Berlin in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, dem Deutschland der Weimarer Republik, das ist in der ersten Assoziation verknüpft mit urbanem Leben, mit einer pulsierenden Metropole, die sich gleichrangig sieht mit anderen Weltstädten wie Paris, London oder New York. Große Varietees, Theater, Kinos, Kleinkunstbühnen ohne Zahl verliehen ihr Glanz, speziell wir Literaturfreunde denken beispielsweise an das Romanische Café als Treffpunkt einer städtischen Bohemé aus Künstlern und Kreativen. Aber dieser Glanz überstrahlt anderes: Berlin war auch eine Industriestadt (AEG, Siemens u.a.) mit bedrückenden sozialen Verhältnissen. Das Wort von der Stadt, die niemals schläft, galt in anderer Bedeutung auch hier: knapper Wohnraum wurde schichtweise als Schlafstätte vermietet, das Bett wurde nie kalt…. die Arbeiter, die in Berlin lernten, nach der Stechuhr zu leben, sollten zu denen werden, die später dann im Stechschritt durch die Stadt marschierten.

Groß-Berlin war 1920 durch einen Verwaltungsakt entstanden, diese erweiterte Stadt von der Größe des Ruhrgebiets beherbergte um die vier Millionen Einwohner, in ihr fand sich urbanes Leben genauso wieder wie idyllisches, zu ihrem Stadtgebiet gehörten Wälder, Seen und Wiesen. Das urbane Leben konzentierte sich jeweils in bestimmten Bezirken, in der südlichen Friedrichsstraße das Filmquartier, nicht weit entfernt, Koch- und Zimmerstraße, das Zeitungsviertel, das quartier latin mit den Klinken und Instituten nördlich vom Friedriechsbahnhof von der Luisenstraße bis zur Invalidenstraße, um die Gedächtniskirche und die Tauentzienstraße das Amüsier- und Luxusviertel, dann die dunkle zweifelhafte Gegend zwischen Münzstraße und Rosenthaler Platz [3].

Diese ‚dunkle, zweifelhafte Gegend‘ begann direkt hinter dem Alexanderplatz. Es ist das Viertel, in das Franz Biberkopf direkt, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war, eintauchte, eintauchen musste. In einem finsteren Hofe stehend überkam es ihn und er fing an zu singen, laut zu singen, etwas, was er im Gefängnis nie hätte tun dürfen. Im Hof beachtet ihn niemand, aber am Tor nahm ihn der Jude in Empfang. Er folgte ihm auf der Straße, nahm ihn beim Arm, zog ihn unter unendlichem Gespräch weiter, bis sie in die Gormannstraße einbogen, der Jude und der starkbauchige Kerl im Sommermantel, der den Mund zusammenpreßte, als ob er Galle spucken müßte. [4]

Gormannstraße, Münzstraße, Rosenthaler Platz, Mulackstraße, Grenadierstraße: unter anderen diese Straßen bildeten das Scheunenviertel [5] in Berlin, in dem sich ein Bodensatz des Kleinkriminellen und der Prostituierten tummelte. Enge, verwinkelte Straßen, alte, teils baufällige Häuser, kleine Geschäfte und Handwerker, Unübersichtlichkeit und Gedränge: das Scheunenviertel war also nicht originär ein jüdisches Viertel. Die Berliner Juden lebten mehrheitlich im Westen der Stadt, hatten sich im Gegenteil ‚assimiliert‘ und sollten sich, als nach dem ersten Weltkrieg ihr Glaubensbrüder aus dem Osten Europas nach Berlin kamen, derer schämen. In einem umfangreichen und nicht immer leicht zu verstehenden Essay widmet sich der Soziologe Eike Geisel der Geschichte und dem Charakter des Scheunenviertels im Allgemeinen und seiner Bedeutung für das deutsche bzw. osteuropäische Judentum im Besonderen.

Mir hatte sich bis dato dieses Scheunenviertel literarisch erst einmal bemerkbar gemacht, in Israels J. Singers Die Familie Karnovski ist es ein Schauplatz der Handlung. Mit dem Worten In den altersgrauen, zerfallenen Gebäuden der Dragonerstraße im Scheunenviertel, dem Viertel der Altkleiderhändler, das die Nichtjuden spottend die Jüdische Schweiz nannten, lagen eng nebeneinander Läden, Märkte, Metzgereien Gasthäuser und Bethäuser…. leitet er eine Beschreibung des Viertels und seiner Bewohner ein [6]. Für diese (und weitere zum Viertel gehörende Straßen) hält die Statistik für das Jahr 1929 (dem Jahr, in dem der Roman spielt) tatsächlich auch fest, daß die Wohndichte fünfmal höher ist als in der ganzen Stadt, die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal….

In Martin Beradts Straße der kleinen Ewigkeit (ein weichgespülter Titel des Buches, das ursprünglich Die Beiden Seiten der Straße heißen sollte), sind es nicht die vorstehend genannten Straßen, sondern die Grenadierstraße, die im Mittelpunkt steht. Martin Beradt (1881 – 1949) war selbst Jude, 1913 zog die Familie, als es ihr besser ging, in den Westen. Beradt wurde später auf zwei Tätigkeitfeldern erfolgreich: er reüssierte sowohl als Schriftsteller und kam andererseits als Notar und Rechtsanwalt zu Wohlstand. Beides wurde nach 1933 sukzessive durch Berufs- und Publikationsverbote (1933 verlor er seine Zulassung als Notar, 1938 die als Rechtsanwalt zunichte gemacht. Der vorliegende Roman war 1933 (angeblich) fertig gestellt, der Rowohlt-Verlag, bei dem Beradt publizierte, war jedoch zu dieser Zeit der Auffassung, einige Stellen des Romans könnten tendenziös aufgefasst werden und lehnte eine Veröffentlichung ab. Daß Beradt am 10. Mai 1933 von den Machthabern und ihren studentischen Schergen nicht übersehen wurde, versteht sich danach von selbst. In seinem Nachruf geht Eike Geisel auf die Publikationsgeschichte des Buches ein.

Es erscheint schon fast ironisch, daß auch nach dem Krieg erhebliche Schwierigkeiten auftauchten, den Roman zu veröffentlichen, jetzt weil potentiell Antisemitisches darin gesehen wurde: Eine hiesige [i.e. New York, wohin Beradt 1939 geflohen war] jüdische Buchorganisation wollte ihn nicht veröffentlichen, wie ich unter der Hand erfuhr, weil er antisemitisch, sei, das heißt offenbar, daß er nicht aus Marzipan besteht: ich hatte gute und schlechte Juden geschildert und wende die Mittel des modernen Romans an Stelle der Sentimentalität an. … War dies noch Anfang der 40er Jahre, so lehnte Beradts alter Verleger Rowohlt noch 1957 eine Veröffentlichung aus nämlichen Gründen ab, auch andere Verlage zuckten zurück, erst 1962 fand ein kleiner Verlag in der Herausgabe des Romans ‚eine Freude und schöne Aufgabe‘ [Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt]. Eine weitere Buchausgabe erschien 1993 unter dem ursprünglich vom Autor gewählten Titel, 2000 schließlich gab Enzensberger den Roman zusammen mit den beiden umfangreichen Begleittexten von Geisel in Die Andere Bibliothek heraus, diese Ausgabe ist es, die bei mir im Regal wohnt.

beradt


…. mit den Juden dieser Gasse, die neben ihrem bescheidenen irdischen Dasein noch ein zweites, hohes, übersinnliches Leben führten.

Im Mittelpunkt des Romans steht – so deutet es der ursprüngliche Titel schon an – eine Straße und deren Bewohner. Sehr locker wird der Text durch eine Person zusammengehalten, dem jungen Ephrain, genannt Frajim, der schon früh eine unbeherrschte Unterlippe aufwies, der dazu gehörige Mund verriet die gröberen Instinkte, die Nase aber war edel, die Stirn klug – so überlegte sich die Mutter. Dieser Frajim sollte nach dem Willen der Eltern Karriere machen, erfolgreich sein, das ging nur als Kaufmann, aber nicht natürlich im litauischen Elend des Dorfes, in dem sie lebten, sondern vielleicht in Krakau oder Lodz? Man entschied sich letztlich dann für Berlin, denn Deutschland stand in ihren Augen sehr hoch, vor allem stand Polen in ihren Augen sehr viel tiefer. Und wo ging man als Ostjude in Berlin hin, wo zog es einen hin? Dorthin zog es einen, wo schon andere waren, mithin kam auch Frajim ins Scheunenviertel hinter dem Alexanderplatz. Nur zeigte sich dort, daß Deutschland vielleicht sehr hoch stand, doch sicher nicht in diesem Viertel, in dem er, der junge Frajim keinen Erfolg hatte, keine Arbeit fand, obwohl sich seine Zimmerwirtin selbstlos um ihn kümmerte, ihn vermittelte, anpries und in Lohn und Arbeit brachte. Meist jedoch nur für kurze Zeit, was Frajims Ungeschicklichkeit geschuldet war oder der Tatsache, daß wirtschaftliche Probleme zur Entlassung von Beschäftigten zwangen.

Im Umfeld von Frajim führt Beradt eine Vielzahl weiterer Figuren ein. Der achtbare Bettler Fischmann zum Beispiel, dessen Berufung es war, Menschen Gelegenheit zu geben, großzügig und mildtätig zu sein und der wahrnehmen muss, sie sein Berufsethos hier in der Fremde verloren geht. Die Schwägerinnen Riwka und Julchen, die stundenlang auf einem harten Stuhl vor ihrem Verkaufstand mit Wäsche, Unterwäsche (darunter auch orangefarbene (!) Schlüpfer) und Trikotagen stehen und meist vergeblich darauf warten, daß jemand nicht nur schaut, sondern auch kauft. Joel, der Wirt, mit seinem weitbekannten Gasthaus, in dem er auch Zimmer vermietet, an drei, vier der armseligen Gestalten einen Raum….

