Han Kang: Menschenwerk

Nach dem Korea-Krieg, der von 1950 bis 1953 dauerte und zur Teilung des Landes führte, lief die wirtschaftliche Entwicklung Südkoreas nur schleppend an, es kam in den nachfolgenden Jahren zu politischen Unruhen. Präsident Rhee dankte 1960 ab und ging ins Exil. Nach einem kurzen Interregnum putschte sich 1961 das Militär unter Leitung von General Park Chung-hee an die Macht. Das Parlament wurde aufgelöst und durch eine Militärregierung ersetzt, an deren Spitze Park stand. Unter Park setzte im Lauf der Jahre der wirtschaftliche Aufschwung des Landes ein, auf der anderen Seite wurden unter seiner Regierung wesentliche demokratische Rechte verletzt und stark eingeschränkt. 1979 fiel Park einem Attentat zum Opfer. Im Dezember 1979 fanden Wahlen statt, doch schon eine Woche später putschte das Militär gegen die gewählte Regierung. Im darauffolgenden Jahr kam es zu großen Demonstrationen im ganzen Land, die Menschen forderten Rechte und Reformen ein. Um eine Destabilisierung des Landes zu vermeiden, die nach damaliger Ansicht den Norden zur Invasion hätte verleiten können, ging man mit äußerster Brutalität gegen die Aufständische vor. Insbesondere in der im Südwesten des Landes liegenden Stadt Gwangju wurde im Mai 1980 ein Exempel statuiert und der Aufstand der Bevölkerung brutal niedergeschlagen. [2]


Dong-Ho, 1980
Jeong-Dae, 1980
Eun-Suk, 1985
Jin-Su, 1990
Seon-Ju, 2002
Dong-Hos Mutter, 2010

 

……….

Han Kangs [1] meisterlicher Roman Menschenwerk hat diesen Aufstand in Gwangju, wo sie selbst im November 1970 geboren worden ist, zum Thema. Sie unterteilt ihren Roman in sechs Abschnitte, in denen sie jeweils eine Person über ihre Erinnerungen und Erlebnisse berichten läßt. Verbindendes Glied dieser Abschnitte ist der fünfzehnjährige Junge Dong-Ho, dessen Geschichte das Buch eröffnet. In einem Epilog schildert Kang abschließend ihre eigenen Erinnerungen als Kind an diese Tage zwischen dem 18. und dem 27. Mai 1980, es zeigt sich hier auch ein weiterer, direkter Bezug, den die Familie Han zu Dong-Ho (und seiner Schwester) hat. Literarisch ist das Buch als Roman klassifiziert, ich befürchte nur, nein, ich gehe davon aus, daß nichts von dem, was Han berichtet, erfunden ist.

Schon mit den ersten Seiten führt die Autorin uns Leser an Grenzen. Dong-Ho, ein fünfzehnjähriger Schüler ist auf der Suche nach seinem Freund Jeong-Dae, mit dem er auf einer Demonstration war und der von einer Kugel getroffen worden war. Die Leichen der Erschossenen, der Massakrierten, der Erschlagenen sind in der Turnhalle aufgebahrt, um dort möglicherweise von Verwandten identifiziert zu werden, still daliegende Körper und ein furchtbarer Gestank.

Seinen Freund findet Dong-Ho nicht, aber er bleibt bei den Menschen, die in der Halle arbeiten, die Toten zurecht machen, sie aufbahren und die Angehörigen begleiten. Es ist jedoch nicht Dong-Ho selbst, der uns seine Suche schildert, Han erzählt aus der Sicht seiner Seele, die beschreibt, was damals geschehen ist: Du nahmst die Hand herunter, die du wegen des Gestanks vor die Nase gehalten hattest, und sagtest: „Ich suche einen Freund.“ – „Seid ihr verabredet?“ – „Nein, aber ich dachte unter den vielen Leichen …“ – „Oh, ich verstehe, dann schau dich um.“

Die Menschen in der Turnhalle erwarten den Angriff der Soldaten – wie alle Menschen in der Stadt. Sie bereiten sich darauf vor, Dong-Ho ist zu jung zum Kämpfen, er wird nach Hause geschickt, gehorcht aber nicht.

Noch einmal läßt die Autorin eine Seele berichten: die des von Dong-Ho gesuchten Jeong-Dae schildert, was mit dem Körper Jeong-Daes passiert ist und wie die Soldaten anschließend die Leichen der erschossenen Demonstranten Getreidesäcken gleich auf LKW schmeissen, irgendwo draußen zu Türmen stapeln (jeweils rechtwinklig übereinander, oben schließt ein Strohsack den makabren Turmbau ab). Es sind diese beiden ersten Abschnitte, die von Verwesungsgeruch wabern, von Maden, die die zu den Seelen gehörenden körperlichen Hüllen zersetzen, von Gesichtern, die immer unkenntlicher werden, bevor sie sich in einem Gemenge von Sekret, Schleim und sich windenden Aasfressern auflösen… Jede Nacht kommt der LKW und türmt neue Haufen, bis dann endlich Benzin über die kaum noch ertragbar stinkenden Leichentürme gegossen wird und sie verbrennen – und endlich die Seelen freigeben, die Seelen, die bis dahin an die Körper gebunden waren und die erst mit dessen Auflösung ihre eigene Freiheit gewinnen.

