Der deutsche Priester Johannes Kopp (1927 – 2016) gehörte dem Orden der Pallottiner an. Unter dem japanischen Namen Ho-un-Ken Roshi wirkte er als Zen-Meister, auf ihn geht das Programm Leben aus der Mitte des Erzbistums Essen zurück, dessen Führung jetzt bei seinem Schüler, dem Pallottiner und Zen-Lehrer Paul Rheinbay liegt. Kopp gehörte zu der ersten Generation christlicher Geistlicher, die sich vom Zen-Weg des Buddhismus inspirieren ließen und die eine innere und spirituelle Nähe zwischen dem Zen-Weg und der christlichen Mystik sahen. Kopp war gut bekannt mit dem Jesuiten Hugo Lasalle (bzw. nach dessen japanischer Einbürgerung Hugo-Makibi Enomiya-Lassalle), wohl dem ersten Ordensbruder, der trotz vieler Widerstände diese beiden Wege in sich vereinigte und beschritt.

Es war keineswegs der erste Kontakt des Westens mit dem Zen-Buddhismus. Schon in den sechziger Jahren weckte Zen unter vielen Intellektuellen großes Interesse, jedoch lag der Fokus seinerzeit auf ganz anderen Aspekten, der Titel des Buches von Daisetz Teitaro Suzuki und Erich Fromm (damals sehr verbreitet, aber nur eins unter vielen) Zen-Buddhismus und Psychoanalyse macht dies deutlich.

Halt an, wo läufst du hin?
Der Himmel ist in Dir.
Suchst du Gott anderswo, 
Du fehlst ihn für und für. [3]

Die vorliegende kleinen Schrift Gebet als Selbstgespräch, die 2015, also ein Jahr vor dem Tod P. Johannes Kopps erschienen ist, geht auf eine Frage zurück, die auf einer Veranstaltung (Tag der Priester und Diakone im Bistum Essen) im Jahr 2014 gestellt wurde, wie es nämlich zu verstehen sei, daß ein Zugang zur Heiligen Schrift für Glaubenserfahrung nur über die Koanweise erreichbar sei, dies – so der Referent – habe ihm ein japanischer Kollege gesagt. Diese Frage zu behandeln ist Ziel der vorliegenden Schrift von P. Johannes Kopp.


Es scheint wohl,
dass in unserer Zeit Gott sich vornehmlich finden lässt
im Gottsucher selbst.
Jeder ist auf dem Weg zu Gott die erste Instanz.

Dem Mystiker ist es eine den Verstand transzendierende Wahrheit, in der kontemplativen Innenschau sein Wahres Selbst und dessen Gottebenblichkeit zu erkennen. Je weiter der Übende auf seinem Weg zur Wahrnehmung des göttlichen Geheimnisses in sich fortgeschritten ist, desto intensiver wird seine Gotteserfahrung werden. Je mehr er sich selbst auf den Grund kommt, desto mehr leuchtet in diesem Grund die unendliche Wirklichkeit durch, in der in christlicher Offenbarung Gott sich erfahren läßt. Kopp hält auch folgendes fest: Die unendliche Wirklichkeit, die in größter Wortscheu in jüdisch-christlicher Tradition Gott genannt wird, ist in der menschlichen Natur angelegt. Besser gesagt: Die menschliche Natur ist auf Gott hin angelegt. Verliert mit dieser Feststellung bzw. ‚Definition‘ Gott seine Eigenschaft als Entität, als Wesenheit? Und wie sind dann all die Geschichten und Gleichnisse, die in der Bibel stehen, zu verstehen? Und was wird aus Begriffen wie Paradies, Auferstehung, Jüngstes Gericht? 

Die Anerkennung der unendlichen Wirklichkeit in der jedem Menschen eigenen Wesensnatur ist Voraussetzung für den ersten Schritt auf dem Zen-Weg. …. Ohne den Glauben, daß die unendliche Wirklichkeit in uns ist, ist der Zen-Weg unmöglich [dem Sinne nach zitiert]. … In christlichem Verständnis ist die Anonymität der unendlichen Wirklichkeit aufgehoben mit der offenbarten Wahrheit als Bild und Gleichnis Gottes. Diese Aussage erhebt den Menschen zu seiner unendlichen Würde, weil Größeres vom Menschen nicht gesagt werden kann. …  Mit diesem Verständnis ist Selbstfindung gleich Gottfindung, ist – um den Titel dieser Schrift aufzugreifen – jedes Gebet zu Gott Selbstgespräch.

Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis müssen die limitierenden Grenzen des Verstandes mit seinen Gedanken überwunden bzw. umgangen werden. Umgangen in dem Sinne, daß man sich als Übender in die achtsame Wahrnehmung seines Atems und damit seiner Selbst begibt, daß man übt, durch schweigendes, absichtsloses, geschehenlassendes Sitzen und stete Zurückführung der Achtsamkeit auf den Atem im Hier und Jetzt zu verweilen und zu verbleiben – es ist der Weg des Zazen, der die Methodik dazu liefert, denn Zen, so Kopp, ist keine Religion, sondern ein Selbststudium zu meiner Vollendung. … Zen ist das eigentlich Religiöse in jeder Religion. 

Überwunden werden die Grenzen des Verstandes auf andere Weise. Denn das Schweigen ist nicht absolut und immer gut und weise, es ist nach Kopp töricht zu Schweigen, wenn Reden angebracht und töricht zu Reden, wenn Schweigen angebracht ist. So lassen sich die Gleichnisse der Bibel – wie vorstehend schon zitiert – (nur) über die zengemäße Koanweise ausdeuten.

Dies ist ein neuer Zugang zum Inhalt der Bibel, der viele Probleme, die man als moderner Mensch in heutiger Zeit mit dem dort seit Jahrtausenden festgehaltenen Überlieferten hat, vermeidet, weil er sie aus der Ebene des Verstandes in eine andere Dimension hebt. Mir jedenfalls ist der wörtliche Glaube an eine jungfräuliche Empfängnis, an eine Auferstehung von den Toten oder auch an eine Himmelfahrt nicht möglich. Sicherlich stehe ich damit aber nicht allein.

Zum Koan schreibt Kopp, daß es den Durchbruch zur unendlichen Wahrheit eines jeden Menschen [meint], die die Ratio nicht erfassen kann, weil sie nicht das Instrument dafür ist, die aber erfasst werden muss, damit der Sinn des Daseins erfüllt wird. Solange man diesem Sinn nicht nahekommt, solange bleibt Unruhe. … Daraus ergibt sich für den Christen eine Konsequenz: die Bibel zu werten und zu lesen als eine Koan-Sammlung. 


In den einzelnen Abschnitten seiner Schrift widmet sich Kopp folgenden Themen:

  • Schweigen und Reden
  • Selbstfindung und Gottfindung
  • Zen und Eucharistie
  • Koan-Zugang zur Heiligen Schrift
  • Biblische Koans
  • Christliche Kommentare zu Koans aus dem Mumonkan

Inhaltlich umfassen diese Kapitel natürlich sehr viel mehr als das von mit Angedeutete, deswegen hier noch ein paar wenige Stichworte:

Für Kopp ist Zen, dieser in der japanischen Tradition schwierige und ‚harte‘ Weg, keineswegs nur für starke Menschen, sondern auch für schwache gangbar, an zwei Beispielen kranker Nonnen beschreibt er dies.

Der Text enthält auch viel Biografisches zum Verfasser, speziell auch zur Bekanntschaft und Freundschaft mit P. Lasalle. Insbesondere ist diesem der Abschnitt über Zen und Eucharistie gewidmet. Auch verweist Kopp des öfteren auf das von ihm initiierte Programm des Lebens aus der Mitte.

In dem Kapitel zum Koan-Zugang zur Heiligen Schrift stellt Kopp die Forderung auf, daß die christliche Katechese einen neuen Schwerpunkt bekommen [muss]. Sie muss wegkommen von der Belehrung, von dem Eifer, eine sogenannte objektive Wahrheit darzustellen. Sie muss hinkommen zu der Leidenschaft, in der derjenige, der sich in irgendeiner Weise für das Christliche interessiert, zu der Erkenntnis kommt, dass das Wesentliche in ihm selbst ist [Hervorhebung von mir]. Das erinnert mich an eine Aussage, die ich vor geraumer Zeit [wo nur…] gelesen habe und die dem Sinne nach lautete, der moderne Gläubige könne nur noch ein Mystiker sein.

In den zwei abschließenden Abschnitten zeigt Kopp beispielhaft, wie zum einen biblische Gleichnisse auf Koan-Weise ‚verstanden‘ werden können, zum anderen reziprok dazu, wie klassische Koans im Sinne der Bibel ausgedeutet werden können.


