Alina Schadwinkel: Marie Curie

Schaut man sich die Liste aller bisherigen Nobelpreisträger [3] an, so fällt der Name ‚Curie‘ heraus, weil er insgesamt fünfmal dort auftaucht:

  • 1903 wurde der Preis für Physik an Pierre Curie und seine Frau Marie Curie vergeben,
  • 1911 erhielt Marie Curie als alleinige Preisträgerin die Auszeichnung in der Kategorie Chemie und
  • 1935 schließlich erhielten Tochter Irène Joliot-Curie und Schwiegersohn Frédéric Joliot den Chemie-Nobelpreis

Aus diesen nüchternen Fakten läßt sich die beeindruckende Ausnahmestellung Marie Curies (1867 – 1934) herauslesen: Sie war die erste Frau überhaupt, der ein Nobelpreis verliehen worden war, sie war die erste (von insgesamt nur sechs) Personen, die den Preis zweimal erhielten und mit ihrer Tochter Irène sind sie das einzige Mutter/Tochter-Paar, das diesen Preis bisher zuerkannt bekam. Daß sie ihre erste Auszeichnung zusammen mit ihrem Ehepartner erhielt, ist ebenfalls eine große Ausnahme.

Eine imponierende Frau also, die in Polen als fünftes Kind eines Lehrerehepaares geboren worden war. Polen war zu dieser Zeit kein selbstständiger Staat, sondern gehörte zum Reich des russischen Zaren, der Polnisches im Land verbot, so z.B. die Sprache… Der Familie Sklodowski wurde mangelhafte Loyalität zu Russland vorgeworfen, was zu Repressionen führte. Die Tochter Maria (die Umbenennung in Marie fand erst später statt) interessierte sich früh für wissenschaftliche Geräte und Probleme. Da Frauen in Polen nicht studieren durften, schloss sie mit ihrer Schwestern Bronja einen Pakt, nach Frankreich zu gehen, wo Frauen einen Studienplatz erhalten konnten. Erst wollte die jüngere Schwester die ältere unterstützen, danach sollte es umgekehrt sein.

Ich will jetzt weder den wissenschaftlichen Werdegang von Marie Curie noch ihren privaten Lebenslauf wiedergeben, dies nämlich ist Inhalt des ersten Teils von Schadwinkels Ausführungen. Mit ihrer Arbeit geht es der Verfasserin im wesentlichen darum, das öffentliche Bild der Frau, die ihre Rollen als Wissenschaftlerin, Ehefrau und Mutter in der öffentlichen Wahrnehmung mit einschüchternder Perfektion ausgefüllt hat und die mit ihrer Einstellung Frauen den Weg in der Forschung geebnet habe, unter anderem Gesichtspunkt zu betrachten und als Ergebnis einer spektakulären Imagekampagne zu erkennen. „Dieser war es nämlich gelungen, das Bild einer Art Superheldin zu schaffen, die zu klug, zu engagiert und zu talentiert war, um von normalen Frauen nachgeahmt zu werden.“ Die normalen „Erdlinge“ waren nicht gut genug für diesen Mythos, sie konnten nur scheitern. Marie Curie also als übermächtige, einschüchternde Person. Wobei diese ‚Korrektur‘ nichts ändert an der Großartigkeit der Leistung und der Person Marie Curies.

Was war passiert? Nach dem Unfalltod ihres Mannes Pierre (1906) trauerte Marie Curie sehr unter ihrer Verlust.  Wenige Jahre nach dem Tod Pierres kam es zu einer Schmutzkampagne gegen sie, die Polin, weil ihre Liebesbeziehung mit dem verheirateten Physiker Langevin bekannt wurde und zu üblen Rufschädigungen führte [6]. Daß sie Nobelpreisträgerin war (im allgemeiner Einschätzung jedoch eher die Assistentin ihres Mannes galt), spielte in der voyeuristisch aufgeheizten Debatte keine Rolle mehr, ihr Ansehen in der Öffentlichkeit litt dramatisch. Dazu kam, daß – später auch unter der Nachwirkung des Krieges – ihr Labor miserabel ausgestattet war, es fehlte an allen Ecken und Enden.

In dieser Situation kam kurz nach dem Ersten Weltkrieg die amerikanische Journalistin Marie Mattingly Meloney [9] auf sie zu und bot ihr die Möglichkeit, über eine Kampagne in den USA Geld zu sammeln, um Forschungsmaterial, sprich Radium, für ihr Labor zu kaufen. Durch die Not gedrungen, stimmte Marie Curie dem Vorschlag der Amerikanern zu, die daraufhin die sowieso schon herrschende Sympathie, die Curie in den Staaten genoss, geschickt immer weiter anheizte und hochpushte.

Weitere Faktoren für das positive Bild Marie Curies in der Öffentlichkeit war die verklärende Biographie, die Eve Curie, die zweite Tochter Maries, verfasste und 1934 veröffentlichte.

