Juli Zeh: Nullzeit

Der Ironman Lanzarote [1] gehört zu den härteren der sportlichen Prüfungen, die dieser sowieso schon harte Sport bietet. Von daher ist der Spruch „Alles ist Wille“, der auf den Asphalt gepinselt die Athleten noch einmal motivieren soll, sehr angebracht. ‚Alles ist Wille‘ – so sollte auch dieser Roman Juli Zehs ursprünglich heißen [2], aber auf Anraten des Verlages („… irgendwie nach Nietzsche ….“, was für den Verlag offensichtlich negativ konnotiert war) ist Nullzeit daraus geworden, ein Fachbegriff aus dem Tauchen, der die Grundzeit, die ein Taucher in einer bestimmten Wassertiefe verbringen kann, ohne nötige Dekompressionsstops beim Auftauchen einlegen zu müssen, bezeichnet [3].

‚Alles ist Wille‘ hätte gepasst, denn vom Willen, vom Wollen handelt dieser Roman. Jola will unbedingt diese Rolle bekommen, Sven wollte sich nicht der ‚Urteilsfront‘ gegenüberstellen und ist jetzt seit fast vierzehn Jahren auf Lanzarote als Tauchlehrer … Antje will eigentlich nur Sven, den sie seit Kindertage liebt. Was der ‚alte Mann‘, die vierte Person dieses kleinen Kammerspiels, ist dagegen nicht so ganz klar, was er nicht will, schon eher, nämlich Jola zu verlieren.

Nullzeit also ein Kammerspiel mit vier Personen. Der nach der zwar recht erfolgreich, nichtsdestotrotz frustriert abgelegten Prüfung zum ersten Staatsexamen ausgestiegene Fast-Jurist Sven ging mit Antje, die er zwar nicht liebt, deren Nähe und Unterstützung aber recht bequem und angenehm ist, auf die spröde Kanareninsel. Beide sind dort in der Szene bzw. in ihrem Bekanntenkreis fest etabliert, der Tagesablauf, das Geschäft Routine. Die gehörig durcheinander geworfen wird: mit Jolanthe Augusta Sophie von der Pahlen (‚Jola‘) und Theo Hast mietet ihn ein exaltiertes Paar für eine erquickliche Summe Geldes für vierzehn Tage rund um die Uhr.

Jola, eine schöne Frau von dreißig, ist Schauspielerin in einer der beliebten Endlosserien im TV. Um sich als ernsthafte Darstellerin zu etablieren, muss sie da endlich raus und eine entsprechende Filmrolle spielen. Auf Lanzarote und mit Hilfe von Sven will sie sich auf das Casting für die Rolle der Taucherin Lotte Hass [4] vorbereiten, auf die sie alle Hoffnung setzt.

Theo Hast ist Literat ohne große Produktivität. Sein Erst- und Einling liegt schon lange Jahre zurück, er ist ein gutes Jahrzehnt älter als Jola. In Jolas Tagebuch findet sich die Bemerkung, er sei wohl absichtlich so unproduktiv, weil sie, Jola, einen erfolgreichen Mann nicht verdiene. Die Beziehung der beiden beruht auf Erniedrigung, Unterdrückung und Schmerz, Theos braucht wohl Vergewaltigungfantasien, um mit Jola verkehren zu können.

Schnell verfällt  Sven der schönen Frau, bewundert deren makellosen Körper. Als sie ihm aber nach einem der ersten Tauchgänge sofort routiniert ihr Hinterteil entgegenhält, so daß er sich wie in einem billigen Pornoset vorkommt, schreckt er zurück, ohne daß er dem Sog Jolas jedoch entkommen kann. Theo, der dies bemerkt, gibt ihm in einem Gespräch unter Männern sogar freie Bahn, er ist sich seiner Sache bei Jola sicher.

So kommt es zu kleinen Gesten zwischen den beiden, Anzüglichkeiten, die jedoch die Grenze zwischen Tauchlehrer und Kundin überschreiten und die auch in der Öffentlichkeit beobachtet werden. Der Ruf von Sven leidet, man fängt an, ihn zu meiden. Auch Antje bemerkt die sich entwickelnde Obsession, der Browserverlauf verrät ihr, daß Sven sich nächtens die Filmchen mit Jola im Rechner ansieht.

Ohne es zu merken, ist Sven Hauptdarsteller einer raffinierten Inszenierung geworden. Der Schlussakt wird auf einer Party eingeleitet: auf ihr erfährt Jola, die offen Sven als ihren Begleiter vorstellt, obwohl auch Theo mitgekommen ist, daß die Rolle der Lotte Hass schon längst vergeben ist. Theo zelebriert diese Nachricht und geniesst die Zerstörung Jolas, deren Traum sich einfach in Nichts auflöst.