Ein Schrift zu verfassen, die sich im Grunde damit beschäftigt, wie die Limitierung rationaler Erkenntnis zur Gotteserfahrung überwunden werden kann, ist – für mich – selbst eine Art Koan, ein Paradoxon: ich nutze das, was ich überwinden will, um zu beschreiben, wie ich es überwinden kann. Ich erinnere mich sehr gut und mit Vergnügen an meine eigene Einführung in die Kontemplation, in der der Lehrer am Ende gefragt wurde, welche Bücher er denn empfehlen könne. „Bücher? Bücher?“ Nicht nur im übertragenen Sinne schlug er die Hände über’m Kopf zusammen. „Was wollen Sie denn mit Büchern? Üben müssen Sie, üben, üben, üben….“

Jedenfalls bringt es das Thema mit sich, daß nicht alles, was man in Kopps Schrift liest, sofort oder überhaupt verständlich ist. Es ist mancher Satz dabei, der kryptisch scheint, sich wohl er auf einer anderen Ebene verstehen läßt. Doch das Wichtige des Textes wird deutlich und klar: Gott ist kein alter Mann mit Bart, der irgendwo auf einer weißen Wolke sitzt und sich von Münchnern mit Harfenklängen lobpreisen läßt. Wenn ich Gott suchen und schauen will, muss und kann ich mich auf den Weg dazu begeben. Es ist der Weg der Kontemplation, des Zen, und er führt durch die Selbstfindung zur Gottesfindung.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Programms Leben aus der Mittehttp://zen-kontemplation.de
[2a] Wikiartikel zum Orden der Pallottiner: https://de.wikipedia.org/wiki/Pallottiner
[2b] – zu P. Lasalle:  https://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Makibi_Enomiya-Lassalle
[2c] – zu P. Johannes Kopp:  https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Kopp_(Pallottiner)
[3] Dieser Spruch des Angelus Silesius (z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Angelus_Silesius) ist nicht dem Buch entnommen, passt aber sehr gut zu dessen Aussage.

P.S.: Alles, was am vorstehenden Text unklar, undeutlich oder gar falsch verstanden und/oder wiedergegeben sein sollte: man kreide es mir an, nicht dem Autoren….

Weitere Titel zum Thema ‚Kontemplation‘ in diesem Blog:

Karin Seethaler: Die Kraft der Kontemplation
Gerhard Wehr: Europäische Mystik

Johannes Kopp
Gebet als Selbstgespräch
Gebet und Koan als Beziehung zu Gott in mir
diese Ausgabe: Hrsg: Freundeskreis LEBEN AUS DER MITTE, Softcover, ca. 96 S., 2014

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Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein,
einer, der etwas erfahren hat,
oder er wird nicht mehr sein.
(Karl Rahner)

kontemplation cover


Leser des Spiegel wissen es, zum Jahresende, im Weihnachtsheft, ist traditionell jedes Jahr ein Beitrag, der sich mehr oder weniger kritisch mit Belangen der Kirche, des Glaubens oder auch der Gottesvorstellung auseinandersetzt. Dieses Jahr 2015 ist es eine Diskussion zwischen einem Physiker und einem Pastoren um die Frage: Ist Gott ein Irrtum? Und der Mensch nur ein Zufall?

Ich habe den Beitrag nur überflogen, denn für meine Begriffe krankt er an einem grundlegenden Missverständnis. Der Mensch hat verschiedene „Kanäle“, mit denen er mit seiner Umwelt in Kontakt treten kann: den Verstand, das Gefühl, die Intuition und die Wahrnehmung. Denken ist eine schöne und stolze Beschäftigung beim Studieren. Aber aus schwierigen Gemütszuständen kann man sich nicht „herausdenken“. Dazu muss man anders vorgehen. Man muss sich passiv verhalten und horchen. Wieder den Kontakt mit einem Stückchen Ewigkeit finden. So zitiert Seethaler in ihrem Buch die holländische Jüdin Etty Hillesum [3], die in Auschwitz vergast worden ist und über ihre letzte, sehr intensive Zeit in Holland Tagebuch geführt hat. Es ist genau dies: der Physiker, der (Natur)Wissenschaftler kann mit seiner Ratio die Welt erklären (es zumindest versuchen), aber er kann mit dem Verstand nicht in die Dimension des Gefühls, der Wahrnehmung, der Intuition hineinhorchen, der Sphäre also, in der Glauben (wie immer auch er sich manifestieren mag) angesiedelt ist. So ist es auch für mich kein Widerspruch, wenn ein Wissenschaftler gläubig ist – es sind einfach zwei verschiedene Sachen, einerseits etwas zu wissen und andererseits wahrzunehmen, daß es ein Geheimnis gibt (das man Gott nennen mag), das hinter/über/in allem zu finden ist. Womit ich wiederum die Überleitung zu diesem kleinen Büchlein zur Kontemplation gefunden habe, denn der kontemplative Weg ist ein Weg, eine Methodik, sich diesem Geheimnis zu nähern. Er ist damit ein abendländischen Pendant zu den östlichen Meditionsformen, wie sie beispielsweise im Zen oder in Ausprägungen des Yoga praktiziert werden. Aus der muslimischen Welt wäre als mystische Bewegung der Sufismus zu nennen, möglicherweise besser als „Tanzende Derwische“ bekannt.


