Han Kang: Menschenwerk

Nach dem Korea-Krieg, der von 1950 bis 1953 dauerte und zur Teilung des Landes führte, lief die wirtschaftliche Entwicklung Südkoreas nur schleppend an, es kam in den nachfolgenden Jahren zu politischen Unruhen. Präsident Rhee dankte 1960 ab und ging ins Exil. Nach einem kurzen Interregnum putschte sich 1961 das Militär unter Leitung von General Park Chung-hee an die Macht. Das Parlament wurde aufgelöst und durch eine Militärregierung ersetzt, an deren Spitze Park stand. Unter Park setzte im Lauf der Jahre der wirtschaftliche Aufschwung des Landes ein, auf der anderen Seite wurden unter seiner Regierung wesentliche demokratische Rechte verletzt und stark eingeschränkt. 1979 fiel Park einem Attentat zum Opfer. Im Dezember 1979 fanden Wahlen statt, doch schon eine Woche später putschte das Militär gegen die gewählte Regierung. Im darauffolgenden Jahr kam es zu großen Demonstrationen im ganzen Land, die Menschen forderten Rechte und Reformen ein. Um eine Destabilisierung des Landes zu vermeiden, die nach damaliger Ansicht den Norden zur Invasion hätte verleiten können, ging man mit äußerster Brutalität gegen die Aufständische vor. Insbesondere in der im Südwesten des Landes liegenden Stadt Gwangju wurde im Mai 1980 ein Exempel statuiert und der Aufstand der Bevölkerung brutal niedergeschlagen. [2]


Dong-Ho, 1980
Jeong-Dae, 1980
Eun-Suk, 1985
Jin-Su, 1990
Seon-Ju, 2002
Dong-Hos Mutter, 2010

 

……….

Han Kangs [1] meisterlicher Roman Menschenwerk hat diesen Aufstand in Gwangju, wo sie selbst im November 1970 geboren worden ist, zum Thema. Sie unterteilt ihren Roman in sechs Abschnitte, in denen sie jeweils eine Person über ihre Erinnerungen und Erlebnisse berichten läßt. Verbindendes Glied dieser Abschnitte ist der fünfzehnjährige Junge Dong-Ho, dessen Geschichte das Buch eröffnet. In einem Epilog schildert Kang abschließend ihre eigenen Erinnerungen als Kind an diese Tage zwischen dem 18. und dem 27. Mai 1980, es zeigt sich hier auch ein weiterer, direkter Bezug, den die Familie Han zu Dong-Ho (und seiner Schwester) hat. Literarisch ist das Buch als Roman klassifiziert, ich befürchte nur, nein, ich gehe davon aus, daß nichts von dem, was Han berichtet, erfunden ist.

Schon mit den ersten Seiten führt die Autorin uns Leser an Grenzen. Dong-Ho, ein fünfzehnjähriger Schüler ist auf der Suche nach seinem Freund Jeong-Dae, mit dem er auf einer Demonstration war und der von einer Kugel getroffen worden war. Die Leichen der Erschossenen, der Massakrierten, der Erschlagenen sind in der Turnhalle aufgebahrt, um dort möglicherweise von Verwandten identifiziert zu werden, still daliegende Körper und ein furchtbarer Gestank.

Seinen Freund findet Dong-Ho nicht, aber er bleibt bei den Menschen, die in der Halle arbeiten, die Toten zurecht machen, sie aufbahren und die Angehörigen begleiten. Es ist jedoch nicht Dong-Ho selbst, der uns seine Suche schildert, Han erzählt aus der Sicht seiner Seele, die beschreibt, was damals geschehen ist: Du nahmst die Hand herunter, die du wegen des Gestanks vor die Nase gehalten hattest, und sagtest: „Ich suche einen Freund.“ – „Seid ihr verabredet?“ – „Nein, aber ich dachte unter den vielen Leichen …“ – „Oh, ich verstehe, dann schau dich um.“

Die Menschen in der Turnhalle erwarten den Angriff der Soldaten – wie alle Menschen in der Stadt. Sie bereiten sich darauf vor, Dong-Ho ist zu jung zum Kämpfen, er wird nach Hause geschickt, gehorcht aber nicht.

