Let’s talk about sex baby
Let’s talk about you and me
Let’s talk about all the good things
And the bad things that may be
[Salt N Pepa [2]]


Egal, wie man den Begriff ‚Leben‘ definiert, die Fähigkeit zur Fortpflanzung, zur Reproduktion, gehört als Kriterium immer dazu. Auch wenn die Reproduktion nicht immer sexuell verlaufen muss (es gibt auch andere Wege), bei den meisten höheren Lebewesen tut sie – so auch beim Menschen. In ihrem Buch Sex Story versuchen die Autoren darzustellen, wie sich diese Fortpflanzung beim Menschen im Lauf seiner evolutionären Entwicklung vom reinen Trieb immer mehr um zumindest zwei Komponente erweitert wurde: um das Gefühl der Liebe und um die Lust, den Spaß an der Sache, ohne daß dabei die Fortpflanzung eine Rolle spielt – im Gegenteil. Und damit ihre Ausführungen sich nicht als ein weiteres, eher trockenes Werk in die Phalanx schon existierender Kulturgeschichten zur Sexualität des Menschen einreiht, haben Philippe Brenot und Laetitia Coryn einen anderen Weg eingeschlagen: sie haben einen Comic geschrieben. Philippe Brenot, um den Textautor bzw die Zeichnerin kurz vorzustellen, ist Anthroploge und Psychiater. Er leitet das Institut für Sexualstudien an der Universität Decartes Paris und ist Autor zahlreicher Sachbücher; Laetitia Coryn hat schon im Alter von 15 Jahren entschieden, dass sie Künstlerin werden will. Heute ist sie erfolgreiche Illustratorin von Graphic Novels und Comics und arbeitet für verschiedenen Magazine [Verlagsangabe].

Das Ergebnis ist ein ansehnliches Buch im DIN A4 Format, wer ein Beispiel für die Bildchen sehen mag, mag hier klicken und sich exemplarisch in den Palast Cleopatras zurückbeamen (und sich vorstellen, die Hülle risse…). Man erkennt es schon, die beiden Autoren setzen mit ihrer Geschichte sehr früh ein, im Wirklichkeit sogar noch viel früher, bei den gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch. Denn Menschen und Affen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer sexuellen Eigenschaften deutlich: Frauen haben Brüste, Affenweibchen nicht, der Mensch kennt die Scham, im Gegensatz zu Tieren – um nur zwei Sachverhalte zu erwähnen. Um zu plausibilisieren, wie solches entstanden sein könnte, dient eine prähistorische Sippe ‚Mustermann‘, in der die Scham ‚erfunden‘ wird (obwohl sie sich wahrscheinlich je eher im Lauf der Evolution entwickelt hat…), bei der aber auch die erste Vergewaltigung stattfindet und die erste romantische Liebe auftaucht…

So geht es dann durch die Jahrhunderte weiter: Babylon, Ägypten, das antike Griechenland und das Römische Weltreich… eine Konstante in diesen Zeiten (und in nachfolgenden) war immer die unterschiedliche Rolle von Mann und Frau: während dem Mann Freiheiten zugestanden worden waren wie der Besuch von Prostituierten und/oder Bordellen, hatte sich die Frau zu Hause um Haus und Kind zu kümmern (eine Ausnahme bildete wohl da alte Ägypten, das beiden Geschlechtern ihre Freuden zustand). Als andere Konstante zeigte sich in den Jahrtausenden, daß auf relativ freizügige oder auch dekadente Perioden repressivere Zeiten folgten (So, Schluss mit dem Unfug.)

Und dann kam das Christentum an die (geistige) Macht. Und da der Apfel eher eine Feige war und Gott das Kosten an dieser missbilligte und die ungehorsamen Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb, war bei den massgeblichen Leuten sozusagen der Genuss von Feigen in Verruf geraten. Augustinus, der Heilige, gehörte zu diesen Leuten und seine Diskreditierung von Lust und Sinnlichkeit sollte über Jahrhunderte das erotische Leben überall dort, wo Christen auftauchten, bestimmen. Jedenfalls wurde der Verkehr zwischen Mann und Frau nur noch zweckgebunden und zielgerichtet geduldet, alles andere war Sünde. Und zum Zeichen, daß der Mann Chef im Ring war, war auch nur noch die Missionarstellung erlaubt, in der der Mann die Frau von oben beschläft und im wahrsten Sinn des Wortes (r)unterdrückt. Na super! Vielen Dank, Augustinus!