Karin Seethaler [1] stammt aus der Schule von Franz Jalics, SJ, einem bekannten Kontemplationslehrer, der in Gries ein Exerzitienhaus betreibt und dort Kurse anbietet und lehrt [2]. Dieses Büchlein über Die Kraft der Kontemplation legt seinen Schwerpunkt auf die praktischen Aspekte des Meditierens (die beiden Begriffe Kontemplation und Meditation werden weitgehend synonym verwendet), die Erklärung einiger grundlegender Begriffe und Fakten sowie etwas „Historisches“ sind vorausgeschaltet.

Nun ist Meditation auch bei uns im Westen mittlerweile kein unbekannter Begriff mehr. Seethaler legt aber einleitend auf die Feststellung wert, daß Meditation bzw. Kontemplation ein spiritueller Weg ist, Gott wieder zu entdecken, es ist kein Lifestyle-Produkt, um einem Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung nachzugehen, es ist auch kein Therapieersatz, wenn (schwerwiegende) psychische oder seelische Probleme im Hintergrund auftauchen, die unter Umständen professionelle psychologische Unterstützung brauchen.

Die Sehnsucht nach Gott kann nur gestillt werden,
wenn der Mensch bereit ist, sich selbst zu begegnen.

Es ist im Grunde, von aussen gesehen, sehr einfach, zu meditieren. Man sitzt oder kniet, meist sind die Augen geschlossen, es herrscht Stille, man atmet ein und aus. Mehr ist eigentlich nicht. Und hier treten in der Praxis schon die ganzen Probleme auf… es können rein körperliche Probleme sein: die Knie fangen an zu Schmerzen, der Rücken tut weh, die Schultern verkrampfen… das Fehlen jeglicher Ablenkung kann dazu führen, daß aus dem Inneren Gefühle nach oben getragen werden: positive wie Freude oder Hoffnungen, negative wie Trauer, Angst oder Wut, die so stark sein können, daß man anfängt, zu weinen. Zweifel tauchen auf: was mach ich eigentlich hier, was soll das überhaupt und sowieso: kann mein Nachbar nicht mal mit den Schnaufen aufhören und überhaupt: die Tauben auf dem Dachfirst gegenüber machen wirklich einen ganz schönen Lärm…. Und nicht zuletzt der Ärger darüber, daß man offensichtlich noch nicht einmal in der Lage ist, nur für ein paar Sekunden seine Gedanken beiseite zu schieben, um endlich leer zu werden. Verflixt noch mal, jetzt habe ich doch vergessen, vorher noch bei Tante Else anzurufen! Die Stille kann manchmal sehr laut sein…

Seethalers Buch gibt hier Hilfen. Nach einführenden Abschnitten über die Methodik der Kontemplation wie das eigentliche Sitzen, die Bedeutung des Atems und des Gebetswortes sowie – typisch für die spezielle Methodik von Franz Jalics – die Ausrichtung der Wahrnehmung auf die Hände  widmet sie sich auftretenden Schwierigkeiten und Missverständnissen, mit denen jeder, der sitzt, zu tun hat.