Sie lebten elend dort in ihrem Viertel, in dem sie nicht unter sich waren, sondern das sie sich teilten mit anderen verschlissenen und unscheinbaren Existenzen. Christliche Minderheiten waren dies, aber auch alteingesessene Juden, darunter ganz arme, halb arme, wohlhabende, aber auch zugewanderte und wohlhabend gewordene und diese noch nicht einmal vereinzelt. Ganz abgesehen vom höchsts bedenklichen Gesindel der gewerbs- und gewohnheitsmäßigen Verbrecher samt ihrem weiblichen Anhang. Es gab Bordelle und es wurde Alkohol getrunken und die Glaubensfestigkeit der Juden auf schärfste geprüft wurde. Sie waren ein Fähnlein Aufrechter, im Quartier mit der Unzucht und dem Verbrechen, eine letzte Kompanie vor Gott. Und warum kommen sie jetzt aus Europas Osten nach Berlin? Nun, ihnen erschien die Wahrscheinlichkeit, in Berlin zu verhungern immer noch attraktiver als die Sicherheit, es in Polen zu müssen….

Zwar war Berlin für manche der Ostjuden der halbe Weg zum eigentlichen Ziel, das New York hieß, aber für die meisten war im Scheunenviertel Endstation. Die Welt außerhalb dieser wenigen Straßenzüge war schon Exil, sie vermieden es, in diese Welt zu gehen, aber diese Welt kam zu ihnen: in Gestalt der Polizei und der Baubehörden. In Joels Wirtshaus wurde Schwamm festgestellt bei einer Inspektion, die Existenz dieses Fleckens an der Wand wird zum Gerücht, es wuchs und verbreitete sich als Angst und Schrecken. Noch einmal gab es später ein ähnliches Gerücht, der Putz der von der Decke rieselte in das Zimmer, in dem Fischmann die Nacht selig entschlafen war, wurde zum Loch in der Decke, dessen Steine ihn erschlugen, das Loch wurde zur Wand, die umgefallen war, die umgefallene Wand wurde zum Haus, das praktisch schon einstürzte! Ausgerechnet zu der Zeit, in dem zusätzliche Zugvögel, die ein Ticket nach New York in der Tasche hatten und hier nur einen Zwischenhalt einlegten, zu all den sowieso schon eng Einquartierten gepackt worden waren. Welch eine Panik, welch eine Unruhe entstand dort. Wie brüllende Rinder, über derem Haupt der Stall in Feuer steht, so schrien alle. Ausgelöst durch einen anonymen Brief, der bei der Polizei eingegangen war, von einem Menschen mit seltsamen Namen… natürlich wusste man gleich, wer diese gewesen sein konnte, nein: musste! Jeder wusste es außer dem Betreffenden, der den geballten Zorn zu spüren bekam.

Es gäbe eine Anordnung der Polizei, das Haus zu verlassen, auch das Bethaus sei zu räumen. Ist sie das jetzt, die Austreibung? Dieses schreckliche Wort fiel, wenn auch nur im Ton der Frage bei denen, die aufgeregt durch Hintertüren in die Schankstuben strömten, um über das Geschehen zu reden. Es ist dies die immanente, ständig über ihnen schwebende Angst vor Vertreibung, die ganz real in diesen Jahren 1928/29 am Horizont erschienen ist.

Es war keine homogene Gemeinschaft. Zwar einte die Not die meisten darin, daß sie genug damit zu tun hatten, zu überleben, aber sie waren, obschon das Scheunenviertel ihre Welt war, nicht abgeschlossen. Im Osten, in Krakau beispielsweise, lebten sie abgeschlossen in ihren Vierteln, lebten die Juden streng unter sich, mit den Andersgläubigen im Verkehr nur durch den Handel. … Es war kühn, von dort auszubrechen, waren auch viele im Laufe des Jahrhunderts von Ost nach West gezogen. Die Mehrheit saß noch da, fromm und strng wie einst, …. hier aber? Inmitten der Unzucht, im Angesicht der Frauen, die von den Männern nur stundenweise besucht wurden, im engen Kontakt – schließlich war überall ähnliche Not – mit christlichen Handwerker, mit Ganoven auch…? Der junge Seraphim, mit dem sich Frajim ein wenig angefreundet hatte, beispielsweise trat für Änderungen ein, die Religion sollte eine freiere und reiner Form erhalten. .. Er galt als Ketzer, er hetze die Jugend auf. Wirklich sagte er: seht euch Herrn Lämmchen an …. bei den Worten Heilig, Heilig, heilig! möchte er höher hüpfen als sie alle, er faßt, wie man sagt, Gott an die Füße, aber zu Hause schlägt er die Frau, und im Geshäft macht er zweifelhafte Sachen! Oh ja, Seraphim hatte ein dezidiertes Urteil, viel forderte er, aber auch er, selbst er, konnte ohne die Gasse nicht leben.

Einige der Personen, die Beradt in seinem wie in einer Art Mosaik als Einzelbildern zusammengesetzten Panorame der Grenadiergasse in das Geschehen einführt, seien noch wenigstens erwähnt.  Beispielsweise Tauber mit seinem Bauchladen, Frau Warszawski, die Vermieterin, Geppert, der Polizeispitzel, Wahrhaftig, der mit Tüchern handelt und jetzt unbändige Angst hat, weil welche dabei sind, die aus der Beute eines erschossenen Diebes sind, der wohlhabende, aber fast blinde Weichselbaum, der nach Berlin der Ärzte wegen kam, der ebenfalls nicht arme Lumpenhändler Lewkowitz, bei dem Frajim zeitweilig, aber nicht lange, arbeitete, der Rabbi Jurkim mit seiner schwermütigen Frau. Dieser betete, wie andere atmeten, es fehlt ihm die Wärme, sein Blick war Eis, entsetzlich, Bett an Bett mit ihm zu schlafen, wahrscheinlich schlief man im Keller wärmer. Dann war da noch Boas, der Arzt, der sich für seine Patienten aufrieb und selbst früh starb. Früh starb? Ein Arzt, der sich selbst nicht helfen konnte und sich früh sterben ließ? O Weh! Ein kollektiver Aufschrei ertönte und die Sicherheit stellte sich in der Menge ein, daß dieser Betrüger dann ja wohl auch seinen Patienten nicht helfen konnte, und war nicht der oder die, trotzdem sie zu ihm gegangen, gestorben? Wieviel vertrauenswürdiger erschien da doch der Heilkundige Jankuhn, der allerdings eher den Aberglauben der Menschen bediente als sie zu heilen….

Am Ende all dieser Geschichten, hiermit schließt sich dann der lockere Rahmen, der durch die Existenz von Frajim gebildet wird, reist dieser mit Weichselbaum, der von den Ärzten Berlins enttäuscht ist, wieder zurück in die Heimat, aus der er ausgeschickt worden war. Er hatte trotz aller Enttäuschungen doch manches gelernt – vielleicht gab es dann doch noch einmal einen Aufstieg für ihn – in Polen.


Es sind Zwiegespräche, innere Monologe, Diskussionen, auch Beschreibungen, die Beradt in Art einer Collage zu einem Gesamtbild der Grenadierstraße, nolens volens also des Scheunenviertels zusammengefügt hat. Des Scheunenviertels, in dem sich die Ostjuden sammelten (es ist an mehreren Stellen von dreitausend die Rede), in der Hoffnung auf einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg, der ihren Glaubensbrüdern rund zweihundertfünfzig Jahre vorher gelungen war. Doch – so schreibt Geisel bitter weiter – statt auf Aufklärung und Lessing treffen sie auf Antisemitismus und Ludendorff, die Austreibung als Schreckgespenst immer im drohend im Hintergrund. Ein paar Jahre später, 1939, besuchte Beradt die Grenadiergasse noch einmal, diesen Besuch fügte er seinem Text als Epilog bei: … Ich habe sie [i.e. die Grenadiergasse] im Juli 1939, wenige Wochen vor dem Ausbruch des Krieges, gesehen, sie war nicht wiederzuerkennen. Es war ein Nachmittag, keine besonders lebhafte Zeit, aber auch keine stille für die Gasse. Wieviel Hunderte standen sonst um diese Zeit in ihr herum! Nun waren sie tot! …Die befürchtete Austreibung war wahr geworden, nicht nur hatte man sie aus Berlin, aus ihrem Viertel getrieben, man trieb sie aus aus Frankreich, aus den Niederlanden, aus allen Ländern, in die Deutschland mit seiner Militärmaschine kam, ja, man hatte begonnen, ihnen allen, einem ganzen Volk, sogar das Leben aus dem Leib zu treiben…

Beradt war herumgereist und hat für seinen Roman gesammelt: Witze, Anekdoten, Gespräche, Diskussionen, Episoden und anderes mehr. So ist dieser Roman von jüdischem Leben durchzogen, liest sich an vielen Stellen auch humorig, geprägt auch von diesem ‚typisch‘ jüdischen Humor, der die Hürden des Alltags offenlegt und gleichzeitig zu ertragen und hin und wieder zu überwinden vermag. Beradts Juden sind nicht aus Marzipan, wie er später schreiben sollte. Es sind Menschen, und es gibt gute Menschen und nicht so gute. Es gibt welche, die ihren Vorteil über alles stellen, es gibt welche, die helfen, wo sie helfen können. Menschen eben. Martin Beradt, der selbst 1939, kurze Zeit nach seinem oben geschilderten Besuch in der Grenadiergasse nach New York emigierte, hat dem Berliner Scheunenviertel und den dort wohnenden Juden mit Der Straße der kleinen Ewigkeit ein Denkmal gesetzt, hat ihnen, den von der Erde Vertilgten zumindest ein literarisches Überleben gesichert.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Beradt
[2] —
[3] Willi Jasper: Berlin Alexanderplatz, in: Manfred Görtemaker: Weimar in Berlin, be.bra verlag, Berlin, 2002
[4] Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz, zitiert nach: dtv, 24. Aufl., 1980
[5] als Beispiel eine Touristentour durch´s Scheunenviertel:  http://travel.nationalgeographic.com/travel/city-guides/berlin-walking-tour-3/
[6] Israel Joshua Singer: Die Familie Karnovski, Besprechung hier im Blog

 

Martin Beradt
Die Straße der kleinen Ewigkeit
Ein Roman aus dem Berliner Scheunenviertel
Mit einem Essay und einem Nachruf von Eike Geisel.
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek, Bd. 190), HC, ca. 370 S., 2001.