Für seinen Geburtstag, am Morgen nach dieser Party, hatte sich Sven ein besonderes Projekt vorgenommen, einen lange geplanten, akribisch vorbereiteten Tauchgang zu einem in hundert Meter liegenden Wrack. Aber auch hier geht einiges schief, weil sich die Freunde, die er als Helfer braucht, plötzlich verweigern. Jola bietet ihm an, ihm zusammen mit Theo zu begleiten, sie kenne sich sehr gut auf See aus. Aus lauter Not nimmt Sven das Angebot an. Am nächsten Morgen stechen die drei also in einem Fischkutter in See und tuckern an die Stelle, an der das Sonar das Wrack geortet hat [5]. Hier überschlagen sich dann die Ereignisse und Sven, die Fliege im Netz der Spinne, verliert endgültig jede Reputation und die heile Welt, in die er sich zurückgezogen und in der er sich eingerichtet hatte, zerplatzt: Antje hat ihn schon verlassen (u.a. auch weil sie mehr Sex braucht, als sie von Sven bekommt: auch diese seine Einschätzung war falsch), der rosarote Schleier, mit dem er Jola betrachtet hat, lüftet sich langsam und gibt den Blick auf die Realität frei und seine ehemaligen Taucherkollegen kündigen ihm an, daß sie dafür sorgen werden, daß er als Taucher nirgends mehr Fuss fassen wird….


Juli Zeh, die selbst Juristin ist, hat mit Nullzeit einen düsteren, kalten Thriller geschrieben. Sie schafft mit Sven, einem unbedarften, leichtgläubigen und sympathischen Menschen, einen Protagonisten, der dem skrupellosen Paar Jola und Theo, seinen Gegenspielern, nicht gewachsen ist. Der wohl eher sporadische Blümchensex mit Antje (eine Tatsache, die sich später als für ihn fatal herausstellen sollte) reicht ihm und macht ihn gleichzeitig empfänglich für den erotischen Reiz einer schönen Frau, die ihrerseits in einer eher durch dunkle Kräfte zusammen gehaltenen Beziehung lebt, in der Gewalt an der Tagesordnung ist  und das Zudrehen der Atemluftventile unter Wasser Scherzcharakter hat. Spätestens an diesem Punkt hätte Sven die Reissleine ziehen müssen, aber das Honorar war fürstlich und er brauchte das Geld….

Zeh erzählt die Geschichte der vier sehr verwirrend, raffiniert verwirrend. Der Darstellung der Ereignisse durch Sven, dem Ich-Erzähler nämlich stellt sie die Tagebuchaufzeichnungen von Jola entgegen. Ein: Ich hätte in sie eindringen können, und wir wären nach einer Minute fertig gewesen. Doch wozu? liest sich in Jolas Tagebuch folgendermaßen: … er stand hinter mir und ging leicht in die Knie, um in mich eindringen zu können. … Die Ungeduld hatte uns fast in den Wahnsinn getrieben. … So entwickelt sich in Jolas Tagebuch langsam das Bild einer heftigen Beziehung und einer Affäre, in der auch ein mögliche Tod Theos immer wieder Thema ist….

Das ungeschickte und naive Verhalten Svens mit Jola in der Öffentlichkeit tut ein übriges und spielt der Intrige in die Hände. Das nach wenigen Tagen über ihn und Jola Kolportierte ist letztlich so wirkmächtig, daß die Realität unwichtig geworden ist und Sven den ‚Point of no Return‘ erreicht hat: Wenn es schon Gerüchte gibt, dann kann er sie auch durch Fakten untermauern, er gibt sich also keine Mühe mehr, seinen Drang zu Jola zu verbergen…


Und die Moral von der Geschicht‘? Man kann der Welt nicht entfliehen, man kann sich nicht in einer selbst gezimmerten Blase verstecken und davon ausgehen, daß man vor allem Unbill geschützt ist. Man wird hilflos, machtlos in seiner Blase, ein Stich von aussen und sie platzt und von einem Augenblick auf den anderen ist man der Welt, dem Willen der anderen, schutzlos ausgeliefert.

Die interessante Frage ist, ob Sven gegen einen so skrupellosen Gegner wie Jola überhaupt eine Chance gehabt hätte. Die Wirkmächtigkeit von Lügen und Behauptungen – es ist ja ein sehr aktuelles Thema – schafft eine eigene Realität, die unabhängig ist von Fakten, zumal, wenn sie – wie im Roman durch Svens Handeln – durch an sich recht harmlose Naivitäten, die sich leicht provozieren lassen, anscheinend gestützt wird. Wann wird Jola ihren Plan ausgeheckt haben? Irgendwann im Verlauf der ersten Tage, als sie Sven als leichte Beute entdeckt und in ihr der Wunsch, Theo loszuwerden, wach wird? Es wird nicht ganz klar, aber die Existenz des Tagebuchs deutet darauf hin, daß der Plan jedenfalls längerfristig angelegt war, keine spontane Entscheidung nach der von Theo in Szene gesetzten persönlichen Katastrophe auf der Party.

Ich habe oben festgehalten: „‚Alles ist Wille‘ hätte gepasst, denn vom Willen, vom Wollen handelt dieser Roman.“ Interessanterweise sieht Zeh selbst dieses Thema nicht als primär für ihren Roman, für sie steht eher Verantwortung oder die Frage, ob es der moralisch richtige Standpunkt sein kann, sich aus allem heraushalten zu wollen im Mittelpunkt der Geschichte [2]. Dahinter steht dann wohl die grundsätzliche Frage, ob „Aussteigen“ (und Lanzarote ist offensichtlich voll von Aussteigern) nicht eher Flucht ist, Ausweichen und Meiden von Konflikten, den vordergründig (?) leichteren Weg zu wählen. Sicherlich eine diskussionswürdige Frage, wenngleich ich selbst diesen Punkt in Zehs Roman nicht wirklich im Vordergrund stehend sehe.

