Magic Hoffmann ist ein kleiner, feiner Roman des viel zu früh verstorbenen deutschen Schriftstellers Jacob Arjouni (1964 – 2013), der unter anderem durch seine Figur des Kommisars Kayankaya (z.B. in Happy Birthday, Türke) bekannt geworden ist. Der vorliegende Roman wurde 1996 erstveröffentlicht, hat also schon etwas Patina angesetzt und führt uns beim Lesen zurück in die Zeit vor dem Euro, in die Area des Walkmans, in die Zeit vor der Erfindung des Smartphones und auch das Internet wurde erst in dieser Zeit langsam größer. Es ist also etwas nostalgisch, diesen Roman heute zu lesen. Aber trotzdem (oder darum?) macht es Spaß… 


Magic Hoffmann, das ist Fred Hoffmann. Mitte Zwanzig, hat er vier Jahre im Knast verbracht wegen eines bewaffneten Banküberfalls. Erwischt hat man ihn damals, weil er, nun ja: dumm und eitel war… seine beiden Komplizen waren dagegen entkommen, sie – davon ist er felsenfest überzeugt, da Abkommen unverbrüchlich sind, erwarten ihn, wenn sich die Tore der Haftanstalt für ihn öffnen. Diese Überzeugung (und diverse Eigenschaften von ihm, die im Gefängnis nützlich sind) hielt ihn die vier Jahre aufrecht – ebenso wie der Plan, zusammen mit der Beute nach Kanada auszuwandern.

Fred also durchschreitet das Tor in die Freiheit und will, ohne daß er darüber nachdenkt, genau an dem Punkt anknüpfen, an dem er sich vor Jahren vorübergehend von der Welt verabschiedet hat. Daß ‚Nickel‘ und Anette nicht warten beunruhigt ihn erst einmal nicht, schließlich ist die Kommunikation aus dem Gefängnis heraus etwas diffizil und kann zu Missverständnissen führen, zumal damals die Beute des Überfalls nicht aufgetaucht war, sondern immer noch irgendwo versteckt ist, was die Verwendung verklausulierter Botschaften notwendig machte…

Was Fred die folgenden Tage zur Kenntnis nehmen muss, ist die Tatsache, daß die Welt sich weiter gedreht hat in diesen vier Jahren und daß, auch dies muss man sagen, nicht wirklich jemand auf ihn gewartet hat. Anette und Nickel haben sich mittlerweile getrennt, sind beide in Berlin, in das Fred ihnen – immer noch guter Hoffnung – aus Dieburg, in der hessischen Provinz, nachreist. Berlin hat sich geändert so wie sich die ganze Welt zwischenzeitlich geändert hat: die Mauer war gefallen, große Teile des Osten in den Westen geströmt. Mit seinem rustikalen, leicht aufschneiderischen Provinzcharme, der daheim das eine oder andere Mädchen amüsierte, tappst Fred in der großen Stadt nur von Fettnapf zu Fettnapf. Schon bald prangt sein Fahndungsfoto in einer Zeitung – dies infolge einer Episode, in der Arjouni den Zufall etwas arg strapaziert.

Die Anette, die er in Berlin trifft, hat mit der, die er aus Dieburg kennt, nur noch wenig gemein. Sie arbeitet etwas naiv, aber engagiert und enthusiastisch in einer Filmproduktionsfirma und mit ihrem neuen Bekanntenkreis (… würd gern mal einen Film machen, wo gar nichts drin vorkommt, aber gut geschnitten…) kann Fred (der bestaunte Exot aus der Provinz) nun mal gar nichts anfangen. Die Adresse von Nickel, die Anette ihm gibt, ist veraltet, Fred findet ihn aber trotzdem: als brav studierenden Familienvater, der das Geld gewinnbringend in hochverzinslichen Papieren angelegt hat. In diesem Moment platzt Fred endgültig der Kragen.

In der ganzen Zeit in Berlin ist vielleicht die spielsüchtige, in obskuren Kreisen verkehrende Moni, die einzige, die Verständnis für ihn hat, ein Verständnis, das sich zu einer Art Liebe entwickelt, immerhin so sehr, daß Moni mit nach Kanada kommen will – wenn Fred erst einmal dort ist. Und seine Apfelweinkelterei eingerichtet hat….


Arjouni – so viel sei verraten – gönnt seinem Helden kein Happy End, im Gegenteil, er muss all seine Träume begraben. Am Schluss des Romans treffen die drei Jugendfreunde noch einmal aufeinander, in der alten Heimat, in Diebüll… aber es ist kein Treffen von Freunden mehr.

Dieses verkorkste Leben eines jungen Mannes, dem es Mühe macht, Traum von Realität zu unterscheiden, schildert Arjouni unaufgerecht, nicht wertend, mit einer gewissen Sympathie sogar für den Träumer. Der strampelt nämlich mitleiderregend heftig im ’neuen‘ Leben, um einen Fuß auf den Boden zu bekommen, aber die Umstände sind gegen ihn, weil er nicht wahrnehmen will, daß auch er sich ändern muss, um zu überleben. Entsprechend wächst seine Verachtung für die ehemaligen Freunde, die sich unter den veränderten Verhältnissen ein neues Leben geschaffen haben. Während für Hoffmann die alten Werte nach wie vor gültig sind, hat bei Nickel und Anette eine Verschiebung der Werte eingesetzt, Sicherheit vor Risiko, Engagement vor Kindereien und Dummheiten. Es ist ja nicht so, als hätten ihn die alten Kumpane betrogen, nur die Vorstellung, wie mit der Beute zu verfahren ist, die haben sich geändert….

Arjouni greift in seinem Text aber über die Darstellung dieses persönlichen Schicksals hinaus und geht zumindest andeutungsweise auf gesellschaftlich relevante Themen ein. In Berlin begegnet Fred nämlich auch einem aufkommenden Nazirevival in Form gewaltbereiter Glatzen, die unheilvoll in sein Leben eingreifen, auch der Dunst aufkeimenden Antisemitismus‘  ist wahrzunehmen. Das Hauptgewicht des Romans jedoch bleibt das Schicksal Freds.

Magic Hoffmann: ein, weil er gut, packend und flüssig geschrieben ist, ein auch heute noch gewinnbringend zu lesender Roman aus dem Anfang des vereinten Deutschlands.

Jakob Arjouni
Magic Hoffmann
diese Ausgabe: diogenes TB, ca. 280 S., 1997 [soweit die Angaben im Buch. Auf der hinteren Umschlagseite wird jedoch die Jahreszahl 2013 genannt, das Todesjahr des Autoren…]

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: