Der Trauerknigge

4. November 2016

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Die Gewissheit des Todes
wird durch die Ungewissheit seines Eintretens gemildert.

Übertragen in die heutige Sprache bedeutet dieser Spruch aus dem 17. Jahrhundert so in etwa, warum sich heute schon Gedanken machen um Sachen, die noch gar nicht aktuell sind. Doch wenn sie eintreten, dieses ‚Sachen‘, sprich: der Tod eines Menschen, dem wir nahestehen, den wir betrauern – und dies wird geschehen – dann herrscht oft Ratlosigkeit, Unwissenheit, Befangenheit: wie benehme ich mich richtig, kann ich dies oder das, und überhaupt: was sage ich und was schreib ich nur auf die Karte?

Dazu kommt, daß sich bekanntlich nicht nur die Zeiten ändern, sondern auch wir uns in ihnen. Altbekannte Rituale, die über Jahrhunderte eine feste Richtschnur für ‚richtiges‘ Verhalten gegeben haben, verlieren an Bedeutung, werden nicht mehr befolgt. Welche Frau hält heute noch das Trauerjahr mit schwarzer, dann (dunkel)grauer und letztlich immer heller werdender Kleidung sowie weitgehender Abstinenz, was das öffentliche Leben angeht, ein? (Ein Ritual, das übrigens nicht für Männer galt, aber bei Frauen musste man seinerzeit zumindest neun Monate abwarten, damit bei einer eventuellen Geburt nach dem Tod des Mannes die Vaterschaft und damit die Erbberechtigung eindeutig war). Angemessenes Verhalten in Stadt und Land divergiert, was im Städtischen beispielsweise bei Beerdigungen möglich ist, kann auf dem Land für Stirnrunzeln sorgen. Andererseits ist im Ländlichen der Zusammenhalt der Menschen oft noch größer, der Tod kein rein privates Unglück, sondern ein Ereignis, das alle in der Gemeinschaft betrifft, so daß auch alle (mit)trauern.

Dieser kleine, handliche Trauerknigge aus dem Münchner Claudius-Verlag gibt da Hilfestellungen und geht dabei sozusagen chronologisch vor, wobei er immer wieder auf die geänderten und sich weiterhin ändernden Randbedingungen eingeht. So beispielsweise auf den Sterbeort, der früher meist das Zuhause war, sich heute wegen der grundlegenden gesellschaftlichen Änderungen aber zum großen Teil in Krankenhäuser oder Alten- und Pflegeheime verlagert hat. Es ist einfach so und dies ist für den Einzelfall auch kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben, wichtig ist, selbst unter nicht optimalen Umständen sein Bestes zu geben, nämlich das, was für den gerade Verstorbenen und einen selbst als Angehörigen passt.

Dieser Leitspruch zieht sich im Grunde durch den gesamten Ratgeber. Direkt nach dem Tod sind einige gesetzliche und bürokratische Vorgaben zu erfüllen, bei häuslichem Tod muss der Arzt informiert werden, der dann den Totenschein ausstellt, dessen Vorlage unumgänglich ist. Ohne Totenschein läuft nichts. Stirbt der Angehörige in einem Krankenhaus oder in einem Heim, wird dies von der jeweiligen Institution übernommen. Aber danach ist man als Angehöriger gefordert: in dieser ganzen Aufregung und Stresssituation (noch wird die Trauer dadurch meist in Schach gehalten) muss die Beerdigung organisiert werden. Meist beginnt dies mit der Entscheidung für eine Bestattungsart (Erdbestattung, Kremierung, Seebestattung; anonyme Bestattung…) und Auswahl eines Bestatters. Ob man allerdings in dieser Situation in der Verfassung ist, sich von mehreren Bestattern erst Angebote einzuholen (war im Grunde natürlich schon empfehlenswert wäre und zu dem der Ratgeber auch rät), wage ich zu bezweifeln.

Die Auswahl eines Sarges (der in jedem Fall notwendig ist), ggf. einer Urne, möglicherweise von Grabbeigaben, auch die Gestaltung der Trauerfeier mit Blumenschmuck, Auswahl von Liedern sind Möglichkeiten, den Verstorbenen noch einmal in seiner Persönlichkeit hervorzuheben und zu charakterisieren. Wichtig ist die Authentizität der Bestattung, eine Trauerfeier für eine anonyme Bestattung kann durchaus liebevoller und intensiver sein als ein Trauerzug hinter einem Sarg, der nur aus Pfarrer und Friedhofsangestellten besteht.