Nach dem Mittelalter dann die Renaissance, der Maler und sein Model. Der befreite Körper wird abgebildet, in der Malerei und auch in der Bildhauerei, Leonardo untersucht an Leichen, wie so ein Mensch überhaupt aussieht: erste Theorien zur Fortpflanzung entstehen. Aber auch hier: Gegen Ende  dieser Epoche nimmt die Toleranz gegen eine freier gelebte Sexualität wieder ab.

Ein großes Kapitel widmen die Autoren der Selbstbefriedigung. Hing man, wie die Spermatisten es taten, der Ansicht nach, der vollständige neue Mensch sei im männlichen Samen schon enthalten, so bedeutete eine handbetriebene Ejakulation so etwas wie einen Massenmord, das Handtuch, das Bettlaken wurden zum Massengrab: Nieder mit der Wichserei. Was natürlich auch für die Frauen galt, die in der Vorstellung der Sittenwächter ihr Klitoris mit Gegenständen angefangen vom Gemüse bis hin Flaschenverschluss reizten. Die damaligen Mittel gegen dieses als Krankheit eingestufte Verhalten waren drastisch, gottseidank hat sich diese Einstellung geändert, so daß die Autoren zum Schluss raten: Also, immer schön masturbieren!

Noch waren Ehe und Sexualität getrennt, die Liebe zwischen Eheleuten ein Ding, was nicht sein sollte. Die Männer der höheren Stände liebten ausser Haus, hielten sich Mätressen, gingen in entsprechende Häuser. Hätte es die Syphilis nicht gegeben, was wäre das für ein lustiges Treiben gewesen!

Neuere Zeiten nahten, die französische Revolution, Napoleon oder auch in England Königin Viktoria, die einer ganzen prüden Epoche ihren Namen gab, obwohl sie Wolken-und-Regenspiel selbst gar nicht abgeneigt war… noch wütet die Syphilis, doch Pasteur hat eine große Entdeckung gemacht: er hat die Bakterien entdeckt.

Irgendwann in dieser Zeit finden noch zwei Umwälzungen statt: die Eheschließung aus romantischen Motiven tritt auf und Sex wird getrennt von der Fortpflanzung: Es darf zum Spaß und aus Lust an der Freud gevögelt werden. Mit der wachsenden Bedeutung der Wissenschaft entwickelt sich jetzt auch langsam eine Wissenschaft vom Geschlechtlichen, eine Sexologie, die Jahrzehnte später mit Kinsey Erstaunliches zu Tage fördern wird…

Mit dem Erreichen das zwanzigsten Jahrhunderts kommen wir der Jetztzeit näher. Der Körper – in welchem Ideal auch immer – wird befreit, wird gezeigt, die Entwicklung der Bademode vom Ganzkörperanzug über den Einteiler hin zum Bikini bis zum Tanga ist ein Beispiel dafür. Freud entwickelt seine Theorien, Masters und Johnson beobachten empirisch die sexuellen Reaktionen von Frauen… Homosexualität gibt es, sie wird jedoch noch als abartig empfunden. Erst spät im 20. Jahrhundert setzt sich die Erkenntnis durch, daß es so etwas wie eine Norm in der Sexualität nicht gibt…

Der Comic schließt mit einem Ausblick auf das, was im Bereich Sex und Geschlechtlichkeit möglicherweise noch kommen mag und sie skizzieren dabei Szenarien, die nicht unbedingt erstrebenswert erscheinen.

Ein Bild sagt zwar mehr als tausend Worte, aber doch nicht alles: in einem Anhang fassen die Autoren grundlegende Begriffe zusammen und beantworten offengelassene Fragen. Stichworte sind Liebe, Sexualerziehung, Ehe, Verbote, Normalität, Sexuelle Orientierung, Perversion und Prostitution.


Das alles ist witzig, unterhaltsam und kurzweilig und bietet, da auf dieses Thema „Sex“ hin komprimiert, so manches (mir) Unbekannte wie zum Beispiel die Existenz von ‚Impotenz-Tribunalen‘ (Tribunal de l’Impuissance) im Frankreich der Renaissance, vor deren Augen der unglückliche Tropf von Mann an und mit seiner Frau nachzuweisen hatte, daß deren Behauptung, er sei impotent, falsch ist. Man(n) kann sich leicht vorstellen, daß umständehalber bei dieser Art von Beweisführung meist die Frau Recht behielt…