Noch einmal läßt die Autorin eine Seele berichten: die des von Dong-Ho gesuchten Jeong-Dae schildert, was mit dem Körper Jeong-Daes passiert ist und wie die Soldaten anschließend die Leichen der erschossenen Demonstranten Getreidesäcken gleich auf LKW schmeissen, irgendwo draußen zu Türmen stapeln (jeweils rechtwinklig übereinander, oben schließt ein Strohsack den makabren Turmbau ab). Es sind diese beiden ersten Abschnitte, die von Verwesungsgeruch wabern, von Maden, die die zu den Seelen gehörenden körperlichen Hüllen zersetzen, von Gesichtern, die immer unkenntlicher werden, bevor sie sich in einem Gemenge von Sekret, Schleim und sich windenden Aasfressern auflösen… Jede Nacht kommt der LKW und türmt neue Haufen, bis dann endlich Benzin über die kaum noch ertragbar stinkenden Leichentürme gegossen wird und sie verbrennen – und endlich die Seelen freigeben, die Seelen, die bis dahin an die Körper gebunden waren und die erst mit dessen Auflösung ihre eigene Freiheit gewinnen.

Es ist ein geschicktes Vorgehen der Autorin, ihre Zeugen über einen großen Zeitraum hinweg zu befragen. Es sind auch nicht alle Zeugen direkt bereit, sich an das Vergangene zu erinnern, mit diesem Kunstgriff führt sie sich selbst verfremdet als Fragerin in die Handlung ein. Auf diese Art kann Han nicht nur die damaligen Ereignisse exemplarisch darstellen, sondern auch die langfristigen Folgen für die Menschen.

So schält sich ein kaum ertragbares Bild heraus von unsäglichen Foltern, die die eingekerkerten Menschen erdulden mussten, von der Tatsache, daß die Grausamkeiten kein Exzess waren, sondern angeordnet und belohnt wurden. In Kambodscha haben sie mehr als zwei Millionen Menschen umgebracht. Es gibt keinen Grund, hier nicht das Gleiche zu tun. wird als Ausspruch eines Generals kolportiert. Es war zwar das Ziel, einen Aufstand niederzuschlagen, aber es ging auch ums reine Töten, ums Abschlachten. Es wurden 800.000 Schuß Munition ausgegeben, das waren pro Kopf zwei Schuss… Von den Dächern aus war es ein Scheibenschießen auf Demonstranten, Jugendliche, die sich mit erhobenen Händen ergaben, wurden niedergemäht. Deren Leichen fielen so ordentlich in Reihe, daß man auf Fotos glauben konnte, sie seien erst später so angeordnet worden. Es gab, auch das sagt Han, auch andere Soldaten. Soldaten, die die Lieder nicht mitsagen, die in die Luft schossen, Verletzte an die Krankenhäuser brachten. Aber das Gros war entmenschlicht.


Jeden Tag betrachte ich die Narben auf meiner Hand. Ich streiche über die Stellen, an denen der Knochen offen gelegen hatte und an denen die nässenden, entzündeten Geschwüre gewesen waren. … Ich warte darauf, dass die Zeit alle wunden heilt. Darauf, dass der natürliche Tod mich ein für alle Mal erlösen wird von der Erinnerung an den schmutzigen Tod, der mich Tag und Nacht verfolgt.

Die vom Geheimdienst oder der Polizei Eingekerkerten wurden verhört, geschlagen, gefoltert, nackt in Ameisenhaufen gelegt, penetriert mit dem was da war, … körperliche und seelische Verletzungen, die über Jahre und Jahrzehnte nicht verheilen konnten, oft im Alkohol und im Suizid ebenso mündeten…

Ich kämpfe, jeden Tag. Ich kämpfe allein. Ich kämpfe gegen die Schande, überlebt zu haben und immer noch am Leben zu sein. Ich kämpfe gegen die Tatsache, dass ich ein Mensch bin.
Ich kämpfe gegen die Vorstellung, nur mein Tod könne mich von all dem befreien. 