Es ist ein geschicktes Vorgehen der Autorin, ihre Zeugen über einen großen Zeitraum hinweg zu befragen. Es sind auch nicht alle Zeugen direkt bereit, sich an das Vergangene zu erinnern, mit diesem Kunstgriff führt sie sich selbst verfremdet als Fragerin in die Handlung ein. Auf diese Art kann Han nicht nur die damaligen Ereignisse exemplarisch darstellen, sondern auch die langfristigen Folgen für die Menschen.

So schält sich ein kaum ertragbares Bild heraus von unsäglichen Foltern, die die eingekerkerten Menschen erdulden mussten, von der Tatsache, daß die Grausamkeiten kein Exzess waren, sondern angeordnet und belohnt wurden. In Kambodscha haben sie mehr als zwei Millionen Menschen umgebracht. Es gibt keinen Grund, hier nicht das Gleiche zu tun. wird als Ausspruch eines Generals kolportiert. Es war zwar das Ziel, einen Aufstand niederzuschlagen, aber es ging auch ums reine Töten, ums Abschlachten. Es wurden 800.000 Schuß Munition ausgegeben, das waren pro Kopf zwei Schuss… Von den Dächern aus war es ein Scheibenschießen auf Demonstranten, Jugendliche, die sich mit erhobenen Händen ergaben, wurden niedergemäht. Deren Leichen fielen so ordentlich in Reihe, daß man auf Fotos glauben konnte, sie seien erst später so angeordnet worden. Es gab, auch das sagt Han, auch andere Soldaten. Soldaten, die die Lieder nicht mitsagen, die in die Luft schossen, Verletzte an die Krankenhäuser brachten. Aber das Gros war entmenschlicht.


Jeden Tag betrachte ich die Narben auf meiner Hand. Ich streiche über die Stellen, an denen der Knochen offen gelegen hatte und an denen die nässenden, entzündeten Geschwüre gewesen waren. … Ich warte darauf, dass die Zeit alle wunden heilt. Darauf, dass der natürliche Tod mich ein für alle Mal erlösen wird von der Erinnerung an den schmutzigen Tod, der mich Tag und Nacht verfolgt.

Die vom Geheimdienst oder der Polizei Eingekerkerten wurden verhört, geschlagen, gefoltert, nackt in Ameisenhaufen gelegt, penetriert mit dem was da war, … körperliche und seelische Verletzungen, die über Jahre und Jahrzehnte nicht verheilen konnten, oft im Alkohol und im Suizid ebenso mündeten…

Ich kämpfe, jeden Tag. Ich kämpfe allein. Ich kämpfe gegen die Schande, überlebt zu haben und immer noch am Leben zu sein. Ich kämpfe gegen die Tatsache, dass ich ein Mensch bin.
Ich kämpfe gegen die Vorstellung, nur mein Tod könne mich von all dem befreien. 


Han schildert die Vorgänge weitgehend sachlich, neutral, nüchtern, distanziert. Sie beobachtet, läßt die Bewertung und die Gefühle über das Gelesene beim Leser entstehen. Erst im Epilog, der über ihre eigene Rolle bzw. den Zusammenhang der Geschehnisse mit ihrer Familiengeschichte berichtet, spürt man die Anstrengung, die Belastung, die das Verfassen dieses Romans, die Recherche, die gefundenen Fakten für sie darstellen. Sie wird von Alpträumen geplagt, in denen sie sich mit den Verfolgten Menschen identifiziert, selbst zur Verfolgten, Ermordeten wird. Wenn mir doch einmal die Augen zufallen, dann bin ich wieder in den dunklen Straßen des Viertels mit dem Nachhilfeinstitut. … Gesichter tauchen schemenhaft in der Mitte einer dunklen Straße auf. Es sind die Gesichter der Getöteten. Das ausdruckslose Gesicht meines Mörders, der einen Säbel in meine Brust rammt.  

Wenn ich an diese zehn Tage in der Geschichte dieser Stadt denke, dann sehe ich sofort einen Menschen vor mir, der zu Tode geprügelt wird, mit vor Schreck geweiteten Augen. Ich sehe den Moment, in dem er seinen Peiniger anschaut, die verklebten Lider mühsam öffnend, Blut und Zähne ausspuckend. Ich sehe den Moment, in dem er sich an sein eigenes Gesicht erinnert, seine Stimme und seine Würde, die einem früheren Leben anzugehören schien.


Am Schluß ihrer Betrachtungen kommt sie zu einer bemerkenswerten Feststellung. Die Verteidiger des Regierungsgebäudes, das gestürmt wird, waren alle bewaffnet, aber kaum jemand hat von der Waffe Gebrauch gemacht. Auf die Frage angesprochen, warum sie überhaupt geblieben waren, obwohl sie genau wussten, dass sie unter Beschuss geraten würden, antworteten alles Überlebenden ähnlich. „Ich weiß nicht, warum, aber es schien mir einfach das Richtige zu sein. – Ich hatte mich getäuscht, sie als Opfer zu betrachten. Sie sind genau deswegen geblieben, damit sie nicht zu Opfern werden. Aber was sind sie dann? Helden würde sie sie nicht nennen, … Aushaltende …  Widersteher. Menschen, die der Gewalt etwas entgegensetzen. Umarmende. [3]

Diese Aushaltenden, die Toten des Massaker, haben soweit es möglich war, ihre Ruhestätten gefunden. Sie wurden umgebettet, in einer berührenden Passage schildert Han im Epilog die Schmerzen, die Trauer der Angehörigen, als sie die Knochen ihrer Toten reinigen. Auch Dong-Ho hat jetzt ein Grab, auf dem sein Name steht. Schmerz und Trauer der Menschen haben jetzt einen Ort bekommen [4].