Wie auch immer. Zeh ist ein spannender, den Leser immer mehr verunsichernder Roman gelungen, der mir, der ich die Insel (und damit einige Orte der Handlung von verschiedenen Aufenthalten her ganz gut kenne, gut gefallen hat. Ein intelligenter Plot, unterhaltend, ein nüchterner Schreibstil und eine subtil aufgebaute Spannung. Was will man mehr?

Links und Anmerkungen:

[1] zum Ironman Lanzarote: https://de.wikipedia.org/wiki/Ironman_Lanzarote
[2] so erzählt Juli Zeh z.B. hier https://radiergummi.wordpress.com/2017/05/24/pehnt-holder-staiger-die-bibliothek-der-ungeschriebenen-buecher/
[3] vgl hier: http://www.taucher.de/lexikoneintrag/nullzeit
[4] zu Lotte Hass: https://de.wikipedia.org/wiki/Lotte_Hass. Ich erinnere mich noch gut, das Buch 3 Jäger auf dem Meeresgrund hatte mich als junger Mensch begeistert, ich hab´s damals förmlich verschlungen…
[5] für den, den es interessiert (ich hoffe, der Link funzt):  https://www.google.de/maps/

Juli Zeh
Nullzeit
Originalausgabe: Schöffling, HC, ca. 252 S., 2012

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Silvia Volckmann: Die Zeit ist schwer zu erzählen auf der Insel

Vorbemerkung zur „Farbgebung“ im Beitrag:

grün: (ggf. an meinen Text angepasste) Zitate von Volckmann
aubergine: Zitate aus von der Autorin aufgeführten Textbeispielen der entsprechenden Autoren
blau: hinterlegte Links zu Fotos bzw. Bildersammlungen

volckmann


Die Zeit ist schwer zu erzählen auf der Insel ist ein Zitat aus einem Werk des baskischen Schriftstellers Ignacio Aldecoa, daß die Dozentin für Literaturwissenschaft an der Kölner Universität mit Zweitheimat Lanzarote ihrem Insel-ABC als Titel gewählt hat. Ein Insel-ABC… aber kein Reiseführer, kein Lexikon und kein profane Beschreibung der Insel, sondern eine Exkursion in den Niederschlag, den diese mythische Insel in der Welt der Literatur gefunden hat.

Ich werde, man – und vor allem die Autorin des vorgestellten Buches – möge mir verzeihen, in diesem Beitrag ein wenig über dieses Buch hinausgehen, ein wenig auch eigene Erfahrungen und Erlebnisse beisteuern – soweit sie zu Anmerkungen der Autorin passen.

Denn auch ich bin der Insel ein wenig verfallen, war schon öfter dort. Zum ersten Mal 1998, ich müsste also eigentlich noch den alten Flughafen kennen, der neue, so schreibt Volckmann, ist erst ein Jahr später eröffnet worden. Aber in diesem Punkt streikt die Erinnerung…

Sie streikt jedoch nicht, wenn ich lese, daß Volckmann in La Degollada wohnte, als sie an diesem Buch arbeitete. La Degollada, ein Dorf in den Ajaches, dem Hügelzug (oder kann man bei über 600 m Höhe schon von Bergen reden?) im Süden der Insel. Starker Wind, der uns hinter einen Felsen zwang, die Räder angelehnt, in Windjacken ein wenig was gegessen und getrunken, dann zurück und einen Weg nach Westen gegangen, der zwischen zwei Anhöhen mündete und den Blick auf Janubio und die vorgelagerte Ebene Llano de las Maretas freigab….

IMG_6597kleinJanubio… auf der großen, fast endlosen Fläche des Ozeans zwischen Amerika und Afrika scheinen die kleinen Inseln Makaronesiens wie vernarbte Wunden des Meeres… und sie sind es, von vulkanischen Kräften emporgehoben, haben sie die Wasserfläche durchstoßen und verletzt und es scheint, als würde der Ozean mit seinen Mitteln versuchen, sich das Land zurückzuholen, an Orten, wie der lanzarotenischen Südwestküste, wie an Janubio zum Beispiel. Als schlüge ein Tier seine Pranke aufs Land, so bricht sich die Dünung an der Küste, schlagen die Wellen ein ums andere Mal auf die Felsen, schleudern sie ihre Gischt in die Luft und rennen wieder an, Stunde um Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr, Jahrhundert um Jahrhundert… ohne Unterlaß, bis ans Ende der Tage…. ein mythischer Ort, an dem sich die vier Elemente der Griechen begegnen und miteinander ringen: die Erde, die ein Land ist vom Feuer geformt, das Wasser, die Luft als immerwährender Wind…

Blick in die Saline von Janubio
Blick in die Saline von Janubio

Wie findet man Zugang zu Volckmanns Buch? Nun, wenn man, so wie ich, einen Bezug zur Insel hat, ist es einfach: ich habe unter den entsprechenden Stichworten nachgeschaut: Janubio und Mararia beispielsweise. Von dem Ort Janubio habe ich schon erzählt, ein Ort, der zweierlei ist, eine Bucht mit einem Strand aus schwarzem Lavasand und eine große Saline. Volckmann erwähnt in diesem Zusammenhang den Surrealisten Agustin Espinosa, der bei der schneeweißen Salzebene, diesem Spiegel-Labyrinth,[ …] an Schnee, lappländische Winter und glasige Milch dachte: Niemand ist je nachts in den Salinen gewesen, in den Salinen von Janubio. Das Abenteuer wäre sehr gefährlich… Bestimmt räkeln und strecken si sich, zerknittern sich Kleidung und Seele… entledigen sie sich ihrer gradlinigen Kleidung und ziehen das Kleid der konvexen und konkaven Formen an. So der Dichter über seine eigene phantastische Welt…. Sie [i.e. die Lagune] hat den Wind gerufen und ihm gesagt: auf meinem Bauch, auf dem runden Bauch des Meeres, kannst du wunderbar kleine Schiffchen bewegen….. 