Gegliedert ist ihr Buch in vier Hauptabschnitte, die helfen sollen, in die Grundhaltung der Kontemplation zu finden:

  • die achtsame Haltung bedeutet, aufmerksam sein, für das was ist
  • die zugewandte Haltung meint die Ausrichtung auf Gott
  • die vergebende Haltung beinhaltet die Bereitschaft, zu verzeihen und sich zu versöhnen und
  • die leidensbereite Haltung hilft, dem Schmerzhaften im eigenen Leben (und in der Kontemplation) zu begegnen

Mit vielen Beispielen aus ihrer Praxis macht die Autorin deutlich, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt und wie sie sich in der Kontemplation verwirklichen lassen. Dabei geht sie auch auf häufig auftauchend Missverständnisse ein und erklärt sie. Wichtig ist ihr auch, daß der kontemplative Weg eine Weg ist, der das gesamte Leben umfasst und nicht beschränkt ist auf die Zeiten, in denen man sitzt. Kontemplation in diesem Sinne heißt, das, was man tut, jeweils achtsam tun: die Türklinke in die Hand nehmen, die Treppe hochgehen, einen Brief schreiben… die ganz alltäglichen Dinge des Lebens, die man oft unbewusst macht, bei denen die Gedanken irgendwo anders hin schweifen… wie oft laufen wir zurück, um uns zu vergewissern, ob wir wirklich abgeschlossen (das Licht ausgemacht u.a.m….) haben…. ein deutliches Zeichen dafür, daß wir nicht achtsam waren.


Wo soll ich anfangen? Am besten bei deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir. Ich fürchte, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest… Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem Du nicht landen willst…. Du fragst an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz anfängt, hart zu werden…. Wie kannst Du aber voll und echt sein, wenn Du Dich selber verloren hast? Auch Du bist ein Mensch. Damit Deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst Du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für Dich selbst ein aufmerksames Herz haben…. Ja, wer mit sich schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer, ich sage nicht: Tu das oft, aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für Dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.

Geschrieben hat diese Zeilen, die Seethaler zitiert, vor über 800 Jahren Bernhard von Clairevaux an Papst Eugen III. [4] und wie aktuell sind sie heute noch, in Zeiten des Burn-outs, des beruflichen und privaten Stresses, der Arbeitsüberlastung, der stetig wachsenden Anforderungen des Alltags! ….wer mit sich schlecht umgeht, wem kann der gut sein?…. oder wie es in der Bibel steht: wenn ich mich nicht lieben kann, wie kann ich dann meinen nächsten lieben? Und es bedeutet, daß ich auch mich selbst aushalten muss und mir selbst vergeben muss, mich mit mir selbst versöhnen – mich akzeptieren, wie ich bin. Stufen auf dem kontemplativen Weg.


Natürlich gibt es Bücher. Aber was wollen Sie mit Büchern?
Sie müssen üben, üben, üben….. 

So beschied einer meiner Lehrer an einer der ersten Übungstage eine Frage nach Literatur über Kontemplation. Die Frage stammte zwar nicht von mir, aber ich haben Rat angenommen. Dieses Büchlein dagegen steht bei mir in Regal und wird häufiger herausgenommen. Nach meinem Empfinden kann es eine große Hilfe sein, wahrscheinlich vor allem für die Übenden, denen wie bei mir die Übung oft zäh, mühsam und vergeblich erscheint. Dokusan bzw. Einzelgespräche mit dem Lehrer ersetzt es natürlich nicht, aber wenn solche gerade nicht möglich sind, findet man hier möglicherweise Hilfe und Ermutigung.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite der Autorinhttp://www.karin-seethaler-wendepunkte.com/Leitbild/
[2] zur Vita von Franz Jalics SJ: http://www.haus-gries.de/franz_jalics_sj.html
[3] Besprechung ihres Buches Das denkende Herz hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2014/07/16/etty-hillesum-ein-denkendes-herz/ 
[4] zitiert nach hier: http://www.kirchameck.de/texte8.html

Karin Seethaler
Die Kraft der Kontemplation
In der Stille Heilung finden

diese Ausgabe: Echter Verlag, brosch., 208 S., 2014

Wie arm ist
wer seine Wüste nicht hat
mitten im Lärm der Zeit!

Ein älteres Buch, man sieht es ihm an. Die Bilder nicht auf dem Stand der heutigen Technik, noch im Geiste der Bilder, wie sie eben in den 70/80er Jahren des letzten Jahrhunderts veröffentlicht wurden. Aber passt dies nicht gut zu der Reise, die man als Leser mit diesem Buch beginnen kann? So wie uns das Buch zeitlich ein paar Jahre zurücknimmt, so regt es uns an, uns selber auch zurückzunehmen, uns für Momente, Augenblicke aus dieser Welt zu entfernen und in uns selbst zu gehen, um uns dort selbst zu begegnen.

