Shūsaku Endō: Skandal

1. November 2017

Ich habe den japanischen Autoren Shūsaku Endō (1933 – 1996; [1]) in meinem Blog schon mit zweien seiner Romane vorgestellt: Meer und Gift befasst sich mit japanischen Kriegsverbrechen und Schweigen geht zurück in die Zeit des Versuchs der christlichen Missionierung Japans [2]. Dieses Thema ist kein Zufall, Endō ist unter den japanischen Schriftstellern eine große Ausnahme, denn er ist mit elf Jahren katholisch getauft und in diesem Glauben von der Mutter erzogen worden. In einem Gespräch, das Manfred Osten Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre mit ihm führte (also nur wenige Jahre nach Publizierung des vorliegenden Romans) und über das er in seinem kleinen Büchlein: Die Erotik des Pfirsichs [3] berichtet, führt Endō aus, daß der christliche Glaube schwierig ist und auch er ein Leben lang damit fremdelte: Ich habe seitdem oft das Bedürfnis empfunden, mich davon loszusagen, aber es ist mir nicht geglückt. Der Grund dafür dürfte sein, daß diese Religion letztlich doch ein Teil von mir selbst geworden ist. Gleichwohl blieb in meinem Herzen das Gefühl wach, daß dies etwas Geliehenes ist, ….. Endō erklärt auch, worin die Problematik (und damit verbunden der geringe Erfolg diverser Missionsversuche in Japan) liegt: Man muss verstehen, dem Japaner bereitet es Mühe, Begriffe wie Sünde oder Schuld einzuordnen. Denn diese sind eine Erfindung des europäischen Individualismus. Der Japaner sieht sich dagegen stets als Angehöriger einer Gruppe und empfindet keine Schuld, nur Scham – die Reaktion auf die Mißbilligung seines Tuns durch die Gemeinschaft.. Auch das Bedürfnis nach Erlösung ist dem Japaner fremd. Denn er versteht den Tod anders, fühlt sich – shintoistisch – einbezogen in den Zyklus der Natur.

Diese Anmerkungen Endōs sind für den vorliegenden Roman insofern von Bedeutung, als gerade die Frage nach Sünde und Erlösung eins der Hauptthemen ist, die sich durch Skandal ziehen. Skandal ist (zumindest der Werksübersicht nach [1] eines der letzten Bücher Endōs, es ist zudem ein Roman, in dem sich viel Biographisches des Autoren finden läßt.


Tief in den Herzen der Menschen herrscht eine Finsternis,
von der sie selber nichts ahnen.

Suguro, sein Protagonist, ist wie Endō selbst, katholischer Schriftsteller, zum Zeitpunkt der Handlung ist er fünfundsechzig Jahre alt, also gut ein Jahrzehnt älter als Endō bei der Veröffentlichung des Buches in Japan. Seltsam mutet dagegen an, daß der Autor das Alter seiner Figur, der er Krankheit und das Bewusstsein eines nicht mehr fern liegenden Todes zuschreibt, tatsächlich nicht ganz erreicht: Endō stirbt im Alter von 63 Jahren.

In der einleitenden Passage, in der Suguro mit einem Preis ausgezeichnet wird und ein befreundeter Kollege die Laudatio hält, werden Details auf Suguros Leben genannt: wie Endō wurde Suguro als Kind von seiner Mutter getauft, schrieb er Romane über das frühe Christentum in Japan. Als Titel eines solchen Romans wird ‚Die Stimme des Schweigens‘ genannt, was unwillkürlich an Endōs Titel Schweigen erinnert, auch der Titel ‚Der Bote‘ suggeriert die Assoziation zu Der Samurai von Endō. In der Lungenkrankheit, die Endō seiner Hauptfigur zuschreibt, spiegelt sich ferner das Thema seine Romans Meer und Gift, in dem es um Menschenversuche an mit Tuberkulose infizierten Kriegsgefangenen geht. Es ist natürlich reine Spekulation und im Grunde nicht zulässig, aber die Vielzahl biographischer Ähnlichkeiten und Anspielungen verführen unwillkürlich dazu, in Suguro eine Art Wiedergänger zu Endō selbst zu sehen.

