Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel. Von und mit Moritz Stoepel

Der Suhrkamp-Verlag beauftragte seinerzeit den Frankfurter Schauspieler und Theatermenschen Moritz Stoepel anläßlich des 125jährigen Geburtstages Hermann Hesses, dessen Opus Magnum, das Glasperlenspiel, auf die Bühne zu bringen. Die erste Fassung dieses Unternehmens war fünf Stunden lang, wie Stoepel am Samstag bei der Aufführung in Lahnstein, einem kleinen Städtchen an der Mündung der Lahn in den Rhein, selbst erzählte. Angesichts dieser telefonisch übermittelten Auskunft fiel der Produktionsleiter des Verlages wohl in Scheintöte, jedenfalls herrschte nach dieser Mitteilung am anderen Ende der Telefonleitung absolute Stille. Aber auch die jetzt auf die Bühne gebrachte Fassung des Buches ist noch gute zwei Stunden lang und fordert selbst in diesem Umfang den Zuhörer voll und ganz. Ihm kommt damit, laut Stoepel, der schwierigere Part des Aufführung zu, denn er als Schauspieler auf der Bühne könne sich ja austoben und alles raus lassen, während wir still sitzen und zuhören müssten… ;-)

Veranstaltungort der Aufführung war die wunderschöne, etwas versteckt in der Altstadt Lahnsteins liegende Hospitalkapelle, ein ideales Ambiente für dieses Stück, das bis auf den letzten Platz besetzt war. Den größeren Rahmen für dieses Ereignis bildete die Veranstaltungsreihe „Gegen den Strom“ im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz.

Wie bringt man nun dieses recht handlungsarme, gedankenlastige Werk Hesses auf die Bühne? Nun, Stoepel kombiniert dazu alle die Fähigkeiten, die er hat: den Gesang, diverse Musikinstrumente, das Schauspielern, das Rezetieren, seine gesamte Ausstrahlung… zu einem einzigartigen Wort- und Klangteppich, der in die Gedankenwelt des Spiels eintaucht.

Das Buch ist die Geschichte des Magister Ludi Josef Knecht, der schon frühzeitig auf sich aufmerksam macht und der von den Lehrern und Magistern der pädagogischen Provinz Kastilien an ihre Schule genommen und in der Tradition dieser geistigen Bewegung erzogen wird. Das Glasperlenspiel selbst ist kaum erklärbar, vorstellen kann man sich noch die Ursprünge, die in gewisser Weise an die antiken Abaki erinnern, die weiterentwickelten und stets komplexer werdenden Ausformungen entziehen sich der Anschauung und stehen immer mehr nur als Metapher für ein stetig ritueller und spiritueller werdendes Geistesgebäude, in dem die Künste und die Wissenschaften, allen voran die Musik und die Mathematik sich vereinigen und gegenseitig befruchten sollen.

Knecht ist bald einer der hervorragendsten Schüler, nach Beendigung der Schule und dem anschließenden freien Studium wird er vom amtierenden Magister Ludi mit einer Aufgabe betraut, die ihn in die reale Welt außerhalb Kastiliens führt, in ein Kloster. Dort begegnet ihm ein ebenfalls hochgebildeter Mönch, Pater Jakobus, dieser aber ein Bewohner und Verteidiger der realen Welt gegen die Weltfremdheit Kastilien. Die beiden freunden sich an, respektieren sich gegeneinander und wachsen aneinander. Und – so wie es sich später erweisen wird – diese Bekanntschaft legt einen Keim in Josef Knecht, der viele Jahre später reifen wird.

Der Magister Ludi stirbt und trotz seiner jungen Jahre wird Josef Knecht zu seinem Nachfolger berufen. Er nimmt die Verantwortung an und führt sein Amt viele Jahre mit großem Ernst und Erfolg. Aber dann trifft einer seiner alten Mitschüler in Kastilien ein, ein ehemaliger Hospitierender, ein Mensch, der in der äußeren Welt lebt – und leidet. Diese Auseinandersetzung mit Designori, dem alten Freund und Knecht ist der Höhepunkt der Aufführung, hier prallen reale Welt und die geistige aufeinander, der alte Vorwurf, daß Kastilien sich vom richtigen Leben, von den richtigen Menschen losgelöst hat und in einem eigenen Universum abgehoben über allem schwebt, bringt in Knecht den vor langer Zeit gelegten Keim des Zweifels zum Wachsen.. Stoepel führt dieses Zwiegespräch zwischen Designori und Knecht fulminant auf… Designori, der Knecht seine Verzweiflung, aber auch seine Wut entgegenschleudert, Designori, der an der Welt buchstäblich erkrankt ist wird von Stoepel mit großer Sprachgewalt gespielt, er schleudert seine Anklage förmlich ins Publikum bzw. dem nur zögerlich antwortendem Knecht ins Gesicht… dies zweifellos einer der Höhepunkte der Aufführung….