Seine Wüste nicht hat im Lärm der Zeit…. ein für uns im ersten Moment unverständliches Bild. Aber ist die Wüste nicht schon immer ein Ort der Selbstfindung gewesen, ein Ort, der uns auf uns selbst zurückwirft? Ein Ort, an dem nichts ist, was uns ablenkt, was uns von unseren Geistern, die in uns wohnen trennt…. Zu allen Zeiten sind die Menschen auf der Suche nach innerer Ruhe, nach Kraft, nach Besinnung in die Wüste gegangen, sind dort versucht worden von den äußeren Dämonen, den Begierden, bis sie schließlich die Kraft hatten, sich selbst zu auszuhalten und in sich ruhend zu werden.

Ich habe schon einmal hier einen Beitrag über das Thema „Stille“ gepostet und möchte dies heute wieder aufgreifen mit diesem Buch, das ich in einer Grabbelkiste gefunden habe. Es ist als Begleiter gedacht für die Reise in die eigene Stille, die eigene Wüste, an den Ort, an dem ich mir selbst begegnet in all meiner Unvollkommenheit. Wer einmal versucht hat, eine halbe Stunde still, ohne sich zu bewegen zu sitzen mit einer weißen Wand vor sich, wird wissen, was ich meine….

Einen Text aus dem Buch möchte ich dem Jahr 2012 voranstellen, denn er erzählt von dieser Stille, die die Kraft, die man braucht, sich ihr auszuliefern, vielfach zurück gibt…

„Stille ist nicht einfach da, wenn einer sie sucht. Denn sie entsteht nicht von selbst, wo das äußere Leben zurücktritt, wo die Hast der Arbeit sich entfernt oder der Straßenverkehr verstummt. Das einsam Zimmer an Ferienort ist noch kein Ort der Stille, sowenig wie der abgelegene Raum des Kranken. Denn wie die äußere Welt schweigt, setzen die inneren Stimmen ein, beginnt das Herz zu reden, zu schreien, zu fragen oder sich selbst Antworten zuzulärmen, stehen die Erinnerungen auf, kommen die Gespräche wieder, die abgebrochenen, und schließen sich die Selbstgespräche an, die anklagenden und die verteidigenden, die beweisen sollen, daß das Leben ungerecht und die Menschen undankbar seien, der Redende selbst aber ohne Schuld. Es gibt eine Lautlosigkeit, die leer und trostlos ist wie eine Wüste, dunkel wie ein Gefängnis, gefährlich wie ein Raubtier, von Stimmen durchschwirrt wie die Hölle selbst. Jede Stille, die man nicht liebt, wird zu Hölle.

….

Stille entsteht in der Stunde, in der eine quälende Frage ihre gute und klare Antwort gefunden hat. Sie tritt ein, wo uns statt eines ängstigenden Bildes ein tröstliches vor der Seele steht. Aber sie kommt nicht von selbst und nicht zufällig. Ohne Warten und Stillhalten geschieht nichts Erlösendes an uns.

Jörg Zink

In diesem Sinn wünsch ich euch allen ein gutes Neues Jahr voller schöner Momente, auch voller stiller Augenblicke, in denen das Glück in euch hineinströmen soll…. und uns allen wünsch ich – ganz profan und weltlich – auch viel Spaß im nächsten Jahr, viele gute Bücher und die Zeit, sie zu lesen, in die Welten zu reisen, die sie für uns aufspannen und fabulierend gestalten!

euer flattersatz

Rudolf Schnettler (Textauswahl)/Edmond Van Hoorick (Fotos)
Reichtum der Stille
Fotokunst-Verlag Groh, München, 1980

Stille….

1. Januar 2010

Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.

Das Unglück des Menschen rührt daher, daß er unfähig ist, mit sich selbst in einem Zimmer zu sein“, schreibt der französische Philosph Blaise Pascal. Wer Ablenkung meiden und Stille ertragen kann, merkt, wie es um ihn steht. Das ist manchmal schwer auszuhalten und doch eine Sehnsucht.