Womit ich bei meinen Anmerkungen bin. Zum einen liegt der Schwerpunkt der beiden französischen Autoren natürlich auf den Verhältnissen in Frankreich, der Begriff ‚Impotenz-Tribunal‘ (um beim Beispiel zu bleiben) ist für Google zumindest kein findbarer Ausdruck. Überhaupt verspricht der Untertitel Eine Kulturgeschichte in Bildern mehr als er halten kann: der gesamte Osten mit der fein-raffinierten Erotik von Ländern wie Japan, China oder auch Indien kommt nicht vor, von den Völkern anderer Erdteile wie Afrika ganz zu schweigen. Weiterhin bleiben die Autoren notgedrungen an der Oberfläche, aber das Buch bietet genügend Anhaltspunkte, um sich mit anderen Quellen bei Interesse tiefer gehend zu informieren, eine (frankophone) Bibliographie bietet erste Hinweise dazu.

Jeder pisst und scheißt, wo er geht und steht! … Keinerlei Latrinen, keine Toiletten. Gänge, Höfe, Korridore sind voll mit Urin und Fäkalien. Von Versailles Ludwig XV ist die Rede und so ganz glaube ich das nicht… schon aus rein praktischen Gründen: die armen Leutchen wären ja nur noch am Ausrutschen gewesen, außerdem waren ja so etwas wie Leibstühle auch anderswo [1] in Gebrauch, warum nicht hier auch. Die Diskussion im Internet über diese Behauptung jedenfalls ist kontrovers. Möglicherweise sollte der Adel auch nur kompromittiert werden… na, jedenfalls fielen mir diese zwei Bildchen auf. Und die zitierten Sprechblasen zeigen, daß das Buch – da Sex zum Leben gehört – auch eine Geschichte der allgemeinen Kultur ist: über die Stellung der Frau in der Gesellschaft, über Fortschritte in Technik und Wissenschaft, über philosophische und religiöse Fragen. Zudem verdeutlicht diese kleine Zitat auch, daß die Autoren nicht nur auf den medizinischen Fachjargon zurückgreifen: Tonfall und Wortwahl sind ist teilweise recht umgangssprachlich.

Erwartet man also von dem vorliegenden Buch (so wie möglicherweise auch beim Sex selbst) weniger Intellektualität als vielmehr einen mit Fakten und Informationen angereicherten Spaß, so wird man sicher nicht enttäuscht werden. Da der Comic – selbst bei auf den ersten Blick heikel erscheinenden Themen – nie peinlich ist, mag er sogar für den/die eine/n oder andere/n als Einstieg geeignet sein, den Blick für andere Aspekte beim ‚Sex‘ zu weiten. Und dem Verlag kommt der Verdienst zu, uns in Deutschland diesen amüsanten und informativen Überblick zugänglich zu machen.

Links und Anmerkungen:

[1] Die staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württembergs haben im Deutschen Kunstbuchverlag einen sehr hübschen und informativen Katalog: Das Stille Örtchen (z.B. hier und ausnahmesweise mal bei amazon) herausgegeben, in dem die Geschichte der hygienischen Aspekte bei Hofe beschrieben wurden. Danach war die „Technik“ zur halbwegs geordneten Entsorgung der unvermeidlichen Ausscheidungen zu dieser Zeit durchaus vorhanden, kaum vorstellbar, daß ausgerechnet in Versailles darauf verzichtet worden ist.
[2] z.B. hier bei youtube zu sehen und zu hören

Philippe Brenot, Laetitia Coryn
Sex Story
Übersetzt aus dem Französischen von Valerie Schneider 
Originalausgabe: Sex Story – La première histoire de la sexualité en BD, Paris, 2016

diese Ausgabe: btb, HC, ca. 210 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Hinweis: Diese Rezension ist auch als podcast im literatur RADIO bayern erschienen: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-rezensionen….html

„Diese Hintern sind es, die ich so liebend gern photographiere, um für alles Zeiten ihre wundervollen Kurven festzuhalten, bevor sie der Zeit um Opfer fallen.
Diese Hintern verdienen es fast, als höchste Anerkennung für ihre Einzigartigkeit, kein Loch im Po zu haben.“
 [1]

