Bei den Büchern von Lothar Schöne [1, 2] bin ich immer gespannt, denn dieser Autor, der von der FAZ immerhin als ‚hinreißender Erzähler` bezeichnet wird [so ein Zitat auf der hinteren Umschlagseite des Romans], liefert durchaus unterschiedliches ab, neben anspruchsvollen Romanen mit Tiefgang wie dem Das jüdische Begräbnis [2] sind dies auch Werke eher leicht- und seichterer Natur. In erfrischender Offenheit schreibt er selbst auf seiner Homepage, daß die Pressekritiken zu seinen Büchern nicht immer positiv sind. Um jedoch wieder aktuell zu werden stellt sich für mich hier also die Frage, zu welcher dieser Kategorien sein neuester Roman Jener unscheinbare Moment gehört, den ich hier vorstellen möchte.


Jener unscheinbare Moment ist eine himmelhochjauchzende, nichtsdestoweniger unter einem tragischen, weil gelben, Stern stehende Liebesgeschichte aus dem Deutschland rsp. der Bundesrepublik der 70er Jahre. Hauptperson ist Mischa, ein junger Mann Anfang zwanzig, der in Mainz BWL studiert – (moralisch) gezwungenermaßen, weil ihm dieses Fach zwar ein Graus ist, aber der innigste Wunsch seiner Mutter ist es, ihn dereinst als Bankbeamten bewundern zu können. Das Lokalkolorit, das Schöne bei der Schilderung Mainzer Verhältnisse aufbaut, dürfte stimmig sein, schließlich hat der Autor daselbst um diese Zeit die Hörsäle der dort wirkenden Germanisten besucht. Womit wir schon einen erheblichen Schritt weitergekommen sind in der Handlung, denn angetriggert durch Dorothee, in die sich Mischa unsterblich verliebt, findet er den Mut, das öde Studium der Tabellen und Statistiken zu verlassen und – geködert durch Tristan und Isolde [3] – bei den Germanisten anzuheuern. Zu denen er sich, Anzeigendirekter der Uni-Zeitung und Freizeitschriftsteller von Kurzgeschichten, eh hingezogen fühlt. Doch das Liebesglück mit Dorothee ist nicht ungetrübt, sie gibt sich janusköpfig: so hinreißend sie an einem Tag ist, so berauschend und offensichtlich auch verliebt, so kalt und abweisend ist sie beim nächsten Treffen – bis sie eines Tages ohne ein Wort zu sagen, verschwindet und bei Mischa große Seelenpein hinterläßt.

Mischas großer Trost und die Frau, die ihn an die Hand nimmt und über die Geheimnisse der Liebe, die über das reine Neandertal hinausgehen, aufklärt, ist Tante Erna, die damals, im August 1939, gerade noch so eben rausgekommen ist aus Deutschland und seitdem in England lebt, mit Onkel Heine, der griesgrämig hinter allem den Russen vermutet, dessen Plan mit dem Suizid von Bader und Co. jedoch gescheitert ist – vorerst. Die beiden sind vor kurzem zurückgekommen nach Deutschland und es zeigt sich, daß Erna ein eigenes, kleines Geheimnis hat…

Erna und Heine sind die einzigen Verwandten, die Mischa und seine Eltern noch haben, alle anderen sind damals den Wahn zu Opfer gefallen. Mischas Mutter, die überlebt hat, weil ihr christlicher Mann sie nicht im Stich gelassen hatte, trägt schwer an dieser Vergangenheit, häufig senkt sich die schwarze Wolke einer Depression auf sie nieder.

Die Hoffnung stirbt zuletzt – Dorothee ist zwar verschwunden, meldet sich jedoch noch einmal bei Mischa, mit einem Brief, der ihre Liebe zu ihm beteuert, aber ebenso die Unmöglichkeit für sie, diese Liebe zu leben, aus einem ganz bestimmten Grund… einem Grund der Mischa förmlich aus den Schuhen hebt. Aber wenigstens weiß er jetzt, wo er seine Dorothee suchen muss – in den USA. Wenn´s weiter nix is… Das klingt fast schon nach einem zukünftigen Band 2 der Geschichte… ;-)


Ja, diese Geschichte ist schön erzählt. Mit Tempo, mit Witz, mit Humor (auch wenn der zum Teil haarscharf am Albernen vorbeischrammt wie z.B. in der Figur des polymeren und in Reimen redenden Ernesto). Sie ist herzerwärmend und die anfänglichen Szenen des Kennen- und Liebenlernens zwischen Dorothee und Mischa sind wunderschön. Ach, wären mir doch damals bei entsprechender Gelegenheit, in der ich sie gebraucht hätte, solch schöne Worte eingefallen… ja, das hat mir gut gefallen. Wie ebenfalls die Tatsache, daß Schöne den tragischen jüdischen Hintergrund seiner Geschichte nicht als Keule gebraucht, sondern – der ist einfach da und ist einfach so. Für Mischa spielt er eh (noch) keine Rolle, auch, weil in der Familie darüber nicht geredet wird, diese Epoche scheint nicht zu existieren. Es ist dies das Phänomen einer kollektiven Verdrängung, auch wenn die Gründe dafür unterschiedlich sind: die ungeheuerliche Traumatisierung auf der einen, das Bewusstsein der Schuld auf der anderen Seite. Eine breitere Thematisierung der Nazizeit setzte ja erst mit in diesen Jahren, mit der Revolte der 68er, dem Auschwitzprozess, der Holocaust-Serie im Fernsehen langsam ein… So erfährt Mischa auch von seiner Tante Erna nur zögerlich Einzelheiten über das, was damals geschah…

