Bei den Büchern von Lothar Schöne [1, 2] bin ich immer gespannt, denn dieser Autor, der von der FAZ immerhin als ‚hinreißender Erzähler` bezeichnet wird [so ein Zitat auf der hinteren Umschlagseite des Romans], liefert durchaus unterschiedliches ab, neben anspruchsvollen Romanen mit Tiefgang wie dem Das jüdische Begräbnis [2] sind dies auch Werke eher leicht- und seichterer Natur. In erfrischender Offenheit schreibt er selbst auf seiner Homepage, daß die Pressekritiken zu seinen Büchern nicht immer positiv sind. Um jedoch wieder aktuell zu werden stellt sich für mich hier also die Frage, zu welcher dieser Kategorien sein neuester Roman Jener unscheinbare Moment gehört, den ich hier vorstellen möchte.


Jener unscheinbare Moment ist eine himmelhochjauchzende, nichtsdestoweniger unter einem tragischen, weil gelben, Stern stehende Liebesgeschichte aus dem Deutschland rsp. der Bundesrepublik der 70er Jahre. Hauptperson ist Mischa, ein junger Mann Anfang zwanzig, der in Mainz BWL studiert – (moralisch) gezwungenermaßen, weil ihm dieses Fach zwar ein Graus ist, aber der innigste Wunsch seiner Mutter ist es, ihn dereinst als Bankbeamten bewundern zu können. Das Lokalkolorit, das Schöne bei der Schilderung Mainzer Verhältnisse aufbaut, dürfte stimmig sein, schließlich hat der Autor daselbst um diese Zeit die Hörsäle der dort wirkenden Germanisten besucht. Womit wir schon einen erheblichen Schritt weitergekommen sind in der Handlung, denn angetriggert durch Dorothee, in die sich Mischa unsterblich verliebt, findet er den Mut, das öde Studium der Tabellen und Statistiken zu verlassen und – geködert durch Tristan und Isolde [3] – bei den Germanisten anzuheuern. Zu denen er sich, Anzeigendirekter der Uni-Zeitung und Freizeitschriftsteller von Kurzgeschichten, eh hingezogen fühlt. Doch das Liebesglück mit Dorothee ist nicht ungetrübt, sie gibt sich janusköpfig: so hinreißend sie an einem Tag ist, so berauschend und offensichtlich auch verliebt, so kalt und abweisend ist sie beim nächsten Treffen – bis sie eines Tages ohne ein Wort zu sagen, verschwindet und bei Mischa große Seelenpein hinterläßt.

Mischas großer Trost und die Frau, die ihn an die Hand nimmt und über die Geheimnisse der Liebe, die über das reine Neandertal hinausgehen, aufklärt, ist Tante Erna, die damals, im August 1939, gerade noch so eben rausgekommen ist aus Deutschland und seitdem in England lebt, mit Onkel Heine, der griesgrämig hinter allem den Russen vermutet, dessen Plan mit dem Suizid von Bader und Co. jedoch gescheitert ist – vorerst. Die beiden sind vor kurzem zurückgekommen nach Deutschland und es zeigt sich, daß Erna ein eigenes, kleines Geheimnis hat…

Erna und Heine sind die einzigen Verwandten, die Mischa und seine Eltern noch haben, alle anderen sind damals den Wahn zu Opfer gefallen. Mischas Mutter, die überlebt hat, weil ihr christlicher Mann sie nicht im Stich gelassen hatte, trägt schwer an dieser Vergangenheit, häufig senkt sich die schwarze Wolke einer Depression auf sie nieder.