Der Hintern, der Po oder (derber, aber nicht unbedingt auch negativ) der Arsch, mit vielen Begriffen (Bornemann zählt in seiner Untersuchung zum obszönen Sprachschatz der Deutschen [2] allein weit über 100 teils regionale Synoyma für diesen Körperteil auf) wird dieser markante Teil unseres Körpers bedacht. Unabhängig, ob Männlein oder Weiblein, der jeweilige Hintern ist ein Blickfang für das andere oder auch (neidisch? abschätztend? begehrend?) das eigene Geschlecht. Dabei sind die Vorlieben so unterschiedlich wie die Ausprägungen: mag der eine den straffen, muskulös-knackigen Po, so steht der andere eventuell auf den ausladenden, zerfließenden Hintern, der in seiner Weichheit ein Platz sein kann zum Hineinsinken und Ruhen. Ist der eine Po braungebrannt von der Sonne, so schimmert der andere in milchigem Weiß voll einladender Unschuld – für beide gibt es Liebhaber, die sich nichts Schöneres vorstellen können als sich zu berauschen an diesem Anblick und – ist einem das Glück und der/die Träger/in desselben hold – an der Glätte der Haut, der Wärme, dem Widerstand, den sie der streichelnden Hand oder anderem bietet ….

Dabei ist der Hintern selbst, sind wir ehrlich, strukturlos: eine Fläche, die durch ihre Kontur wirkt, durch die Form, die fließenden Linien, den durch kleine Falten gekennzeichneten Übergang zum Schenkel und nach oben hin durch die Einschnürung der Taille…. und natürlich auch – und daß vielleicht sogar zuvörderst – durch die Furche, die ihn in der Mitte teilt, die die rechte von der linken Pobacke abtrennt und die in ihrer Mitte wiederum diese geheimnisvolle-anziehende Öffnung vor allzu neugierigen Blicken versteckt. Um diese zu erhaschen, muss man die Hügel bewegen, verschieben, nach den Seiten drücken und der Blick wird frei auf den Grund der Furche, die sich bei den Frauen fortsetzt nach vorne und im Geschlecht mündet, auch dies gespalten und von beiden Seiten nicht mit Hügeln, aber mit Lippen bedeckt….

Ist der Antipode des Gesäßes die Brust, vor allem die weibliche, so erkennt man den unterschiedlichen Charakter auf den ersten Blick: die Brust ist gekrönt, sie bietet dem Auge, der Hand, dem Mund ein Ziel der Begierde.. der Po hingegen ist Kontur, ist Form, Farbe, Volumen und Fläche – als Fläche dann auch Projektionsfläche für das, was wir in ihm sehen, sehen wollen: ein Platz der Geborgenheit, der Sehnsucht, der Begierde, eine zu erobernde Festung, zwei Zinnen beidseitig der lockenden Furche. Der möglichen Interpretationen sind es viele, vielleicht so viele, wie es Betrachter und Liebhaber gibt, denn kaum werden zwei davon mit denselben Gedanken und Gefühlen an ihr Werk gehen.

„Es ist der Anus, der selbst dem reinsten Hintern einen klandestinen Fixpunkt verleiht, obskure Vitalität, den Hauch des Mysteriösen, ein kleines Symbol der Intelligenz, den indiskreten Moschusgeruch und diabolische Intimität. Möge Gott uns vor Hintern ohne Loch bewahren!“ [S. 215]

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Diesem Körperteil (und letztlich auch seiner Öffnung) widmet sich Jean-Luc Hennig in seiner kleinen Kulturgeschichte. Wie schon im Intro angedeutet, ist der Hintern im wesentlichen dem Auge und dem Tastsinn zugänglich. Zwar kann er auch akustisch und/oder olfaktorisch in Erscheinung treten (btw: Kunstfurzer werden im Buch tatsächlich nicht erwähnt), doch sind Connaisseurs dieser „Reize“ eher selten. Folgerichtig diskutiert Hennig die Rezeption des Gesäßes in der Kulturgeschichte vor allem an Beispielen aus der Malerei und der Bildhauerei, hier ist der Rückenakt, die Hinteransicht seit je her ein bevorzugtes Sujet der Künstler. Über die Jahrhunderte hinweg lassen sich so die Moden, die jeweils bevorzugten Ausformungen des Gesäßes beobachten und auch interpretieren. Diese Interpretationen sind – da das Gesäß als Fläche eben auch Projektionsfläche für alles mögliche sein kann – weitschweifig bis hin zu dem Moment, da dem Po eine eigene Persönlichkeit zugebilligt zu werden scheint…. Visuell spielt der Hintern natürlich auch in der Mode eine Rolle, in vergangenen Jahrhunderten wurden Kleider oft unter besonderer Herausstellung des Po designt, auch heutzutage ist der knackige Po in der Jeans ein Augenfang, zu schweigen von dem am Rücken geschlitzten Kleid, das sich erst weit unten schließt, wo wenig zu sehen, aber viel zu ahnen ist….