Nun ist ausgerechnet Janubio ein schlechtes Beispiel, denn im Normalfall kann man Volckmanns Buch wie eine Art „Schnitzeljagd“ durch lanzarotenische Spuren in der Literatur benutzen. Die Artikel enthalten Querverweise, bei Janubio hätte sich der zum Meer angeboten, er ist nicht da, wiewohl es selbstredend einen Beitrag Meer gibt, denn das Meer ist das Schicksal der Insulaner, Hermaphrodit, Doppelgeschlecht. Ursprung, Ende. La mar“: für Santiago ist das Meer weiblich, seine Liebe zum Meer drückte sich darin aus, es war nicht männlich, wie mittlerweile für manche der jüngeren, die “el mar” sagten, als sei es ein Konkurrent, gar ein Feind. Weiblich, damit auch immer ein wenig mütterlich, die See ernährt ihn, sie trägt ihn…. [3] Hemingways Bootsmann auf Kuba war Gregorio Fuentes, ein Lanzaroteno, wahrscheinlich das Vorbild für den Santiago der Erzählung Der alte Mann und das Meer.

Das Meer wird geliebt und gehasst, bewundert und gefürchtet, aber niemanden lässt es gleichgültig. Angel Guerra beschreibt dies in seinem Roman La Lapa: Man liebt das Meer bis zum Wahnsinn, mit tiefer Leidenschaft, wie man eine Frau liebt. … Oh, die Liebe ist wie das Meerwasser. Sie macht uns Durst, und später, salzig, löscht sie ihn nicht. Sie schmeckt bitter, als ernähre sie sich einzig von Tränen ….  oder Felix Hormiga, ein einheimischer Literat, geboren in Arrecife: Das Meer ist Geliebte, sagen die, die vor Liebe verrückt sind. Unser Meer war Salz, Beklemmung und Qual. Seeleute, geboren im Zeichen des Elends, geschaukelt in Booten, wie geschaffen für den Schiffbruch, Generation um Generation, wiegten ihre Alpträume mit dem Lied einer immensen, unbeständigen Mutter (aus: El Rabo del Ciclon)

Das Meer führt uns weiter zu Lapa, der schmackhaften Napfschnecke, die an den meerumspülten Riffen lebt und die einer Erzählung Angel Guerras ihren Namen gibt… über Lapa schließlich gelangen wir zu Abschnitten über Schiffbruch, über den Roque del Oeste, über Naos und Afrika

Für mich ein wichtiger Zugang war der Beitrag über den Roman Mararia, der Hexe von Femes, von Rafael Arozarena. Mararia ist einer der bekanntesten Texte, deren Handlung in Lanzarote angesiedelt ist. Vor einigen Jahren habe ich selbst dieses Buch hier im Blog vorgestellt [2]. Abgesehen davon, daß meine Texte zu dieser Zeit noch wenig ausführlich waren, hat mir das Buch von Volckmann wieder vor Augen geführt, wie wenig man solche Romane versteht, wenn man sich nicht in die Hintergründe einarbeitet, unter denen ein Buch entstanden ist. Unabhängig davon ist Femes, dieser im Roman so abweisende, mystische, dunkle Ort, wenn man ihn als Tourist besucht, ganz anders… hell, freundlich, sonnig und winddurchzogen….

Mararia, die so tragisch ihr Ende findet, schließlich nimmt uns an die Hand und führt uns weiter zu Hexen, zu Frauen, zum Sex.. dort begegnen wir dem Text von Michel Houellebecq Lanzarote [5], in dem der Franzose gelangweilte Touristen, die keine Lust zu vögeln haben und lieber einen all-inclusive Hotelaufenthalt buchen, auf die Insel schickt, …. aber auch andere Autoren/-innen widmen sich diesem Thema. Die wuschelhaarige Pascal, eine Figur der österreichischen Autorin Karin Rick, beispielsweise wird auf Lanzarote in einen Zustand gebracht, der nur mit einer über ihr zusammenschlagenden Gischt beschrieben werden kann und die junge Lanzarotena Macarena Nieves Caceres setzt sich auf die Spur von Georges Batailles, dem Altmeister surrealistischer Pornographie: […] wuchs vielmehr der Wunsch in mir, mit ihm durch die Straßen zu streunen auf der Suche nach einem engen Spalt im Halbdunkel, zwischen schlafenden Autos, wo wir uns gemeinsam dem goldenen Fluss meines Urins überlassen konnten. Nun denn….

