…..denn ohne dass er etwas Böses getan hätte,
wurde er eines Morgens verhaftet.“

Was hier der hochberühmte Schriftsteller K. seinem Protagonisten Josef K. erleiden liess [3], transferiert die junge, in Berlin geborene Autorin Julia Rothenburg [1] für ihre Hauptperson K, die in ihrem Roman jedoch einen vollständigen Namen führt, welcher Koslik lautet, in einen anderes, aber ebenso unangreifbar scheinendes, im Dunkeln und anonym wirkendes System als das der Justiz: sie liefert den um die vierzig Jahre alten René Koslik dem deutschen Gesundheitssystem aus. Denn ohne dass dieser etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens von Schwindel erfasst, von Taubheit in den Beinen gar und anderen Malaisen, von einer Symptomatik also, die er sofort mit einem möglicherweise erlittenen Schlaganfall in Verbindung brachte und durchaus logisch und berechtigt suchte Koslik die ‚Stroke Unit‘ des Universitätskrankenhauses seiner Wohnstadt Freiburg [2] auf.

Dort also ist er jetzt und verläßt dieses während des kammerartig aufgebauten Stückes, das Rothenburg ablaufen läßt, aus – wie ihm erläutert wird – Versicherungsgründen nur sehr sporadisch und erst am Schluss des Romans endgültig: das Krankenhaus mit seinen freiheitsbeschränkenden Randbedingungen fungiert für ihn als eine Art Gefängnis, in das sich Koslik jedoch nahezu freiwillig fügt. Selbst eine im Verlauf des Aufenthalts sich ergebende ‚Flucht’möglichkeit (ein Versäumnis der Klinikplanung, was ist hier eigentlich mit der dräuenden Gefahr eines immer möglichen Haftpflichtfalles?) wird er nicht nutzen. Wie ein Gefängnis tritt das Haus auch in Erscheinung: grau ist die vorherrschende Farbe, quietschende Linoleumböden, endlose Flure und Gänge, in denen sich der Einzelne verloren fühlt, billiges, schäbiges Plastikmobiliar [2]. Selbst der Himmel über Freiburg betrübt häufig durch dieses farblose Grauen. Die Pfleger und Schwestern, aber auch die Ärzte, kommen ähnlich farb- und konturlos daher, die Hierarchie dieses Ortes jedoch ist klar und unangreifbar: die Funktion des Patienten ist der Gehorsam und die Fügsamkeit unter das System.

Auf seinem Weg durch das Krankenhauslabyrinth quert Koslik die Wege anderer Mitpatienten: Friese, der bewegungsunfähig in seinem Bett liegt und sein Leid zu dulden hat, inclusive der später einsetzenden Ernährung mit der PEG; Bude, der Rheinländer mit dem aus dem tiefem Grund seines Leibes hinaufrollenden Lachen, das ihm aber im Lauf der Tage vergeht, bis er für Koslik unsichtbar und aus Datenschutzgründen vom Personal nicht erläuterbar, einfach nicht mehr da ist.

Wirklich kritisch für Koslik ist dagegen ein anderer Patient, auf den er unvermutet trifft, bzw. der ihn trifft, denn Koslik selbst wäre ihm wahrscheinlich aus dem Weg gegangen, hätte dies in seinen Möglichkeiten gelegen. Frank, ein Kommilitone aus noch gar nicht so lange zurückliegenden Studienzeiten. Das Verhältnis mit Frank, dessen Charakter so ganz anders ist als der des eher introvertierten und sich abschottenden Koslik, ist gespannt, es hat Ereignisse gegeben, die die damalige Freundschaft belasteten. Marlies ist eine dieser Belastungen, Marlies, Ex-Freundin von Koslik, die plötzlich im Krankenhaus auftaucht – als Besuch von Frank…

Diese Koslik bis ins Innere belastenden Begegnungen sind nicht die einzigen Herausforderungen, denen er sich im Lauf seinen Aufenthalts stellen muss. Da ist noch die Familie, beziehungsweise die Mutter und zwei Schwestern, auch diese müssen informiert werden, eine Aufgabe, vor der sich Koslik am liebsten drücken würde, aber er braucht ein paar Sachen zum Anziehen und hat sonst niemanden… Zwar ist das Verhältnis zur einen Schwester nicht wirklich gut, zur Mutter erst recht nicht, aber es sind eben Schwester und Mutter, das verpflichtet.