Dieser Suguro, ein Autor, dessen Werk von Ernsthaftigkeit und Moral geprägt ist, wird auf der erwähnten Preisverleihung von einer betrunkenen Frau, die sich als Künstlerin ausgibt, und von der niemand weiß, wer sie eingeladen hat, lautstark angesprochen. Er selbst, so die Frau, habe sie eingeladen und tue jetzt scheinheilig so, als kenne er sie nicht. Ich verstehe, daß Sie sich nachts an solchen Orten mit uns herumtreiben, soll niemand wissen. Weil Sie ein Christ sind! Natürlich, das wahre Gesicht und das, das man sonst zur Schau trägt, muss man schön auseinanderhalten …

Die Behauptung, sich an ’solchen Orten‘, an denen sich Peep-Shows, Pornokinos und einschlägige Bars aneinander reihen, herumzutreiben, ist für Suguro eine absolut absurde Verleumdung, die er sich nur mit der Existenz eines Doppelgängers erklären kann, der ihm schaden will. Denn würde diese Behauptung öffentlich werden, so wäre sein integerer Ruf als moralischer Schriftsteller mit hohem moralischen Anspruch verloren.

An diesem Abend zerbricht etwas in Suguros Leben: die Fassade erhält Risse. Denn nicht nur, daß Gäste der Preisverleihung den Auftritt der Frau miterlebt haben, Kobari, ein Sensationsreporter, wittert seine Chance darin, Suguro zu enttarnen, ihm die Maske vom Gesicht zu reißen. So entwickelt sich im Lauf der nächsten Monate eine Art Wettlauf zwischen Suguro und Kobari: Will der eine seinen Doppelgänger finden, so sucht der andere Beweise und Zeugen für Suguros angebliche dunkle Leidenschaften, mithin versuchen beide Männer, die gleiche Person zu finden, die sich nachts ihren mit Schmerz und Qual verbundenen Ausschweifungen hingibt.

Dabei hat Suguro ein sozusagen offizielles Doppelleben schon lange institutionalisiert: er hält seine Frau von allem fern, was seinen Beruf angeht, verschweigt ihr, unter der Ausrede, sie nicht beunruhigen zu wollen, in Wirklichkeit aber, um eine Auseinandersetzung zu vermeiden, auch jetzt die auftauchende Gefahr und Bedrohung.

Die Erosion der Fassade, des professionell nach außen hin lächelnden Schriftstellers, schreitet fort, jetzt wo sie eingesetzt hat. So beobachtet er an sich selbst unschickliche Gedanken, die er beim Anblick von Mitsu, einem jungen Mädchen, das zeitweise in seinem Zimmer sauber macht, hat. Besonders dramatisch wird es jedoch erst, als er in das Atelier der Künstlerin geht, die angeblich ein Portraits von ihm angefertigt hat: er sieht dort ein Bild, das ihn darstellt – lüstern, bösartig im Ausdruck. Er erkennt sich darauf und auch wieder nicht…

An diesem Tag lernt er in einem Cafe neben dem Atelier Frau Naruse kennen. Obwohl die Bekanntschaft so frisch ist, wird das Gespräch bald intensiv, dreht sich um Sex, um geheime Begierden, um verheimlichte Süchte. Frau Naruse fasziniert ihn und das Doppelleben, das sie ihm offenbart, erscheint ihm völlig rätselhaft, wenngleich es einen Sog auf ihn ausübt. Tagsüber nämlich betreut sie voller Liebe und Hingabe Kinder im Krankenhaus, andererseits vertraut sie Suguro an, daß sie bei ihrem Mann sexuelle Erfüllung vor allem dann erreicht hat, wenn sie schlimmste Grausamkeiten vorgestellt hat…

Frau Naruse ist es schließlich, die Suguro anbietet, ihn zu seinem gesuchten Doppelgänger zu führen. Durch ein Guckloch in einem präparierten Hotelzimmer schaut Suguro auf die unbekleidete Mitsu, die betrunken auf einem Bett liegt – und er beobachtet einen Mann, der sich ihr nähert, ein Mann, der ihm, Suguro, bis hin zur Narbe der Lungenoperation auf dem Rücken, gleicht… als Suguro wieder zur Besinnung kommt, nimmt er sich selbst wahr, wie er auf Mitsu liegt und dabei ist, sie mit verzerrtem Gesicht, voller Lust, zu erwürgen…