Schweigen ist mehr als nicht reden. Wer mit allen Sinnen still sein kann, schaltet sein Herz auf Empfang und nimmt tiefer wahr, was innen und außen vor sich geht. Es ist gut, Menschen zu haben, mit denen man beredt schweigen kann und Orte der Stille, an denen die Seele Abstand nimmt und ihren „Eigen-Sinn“ findet – innere Klärung und Stärkung aus der Tiefe des Seins.
„Erst das Schweigen tut das Ohr auf für den inneren Ton in allen Dingen“, weiß der Mystiker Romano Guardini. Wer schweigt und sich im Hören und Wahrnehmen übt, kann sich selbst und anderen näherkommen – und vielleicht auch Gott. Denn auch das Gebet ist zuerst eine Übung, mit sich selbst in einem Zimmer zu sein.
[1]

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Tagelanges Schweigen in einem Sesshin, einem mehrtägigen Zen-Kurs: Viele zweifeln anfangs, ob sie das überhaupt „können“. Haben sie sich dann überwunden, entdecken sie oft im Tun, wie sehr ein erfülltes Schweigen zur inneren Mitte führt und, was noch erstaunlicher ist, wie ein gemeinsames Schweigen Menschen miteinander verbindet, die sich nicht kennen und eben nicht auf dem gewöhnlichen Wege durch Worte kommunizieren. Es ist ein „anderes“ Kennen von innen her, das Bewusstsein einer geschenkten Einheit trotz all der Unterschiedlichkeit von Lebenssituationen und Altersstufen.

Eigentlich ist die Erfahrung der Stille der christlichen Tradition nicht fremd. Wie im Zen-Buddhismus kommt sie vor allem aus der Lebenspraxis der Klöster, wird darüber hinaus angeboten in Exerzitien, Geistlichen Übungen, die zur eigenen Mitte und Berufung führen wollen. Einige Tage so im Schweigen verbringen zu dürfen, das bildet ein kostbares Gegengewicht zum erlebten Übergewicht des Wortes in Gesellschaft und auch in Kirche. Denn leider ist aus den normalen Sonntags-Gottesdiensten die „heilige Stille“ völlig ausgezogen und wird oft selbst dort, wo sie sich nahe legt, durch das gesprochene oder gesungene Wort verdrängt. Dabei gehört es zu den Grunderkenntnissen über den Menschen, dass nicht in erster Linie Worte übertragen werden, sondern der Zustand, in dem ich da bin und aus dem dann jegliches Reden und Handeln folgt.

Von Anfang an steht in der Weitergabe des christlichen Glaubens das Unfassliche und damit auch Unsagbare im Vordergrund. Die Auferstehung Jesu als Beginn der „neuen Schöpfung in Christus“ ließ sich nicht durch Worte verstehbar machen; vielmehr heißt es am Schluss der ursprünglichen Fassung des Markus-Evangeliums (16,8), dass Furcht und Entsetzen die Frauen am Grab gepackt hatte und sie niemand etwas davon erzählten,was sie gesehen und erlebt hatten.

Eine alles Begreifen sprengende Erfahrung wird durch Worte eher „verwässert“. Nur in der persönlichen Erfahrung ist es möglich, sich von der Wirklichkeit unmittelbar berühren zu lassen nach dem christlichen Grundwort „Mir geschehe“. Genau hier aber setzt der Zen-Weg ein, und buddhistische Zen-Lehrer fordern von ihren christlichen Schülern, ihrer eigenen Erfahrung treu zu bleiben, ihren Glauben auf der Ebene der Erfahrung zu realisieren. [2]

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Das Schweigen ist keine Pause beim Reden, sondern eine Sache für sich. Ich kenne von zu Hause aus bei den Bauern eine Lebensweise, die sich den Gebrauch von Wörtern nicht zur Gewohnheit machte. .. Je mehr jemand zu schweigen imstande war, desto stärker war seine Präsenz. Wie alle im Haus hatte auch ich gelernt, am anderen das Zucken der Gesichtsfalten, Halsadern, Nasenflügel oder Mundwinkel, des Kinns oder der Finger zu deuten und nicht auf Wörter zu warten. Unter Schweigenden hatten unser aller Augen gelernt, welches Gefühl der andere mit sich durchs Haus trägt. Wir horchten mehr mit den Augen als mit den Ohren. Es entstand eine angenehme Schwerfälligkeit, ein in die Länge gezogenes Übergewicht der Dinge, die wir im Kopf herumtrugen. So ein Gewicht geben die Wörter gar nicht her, weil sie nicht stehenbleiben. Gleich nach dem Sprechen, kaum zu Ende gesagt, sind sie schon wieder stumm. Und aussprechen lassen sie sich nur einzeln und nacheinander. Jeder Satz kommt erst dann an die Reihe, wenn der vorherige weg ist. Im Schweigen kommt aber alles auf einmal daher, es bleibt alles drin hängen, was über lange Zeit nicht gesagt wird, sogar was niemals gesagt wird. [3]