Han Kang hat den aufständischen Einwohnern ihrer Geburtsstadt Gwangju mit Menschenwerk stellvertretend für alle Menschen, die sich damals gegen das autoritäre, von den Amerikanern gestützte Regime auflehnten, ein meisterliches Denkmal gesetzt. Gleichzeitig war es Arbeit an einer eigenen Wunde, die sie als Kind erlitt, als sie heimlich Bilder des Aufstandes anschaute, denn damals zerbrach etwas Zartes [in  ihr], von dem [sie] gar nicht wusste, dass es da gewesen war. Menschenwerk klagt darüber hinaus jedes totalitäre, repressive Regime an, weil es bereit ist, die Grundrechte jedes Menschen mit brutaler Gewalt zu unterdrücken und es beschreibt den Heldenmut derjenigen, die sich trotzdem dagegen stellen.

Menschenwerk – ein (literarischer) Höhepunkt, der bleiben wird.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Han_Kang
[2] Wiki-Beitrag über die Geschichte Südkoreas:
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Südkoreas
Videoclip: vimeo.com
[3] so Han selbst in: Volker Weidemann im Interview mit Han Kang: Die Reinigung der Knochen; in DER SPIEGEL 39/2017, S. 122f
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/18._Mai-Nationalfriedhof_von_Gwangju

ferner interessant: Südkoreas Trauma: eine Buchvorstellung in 3sat: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=68837 (und ein Dank an Marina, die mich darauf aufmerksam machte)

des weiteren habe ich von Han Kang noch den Roman Die Vegetarierin vorgestellt:
https://radiergummi.wordpress.com/…vegetarierin/

Han Kang
Menschenwerk
Aus dem Koreanischen übersetzt von Ki-Hyang Lee
Originalausgabe: 소년이 온다 (Sonyeoni onda), Changbi, 2014
diese Ausgabe
: Aufbau-Verlag, HC, ca. 214 S., 2017

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Anna Kim: Die grosse Heimkehr

Die Autorin Anna Kim und mich verbindet etwas (von dem sie natürlich nichts ahnt, ahnen kann): wir haben, so schreibt es zumindest die Wiki, zur gleichen Zeit in der gleichen Stadt gelebt: Anfang der 80er Jahre in Gießen [1]. Geboren wurde Anna Kim jedoch 1977 in Südkorea, sie kam aber schon im Jahr darauf mit ihren Eltern nach Deutschland und zog 1984 nach Wien um, wo sie dann später Philosophie und Theaterwissenschaft studierte; vor Kurzem ist sie nach Berlin umgesiedelt [2].

In der Rahmenhandlung zu ihrem vorliegenden Roman Die grosse Heimkehr spiegelt sich dieses eigene Schicksal in der Figur der Hanna wieder, denn die Ich-Erzählerin dieser Rahmenhandlung kam mit vier Jahren aus Korea  in eine deutsche Pflegefamilie. Die junge Frau treffen wir in Korea an, auf der Suche nach ihrem einstigen koreanischen Kindermädchen, von dem sie sich Auskunft erhofft über ihre Eltern. Ein älterer Mann in Seoul fragt bei ihr an, ob sie ihm einen Brief übersetzen kann, den er aus den USA erhalten hat. Dieser Brief enthält die Nachricht, daß eine gewisse Eve Lewis in einem amerikanischen Altersheim gestorben ist und die Anschrift von Yunho Kang, dieses Mannes nämlich, die einzige Adresse ist, die man in ihrem Nachlass gefunden hat und die man benachrichtigen konnte.

Eve Lewis…. ja, Yunho Kang kannte diese Frau, auch wenn es lange her ist und ihr Name – einer unter vielen – damals Eve Moon war. Es war eine kurze Zeit, aber sie war intensiv, diese wenigen Monate 1959/1960 waren prägend für sein ganzes Leben. So konzentriert sich die eigentlichen Handlung des Romans auf diese Zeitraum, sie spielt an zwei Orten, in Seoul und im zweiten Teil des Buches im japanischen Osaka. Im Mittelpunkt stehen Yunho Kang, sein Freund aus Kindertagen ‚Johnny‘ Kim, mit dem zusammen er in einer kleinen Siedlung im Westen Südkoreas aufwuchs und eben nämliche ‚Eve‘ Moon, deren koreanischer Name Yunmee war so wie der von Johnny Mino lautete…

Yunho lernt Eve 1959 als Freundin von Johnny kennen, in Seoul, wo er diesen, den er Jahre nicht gesehen hat, aufsucht. Yunho braucht Hilfe, einen Platz zum Schlafen, etwas Geld, vielleicht auch Arbeit… Johnny hilft ihm, greift ihm unter die Arme und so verknüpft sich das Leben dieser drei Figuren  für die nächsten Monate, deren Verlauf man nicht vorhersehen kann in diesen für Korea so unruhigen Zeiten…