Endō packt viel hinein in diesen Roman, der – an diesem literarischen Vorbild kommt man ja nicht vorbei – an Dr. Jekyll und Mr. Hyde erinnert, also einen Mann beschreibt, der bei Tageslicht eine moralische Instanz darstellt (was Suguro gar nicht so recht war), der sich bei Nacht jedoch in eine lüsterne, triebgesteuerte Kreatur verwandelt – ohne daß die Taggestalt dies ahnt. Schon in der seinen Roman einleitenden Passage, eine Art stillem Zwiegespräch zwischen dem die Laudatio haltenden Freund und dem über das Gesagte sinnierenden Suguro packt Endō sein Anliegen in Worte. Suguro hatte in seinem gesamten Werk nicht eine einzige lichte und erbauliche Geschichte geschrieben. Immer wieder hatte er die schwarzen und hässlichen Seiten der Gestalten in seinen Werken nachgezeichnet. … Und während er die finstere Seele seiner Gestalten beschrieb, war ihm, als geriete er selbst in eine ebenso finstere Gemütsverfassung. Um ein hässliches Herz zu beschreiben, brauchte man selbst ein hässliches Herz. … Was Suguro hier noch theoretisiert, konkretisiert sich für ihn selbst noch an diesem Abend, auch wenn er dies weit von sich weist und es ein langer, einen ganzen Winter dauernder Prozess ist, bis er die Wahrheit (an)erkennt. Dieser Teil der Geschichte, die Selbstfindung Suguros, erzeugt – obwohl der gesamte Roman spröde ist in seiner Formulierung – einen starken Sog beim Lesen. Und selbstverständlich taucht auch der Gedanke auf, welche Geheimnisse, die man selber hat, man nach außen hin nicht preisgibt – und vor sich selbst leugnet bzw. man dazu steht. Oder, um auf Suguro zurückzukommen: hätte er damals, als Jesus sein Kreuz trug und von den Umherstehenden mit Steinen beworfen wurde, selbst auch einen geworfen?

Ein weiteres, den Roman prägendes Thema ist dieses christliche Konzept der Sünde, das dem japanischen so fremd ist. Auch dazu nimmt die Laudatio schon Stellung: Nach einer Zeit des Herumtastens im Dunkeln, in der Suguro mit Vorliebe von der Sünde des Menschen schrieb, ist es ihm gelungen, in seinen Werken zu zeigen, dass sich in der Sünde das Verlangen nach Wiedergeburt verbirgt. … stets birgt sie den menschlichen Wunsch, einen Ausweg aus dem erstickenden Leben der Gegenwart, aus dem Dasein überhaupt zu finden, … Hier spiegelt sich, denke ich, die eigene Auseinandersetzung des Autoren mit seinem Glauben und dessen Verhältnis zu seinem Land, das dieses Konzept von ‚Sünde‘ nicht kennt, wieder.

Daß Endō, der in Frankreich studiert hat, Europa kennt, zeigen die eingebauten Verweise auf Dante, Poe, Baudelaire oder auch auf fratzenartige Steinmetzarbeiten an Kirchen, die plötzlich Bedeutung gewinnen. Auch Freud wird bemüht, der Vergleich des dunklen Schreibzimmer Suguros, in dem er sich so wohl fühlt, mit einem Uterus, in der er sich dieser Deutung nach zurücksehnt, ist ein Beispiel dafür. Inwieweit solche Deutungen heute noch als gültig angesehen werden können, kann man als Laie wohl nicht beurteilen…

Skandal ist also kein unterhaltsames Buch, man kann Endō nicht vorhalten, er hätte mit (l,s)eichter Literatur auf unser Vergnügen hin geschrieben. Skandal ist eine tiefgründige und intensive Auseinandersetzung mit der Tatsache, daß jeder Mensch Geheimnisse mit sich herumträgt, die oftmals gegen weltliche oder religiöse Gebote verstoßen. Die Frage ist die nach dem Umgang mit solchen geheimen Süchten und Gelüsten, Endōs Figur des Suguro verdrängt sie, auch um in der Öffentlichkeit ein bestimmtes Bild von sich aufrecht zu halten, letztlich sogar vor sich selbst, ihr Widerpart ist Frau Naruse, die sich im Gegensatz zu Suguro völlig über die Abgründe in ihrer Seele bewusst ist und sie zwar im Geheimen, aber trotzdem bewusst, auslebt.

