Der deutsche Priester Johannes Kopp (1927 – 2016) gehörte dem Orden der Pallottiner an. Unter dem japanischen Namen Ho-un-Ken Roshi wirkte er als Zen-Meister, auf ihn geht das Programm Leben aus der Mitte des Erzbistums Essen zurück, dessen Führung jetzt bei seinem Schüler, dem Pallottiner und Zen-Lehrer Paul Rheinbay liegt. Kopp gehörte zu der ersten Generation christlicher Geistlicher, die sich vom Zen-Weg des Buddhismus inspirieren ließen und die eine innere und spirituelle Nähe zwischen dem Zen-Weg und der christlichen Mystik sahen. Kopp war gut bekannt mit dem Jesuiten Hugo Lasalle (bzw. nach dessen japanischer Einbürgerung Hugo-Makibi Enomiya-Lassalle), wohl dem ersten Ordensbruder, der trotz vieler Widerstände diese beiden Wege in sich vereinigte und beschritt.

Es war keineswegs der erste Kontakt des Westens mit dem Zen-Buddhismus. Schon in den sechziger Jahren weckte Zen unter vielen Intellektuellen großes Interesse, jedoch lag der Fokus seinerzeit auf ganz anderen Aspekten, der Titel des Buches von Daisetz Teitaro Suzuki und Erich Fromm (damals sehr verbreitet, aber nur eins unter vielen) Zen-Buddhismus und Psychoanalyse macht dies deutlich.

Halt an, wo läufst du hin?
Der Himmel ist in Dir.
Suchst du Gott anderswo, 
Du fehlst ihn für und für. [3]

Die vorliegende kleinen Schrift Gebet als Selbstgespräch, die 2015, also ein Jahr vor dem Tod P. Johannes Kopps erschienen ist, geht auf eine Frage zurück, die auf einer Veranstaltung (Tag der Priester und Diakone im Bistum Essen) im Jahr 2014 gestellt wurde, wie es nämlich zu verstehen sei, daß ein Zugang zur Heiligen Schrift für Glaubenserfahrung nur über die Koanweise erreichbar sei, dies – so der Referent – habe ihm ein japanischer Kollege gesagt. Diese Frage zu behandeln ist Ziel der vorliegenden Schrift von P. Johannes Kopp.


Es scheint wohl,
dass in unserer Zeit Gott sich vornehmlich finden lässt
im Gottsucher selbst.
Jeder ist auf dem Weg zu Gott die erste Instanz.

Dem Mystiker ist es eine den Verstand transzendierende Wahrheit, in der kontemplativen Innenschau sein Wahres Selbst und dessen Gottebenblichkeit zu erkennen. Je weiter der Übende auf seinem Weg zur Wahrnehmung des göttlichen Geheimnisses in sich fortgeschritten ist, desto intensiver wird seine Gotteserfahrung werden. Je mehr er sich selbst auf den Grund kommt, desto mehr leuchtet in diesem Grund die unendliche Wirklichkeit durch, in der in christlicher Offenbarung Gott sich erfahren läßt. Kopp hält auch folgendes fest: Die unendliche Wirklichkeit, die in größter Wortscheu in jüdisch-christlicher Tradition Gott genannt wird, ist in der menschlichen Natur angelegt. Besser gesagt: Die menschliche Natur ist auf Gott hin angelegt. Verliert mit dieser Feststellung bzw. ‚Definition‘ Gott seine Eigenschaft als Entität, als Wesenheit? Und wie sind dann all die Geschichten und Gleichnisse, die in der Bibel stehen, zu verstehen? Und was wird aus Begriffen wie Paradies, Auferstehung, Jüngstes Gericht? 

Die Anerkennung der unendlichen Wirklichkeit in der jedem Menschen eigenen Wesensnatur ist Voraussetzung für den ersten Schritt auf dem Zen-Weg. …. Ohne den Glauben, daß die unendliche Wirklichkeit in uns ist, ist der Zen-Weg unmöglich [dem Sinne nach zitiert]. … In christlichem Verständnis ist die Anonymität der unendlichen Wirklichkeit aufgehoben mit der offenbarten Wahrheit als Bild und Gleichnis Gottes. Diese Aussage erhebt den Menschen zu seiner unendlichen Würde, weil Größeres vom Menschen nicht gesagt werden kann. …  Mit diesem Verständnis ist Selbstfindung gleich Gottfindung, ist – um den Titel dieser Schrift aufzugreifen – jedes Gebet zu Gott Selbstgespräch.

Auf dem Weg zu dieser Erkenntnis müssen die limitierenden Grenzen des Verstandes mit seinen Gedanken überwunden bzw. umgangen werden. Umgangen in dem Sinne, daß man sich als Übender in die achtsame Wahrnehmung seines Atems und damit seiner Selbst begibt, daß man übt, durch schweigendes, absichtsloses, geschehenlassendes Sitzen und stete Zurückführung der Achtsamkeit auf den Atem im Hier und Jetzt zu verweilen und zu verbleiben – es ist der Weg des Zazen, der die Methodik dazu liefert, denn Zen, so Kopp, ist keine Religion, sondern ein Selbststudium zu meiner Vollendung. … Zen ist das eigentlich Religiöse in jeder Religion. 

Überwunden werden die Grenzen des Verstandes auf andere Weise. Denn das Schweigen ist nicht absolut und immer gut und weise, es ist nach Kopp töricht zu Schweigen, wenn Reden angebracht und töricht zu Reden, wenn Schweigen angebracht ist. So lassen sich die Gleichnisse der Bibel – wie vorstehend schon zitiert – (nur) über die zengemäße Koanweise ausdeuten.