Was wusste ich vor diesem Roman von der Geschichte Koreas? Nun, im zweiten Weltkrieg war es von den Japanern besetzt, viele koreanische Frauen wurden verschleppt, zur Zwangsarbeit, jedoch auch zur (sexuellen) Betreuung japanischer Truppen gezwungen. Nach dem Krieg wurden die Interessensphären der Siegermächte durch den 38. Breitengrad getrennt und der Norden kam unter der Herrschaft Kim Il-Sungs erst einmal in den russischen Einflussbereich, während im Süden der von den Amerikanern unterstützte Syngman Rhee erster Präsident Südkoreas wurde. Das Jahr 1953 verbinde ich mit dem Korea-Krieg (der jedoch schon drei Jahre vorher ausgebrochen war), der die Welt damals an den Rand einer erneuten Katastrophe brachte. Danach war die Teilung Koreas in einen kommunistischen Norden und einen – sagen wir mal – nicht-kommunistischen Süden fixiert. Wirtschaftlich und auch politisch entwickelten sich die beiden Landesteile in den nächsten Jahrzehnten sehr auseinander. Während der Norden unter einer Art kommunistischer Dynastie der Kims [3] politisch immer extremer wurde und die wirtschaftliche Entwicklung des vor der Teilung industrialisierter und mit mehr Bodenschätzen gesegneten Landesteiles immer mehr ins Stocken geriet, bis die Versorgungslage heutzutage – zumindest für die Masse der Bevölkerung – zum reinen Elend verkommen zu sein scheint, entwickelte sich der Süden zu einem wirtschaftlich starken Land mit weltweit operierenden Konzernen. Politisch war die Lage aber auch im Süden nie einfach, auch hier gab es unter Rhee Unterdrückung und Verfolgung Andersdenkender, die erst im Lauf der Jahrzehnte nachließ.


Beim Lesen von Kims Roman habe ich gemerkt, wie dürftig dieses Wissen ist. Denn Die grosse Heimkehr ist erzählte koreanische Geschichte, eine überaus gelungen erzählte Geschichte. Sie nimmt ihre drei Protagonisten und konzentriert auf deren Schicksal die Zerrissenheit, die Unsicherheit, die Lüge und die Bedrohung, unter der ein ganzes Volk lebte, leben musste und stellt dies in den Zusammenhang mit der gesamten jüngeren Historie des Landes, die vor allem auch durch die japanische Besetzung geprägt war.

Auch im Südteil des Landes, der nicht-kommunistisch ist, herrschte nach dem Krieg Verfolgung und Terror. Wer Verwandte im Norden hatte oder gar selbst aus dem Norden stammte, war automatisch im Verdacht, ein kommunistischer Spion zu sein. Paramilitärische Schlägertrupps wie die ‚Nord-West-Jugend‘ machten Jagd auf sie und waren in ihren Methoden nicht zimperlich. Johnny gerät in eine Auseinandersetzung mit einem Mitglied dieser Nord-West-Jugend, ein Streit, der tödlich endet und so muss Johnny fliehen und mit ihm Eve und auch Yunho, der den Kampf durch einen Zufall miterlebt hat. Eve, die als Tänzerin und Bardame Beziehungen hat, kann eine illegale Überfahrt nach Japan organisieren, wo in Osaka eine größere, kommunistisch orientierte koreanische Kolonie lebt.

Aber auch in Japan sind die Verhältnisse unter den Koreanern alles andere als einfach und übersichtlich, es toben hier ebenfalls Auseinandersetzungen und ideologische Grabenkämpfe, die sich nochmals zuspitzen, als Kim Il-Sung Die große Heimkehr ausruft: Er verspricht jedem Koreaner, der aus Japan nach Nordkorea kommt, sozusagen das Blaue vom Himmel: Essen, Arbeit, Ausbildung, Wohnung…. Viele lassen sich auf dieses Angebot ein, manche werden überredet, manche gezwungen… andere wiederum sind skeptisch, schon Monate haben sie nichts mehr von Verwandten gehört, die zurück gefahren sind und zu schreiben versprochen hatten… oder sie haben schlicht und einfach das komfortable Leben in Japan zu schätzen gelernt.

Für die drei Protagonisten des Romans ändert sich in Japan alles. Sie treten dort als Geschwister auf, die Liebesbeziehungen zu Eve, die es in Korea gab, schlafen offensichtlich ein, zumindest die von Yunho, der als Erzähler im Mittelpunkt des Geschehens steht und die Ereignisse aus seiner Sicht schildert. Auch Eve wird immer rätselhafter, war sie in Korea dominant und selbstbewusst, hat sie in Osaka, wo sie in einem Frisiersalon Arbeit gefunden hat, ihr Verhalten völlig geändert, fast schon unterwürfig: die drei sind als Fremde unter Japanern, aber auch als Fremde unter den schon lange dort lebenden Koreanern zu erkennen. Für Yunho wird diese Frau immer rätselhafter, er erkennt, daß er im Grunde nichts von ihr weiß. Später, im Gespräch mit Hanna, sollte er sich erinnern: Eve gehörte zu den Menschen, die ihre Lebensgeschichte verdeckt halten, weil sie glauben, sich dadurch zu schützen. Da sie keine Biografie anbieten konnte, die ohne Weiteres von der Gesellschaft akzeptiert wurde, bestand ihr Werdegang aus Leerstellen, Lücken; Geheimnisse waren für sie keine Heimlichkeiten, sondern wesentlicher Bestandteil ihres Versuchs, normal zu sein. Ein Schutzverhalten in einem Staat, in dem jede Biographie einem Schaden konnte….