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Joseph Roth: Hiob

2. November 2016

Joseph Roths Hiob ist ein bekanntes Buch, man kann es nicht anders sagen, der Suchergebnisse sind es viele. Auch Reich-Ranicki empfahl seinerzeit die Lektüre [2], leicht gäbe sich die Weisheit Joseph Roths, gelassen und heiter, wenngleich er dem Werk Roths das Bahnbrechende absprach. Aber gerade in dieser Absage auf alles Gewaltige und Monumentale, die Konzentration auf das Alltägliche also und seine Menschen macht die Dauerhaftigkeit seines Werkes aus.

Den Hiob zu lesen hatte ich mir schon lange vorgenommen, den letzten Anstoß gab mir Baltschevs Geschichte des Amsterdamer Exilverlags Querido [3], in der Roth einigermaßen prominent erwähnt wird. Wobei der vorliegende Roman eines einfachen Menschen, so der Untertitel schon im Jahr 1930, also vor dem Exil Roths, publiziert worden ist.


hiob

Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Derselbe war schlecht und recht, gottesfürchtig und mied das Böse.

Mit diesen Worten [4] fängt das biblische Buch Hiob (Hiob 1,1) an, auch beginnt Roth seinen Hiob mit ähnlicher Formulierung: Vor vielen Jahren lebt in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude. … Ein deutlicher Bezug auf das Buch der Bibel also, der den Grundtenor der Geschichte vorgibt, ist die Figur des Hiob doch Symbol geworden für einen Menschen, den das Schicksal unverschuldet und gegen all sein Bemühen schlägt und straft. Und ist nicht sogar das ganze Volk Israel ein Hiob unter den Stämmen, ein vom Schicksal verfolgtes und geschlagenes Volk seit jener Zeit von vor Tausenden von Jahren, in denen ihr Gott noch Wunder tat, große Wunder, um es zu leiten, in denen der Hiob, den Gott seinerzeit dem Satan zur Willkür und einer Wette wegen überließ, noch reich war – im Gegensatz zu Roths Hiob mit Namen Mendel Singer, der ein Armer war unter Armen, arm trotz seiner Gottesfurcht, dem Befolgen der Gebote und Verbote, dem Lehren und Anleiten der Kinder, denn Roths Mendel Singer war ein Lehrer, der den jungen Kindern die Bibel vermittelte, aber arm war er wie fast alle seine Glaubensbrüder.

Dieser Mendel Singer hatte drei Kinder, zwei Söhne, die unterschiedlicher untereinander nicht hätten sein können: Jonas, große und stark wie ein Bär und Schemarjah, schlank und zart wie ein Fuchs. Die Tochter hieß Mirjam, ihre Glieder waren zart, die Gelenke zerbrechlich und ihr Wesen das einer jungen Gazelle war. Deborah, das Weib Mendels, trug zu der Zeit, in der der Roman einsetzt, ein viertes Leben unter ihrem Herzen, denn Mendel liebte sein Weib und ergötzte sich an ihrem Fleisch. Doch mit Menuchim, wie sie den ihnen Geborenen nannten, ward ein Krüppel geboren, ein Behinderter, ein Menschlein, das nur ein Wort zu sprechen lernen sollte, ein Wort „Mama“, ein letztes Kind auch dieser Ehe, denn Deborahs Schoß blieb fortan trocken und unfruchtbar und Mendel Singer fing an, seine Frau mit anderen Augen zu sehen, Augen, in denen keine Liebe mehr war und ihrer beider Leben fing an, mehr dem von Geschwistern zu gleichen denn dem von Eheleuten.

Die Jahre vergingen…. ein Wunderrabbi (zu dem das Weib gegen den Willen ihres Mannes ging, denn Mendel vertraute auf Gott, nicht auf Wunder) prophezeite Deborah, daß ihr Menuchim gesund werden würde – in vielen Jahren und nie dürfe sie ihn verlassen. Die anderen beiden Söhne dagegen waren gesund, obwohl ihnen in den Augen der Eltern ein wenig Schaden gut getan hätte, denn dann wären sie möglicherweise verschont worden, aber so kräftig, wie sie waren, wollte sie der Zar haben für sein Heer. Nur einen der Söhne konnten Deborah retten, in dem sie ihm über einen bezahlten Mittelsmann zur Flucht verhalf, dem zweiten dagegen, Jonas, gefiel das Leben, das die Bauern und Soldaten lebten, ein Leben mit Pferden, mit Schnaps und auch mit Frauen, Jonas ging gern und freiwillig zu den Kosaken. Aber nicht nur ging der eine Sohn zu den Kosaken, diese kamen auch von sich Mendels Haus in aus in diesen Tagen, denn in Mirjam fing ein Feuer an zu brennen, das nur von Männern zu löschen war und Mirjam ließ sie es löschen, Tag für Tag und Nacht für Nacht….

Ein Bote brachte eines Tages eine Nachricht vom geflohenen Schemarjah, der sich jetzt Sam nannte und in Amerika lebte. Er wollte seine Eltern zu sich holen und sie entschlossen sich schwersten Herzens zur Reise. Menuchim, den geliebten Krüppel, mussten sie zurücklassen um Mirjam zu retten, sie von den Kosaken zu trennen und nach Amerika mitzunehmen.

Mendel blieb auch in New York ein russischer Jude, aber er war dort einer unter vielen. Er fremdelte, aber er lebte sich ein. Sein Sohn Sam machte gute Geschäfte, er war verheiratet und hatte ein Kind. Mirjam arbeitete in seinem Geschäft und freundete sich mit Mac, seinem Kompagnon, an. Diesen guten Entwicklungen stand das ungewisse Schicksal von Jonas und von Menuchim entgegen, die Ungewissheit nagte am Herzen von Mendel und Deborah, auch die Reue, Menuchim zurückgelassen zu haben, wog schwer auf ihrer Seele, die Schuldgefühle quälten sie, gar oft stand Mendel am Fenster, um gedankenverloren an die alte Heimat hinaus zu blicken….

Gerade war der Entschluss gefasst, zurück zu fahren zu Menuchim, als der Krieg ausbrach, es war 1914, eine Reise nach Russland war unmöglich geworden. Und dann zog Sam, dem Amerika ein neues Vaterland geworden war, für dieses Land in den Krieg…

Noch betete Mendel Singer seine Gebete, noch wiegte er seinen Körper im Takt des Gesangs, noch befolgte er die Gebote des Herrn ohne Zögern, doch dieser kannte kein Erbarmen mit seinem treuen Diener. Ob der Nachricht vom Tod Sams, die ihnen überbracht wurde, brach Deborah vor Verzweiflung tot zusammen und Mirjam, die Schwester verfiel dem Irrsinn. Nur Mendel, ihm geschah nichts außer diesem Unglück und der Verzweiflung, die seine Familie traf…

Voller Zorn war nun der Mendel Singer, voller Verzweiflung, voller Verbitterung. Trauer erfüllte sein Herz und unsäglicher Schmerz wohnte in ihm. Geschlagen wurde er von seinem Gott, Unglück bringe er über die Seinen, so dachte er und sagte sich los von ihnen und lebte fortan allein, in einem Hinterzimmer bei einem der jüdischen Freunde in der Straße. Er sagte sich los auch von seinem Gott, wütete gegen ihn in seinem Zorn und seiner Hilflosigkeit und fast hätte er es geschafft, seine Gebetsriemen zu verbrennen, sein Gebetbuch… Denn das brauchte er jetzt nicht mehr, er betete nicht mehr noch sang er die Psalmen oder wiegte sich in derem Takt. Vergeblich kamen die Freunde und versuchten, ihn wieder zu ihrem Gott zurück zu führen…

Alt war er geworden, der Mendel Singer, alt und gebeugt, gebeugt und schwach, schwach und ohne Freude. So war er, als er – der Krieg war mittlerweile zu Ende – durch Zufall eine Schallplatte fand, die er auf dem Grammophon des Freundes abspielte, und das Lied, es hieß ‚Menuchims Lied‘ packte ihn, rührte sein verhärtetes, vergrämtes Herz an, immer wieder spielte er das Lied, bis er es mitsingen konnte und endlich ein leichtes Lächeln um seine Lippen zu spielen begann.

Mendel feierte als Geringster der Anwesenden mit seinen Gastgebers das Osterfest, als ein fremder, gut gekleideter Mann an die Tür anklopfte, gerade als die Stelle gelesen wurde, an der der Prophet Eliahu in die Stube einzulassen wäre. Es war der Komponist von Menuchims Lied, der da Einlaß begehrte, ein berühmter Musiker: es war der Mann, der schon seit Jahren nach einem gewissen Mendel Singer aus Zuchnow suchte, es war – so offenbarte er sich – Menuchim. Und Mendel Singer ward von diesem Augenblick an ob des geschehenen Wunders wieder versöhnt mit seinem Gott, haderte nicht mehr mit diesem, fing wieder an zu singen und zu beten und er blieb bei seinem Sohn, der sich von nun an um seinen alten Vater kümmerte.


Von der Ausgangssituation her hat mich der 1930 von Roth veröffentlichte Hiob an einen anderen berühmten Roman erinnert, den ich vor ein paar Monaten hier vorgestellt habe: Tewje, der Milchmann von Scholem Alejchem [6]. Beide Geschichten spielen grob um die gleiche Zeit im osteuropäischen Judentum auf dem Gebiet der heutigen Ukraine, beide schildern dieses Judentum, keiner der Autoren konnte ahnen, daß es nur wenige Jahre später ausgelöscht sein würde. Hie wie dort ist eine Zeit des Umbruchs, auf der Ebene der Menschen, aber auch der der Politik. Die Kinder beider Elternpaare fügen sich nicht mehr klaglos ein in die überlieferten Traditionen, haben ihre eigenen Vorstellungen. Weder die Autorität der Eltern noch die der Religion reichen aus, die Widerstrebenden zu zähmen. So geht bei Roth der Sohn Jonas zum Militär und benimmt sich wie jeder andere ‚Kosak‘ auch, Mirjam ist offensichtlich nymphoman, gibt sich mit den Soldaten ab, …. traf sie sich mit einem von ihnen, oder auch mit zweien. Manchmal kamen drei. Sie empfindet dabei keine Scham. Weil du einen Mendel Singer geheiratet hast, muss ich nicht auch einen heiraten. Hast du einen besseren Mann für mich, was? Hast du eine Mitgift für deine Tochter? Vernichtende Worte, in denen auch die fehlenden Aussichten für die Zukunft der jungen Juden formuliert sind. Mirjam richtet diese Worte ohne Emotionen an ihre Mutter, die ihrerseits dachte, Hilf, guter Gott, sie hat Recht ….