Reste eines für kurze Zeit bedeutenden Wirtschaftszweige
Reste eines für kurze Zeit bedeutenden Wirtschaftszweigs (bei Guatize)

Houellebecq hat einen gelangweilten, uninteressierten Touristen auf die Insel geschickt… die Insel lebt von dieser Spezies Mensch, die bevorzugt in Rudeln auftreten. Der Tourismus trägt 90% der Wirtschaft der Insel, es ist eine Art Monokultur und mit Monokulturen hat Lanzarote wenig gute Erfahrungen: der Export von Meersalz ist zusammengebrochen ebenso wie die mühsame, aber lukrative Ernte der Koschenillelaus, aus der früher der Farbstoff Karmesinrot gewonnen wurde, einigen Lanzarotenos viel Geld einbrachte. Nun also Touristen (zu denen natürlich auch ich gehöre, wenn auch nicht so ganz dem Verhaltenschema entsprechend, wie ich hoffe….). Auf 40.000 Betten Obergrenze versuchte seinerzeit der berühmte Inselkünstler César Manrique den Ansturm der Fremden zu begrenzen, heute sind es 200.000 Betten…. Trotzdem hat Manrique, der die Insel zu einem Gesamtkunstwerk umgestalten wollte (ein Bemühen, daß die Insel in der Tat nachhaltig prägt: Windspiele und Monumente zieren die Kreisel, das Restaurant El Diablo im Nationalpark Timanfaya, das Restaurant La Era in Yaiza, der Mirador del Rio oder die Jameos del Agua im Norden der Insel, oder auch der Jardin de Cactus – um nur einiges zu nennen), die Insel geprägt: noch heute gibt es (bis auf eine Ausnahme) weder Hochhäuser auf der Insel noch Werbeplakate an den Straßen. Ich hatte eine Vision, ich habe hier eine Utopie verwirklichen wollen. Die natürliche Schönheit dieser Vulkaninsel sollte eine perfekte Symbiose eingehen mit den Schöpfungen der Menschen, mit der Kunst, mit der Architektur. Wir hatten es fast geschafft, und jetzt kommen diese Geier, diese Spekulanten ohne jede Moral. Sie wollen uns alles stehlen, sie haben nur das Ziel, ganz schnell reich zu werden. Sie bauen uns hier billige Massenbungalows hin, miese Hotels und Appartementhäuser, deren Wände zum Teil aus Pappe und Draht bestehen. Sie verschandeln die Landschaft, zerstören die Dörfer…. so der Meister in einem Interview im Spiegel [4], aus dem Volckmann zitiert. Aber der Tourismus bringt eben viel Geld und Geld korrumpiert…. es wird gebaut, gebaut und gebaut und die Tatsache, daß der eine oder andere Bürgermeister ins Gefängnis muss, ändert wohl allerhöchstens punktuell und kurzfristig etwas…..

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Playa Blanca: früher endete die Bebauung dort, wo heute an der Promenade das Pflaster wechselt…

Playa Blanca beispielsweise, der ehemalige kleine Fischerort am Südende der Insel und „mein“ Standort auf der Insel, gegenüber von Fuerteventura mit Sicht auf Lobos gelegen, die kleine, unter Schutz stehende Insel in der Meerenge… Ende der 90er Jahre hörte der Ort auf, wo heute das Pflaster wechselt. Dort, wo jetzt der neue Yachthafen ist sowie Hotels, Restaurants, Läden und Bungalowsiedlungen, waren damals Küste und Meer… wir sind von Stein zu Stein gehüpft, sahen oben Leute stehen mit Plänen in der Hand stehen, die hierhin und dorthin deuteten….

Playa Blanca im Süden der Insel. Das alte Haus eines Fischers links stand früher direkt am Strand. Wo die Häuser rechts stehen, war schon das Meer....
Playa Blanca im Süden der Insel. Das alte Haus eines Fischers links stand früher direkt am Strand. Wo die Häuserreihe rechts steht, war 1998 noch Meer…

Langsam frisst die Insel ihre Landschaft, den Raum, der sie zur mythischen Insel werden läßt…… und was, wenn der Tourismus zusammenbricht, keine achtzig Flieger mehr am Tag kommen? Schon jetzt stehen viele der Bungalows in den Siedlungen weit ab vom Meer, „in the middle of nowhere“, leer, verfallen, bevor sie bezogen wurden…

Der Tourismus ist eine transformative Kraft, die uns vieles nimmt. Und andererseits: sie gewährt uns eine Ökonomie, eine Ökonomie des Möglichen. Ich glaube, auf Lanzarote, überhaupt auf Canarias, fehlt eine grundsätzliche Debatte über die Rolle des Tourismus […] Bis zu welchem Punkt müssen wir verkaufen, bis zu welchem Punkt dürfen wir uns verkaufen? … so formuliert es der hier schon zitierte Felix Hormiga. Verkaufen: Lanzarote, eine Sehnsuchtsinsel, auf die viele auf Dauer fliehen und zu Residenten werden, zu Haus- und Landbesitzern, zu Einwohnern. Mehr oder weniger gut gelitten, mehr oder meist weniger gut integriert.