Das Taktile.. die Berührung der Haut, das Streicheln über die Fläche, das Erforschen der Furche…. ein erotisches Erlebnis für alle Beteiligten. Bis hin zum Röten der Haut, zur Anhebung der Durchblutung und damit der empfundenen Hitze bei heftiger Kosung, ja, bei leichten Schlägen bis hin zu heftigen, die das Blut hervortreten lassen: der Po immer auch das Objekt desjenigen, der Schläge liebt – ob er sie nun austeilt oder ob er das Beissen der Rute auf dem weichen Fleisch selbst genießt….

Das Buch ist in kleine Abschnitte unterteilt, die z.B. „Der Blick durchs Schlüsselloch des Badezimmers“, „Ein Hintern, für den man bezahlt“, „Der Po unterm Messer“, „Unter dem brennenden Hagel der Schläge“, „Das Laster wider die Natur“ oder „Das lebendigste aller Löcher“ heißen. Diese Kapitel (insgesamt sind es ca. 30) sind durchweg sehr unterhaltsam geschrieben und bieten eine Fülle von Beispielen und Hinweisen (das Buch parallel zur Bildersuche im Internet zu lesen, ist sicher eine gute Möglichkeit, die Freude daran zu erhöhen). Das manches, was Hennig schreibt, weit und fantasievoll interpretiert und ausgedeutet ist – nun ja, der Hintern als Projektionsfläche ist groß und vieles hat auf ihm Platz….. und ist es nicht tatsächlich so, daß der rollende Gang einer Frau vor uns, der ihren Po in sanfte Schwingungen versetzt, diesen Anblick als Fleisch gewordenen Lockruf an uns absetzt, er mit uns spricht, uns Versprechungen macht, uns vielleicht sogar anlacht – oder auslacht?

Wenngleich zugegebenermaßen das weibliche Hinterteil im Vordergrund der Betrachtungen steht, wird doch auch der männliche Po berücksichtigt, seien es die kraftvoll erotischen Rückenansichten griechischer Athleten, in Marmor verewigt oder – moderner – die Mode, die dafür sorgt, daß auch die Damenwelt sich an knackigen Hinterteilen sattsehen kann. Schließlich ist belegt, daß dieser Teil des Körpers in jedem Fall die Blicke auf sich zieht…

Links und Anmerkungen:

[1] Jeanloup Sieff: derrières, Kehl, 1994
[2] Ernest Borneman: Sex im Volksmund – Der obszöne Sprachschatz der Deutschen, Hamburg 1991

Hinweis: Diese Rezension ist auch als podcast im literatur RADIO bayern erschienen: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-rezensionen….html

Jean-Luc Hennig
Der Hintern
Übersetzt aus dem Französischen von Sabine Lorenz und Felix Seewöster
Originalausgabe: Brève Histoire des fesses, 1995
diese Ausgabe: Piper, TB, ca. 230 S., 2000

Jutta Person: Esel

10. November 2013

Der Esel bedeutet immer auch sein Gegenteil.

Unsere alte Eselin Kea, sichelrich schon weit über 30 Jahre alt...

Unsere alte Eselin Kea, sicherlich schon weit über 30 Jahre alt…

Jutta Persons Büchlein (der Diminutiv ist angebracht, es ist in der Tat ein schmales Büchlein im Oktavformat) ist in der von Judith Schalansky herausgegebenen Reihe „Naturkunden“ des Berliner Verlags Matthes & Seitz erschienen.

„Esel“ ist in zwei Teile gegliedert, im ersten, ca. 120 S. starken Abschnitt reist Person mit dem Leser durch die Kulturgeschichte, um dem Esel in selbiger aufzustöbern, im zweiten Teil werden dann die verschiedenen Arten, Rassen und Hybriden der Esel portraitiert. Damit ähnelt das Buch in seinem Aufbau dem in der gleichen Reihe schon erschienen Portraits über die Krähen. Dies alles ist mit zum Teil wunderhüschen Abbildungen, sprich alten Stichen, Fotos, Gemäldern illustriert.

Der erste, kulturhistorische Teil des Buches widmet sich weniger dem Esel an sich, sondern eher der Sicht des Menschen auf den selbigen. Und diese Sicht, wen wundert es, hat sich im Lauf der Zeit geändert, so wie sich auch die Ansichten der Menschheit im allgemeinen gewandelt haben, sei es nun in kulturhistorischer, philosopher oder auch religiöser Hinsicht.