Während bei Tewje jedoch die Progrome, die in Russland ab 1905, nach dem Ende des russisch-japanischen Krieges (vgl [5]) angesprochen werden und Tewje auch unter ihnen zu leiden hat, spielen sie bei Roth überraschenderweise keine Rolle. Ein einziges Mal wird der Begriff im Zusammenhang mit einer ‚Progromstimmung‘ verwendet, von Progromen oder anderen Nachstellungen ist jedoch nichts zu lesen. Wird Tewje zum Ende des Romans zum Vertriebenen, der in der alten Heimat nicht mehr gewollt wird, so reisen die Mendels bei Roth aus persönlichen Motiven aus, politisch motivierte Vertreibung ist es nicht. Roth hat seinen Hiob in etwa gleichem Umfang aufgeteilt: das Schicksal der Singers, die der Rettung Mirjams wegen nach Amerika zum zweiten Sohn auswandern, wird in etwa gleichem Umfang geschildert wie ihr Leben in Zuchnow. Dies ein weiterer Unterschied zu Alechjems Roman, der ausschließlich in der alten Heimat seines Helden spielt.

So erweitert Roth im Gegensatz zu Alechjem seine Geschichte um eine zusätzliche Perspektive: den der Migration in ein fremdes Land. Ein Land, das mit Licht und Schatten geschildert wird, hinter dessen leuchtender Fassade oft der Schmutz und der Dreck verborgen liegt. Exemplarisch gelingt es Deborah in Amerika nicht, die Dielen ihrer Behausung so sauber, so gelb-glänzend zu schrubben wie in ihrer alten Heimat…. und das zahllose Ungeziefer, das in den Spalten und Löchern, die es allerorten gibt, lebt, läßt sich nicht vertreiben.

Erst mit Menuchim lernt Mendel Singer das glänzende Amerika kennen, das große, saubere, leuchtende, vornehme Hotel Astor, die Blick von oben auf die Leuchtreklamen und Lichter der Stadt, das Meer auch, den gelben Strand, an dem der frühlingshafte Wind durch die schütteren Haare des alten Mannes, der zum ersten Mal in seinem Leben freiwillig seinen Kopf entblößt…  Mendel vertraut sich seinem Sohn an, wohin du fährst, ist es gut….


Der Hiob Roths ist ein von Gott Geschlagener, der von Gott abfällt. Nach dem Tod seines Sohnes, dem Tod seiner Frau, dem Irrsinn seiner Tochter rechnet er ab mit ihm, mit ihm, dem er sechzig Jahre lang in Verblendung gedient hatte. Gott ist grausam, und je mehr man ihm gehorcht, desto strenger geht er mit uns um. Er ist mächtiger als die Mächtigen, mit dem Nagel seines kleinen Fingers kann er ihnen den Garaus machen, aber er tut es nicht. Nur die Schwachen vernichtet er gerne. Die Schwäche eines Menschen reizt seine Stärke, und der Gehorsam weckt seinen Zorn. …. schleudert er seinen Freunden, die ihn in seiner Trauer besuchen, entgegen – und natürlich seinem Gott. Es ist dies die Szene, in der der Bezug zum Buch Hiob vielleicht am deutlichsten durchkommt: seine vier besten Freunde aus dem Viertel, in dem er lebt, besuchen ihn so der biblische Hiob von drei Freunden besucht wird, die sich jeweils seiner Rede entgegenstehen. In dieser Passage nimmt Roth auch direkten Bezug auf das Buch Hiob: ‚Erinnere dich, Mendel‘, begann Rottenberg, ‚erinnere dich an Hiob. Ihm ist Ähnliches geschenen wie dir. … Auch er lästerte Gott. Und doch war es nur eine Prüfung gewesen. … ‚ Es wäre interessant, jetzt die jeweiligen Reden und Gegenreden miteinander in Bezug zu setzen, das würde wohl den Rahmen dieser einfachen Buchbeschreibung sprengen.

Der biblische Hiob wird am Ende von Gott rehabilitiert und in den früheren Stand eingesetzt, noch mehr sogar erhielt er von Gott als er verloren, die Toten freilich blieben tot. Dieser Hiob schließlich starb alt und des Lebens satt, auch Mendel findet am Ende sein Glück, den Glauben daran, daß sich Jonas wieder einfinden würde und daß Miriam gesunde und dann schöner als alle Frauen der Welt zurückkehre – auch dies noch einmal ein Bezug auf Hiob 42. Und doch ist es nicht der alte, unbedingt Gehorsame, dieser Hiob jetzt, denn er fühlt ein merkwürdiges und auch verbotenes Verlangen in sich und gibt ihm nach: er entblößt … aus freiem Willen sein Haupt und läßt den Wind mit den schütteren Haare spielen.


Joseph Roth war ein deutschsprachiger Autor, sein Geburtsort Brody in Galizien gehörte damals zu Österreich-Ungarn, liegt jetzt in der Ukraine, Scholem Alechjem, der Dichter des Tewje, dagegen war ein jiddischer Schriftsteller. Das Jiddische, und dies ein großer Unterschied und auf den ersten Blick seltsam anmutend, kommt im Hiob dagegen nicht vor, der Begriff wird einmal einziges mal angeführt, als auf dem Auswandererschiff die Durchsagen in diversen Sprachen, u.a. dem Jiddischen, aufgezählt werden. Roths Vermeidung jiddischer Begriffe geht so weit, daß er sogar das jüdische Pessachfest als Osterfest bezeichnet. Damit ist Hiob zwar eine Beschreibung des osteuropäischen Judentums (als Nachhall einer Galizienreise Roths von 1926 und unter dem Einfluss der gläubigen Schwiegereltern verfasst), aber eine aus der Ferne, aus der Sicht, dem Blickwinkel des aufgeklärten Europäers, eines säkularen Juden, der für aufgeklärte Europäer geschrieben hat.

Ein weiterer Grund dafür ist einfach zu benennen, Roth schrieb keine Heimatgeschichte für jüdische Leser, sondern er richtete sich an ein großes Publikum, denn er brauchte schlicht und einfach Geld. Martin Lowsky geht in seinem ausführlichen Nachwort auf die damalige persönliche Situation Roths ein. Dieser hatte 1928 mit seiner Arbeit am Hiob begonnen, es sollte ein packender Roman werden, der möglichst viele Leute begeistert. Denn Roth ersehnte den finanziellen Erfolg. Und zwar aus einem tragischen Grund: seine Frau Friedl war an Schizophrenie erkrankt und die notwendige ständige Betreuung war teuer. Im Hiob taucht Friedl Schicksal in der Person Mirjams auf, deren beider Prognosen durch die behandelnden Ärzte negativ waren. Vor diesem Hintergrund wird Roth selbst zu einem Schicksalsverwandten seines Hiobs, wie dieser am Schluss des Buches von Mirjam wird auch Roth davon geträumt haben, seine Friedl wieder gesund in die Arme nehmen zu können….

Zur Sprache Roths ist noch etwas anzumerken. Sie hat etwas märchenhaftes, suggestives: Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow…. oder … Hinter ihm leuchtete ein gelber Schal auf, ein gelber Schal, ein gelber Schal. …. oder  Sein Schlaf war traumlos. Sein Gewissen war rein. Seine Seele war keusch. und als letztes Beispielzitat für die oftmals gebrauchte Voranstellung des Objekts im Satzbau: Eine Frau und drei Kinder musste er kleiden bzw. Den Mund verdeckte der Bart. Durch solche stilistischen Feinheiten wird der Text abwechslungreich, beim Lesen ist man aufmerksam und gibt sich dem Sog der Geschichte hin. Trotz dieses oft poetischen Zungenschlages sind die Schilderungen des jüdischen Alltags sowohl in Russland als auch in Amerika realistisch: der Dreck, die Armut, die demütigende Behandlung auf den Amtsstuben, das ebenso demütigende Betteln und Feilschen, wenn das Geld für das Gewünschte nicht reicht….

Hiob ist ein zutiefst menschlicher Roman, der eins der Grundthemen der menschlichen Existenz thematisiert: das Ausgeliefertsein. Der Mensch mag nicht glauben, daß nur der Zufall das Leben und das Geschehen beherrscht: dem Zufall ist man wirklich ausgeliefert, eine Macht, die lenkt (oder die Dinge einfach laufen lässt) kann man möglicherweise beeinflussen, durch Gehorsam, durch Anrufung, durch Opfer. Um so tiefer die Enttäuschung, wenn dies wirkungslos ist, wenn sich der Mensch zum Spielball gemacht sieht von dem, dem er in seiner Seele die Macht über sich zugeschrieben hat.

So hat Roth mit seinem Hiob ein bleibendes Buch geschrieben, keins, das – nach Reich-Ranicki – literarische Spuren hinterlassen hat, aber eins, das immer aktuell sein wird und dies verbindet mit hohem ‚Lesegenuss‘, so nennt es Lowsky. Ihm ist zuzustimmen.

Mehr durch Zufall (sic!) als durch Absicht bin ich an die preiswerte Ausgabe der Reihe der ‚Hamburger Lesehefte‘ gelangt, sie kostet (ohne daß man dies dem durchaus vorzeigbaren und schönem Büchlein ansieht) weniger als der Verdauungsschnaps im Lokal nach einen guten Essen… und enthält ausser der Geschichte noch das schon erwähnte Nachwort sowie zahlreiche erklärende Anmerkungen und noch ein paar wenige Materialien. Der Text selbst richtet sich nach der Erstausgabe. Ein Büchlein für den schmalen Geldbeutel und die weit geöffnete Seele!