In ihrem letzten Abschnitt befasst sich Schadwinkel mit der heutigen Situation von Frauen in der Wissenschaft. Gekennzeichnet ist diese dadurch, daß der Anteil von Frauen auf und in den unteren Stufen, sprich dem Studium, hoch ist, aber je ‚höher‘ hinauf auf der akademische Leiter es kommt, desto geringer wird der Anteil der Frauen, die man trifft. Nur relativ wenigen gelingt es noch ‚oben‘. Die Gründe sind mannigfach und bestehen trotz vieler Förderanstrengungen nach wie vor.

Kurze Abschnitte widmet Schadwinkel ferner möglichen Anwendungen von radioaktiven Substanzen als Strahlenquellen (von radioaktiver Strahlung zu reden ist etwas irreführend, denn die Strahlung ist nicht radioaktiv, sondern sie ist Radioaktivität von Substanzen äußert sich u.a. als Strahlung) z.B. in der Medizin bei der Bekämpfung von Krebs. Erschreckend ist die Naivität, mit der damals die Risiken nicht gesehen wurden. So nutzten ‚Strahlenärzte‘ nach Schadwinkel damals die Rötung der eigenen Haut als eine Art Dosimeter für die an Patienten vorgenommene Bestrahlung…. Ganz kurz geht die Verfasserin auch auf die GAU in Tschernobyl und Fukushima ein. Größeren Raum widmet sie der Diskussion um die heutige Rolle und die Möglichkeiten von Frauen und Forschung und Wissenschaft.


Schadwinkels übersichtsartige Ausführungen sind in der Reclam-Reihe 100 Seiten erschienen [5]. Sie sind knapp gehalten und geben einen konzentrierten Überblick über die biographischen und wissenschaftlichen Eckdaten des Lebens von Marie Curie und daraus resultierenden Fragen von heute.

Als Überblick und Einstieg ist das Heftchen sicher gut geeignet. Leider ist es jedoch so, daß die unter ‚Gemecker‘ angemerkten ‚Klopse‘, die die Wissenschaftsredakteurin [7] in ihrem Text versteckt hat, diesem etwas vom Glanze nehmen.


Gemecker:

An zwei Stellen des Buches bin ich heftig ins Schlingern geraten:

… So nimmt 1942 in Chicago der weltweit erste Atomreaktor den Betrieb auf. Er produziert Material für das Manhattan-Projekt, das die erste Atombombe entwickelt. Sie basiert auf Polonium. Am 6. August schließlich setzt das amerikanische Militär die neue Waffe zum ersten Mal ein. [S. 63]

Tja… Polonium hatte damit nur wirklich nichts zu tun und Polonium mit Plutonium zu verwechseln – das ist schon ein grober Schnitzer von Autorin und Verlag. Der Rest der Aussage ist ebenso zumindest missverständlich. Die erste Bombe (Hiroshima) basierte auf U-235, das in Oak Ridge über eine Gaszentrifugenanlage gewonnen worden war. Plutonium (sic!) war Ausgangsmaterial für den Trinity-Test (der aber nur ein Test und keine Bombe war) und dann für ‚Fat Man‘, den zweiten Atombombeneinsatz der Amerikaner am 9. August 45 über Nagasaki.

Das zweite Schlingern ist dagegen schon fast humoristisch:

… liefert das Paar den Beweis, dass sich ein Element von Menschenhand in ein andres verwandeln lässt. … wird Aluminium nach dem Beschuss zu radioaktivem Phosphor. Die Halbwertszeit des strahlenden Elements beträgt dreieinhalb Minuten – dann zerfällt es zu stabilem, nicht radioaktivem Silikon. [S. 77]

Jetzt erfahren wir Heim- und Handwerker also endlich, wo das Zeug in der Kartusche (oder dem Brustimplantat…) wirklich herkommt…. Mit Silikon ist natürlich das Element gemeint, das den guten, alten und allgemein üblichen Namen Silizium trägt[4]; ‚Silikone‘ dagegen – die es tatsächlich gibt – sind chemisch was völlig anderes, stellen eine eigene Substanzklasse in der (organischen) Chemie dar… Wie steht es so treffend (und vllt auch hier gültig) in der Wiki: „Silikon (engl.: silicone) darf nicht mit Silicium (engl.: silicon) verwechselt werden. Die im Englischen ähnliche Schreibweise führt oft zu falschen Übersetzungen.“ [8]


Links und Anmerkungen:

[1] —-
[2] Alina Schadwinkel: Als Ikone vermarktet, aber der Forschung verschrieben; in:  http://www.zeit.de/wissen/geschichte…komplettansicht
[3] z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Nobelpreisträger  oder auch hier: https://www.planet-wissen.de/…diefamiliecurie100.html
[4] siehe z.B. hier: http://www.periodensystem-online.de/…nuklid
[5] vlg. hier: https://www.reclam.de/…Infobroschuere.pdf
[6] vgl. z.B. hier: http://www.sciencesofa.info/…dangereuse/
[7] Autorenprofil bei der ZEIT, wo sie im Ressort Wissen arbeitet:  http://www.zeit.de/autoren/S/Alina_Schadwinkel/index
[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Silikone
[9] https://www.britannica.com/biography/Marie-Mattingly-Meloney

Alina Schadwinkel
Marie Curie
diese Ausgabe
 (Originalausgabe): Broschiert, 100 S., 2017

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