Han schildert die Vorgänge weitgehend sachlich, neutral, nüchtern, distanziert. Sie beobachtet, läßt die Bewertung und die Gefühle über das Gelesene beim Leser entstehen. Erst im Epilog, der über ihre eigene Rolle bzw. den Zusammenhang der Geschehnisse mit ihrer Familiengeschichte berichtet, spürt man die Anstrengung, die Belastung, die das Verfassen dieses Romans, die Recherche, die gefundenen Fakten für sie darstellen. Sie wird von Alpträumen geplagt, in denen sie sich mit den Verfolgten Menschen identifiziert, selbst zur Verfolgten, Ermordeten wird. Wenn mir doch einmal die Augen zufallen, dann bin ich wieder in den dunklen Straßen des Viertels mit dem Nachhilfeinstitut. … Gesichter tauchen schemenhaft in der Mitte einer dunklen Straße auf. Es sind die Gesichter der Getöteten. Das ausdruckslose Gesicht meines Mörders, der einen Säbel in meine Brust rammt.  

Wenn ich an diese zehn Tage in der Geschichte dieser Stadt denke, dann sehe ich sofort einen Menschen vor mir, der zu Tode geprügelt wird, mit vor Schreck geweiteten Augen. Ich sehe den Moment, in dem er seinen Peiniger anschaut, die verklebten Lider mühsam öffnend, Blut und Zähne ausspuckend. Ich sehe den Moment, in dem er sich an sein eigenes Gesicht erinnert, seine Stimme und seine Würde, die einem früheren Leben anzugehören schien.


Am Schluß ihrer Betrachtungen kommt sie zu einer bemerkenswerten Feststellung. Die Verteidiger des Regierungsgebäudes, das gestürmt wird, waren alle bewaffnet, aber kaum jemand hat von der Waffe Gebrauch gemacht. Auf die Frage angesprochen, warum sie überhaupt geblieben waren, obwohl sie genau wussten, dass sie unter Beschuss geraten würden, antworteten alles Überlebenden ähnlich. „Ich weiß nicht, warum, aber es schien mir einfach das Richtige zu sein. – Ich hatte mich getäuscht, sie als Opfer zu betrachten. Sie sind genau deswegen geblieben, damit sie nicht zu Opfern werden. Aber was sind sie dann? Helden würde sie sie nicht nennen, … Aushaltende …  Widersteher. Menschen, die der Gewalt etwas entgegensetzen. Umarmende. [3]

Diese Aushaltenden, die Toten des Massaker, haben soweit es möglich war, ihre Ruhestätten gefunden. Sie wurden umgebettet, in einer berührenden Passage schildert Han im Epilog die Schmerzen, die Trauer der Angehörigen, als sie die Knochen ihrer Toten reinigen. Auch Dong-Ho hat jetzt ein Grab, auf dem sein Name steht. Schmerz und Trauer der Menschen haben jetzt einen Ort bekommen [4].


Han Kang hat den aufständischen Einwohnern ihrer Geburtsstadt Gwangju mit Menschenwerk stellvertretend für alle Menschen, die sich damals gegen das autoritäre, von den Amerikanern gestützte Regime auflehnten, ein meisterliches Denkmal gesetzt. Gleichzeitig war es Arbeit an einer eigenen Wunde, die sie als Kind erlitt, als sie heimlich Bilder des Aufstandes anschaute, denn damals zerbrach etwas Zartes [in  ihr], von dem [sie] gar nicht wusste, dass es da gewesen war. Menschenwerk klagt darüber hinaus jedes totalitäre, repressive Regime an, weil es bereit ist, die Grundrechte jedes Menschen mit brutaler Gewalt zu unterdrücken und es beschreibt den Heldenmut derjenigen, die sich trotzdem dagegen stellen.

Menschenwerk – ein (literarischer) Höhepunkt, der bleiben wird.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Han_Kang
[2] Wiki-Beitrag über die Geschichte Südkoreas:
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Südkoreas
Videoclip: vimeo.com
[3] so Han selbst in: Volker Weidemann im Interview mit Han Kang: Die Reinigung der Knochen; in DER SPIEGEL 39/2017, S. 122f
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/18._Mai-Nationalfriedhof_von_Gwangju

ferner interessant: Südkoreas Trauma: eine Buchvorstellung in 3sat: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=68837 (und ein Dank an Marina, die mich darauf aufmerksam machte)

des weiteren habe ich von Han Kang noch den Roman Die Vegetarierin vorgestellt:
https://radiergummi.wordpress.com/…vegetarierin/

Han Kang
Menschenwerk
Aus dem Koreanischen übersetzt von Ki-Hyang Lee
Originalausgabe: 소년이 온다 (Sonyeoni onda), Changbi, 2014
diese Ausgabe
: Aufbau-Verlag, HC, ca. 214 S., 2017