Die Silhouette eines Esels wird beherrscht von seinen großen, langen Ohren, die er ganz offensichtlich getrennt voneiander asynchron bewegen kann. Nicht von allen wird diese Langohrigkeit goutiert, Nietzsche zum Beispiel, der sich selbst sehr kleine Ohren attestiert und sich damit zum „Anti-Esel“ ausruft, legt dem Tier diese Besonderheit zum großen Nachteil aus. Mag man dem auch nicht so folgen, ob die Ohren nun wirklich ein „V-Zeichen“ bilden, wie andere sagen, sei dahingestellt… in täglichen Leben jedenfalls, so meine Erfahrung, sind die Ohren ein bevorzugtes Körperteil des Esels, das gekrault zu bekommen das Tier heiß und innig liebt. Auch weil sich im Inneren, das stark behaart ist, viele juckende und blutsaugende Insekten festsetzen…

Der Esel ist dumm, störrisch, häßlich und geil. So der vermenschlichende Blick des Menschen auf das Tier. Dabei ist er doch nur so, wie er ist, und befasst man sich mit ihm, ist vieles nachvollziehbar. Die Schönheit liegt eh im Auge des Betrachters und ist der Mode unterworfen, die sprichwörtliche Duldsamkeit des Grautiers ist nicht Dummheit, das vorgeblich Störrische ist Vorsicht und Klugheit: ein in Panik weglaufender Esel würde sich (in dem Landschaftstyp, aus der die Art stammt) im steinigen Geröll die Knochen brechen. Die Geilheit, nun ja, die Liebe der Esel verläuft heftiger und stürmischer als zum Beispiel die der Pferde, ein Grund mit dafür, daß Verpaarungen der beiden Gattungen nicht immer einfach sind. Andererseits – der Esel hat auch seine erotische Ausstrahlung auf manche Menschen, schon in den Lügengeschichten des Lukian: „Lucius und der magische Esel“ [2] wird recht eindeutig benannt, worauf es der Dame angekommen. Der in der Geschichte wieder in einen Menschen zurückverwandelte Esel wird, nachdem er der Dame, der er vorher in Eselsgestalt  beiwohnte, auch als Mensch offen und unbekleidet gegenüber tritt, beschieden, er solle sich abmachen, denn „.. nicht du, armseliges Ding, sondern der Esel war es, den ich liebte, (NSFW!) und da du zu mir kamst dachte ich nichts anderes als du werdest das verdienstlichste deiner vorigen Gestalt aufzuweisen haben: aber leider! sehe ich dich aus dem schönen und nützlichen Thiere, das du wars, in einen — Affen verwandelt.“ Ohne dieses Thema jetzt über Gebühr auszuschmücken sei nur der Gleichstellung von Mann und Frau wegen erwähnt, daß selbstverständlich auch die andere Kombination der Geschlechter vorkommt, wie diese persische Miniatur (NSFW!), die Midas Dekkers in seinem der Erscheinung der Zoophilie gewidmeten Buch: „Das geliebte Tier“ [3], zeigt (a.a.O. auch die Abbildung „den ich liebte„, die einen thematisch ähnlichenes Motiv aus einer späteren Epoche stammend wiedergibt).esel-03

Der Esel ist das sprichwörtliche Arbeitstier, das des öfteren unter seiner Last zusammenbricht, es sind grausame Bilder, die sich dem Herzen einprägen…. er ist genügsam und anspruchslos, läßt sich ohne Gegenwehr prügeln und schlagen. Person erwähnt eine Vielzahl von alterthümlichen Schriften über die Natur, in denen der Esel Erwähnung findet. Diese beiden Bildchen sind dem Thierleben nach Brehm entnommen [1], in dem der Verfasser auch eine sehr lebendige Beschreibung ägyptischer Verhälnisse gibt, denn  Kairo ist (nach Brehm) die hohe Schule für alle Esel: esel-04
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Die beiden Abbildungen der Esel zeigen den Gegensatz zwischen dem stolzen Wildesel, der aufgerichtet und beobachtend in der Landschaft steht, im Gegensatz dazu der gebückt dastehende Hausesel, nach hinten ausschlagend, die Ohren angelegt und im Ganzen einen heimtückischen Eindruck verbreitetend. Im Hintergrund die Mühle zeigt, das dieser gezähmte, domestizierte Esel angebunden ist an den Menschen….