Skandal ist sicherlich ein Roman, mit dem man sich länger befassen muss. Er ist, in Endōs typisch sprödem Stil geschrieben, nicht unterhaltsam, zieht einen beim Lesen aber schnell in Bann: die Fragen, die Endō anspricht, sind in gewisser Weise allgemeingültig. Mit dem ‚Wettlauf‘ zwischen Suguro und Kobari, die beide die ‚Wahrheit‘ suchen, bringt Endo einen zusätzlichen Spannungsbogen in seine Geschichte. Wer also einen relativ kurzen Roman sucht, der sich mit den Fragen nach Sünde, Schuld und Authentizität befasst, liegt mit Skandal sicherlich richtig. Und dem kleinen Septime-Verlag in Wien sei gedankt, daß er Endōs Romane in so schöner Form (die ja geradezu zum Sammeln einlädt) wieder aufgelegt hat. Es wäre schön, wenn der Verlag noch weiteres dieses äußerst interessanten japanischen Autoren auflegen würde.

Links und Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Endō_Shūsaku
[2] Besprechungen hier im blog:
– Meer und Gift
– Schweigen (Diesem Beitrag sind auch Teile der vorliegenden Einführung zum Buch entnommen)
[3] Manfred Osten, Die Erotik des Pfirsichs, Suhrkamp, st2515, ca 162 S.

Shūsaku Endō
Skandal
Übersetzt aus dem Japanischen von Jürgen Berndt
Originalausgabe: スキャンダル (Sukyandaru), , 1986
diese Ausgabe: Septime, HC, ca. 298 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Am Achten bin ich wieder nach Hiroshima gegangen,
aber ich habe keine Leiche gefunden,
die meinem Mann ähnlich sah.

(Kirio Yae)

Blitz

Wenn man es jetzt nicht aufschreibt…. vor fast genau fünfunddreißig Jahre schrieb Mikio Kanda diesen Satz in sein Nachwort zu seiner Sammlung der Lebensläufe von Frauen, denen der Atombombenabwurf von Hiroshim am 6. August 1845, heute vor 71 Jahren, den Mann geraubt hatte.

Neunzehn Lebensläufe von neunzehn Witwen aus einem Dorf nahe bei Hiroshima – sie werden mittlerweile, noch einmal fünfunddreißig Jahre später, gestorben sein, so wie auch viele ihre Kinder schon tot sein werden. Um so dringlicher diesen Jahrestag nicht zu vergessen, stetig an ihn zu erinnern – gerade in den Zeiten, in denen wie jetzt die Aggressions- und Gewaltbereitschaft in der Welt zuzunehmen und die Möglichkeit eines Krieges wieder zu einer politischen Kategorie zu werden scheint.

Mitte 1980 fasste der japanische Autor Mikio Kanda den Entschluss, das Schicksal dieser Witwen aufzuzeichnen. Sie alle eint ein Schicksal: am Morgen des 6. August verließen ihre Männer das Dorf Kawauchi-Nukui, wenige Kilometer von Hiroshima entfernt, zu einem Arbeitseinsatz in der Stadt. Die Frauen blieben zurück im Dorf, es schien ein ganz normaler Tag zu werden, sie machten Frühstück, sorgten für ihre (teilweise vielen) Kinder und bereiteten sich auf die Feldarbeit vor. Das Dorf und seine Bewohner waren arm, die meisten Familien bewirtschafteten etwas Feld und bauten dort Gemüse an. Oft war der Boden für Reis zu arm, dann wurde auf Gerste ausgewichen, ansonsten baute man Zwiebeln an, Hirse oder Hanf, es gab Versuche mit Seidenraupen. Morgens um 1 Uhr bin ich aufgestanden, erinnert sich Tade Kinuyo, habe den Imbißkasten für Frühstück und Mittagessen vorbereitet und meinen Mann auf den Weg geschickt. Auf dem Markt hat er dann das Frühstück  verzehrt. Wenn er am Nachmittag der Südwind wehte, brachte er Fäkalien (mit denen die Felder gedüngt wurden) mit dem dem Boot heim …. Beim Gemüse,  fiel nicht viel Gewinn ab. …. Das Essen war ärmlich: Reis, mit viel Gerste gemischt.