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Anna Kim: Die grosse Heimkehr

Die Autorin Anna Kim und mich verbindet etwas (von dem sie natürlich nichts ahnt, ahnen kann): wir haben, so schreibt es zumindest die Wiki, zur gleichen Zeit in der gleichen Stadt gelebt: Anfang der 80er Jahre in Gießen [1]. Geboren wurde Anna Kim jedoch 1977 in Südkorea, sie kam aber schon im Jahr darauf mit ihren Eltern nach Deutschland und zog 1984 nach Wien um, wo sie dann später Philosophie und Theaterwissenschaft studierte; vor Kurzem ist sie nach Berlin umgesiedelt [2].

In der Rahmenhandlung zu ihrem vorliegenden Roman Die grosse Heimkehr spiegelt sich dieses eigene Schicksal in der Figur der Hanna wieder, denn die Ich-Erzählerin dieser Rahmenhandlung kam mit vier Jahren aus Korea  in eine deutsche Pflegefamilie. Die junge Frau treffen wir in Korea an, auf der Suche nach ihrem einstigen koreanischen Kindermädchen, von dem sie sich Auskunft erhofft über ihre Eltern. Ein älterer Mann in Seoul fragt bei ihr an, ob sie ihm einen Brief übersetzen kann, den er aus den USA erhalten hat. Dieser Brief enthält die Nachricht, daß eine gewisse Eve Lewis in einem amerikanischen Altersheim gestorben ist und die Anschrift von Yunho Kang, dieses Mannes nämlich, die einzige Adresse ist, die man in ihrem Nachlass gefunden hat und die man benachrichtigen konnte.

Eve Lewis…. ja, Yunho Kang kannte diese Frau, auch wenn es lange her ist und ihr Name – einer unter vielen – damals Eve Moon war. Es war eine kurze Zeit, aber sie war intensiv, diese wenigen Monate 1959/1960 waren prägend für sein ganzes Leben. So konzentriert sich die eigentlichen Handlung des Romans auf diese Zeitraum, sie spielt an zwei Orten, in Seoul und im zweiten Teil des Buches im japanischen Osaka. Im Mittelpunkt stehen Yunho Kang, sein Freund aus Kindertagen ‚Johnny‘ Kim, mit dem zusammen er in einer kleinen Siedlung im Westen Südkoreas aufwuchs und eben nämliche ‚Eve‘ Moon, deren koreanischer Name Yunmee war so wie der von Johnny Mino lautete…

Yunho lernt Eve 1959 als Freundin von Johnny kennen, in Seoul, wo er diesen, den er Jahre nicht gesehen hat, aufsucht. Yunho braucht Hilfe, einen Platz zum Schlafen, etwas Geld, vielleicht auch Arbeit… Johnny hilft ihm, greift ihm unter die Arme und so verknüpft sich das Leben dieser drei Figuren  für die nächsten Monate, deren Verlauf man nicht vorhersehen kann in diesen für Korea so unruhigen Zeiten…


Was wusste ich vor diesem Roman von der Geschichte Koreas? Nun, im zweiten Weltkrieg war es von den Japanern besetzt, viele koreanische Frauen wurden verschleppt, zur Zwangsarbeit, jedoch auch zur (sexuellen) Betreuung japanischer Truppen gezwungen. Nach dem Krieg wurden die Interessensphären der Siegermächte durch den 38. Breitengrad getrennt und der Norden kam unter der Herrschaft Kim Il-Sungs erst einmal in den russischen Einflussbereich, während im Süden der von den Amerikanern unterstützte Syngman Rhee erster Präsident Südkoreas wurde. Das Jahr 1953 verbinde ich mit dem Korea-Krieg (der jedoch schon drei Jahre vorher ausgebrochen war), der die Welt damals an den Rand einer erneuten Katastrophe brachte. Danach war die Teilung Koreas in einen kommunistischen Norden und einen – sagen wir mal – nicht-kommunistischen Süden fixiert. Wirtschaftlich und auch politisch entwickelten sich die beiden Landesteile in den nächsten Jahrzehnten sehr auseinander. Während der Norden unter einer Art kommunistischer Dynastie der Kims [3] politisch immer extremer wurde und die wirtschaftliche Entwicklung des vor der Teilung industrialisierter und mit mehr Bodenschätzen gesegneten Landesteiles immer mehr ins Stocken geriet, bis die Versorgungslage heutzutage – zumindest für die Masse der Bevölkerung – zum reinen Elend verkommen zu sein scheint, entwickelte sich der Süden zu einem wirtschaftlich starken Land mit weltweit operierenden Konzernen. Politisch war die Lage aber auch im Süden nie einfach, auch hier gab es unter Rhee Unterdrückung und Verfolgung Andersdenkender, die erst im Lauf der Jahrzehnte nachließ.