Zum Abschluss möchte ich noch auf dieses Stichwort: Aljibe eingehen, weil es für uns Bücherliebhaber interessant ist. Lanzarote ist eine Insel der Trockenheit. Die Erhebungen sind oft nicht hoch genug, die Wolken des Passatwinds zum Abregnen zu bringen, die Einwohner sind gezwungen, Wasser, wenn es fällt, in Zisternen zu sammeln, die hier Aljibe heißen, ein Wort, das wie so viele Worte mit „Al-“ dem arabischen Sprachraum entlehnt ist und soviel bedeutet wie Brunnen. Hier wird das Wasser gesammelt, etwas Wertvolles also und über den Rhotazismus (i.e. die sprachliche „l“ zu „r“ Umwandlung) kommen wir leicht zum „Archiv“, dem Ort, in dem z.B. Bücher aufbewahrt werden, also auch Wertvolles….

Einsame aljibe in den Ajaches. Schön sieht man die vorgeschalteten "Becken", in denen das strömende Wasser gebremst wurde
Einsame aljibe in den Ajaches. Schön sieht man die vorgeschalteten „Becken“, in denen das strömende Wasser gebremst wurde

Aber aljiben sammeln nicht nur das Wasser und ermöglichen damit Leben (korrekterweise müsste ich im Imperfekt formulieren, mittlerweile ist die gesamte Insel durch z.B. Meerwasserentsalzung (im Bild zur Saline Janubio sieht man im Hintergrund ein gelbes Gebäude, in der Meerwasser entsalzt wird) – unabhängig von dieser Art der Wasserbevorratung), sie waren auch ein dunkler Ort, ein Ort, an dem Verzweifelte Erlösung suchten: Sie umarmten sich, als sie an den Rand traten, eng umschlungen fielen sie ins Wasser, das sich mit einem fremdartigen Geräusch aufbäumte, um dann sogleich wieder seine sanfte und geheimnisvolle Stille wiederzufinden. Was für eine liebliche Nacht. Angel Guerras Heldin Salome aus der Erzählung A merced del viento suchte und fand hier Erlösung und Tod nach der Vergewaltigung, die sie durchleiden musste. Auch der schon erwähnte Félix Hormiga greift dieses Motiv auf: Der Beweis, dass Miguel Tavio ein Mensch war, der an alten Gewohnheiten festhielt, wurde offenkundig in der Art und Weise, die er gewählt hatte, um seinem Leben ein Ende zu bereiten. […] Als die Familie den Körper entdeckte, leerte sie das aljibe und nutzte die Gelegenheit, es zu säubern. Im Schlamm, der sich auf dem Boden abgelagert hatte, fanden sich zwei vollständige Skelette. Endlich hatte sich eines der größten Rätsel der Familie gelöst: die Eltern von Miguel Tavio, die nach Venezuela ausgewandert waren und nie geschrieben hatten, hatten eine Reise von gerade mal zwanzig Metern angetreten. (aus: Enigmas)..

Emigration bzw. Exil: ein weiteres Thema des Buches….


Silvia Volckmanns Die Zeit ist schwer zu erzählen auf der Insel ist sicher kein Reiseführer, dafür geht er viel zu sehr in die Tiefe, wo der normale Führer nur auf die Oberfläche verweist. Volckmann versucht erfolgreich, uns, ihren Lesern, die Seele der Insel, ihren Charakter, das Mythische, Geheimnisvolle, Faszinierende und auch Ängstigende nahezubringen. Sie nutzt dazu zwei unabhängige Quellen: zum einen sich selbst, als Liebhaberin der Insel, die des Spanischen mächtig ist und sich mit den Menschen unterhalten kann, um deren Erfahrungen und Geschichten zu hören und zum anderen das, was Schriftsteller mit ihrem Gespür für die Dinge unter der Oberfläche der Insel festgehalten haben. In vielen Beitragen wird auch das Ringen der Einheimischen um ihre Zukunft deutlich, die zwischen Ausverkauf und Bewahrung einer gewissen Eigenständigkeit schwankt, während viele der schriftlichen Zeugnisse die Historie der Insel und ihrer Bewohner fixiert und im Gedächtnis hält. Und damit wird Volckmanns Buch für jeden Besucher von Lanzarote, der sich für mehr interessiert als kristallklares Wasser und Sonnenschein, eigentlich zum Pflichtprogramm, denn neben diesem „Tiefgang“ kommt natürlich auch Fakten über die Insel nicht zu kurz, aber eben solche, die man normalerweise nicht erfährt….

Im Anhang zum Buch finden sich selbstverständlich sowohl ein ausführliches Literaturverzeichnis als auch die Biographien der im Textteil erwähnten Schriftsteller und Autorinnen. Eine Übersicht über die behandelten Stichworte bietet die Startseite der Homepage der Autorin [1], wobei (warum eigentlich?) Ortsnamen wie Janubio, Uga oder Yaiza recht willkürlich und nicht am „richtigen“ Platz angeordnet sind, dadurch sollte man sich nicht verwirren lassen.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite der Autorin: http://www.silvia-volckmann.de
[2] Rafael Arozarena: Mararia; Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2009/10/17/rafael-arozarena-mararia/
[3] Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer; Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/..-meer/ diesem Beitrag von mir habe ich das hier wiedergegebene Zitat entnommen
[4] das Zitat ist aus: Bölke, P. und Greunke, G.: Ein ganzes Volk wird kulturell erledigt – Der spanische Künstler Cesar Manrique über Massentourismus und die Folgen auf Lanzarote; in:  http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13528417.html
ganz aktuell ist im Spiegel-online ein weiterer Artikel über Manrique erschienen:
Simon Broll: 
Der Vulkan von Lanzarote; in: http://www.spiegel.de/einestages/cesar-manrique-der-inselkuenstler-von-lanzarote-a-1062233.html
[5] 
Michel Houellebecq: Lanzarote; Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2009/12/11/michel-houellebecq-lanzarote/

 

Für die Bilder (mit Ausnahme des Covers) liegt das Copyright bei mir.