Tante Ernas Geheimnis… es lebt noch, im Osten Berlins. Dieser Teil des Roman jedoch, in dem der junge Mann seiner Tante nach Berlin bis in den Osten hinein folgt und nachspioniert, erscheint etwas arg an den Haaren herbeigezogen und konstruiert. Zwar will Schöne damit wohl noch einmal deutlich machen, wie verlogen der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit seinerzeit oft war, doch versetzt er mit der Umsetzung dieses Anliegens der bis dahin so stimmigen Atmosphäre von Verliebtheit, Liebeskummer, der Frage nach dem unerklärlichen Wesen der Liebe und dem Versuch Mischas, seinen eigenen Weg zu finden, einen Schlag. Gottseidank hat Schöne nach diesem Schlenker jedoch schnell wieder in seine alte Spur zurückgefunden, so daß nach dem Ende des Romans summa summarum trotz des tragischen, wenngleich noch ein wenig offenen Endes, ein gutes Gefühl geblieben ist.

Um also meine Ausgangsfrage zu beantworten: ja, mit Jener unscheinbaren Moment ist Lothar Schöne wieder ein leicht und gerne zu lesender, ein melancholisch-heiterer, den Leser an- und berührenden Roman um eine Liebe und um die Suche nach dem eigenen Weg vor dem Hintergrund jüdischer Schicksale im Dritten Reich gelungen. Danke dafür!

P.S.: sollte ich jetzt vielleicht mal Tristan und Isolde [3] lesen? Ein alter ‚Schinken‘, der wohl allzeit gültige Wahrheiten enthält… ;-) … und im Roman eine gewisse Rolle spielt.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren: http://www.literatur-rlp.de/db_suche.php?autor=Sch%F6ne%2C+Lothar
[2] weitere hier im Blog vorgestellte Bücher von  Lothar Schöne:
– Das Labyrinth des Schattens
– Das jüdische Begräbnis
– Die unsichtbare Bruderschaft
– Schall und Rauch
[3] Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde; z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Tristan_und_Isolde

Lothar Schöne
Jener unscheinbare Moment
diese Ausgabe: Klöpfer&Meyer, HC, ca. 260 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.

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schoene-tote

Lothar Schöne, mit dem ich auch schon eine gemeinsame Lesung hatte, ist ein dem Rheingau und den Städten Mainz und Wiesbaden eng verbundener Autor. Dieser kleine Krimi ist im E. Humbert Verlag publiziert worden, einem kleinen Verlag in der Rheinhessischen Schweiz. Hier auf dem Blog finden sich mittlerweile diverse Bücher von Schöne (siehe unten), die zum Teil – wie angedeutet – regionalen Charakter haben. So auch „Tote sterben gesünder“, der in Wiesbaden spielt, aber so manchen Abstecher macht ins gegenüber liegende Mainz und in den Rheingau. Wohnt man, so wie ich, nicht all zu weit von dieser schönen Ecke weg, ist das schon ganz witzig, wenn man bei Ortsnennungen sofort die entsprechenden Bilder im Kopf hat. Und in diesem Fall fällt dem Rezensenten natürlich auch sofort auf, daß der VW Passat von S. 11 die A66 bei Eltville niemals verlassen konnte, weil nämliche da schon lange als B42 firmiert….

Worum geht es in diesem Krimi? Nun, es geht um eine erquickliche Anzahl von Toten, bei denen die Todesursache nicht klar ist, die Umstände jedoch an natürlichen Abläufen zweifeln läßt. Hier weiß der Leser dann aber mehr als die Ermittler, denn diese tappen im Dunkeln und versuchen, sich einen Durchblick zu verschaffen, während wir sozusagen denTätern über die Schulter schauen. Und diese sind irgendwo im Dunstkreis einer kleinen Pharmafirma zu suchen, die im Moment von einem großen Unternehmen aufgekauft wird. Gibt es da einen Zusammenhang? Oder sind die Wettschulden des ersten Toten doch die heißere Spur? Und hat der plötzliche Tod von Claudia Graf, die wegen einer plötzlichen Bronchitis ins Krankenhaus musste, irgendetwas mit dieser Sache zu tun?

Das jedenfalls glaubt Florian Wunder, Kommissar und Mitarbeiter von Julia Held, der Kriminalhauptkommissarin, die diesen Fall bearbeitet und die eine gute Freundin der verstorbenen Claudia Graf war. Diese zwei Ermittlerfiguren sind ein typisches Buddy-Paar, zwei gegensätzliche Figuren, die sich gegenseitig frotzeln, aber doch gut als Team agieren. Julia Held, bei deren leicht dementem Vater sie immer wieder auf neue Fragen stößt, die für diesen Fall wichtig sind/sein könnten, kommentiert die Welt mit Shakespearezitaten, während der Kollege Wunder etwas einfacher gestrickt ist und sich eher Sorgen um seine körperliche Unversehrtheit machen muss, wenn er seiner Freundin mal wieder wegen einer Observation einen Korb geben muss.

