo die Unterkünfte oftmals mehr Höhlen glichen als Wohnungen, wo überleben nur möglich war, wenn man sich behaupten konnte ….

Hier, in diesem Frankfurt, trafen sie aufeinander, der Berufsflaneur und begnadete Teilacher Bermann und der vom Leben und Überleben gezeichnete Holzmann, der keine Gefühle mehr zuließ. Bermann hatte den Krieg anfangs in Frankreich überlebt, was auch nicht einfach war, denn die Sympathie der Franzosen für Juden hielt sich in Grenzen, und für Bermann war die Grenze überschritten, nachdem man ihn ins Vélodrome d’Hiver gebracht hatte, zusammen mit Tausenden anderen [5]. Er floh und meldete sich in Nordafrika zur Fremdenlegion, die eine jüdische Brigade aufgestellt hatte. Nach dem Krieg ging er zurück nach Paris, doch in Paris fühlte er sich nicht mehr heimisch, er war allein und fremd geworden und so ging er zurück in seine Heimatstadt.

Die Schicksale auch der anderen waren unterschiedlich und doch so ähnlich. Entwurzelt, allein, desillusioniert, die Hoffnung auf eine Zukunft, die sie aber nicht benennen konnten. Geld verdienen, um weggehen zu können, aber wohin? Und mit wem? Man blieb unter sich, hier verstand man sich, hier fand man sein eigenes Schicksal wiedergespiegelt in den Erzählungen der anderen. Man blies keine Trübsal, nein, das nicht, man genoss das Leben durchaus mit den Möglichkeiten, die es (wieder) bot, aber man war nicht sesshaft, man fühlte sich auf der Durchreise. Und nicht jeder kam mit dem Schicksal klar, Treblinka forderte auch dann noch seine Opfer, als das Lager schon lange geschlossen war.

So ganz dunkel kann ich mich noch erinnern an solche fahrenden Händler aus meiner Kinderzeit. Ob es Teilacher waren oder andere Trödler, ich weiß es nicht mehr. Auch die heute Sinti und Roma – damals noch anders  – genannten, zogen durch die Siedlungen, ihnen voraus ging der Ruf, alles in Sicherheit bringen zu müssen… Bergmann erzählt einiges vom „Keilen“ der Kunden durch die Teilacher, eigentlich verkauften die nicht, sondern kassierten Lohn für eine reife Schauspielerleistung, das war sozusagen „Stand-up“-Theater vom Feinsten… manch einer der Käufer wird sich nach dem Kauf auch die Augen gerieben haben. Den Teilachern war es egal, sie waren nicht interessiert an den Deutschen und wenn die Bahnler abkassiert waren wusste man ja noch, wo die Postler wohnten…. Eine verschworene Clique, zusammengeschweißt durch ein Schicksal, ein eigener Kosmos, nur Frauen und wenige Männer von „aussen“, die Zutritt bekamen und aufgenommen wurden. Begabt und intelligent wie sie waren, über Jahrhunderte durch behördliche Auflagen reduziert auf wenige Tätigkeiten, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, waren sie geübt im Handeln und Verkaufen, sie verdienten gut, hatten Ideen, bauten Beziehungen auf, konnten investieren, diversifizieren.. Max Holzmann beispielsweise stieg zusätzlich noch ins Immobilengeschäft als Vermieter ein, es wurde ein Taxi-Geschäft aufgebaut, mit dem vorzugsweise Amis durch die Gegend geschaukelt wurden…

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Bergmann hat seine Geschichte der Teilacher um Max Holzmann mit viel Liebe geschrieben, die Dialoge und Gespräche, die er seinen Figuren in den Mund legt, sind zum Teil wie eine Lektion in angewandtem jüdischem Humor, es ist eine Mischung aus Schlagfertigkeit und Fatalismus, gemischt mit Doppeldeutigkeiten und Wortspielen, eine Melange, die zuweilen so makaber wirkt, daß das Lachen im Hals stecken bleibt („Da war ja im KZ mehr los!“ wenn es mal irgendwo etwas ruhiger war).  Aber wo, wenn nicht im Witz, kann man die Ungeheuerlichkeit eines solchen Schicksals in Worte fassen, ohne daß man daran zerbricht? Sie Überspielen ihre Einsamkeit, ihre Entwurzelung, richten ihre Hoffnung aus auf .. tja, was eigentlich?