In dieser Zeit der ‚Grossen Heimkehr‘ scheint ein Verbrechen geschehen zu sein, die sowieso schon aufgeregten Menschen wühlt das Verschwinden eines Mädchens zusätzlich auf und Johnny wird beschuldigt, etwas damit zu tun zu haben. Er müsse sich entweder der Polizei als ihr Mörder stellen oder das Schiff nach Nordkorea besteigen, lautet das Ultimatum, das ihm gestellt wird…


Im Lauf der fast 560 Seiten entfaltet Kim ein Geschichtspanorama dieses so oft fremdbestimmten Landes, dessen Nordteil heute wie aus der Welt gefallen scheint. Die Entwicklung dieser beiden Teilstaaten (zumindest bis zum Jahr 1960) mitsamt einiger historischer Wurzeln in dieser souveränen erzählerischen Art geschildert zu bekommen, ist hochinteressant. Es wird deutlich, daß der Norden bei relativ günstigen Voraussetzungen (Bodenschätze, Industrieanlagen) nach dem Weltkrieg im Grunde mit einer positiven Motivation an die Gestaltung seines Staates ging, die erst im Lauf der Jahre entartete. Der Süden hingegen scheint sich anfänglich einfach durch den Gegensatz zum Norden definiert zu haben, missbraucht von einer Siegermacht, die ihn als einen Pufferstaat installiert und das diktatorische Treiben in weiten Grenzen duldete, wahrscheinlich sogar einen eigenen Anteil daran hatte. Brutalität und Willkür waren die Folge für die Bevölkerung.

Der ‚Grossen Heimkehr‘ steht im Roman die ‚Kleine‘ gegenüber: die der seinerzeit in eine Pflegefamilie nach Deutschland gegebene Hanna, die ihre biologischen Eltern zu finden versucht, aber einsehen muss, daß dies wohl nicht möglich ist. Über Yunhos Lebensgeschichte lernt sie aber das Land kennen, in dem sie geboren wurde und in dem sie von ihrer Mutter weggegeben wurde….


Die Grosse Heimkehr ist ein großartiger Roman mit Lebensläufen, die zu keiner Zeit Sicherheit und Gewissheit bieten. Alles kann in Frage gestellt werden und sich als Vorspiegelung oder Lüge erweisen. Schuld beruht nicht unbedingt auf schuldhaftem Handeln, sondern kann von aussen definiert werden: du warst mal in Nordkorea, also bist du ein Spion. Dein Bruder ist in Nordkorea, also bist du ein Spion…. Was nach 1960 mit den drei Hauptfiguren geschah, bleibt weitgehend ungesagt. Nordkorea wurde immer mehr zu einer Art Schwarzem Loch, das Menschen und so auch Johnny verschlang, aber keine Nachrichten mehr nach aussen ließ. Eve und Yunho trafen sich noch einmal, Jahre später, Eves Nachname war jetzt Lewis…. und Yunho selbst? Er konnte irgendwann nach Südkorea zurückkehren, aber wurde dort sofort vom Geheimdienst observiert, letztlich fand er sein Auskommen auf einer Hühnerfarm….

… und das alles schildert Kim in einer wunderbaren Sprache, mit Rückblenden, Schleifen und Exkursionen in die Geschichte des Landes. Das liest sich fesselnd und ist raffiniert konstruiert, trotz des erheblichen Umfangs, den Kims Roman aufweist, hat es mir leid getan, als ich die letzte Seite gelesen hatte….

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel über die Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Kim
[2] … wovon ich in diesem Interview, das die ZEIT mit Kim geführt hat (http://www.zeit.de/2017/12/anna-kim-die-grosse-heimkehr-roman), erfahren habe. Interessanterweise lebt die Autorin selbst nach dem Klappentext ihres erst vor wenigen Wochen erschienenen Romans allerdings immer noch in Wien….
[3] bei den asiatischen Namen ist es immer etwas schwierig zu entscheiden, welcher der Vor- und welcher der Nachname ist. Ich hoffe, ich habe mit ‚Kim‘ als Familiennamen die richtige Entscheidung getroffen….

Anna Kim
Die große Heimkehr
Originalausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 560 S., 2017

Han Kang: Die Vegetarierin

Literatur aus Korea ist hierzulande zwar kein weißer Fleck, über den Korean Book Service [1] sind immerhin fast zweihundert ins Deutsche übersetzte Titel im Bereich ‚Literatur und Belletristik‘ verfügbar, ferner war das Land 2005 Gastland der Frankfurter Buchmesse. Trotzdem ist koreanische Literatur doch immer noch etwas außergewöhnliches…. mit Han Kangs [3] preisgewürdigtem Roman Die Vegetarierin ist jetzt ein Titel erschienen, der bei der Kritik für Aufsehen sorgt und der schnell in den Bestsellerlisten auftauchte, wenngleich er zumindest beim Börsenblatt auch schon wieder daraus verschwunden ist [2]. Ein Strohfeuer also? Schön jedenfalls, daß Die Vegetarierin nicht auf dem Umweg über das Englische, sondern direkt aus ihrer Originalsprache zu uns gekommen ist.

vege


Die Vegetarierin ist ein schmaler Roman, ein Lesestoff für einen Abend. Es ist die  verstörende Geschichte einer jungen Frau, Yong-Hye, die eines Tages ohne von aussen erkennbaren und nachvollziehbaren Grund beschließt, vegetarisch zu leben, alles vom Tier stammende zu vermeiden (d.h., im Grunde sogar eine vegane Lebensweise einschlägt).