So geht es in diesem kleinen Krimi, der sich Betrügereien im Pharmasektor widmet, munter hin und her, er ist sehr dialogisch geschrieben und weist ein hohes Tempo auf. Der Humor kommt nicht zu kurz, wenn der Autor z.B. den besagten Wunder-Mann von seiner Freundin mit Bücher aus eigener Feder bewerfen läßt oder der Vorgesetzte der beiden Ermittler mal wieder als Archetyp des mediengeilen Chefs, der die Lorbeeren für sich abgreifen will, ins Zimmer stürmt und dann infomäßig doch an der eher kurzen Leine gehalten wird…. etwas aufdringlich wirkt dagegen die vielfache Nennung diverser deutscher Automodelle, mit denen die Akteure den Rheingau durchmessen, ein „product placement“ der schriftstellerischen Art……

Ganz sicher hat Schöne mit diesem Krimi, der der erste zu sein scheint einer zu erwartenden Reihe mit diesem Ermittlerpaar, das Genre nicht neu erfunden, ich möchte mich auch nicht anheischig machen, dafür zu garantieren, daß alles und jedes der Geschichte logisch unangreifbar gestaltet ist. Aber der Autor hat den kleinen Roman kurzweilig gestaltet, wenn man mag, kann man sogar eine gewisses Mass an Gesellschaftskritik bzw. (Gesundheits)Politikkritik darin finden, letzteres ist ja ein dankbares Objekt für Kritik…. Genau das richtige also, wenn man in Bahn oder Flieger zwei, drei Stunden unterhaltsam und kurzweilig überbrücken will. Und wer das Lokalkolorit des Rheingaus mit seinen zwei Metropolen mag, für den ist das Büchlein eh attraktiv…

Weitere Bücher von Lothar Schöne im Blog:

– Das Labyrinth des Schattens
– Das jüdische Begräbnis
– Die unsichtbare Bruderschaft
– Schall und Rauch

Lothar Schöne
Tote sterben gesünder
diese Ausgabe: E. Humbert Verlag, TB, ca. 160 S., 2013

Lothar Schöne, der schriftstellerisch dem Journalismus entstammt, beherrscht neben der Romanform aus dieser Profession heraus natürlich auch die Form der Glosse, der Kurzgeschichte, der kleinen Erzählung, die auf ein überaschendes Ende hinausläuft und die die Widrigkeiten, Skurrilitäten oder einfach nur die Alltäglichkeiten des normalen Lebens aufgreift, zu- und überspitzt, mit einem Spritzer oft schwarzen Humors würzt und Kopfschütteln, Schmunzeln, Heiterkeit oder auch Nachdenklichkeit beim Leser erzeugt – ja nachdem…

Mit „Schall und Rauch“ legt er erneut eine Sammlung solcher Kurzgeschichten vor. Ob es sich nun darum handelt, dass der Sammler wertvoller Chronometer mit dem seltsamen und ungebetenen Besucher ein sekundengenaues Spiel spielt, ob es die beiden jungen Männer sind, die sich auf  Beerdigungskaffees mit Essen und Trinken versorgen, aber dann das Heft doch lieber selbst in die Hand nehmen wollen, um das Geschäft anzukurbeln, oder ob es darum geht, endlich ganz frank und frei die Todsünde unserer modernen Zeit zu benennen und nebenbei noch dem untreuen Ehemann einen Denkzettel zu verpassen: Schöne fasst dies in kleine, feine Geschichten, die ihre Protagonisten mit ihren Schwächen und Unzulänglichkeiten nie blosstellen, sondern in denen er uns einen Spiegel unserer selbst vorhält.

Welcher Mann wäre noch nie angesichts eines ihn überraschend erhaschten Anblick einer schönen Frau mit seiner Fantasie auf eine prickelnde Reise gegangen …. um eine Reise ganz anderer, frostiger Art geht es dagegen in der Titelgeschichte „Schall und Rauch“, in der der Autor sich dem Menschheitswunsch annimmt, das Leben immer weiter zu verlängern… oder kommt es ganz anders und die Menschheit, zumindest die biogene, gerät ins Hintertreffen gegen die künstliche, deren Aufsichtsorgane streng darüber wachen, daß die Sterilität der Verhältnisse gewahrt bleibt und nicht durch Gelüste der biologischen Art zerstört wird?

Fünfzehn solcher kleinen Geschichten umfasst das Büchlein, in dessen letzter Schöne dann seiner Heimat, dem scheenen Meenz, noch Referenz erweist, in dem er Mark Twain, der seinerzeit ja durch Europa reiste, auch hier Station machen läßt. Mark Twain, als wahrheitsliebender Reporter, dem jedoch keine große Zeitungszukunft beschieden ist…

Wie auch immer, Schönes Geschichten sind mit leichter Hand geschrieben, sie kommen nicht mit dem gefürchteten teutonischen Ernst daher, ohne sich jedoch dabei ins Seichte zu verlieren. Sie reißen an, stellen in Frage, überspitzen ohne aber dabei zu verletzen, sie erzeugen einen „Aha!“-Effekt beim Lesen, sie sind – da meist in Dialogform geschrieben – kurzweilig und unterhaltsam, selbst da, wo die Geschichte so ausgeht, „als ob“ man das Ende schon erahnen würde, immer versucht der Autor, seinem Text mit einer unvermuteten Wendung ein überraschendes Ende zu geben. Oft finden wir uns als Leser in den Texten wieder und haben die Gelegenheit, so wir uns nicht einfach dem Spaß am Lesen hingeben wollen, auch hie und da nachdenklich zu werden, ob der Autor nicht Recht hat mit der Wunde, auf die er seinen Finger legt. So ist ein vergnügliches Büchlein entstanden, wie geschaffen zum Lesen auf langen Fahrten, zum Verschenken oder auch zum Vorlesen in gemütlicher Runde….