Dies ist ein neuer Zugang zum Inhalt der Bibel, der viele Probleme, die man als moderner Mensch in heutiger Zeit mit dem dort seit Jahrtausenden festgehaltenen Überlieferten hat, vermeidet, weil er sie aus der Ebene des Verstandes in eine andere Dimension hebt. Mir jedenfalls ist der wörtliche Glaube an eine jungfräuliche Empfängnis, an eine Auferstehung von den Toten oder auch an eine Himmelfahrt nicht möglich. Sicherlich stehe ich damit aber nicht allein.

Zum Koan schreibt Kopp, daß es den Durchbruch zur unendlichen Wahrheit eines jeden Menschen [meint], die die Ratio nicht erfassen kann, weil sie nicht das Instrument dafür ist, die aber erfasst werden muss, damit der Sinn des Daseins erfüllt wird. Solange man diesem Sinn nicht nahekommt, solange bleibt Unruhe. … Daraus ergibt sich für den Christen eine Konsequenz: die Bibel zu werten und zu lesen als eine Koan-Sammlung. 


In den einzelnen Abschnitten seiner Schrift widmet sich Kopp folgenden Themen:

  • Schweigen und Reden
  • Selbstfindung und Gottfindung
  • Zen und Eucharistie
  • Koan-Zugang zur Heiligen Schrift
  • Biblische Koans
  • Christliche Kommentare zu Koans aus dem Mumonkan

Inhaltlich umfassen diese Kapitel natürlich sehr viel mehr als das von mit Angedeutete, deswegen hier noch ein paar wenige Stichworte:

Für Kopp ist Zen, dieser in der japanischen Tradition schwierige und ‚harte‘ Weg, keineswegs nur für starke Menschen, sondern auch für schwache gangbar, an zwei Beispielen kranker Nonnen beschreibt er dies.

Der Text enthält auch viel Biografisches zum Verfasser, speziell auch zur Bekanntschaft und Freundschaft mit P. Lasalle. Insbesondere ist diesem der Abschnitt über Zen und Eucharistie gewidmet. Auch verweist Kopp des öfteren auf das von ihm initiierte Programm des Lebens aus der Mitte.

In dem Kapitel zum Koan-Zugang zur Heiligen Schrift stellt Kopp die Forderung auf, daß die christliche Katechese einen neuen Schwerpunkt bekommen [muss]. Sie muss wegkommen von der Belehrung, von dem Eifer, eine sogenannte objektive Wahrheit darzustellen. Sie muss hinkommen zu der Leidenschaft, in der derjenige, der sich in irgendeiner Weise für das Christliche interessiert, zu der Erkenntnis kommt, dass das Wesentliche in ihm selbst ist [Hervorhebung von mir]. Das erinnert mich an eine Aussage, die ich vor geraumer Zeit [wo nur…] gelesen habe und die dem Sinne nach lautete, der moderne Gläubige könne nur noch ein Mystiker sein.

In den zwei abschließenden Abschnitten zeigt Kopp beispielhaft, wie zum einen biblische Gleichnisse auf Koan-Weise ‚verstanden‘ werden können, zum anderen reziprok dazu, wie klassische Koans im Sinne der Bibel ausgedeutet werden können.


Ein Schrift zu verfassen, die sich im Grunde damit beschäftigt, wie die Limitierung rationaler Erkenntnis zur Gotteserfahrung überwunden werden kann, ist – für mich – selbst eine Art Koan, ein Paradoxon: ich nutze das, was ich überwinden will, um zu beschreiben, wie ich es überwinden kann. Ich erinnere mich sehr gut und mit Vergnügen an meine eigene Einführung in die Kontemplation, in der der Lehrer am Ende gefragt wurde, welche Bücher er denn empfehlen könne. „Bücher? Bücher?“ Nicht nur im übertragenen Sinne schlug er die Hände über’m Kopf zusammen. „Was wollen Sie denn mit Büchern? Üben müssen Sie, üben, üben, üben….“

Jedenfalls bringt es das Thema mit sich, daß nicht alles, was man in Kopps Schrift liest, sofort oder überhaupt verständlich ist. Es ist mancher Satz dabei, der kryptisch scheint, sich wohl er auf einer anderen Ebene verstehen läßt. Doch das Wichtige des Textes wird deutlich und klar: Gott ist kein alter Mann mit Bart, der irgendwo auf einer weißen Wolke sitzt und sich von Münchnern mit Harfenklängen lobpreisen läßt. Wenn ich Gott suchen und schauen will, muss und kann ich mich auf den Weg dazu begeben. Es ist der Weg der Kontemplation, des Zen, und er führt durch die Selbstfindung zur Gottesfindung.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Programms Leben aus der Mittehttp://zen-kontemplation.de
[2a] Wikiartikel zum Orden der Pallottiner: https://de.wikipedia.org/wiki/Pallottiner
[2b] – zu P. Lasalle:  https://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Makibi_Enomiya-Lassalle
[2c] – zu P. Johannes Kopp:  https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Kopp_(Pallottiner)
[3] Dieser Spruch des Angelus Silesius (z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Angelus_Silesius) ist nicht dem Buch entnommen, passt aber sehr gut zu dessen Aussage.

P.S.: Alles, was am vorstehenden Text unklar, undeutlich oder gar falsch verstanden und/oder wiedergegeben sein sollte: man kreide es mir an, nicht dem Autoren….

Weitere Titel zum Thema ‚Kontemplation‘ in diesem Blog:

Karin Seethaler: Die Kraft der Kontemplation
Gerhard Wehr: Europäische Mystik

Johannes Kopp
Gebet als Selbstgespräch
Gebet und Koan als Beziehung zu Gott in mir
diese Ausgabe: Hrsg: Freundeskreis LEBEN AUS DER MITTE, Softcover, ca. 96 S., 2014

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