Links und Anmerkungen:

[1] http://www.ursulahomann.de/RomanEinesEinfachenMannesDieHiobDeutungJosephRoths/komplett.html
[2] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/fragen-sie-reich-ranicki/fragen-sie-reich-ranicki-die-besten-romane-von-joseph-roth-1259324.html
[3] Bettina Baltschev: Hölle und Paradies, Buchbesprechung hier im Blgo
[4] z.B. hier: http://www.bibel-online.net/buch/luther_1912/hiob/1/
Der in Hiob 1,1 auftauchende Begriff ’schlecht‘ ist kein Irrtum, er ist ein schönes Beispiel für den Bedeutungswandel, den Worte im Lauf der Zeiten erleben können, wie es z.B. hier beschrieben wird: Guy Deutscher: Du Jane, ich Goethe (Buchvorstellung hier im Blog)
[5] Vladimir Jabotinsky: Die Fünf, Buchbesprechung hier im Blog
[6] Scholem Alejchem: Tewje, der Milchmann, Buchbesprechung hier im Blog

Joseph Roth
Hiob
Roman eines einfachen Mannes
mit einem Nachwort von Martin Lowsky
Erstausgabe: Kiepenheuer, Berlin, 1930
diese Ausgabe
:Hamburger Leseheft Nr. 225, broschiert, 160 Seiten

Der Autor dieser Biographie, Vittorio Segre, (1922 – 2014) ist von Namen her unschwer als Italiener zu identifizieren. 2014 ist er in hohem Alter gestorben [1]; es ist nicht selbstverständlich, daß er (so) alt geworden ist, denn er stammte aus einer jüdischen Familie im Piemont, der Region um Turin, wo er wenige Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges geboren wurde. Auch wenn sein Vater 1929 das beträchtliche Familienvermögen wie so viele andere auch verloren hatte, lebte die Familie bis 1938 weitgehend unbehelligt von den politischen Randbedingungen ein privilegiertes, weil wohlhabendes Leben. Nachdem ab 1937 in Italien jedoch gegen Juden gerichtete gesetzliche Bestimmungen in Kraft traten (19. April 1937:  ‚Rechtswirkungen ehelicher Verbindungen zwischen italienischen Bürgern und Untertanen‘, 17. November 1938: „Gesetz zur Verteidigung der Rasse“.  [2]), wurde auch in der abgehobenen Welt dieser Familie klar, daß man selbst als assimilierter und faschistischer Jude verfolgt wurde, aus dem einzigen Grund: weil man Jude war. Nach dem Einfall der Deutschen in Polen sorgten verschiedene Ereignisse schließlich für den Entschluss, daß der seinerzeit sechzehnjährige Sohn Vittorio nach Palästina auswandern sollte.

gluecksrabe

Die ersten vier von den elf Abschnitten des Buches umfassen diese ersten sechzehn Lebensjahre Segres sowie die Geschichte seiner Familie. Er wurde in eine typisch großbourgeoise Familie mit Großgrundbesitz hineingeboren: dem Vater gehörte das Tal, auf das sie blickten, die Dörfer, die darin lagen und die Menschen, die dort auf seinem Land arbeiteten, waren von ihm abhängig. Den Erinnerungen des Autoren nach war der Vater ein guter „Hirte“, der auch als Bürgermeister viel Vertrauen und Ehrfurcht von seinen Leuten entgegengebracht bekam. Von beidem büßte ein: der Krieg, für dessen Teilnahme er 1916 entflammte und aufrief, war nicht ganz so kurz und nicht ganz so siegreich wie von ihm prophezeit: viele der Männer, die begeistert hatte, kehrten nicht mehr zurück in das Tal.

Eher aus Zorn über die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Krieg zwangsläufig mit sich gebracht hatte …. war er nach Turin gegangen, um der von Polizei und Armee unterstützten faschistischen Partei beizutreten und dort Karriere zu machen. Der Faschismus war für den Vater der Triumph der Ordnung über die Anarchie. 1922 wurde der Sohn Vittorio geboren, der in diesem wohlhabenden faschistisch orientierten Umfeld wie in einer Blase, die von den Realitäten abschirmte, aufwuchs. Es war ein privilegiertes Leben, das weder von ihm und seiner Familie in Frage gestellt wurde. Auch nach dem wirtschaftlichen Crash des Vaters, dessen Vermögen durch die Wirtschaftskrise 1929 verloren ging, änderte sich nicht wirklich etwas, bis auf die Tatsache, daß der Vater jetzt für Lohn arbeiten musste. Ganz so schlimm wie es klingt, war es dann aber doch nicht, der reiche, angeheiratete Onkel wusste den Vater standesgemäß in seinen Fabriken in Stellung zu bringen. Jedoch war damit ein Umzug aus dem Piemont ins Friaul verbunden.

Der Knabe selbst genoß nach wie vor viele Freiheiten und Privilegien. Da schwächlich und kränklich, wurde er von Privatlehrern unterrichtet, was wohl nicht sehr effektiv war, denn als er dann doch in die Schule gehen musste, viel er durch fehlende Grundlagen auf. Jene sechzehn Jahre im faschistischen Italien stellten für [ihn] eine so geregelte, normale und sorgenfreie, eine so unvergleichliche Zeit dar, daß [er] nicht sagen könnte, was das Besondere am Faschismus war. …. Als vollkommen assimilierter Jude … hielt ich den Faschismus für die natürliche Form des Gemeinschaftslebens. Ohne weiteres Nachdenken, weil es selbstverständlich war, trat er auch in die faschistische Jugendorganisation ein. Die Gerüchte, die teilweise vom weiter nördlichen Geschehen in diese patriarchalisch ausgerichtete Gegend drangen, nahm man nicht sonderlich ernst, der ‚Duce‘ sei doch eher ein Freund der Juden, nicht so wie Hitler.

Das jüdische Leben in Italien unterschied sich von dem in Mittel- und Osteuropa. Die Gettos, in denen die Juden lebten, waren erst wenige Jahrzehnte vorher im Rahmen des „Risorgimento“, der Schaffung des Nationalstaates Italien 1848, aufgelöst worden. Die Gettomauern hatten zwei Effekte, die nun wegfielen: nach außen die Isolierung und Abgrenzung, nach innen aber auch die Konzentration jüdischen Lebens auf einen eng definierten Bereich, in dem es sich entfalten konnte. Dieses jüdische Leben verkümmerte, als sich die Juden nach 1848 in die italienische Gesellschaft integrierten und sich an sie anpassten, die Gemeinden waren zudem meist zu klein, um die Jüdischkeit aufrecht zu halten. Segre geht ausführlich auf diese historische Entwicklung, die recht schnell stattgefunden hat, ein. Sie führte in der eigenen Familie dazu, daß beispielsweise das Hebräische kaum noch beherrscht wurde, daß man zwar noch wusste, daß Schwein und Hase (letzterer eine Lieblingsspeise des Vater) nach den Speisegesetzen verboten waren, aber die Vorschrift, daß man am Sabbat kein Feuer anzünden dürfe, hätte diesen sicherlich sehr erstaunt. Rituale wie Gebete und Segenssprüche wurden zur Hülle und – wenn überhaupt noch durchgeführt – sinnentleert und zu Weihnachten/Chanukka ging man mit den Christen in die Mitternachtsmesse. Ferner gab es auch verschiedentlich   Übertritte vom Judentum zum Christentum, die Mutter des Autoren konnte seinerzeit nur durch massives Eingreifen des Vater beim Bischof davon abgehalten werden.

Daß man trotzdem immer noch Jude war, wurde gegen Ende der 30er Jahre schmerzhaft deutlich. Der Autor musste die öffentliche Schule verlassen und in eine jüdische überwechseln; einmal in einem der vielen Urlaube, die man sich im Jahr leistete, traf man auf eine Flüchtlingsfamilie aus Deutschland, dennoch verkannte man noch immer die Realitäten, glaubte sich nicht in Gefahr. Den Ernst der Lage erkannte der Vater erst, als ihm 1939 faschistische Juden den Vorschlag machten, gegen andere Juden vorzugehen, um dem ‚Duce‘ zu zeigen, daß man hinter ihm stünde. Der Vater verweigert sich diesem Ansinnen: … Es stimme, daß wir als Italiener unserer sakrosankten Rechte beraubt worden seien. Aber niemand könne uns unsere Würde und unsere Ehre als Juden nehmen. In trostlosen Zeiten wie diesen Glaubensbrüder anzugreifen, ums uns bei einen Regime einzuschmeicheln, das uns betrogen hatte, sei gemein und unter aller Würde. Die Familie fasste den Beschluss, daß der Sohn nach Palästina auswandern sollte. Der Vater selbst überlebte die Zeit der Judenverfolgung in Italien in der Verkleidung eines herumziehenden Hausierers, er wurde von „seinen“ Leuten gedeckt und versteckt, niemand verriet ihn.


Das Leben ist stärker als das Böse.

Die folgenden sieben Kapitel des Buches umfassen den Zeitraum von der Ausreise nach Palästina bis zu seiner Rückkehr nach Italien als britischer Soldat. Damit schließt sich in gewisser Weise die literarische Aufbereitung dieser Lebensepoche Vittorio Segres, denn dieser Rückkehr, sein Wiedersehen mit dem Vater, schildert er zu Beginn der Aufzeichnungen, an den sich in der Rückschau die Erinnungen daran, wie alles gekommen ist, anfügen.