Weiter selbst aufgenommene Bilder aus Lanzarote sind unter diesem Link zu finden (wird in der nächsten Zeit noch erweitert):  https://fotografiert.wordpress.com/category/lanzarote/

zur Farbgebung im Beitrag:

grün: (ggf. an meinen Text angepasste) Zitate von Volckmann
aubergine: Zitate aus von der Autorin aufgeführten Textbeispielen der entsprechenden Autoren
blau: hinterlegte Links zu Fotos bzw. Bildersammlungen

Silvia Volckmann
Die Zeit ist schwer zu erzählen auf der Insel
Ein literarisches Lanzarote-ABC 
mit vielen historischen Fotos
diese Ausgabe: Konkursbuchverlag, Softcover, ca. 320 S., 2013

Michel Houellebecq: Lanzarote

Irgendwie bin ich durch Mararia auf diese 2000 veröffentlichte Erzählung von Houellebecq gestoßen. Houellebecq, ein Autor, von dem ich bisher noch nichts gelesen habe, eines seiner Bücher, Plattform, habe ich mal angelesen und wieder weggelegt.

Um was geht es in dieser Erzählung? Der Ich-Erzähler langweilt sich, es ist kurz vor Weihnachten 1999. Im Reisebüro bucht er einen einwöchigen Aufenthalt auf den Kanaren, auf Lanzarote. Nicht, daß er sich groß für die Insel interessieren würde, es hat sich halt so ergeben. Und die Menschen, die er dort trifft und denen er sich locker anschließt, ihnen geht es nicht anders. Die Insel ist ihnen egal, sie langweilen sich, erkunden sie zwar, lassen sich aber nicht drauf ein. Das Lesben-Pärchen (mit Bi-Tendenzen) aus Deutschland hat es dem Erzähler angetan, sie enttäuschen ihn nicht, seine sexuellen Phantasien (und nur unter diesem Gesichtspunkt betrachtet er es) kann er bei ihnen befriedigen. Rudi dagegen, der depressive belgische Polizist mit Selbsthass, kann selbst durch derartige Angebote aus seiner Verzweifelung gelockt werden. Einzig, sich einer obskuren Sekte anschließend, erscheint ihm sinnvoll.

Also, so gelangweilt, wie die Personen in dem Buch, so gelangweilt auch ich als Leser. Abwertende Tiraden auf Touristen, kommen sie nun aus Norwegen, Italien, Frankreich oder England, auch die Insel kommt nicht gut weg. Dabei beschriebt Houellebecq die Insel recht genau (witzigerweise war ich zu der Zeit, in der die Erzählung angesiedelt ist, auf Lanzarote. Rein prinzipiell hätte ich den Protagonisten begegnen können….), nur eben ohne die Faszination der Landschaft zu erfassen und zu spiegeln. Er scheint sie als Bild zu nehmen für die Öde und Leere, für die Langeweile seiner Figuren, verkennt dabei aber, daß man sich auf die Insel einlassen muss wie auch auf Menschen. So treibt alles an der Oberfläche daher, seicht, uninspiriert und wenig aufregend. Und was die Ereignisse an den Papagayo-Stränden angeht: sooo einsam, daß das möglich wäre, sind die selbst im Januar nicht….

Facit: Absolut kein Muss. Es sein denn, das die Tatsache, daß ein Buch über gelangweilte Menschen selbst langweilig zu lesen ist, ein Qualitätsmerkmal an sich ist.

Michel Houellebecq
Lanzarote
Rowohlt Tb., 2004, 96 S.
ISBN-10: 3499236443
ISBN-13: 978-3499236440

Rafael Arozarena: Mararia

arozarena

Lanzarote, die Feuerinsel nah der afrikanischen Küste – über Jahre hinweg hatte ich dort Urlaub gemacht, die Insel (soweit es einem Touristen ohne Spanischkenntnisse möglich ist) erkundet und mit dem Rad durchfahren. So weckt ein Roman, der auf dieser Insel spielt, diese Insel zum Thema hat, seltsame, heimatliche Gefühle in mir. Natürlich, das Lanzarote der 30er Jahre, in denen der Roman spielt, hat wenig zu tun mit dem der Jahrtausendwende. Der Dorfplatz von Femes ist schon längst nicht mehr bloßer Boden, sondern asphaltiert, schaut man vom „Balkon“ hinunter in die Ebene macht es Der Dorfplatz von Femes kaum Mühe, Playa Blanca zu finden, denn mittlerweile erstreckt es sich über die gesamte Südküste und auch am Wochenende kommen kaum noch die Seeleute hoch nach Femes, um den Wein aus Uga zu trinken, sondern es sind die Touristen, die dort einfallen, die aus dem Ausland, aber auch die einheimischen, die auf Lanzarote ihr Wochenende verbracht haben.