Knecht reist in die richtige Welt außerhalb des auf sich selbst bezogenen Kastiliens, besucht Designori und seine Familie öfter bis der Entschluss reif ist: „Er war entschlossen, sich aus den Fesseln seiner jetzigen Lage zu lösen und für Aufgaben, die er auf sich warten fühlte, frei zu machen. ..“ Und so geschieht es. Knecht verläßt Kastilien im Streit, unverstanden von der Behörde und den Meistern und er wird Erzieher des Sohnes von Designori, heiter verläßt er den Ort, der ihm zu eng geworden, dem er nun entwachsen ist, um der lähmenden Gewöhnung zu entrinnen…

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen….

****

Dies soll als Kürzestfassung des Inhalts dienen, ich maße mir nicht, so ein Werk weiter zu interpretieren. Stoepel in seiner Aufführung jedoch tut dies, natürlich musste dieser den Roman kürzen, ihn konzentrieren und auch arrangieren. Er liest die Texte nicht, er spielt sie, er ist Knecht, ist Designori, ist Pater Jakobus und auch Alexander, Leiter der kastilischen Behörde. Er läßt die Musik sprechen und die Klänge, schafft Atmosphäre und Dichte, er erschreckt, rüttelt auf und schlägt den Zuschauer/-hörer in Bann. Die Aufführung ist ungeheuer intensiv, und auch Stoepel merkt man nach der Vorstellung die Ergriffenheit und die Konzentration an, die er mit Selbstironie sympathisch überspielt.

Zu kurz noch der langanhaltende Applaus für dieses aussergewöhnliche Ereignis.

Zur Webseite von Stoepel: http://www.moritzstoepel.de/

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Autoren.lesung: Martin Walser: Muttersohn

Gestern abend besuchte ich die Lesung von Martin Walser im Bad Emser Marmorsaal des Kurhauses. Natürlich, für ein kleineres Städtchen wie es dieses ehemalig so bekannte, jetzt etwas um Bedeutung bemühte Bad Ems ist der Besuch dieser literarischen Institution ein herausragendes Ereignis, dementsprechend gut war der Besuch der Veranstaltung.

Das Buch – ich wollte es natürlich vorher lesen. Aber man kennt das ja, und außerdem hat da rein privat der Blitz reingehauen, im wahrsten Sinn des Wortes, und mir viel Zeit geraubt, die ich ansonsten vllt tatsächlich investiert hätte in diesen Roman Walsers um Percy, den ohne die Mitwirkung eines Mannes gezeugten.

Vorgestellt wurde Walser und in sein Werk eingeführt von einer Frau Dr. Nordhofen, die leider rhetorisch nicht allzu überzeugend wirkte, viele „ähhs…“ störten und ich muss es bekennen, von ihrer Rede blieb mir nicht viel im Gedächtnis…

Ganz anders dagegen Martin Walser. Ein älterer Herr, natürlich. Imposant in der Erscheinung, eine Aura um sich herum getragen von der Freiheit und auch, ja, Weisheit des Alters, von der Gewissheit, die richtigen Fragen zu kennen, jetzt zu kennen, für die Antworten, die man schon seit langem spürt… auch ein ganz hervorragender Vorleser seines Werks ist Walser, beneidenswert, wie er, sein Buch in der Hand, den Text vorliest und sparsam mit seiner Sprache spielend das Gesagte lebendig werden läßt. Mit wenigen Gesten unterstützt er seinen Vortrag, seine Stimme schwillt an, zögert, wird langsam, leise, er überlegt mit seinen Figuren, fühlt sich in sie hinein, verleiht ihnen Wort und Stimme…