Links und Anmerkungen:

Von Lothar Schöne finden sich folgende Buchvorstellungen bei aus.gelesen:
Das Labyrinth des Schattens
Das jüdische Begräbnis
Die unsichtbare Bruderschaft

Lothar Schöne
Schall und Rauch
Klöpfer und Meyer, HC, 192 S., 2012

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

Lothar Schöne, von dem ich hier bei „aus.gelesen“ schon zwei Romane vorgestellt habe [1], hat mit dem vorliegenden Werk something completely different vorgelegt. „Die unsichtbare Bruderschaft“ ist ein historischer Roman, dessen im Winter 1779 spielende Handlung in den heimischen Gefilden des Autoren angesiedelt ist, die auch nicht allzuweit weg sind von meinem Wohnstatt. Im „scheenen Meenz“ (schönen Mainz) also spielt die Handlung, auch ein wenig „dribbedebach“ (auf der anderen Seite des Rheins) und es geht um eine wilde Verschwörung gegen einen der bekanntesten deutschen Wissenschaftler dieser Zeit, nämlich Georg Forster, der seinerzeit als Jüngling mit Vater und Captain Cook 3 Jahre um die Welt segelte, seine Beobachtungen in Worte fasste und in Buchform unter die Leute brachte und der so zu einiger Prominenz gelangte.

Dieser junge, mit seinem Vater in London ansässige Mann wird von eben jenem mit einem Dokument nach Mainz geschickt, um es eben daselbst für viel Geld an den Kurfürst-Erzbischof Erthal zu übergeben. So weit, so gut. Wäre da nicht der Inhalt des Dokuments offensichtlich so brisant, daß dem jungen Forster, kaum ist er angekommen, schon massiv aufgelauert wird, immer mit dem Ziel, ihm jenes Schriftstück zu entwenden. Und so herrscht bald ein munteres Treiben rund um unseren Helden, den wir lesend vorwiegend auf der Flucht vor einem unbekannten Schwarzumbehangten begleiten. Langweilig ist er nicht, der Roman Schönes: es wird geheuchelt und gemeuchelt, geteert und gefedert, so mancher verliert sein Auge und es begegnet uns sogar eine Autofellatio der besonderen Art. Natürlich ist jeder verdächtig, da die Bösen als Mitglieder in einem der Geheimbünde vermutet werden, den Freimaurern, den Rosenkreuzern, den Illuminaten oder gar dem geheimsten der Geheimbünde, dem weißen… schließlich kommt es zum Showdown in den Mauern des ehrwürdigen Klosters Eberbach, dort endlich wird auch gelüftet, was es mit dem so heiß begehrten Dokument auf sich hat….

Wie schon gesagt, es ist ein munteres Büchlein, kurzweilig und mit seinen Ausflügen ins Bodenständige zumindest für Ansässige sicher auch ein Vergnügen zu lesen. „Worscht, Weck unn Woi“ zusammen mit der im meenzer Dialekt präsentierten Weltschau des Bürgermeisters: hübsch, hübsch. So hübsch wie des Bürgermeisters Töchterlein, die Lisa, zu der wir noch kommen werden. Überschüssige Gedanken an die Logik all dessen, was er schreibt, hat Schöne wohl nicht verwendet. Es gibt eine ganze Menge Tote im Verlauf des Buches, aber ehrlich gesagt, mir ist nicht klar geworden, was das mit dem Handlungsfaden zu tun hat. In brenzligen Situationen gibt es immer einen Retter wie der Deus ex machina, und wenn es eine unvermutet in Wirtshaus eilende behoste Dame ist, die für einen eiligen Aufbruch sorgt, um den Häschern zu entwischen….

Rund um den jungen Forster, der selbst eher nachtblind durch die Geschichte getrieben wird – entweder von seinen Feinden oder auch von seinen Freunden – drapiert Schöne einige bekannte (oder auch nicht mehr bekannte und damit der Vergessenheit entrissene) Persönlichkeiten [2]. Zu nennen wäre hier der verwachsene Dichter Wilhelm Heinse, der mit  leicht erotomaner Zwangsvorstellung die Idee vertritt, der Mensch solle im Leben zuvörderst Lust und Freude suchen. Seinen Laidion [3] zu erwähnen wird Schöne nicht müde. Zu ihm gesellt sich die erste deutsche Romanschriftstellerin Sophie von La Roche, hier in äußerst emanzipierter Form. Deren Freundin, die ihr der Autor an die Seite stellt, ist zwar sprach- und mundfaul, agiert aber in einer Art und Weise, die Jet Li zu Anerkennung nötigen würde. Dann gibt es da noch einen hünenhaften Alchemisten, der vorwiegend als Lenker einer im Schneetreiben geisterhaft wirkenden Kutsche agiert und.. ach ja, Tommy, den gleichaltrigen Freund Forsters, unerschrockener Mediziner der autopsierenden Art.