Erzählt wird die Geschichte Yong-Hyes in drei Kapiteln. Den einführenden Abschnitt lesen wir aus der Sicht des Ehemannes als Ich-Erzähler, die beiden folgenden Passagen dagegen werden zwar auch aus der Sicht einer jeweils anderen Person geschildert, einmal aus der des Schwagers und dann aus der der Schwester In-Hye, jedoch fungieren diese beiden nicht als Ich-Erzähler.

Die Darstellung setzt in etwa mit dem Entschluss der Hauptperson ein, vegetarisch zu leben. Mit diesem Entschluss verließ Yong-Hye die absolute Durchschnittlichkeit, die sie in den Augen ihres Mannes durch die Abwesenheit von z.B. Esprit, Charme, modischen Vorlieben, besonderer körperlicher Anziehungskraft oder auch Intellektualität auszeichnete, was sie für ihn, einen ebenfalls in der Durchschnittlichkeit untertauchenden Mann attraktiv machte; bis zu diesem Zeitpunkt des einsetzenden Vegetarismus hielt er sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar. Eine Sonderlichkeit war allerdings schon vorher zu beobachten, da Yong-Hye, wie er schon bei ersten Treffen vor der Hochzeit bemerkte, keinen BH trägt.

Ich hatte einen Traum.

Sukzessive verfolgen wir, wie die junge Frau der normalen Lebenswelt in Korea immer weiter entgleitet. Nicht nur, daß sie sämtliche fleischhaltigen Lebensmittel aus dem Haushalt entfernt – dies wäre, hätte sie sich etwas geschickter verhalten, unter Umständen gesellschaftlich noch akzeptabel gewesen, da Vegetarismus auch in Korea nicht mehr ganz unbekannt ist, wenngleich er als gesellschaftlich unerwünscht gilt. Jedoch provoziert sie durch die kompromisslose und unerklärte Absolutheit ihrer Haltung. Desgleichen zieht Yong-Hye sich aus der ehelichen Beziehung zurück, da ihr Mann – so sagt sie ihm – Fleischgeruch ausdünstet, der sie anekelt. Gesellschaftlich stellt sie ihn bloß und schadet seiner beruflichen Karriere, weil sie zu eine wichtigen Einladung seines Chefs in unangemessen schlichter Kleidung und deutlich sichtbar ohne BH erscheint, was sowohl die Männer als auch die Frauen verwirrt und vor den Kopf stößt. Da nur die wenigsten Speisen völlig frei sind von Fleischzutaten, isst sie kaum etwas und Grund dafür, daß die Stimmung unter den Eingeladenen schlecht ist.

Bei einem Familientreffen versucht der jähzornige Vater Yong-Hyes dieser mit Gewalt etwas Fleisch in den Mund zu schieben. Die Situation eskaliert und hat einen Suizidversuch der jungen Frau zur Folge. Der Schwager kann die durch den Messerschnitt entstandende Blutung stillen und bringt Yong-Hye in ein Krankenhaus.

Im zweiten Abschnitt erfahren wir, daß sie nach der Behandlung wieder etwas zugenommen hat und es ihr allgemein besser geht, sogar auf Arbeitssuche begibt die junge Frau sich wieder. Ihr Mann jedoch hat sich mittlerweile von ihr getrennt.  Der Suizidversuch hatte aber noch eine weitere Wirkung: er war der Beginn einer Art magischen Beziehung zwischen dem Schwager, der die blutende Yong-Hye ins Krankenhaus brachte und eben Yong-Hye. Unterdrückt diese dem Schwager nicht bewusste Beziehung auch in der ersten Zeit seine Kreativität und beeinflusste sein gesamtes Leben und ebenso seine Ehe, so drängt diese unterdrückte Obsession nach dem Besuch eines Balletts mit unbekleideten, körperbemalten Künstlern immer stärker nach aussen.  Daß seine Frau mit dem Hinweis auf den immer noch vorhandenen Mongolenfleck seiner Schwägerin, der in seiner Phantasie sofort zum Kelch einer grünen Blüte wird, die verhängnisvolle Entwicklung, die zu einer weiteren familiären Katastrophe führen wird, endgültig in Gang setzt, ist eine besondere Tragik des Geschehens.

Der dritte Abschnitt spielt wieder einige Jahre später. Yong-Hye ist ein einer Nervenklinik ausserhalb der Stadt. Nach der Katastrophe mit ihrem Schwager nahmen die Wahnvorstellungen immer mehr Raum in ihr ein, in ihrer Welt mutiert sie immer mehr zur Pflanze. Die Familie ist zerbrochen, nur noch In-Hye kümmert sich um sie. Aus ihrer Sicht lesen wir über das weitere Schicksal Yong-Hyes. Diese isst praktisch nichts mehr, ist nur noch Haut und Knochen und lebt in ihren Wahnvorstellungen, ihr einziges Ziel ist es noch, zur Erde, in den großen Kreislauf zurückzukehren….