Es geht um Percy. Walser hat drei Textstellen ausgewählt, die erste stellt uns diesen Percy vor, der wie gesagt seiner Mutter Fini glaubt, daß er ohne die Mitwirkung eines Mannes gezeugt wurde. Die im Nachgang zur Lesung von Nordhofen gestellte Frage, ob er, Walser, damit eine Art Jesus-Figur geschaffen hätte (es gibt viele in diese Richtung deutbare Elemente im Roman), umschiffte Walser geschickt, indem er ausführte, dieses würde sich niemand wagen…. jedenfalls ist dieser Percy ein begnadetet Redner, der sich aber nie auf seine Reden oder Gespräche vorbereitet, weil er zu jedem Moment der sein will, der er in seiner ganzen Fülle in diesem Moment ist. Und diese würde eine Vorbereitung zerstören, er wäre dann reduziert auf jemanden, der vorher in eine bestimmte Kategorie gesteckt worden wäre und auch seine Zuhörer in eine gesteckt hätte.

Percy ist ein Mensch ohne äußere Probleme. Er hat keine richtige Wohnung, sein Besitz hat Platz in einem Rucksack, er ist gefestigt in seinem Glauben und er läßt allen anderen ihren. Percy hat es nicht nötig zu überzeugen, weil er weiß, daß jeder seinen eigenen Weg zur Überzeugung, zum Glauben gehen muss in seiner eigenen Art und Weise. Er ist zu keinem Widerspruch bereit, er ruht viel zu sehr in sich, um Widerspruch als Angriff auf sich oder seinen Glauben zu empfinden. Diese zweite Textstelle, in der Walser Percy in einer Talkshow auftreten läßt, ist vllt eine der zentralen Stellen des Buches, hier erklärt sich seine Figur seinen Interviewern gegenüber, hier wird auch das so Unverständliche als eigentlich etwas ganz Einfaches deutlich…

Einen dritten Part las Walser noch, aber ich muss bekennen, davon ist mir nicht mehr allzuviel im Gedächtnis, zu sehr habe ich über den oben beschriebenen noch nachdenken müssen….

Zum Nachgang gab es dann noch ein kurzes Frage/Antwort Spiel, in dem Frau Nordhofen den Fragepart übernahm und darin auch der Falle nicht immer widerstand, mit der Frage gleich die Antwort mitzuliefern, die Walser dann weiter ausführte… aber sei es drum, es hat sich gelohnt. Manche Gedanken Walsers müßte man nachdenken und ausgestalten, für sich allein. Zum Beispiel sein Bedauern darüber, daß sich Literatur und Religion auseinanderentwickelt haben, wo sie doch früher so eng zusammengehörten, ja fast identisch waren… die großen Texte der Mystiker, die Psalmen als Gedicht von einer Kraft, die nicht zu übertreffen ist… Beispiele die Walser nannte.

Natürlich, es ist ein umfangreiches Werk, dieser „Muttersohn“, aber die Lesung Walsers hat in der Tat eine große Neugier geweckt. Ein Roman um den und das Glauben, um das Spannungsfeld zwischen diesem und dem Wissen, um die Fähigkeit, Berge zu besteigen, die nicht da sind und das Lösen von Gleichungen, die eine Lösung haben….. Themen, die interessant sind und wichtig, schaumerhaltmal und sehendannweiter, die Neugier ist jedenfalls geweckt…

Ein schöner, bereichernder Abend.

Nele Neuhaus: Schneewittchen muss sterben (Lesung)

Gestern abend war also in meiner Buchhandlung die Lesung des Schneewittchen-Romans von Nele Neuhaus. Es war ein ziemlicher Andrang, jedenfalls im Vergleich zu anderen Lesungen, bei denen die Autoren wohl nicht so bekannt sind wie Neuhaus, deren Krimi sowohl in der Spiegel-Bestsellerliste weit oben stand als auch beim Versandbuchhandel längere Zeit den Platz 1 innehatte. Dazu eine Autorin von praktisch um die Ecke herum – das hat Neugierde und Interesse geweckt.

Frau Neuhaus hat die Lesung sehr kontaktfreudig und offen mit einer Darstellung ihres Werdeganges als Schriftstellerin angefangen. Ersten vergeblichen Versuchen, einen Verlag fürs erste Manuskript zu finden, folgte dann das Experiment, den Roman über books-on-demand selbst zu verlegen. Dieser erzeugte bei den Lesern Nachfrage und damit die Notwendigkeit, weiter zu schreiben…. was ihr aber, die schon vor der Einschulung mit dem Schreiben begonnen hatte, keine wirklichen Schwierigkeiten machte. Und irgendwann hatte sie dann die Idee, auf eine Kriminalhandlung zu setzen und auf reale Orte, in denen sich die Leute wiederfinden konnten. Und der Erfolg gibt ihr letztlich sehr recht, das Ermittlerpaar Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein sind mittlerweile „Familienmitglieder“ und quasi ihr Markenzeichen.