Drei Texte – die ersten beiden aus dem kirchlichen Umkreis, der letzte von einer Schriftstellerin – die sich mit dem Schweigen rsp. der Stille auseinandersetzen. Alle drei verweisen auf Charakteristika: Im Schweigen erfolgt die Begegnung mit sich selbst, Schweigen erhöht die Fähigkeit zur Wahrnehmung, die Achtsamkeit sich selbst und dem anderen gegenüber und Schweigen ist nicht einfach die Abwesenheit, das Fehlen von Geräuschen, Schweigen, die Stille ist eine Qualität an sich.

„Wer mit allen Sinnen still sein kann“: schweigen also auch mit den Gedanken, Stille herstellen im Herzen, in der Seele, um das wahrzunehmen, was bleibt, wenn alles andere schweigt: „Sich von der Wirklichkeit unmittelbar berühren lassen.“ Keine leichte Übung, wir sind es nicht gewohnt, die Gedanken schweigen zu lassen, nur wahrzunehmen, uns nur berühren zu lassen: wir sind getriebene, zu berühren. Wir nehmen nicht den Baum wahr am Wegesrand, sondern wir sehen eine Kastanie. Unsere Gedanken ordnen schon, bevor wir uns berühren lassen.

Der Schweigende greift mit seiner Aufmerksamkeit tief in sich hinein, lässt sich berühren in seinem Grund. Das Schweigen steht im Dienst dieser Wandlung, öffnet einen Raum, in dem nicht nur das Äußere, sondern nach und nach auch das Innere still wird.“ So formuliert es Rheinbay [2]

In der Stille wird, wie es Müller schreibt, die Präsenz erhöht. Strukturieren meine Gedanken das Wahrzunehmende nicht mehr, werde ich Teil davon, hebe ich die Grenzen, die mein Intellekt setzt, auf. Der Schweigende wird zum Teil der hinter allem stehenden Wirklichkeit und so wahrgenommen – und er nimmt sich selbst so wahr.

Schweigen schafft Gemeinsamkeit. In der Gruppe schweigen schafft eine Verbindung, weil Schweigen aller Sinne eine universale Sprache der Seele ist, nämlich das sich der Wahrnehmung öffnen und das Einswerden in dieser Wahrnehmung.

Die „Reduktion“ auf Wahrnehmung ohne Bewertung, Einordnung oder Strukturierung schärft die Sinne für das, was im Reden untergeht. In einem stillen Raum fangen die Dinge an zu reden, Geräusche, die sonst nicht zu hören sind, werden laut, Stimmungen werden spürbar, Schwingungen dringen durch.

Alte Kirchen, Meditationräume, aber auch die Kathedrale eines Buchenwaldes, ein Sonnenuntergang oder ein Musikstück können unmittelbar auf unser Innerstes wirken, unsere Seele zum Schwingen bringen, uns einhüllen, uns der Wahrnehmung öffnen. Buchstäblich fehlen uns in solchen Momenten die Worte und der Versuch, dieses Empfinden in Worte zu fassen, zerstört es.

Ergänzung vom 11. Januar 2010:

Ein sehr schönes Wort habe ich heute gelesen [4]:

Wenn du stille wirst, wird dir geholfen

Wo sich der Raum der Stille öffnet bzw. wir uns dem Raum der Stille öffnen, da öffnet sich uns der Raum des Geheimnisses bzw. da öffnen wir uns dem Raum des Geheimnisses.

[1] M. Kirschstein in: sonntags, Andere Zeiten e.V., Hamburg, www.anderezeiten.de
[2] P. Paul Rheinbay, S.A.C., Rede, ohne die Lippen zu bewegen
[3] Herta Müller, Der König verneigt sich und tötet, Ffm 2008
[4] das Zitat ist von Goethe, die Textstelle aus: Sill B.: Die Kunst des Sterbens, Kevelaer 2009, S. 95 bezieht sich auf Gedanken des Philosophen Peter Wust
[5] Eine Broschüre zum Jahr der Stille

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