1779, das sind unruhige Zeiten, 10 Jahre später sollte in Frankreich die Revolution ausbrechen und die althergebrachten Strukturen wegfegen. Natürlich spürt man diese Entwicklung auch in deutschen Landen, nicht zuletzt die genannten Geheimbünde waren z.B. der Kirche ein Dorn im Auge, da sie deren Alleinvertretungsanspruch auf die Erziehung des Menschen bestritten. Die beharrenden Kräfte setzen alles dran, alle Zeichen der Aufklärung, alle als Angriff auf die göttliche Ordnung gedeuteten Aktivitäten auszumerzen. Wissen und Glauben geraten immer mehr in Konflikt, die katholische Kirche sieht sich angegriffen und zögert nicht, alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, diese Angriffe anzuwehren und den status quo aufrecht zu behalten. Der „wahre“ Gegenpol zu diesen restaurativen Kräften ist in dieser Geschichte eigentlich der oben erwähnte Heinse mit seiner Ansicht, daß das Leben eben nicht nur Schweiß und Tränen bereit halten sollte. Während Forster (und die Wissenschaft allgemein) Erkenntniszuwachs sucht und er/sie damit eher passiv in Widerspruch zur Kirche gerät, propagiert Heinse ja das Führen eines freudvollen Lebens, im Gegensatz zur Kirche, die das Erdensein des Menschen als Schule sieht, in der sie den den Menschen zum perfekten/vollkommenen erziehen soll. Hier liegt, soviel sei verraten, auch das Geheimnis des Dokuments, dem alle nachjagen…. Lisa, was war mit Lisa? Ich hatte sie oben erwähnt und versprochen, auf sie zurück zu kommen.. also: sie … ach, greifen wir nicht voraus, lese es jeder selbst, ein Frauenzimmer jedenfalls, das sich in Situationen, in denen es darauf ankommt, zu helfen weiß!

Beim Lesen kommt man an Stellen, bei denen man auf einmal „Hoppla!“ sagt, weil man über das Geschriebene stolpert. So zum Beispiel soll schon 1779 etwas abgegangen sein wie Schmidts Katze.. ist dieser Spruch wirklich schon so alt? Auch der Stil, in dem Heinses erotisches Elaborat vom Laidion wiedergegeben wird (der Dichter und Denker ist Vorleser beim Kurfürst-Erzbischof und amüsiert jenen mit seinem freizügigen Text) läßt eher vermuten, jemand wie Laura Lay hätte ihre Finger im Spiel als daß es dem schwülstigen Geschwurbel des originalen Textes entspricht…. sei´s drum….

Was also bleibt nach dem Lesen von diesem Roman? Jedenfalls ein kurzweiliges Stück Unterhaltungsliteratur, in kleinen Häppchen (sprich: Kapiteln) dargeboten, mit viel Tempo, einigem Witz, vielen Volten und Kapriolen, einem gehörigen Schuss lokaler Bezüge, das nicht zuletzt daraus auch einiges an Spannung zieht. Die Substanz, die ich in den schon erwähnten Romanen Schönes [1] bisher gefunden habe, habe ich ein wenig vermisst. Natürlich gibt es Gedankenansätze, die sich mit dem Verhältnis von Kirche und Welt, Religion und Mensch befassen, natürlich spielt Schöne auf die Konfliktsituation zwischen Kirche und beginnender Aufklärung an, aber alles ist etwas zu kurz gehalten, als daß sie in die Tiefe gehen könnten, das ist ein wenig schade. So bleibt letztendlich ein unterhaltsamer, zum Schmunzeln anregender historischer Verschwörungsroman – aber auch das ist ja nicht wenig.

Links und Anmerkungen:

[1] Lothar Schöne: „Das Labyrinth des Schattens“ und „Das jüdische Begräbnis
[2] Wiki-Artikel zu den genannten historischen Persönlichkeiten:
Georg Forster
Wilhelm Heinse
Sophie von La Roche
Friedrich Karl Joseph von Erthal
Samuel Thomas von Soemmerring

Bei der Autorenlesung Schönes am 5. Juni war gerade auch (vllt sogar bedingt durch meine Anwesenheit und Frage) der historische Hintergrund des Romans ein Diskussionpunkt. (btw, weil dies auch angesprochen wurde: das erste Fleischwurstrezept gab es wohl schon im 16. Jhdt: „Im Kochbuch des Dominikanerklosters St. Pauli bei Leipzig wurde 1560 das erste Lyonerrezept abgedruckt.“ Quelle). Dies wirklich in historischer Exaktheit zu ermitteln ist nicht einfach, an manchen Stellen ist dann auch aus anderen Gründen moderneres in den Text eingeflossen. Andererseits, so Schöne, verwundern bei solcher Recherche gerade die Fragen nach dem Selbstverständlichen: wie z.B. werden 1779 Räume beleuchtet, wie zündet man Kerzen und Talglichter an….