Auf seiner Arbeitsstelle, der VHS, hinterläßt er nur eine Nachricht auf dem Anfrufbeantworter. Bei einem späteren Gespräch erfährt man, daß man ihm alles Gute wünscht, natürlich, des weiteren, daß seine Kurse aber problemlos von einem Kollegen übernommen worden sind.


Rothenburg schildert die klaustrophobe Situation in diesem Krankenhaus ihres Romans mit beängstigender Intensität. Ob verschuldet oder nicht verschuldet, sprich, ob krank oder nicht krank: wer hier eingeliefert ist, hat seiner Entmündigung zugestimmt. So ist auch bei Koslik schnell klar, daß er gesund ist beziehungsweise keine Ursache für seine sowieso schnell wieder abgeklungenen Symptome gefunden werden konnte, daß man aber zur Sicherheit weitere Diagnosen abwarten müsse, frei nach dem Motto: wenn wir nur tief genug graben, werden wir etwas finden. Diese suggestive Kraft (wer will nicht gesund sein und alles dafür tun?) ist – unabhängig davon, daß die Ärzte in ihrem Machtbewusstsein ohne Rücksprache mit Koslik (er ist im Grund als Mensch völlig überflüssig, sondern nur Objekt weiterer diognostischer Möglichkeit wichtig) einfach anordnen, so stark, daß Koslik sich in kürzester Zeit tatsächlich krank fühlt, seinen Herzschlag aufs Genaueste beobachtet, die Schwäche der Beine, wenn er läuft, wahrnimmt, und überhaupt – dieses schlappe Gefühl und das Bedürfnis nach Schlaf… bald scheint Koslik bereit, die schlimmste Diagnose bereitwillig zu vermuten, giert geradezu danach, durch weitere Untersuchungen abzuklären: Langzeit-EKG, Herzecho, MRT… sein Aufenthalt zieht sich hin, denn hinter den Kulissen des Krankenhauses läuft es nicht rund, treten Fehler auf, die Zeit kosten. Die er dann herumbringen muss, mit sinnlosen Spaziergängen, im Aufenthaltsraum, der die Gefahr birgt, Frank zu begegnen, im Zimmer dösend und schlafend, langsam zu einem Teil des Graus werdend, das ihn umgibt.

Sich ganz aus den Zwängen der äußeren Lebenssituation herausgelöst findend, arbeiten sich in Koslik die verdrängten Probleme seines Lebens langsam an die Oberfläche. Hat nicht die eine Frau im Speisesaal, eine Maltherapeutin, darüber geredet, Krankheiten wären die Antwort des Körpers auf solche verdrängten Probleme? Bei Koslik jedenfalls tauchen sie auf, diese längst vergangenen Ereignisse und brechen sich Bahn nach außen. In dieser Hinsicht gleicht das Krankenhaus einer Art Exerzitie, in der der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen wird, sich selbst in den Mittelpunkt seiner Achtsamkeit stellt und dem Un(ter)bewussten keine Schranke mehr auferlegt wird. Dementsprechend kräftig sind die Verwerfungen, die diese Bilder und Erinnerungen in Koslik hervorrufen.


Koslik ist krank ist ein beeindruckend intensiver Text einer jungen Autorin, die Kafkas Plot des Prozesses, in dem ein Mann einer anonym agierenden Macht unterworfen wird und sich ihr selbst unterwirft, in die Neuzeit und in eine neue Situation transferiert, in der sie ihren Protagonisten quasi zwingt, sich grüblerisch einer Selbsterforschung auszusetzen. Das Stück ist klaustrophob, vielschichtig, beängstigend und was die Krankenhaussituation betrifft, sogar ein wenig dystopisch; es läßt sehr auf weitere Werke der Autorin gespannt sein.

Links und Anmerkungen:

[1] im Internet ist über die Autorin noch nicht so viel zu erfahren, aber es gibt eine Facebook-Seite:
https://www.facebook.com/julia1rot und die Webseite der Autorin selbst:  https://www.juliarothenburg.de/jr/
[2] https://www.juliarothenburg.de/aktuelles/
in der Bildergalerie ist das von Rothenburg geschilderte triste Ambiente dieses ungastlichen Ortes schön zu erkennen….
[3] Franz Kafka: Der Prozess; Besprechung hier im Blog:
https://radiergummi.wordpress.com/2010/12/19/franz-kafka-der-prozess/

Julia Rothenburg
Koslik ist krank
diese Ausgabe: FVA, HC, ca. 256 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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