Die Überfahrt nach Palästina, das noch unter dem Mandat der Briten lag, verlief für den jungen Mann den Umständen entsprechend luxuriös, schließlich war sein Onkel ja mal Besitzer des Schiffes und – so wohl der Gedanke des Kapitän – wer weiß, vielleicht würde er es ja mal wieder werden. Die Ankunft in Jaffa war für den jungen, verwöhnten Mann, der wie ein europäischer Dandy gekleidet dort eintraf, ein Kulturschock: nichts, was er sah, glich dem, was er aus seiner Heimat kannte, er selbst fühlte sich völlig deplatziert. Staub, Hitze, zerlumpte Menschen, ein Geruch nach Vergang und Verwesung zog vorüber…

Politisch war die Region  schon damals eine Art Pulverfass, die nur durch die Anwesenheit der Briten und dem einenden Kampf aller Parteien gegen die Nazis unter Kontrolle gehalten wurde. Briten, Araber, orthodoxe Juden, Zionisten – man war sich, um es milde zu sagen, nicht immer grün. Vittorio Segre, zur Zeit seiner Ankunft in Palästina, das darf man nicht aus den Augen verlieren, noch ein Jugendlicher, noch lange keine zwanzig Jahre alt, findet sich in dieser realen Umwelt nur schwer zurecht. Es war ein tiefer Sturz aus der Irrealität seines privilegierten Lebens im Wohlstand in die staubige Realität eines Kibbuz, in dem ein neuer sozialistischer Gesellschaftsentwurf umgesetzt und gelebt werden sollte. In Italien politisch weitestgehend desinteressiert, kann er mit den vielen Meinungen hier, den Strömungen, den politischen Ideologien kaum etwas anfangen, selbst sein ‚Jüdischsein‘ ist ihm fremd. Und so bleibt er auch den anderen fremd und suspekt, ist immer in einer Aussenseiterrolle. Daß sich langsam auch ein Interesse am weiblichen Geschlecht entwickelt, erleichtert sein Leben nicht unbedingt.

Er besucht in den folgenden Monaten eine Landwirtschaftsschule, auch hält er sich abseits. Dann entschließt er sich, zur britischen Armee zu gehen, um diese beim Kampf gegen die Nazis zu unterstützen. Nach der Grundausbildung kommt er jedoch bald in eine spezielle Truppe: für den Propagandasender wurde ein italienischer Sprecher gesucht – und in ihm gefunden. Hier genießt er jetzt wieder spezielle Privilegien: ihm ist erlaubt, Zivilkleidung zu tragen und er kann sich ein privates Zimmer nehmen und muss nicht mehr in den Unterkünften der Armee leben.

So mietet er sich bei einer aus Deutschland emigrierten jüdischen Familie  ein und lernt dort deren Tochter Berenika, mit der er ein seltsame Verhältnis eingeht: Ich bemächtigte mich ihres Körpers, sie riss meine Seele in Stücke. Erst sehr spät, am Ende dieser Beziehung (auch Berernika hatte sich zur Armee gemeldet) erfährt er vom schlimmen Schicksal Berenikas in Deutschland vor der Flucht.

Schließlich geht der Krieg seinem Ende zu. Der Autor berichtet von einer schweren persönlichen Krise in diesem Zeitraum die bis hin in suizidale Pläne ging. Seine ‚Feigheit‘, mit dem Fallschirm hinter den feindlichen Linien in Italien abzuspringen – obwohl er sich zuvor dazu gemeldet hatte – belastet ihn schwer. Immer noch schien der zu diesem Zeitpunkt zweiundzwanzigjährige junge Mann (zumindest zeitweise) in einer kleinen, selbstgeschaffenen Traumwelt zu leben, Fantasien und Vorstellungen mit Realem zu verwechseln. Ferner berichtet Segre von einer Art ‚Persönlichkeitspaltung‘, die ihn in der Folge sein Leben lang begleitete: er ließ im Innersten seiner Seele nichts mehr an sich heran, ein eiskalter Kern war in ihm. In schwierigen, schmerzhaften Situation dissoziierte er, konnte er sich wie von aussen beobachten und fühlte nichts mehr. Er veranschaulicht dies sehr plastisch mit der Aussage, er hätte erst spät im Leben eingesehen, daß man sich bei zahnärztlichen Wurzelbehandlung eine Betäubungsspritze geben lassen könne…..


Der Staat Israel wurde im Mai 1948 gegründet, die letzten britischen Verbände hatten sich aus Palästina zurückgezogen. Dieser ‚Geburt‘ des neuen Staates ging – um im Bild zu bleiben – die ‚Schwangerschaft‘ voraus, seit 1937 zum ersten Mal die Idee einer möglichen Spaltung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Teil formuliert worden war. Nach Ende des Krieges, als die entsetzliche Erkenntnis, daß und wie Millionen Juden von den Nazis ermordert worden waren, immer klarer wurde, gewann die zionistische Bewegung mehr internationale Unterstützung, die Briten kündigten ihren Rückzug als Mandatsmacht an und 1947 beschloss die UN-Hauptversammlung die Teilung Palästinas.

Obwohl das Leben selbst in Palästina Anfang der 40 Jahre träge verlief, war es also eine für die weitere Geschichte (zumindest unseres Teiles) der Welt wichtige Epoche, in der Entscheidendes geschah. Und Vittorio Segre war sozusagen mittendrin und da er selbst politisch/ideologisch  nicht festgelegt war (sich am ehesten immer noch einer faschistischen Überzeugung anhing), sich noch nicht einmal richtig als Jude sah, eine Art ’neutraler‘ Beobachter. Man merkt seinen Ausführungen an, daß er später Jura studierte und im diplomatischen Dienst war. Sie sind sehr analytisch, ausführlich und abwägend, ohne jedoch zu einem Urteil zu kommen. Die Darstellungen, die auf Tagebuchaufzeichnungen dieser Zeit beruhen, zeigen das Bemühen des jungen Mannes, die unterschiedlichen politischen Strömungen dieser Zeit zu verstehen, sie sind für den heutigen Leser ein profunder Einstieg in die komplexe Ausgangsposition in Palästina, die mit der Gründung Israels und den folgenden Auseinandersetzungen und Kriegen mit den arabischen Nachbarstaaten und den Palästinensern einen steten Unruheherd in der politischen Landschaft des Nahen Ostens schuf.

Die autobiographischen Aufzeichnungen des Glücksraben Vittorio Segre erfüllen also verschiedene Funktionen. Sie geben einen Überblick über die Entwicklung des italienischen Judentums nach der Auflösung der Gettos, das sich völlig in die italienische Gesellschaft assimlierte und in großen Teilen die faschistische Bewegung des ‚Duce‘ unterstützte. Ferner enthalten sie die Analysen diverser politischer Strömungen unter vor allem den Juden in Palästina in dieser Zeit und – last not least – beschreiben sie in ihren biographischen Passagen das Schicksal und das Leben einer bourgeoisen jüdischen Familie und eines jungen Mannes, der aus einer behüteten, wenngleich ‚irrealen‘ Welt von heute auf morgen in die brutale Realität geworfen wurde, in der er sich nur mit Mühe und immer wieder glücklichen Umständen zurecht fand.

Vieles von dem, was Segre beschreibt, war mir unbekannt, von daher waren seine Aufzeichnungen spannend im Sinne von lehrreich. Andererseits haben es politische Analysen so an sich, langatmiger zu sein und auch trockener, solche Passagen häufen sich in den späteren Kapiteln, die in Palästina spielen. Nichtsdestotrotz sind die Abschnitte, in denen das Leben dort beschrieben wird, sei es nun das im Kibbuz (mit der besonderen Bedeutung, die den Aborten und die Duschen dort zukam) oder auch das Leben in Jerusalem bzw. beim britischen Militär, interessant – wer weiß darüber schon etwas….

Zusammenfassend kann ich sagen, daß ich die Lektüre dieses autobiographischen Buches trotz einiger Längen nicht bereue, das neue Wissen, die vielen mir bis dato unbekannten Infos wiegen eine gewissen Trockenheit in einigen Passagen bei Weitem auf. Und nicht zu vergessen natürlich, daß diese deutsche Erstausgabe der Anderen  Bibliothek einfach auch als Buch ein Gewinn ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Nachruf in der Jerusalem Post: Manfred Gerstenfeld: In memoriam: Dan Vittorio Segre; in:  http://www.jpost.com/Opinion/In-memoriam-Dan-Vittorio-Segre-378225
[2] siehe die ausführliche Darstellung z.B in: http://www.wernerbrill.de/downloads/AntismitismusItalien.pdf oder: http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2005_2_1_schlemmer.pdf

Vittorio Segre
Ein Glücksrabe
Die Geschichte eines italienischen Juden
Übertragen von Sylvia Höfer (Kap. 1 bis 4 der italienischen Ausgabe und Hanni Ehlers (Kap. 5 bis 11 nach des Autors eigener englischen Fassung)
Originalausgabe: Storia di un ebreo fortunato, Mailand, 1985
englischsprachige Ausgabe: Memoirs of a Fortunate Jew, Chicago, 1987
diese Ausgabe: Eichborn, (Die Andere Bibliothek Bd. 101), HC, ca. 360 S., 1991

pici

Der Autor, Robert Scheer [1] ist gebürtiger Rumäne aus Carei (1973), der Stadt, der wir auch in den Erinnerungen seiner Großmutter begegnen. 1985 emigrierte er mit der Familie nach Israel, ging dann einige Jahre später nach Deutschland und nahm schließlich die deutsche Staatsangehörigkeit an.

Im März 2014 besuchte er seine Großmutter Elisabeth Scheer in Israel, die mittlerweile neunzig Jahre alt war, um endlich ihre Geschichte zu hören. Eine Geschichte, die ganz normal im Jahre 1924 anfängt, mit einem liebevollen jüdisch-orthodoxen Familienleben, in das sich nach und nach die politisch bedingten Repressalien für Juden schoben, von denen niemand ahnte, daß sie nur die harmlosen Präliminarien einer nicht fassbaren Katastrophe sein sollten.

Elisabeth („Pici“) Scheer wurde 1924 als viertes Mädchen (nach Leona (Lulu), Ana (Anci) und Ilona (Icu) im Hause Meisels geboren. Carei, ihre Geburtsstadt, gehörte nach dem Ende des Habsburger Reiches so wie heute auch auch zu Rumänien, während  des Zweiten Weltkriegs dagegen zu Ungarn, es liegt im Grenzgebiet beider Staaten [2]. Um die Zeit der Geburt Picis gab es ca. 2000 Juden in der Stadt. Nach Pici wurde noch ein langersehnter Junge, Béluska (Bela), geboren.

Die Familie lebte nicht im Überfluß, hatte jedoch ihr Auskommen. Der Vater, Hermann Meisels, den Pici verehrt, betrieb einen kleinen Holzhandel, er muss ein sehr besonnener, ruhiger Mensch gewesen sein, der in sich und seinem Glauben ruhte. Mit den Nachbarn, obwohl katholisch, gab es keine Probleme, man respektierte sich gegenseitig.