Die Hoffnung stirbt zuletzt – Dorothee ist zwar verschwunden, meldet sich jedoch noch einmal bei Mischa, mit einem Brief, der ihre Liebe zu ihm beteuert, aber ebenso die Unmöglichkeit für sie, diese Liebe zu leben, aus einem ganz bestimmten Grund… einem Grund der Mischa förmlich aus den Schuhen hebt. Aber wenigstens weiß er jetzt, wo er seine Dorothee suchen muss – in den USA. Wenn´s weiter nix is… Das klingt fast schon nach einem zukünftigen Band 2 der Geschichte… ;-)


Ja, diese Geschichte ist schön erzählt. Mit Tempo, mit Witz, mit Humor (auch wenn der zum Teil haarscharf am Albernen vorbeischrammt wie z.B. in der Figur des polymeren und in Reimen redenden Ernesto). Sie ist herzerwärmend und die anfänglichen Szenen des Kennen- und Liebenlernens zwischen Dorothee und Mischa sind wunderschön. Ach, wären mir doch damals bei entsprechender Gelegenheit, in der ich sie gebraucht hätte, solch schöne Worte eingefallen… ja, das hat mir gut gefallen. Wie ebenfalls die Tatsache, daß Schöne den tragischen jüdischen Hintergrund seiner Geschichte nicht als Keule gebraucht, sondern – der ist einfach da und ist einfach so. Für Mischa spielt er eh (noch) keine Rolle, auch, weil in der Familie darüber nicht geredet wird, diese Epoche scheint nicht zu existieren. Es ist dies das Phänomen einer kollektiven Verdrängung, auch wenn die Gründe dafür unterschiedlich sind: die ungeheuerliche Traumatisierung auf der einen, das Bewusstsein der Schuld auf der anderen Seite. Eine breitere Thematisierung der Nazizeit setzte ja erst mit in diesen Jahren, mit der Revolte der 68er, dem Auschwitzprozess, der Holocaust-Serie im Fernsehen langsam ein… So erfährt Mischa auch von seiner Tante Erna nur zögerlich Einzelheiten über das, was damals geschah…

Tante Ernas Geheimnis… es lebt noch, im Osten Berlins. Dieser Teil des Roman jedoch, in dem der junge Mann seiner Tante nach Berlin bis in den Osten hinein folgt und nachspioniert, erscheint etwas arg an den Haaren herbeigezogen und konstruiert. Zwar will Schöne damit wohl noch einmal deutlich machen, wie verlogen der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit seinerzeit oft war, doch versetzt er mit der Umsetzung dieses Anliegens der bis dahin so stimmigen Atmosphäre von Verliebtheit, Liebeskummer, der Frage nach dem unerklärlichen Wesen der Liebe und dem Versuch Mischas, seinen eigenen Weg zu finden, einen Schlag. Gottseidank hat Schöne nach diesem Schlenker jedoch schnell wieder in seine alte Spur zurückgefunden, so daß nach dem Ende des Romans summa summarum trotz des tragischen, wenngleich noch ein wenig offenen Endes, ein gutes Gefühl geblieben ist.

Um also meine Ausgangsfrage zu beantworten: ja, mit Jener unscheinbaren Moment ist Lothar Schöne wieder ein leicht und gerne zu lesender, ein melancholisch-heiterer, den Leser an- und berührenden Roman um eine Liebe und um die Suche nach dem eigenen Weg vor dem Hintergrund jüdischer Schicksale im Dritten Reich gelungen. Danke dafür!

P.S.: sollte ich jetzt vielleicht mal Tristan und Isolde [3] lesen? Ein alter ‚Schinken‘, der wohl allzeit gültige Wahrheiten enthält… ;-) … und im Roman eine gewisse Rolle spielt.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren: http://www.literatur-rlp.de/db_suche.php?autor=Sch%F6ne%2C+Lothar
[2] weitere hier im Blog vorgestellte Bücher von  Lothar Schöne:
– Das Labyrinth des Schattens
– Das jüdische Begräbnis
– Die unsichtbare Bruderschaft
– Schall und Rauch
[3] Gottfried von Straßburg: Tristan und Isolde; z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Tristan_und_Isolde

Lothar Schöne
Jener unscheinbare Moment
diese Ausgabe: Klöpfer&Meyer, HC, ca. 260 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.

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