Beim Lesen von Kims Roman habe ich gemerkt, wie dürftig dieses Wissen ist. Denn Die grosse Heimkehr ist erzählte koreanische Geschichte, eine überaus gelungen erzählte Geschichte. Sie nimmt ihre drei Protagonisten und konzentriert auf deren Schicksal die Zerrissenheit, die Unsicherheit, die Lüge und die Bedrohung, unter der ein ganzes Volk lebte, leben musste und stellt dies in den Zusammenhang mit der gesamten jüngeren Historie des Landes, die vor allem auch durch die japanische Besetzung geprägt war.

Auch im Südteil des Landes, der nicht-kommunistisch ist, herrschte nach dem Krieg Verfolgung und Terror. Wer Verwandte im Norden hatte oder gar selbst aus dem Norden stammte, war automatisch im Verdacht, ein kommunistischer Spion zu sein. Paramilitärische Schlägertrupps wie die ‚Nord-West-Jugend‘ machten Jagd auf sie und waren in ihren Methoden nicht zimperlich. Johnny gerät in eine Auseinandersetzung mit einem Mitglied dieser Nord-West-Jugend, ein Streit, der tödlich endet und so muss Johnny fliehen und mit ihm Eve und auch Yunho, der den Kampf durch einen Zufall miterlebt hat. Eve, die als Tänzerin und Bardame Beziehungen hat, kann eine illegale Überfahrt nach Japan organisieren, wo in Osaka eine größere, kommunistisch orientierte koreanische Kolonie lebt.

Aber auch in Japan sind die Verhältnisse unter den Koreanern alles andere als einfach und übersichtlich, es toben hier ebenfalls Auseinandersetzungen und ideologische Grabenkämpfe, die sich nochmals zuspitzen, als Kim Il-Sung Die große Heimkehr ausruft: Er verspricht jedem Koreaner, der aus Japan nach Nordkorea kommt, sozusagen das Blaue vom Himmel: Essen, Arbeit, Ausbildung, Wohnung…. Viele lassen sich auf dieses Angebot ein, manche werden überredet, manche gezwungen… andere wiederum sind skeptisch, schon Monate haben sie nichts mehr von Verwandten gehört, die zurück gefahren sind und zu schreiben versprochen hatten… oder sie haben schlicht und einfach das komfortable Leben in Japan zu schätzen gelernt.

Für die drei Protagonisten des Romans ändert sich in Japan alles. Sie treten dort als Geschwister auf, die Liebesbeziehungen zu Eve, die es in Korea gab, schlafen offensichtlich ein, zumindest die von Yunho, der als Erzähler im Mittelpunkt des Geschehens steht und die Ereignisse aus seiner Sicht schildert. Auch Eve wird immer rätselhafter, war sie in Korea dominant und selbstbewusst, hat sie in Osaka, wo sie in einem Frisiersalon Arbeit gefunden hat, ihr Verhalten völlig geändert, fast schon unterwürfig: die drei sind als Fremde unter Japanern, aber auch als Fremde unter den schon lange dort lebenden Koreanern zu erkennen. Für Yunho wird diese Frau immer rätselhafter, er erkennt, daß er im Grunde nichts von ihr weiß. Später, im Gespräch mit Hanna, sollte er sich erinnern: Eve gehörte zu den Menschen, die ihre Lebensgeschichte verdeckt halten, weil sie glauben, sich dadurch zu schützen. Da sie keine Biografie anbieten konnte, die ohne Weiteres von der Gesellschaft akzeptiert wurde, bestand ihr Werdegang aus Leerstellen, Lücken; Geheimnisse waren für sie keine Heimlichkeiten, sondern wesentlicher Bestandteil ihres Versuchs, normal zu sein. Ein Schutzverhalten in einem Staat, in dem jede Biographie einem Schaden konnte….