Pici erinnert sich, daß sie das erste Mal mit ihrem Judentum im Alter von fünf Jahren konfrontiert worden ist, ein Knabe schrie ihr auf der Straße „Jude, Jude“ hinterher. Das Mädchen ging gerne in die deutsche Volksschule, lernte gut, sehr gut und war ehrgeizig. Im Schuljahr 1934/35 wurde sie als Jüdin jedoch von der Schule verwiesen und musste auf die rumänische Schule gehen, wo sie die Sprache nicht verstand. Es waren bittere Zeiten für das Mädchen, aber Pici biss sich mit viel Willensstärke durch. Um diese Zeit tauchte der ‚Volksbund‘ im Straßenbild auf, in schwarzen Uniformen mit Ledergürtel und um die Brust führenden Lederriemen stolzierten die Jungens durch die Stadt.

Nach der Schule musste dem Mädchen aber, auch aus finanziellen Gründen, einen Beruf zu lernen, ein weiterführender Schulbesuch war ihr nicht möglich: sie wurde Näherin. In den Jahren 38/39 nahmen die Repressalien weiter zu. Es wurden Berufsverbote für Juden ausgesprochen, der Vater musste seinen Handel mit Holz einstellen, auch die Schwestern konnten ihrem Beruf nicht mehr nachgehen. Für die Familie wurde das tägliche Auskommen damit immer schwieriger. Im Herbst 1940 wurde Carei ungarisch, viele Rumänen flohen, manche empfangen die Ungarn mit Freuden. Im Hause Meisels quartierte sich der Hauptmann der ungarischen Truppen ein, ein unangenehmer Mensch, für den die Bewohner des Hauses nicht existent waren.

Bis zum 2. Mai ´44 konnte Pici als Näherin arbeiten, am nächsten Tag, dem 3. Mai, mussten die Meisels ins Ghetto Carei. Wir packten einen Koffer mit Kleidungsstücken für sechs Personen, ein wenig Lebensmittel, in ein Laken waren Federbett und Kissen gewickelt. Für die meisten der nicht-jüdischen Bewohner Careis schien die Vertreibung der Juden ein freudiges Ereignis zu sein, nur wenige zeigten Mitgefühl.

Nun erzähle ich dir, wie es ist, drei Tage in einem Viehwaggon zu verbringen, in dem siebzig Menschen eingeschlossen sind. Männer, Frauen, Kinder und Babys. Juni-Schwüle. Ohne Wasser. Ohne Luft. Ein Eimer mit Trinkwasser. Der zweite Eimer dient als Toilette. Wir fuhren ins Ungewisse. Damit habe ich das Wesentliche gesagt. Ziel des Transports aus Carei war das Ghetto Satu Mare [3], ca. 17-18.000 Juden wurden hier in zwei Straßenzügen eingepfercht….

Es fällt Pici schwer, weiter zu erzählen. raus, weiter, schneller, los, los.. mit diesem Geschrei wurden sie im Juni ´44 aus den Waggons getrieben. Drei der Schwestern, Icu, Anci und sie selbst, blieben zusammen, von Mutter und Vater wurden sie getrennt: sie waren in Auschwitz angekommen. Immer noch war die grausame Realität nicht durchgedrungen: die glatzköpfigen Skelette, die sie hinter dem Stacheldraht um Essen betteln sehen, widern sie an, und sie dachte mit Anerkennung an die Deutschen, die diese kahlköpfigen Wahnsinnigen eingesperrt hatten. Dies erinnert an eine Szene, wie sie auch Kertész in seinem Roman eines Schicksallosen [6] schildert: auch hier dünkten dem Erzähler die Jammergestalten hinter dem Zaun als so erbärmlich, daß er davon ausging, sie seien ja wohl zurecht eingesperrt worden…

Auf einmal fragten Hunderte, wo ihre Familienangehörigen seien. „Dort im Himmel. Im Rauch.“ … Aber wir glaubten nicht. Wollten nicht glauben.

Der Hunger ist ein großer Herr!

Immer wieder der Gedanke, sich selbst zu töten, zu erlösen: die zwei Schwestern reden ihr dies aus. …. Pici und ihre Schwestern durchleiden das gesamte Grauen eines Nazi-KL, den Hunger, die Schikanen, die stundenlange Appelle, die Schläge, Krankheiten, Verletzungen, Angst, Schrecken, Mutlosigkeit, Verzweiflung und den immer gegenwärtigen Tod… Pici entgeht den Selektionen, sie wird in verschiedene andere Lager zu teilweise grotesken Arbeitseinsätzen deportiert. Unter anderem war sie im KL Walldorf. Offensichtlich gehörte sie zu den 1700 von der Organisation Todt angeforderten Zwangsarbeiterinnen, die dort am Ausbau des Flughafens eingesetzt wurden [4].

Ich konnte die Tage nicht mehr auseinander halten, nur so, dass an einem Tag dies und an einem anderen Tag jenes geschah. Aber immer waren wir sehr hungrig und froren. Das Lager Ravensbrück [5] im Winter, ein großer Schritt Richtung gänzlicher Untergang. Keine Baracken, in der Dezemberkälte hausten fünfzehnhundert Menschen in einem Zelt auf einem Steinboden….

Während Picis Schwestern die Lager nicht überlebten, kam sie selbst noch nach Rechlin und von dort aus in einem Todesmarsch nach Malchow. Anfang Mai ’45 zeigten sich deutliche Auflösungserscheinungen bei den Deutschen, als Bewachung wurden entweder Halbwüchsige oder Alte eingesetzt, weggeworfene Uniformteile lagen in Straßengräben… am 9. Mai versetzte die Überlebenden die Sirene „Fliegeralarm“ noch einmal in Angst und Schrecken, doch diesmal verkündete sie das Ende des Krieges.

Pici hat das Grauen dieses einen Jahres als einzige der Familie überlebt, sie selbst war schwer erkrankt. Auf dem Heimweg nach Carei lernte sie Izidor Scheer kennen und lieben. Ihr Sohn wurde am 25. Dezember 1946 geboren.

Nach dem Erzählen war sie erschöpft, sie schloss die Augen und fiel in einen tiefen Schlaf. Sie hatte sich viel von ihrer Seele geredet.


Pici. Erinnerungen an …. ist ein besonderes Buch, das aus dem Stil anderer Erinnerungsliteratur herausfällt: es ist sehr persönlich. Der Autor, Robert Scheer, behält den Charakter seiner Gespräche mit Pici auch in der Schriftform bei. Er streut seine Fragen an die Großmutter in die einzelnen Passagen mit ein, auch seine Lenkung der Erzählungen („Erzähl nun etwas über deine Mutter.“) und ebenso die Reaktion seiner Großmutter auf die Erinnerungen, die mit ihrer Schilderung wieder wach werden, ihr vor Augen treten. Nicht alles ist für sie einfach zu erzählen: Jetzt kommt das, wovor ich solange ausweichen wollte, wie nur möglich. Es wird aber auch deutlich, daß das Reden ihr offensichtlich Erleichterung schafft: …. ich spüre, ich sollte über jeden Schrecken berichten, vielleicht kann ich mich auf diese Weise davon befreien.

Wie ungeheuerlich die Ereignisse damals für die junge Frau gewesen sein müssen, kann man daran erkennen, daß sie sich teilweise gar nicht mehr daran erinnern kann: Ich kann mich nicht erinnern, wie wir vom Ghetto in Carei zu den Viehwagons gelangten, wo wir eingestiegen sind, wie wir gereist sind. Ich weiß nicht, wo wir ausgestiegen sind und ich kann mich nicht daran erinnern, auf welchem Weg wir nach Satu Mare hineingelangt sind. Bis heute fehlen mir diese Erinnerungen. ….

Der Schrecken der Konzentrationslager im Dritten Reich ist mittlerweile bekannt und gut dokumentiert, ebenso wie die damit zusammenhängenden Deportationen, Vertreibugen, „Arisierungen“ etc pp. Details, die möglicherweise noch bekannt werden, ändern das grauenhafte Gesamtbild wohl nicht mehr, obwohl sie manchmal schon erstaunen. Daß in Lagern, so erzählt Pici, nachts zeitweise Schallplatten abgespielt wurden, auf denen wütendes Hundegebell und das Gehgeräusch von Männer in Stiefeln zu hören waren, was in der Dunkelheit der Nacht die Frauen in Angst und Schrecken versetzte, war mir beispielsweise unbekannt.

Dessen ungeachtet hat dieses Erinnerungsbuch an die Leiden von Elisabeth Scheer seine Berechtigung. Jedem, der damals unter dem Terror des Regimes leiden musste und nur ganz knapp dem Tod entkommen ist (und die Ermordeten sowieso) hat das Recht darauf, daß wir seine Geschichte anhören, daß wir ihm die Stimme, sie zu erzählen, zubilligen, daß wir nicht in die manchmal zu hörende reflexartige Ablehnung: „nicht schon wieder, es reicht…“ verfallen. Auf diese Weise erhält Pici etwas zurück, wenn man es so will, nämlich die Würde, die man ihr damals nehmen wollte. 

So erreichen Pici und Robert Scheer dreiererlei: eine Schilderung des Lebens einer jüdischen Familie im Rumänien vor dem 2. Weltkrieg, eine Dokumentation des Grauens, das Pici überlebte und last not least wird die Erinnerung an einige Menschen, die in Picis Leben wichtig waren und die fast alle ermordet worden sind, lebendig gehalten: den Vater Hermann, die Mutter Gizella, die Schwestern Anci, Icu und Luluka mit ihrer Tocher Zsuzsika sowie an den Bruder Béla. Aber auch an Nachbarn, Schulkameradinnen und Freude wird erinnert, ebenso an Leidensgenossinnen in den Lagern….

Pici. Erinnerungen … ist ein zutiefst menschliches Buch auch über Unmenschliches, in dem wir eine bewundernswerte Frau kennen lernen, die sich nach dem Grauen des Krieges und der Lager ein neues Leben aufgebaut hat und hier kurz vor ihrem Tod im vergangenen Jahr 2015 ihrem Enkel ihre Geschichte als Vermächtnis anvertraut und hinterlassen hat.