Es zeigte sich mal wieder, daß ein Text unterschiedlich wirkt, je nachdem, ob er selbst gelesen wird oder man ihn vorgelesen bekommt. Schöne verstand es beim Vorlesen durch seine Stimme den Personen Individualität zu geben und Situationen bzw. deren Stimmungen darzustellen. Eine gelungene Lesung, ein schöner Abend, die Stunde, die der Autor liest, war schnell vorüber und die anschließende Diskussion hat Schöne mit viel Humor geführt.

Lothar Schöne
Die unsichtbare Bruderschaft
E. Humbert Verlag, HC, 286 S., 2012

Es kommt keiner, dachte ich, weil es eben jüdische und christliche Erde gibt. Die einen Krumen glauben an Jesus, die anderen nicht, und die Gräser, die auf ihnen wachsen, sind entweder getauft oder beschnitten. Ich muss darauf achten, daß die Blumen koscher sind, die ich aufs Grab stelle.

Ein Anruf ist es, der den Ich-Erzähler aus dem Schlaf reisst: die Mutter ist gestorben, das Heim, in dem sie die letzten Jahre lebte, teilt ihm dies mit. Man ist nicht sehr sensibel im Heim mit dem Sohn und seiner Frau, aber das ist nicht das wirkliche Problem, das auf den Sohn zukommt, neben all der Trauer.

Das Problem liegt darin, daß seine Mutter Jüdin war, verheiratet einst mit einem schon lange verstorbenen christlichen Mann, einem Mann, der sie in der Zeit, in der die Juden Europas von der neuen Herrenrasse verbrannt wurden, nicht verlassen hat, sondern bei ihr blieb und zu ihr hielt und ihr so daß Leben rettete. Und so soll die Mutter im Tod wieder vereint werden mit ihrem Mann, was bedeutete, daß eine Jüdin auf einem christlichen Friedhof beerdigt werden sollte. [1]

Diese Konstellation nutzt Schöne um zweierlei zu erreichen: zum einen läßt er durch das Trauern des Sohnes (und seines Cousins, der zufällig zu Besuch ist) die Erinnerung wieder lebendig werden an seine eigene Jugend und an seine Mutter, deren Schicksal tief in ihr vorborgen lag, so tief, daß es sie krank machte, zu monatelangen Klinikaufenthalten zwang. Weniges nur erfährt er von ihr vom Überleben in dieser Zeit, in der für Juden das Verrecken das Normale war, fünf Geschwister verliert sie, einem nur gelang die Flucht und sie entkam durch ihren christlichen Mann.

Auf der anderen Seite gibt die Problematik, daß eine Jüdin in christlicher Erde beigesetzt werden soll, dem Autor Gelegenheit,sich Gedanken über das Judentum und sein Verhältnis zum Christentum zu machen. Die ewige Frage, was Judentum überhaupt ist, wer überhaupt Jude ist. Von der Tradition her ist es klar, wer eine jüdische Mutter hat, ist Jude [2], Hitler hat definiert, wer Jude ist und auch der Oberrabbiner aus Jerusalem….

Die Erinnerung aber ist so übermächtig, daß sie heute jüdische Identität stiftet. Nicht mehr die Religion ist das einigende Band der Juden in der Diaspora, sondern die Vernichtung. Und die Gedenkstätten in den USA und in Israel sind ihre Ikonen. Die Ermordung eines Volkes steht als Symbol für sein Überleben. So näherns sich Judentum und Christentum nach zwei Jahrtausenden aneinander an. Wie das Christentum mit dem ans Kreuz geschlagenen Jesus einen Opfertod ins Zentrum seines Kultes stellt, so rückt das Judentum nun den Versuch seiner Vernichtung in den Mittelpunkt seines Denkens.

Für nichts bin ich weniger qualifiziert, als mich über das Wesen des Judentums auszulassen noch natürlich über das von Autoren verfasste, die sich das zum Thema machen, aber in Schönes Erzählung finden sich schon viele Gedanken, viele Fragen, über die nachzudenken sich lohnt. [3] Ist obiges Zitat jetzt ein – nun, ein Tabubruch wohl auf jeden Fall, aber vllt auch ein befreiender Blick auf einen Aspekt der Realität? Das Judentum hat seit Jahrtausenden alle seine Feinde, und es waren viele (die Bibel, das AT kann ja auch in weiten Teilen als Kriegsberichterstattung gelesen werden), überlebt, all die dort genannten Völker sind nur noch der Geschichte bekannt, die Juden leben. Sie leben durch die Abgrenzung von allen anderen, durch die unbedingte Weigerung, in anderen Völkern aufzugehen. Vielleicht dies auch ein Grund, warum es im nahen Osten so schwer fällt, Frieden zu schließen, weil dadurch nämlich etwas identitätsstiftendes verloren ginge: das Gefühl, sich gegen einen Feind verteidigen zu müssen. Das auserwählte Volk… ein Gottesbeweis gar? [4, 8]

Das Judentum kennt keine Kompromisse. Es ist alles Tradition. Seit Jahrtausenden nichts als Tradition.

läßt Schöne eine seiner Figuren zornig ausrufen. Das Christentum ist eine Wissenschaft, das Judentum eine Lebensweise [7, 10]. Wenn Gott noch eine Sintflut schickte, würden die Christen diskutieren, warum, wieso, weshalb. In den Synagogen würde Schwimmunterricht angeboten werden…. Judentum ist eine Art zu leben, den Bund, den ein Wüstenvolk vor Jahrtausenden mit seinem Gott abschloß, lebendig zu halten und zu leben in allen Zeiten.