Bergmanns Roman ist ein Rückblick auf eine chaotische und wilde, auch gesetzlose Zeit, die Nachkriegszeit in Frankfurt. Eine Zeit, in der überlebt werden musste, die dem, der zuzupacken verstand, Chancen bot – bei oft hohem Risiko. Es mutet absurd an, daß zu dieser Zeit Juden wieder nach Deutschland zurückkamen, der Antisemitismus war ja nun nicht verschwunden, er durfte nur nicht mehr ausgeübt werden, spürbar war er noch, die Ressentiments begegneten im Bus genauso wie an der Haustür…  Nur – jetzt konnte man sich wehren. Aber man kannte Deutschland, man sprach die Sprache und man hatte das Leben dort geliebt, so wie David Bermann und man hatte jetzt hier die Möglichkeit, sich was aufzubauen, in einem Land, das so zerstört war – auch moralisch – das es alle Möglichkeiten bot.

„Die Teilacher“ kommt ohne Wehleidigkeit aus und ohne Anklage, die Tatsachen, die Lebensläufe und Schicksale sprechen für sich, den moralischen Zeigefinger braucht es nicht extra. Dabei vermeidet bzw. tritt der Autor auch einer Stilisierung entgegen, wer Auschwitz überlebt hat, hat kein reinigendes Fegefeuer überlebt und ist jetzt noch lange kein Heiliger. Im Gegenteil, die Lager konnte überhaupt nur der überleben, der bereit war, andere zu opfern. Und auch das war eine allenfalls notwendige, keineswegs eine hinreichende Bedingung für das Überleben. Und so gelingt dem Roman das, was in Deutschland eher selten zu finden ist: die unterhaltsame, kurzweilige aber nie despektierliche Auseinandersetzung mit seiner braunen Vergangenheit, zumindest einem Aspekt davon.

Links und Anmerkungen:

[1] „Die Teilacher“ auf Michel Bergmanns Website: http://michel-bergmann.de/?page_id=5
[2] Was den von mir hier in der Buchvorstellung weniger referierten Vorkriegsteil angeht, ist das Buch von Roberta S. Kremer (Hrsg): Zerrissene Fäden, in dem die Entstehung und der Niedergang der jüdischen dominierten Textilwirtschaft und Warenhauskultur (Hertie (Hermann Tietz) und Wertheim als Beispiele) beschrieben wird, eine hilfreiche und interessante Ergänzung
[3] Was ist jüdischer Witz: http://www.jiddisch.org/witz/humor.htm. Wer Zugriff darauf hat, für den ist natürlich das Buch von … Landmann: Der jüdische Witz von großem Interesse, zumindest zum Durchblättern. Den ubiquitären Witz, den man leicht variiert überall erzählt findet (und der auch bei den Teilachern eingebaut ist), will ich hier auch nicht verschweigen: „Ein Ingenieur kommt in ein polnisches Städtchen, bestellt beim jüdischen Schneider dort eine Hose. Die Hose wird nicht rechtzeitig fertig und der Ingenieur fährt weg. Jahre später kommt er wieder hin – da bringt ihm der Schneider die Hose. Ingenieur: „Gott hat die Welt in sieben Tagen erschaffen, und Sie brauchen sieben Jahre für eine Hose!“ Der Schneider streicht zärtlich über die Hose: „Ja. Aber schauen Sie sich an die Welt – und schauen Sie sich an diese Hose!„“
[4] mit der google-Bildersuche bekommt man einen Eindruck vom Zustand der Stadt Frankfurt nach dem Krieg
[5] vgl. den Roman „Sarahs Schlüssel“ von Tatiana de Rosnay. vgl auch den Wiki-Beitrag zum Velodrom d´Hiver
[6] eine Situation, die fatal an die der ersten „Gastarbeiter“generation erinnert, die ja auch nur für ein paar Jahre nach Deutschland gekommen sind, um dann mit dem verdienten Geld zurück zu gehen….

Michel Bergmann
Die Teilacher
diese Ausgabe: dtv, ca. 288 S., 2011

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