Man merkte Frau Neuhaus an, daß sie gerne erzählt und auch Geschichten erfindet. Um so erstaunlicher eigentlich für mich (und bedauerlicher!) daß die eigentliche Lesung, die sich auf die allerersten Kapitel, in denen die wichtigsten Personen eingeführt werden, konzentrierte, ziemlich plötzlich mit einem herzlichen „Dankeschön“ an die Besucher endete und von Fragen oder einer Diskussion übers Buch oder übers Schreiben allgemein nicht explizit aber doch deutlich Abstand genommen wurde. Schade, zumal ich glaube, daß auch ein Autor aus solchen Gesprächen mit seinen Lesern noch Anregungen schöpfen kann….

Ein kleiner, aber deutlicher Wermutstropfen für die ansonsten sehr schöne und interessante Lesung mit einer sympathischen Nele Neuhaus.

Meine Buchbesprechen von Schneewittchen

Martenstein & Twintett: Der Titel ist die halbe Miete

Im Rahmen der Mittelrhein-Musikmomente 2009 habe ich gestern mit Freunden die Lesung von Martenstein im Besucherzentrum der Loreley besucht. Aber nicht nur Martenstein hat gelesen, sondern auch das Twintett der Vanacek-Brüder hat gespielt, unterstützt von Erwin Ditzner am Schlagzeug. Wenn ich hier so schreibe, als wüßte ich wovon, täuscht das, zumindest die Musiker kannte ich natürlich nicht.

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Martenstein schon. Klar. Schließlich bin ich bekennender Leser der ZEIT, in der der gute Mann seine wöchentliche Kolumne hat, die immer als erstes dran glauben muss. Da geht es dann schon ab und an ziemlich „böse“, sprich: giftig und politisch unkorrekt her. Dabei sind das besondere nicht die Themen an sich, sondern das offene Augen und die offenen Ohren für all das Absurde um uns herum.

Aber, Martenstein wird es verkraften, das wirklich schöne am Abend waren die Musiker mit ihren Beiträgen. Ohne Ahnung von Musik zu haben, das war einfach klasse.

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Und da alle im Saal geklatscht und gejubelt haben, denke ich, daß ich mit meiner Einschätzung garnicht so falsch liege… ist ja ein wenig wie beim Weintrinken: gefällt, gefällt nicht… ;-) Jedenfalls hätte ich nie gedacht, daß man mit zwei Blechblasinstrumenten so eine starke Musik machen kann (auf dem Bild rechts wird übrigens gerade die Posaune als Streichinstrument „missbraucht“) …. und der Schlagzeuger einfach geil.. oder sagt man jetzt porno .. jedenfalls nicht schwul. Um mal Martensteins Erfahrungen zur deutschen Sprache hier einfließen zu lassen.

Wenn es jetzt ein wenig so klingt, als sei dies für mich in erster Linie ein Musikereignis gewesen.. nun ja, Martenstein hat halt das „Pech“ (was bei Mehrfachverwertungen nicht selten sein dürfte), daß ich seine Texte, die er sehr spannungsreich und pointiert vortrug, schon kannte, das Überraschungsmoment also fehlte. mart3 Trotzdem: Gehört ist immer noch was anderes als Gelesen, die Schwerpunkte liegen einfach anders. Und den „Meister“ persönlich erlebt zu haben, das zählt selbstverständlich auch zum Besseren….

Die Veranstaltung in recht intimen Rahmen, vielleicht 10 Stuhlreihen á 8 Stühlen im Besucherzentrum (Bistrobereich) an der Loreley statt, anschließend noch in einem für mich neuen, wunderschönen Lokal an einem völlig unvermutetem Ort Pfifferlinge mit Brotnokken (jedenfalls so ähnlich….) gegessen.. also, ein toller Abend!