Mikio Kanda wollte nicht nur die Ereignisse und das Erleben der Frauen an diesem einen Tag dokumentieren, ihm ging es darum, das gesamte Leben der Witwen zu erfassen. Es war für diese Frauen eine große Wertschätzung: zum ersten Mal überhaupt fragte jemand nach ihrem Leben, ihren Gefühlen, waren sie für jemand anderes interessant. Herausgekommen aus diesen Aufzeichnungen ist eine Sammlung sich oft ähnelnder Schicksale, in die sich die Ereignisse des 6. August brutal festgeschrieben haben.

Die meisten der Frauen waren in der ersten Dekade des letzten Jahrhunderts geboren worden, viele wurden in arrangierten Ehen in das Dorf verheiratet. Der Ort hatte damals cirka zweitausend Einwohner, er galt als arm, das Leben dort als schwer und arbeitsreich…. Im Sommer 1945 wurde in Erwartung des Entscheidungskampfes eine ‚Freiwilligen-Einheit‘ ins Leben gerufen, zu der alle Männer zwischen sechzehn und sechzig und alle Frauen bis vierzig (hier macht der Herausgeber in seinem Vorwort keine Angabe einer Untergrenze) mit Ausnahme der Mütter mit Kindern, die jünger als drei Jahre alt waren, angehörten. Am 6. August gingen 191 Bewohner des Ortes nach Hiroshima, um dort Abrissarbeiten für Brandschneisen vorzunehmen.


Ich war gerade mit dem Ausdünnen (der Hirse auf dem Feld) beschäftigt,
da gab´s einen Blitz. Ich dachte, die Sonne ist runtergefallen. …
(Monzen Tsuruyo)

In diesem Moment gab es einen weißen Lichtschein und vor dem Haus ist es ganz hell geworden, und dann ist ein Donner gekommen wie bei einem Erdbeben. .. Als ich flußabwärts nach Hiroshima blickte, war´s dort blutrot. … Eine Qualmwolke wie ein Feuerball steigt auf und breitete sich nach Norden aus. …
(Dobara Shinayo)

Damals gab´s einen lauten, dumpfen Knall und am südlichen Himmel steigt ein schwarze Wolke auf. Die Schiebetüren wurden umgeworfen
und die Zimmerdecke wurde hochgedrückt. ….
(Ryoso Shizuko)

Als die Sonne schon ziemlich hoch stand, gab es einen dumpfen Knall und wir haben uns vor Schreck flach auf die Erde geworfen. Als ich aufblickte, stieg am Himmel über Hiroshima ein weißer Klumpen auf. …. Da sah ich zufällig, wie das Bambuswäldchen von Jonan seitwärts niedergedrückt war und lfach lag.  …. Als wir heimkamen, sah das Haus schlimm aus. Die Schiebetüren waren alle aus ihren Schienen gerissen. Die Zimmerdecke war hochgedrückt worden und Ruß vom Dach lag auf allen Sachen. … (Yokochi Toshiko)


Manche der Frauen wussten intuitiv, daß dies niemand, der in der Nähe der Explosion war, überleben konnte, auch über den Dorflautsprecher wurde bekannt gegeben: „Die ganze Freiwilligen-Einheit ist umgekommen.“ Verletzte, die aus Hiroshima kamen, sagten: „In Hiroshima ist es schrecklich, geht nicht hin!“. Der Mann von Yokochi Toshiko beispielsweise wurde am Abend noch lebend mit einem Boot ins Dorf gebracht: Wegen der Brandwunden waren Gesicht und Körper angeschwollen. Die Augenlider waren umgestülpt, die Haut auf den Armen hatte sich gelöst und hing in Fetzen herab. Er trug nur eine Unterhose. Hemd und Hose waren verbrannt. Sonst war er nackt. … Alle Haare, die offen gelegen hatten, waren verbrannt….  Er verstarb in der Nacht. Später habe ich gedacht: Mein Mann ist trotz der Verbrennungen lebend heim gekommen; wir haben noch miteinander sprechen können; in anderen Familien ist keine Leiche, ist nichts heimgekommen; viele Leute haben rein gar nichts mehr gesehen von ihren Angehörigen; ich habe ihn nach Hause getragen, ihn gepflegt, ihm den letzten Trunk geben können; ich bin ein glücklicher Mensch, habe ich gedacht. 