So streifen wir mit Person durch die Geschichte, machen einen feuilletonistischen Abstecher zu einer Eselsherde auf der schwäbischen Alb, betrachten die Rolle des Grautiers in der christlichen Tradition. Schließlich ist Jesus demütig auf einem solchen Grautier in Jerusalem eingeritten (der gekreuzte Aalstrich auf dem Eselsrücken zeugt symbolisch noch heute davon) und nicht stolz und machtbewusst auf einem Ross; die weihnachtliche Krippe ist ohne Ochs und Esel nicht vorstellbar. Aber der Esel ist immer auch sein Gegenteil: in der christlichen Ikonographie steht er auch für den Teufel, der wie der Esel bei der Tag- und Nachtgleiche im Frühjahr schreit, weil die Zahl der Gläubigen und die der Heiden gleich geworden ist und das Reich der Finsternis abnimmt [4]. Auch im alten Testament hat der Esel seine Auftritte, schließlich ist er eines der ältesten domestizierten Tiere überhaupt.

Der Esel (tot oder auch lebendig) als (Lieferant von) Arzneimittel, die sprichwörtliche Eselsmilch als Pflege- und Schönheitsmittel, das spätestens mit Elizabeth Taylor bekannt geworden ist. Ausführlich geht Person auf die Eselsgeschichte des Goethefreundes Johann Heinrich Wilhelm Tischbein ein, in der das verkannte Tier „zum Träger von Ideen, aus denen der Tischbein-Icherzähler einen Heilsplan zur Rettung der Menschheit und zur Veredelung seiner selbst zusammensetzt.“ wird.

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Ein gesondertes und ausführliches Kapitel widmet die Autorin der Physiognomik, die aus sich ähnelnden äußerlichen Merkmalen auf innere Eigenschaften zu schließen versucht. Obwohl mir beim Lesen nicht ganz klar geworden ist, wer Henne, wer Ei war… übertrug man nun die menschlichen Charaktereigenschaften auf den Esel/das Tier oder war es eher umgekehrt…. ? jedenfalls: Lavater ist hier ein Name, dessen Träger Bedeutung zukommt…

Natürlich spielt der Esel in der Literatur seine Rolle, die Eselsgeschichten Tischbeins wurden schon erwähnt, der treue Sancho Pansa ritt ihn und in Shakespeares Sommernachtstraum spielt er eine wichtige Rolle,  Robert Louis Stevenson beschriebe eine Reise mit einem Esel durch die Cevennen, während eher volkstümlich bei Karl May Sam Hawkins sein Maultier „Mary“ nannte…. seltsamerweise erwähnt Person die Rolle des Esel in Märchen und Fabel nur am Rande, den sprichwörtlich gewordenen Dukatenesel beispielsweise, der vorne und hinten die Goldstücke von sich gibt. Aber auch in der Fabel taucht der Esel auf, wenngleich seine Rolle hier selten rühmlich ist, steht er doch für faule und dumme Adlige [5].

Was dem Büchlein vielleicht auch noch zum Vorteil gereicht hätte, wäre ein kurzer Ausflug gewesen zur modernen Sicht auf den Esel. Nachdem er (in unseren Breiten) kein Nutztier mehr ist, dessen Arbeitskraft ausgenutzt wird, ist er mehr und mehr zum Spaßtier, zum Sympathieträger geworden, wie dieser Glasuntersetzer  aus Irland zeigt. Er ist ob seiner Geduld und Duldsamkeit ein Liebling der Kinder, die ihn ohne Ende streicheln können, er geniesst es, ohne daß die Gefahr besteht, daß er – wie seine „edleren“ Verwandten, die Pferde es vllt täten – auskeilt und -tritt. Er wird als Werbeträger eingesetzt und für die armen Exemplare der Gattung gibt es „Hospize“ [6], in denen sie ihren artgerechten Lebensabend verbringen können….