Schöne läßt seinen Erzähler über Auschwitz und Birkenau reden, über den Besuch dort, der kaum auszuhalten ist [5]. Diese sehr punktuellen Rückblicke auf den Holocaust sind um so schmerzhafter, als sie uns so direkt in diese Realität werfen. Die Plätze, die Hallen, die Keller, die Verliese werden lebendig, bevölkern sich mit den Gequälten, verfolgen ihn. Man musste unter einer Latte hindurch gehen. Wer es ohne bücken konnte, kam gleich ins Gas. Niemand sagte den Kindern, daß sie den Kopf recken sollten….. Die Öfen packten es nicht, also wurden zappelnde, kriechende, sich wendende Scheiterhaufen geschichtet und angezündet. Versuchte einer die Flucht, wurde angetreten und jeder zwanzigste wurde herausgeholt. Glücklich, wer gehenkt wurde. Andere wurden mit der Peitsche zu Brei geschlagen, die erlösende Kugel, um die sie flehten, zu schade für sie in den Augen der Arier. Wohin mit der Asche, damals? Sie verwehte, düngte die umliegenden Felder.. wurde in den Teich geschüttet, den der Sohn jetzt sucht, aufsucht. Dies das Grab seiner Verwandten?

Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen daliegen oder tausend. Das durchgestanden zu haben und dabei anständig geblieben zu sein, ist ein niemals geschriebenes Ruhmesblatt unserer Geschichte. [6]

Ruhm ist relativ, anständig sein wohl auch. Der SS-Oberscharführer Josef Schwammberger z.B. pflegte, so schreibt Schöne, kleine Kinder an die Wand zu klatschen … sein Schäferhund durfte Halbverhungerte zerfleischen… Mädchen sperrte er ein und verbrannte sie, sechzig an der Zahl, weil sie weglaufen wollten…er gab hungernden Kindern Kot zu essen bevor er sie erschoss. Es war, wie vor Gericht ausgesagt wurde, sein Hobby, Juden zu töten.

Genug.

Eine christlich-jüdische Ehe („Mischehen„) in den Zeiten des 3. Reiches, ein Problem. Mit aller Macht versuchten die damaligen Herrscher diese aufzulösen, bei den meisten gelang es wohl auch, denn auch wenn noch ein gewisser Schutz vorhanden war, wurde den Menschen das tägliche Leben sehr schwer. Aber die Eltern überstanden den Krieg, nur wurde die Mutter, die all ihre Toten, all ihre Trauer in sich begrub, sie nicht mehr in die Welt entlassen konnte, krank, psychisch krank. Schöne läßt seinen Erzähler sich an seine Jugend erinnern, an das Erwachsenwerden und das Leben in diesem Deutschland. Das Verhältnis von Sohn und Mutter ist schwierig, die vielen Klinikaufenthalte, in denen er mit dem Vater allein ist, die Rücksicht, die auf die Mutter zu nehmen ist. Nicht kann sie ihm die Frage beantworten, was das ist, Jude sein. Jüdisch Leben? Ist das alles, an den Messias glauben. Sie ist schweigsam die Mutter, schaut oft lang einfach in die Gegend. Sind dies die Zeiten, in denen sie Besuch bekommt von ihren Toten, und in denen sie, die sie selbst ein Grab geworden ist für all die Erinnerungen, wieder mit ihnen vereint ist?

Das Begräbnis.. die jüdische Seite hält ihre Tradition, ihre Vorschriften ein. [9] Froh scheinen sie zu sein, als der Leichnam endlich aus der Leichenhalle abgeholt wird. Ja, der Erzähler finde zum Schluss einen evangelischen Pfarrer, der die Bestattung auf dem christlichen Friedhof durchführt. Und die Mutter bekommt ein wenig Erde vom jüdischen Friedhof mit in den Sarg gelegt….. man wünsch ihr, daß sie dort jetzt endlich Frieden findet.

Facit: wenn ich mal von meinen prinzipiellen Bedenken [3] absehe, hat mich das Buch sehr bewegt, sehr angerührt, sehr zum nachdenken gebracht…. ein kleiner Schatz zwischen zwei Buchdeckeln.

Links und Hinweise

[1] Von einem ähnlichen Fall berichtet Wolfgang Benz: Ladislaus Szücs, 1909 in Siebenbürgen geboren, wurde als ungarischer Jude nach Auschwitz deportiert, er starb im Januar 2000 in Köln. Da er der Jüdischen Gemeinde nicht angehörte, wurde ihm das jüdische Begräbnis verweigert. Ein katholischer Priester sprang auf Bitten der Familie ein und bemühte sich um ein allgemein-humanistisches Begräbnisritual ohne christliche Inhalte.