Hier jetzt der Link zu der offiziellen

Bildergalerie,

deren Bilder natürlich vieeel besser sind als meine, aber meine hier verletzen das copyright wenigstens nicht… witzig, ich bin übrigens auch auf den Bildern zu sehen, zumindest, wenn man weiß, wo… ;-)

Nina Petri: Lust. Wahre Leidenschaft

Die „Koblenzer Literaturtage `09“, die ich, etwas schludrig in dieser Hinsicht, natürlich fast wieder versäumt hätte,

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endeten gestern mit einer sehr schönen Lesung von Nina Petri zum Thema „Erotik“. Eine stimmungsvolle Veranstaltung, was auch am sehr stimmigen Ambiente lag, einem großen Koblenzer Jugendstilcafé. Es sind große, großzügige Räumlichkeiten mit dichter Atmosphäre, schön ausgeleuchtet, richtig gemütlich obwohl man natürlich mit einer normalen Bestuhlung vorlieb nehmen musste. buehne1

Das Bild gibt einen kleinen Eindruck von der Bühne, auf der Frau Petri vorlas. Ach ja, die beiden Musiker sollte ich nicht vergessen (so wie mir nämlich der Namen der Beiden entfallen ist…), die die Lesepausen von Frau Petri mit ihrer zum Thema passenden Tangomusik überbrückten. Obwohl – überbrückten klingt etwas abwertend, das war es aber nicht, die Musik hat sehr schön zum Thema gepasst und .. war einfach gut. Punkt. (auf dem letzten Bild am Schluss des Beitrages sind die beiden auch zu sehen.)

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Petri, die außer als Schauspielerin auch als (Vor)Leserin und Sängerin arbeitet, las insgesamt 5 Texte vor, die einen weiten Ausschnitt im Spektrum der Lust vorstellten:

Noelle Chatelet: Die Klatschmohnfrau (ISBN-10: 3462029975)
Chimo: Sagt Lila (ISBN-10: 3423125136)
Zeruya Shalev: Liebesleben
Keto von Waberer: Mysterien eines Feinkostladens
Hilke Rosenboom: Wirf mich ins Meer zurück (ISBN-10: 3547778700)

Die Klatschmohnfrau

Marthe, die „alte“ Frau, die langsam von diversen Zipperlein geplagt ist, deren Mann, mit dem sie ihr Vater vor Jahrzehnten verheiratete, mittlerweile tot ist, trifft einen Kavalier, der etwas in ihr weckt, das sie noch nicht gekannt hat. Dieses Gefühl versetzt sie in Unruhe, sie merkt, daß sie für Änderungen bereit ist: sie, die sie seit Jahren nur Ceylon-Tee trinkt, hat Lust auf Kaffee! Marthe erinnert sich an eine Bluse, die sie als junges Mädchen trug, lebensfroh wie sie damals war, in der Farbe der Liebe, Rot wie Klatschmohn… unbändig ist die Lust in ihr durch die Straßen zu laufen, zu flanieren, einzukaufen, diesen Mann, der ihr wunderbare Geschenke macht, zu treffen.. völlig unbefangen gehen sie in ihre Wohnung, reden, trinken Kaffee, er zieht die Vorhänge zu, zieht sich aus, und sie schaut ihn an und entkleidet sich ebenfalls… sie wird zur Klatschmohnfrau und Edmond, ihr ungeliebter Gatte, muss dem – wie sie mit einer gewissen Häme wahrnimmt – vom Sims aus, wo sein Bild steht, zuschauen…..

Sagt Lila

Die Geschichte spielt ebenfalls in Frankreich, aber in den Aussenbezirken von Paris, in den Banlieues. Der 19 jährige Ich-Erzähler, ein Araber, liebt die 16 jährigen Lila. In einfachen Worten beschreibt er ein Treffen mit ihr, das ihn in Verwirrung stürzt. Denn unvermittelt fragt Lila ihn, ober sie ihm ihre M.ö.** zeigen soll, und dann: ob kurz (Rock hochheben) oder lang (auf der Rutsche). Er ist überrascht, weiß nicht, was er sagen soll, zögert, ist unsicher .. aber doch, ja, klar, will ich… und auch lang…. Als Lila dann auf der Rutsche mit geöffneten Beinen auf ihn zugleitet, ist dann voller Entzücken über das, was sich ihm offenbart…. er schaut ihr Gesicht an, sie fragt, ob er auch ganz genau schaut, ob ihm etwas auffällt, ihr kleiner Mund zum Beispiel. Ja, sicher, was ist damit? Es sei auch für sie verrückt, so ein kleiner mund, was dort für Riesenschw***e reinpassen (diese Passage kam so überraschend, daß aus dem Publikum an zwei Stellen erstaunte „oh´s“ zu hören waren…), die sie so gerne ****. Sie redet davon so selbstverständlich wie vom Einkaufen, vom sich Waschen, sich Ernähren, er ist sprachlos geworden, fasst es kaum, ist auch fasziniert…. Eine 16jährigen, die so redet, so beschreibt, welche Erfahrungen hat die schon sammeln, wie früh ihre Unschuld verlieren müssen….