Trotzdem ist das Büchlein ein unterhaltsamer, lehrreicher Ausflug in eine Abteilung der Kulturgeschichte, die man ohne Anlass wahrscheinlich nicht häufig besucht. Da es weniger um den Esel geht als mehr um unsere Sicht auf ihn, schweift die Autorin manchmal, wenn sie sich auf Begrifflichkeiten konzentriert, etwas ab, um dann am Ende des Abschnitts festzustellen, daß dieser oder jener der erwähnten Autoritäten leider nichts über den Esel gesagt habe…. Es ist intelligent, witzig und kurzweilig geschrieben, in schöner Aufmachung veröffentlicht. Und für alle, die noch ein wenig mehr über Esel erfahren möchten (und nicht so sehr über das, was wir von ihnen halten oder in ihnen sehen) bietet der zweite Teil auch grundlegende Informationen über die einzelnen Rassen, die es weltweit gibt. Nichtsdestotrotz sollte man sich im Klaren darüber sein, daß das kleine Liebhaberbändchen kein Buch der Praxis ist, das Hilfen gibt zur Haltung des Grautiers. Seinen durchaus respektablen Preis ist es für Bücherfreunde in seiner Ausstattung  jedenfalls wert.

Links und Anmerkungen:

[1] Brehms Tierleben, Dritte, gänzlich neubearbeitetet Auflage von Pechuel-Lösche, Säugetiere – Dritter Band, Bibliographisches Institut, 1891
[2] zitiert nach: Lukian von Samosata, Lügengeschichten und Dialoge, in der Übersetzung von Christoph Martin Wieland 1788/89, neu herausgegeben in „Die Andere Bibliothek“, Bd. 1, S. 211
[3] Midas Dekker: Das geliebte Tier, dieses Ausgabe: rororo 1996
[4] Sachs, Badstübner, Neumann: Christliche Ikonographie in Stichworten, Koehler & Amelang, 1991
[5] Link gelöscht, funktioniert nicht mehr.
[6] z.B.: The Donkey Sanctuary von Elisabeth D. Svendsen in England mit Tausenden von Eseln

Hinweis: nicht alles, was ich geschrieben habe, wird man im Buch wiederfinden. Da der Esel mir nicht gänzlich unbekannt, habe ich mir erlaubt, ein paar eigene Gedanken in diesen Buchhinweis hineinzuschreiben…..

Bildquellen: Die Bilder im Beitrag sind nicht dem Buch entnommen. Bild 1 (Esel) und Clip: (c) flatter satz, übrige Bilder aus [1], das Physiognomiebild ohne Nachweis, ansonsten ist die Quelle im Text angegeben

Jutta Person
Esel
Ein Portrait
diese Ausgabe: Reihe Naturkunden No. 5, Hrsg. Judith Schalansky, Matthes & Seitz, Berlin, HC, ca.148 S.,

Als Zugabe… dies hier ist unsere Kea auf dem allabendlichen Weg in den Stall (youtube-clip. 19 sec. Länge), den sie selbstverständlich völlig selbstständig geht, ohne daß man sie treiben muss oder ihr gar den Weg zu zeigen hätte. Es ist einfach nur das Weidetor zu öffnen und brav trottet das Tier allabendlich in seinen Stall….

Teil 2

Wer meinen Fotoblog vielleicht schon mal angesehen hat, der weiß, daß ich, bin ich mal in einer Stadt oder sonst einem steinernen Zeugnis unserer Kultur, eifrig meine Kamera zücke und dieses und jenes ablichte. Nun, meist geht es mir wie einem laienhaften Weintrinker („schmeckt, schmeckt nicht“), ich kann nur sagen: „oh ja, das gefällt mir, das ist interessant, das fällt aus dem Rahmen, das lohnt sich…“ Warum, das kann ich meist nicht, aber ich denke, da bin ich auch in „guter“ Gesellschaft, den meisten wird es so gehen.

Deswegen habe ich mir das Büchlein von Kiesow besorgt. Kiesow, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Denkmalspflege, hat hier in kurzen Stichworten (man sieht es ja schon am Umfang) einige Themen, die auch einen Laien interessieren, herausgegriffen und erläutert: Wie sich eine Stadt im Spaziergang erschließt, was an FAchwerkfassaden zu entdecken ist und welche Einblicke mittelalterliche Kirchen gewähren. Ausserdem läßt er Steine sprechen, deutet Tiermotive und sagt, was sich hinter Zahlen verbirgt. Beim Lesen der Kapitel hatte ich so manches „Aha“-Erlebnis, so weiß ich jetzt zum Beispiel, was es mit der roten Farbe am Limburger Dom auf sich hat und was die Löcher, die man ab und an im Mauerwerk alter Gebäude sieht, bedeuten.

Facit: ein dünnes Buch mit großer Wirkung.

Gottfried Kiesow
Kulturgeschichte sehen lernen (Band 2)
Deutsche Stiftung Denkmalschutz; Dezember 2004, 104 S., geb.
ISBN-10: 3936942145
ISBN-13: 978-3936942149

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