Daß einer der Freiwilligen noch lebend nach Hause kam, war die absolute Ausnahme. Wie es Yokochi Toshiko sagte, wurde von vielen Menschen überhaupt nichts mehr gefunden, andere wiederum mussten lange suchen, vielen Gerüchten nachgehen, daß an diesem oder jenem Ort Menschen aus dem Dorf wären: Als ich zum Tempelweg kam, habe ich unwillkürlich mit lauter Stimme: „Das ist Vater!“ gerufen. Auf der rechten Seite, die zweigte Leiche, das war Vater. Er lag da, mit einer Strohmatte zugedeckt. Ich habe die Matte zur Seite getan und ihn angesehen. Ich habe nur : „Wie siehst du aus!“ gesagt und habe sein Gesicht in die Hände genommen. Er war mit Brandwunden übersät: Wie ein gehäuteter Spatz sah er aus, das Fleisch rot aufgequollen. Das Gesicht war unverletzt, es hatte einen milden Ausdruck. Sugita Chiyoko hatte ihren mit der Matte zugedeckten Mann an seinen Füßen erkannt.

Am nächsten Tag, erinnert sich Takasaki Haru, bin ich meinen Mann suchen gegangen. Unterwegs habe ich Menschen gesehen, die wie Gespenster dahergingen. Und am Wegrand lagen überall schwarzgebrannte Leichen. Sie waren alles aufgequollen und sahen aus wie die großen Wächterfiguren am Tempeleingang. …. Auch nach drei oder vier Tagen Suche habe ich meinen Mann nicht gefunden. Er war wohl zum Fluß geflohen und die Leiche war mit der abziehenden Flut ins Meer hinausgetrieben….

So oder so ähnlich erging es den meisten der im Dorf zurückgebliebenen Frauen: Sie hatten ihren Mann verloren, wenn sie seine Leiche nicht gefunden hatten, konnte keine Begräbnisfeier abgehalten werden: Ich hatte nichts zu verbrennen. (Takasaki Haru). Später wurde dann ein Witwenvereinigung gegründet, in dem sich die Witwen in gegenseitiger Unterstützung organisierten. Über diesen Verein wurden dann auch Gedenkfeiern für die Toten abgehalten. Da die Atombombe unser Leben völlig verändert hatte und wir alle vom gleichen Schicksal betroffen waren, wir wir uns gegenseitig gestützt und ermuntert. Wir alle haben Landwirtschaft getrieben, so haben wir´s irgendwie geschafft. Heute sind wir alle glücklich. …  (Takasaki Haru).

Das Leben, das trotz allem weiterging, weitergehen musste, musste organisiert werden. Viele der Kinder, die zur Zeit des Atombombenabwurfs in der Schule waren, kamen verletzt und verwundet nach Hause, sie mussten versorgt werden. Es musste Essen organisiert werden, auch die Feldarbeit war weiterhin zu leisten – allein, ohne die Hilfe des Mannes: Etwa zehn Jahr lang mußte ich als Frau die Arbeit eines Mannes leisten. (Nomura Masako). Manche der Frauen verdingten sich als Tagelöhner: …. Aber weil ich schon fünfzig war, habe ich nicht den vollen Tagessatz bekommen. (Momoki Tamano). Da Kleinkinder nicht ohne Aufsicht zurückgelassen werden konnten, wussten sich Frauen manchmal nicht anders zu helfen, als das Kind am Morgen an einem Pfahl anzubinden und es am Abend, nach der Arbeit, wieder abzuholen….. Zudem litten auch einige der Frauen selbst unter der Strahlenkrankheit, verspürten eine Müdigkeit und Mattigkeit, gegen die sie permanent ankämpfen mussten…


Es waren einfache Menschen in diesem Ort, die von einem für sie unerklärlichen Schicksalsschlag getroffen worden waren, der ihr Leben in den Grundfesten erschüttert hatte. Ein Leben, das erst einmal auf das Elementarste reduziert worden war: wo konnten sie schlafen, wo bekamen sie Essen her, woher die Hilfe, die sie brauchten? Sie suchten die Leichname ihrer toten Familienangehörigen, um sie der Tradition gemäß bestatten zu können, oft suchten sie vergeblich. Bald ging es wieder auf die Felder, wer konnte den Dünger aus der Stadt bringen…. Viele der Frauen zogen später zu den Familien der Töchter oder Söhne, lebten und arbeiteten dort.

