Kristiane Kondrat: Abstufung dreier Nuancen von Grau

Ein verstörendes Buch. Ein Irrläufer, mir versehentlich zurückgegeben beim großen Büchertausch, obwohl es nicht von mir stammt… deswegen in Eile gelesen, was eigentlich nicht gut ist für dieses schwierige Buch, das so verstörend ist und im Kopf herumgeht….

Kristiane Kondrat, die Autorin, heißt eigentlich Aloisia Bohn. Sie wurde 1938 in Temesvar, Rumänien, geboren. Der rumänische Geheimdienst Securitate interessierte sich für sie, zu sehr und auf die so zu befürchtende Art und Weise, daß ihr ein Bleiben in ihrer alten, neuen Heimat nicht möglich war. 1973 kam sie nach Deutschland, ihrer jetzt neuen, vordem alten Heimat. Die Ähnlichkeit mit dem Lebenslauf von Herta Müller ist offensichtlich, beide Schriftstellerinnen aus dem rumänischen Banat haben ihre Heimat, das Land, in dem sie geboren wurden verlassen, nachdem sie die Nachstellungen und Bedrohung durch die Securitate nicht mehr ertragen haben. Dieser Analogie habe ich es letztlich auch zu verdanken, daß ich das Büchlein las, daß es mich interessierte.

In einem Alptraum spielt man immer die Hauptrolle.

Nicht nur die Lebensläufe der beiden Frauen ähneln sich, sondern auch ihre Literatur. Das Sezieren der Umwelt (der Kondratsche Roman beginnt mit einer Betrachtung über die Farbe Weiß), das Kreiieren neuer Worte wo die vorhandenen zur Beschreibung nicht ausreichen, das weitestgehende Fehlen von Handlung… es ist kein einfaches Buch….

Die (namenlose) Erzählerin liegt im Krankenhaus, sie ist am Bein verletzt. Sie sinniert über das Weiß, das sie an den Wänden und überall sieht, es erinnert sie an das kristalline Weiß des Schnees, in dem sie in ihrer Kindheit spielte. Ihre Gedanken springen von der Jetztzeit in die Vergangenheit, beide Zeitebenen überlagern sich, sie fühlt sich getrieben das Krankenhaus heimlich zu verlassen, sie nimmt ihre Gehhilfen und schleicht sich heimlich davon. Sie will einen Hügel erreichen, am Stadtrand gelegen. Auf ihrem Weg dorthin reflektiert sie ihre Vergangenheit, alle Ebenen verschwimmen und mischen sich, Form und Farben lösen sich auf für sie, die Bilder Dalis kommen einem beim Lesen in den Sinn. Kleidungsstücke von Menschen, die sie sieht, zerfliessen, bedecken den Boden wie einen See, steigen höher und bedrohen sie, die Farben erfüllen den Raum, einhüllend und erstickend. Alles überlagert sich, die Fahrt mit dem Bus ruft ihr die Fahrten mit der Tram von früher ins Gedächtnis, in denen sie sich verfolgt fühlte von Männern, die sie überwachten. Sie fuhr damals stundenlang in der Tram, ohne auszusteigen, bis sie endlich alleine als letzter Fahrgast im Waggon saß. Sie sieht Menschen und diese Menschen werden immer mehr, gesichtslos verschmelzen für sie zu einer bedrohlichen Masse, die sie einkeilt, festhält, in eine Richtung zwingt, nicht mehr losläßt, ihr die Luft zum Atmen nimmt…. ihre Gang durch die Stadt gleicht einer irrwitzigen, in der Vorstellung verlaufenden Odyssee, einem Spiessrutenlauf durch ein Spalier von Feinden. Wem kann sie trauen, wem nicht? Alle sind verdächtig, jeder könnte es sein, der letztlich „Alles“ von ihr erfahren will. Nicht das „Alles“, das man in prickelnder, verschwörerischer Heimlichkeit mit seiner besten Freundin teilt, sondern die „Es ist besser, wenn du uns jetzt selbst Alles sagst“-Drohung des aus dem Maul stinkenden Geheimdienstzerberus, der ihr seinen Geifer ins Gesicht pustet und sie niederschlägt.

Sie sitzt im Zug, der Zug fährt, ihre Fahrkarte ist entwertet, der Schaffner läuft durch die Waggons, aber sie findet keine anderen Passagiere. Sie steigt aus, wandert weiter durch einen Wald, unheimlich, eine Phantasielandschaft, Reiter quälen Pferde, Flugzeuge explodieren und setzen Häuser in Brand… es ist eine von Angst, Misstrauen und Verstörung zutiefst verletzte Seele, die sich in diesen Passagen offenbart.

Nur ganz wenige Sätze in dem Buch vermitteln den Eindruck „normaler“ Prosa, in der einfach ein Sachverhalt geschildert wird. Ihre Bespitzelung fängt an, Post und Wohnung werden kontrolliert. Sie wird verhört, geschlagen und bedroht. Muss die Schule verlassen, wie andere, Freunde von ihr, auch. Später fliegt sie über Wien nach Deutschland, in die „alte“ Heimat, die jetzt ihre „neue“ werden soll.

Auch dort ist noch Angst vor Bespitzelung und Verfolgung. Menschen hier erinnern sie an Menschen dort, wecken Befürchtungen. Die Gänge auf den Ämtern empfindet sie als große Belastung [3]. Geradezu kafkaesk ist ihre Beschreibung, wie sie von Zimmer 010 nach 009 muss, danach wieder nach 012 und anschließend zu Zimmer 014. Überall Personal, das sie misstrauisch beäugt, sie taxiert, einstuft, nicht wahrnnimmt als Mensch, sie an alte Feinde erinnert….

Die Erzählerin kommt dem Hügel, den sie anstrebt, trotz ihrer Behinderung immer näher. Es ist ein Bild für ihre innere Befreiung von der Angst, dem Ausheilen der Verletzungen, die ihre Seele davon getragen hat. Sie wird wieder so frei sein, wie sie sich als Mädchen gefühlt hat auf dem Eis, mit einem Schlittschuh, wie eine Prinzessin, die auf dem Eis tanzt. Irgenwo hinter dem Hügel muss die Welt sein….

Facit: ein verstörende Blick in eine durch eine Diktatur in ihren Grundfesten erschütterte Seele

Links:

[1] kurze Inhaltsangabe zum Buch
[2] Über rumäniendeutsche Literatur nach dem 2. Weltkrieg
[3] Dies beschreibt Herta Müller so: „„Ich habe die Welt nicht mehr verstanden. […] Die ganze Atmosphäre in dem Auffanglager war unerhört. […] Man ist mit den Menschen höchst problematisch umgegangen. Und ich habe häufig gedacht: Wie mag es Menschen ergehen, die in dieses Land kommen, die nicht einmal die Sprache verstehen?““ Zitiert nach http://de.wikipedia.org/wiki/Herta_Müller

Kristiane Kondrat
Abstufung dreier Nuancen von Grau
Verlag Der Evang. Gesells, 2000, HC, 174 S.
ISBN-10: 3791811215
ISBN-13: 978-3791811215

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