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Liebesleben

Petri liest eine Episode direkt nach dem Tod von Aries Frau, als Ja´ara diesen besucht und beide dann ins ehemalige eheliche Schlafzimmer gehen, das bis zum Vortag das Krankenzimmer von Aries Frau war. Ich hatte ja mit diesem Buch meine eigenen Schwierigkeit, muss aber sagen, daß die Passage durch das Vorlesen irgendwie „schlüssiger“ erschien als ich den Text in Erinnerung hatte. Ja´ara findet in der Hörigkeit zu Arie ihre Erfüllung, auch an diesem Abend ist sie erst glücklich, als Arie sie wie eine Puppe behandelt und ihr so wenig Spielraum läßt, daß sie noch nicht einmal ihren Hintern bewegen kann wie sie will…..

Mysterien eines Feinkostladens

Ein Blick in die etwas muffigen Stuben deutschen Kleinbürgertums. Frau Swoboda, lange Jahre in einem Gemüseladen tätig, arbeitet jetzt in einem Feinkostladen. Dort untergebracht hat sie ihr Chef, Herr Werner, mit dem sie jetzt auch zusammen lebt. Aber nur privat, im Laden darf niemand etwas wissen, merken davon.

Abends dann zu Hause, wenn das Unvermeidliche ansteht, zieht sich Herr Werner seinen Bademantel an, setzt sich, nimmt seine Zeigestockhand (damit ist tatsächlich ein Stöckchen gemeint mit einer Hand vorn dran) und Frau Swoboda muss sich vor ihn stellen. Ihren Körper fährt er ab mit dem Stock, zwischen ihren Brüsten entlang, taucht mit ihm in ihrem Nabel, in die Leistenspalte, auch zwischen ihre Schenkel. Frau Swoboda ist eine gute Schülerin, sie macht keine Fehler mehr wie freche Antworten geben wenn sie gefragt wird, ob das Pastetchen zu verkaufen wäre… sie spürt Lust in sich aufsteigen, da ihre Gedanken abschweifen, sich auf anderes einlassen, auf prickelndere Fantasien… manchmal sehnt sie sich zurück in ihren Gemüseladen, hat sie die richtige Entscheidung getroffen fragt sie sich zweifelnd…. Herr Werner, dessen anderer Zeiger sich ob des Rituals langsam bemerkbar macht, ahnt davon nichts, ist zufrieden und zieht Frau Swoboda an sich, damit auch diese sich setzen kann…..

Wirf mich ins Meer zurück

Dieser Textauszug beschreibt eine Nacht im Leben der jungen Mariechen, die sich jetzt, mit 104 Jahren daran zurückerinnert. Es war eine Nacht in Shanghai, in der ihr ihr Geliebter, der Japaner Kawusaba ein Geschenk machte. Sie war skeptisch, denn es war ein ungewöhnliches Geschenk, aber er versprach ihr, daß sie unbegrenzte Macht über ihn erreichen würde, wenn sie sich darauf einließe: „Aber ich habe doch schon Macht über dich!“ – „Nein, hast du nicht….“. Beide, Mariechen und Kawusaba, werden von einer Japanerin für diese Nacht vorbereitet, gewaschen, gereinigt, mit Schleiern gekleidet… und danach erhält Mariechen eine Einweisung in die japanische Liebeskunst, die sie noch in dieser Nacht mit ihrem Geliebten zusammen erlebt…..

Facit: Frau Petri ist in der Tat eine sehr gute Vorleserin, die die Texte zum Leben erweckt, den Figuren Lebendigkeit verleiht. Die Textauswahl hat mir gefallen, sozusagen von zart bis hart bot sie ein weit gefächertes Spektrum. Zusammen mit den musikalischen Einlagen eine sehr gelungene Veranstaltung.

ende

Nina Petri
Lust. Wahre Leidenschaft
Audio CD
Hoffmann und Campe, 2005
ISBN-10: 3455974430
ISBN-13: 978-3455974430