Blick auf den Atalaya

(Die beiden Bilder sind aus dem heutigen Femes, aufgenommen am Dorfplatz, an der Kirche….

Die Gaststube, die Arozarena schildert, in der sein Erzähler sitzt und den Geschichten lauscht, ich habe sie vor meinem geistigen Auge, kann sie mir vorstellen. Natürlich ist auch sie mittlerweile geweißt, eingerichtet und nicht mehr mit der beschriebenen zu vergleichen – aber trotzdem. Vor meinem Auge spielt sich alles hier ab…..

Aber zum Roman… Er spielt wie schon erwähnt, in den 30ger Jahren. Eigentlich würde ich das Buch nicht als Roman bezeichnen, es ist eher einen Sammlung von durch eine sehr lockere Rahmenerzählung zusammengehaltenden und verbundenen Geschichten, Anekdoten, Erinnerungen rund um eine als Person weitgehend im Dunkeln bleibenden Frau, Maria. Diese ist eine Schönheit, weitberühmt und die Männer wollen sie allen für sich erobern. Aber sie erhört keinen, unterwirft sich nicht den Sitten und Gebräuchen. Einen Fremden nimmt sie mit, am Festabend und dieser verläßt erst am nächsten Tag ihr Haus, er wird in Händel verwickelt, die die Eifersucht produziert und kehr nie wieder nach Femes zurück. Einen fahrenden Händler, einen Araber, der ihr den Hof macht, den will sie ein paar Monate später heiraten. Aber dieser überlebt die Eifersucht der jungen Männer im Ort nicht.

Maria hat kein Glück im Leben, die Männer, denen sie sich anvertraut, enttäuschen sie, belügen sie. Auch wenn sie sich zu rächen weiß, für die Menschen wird sie immer mehr zu einer Unheimlichen, eine Räbin, einer Hexe…. niemand weiß, wo sie hingeht, wo sie herkommt, man hört sie nicht gehen, zu schweben scheint sie über dem Boden….

Dies sind die Geschichten, die der Erzähler, und man kann davon ausgehen, daß dieser mit dem Autor identisch ist, im Dorf und auf seinen Spaziergängen hört. Viel tragisches ist darunter, menschliche Schicksale, die aber gottergeben getragen werden. Und in all den Geschichten schwingt eine unheimliche Ebene jenseits der sichtbaren Realität mit. Dies ist nicht verwunderlich, Lanzarote ist heute noch ein stille Insel, ein Ort, der (meidet man die Zentren) dem Wind, der Sonne, dem Sand und den Steinen gehört. Mit diesen muss man sich anfreunden, will man die Insel lieben. Und wie überall, wo die Natur eine gegebene Einsamkeit aufweist und Schroffheit, vermutet man Übersinnliches, verheißt der schwarze Vogel Unglück und ist sowohl die Hand Gottes wie der Atem des Teufels zu spüren. Schatten huschen wie Gespenster durch die Schluchten, Wolken stieben einer Herde wilder Pferde gleich an der Sonne vorbei. Felsen, von Vulkanen geschleudert, teilen sich des Nachts und entlassen geifernde Hunde und wildblickende Katzen in die Freiheit, die den müden Wanderer, der zufällig des Weges kommt, anfallen…..

Arozarena beschreibt und erzählt im schönsten Sinn des Wortes. Er scheut das Blumige nicht, die Ausschmückung, er erweckt die Feuerinsel zum Leben, man meint, die Dürre, die Trockenheit, die Sonne, den Wind, den Mond zu sehen, zu spüren.. Viele der Wege, die seine Figuren gehen bzw. fahren, kenne ich, ich kann sie begleiten, weiß wo sie hinfahren, wie es dort aussieht/-sah (?) Die Schlaglochpisten, mittlerweile fast ausgemerzt, sie haben auch meine Bandscheiben noch malträtiert, den Gang von Playa Blanca hoch nach Femes… diese elend lange Steigung … Die rollenden, vom Wind getriebenen Dornbüsche, die halbverfallenen Ruinen in den Einöden, die Sandstrände im Süden, die Salinen… Eidechsen huschen über die Steine, wenn man Glück hat, sieht man ein Kaninchen rennen und in der Luft einen Greif….

Am Schluss seines Buches sagt der Autor: „Die Insel ist wie eine Frau. Sie ist fruchtbar und diese Fruchtbarkeit muss sie vor dem Teufel verteidigen„. Nun, in diesem Sinne ist Maria ein Bild für die Insel Lanzarote selbst, schroff, unnahbar, abweisend. Aber wer sie liebt (kann man das überhaupt oder verfällt man ihr dann sofort?), der ist bereit, sich ihr hinzugeben, voll und ganz. Und Maria, die Insel, gibt dies zurück… wenn nicht, erschlägt sie einen, vernichtet sie mit ihrer Unnahbarkeit, ihrer Härte und ihrer Unbarmherzigkeit.

Mein durch Subjektivität getrübtes

Facit: eine wunderschön traurige Geschichte, in die man sich fallen lassen kann…..

Links:

lesenwerte Buchvorstellung
Aus den Verlagsangaben
Bilder aus Lanzarote

Rafael Arozarena
Mararia
Konkursbuchverlag Claudia Gehrke, 2009, Klappenbroschur, 256 S.
ISBN 978-3-88769-382-4