In dieser Zeit der ‚Grossen Heimkehr‘ scheint ein Verbrechen geschehen zu sein, die sowieso schon aufgeregten Menschen wühlt das Verschwinden eines Mädchens zusätzlich auf und Johnny wird beschuldigt, etwas damit zu tun zu haben. Er müsse sich entweder der Polizei als ihr Mörder stellen oder das Schiff nach Nordkorea besteigen, lautet das Ultimatum, das ihm gestellt wird…


Im Lauf der fast 560 Seiten entfaltet Kim ein Geschichtspanorama dieses so oft fremdbestimmten Landes, dessen Nordteil heute wie aus der Welt gefallen scheint. Die Entwicklung dieser beiden Teilstaaten (zumindest bis zum Jahr 1960) mitsamt einiger historischer Wurzeln in dieser souveränen erzählerischen Art geschildert zu bekommen, ist hochinteressant. Es wird deutlich, daß der Norden bei relativ günstigen Voraussetzungen (Bodenschätze, Industrieanlagen) nach dem Weltkrieg im Grunde mit einer positiven Motivation an die Gestaltung seines Staates ging, die erst im Lauf der Jahre entartete. Der Süden hingegen scheint sich anfänglich einfach durch den Gegensatz zum Norden definiert zu haben, missbraucht von einer Siegermacht, die ihn als einen Pufferstaat installiert und das diktatorische Treiben in weiten Grenzen duldete, wahrscheinlich sogar einen eigenen Anteil daran hatte. Brutalität und Willkür waren die Folge für die Bevölkerung.

Der ‚Grossen Heimkehr‘ steht im Roman die ‚Kleine‘ gegenüber: die der seinerzeit in eine Pflegefamilie nach Deutschland gegebene Hanna, die ihre biologischen Eltern zu finden versucht, aber einsehen muss, daß dies wohl nicht möglich ist. Über Yunhos Lebensgeschichte lernt sie aber das Land kennen, in dem sie geboren wurde und in dem sie von ihrer Mutter weggegeben wurde….


Die Grosse Heimkehr ist ein großartiger Roman mit Lebensläufen, die zu keiner Zeit Sicherheit und Gewissheit bieten. Alles kann in Frage gestellt werden und sich als Vorspiegelung oder Lüge erweisen. Schuld beruht nicht unbedingt auf schuldhaftem Handeln, sondern kann von aussen definiert werden: du warst mal in Nordkorea, also bist du ein Spion. Dein Bruder ist in Nordkorea, also bist du ein Spion…. Was nach 1960 mit den drei Hauptfiguren geschah, bleibt weitgehend ungesagt. Nordkorea wurde immer mehr zu einer Art Schwarzem Loch, das Menschen und so auch Johnny verschlang, aber keine Nachrichten mehr nach aussen ließ. Eve und Yunho trafen sich noch einmal, Jahre später, Eves Nachname war jetzt Lewis…. und Yunho selbst? Er konnte irgendwann nach Südkorea zurückkehren, aber wurde dort sofort vom Geheimdienst observiert, letztlich fand er sein Auskommen auf einer Hühnerfarm….

… und das alles schildert Kim in einer wunderbaren Sprache, mit Rückblenden, Schleifen und Exkursionen in die Geschichte des Landes. Das liest sich fesselnd und ist raffiniert konstruiert, trotz des erheblichen Umfangs, den Kims Roman aufweist, hat es mir leid getan, als ich die letzte Seite gelesen hatte….

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel über die Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Kim
[2] … wovon ich in diesem Interview, das die ZEIT mit Kim geführt hat (http://www.zeit.de/2017/12/anna-kim-die-grosse-heimkehr-roman), erfahren habe. Interessanterweise lebt die Autorin selbst nach dem Klappentext ihres erst vor wenigen Wochen erschienenen Romans allerdings immer noch in Wien….
[3] bei den asiatischen Namen ist es immer etwas schwierig zu entscheiden, welcher der Vor- und welcher der Nachname ist. Ich hoffe, ich habe mit ‚Kim‘ als Familiennamen die richtige Entscheidung getroffen….

Anna Kim
Die große Heimkehr
Originalausgabe: Suhrkamp, HC, ca. 560 S., 2017