Jedes der drei Kapitel des Buches bedeutet eine Steigerung in der Obsession der jungen Frau. Bezieht sich ihre Abscheu vor Fleisch anfänglich nur auf das Essen, später dann auch auf den Verkehr mit ihrem Mann und Kleidungsstücke, die vom Tier stammende Komponenten enthalten, so kann sie im folgenden Abschnitt des Buches die Anweisungen des Künstlers/Schwagers nur befolgen, wenn ihr Partner ebenfalls mit Pflanzenbilder bemalt ist – so wie sie. Diese Pflanzen auf der Haut bilden einen Schutz, unter dem sie sich wohl fühlt, sie wäscht die Bilder auf den eigenen Körper nicht ab, will sie bewahren. Bei dem männlichen Partner hingegen überdecken sie das Tierische, das Animalische, vor dem sie sich ekelt, das sie ablehnt.

In der letzten, finalen Stufe, lehnt sie jegliche Nahrung ab, sie braucht nur noch Licht und Wasser. Ist es ihr bewusst, daß sie so sterben wird? Wenn ja, so schreckt es sie nicht, der Tod würde sie zurück in den ewigen Kreislauf führen…


Wacht Gregor Samsa eines Morgens auf und ist verwandelt, so scheint Yong-Hye etwas entsprechendes anzustreben: den Übergang, die Metamorphose in eine Pflanze. Vor allem Bäume haben es ihr angetan, die Riesen des Waldes, die – so glaubt sie – verkehrt herum stehen, weshalb sie in der Klinik sich ebenfalls häufig im Kopfstand übt…. Im übrigen tauchte dieses Bild eines ‚Baumes‘ schon im zweiten Abschnitt mit dem Schwager auf, der sie die Natürlichkeit eines wildgewachsneen Baumes, der noch nie zurechtgestutzt worden war, ausstrahlen sah.

Ich hatte einen Traum, dies ist die einzige Erklärung, die sie ihrer Umwelt gibt. Verständlich, daß damit nichts erklärt ist, der um sich greifende Wahn der jungen Frau immer rätselhafter wird. Die Träume allerdings, die wir als Leser erfahren, sind schlimm, blutig, gewalttätig… bald schläft Yong-Hye kaum noch, verstößt gegen immer mehr der (un)geschriebenen Verhaltensregeln der (koreanischen) Gesellschaft, wird immer mehr zu Aussenseiterin, bis der Suizidversuch sie endgültig als krank kennzeichnet. Man könnte dies als Bild sehen für die Gesellschaft allgemein: der Aussenseiter, das Abweichende als krank, als Krankheit.

Es ist mein Herz, das schmerzt, und in meiner Magengrube spüre ich einen undefinierbaren Druck. Er ist immer da. Im Moment sogar, wenn ich keinen BH trage. Auch ein tiefer Atemzug bring keine Erleichterung. 
Was sich dort angesammelt und festgesetzt hat, das sind Schreie und Gebrüll. Und die kommen vom Fleisch. Ich habe zu viel davon gegessen. All die Seelen sind drort eingeklemmt, da bin ich sicher. Blut und Fleisch werden verdaut […] Der Rest wird ausgeschieden. Aber die Seelen klammern sich hartnäckig in meinem Magen fest. …

Die Verständnislosigkeit der Umwelt äußern sich in heftiger, ja, brutalen Aktionen gegen die junge Frau. Versucht der Mann auch aus Eigeninteresse zumindest anfänglich noch, seine Frau in Schutz zu nehmen, so provoziert der Vater (obwohl sicherlich in Verkennung des Ernstes der Lage) einen Suizidversuch, mit schierer Kraft schiebt er seiner Tochter ein Fleischstück in den Mund. Später, in der Klinik, sind die Behandlungsmethoden ebenfalls oft auf Gewalt gegründet, die den Willen der Patientin, deren Weigerung zur Kooperation ignoriert und mit Anwendung von Zwangsmitteln bricht.

Yong-Hye wird zum Störfaktor, auf privater und auf gesellschaftlicher Ebene. Die private Entscheidung zu einem bestimmten Lebensstil offenbart immer stärker ihren Wahncharakter. Das die junge Frau sich auch in der Öffentlichkeit hin und wieder völlig unaufgeregt barbusig zeigt, passt ins Bild. Yong-Hye wirft das geordnete, vorgezeichnete Leben aller Personen, mit denen sie in Beziehung steht, durcheinander.

Die ältere Schwester In-Hye hasst Yong-Hye mittlerweile, machdt sie für das eingetretene Unglück verantwortlich, besucht sie aber trotzdem regelmäßig in der Klinik und fängt an, über ihr eigenes Leben zu reflektieren und bislang nicht hinterfragte Prinzipien in Frage zu stellen:

Alles ist sinnlos.
Ich halte es nicht mehr aus.
Ich kann so nicht weitermachen.
Ich will nicht mehr. 