Weitere Abschnitte des Büchleins befassen sich mit der angemessenen Kleidung, dem ‚richtigen‘ Verhalten (wann und wie kondoliere ich?) und mit dem, was nach der Bestattung kommt: in vielen Regionen ist dies der Leichenschmaus, der Beerdigungskaffee. Warum nicht, wenn man dies viel lieber täte und es dem Verstorbenen gerecht würde, eine bunte Party zum Gedenken? Und wenn auch dies vorbei ist? Dann kommt das große ‚Loch‘: Bis auf die direkt Betroffenen gehen alle wieder in ihren Alltag zurück, die Anforderungen und die Ablenkung durch die Organisation des Begräbnisses liegen hinter einem. Die Trauer, das Gefühl der Verlassenheit, der Einsamkeit, möglicherweise auch der Schuld, sie schlagen jetzt häufig mit voller Kraft über die Betroffenen zusammen, zumal auch der Verdrängungsmechanismus der eigenen Psyche sich langsam zurückzieht und den Blick auf die Realität freigibt. Es gibt keine Regeln, wie man optimal mit dem Kummer umgeht, zitiert der Trauerknigge ein aktuelles Resumee zum Umgang mit der Trauer, es gibt kein richtiges und kein falsches Trauern, Trauern ist individuell. Aber auch beim Trauern können Rituale den Weg zurück in den Alltag ebnen, in dem der Trauer bestimmte Plätze im Leben zugewiesen werden (regelmäßige Besuche am Grab zum Beispiel, ein besonderes Bild an einem besonderen Platz in der Wohnung), während man versucht, die anderen Lebensbereiche von Trauer freizuhalten. Möglicherweise ist auch der Kontakt mit anderen Trauernden oder mit Trauerbegleitern hilfreich, wichtig ist es, sich der Trauer zu stellen und sie bewusst zu erleben, mit all ihrem gefühlsmäßigen Schwankungen, bei denen Weinen und Lachen, Freude und Kummer einander abwechseln können.

Abschließend geht das Büchlein noch auf das Thema des ‚Kondolierens‘ ein, bei dem oftmals große Verunsicherung herrscht. Ruft man gleich an, wenn man vom Tod erfährt, kondoliert man am Grab oder macht man später einen Kondolenzbesuch? Wie könnte ein Brief formuliert werden, was sollte man vermeiden hineinzuschreiben? Eine Sammlung von Zitaten für Kondolenzkarten und Traueranzeigen gibt dafür Anregungen und Beispiele.

Der Trauerknigge ist ein handliches kleines Büchlein, daß – ohne das es mit Theorie überfrachtet ist – praktische Hilfe gibt, sowohl den direkt Betroffenen als auch dem etwas erweitertem Kreis der Betroffenen. Mit diesem Wissen, was ‚man‘ machen/sagen kann, um angemessen zu reagieren oder zu agieren (wobei dieses ‚angemessen‘ heutzutage sehr viel weiter gefasst ist als früher), ist es möglich, sicherer und selbstbewusster zu handeln und zu entscheiden, egal, ob es nun um die Ausgestaltung der Bestattung geht oder um den Umgang mit den Trauernden. Im Grunde gehört ein solcher Ratgeber in jedes Haus und er sollte nicht ungelesen bleiben….

Anmerkung:

Weitere Buchbesprechungen vom mir zum Themenkreis Trauer sind über dieses Inhaltsverzeichnis zugänglich:  https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/


Der Trauerknigge
diese Ausgabe
: Claudius-Verlag, Paperback, 144 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.

Wie heißt es so treffend… aus gegebenem Anlass….

Wenn ich Trauernden persönlich begegne, habe ich normalerweise wenig Probleme, die „richtigen“ Worte zu finden. Ein „Wie geht es dir/Ihnen?“ (nicht ein „Wie geht´s dir?“, diese Wortzusammenziehung macht den Satz fast immer zur Floskel, auf die man eigentlich keine Antwort will…) in Verbindung mit der entsprechenden Körpersprache signalisiert, daß man Zeit hat, zuzuhören, daß ich bereit bin, mich auf die Antwort einzulassen. Und wenn die ersten Sätze gewechselt sind, ergibt sich das übrige von selbst…

Nur, wenn ich vor einer Karte sitze, in der ich mein Beileid aussprechen soll, da fällt mir partout nie was ein. Was mach ich also? An den Bücherschrank gehen und mir Rat holen, z.B. in diesem kleinen Ratgeber von Steen, der Formulierungsvorschläge macht für die unterschiedlichsten Situationen. Denn natürlich ist es ein Unterschied, ob man zum Tod eines entfernt Bekannten kondoliert oder zu dem eines guten Freundes, ob ein religiös geprägter Text angebracht ist oder ein z.B. ein Gedicht. Ist es ein Unfalltod oder einer nach einer langen Krankheit… tröstende Worte sollten das berücksichtigen. Manchmal denkt man (eigene Erfahrung….), das es eigentlich egal ist, was man schreibt, also „Augen zu und durch“, aber das ist nicht so. Wie oft hört man nach einer Beerdigung von den Angehörigen, wie einem die Worte in dieser oder jener Karte geholfen haben, gut getan haben… das überrascht mich auch immer wieder (und impft mir ein schlechtes Gewissen ein, da ich – wie gesagt – an dieser Aufggabe auch wiederholt gescheitert bin). So sind die Textvorschläge und Formulierungshilfen in diesem Büchlein als gute Anregungen für die Formulierung eigener Gefühle zu nehmen, wenn man sie nicht sogar einfach übernehmen kann….

Ganz praktische Ratschläge befassen sich auch mit der äußeren Form von Beileidsschreiben, u,a, allem auch, was man vermeiden sollte, um den „guten Eindruck“ nicht zu zerstören. Ein Kondolenzschreiben, das durch die firmeneigene Frankiermaschine gelaufen ist, ist eben einfach unpassend….

Mehr muss man eigentlich zu diesem kleinen Ratgeber nicht sagen, der gerade in Situationen, in denen man oft selbst unsicher ist und einem die Worte fehlen, gut helfen kann.

Facit: wenn man sich vor Augen hält, wie wichtig gut ausgedrücktes „Mit-Fühlen“ für den Trauernden ist, sind die Euronen für diesen Ratgeber gut angelegtes Geld.

Ulrich Steen
Mitfühlende Worte für Trauernde
Urania Verlag, 2008, 96 S.

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