[2] der Vater zählt dabei nicht, man weiß ja nie… wer einen jüdischen Vater hat, hat im Grunde „Pech“ gehabt, für die Christen ist er Halbjude, für die Juden Halbchrist…. er gehört nirgends dazu, eine Art Paria

[3] Es ist dies sowieso ein Problem bei solchen Büchern. Selbstverständlich gibt es im Judentum neben den Orthodoxen (an den Strümpfen kann man sie auseinanderhalten!) auch liberale Juden, welchen Ansichten gibt der Autor Raum? Welche Berechtigung oder Qualifikation hat er überhaupt, sich derart über jüdisches auszulassen? Kann ich ihm, das ist letztlich die Frage, vertrauen, daß seine Fragen und Gedanken, seine Schlussfolgerungen und Ausrufe mich nicht in eine falsche Richtung locken? Das Buch, glaube ich den Meldungen, hat in Israel positive Aufnahme gefunden, von einer geplanten Verfilmung war die Rede. Nun ja, das klingt ja nicht schlecht…. genauso wenig wie diese kurze Meldung über eine Lesung Schönes

[4] …. „die Anekdote eigenartig berühren, die sich am Hof des Preußenkönigs Friedrich II. zugetragen haben soll. Friedrich der Große war bekanntlich ein Freund und Verehrer des geistreichen Spötters Voltaire und teilte dessen Geringschätzung aller Religion. So soll er einmal seinen Leibarzt sarkastisch gefragt haben: »Nenn‘ er mir einen Gottesbeweis, wenn er kann!« Der also Angeredete aber soll darauf die bündige Antwort gegeben haben: »Die Juden ‑ Majestät.«“ zitiert nach dieser Quelle

[5] ich kann es ihm nachfühlen (und ich bin nicht selbst betroffen von diesen Geschnehnissen), mein eigener Besuch in Buchenwald hat mich auch mehr als nur „mitgenommen“

[6] Schöne zitiert Himmler hier etwas verkürzt [vgl. das Himmler-Projekt], aber das tut seiner Folgerung keinen Abbruch: die Ausrottung der Juden war für die Nazis ein ritueller Akt der Reinigung, die Juden waren unrein, sie waren rein…..:

Sie haben ihre Morde als Akte der Reinigung verstanden. Sie waren rein, die Juden unrein. Deshalb musste die Welt von ihnen befreit werden. Dieser gnostische Sauberkeitswahn verknüpfte sich mit einem Opferkult. Das war es, was mir durch den Kopf ging, als ich den Aschensee sah. Nicht um bloße Verbrennungen handelte es sich, Todesriten wurden abgehalten. Die Juden als Opfergabe, der Scheiterhaufen als magischer Ort, die Opferung als archaische Huldigung. Und kein Engel kam mit Blitz und Donner, die Anständigen zu vertilgen von der Erde.

[7] Es ist in diesem Zusammenhang natürlich auch interessant, sich darüber zu belesen, wie sich seinerzeit Judentum und Christentum auseinander entwickelt haben. Jesus hat sich ja immer als Jude verstanden und sich in der jüdischen Tradition gesehen als der von Gott angekündigte Messias. Lange Zeit wurden die Anhänger Jesu als jüdische Sekte angesehen, daß sich daraus eine eigene Weltreligion entwickeln sollte, war keineswegs von Anfang an vorgesehen. (Ich habe jetzt keine Internet-Quelle ergoogelt, ich selbst habe mich bei Benz: ***** ein wenig umgesehen)

[8] Schöne läßt die Mutter in der Rückschau auf die Verfolgungen und das Leid in einer Szene zu Gott beten, daß sie wüsste, daß die Juden sein auserwähltes Volk seien, aber ob Er denn nicht auch einmal ein anderes Volk auserwählen könne…

[9] eine Beschreibung der jüdischen Rituale bei Tod und Begräbnis findet sich in dieser Quelle

[10] Einstein zum Beispiel schrieb: „Judentum ist kein Glaube…. keine transzendente Religion, es hat nur mit dem von uns erlebten, gewissermaßen greifbaren Leben zu tun und mit nichts anderem.“ (Einstein A.: Mein Weltbild, S. 89, Ullstein, 1983)

Eine deutsche übersetzung des Kaddish, des jüdischen Totengebets:

„Erhoben und geheiligt werde sein großer Name auf der Welt, die nach seinem Willen von Ihm erschaffen wurde – sein Reich erstehe in eurem Leben in euren Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel, schnell und in nächster Zeit, sprecht: Amen! Sein großer Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten. Gepriesen und gerühmt, verherrlicht, erhoben, erhöht, gefeiert, hocherhoben und gepriesen sei der Name des Heiligen, gelobt sei er, hoch über jedem Lob und Gesang, jeder Verherrlichung und Trostverheißung, die je in der Welt gesprochen wurde, sprecht Amen.
Fülle des Friedens und Leben möge vom Himmel herab uns und ganz Israel zuteil werden, sprecht Amen.
Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, er stifte Frieden unter uns und ganz Israel, sprecht Amen.“
(zitiert nach Wiki)

Dieser Beitrag wurde zuerst in den „Jüdische Lebenswelten“ publiziert.

Lothar Schöne
Das Jüdische Begräbnis
Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1996, HC, 168 S.

Eine Leseprobe zum Buch findet sich auf der Website des Autoren: http://www.lothar-schoene.de/index_juedbegr.html

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