Noch einmal betrachtete sie die Dinge, die um sie herum standen. Sie gehörten ihr nicht. Ebenso wenig wie das Leben, das sie führte. […] Sie verstand, dass sie schon seit langem tot war. Dass ihr kräftezehrendes Leben nur ein Trugbild war, eine Farce. […]

Wir begleiten In-Hye bei ihrem Besuch der Schwester. Es ist eine lange Busfahrt in strömenden Regen, durch sich in den Boen wiegende Bäume, durch dunkle Tunnels, alles ist symbolisch aufgeladen. Schon während dieser Fahrt, aber vor allem bei der Schwester, der es sehr schlecht geht, kommen immer wieder Bilder aus der Vergangenheit hoch, die sie jetzt auf einmal deutlicher sieht, im Lichte der familiären Katastrophe neu einordnet und sie kommt zu der Erkenntnis, daß das Leben und die Ehe, das/die sie geführt hat, auch sie in eine Katastrophe hätte treiben können: Sie sieht die Wahrheit deutlich: Wenn nicht ihr Mann und Yong-Hye die Ersten gewesen wären, die Grenzen überschritten und damit die heile Welt zerstört hatten, dann wäre es wahrscheinlich sie selbst gewesen, die sich aufgelöst hätte und auf Nimmerwiedersehen verschwunden wäre. …


Das Buch, ausgezeichnet mit dem Man Booker International Prize 2016 (einem Preis für ausländische, ins Englische übertragene Bücher) ist schmal und liest sich gut. Die Sprache ist einfach, klar, nüchtern und sachlich, sie stellt keineswegs große Ansprüche an den Leser. Das Geschehen ist dramatisch. Es ist nicht die Tatsache, daß eine Frau beschließt, kein Fleisch mehr zu essen, dies wäre auch in Korea zwar seltsam, aber unter Umständen als neue Sitte noch akzeptabel gewesen, es ist die Tatsache, der Rigorosität und des Fehlen eines nachvollziehbaren Grundes. Ein Traum, in dem sie Gesichter sieht, die dem Fleisch bzw. den ehemaligen Tieren innenwohnenden Seelen, die sich in ihrem Inneren festklammern – gibt sie den Fragen ihrer Verwandten nach, so sind diese durch solche Antworten kaum zufrieden zu stellen.

Yong-Hye wird zur Aussenseiterin, der Versuch, sie mit Zwang in die Gesellschaft zurückzuholen, endet mit einer Katastrophe, wenn man so will, beginnt hier, mit dem Versuch des Vaters, ihr Fleisch in den Mund zu schieben, die Ursache-Wirkungs-Kette, die sich (zumindest auf diese geschilderte Art und Weise) zur familiären Tragödie auswächst, wobei man natürlich nicht weiß, wie es anders gekommen wäre.

Was machen mit Aussenseitern, die sich selbst durch harte Massnahmen nicht bekehren lassen? Yong-Hye wird nach dem Suizidversuch in eine Klinik gebracht, eingesperrt. Der Schwager erinnert sich Jahre später seines damaligen Eindrucks, daß es besser gewesen [wäre], sie wäre gar nicht erst wieder aufgewacht, so schwierig und unauflösbar sei ihre Situation gewesen. Eine Situation, die sich noch einmal wiederholen sollte, wieder diese beiden Menschen, Yong-Hye und der Schwager, die in einer für Aussenstehende unverständlichen und kompromittierenden Situation beobachtet werden und vom sofort herbeigerufenen psychiatrischen Notdienst abtransportiert werden.

Auch wenn Yong-Hyes Wahnvorstellungen in der Schilderung der Autorin in der Tat krankhaft sind – sie führen schließlich zu ihrem Tode, wie es uns der schwarze Vogel am Himmel im vorletzten Absatz symbolisiert – so lassen sich doch übergeordnete Aussagen aus dem Roman extrahieren:

(i) In der rigiden koreanischen Gesellschaft wird abweichendes Verhalten notfalls mit Gewalt korrigiert. Ist dies nicht möglich, muss der Abweichler eingesperrt und als Kranker behandelt werden. Anders ausgedrückt, plädiert Han Kang in ihrem Roman für das Recht, sich selbst auszudrücken, nach der eingenen Facon glücklich zu werden.
(ii) unter der glatten, unverbindlichen Oberfläche (koreanischer) Familien lauern Verwerfungen, Spannungen und unterdrückte Wünsche, die sich, wenn sie virulent werden, zu großen Tragödien auswachsen können.
(iii) (Familiäre) Katastrophen können aber auch die Chance bieten, das bisherige Leben zu reflektieren und neu zu gestalten.

Han Kangs Roman Die Vegetarierin ist ein kleines, unprätentiöses Schmuckstück. Kompromisslos nimmt sie die Verwerfungen unter der glatten Oberfläche ihrer Mitmenschen wahr und analysiert sie scharf. Ihre Protagonisten verzweifeln an der Gesellschaft, werden krank an ihr oder sind bereit, alles auf´s Spiel zu setzen, um sich selbst zu verwirklichen. Letztlich scheitern jedoch alle Figuren des Romans und die Gesellschaft geht darüber hinweg, als hätte es sie nie gegeben.

Links und Anmerkungen

[1] http://www.koreanbook.de/deutsche-buecher/literatur-und-belletristik/romane/?sPage=1&sPerPage=48
[2] Einstieg im Börsenblatt im August (KW 33) auf Platz 16, Ende September (Kw 38) wird er nicht mehr geführt (https://www.boersenblatt.net/artikel-buchcharts_____die_aktuellen_bestsellerlisten.1240483.html, Stand: 05.10.2016)
[3] Wiki-Beitrag zur Autorin:     https://de.wikipedia.org/wiki/Han_Kang

Han Kang
Die Vegetarierin
Übersetzt aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
Originalausgabe: 채식주의자, Ch’angbi, 2007
diese Ausgabe: Aufbau-Verlag, HC, 190 S., 2016