Ergänzt wird ihre Geschichte durch viele Familienbilder und weitere Dokumente, sowie durch ein Nachwort der Verlegerin

Links und Anmerkungen:

[1] Website des Autoren: http://robertscheer.de
Facebook-Seite des Autoren: https://www.facebook.com/robert.scheer.3572
[2] Wiki-Beitrag zu Carei: https://de.wikipedia.org/wiki/Carei
[3] englische Wiki-Seite zu Satu Mare: https://en.wikipedia.org/wiki/Satu_Mare_ghetto
[4] vgl. z.b. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/KZ-Außenlager_Walldorf und
hier: http://www.kz-walldorf.de
[5] vgl. z.B. hier: http://www.ravensbrueck.de, hier: https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Ravensbrück oder hier: http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/ravensbrueck/
[6] Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen, Buchvorstellung hier im Bloghttps://radiergummi.wordpress.com/2010/01/04/imre-kertesz-roman-eines-schicksallosen/

Robert Scheer
Pici. Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück
Übersetzt aus dem Ungarischen von Robert Scheer
diese Ausgabe: Marta Press, Softcover, 228 Seiten, 33 Abbildungen, 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

schabbat

Andreas Berg ist Journalist beim SWR in Mainz. Veröffentlicht hat er bis dato mehrere Lyrikbände, Schabbat Schalom an der Seine ist sein erster Roman. Wie dem Titel nach zu vermuten ist, spielt das Jüdische eine große Rolle in dem Buch, auch hier ist Berg Fachmann, jüdische Geschichte und Religion gehört zu seinen Arbeitsschwerpunkten, in der Mainzer Synagoge ist er als Führer tätig [1, 2]. Die wichtigsten Schauplätze seiner Romanhandlung sind eine öffentliche Fernsehanstalt in Mainz, Paris und London – auch dies Plätze, an denen sich Berg auskennt.

Nachdem wir also die wesentlichen Orte, an denen der Roman spielt, kennen, lautet die Frage, um was es geht. Hauptperson ist Friederike von Stettin, eine ca. dreissigjährige junge Frau. Wir begleiten sie vier Tage lang auf ihrer Fahrt nach Paris und dem dortigen Aufenthalt. Der Anlass ist traurig: sie hat vor wenigen Wochen vom Tod eines früheren Freundes erfahren und jetzt ein Paket aus Paris bekommen. Sarah, die Tochter des Verstorbenen, hat ihr auf Wunsch des Vaters hin den frisch erschienenen Bildband mit seinen Fotografien geschickt, ferner gibt es in Paris eine kleine Ausstellung mit den Bilder von Alex Morelenbaum, der in dieser Stadt, die er so liebte, bestattet ist. So hat Friederike beschlossen, sich mit Sarah, die in Paris Musik studiert zu treffen und Grab und Ausstellung ihres ehemaligen Freundes und Kollegen zu besuchen.

Der Kontakt zwischen Alex und Friederike war lange Zeit eingeschlafen, was zwischen beiden vorgefallen war, bleibt erst einmal im Ungefähren. Vor diesem Zerwürfnis jedenfalls waren sie gute Freunde, die sich häufig trafen, mit einander sprachen und sich verstanden. Diese und ähnliche Gedanken gehen Friederike auf ihrer  Reise nach Paris, die auch eine Art deja-vu ist,  durch den Kopf. Denn hier fand vor drei Jahren die erste Begegnung der beiden statt: als junge Volontärin musste sie für eine ausgefallene Kollegin einspringen und ein Interview in Paris machen, der deutlich ältere jüdische Alex Morelenbaum und sein Helfer Nils wurden ihr als Kamerateam zugeteilt. So erinnert sie vieles in Paris an diesen ersten Aufenthalt, zumal sie im selben Hotel eingecheckt hat wie damals und vom Hotelfenster aus den Blick auf den Friedhof hat, den sie damals besuchten und auf dem jetzt auch Alex begraben ist.

Alex, fast zwanzig Jahre älter als Friederike, verheiratet mit zwei Kindern, als Kameramann ein As, das immer wieder vom Sender gebucht wurde, war nicht nur ein sehr angenehmer und menschlich sehr sympathischer Kollege für die unerfahrene Volontärin, er glänzte ebenso mit Bildung – seine Frau, so der Spott der Kollegen, hat ihn nur geheiratet, um sich den Brockhaus zu sparen – und Friederike war die bewundernde Zuhörerin, die gar nicht fassen konnte, daß ein Mensch so viel wissen konnte – und auch wir als Leser haben unseren Anteil daran, aber dazu später.

Es ist ein steter Wechsel der Romanhandlung zwischen dem aktuellen Besuch Friederikes in Paris und der Erinnerung an den damaligen Besuch bzw. an die Bekanntschaft mit Axel, die von Berg in vielen Rückblenden geschildert wird. Langsam schält sich so das Bild einer Beziehung heraus, die aber seltsam spröde bleibt. Man trifft sich hin und wieder im Sender, tauscht SMS aus und schreibt sich Mails, aber alles bleibt rein kollegial. Für Friederike ist diese Fahrt mit ihren Erinnerungen an Alex gleichzeitig eine Erforschung ihrer eigenen Handlungen und ebenso ihrer Motive, die damals, nach dem gemeinsamen Termin in London zum Auseinanderdriften der beiden geführt haben.

So weit, so gut.

Die Grundidee dieses Romans von Berg hätte getaugt, eine tränenreiche Schmonzette zu schreiben, einen ergreifendes Text über das Wachsen einer verbotenen Liebe (schließlich ist Alex verheiratet) und Verlust und Trauer nach seinem Tod oder auch einfach nur eine schöne, anrührende Geschichte zweier Menschen. Andreas Bergs Schabbat Schalom an der Seine ist jedoch leider nichts wirklich von alledem, als ob der Autor sich nicht hätte entscheiden können für eine einzige solcher Möglichkeiten. Weder der fast allwissende Alex Morelenbaum mit dem Hang, lustige Spitznamen an seine Kollegen zu verteilen (aber er noch am ehesten) noch Friederike in ihrer anfänglich kritiklosen Bewunderung und der verblüffenden Naivität, die sie in manchen Dingen an den Tag legt, taugen als Identifikationsfiguren oder überzeugen auch nur. Über die Tatsache, daß Friederike mit ihrem Freund sieben Jahre lang nur in Missionarsstellung verkehrte und (als Medienfrau) mit dem Begriff „a tergo“ nichts anzufangen wusste, habe ich jedenfalls schon gestaunt, es ließen sich weiter Beispiele für diese wenig glaubwürdige Unbedarftheit Friederikes finden. Auch Bergs Sprache, die Art in der er seine Figuren reden läßt, ist häufig spröde, läßt oft keine Nähe zu. Ein Beispiel soll das verdeutlichen: Friederike trifft sich mit Sarah, nachdem sie die Bilderausstellung besucht hat in einem Bistro. Friederike ist etwas früher da, aber Sarah kommt bald danach: [Sarah]… habe ich kurz ins Bistro geschaut und dich hier am Tisch sitzen sehen. – [Friederike] Ja, nach dem Besuch des Maison Européenne de la Photographie  blieb noch etwas Zeit. …. das ist distanziert, hält auf Abstand.. würde man wirklich zu einem Menschen reden, den man mag, auf den man gewartet hat  – mit dem man einen großen Verlust teilt und trauert? Ein nicht verbale Begrüßung (Berührung, Wangenkuss o.ä.) findet zwischen diesen beiden im Schmerz verbundenen Frauen nicht statt, insofern ist das Beispiel typisch für die meisten Begegnungen, die im Roman geschildert werden.

Berg weiß viel und er verheimlicht es nicht. Seitenweise Beschreibungen bis hin zu den Details, warum z.B. welche ASA-Zahl beim nächtlichen Fotografieren am Apparat einzustellen ist. Der Pariser Metroplan ist nach dem Studium des Buches kein Geheimnis mehr, sowenig wie der Plan der Straßen. Über die jüdische Kultur wird berichtet (durchaus interessant), der Flurfunk der Sendeanstalt verbreitet sich via Berg bis hin zu uns: eine Vielzahl von Geschichtchen und Episoden aus dem Funkhaus, die wahrscheinlich/vielleicht so oder so ähnlich vorgefallen sind, erreichen uns. Berg baut auch einige reale Persönlichkeiten in seine Geschichte ein: Moritz Bleibtreu beispielsweise mit seinem Film Jud Süß, Henry Hübchen oder auch Margarethe von Trotta, so daß eine Vermischung von Fakten und Fiktion manchmal verführt zu glauben, es handele sich bei dem ganzen Roman und etwas, was tatsächlich passiert ist.

So „belehrend“ wie die expliziten Beschreibungen Bergs klingen auch viele Gespräche seiner Personen: jeder dient als Stichwortgeber für den anderen, der daraufhin ins Monologisieren verfällt und sein Wissen kundtut.

So packt der Roman einen als Leser einfach nicht. Axel und Friederike bleiben fremd, man kommt nicht an sie heran, nur wenige Szenen berühren beim Lesen: die Schilderung der Erkrankung von Axel oder die Nacht in London bei diesem Mode-Shooting beispielsweise. Es ist beileibe nicht so, daß alles uninteressant wäre, die Schilderung jüdischen Lebens sind informativ, der Klatsch aus dem Funkhaus zumindest teilweise skurril bis komisch, aber es fehlt beim Lesen der emotionale Bezug, die Geschichte wirkt, als sei sie nur mit dem Verstand geschrieben und der Intention, nur ja nichts zu vergessen, im Ungefähren zu lassen und eben nicht zu sagen….

….so bleibt mir leider nichts anderes übrig, als festzuhalten, daß Schabbat Schalom an der Seine, auf die Hälfte reduziert und mit mehr „Gefühl“ geschrieben, eine schöne Geschichte hätte werden können….

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Beitrag zum Autor:  https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Georg_Berg, ferner nach Angaben aus der Kurzbio im Buch
[2] Bilder von der neuen Synagoge: https://fotografiert.wordpress.com/2010/09/05/die-neue-synagoge-in-mainz/

Andreas Berg
Schabbat Schalom an der Seine
Rückblende einer verpassten Liebe
diese Ausgabe: E. Humbert Verlag, HC, ca. 420 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.

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