Kandas Sammlung von Lebensläufen ragt über viele andere Atombombenliteratur hinaus. Während diese meist mit dem Abwurf (und eventuell einer geringen Vorgeschichte) einsetzt und sich auf die Ereignisse danach konzentriert, war es Kandas ausgesprochenes Motiv, die Lebensläufe der Witwen zu dokumentieren. Somit erlaubt die Textsammlung einen Einblick in das Leben der japanischen Landbevölkerung zu Anfang des letzten Jahrhunderts, eines Lebens, das durch Arbeit charakterisiert war, durch Not auch und Mangel, jedenfalls nur in seltenen Fällen durch Überfluß. Der Krieg und dann vor allem der Abwurf der Atombombe beendete diese Art des Lebens, alles wurde auf den Kopf gestellt und musste sich neu finden. Trotzdem, und dies liegt in der Beharrlichkeit bäuerlichen Lebens, blieb eine Konstante: die Arbeit draußen auf dem Acker, auf dem Feld, das Säen, das Unkrautjäten, das Düngen, die Ernte. Dies alles erdet die Menschen, macht sie bodenständig und hilft ihnen, mit Katastrophen umzugehen – mag sein, auch damals, in der Zeit nach dem 6. August.


In Ehrfurcht den Seelen der Mitglieder der Freiwilligen-Einheit gewidmet.

Die Witwen des Ortes haben sich einen eigenen Gedenkplatz für die Toten geschaffen, er trägt auf der Rückseite die Namen der durch die Atombombe Umgekommenen. Es sind hundertachtzig Menschen. Vierundachtzig aus Kami-Nukui, sechsundvierzig aus naka-Nukui, fünfzig aus Shimo-Nukui. Vierundneunzig waren Männer, sechsundachtzig Frauen. 

Hier trafen sich die Frauen am 6. August jeden Jahres, sie gingen nicht nach Hiroshima auf die offizielle Gedenkfeier, die ihnen zu laut war, sie wollten still für ihre Toten beten. Es ist eine traurig und auch wütend machende Szene, die Kanda schildert, als er beschreibt, wie bei einer dieser Gedenkfeiern der Konvoi des Ministerpräsidenten auf der Rückfahrt von Hiroshima ohne Rücksicht auf die Witwen mitten durch deren Veranstaltung fährt….


Weitere Bücher, die sich mit den Atombombenabwürfen über Japan befassen: https://radiergummi.wordpress.com/category/jahrestag-atombombenabwurf/

im Einzelnen:

Hermann Vinke (Hrsg): Als die erste Atombombe fiel
Karl Bruckner: Sadako will leben
Paul Takashi Nagai: Die Glocken von Nagasaki
Edita Morris: Die Saat von Hiroshima
Edita Morris: Die Blumen von Hiroshima
Masuji Ibuse: Schwarzer Regen
John Hersey: Hiroshima

Mikio Kanda (Hrsg)
Der Blitz über dem Reisfeld
Witwen aus einem Dorf bei Hiroshima berichten

Aus dem Japanischen übersetzt von 
Originalausgabe: Genbaku ni otto wo uwaqarete, Tokio 1982
diese Ausgabe: dtv (Reihe: zeugen und zeugnisse), TB, ca. 226 S., 1985

Shūsaku Endō: Schweigen

15. Oktober 2015

Diese Buchvorstellung gibt es auch als Audio-File im literatur RADIO bayern.


„Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Einige aber hatten Zweifel. Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt, 28, 16-20)

**********

Wer einen Pfaffen angibt, soll zur Belohnung 400 bis 500 Schütten Silber haben, für einen gemeinen Christen nach Verhältnis. [2]

Solange die Sonne die Erde wärmt, soll kein Christ so kühn sein und nach Japan kommen, und es soll jedermann wissen, daß, falls der König Philipp selbst oder sogar der Gott der Christen oder der große Shaka selbst dies Gesetz übertreten, so sollen sie es mit ihrem Kopf bezahlen. [3]

Endo cover


Ich habe Shūsaku Endo (korrekter, d.h. wie in Japan üblich den Familiennamen vorangestellt, müsste der Name „Endo Shūsaku“ geschrieben werden) hier im Blog vor geraumer Zeit mit einem anderen Roman, Meer und Gift, vorgestellt [5], in dem er sich mit den Menschenversuchen auseinandersetzt, die in Japan während des 2. WK durchgeführt wurden.

In vorliegenden Roman Schweigen ist das Thema ein völlig anderes, das die Person Endos selbst berührt. Endo (1933 – 1996; [6]) ist mit elf Jahren katholisch getauft und in diesem Glauben von der Mutter erzogen worden. In einem Gespräch, das Manfred Osten [7] Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre mit ihm führte und über das er in seinem kleinen Büchlein: Die Erotik des Pfirsichs [7] berichtet, führt Endo aber aus, das der christliche Glaube schwierig ist und auch er ein Leben lang damit fremdelte: Ich habe seitdem oft das Bedürfnis empfunden, mich davon loszusagen, aber es ist mir nicht geglückt. Der Grund dafür dürfte sein, daß diese Religion letztlich doch ein Teil von mir selbst geworden ist. Gleichwohl blieb in meinem Herzen das Gefühl wach, daß dies etwas Geliehenes ist, ….. Endo erklärt auch, worin die Problematik (und damit verbunden der geringe Erfolg diverser Missionsversuche in Japan) liegt: Man muss verstehen, dem Japaner bereitet es Mühe, Begriffe wie Sünde oder Schuld einzuordnen. Denn diese sind eine Erfindung des europäischen Individualismus. Der Japaner sieht sich dagegen stets als Angehöriger einer Gruppe und empfindet keine Schuld, nur Scham – die Reaktion auf die Mißbilligung seines Tuns durch die Gemeinschaft.. Auch das Bedürfnis nach Erlösung ist dem Japaner fremd. Denn er versteht den Tod anders, fühlt sich – shintoistisch – einbezogen in den Zyklus der Natur. Ferner ist für den Japaner das Gottesbild mütterlich-weiblich geprägt, das ernste, männlich-väterliche Gottesbild des Christentums ist ihm fremd. Japaner haben mich oft gefragt: Warum lächelt Christus nicht? Warum ist Gott für die Christen nicht anwesend in der Natur?


In seinem Nachwort gibt William Johnston, der Übersetzer der englischen Ausgabe des Buches von 1966, eine kurze Übersicht über den historischen Hintergrund des Romans, der die Christenverfolgung in Japan nach ca. 1640 zum Thema hat. Nach Japan gekommen war das Christentum kaum hundert Jahre zuvor durch den Basken Franciscus Xavier, der 1549 im Begleitung zweier Jesuiten ins Land kam und Missionserfolge erzielte. In den nächsten Jahre und Jahrzehnten bekannten sich teilweise sogar lokale Fürsten zum Christentum, bis 1587 von Hideyoshi der Erlass erging, alle Padres müssten das Land innerhalb von zwanzig Tagen verlassen. Zwar starben danach viele Padres und Christen den „Märtyrertod“, jedoch wurde diese Vertreibung wurde nicht konsequent umgesetzt. Das offizielle Verbot wurde jedoch beibehalten, Hideyoshis Nachfolger, der Shogun Tokugawa Ieyasu, wiederholte das Dekret zur Verbannung aller christlichen Geistlichen 1614. Wiederum kam es zu Folterungen von Priestern und Gläubigen, die mit großem Mut standhaft in ihrem Glauben blieben.

Mitte der 30er Jahre dieses Jahrhunderts erreichte Europa jedoch eine kaum glaubhafte Nachricht: Pater Ferreira, einer der glaubensfestesten Priester in Japan, habe unter der Folter seinen Glauben verleugnet und abgeschworen. Daraufhin fassen zwei Gruppen von Priestern den verwegenen Plan, heimlich nach Japan zu fahren, dort an Land zu gehen und nach dem Schicksal Pater Ferreiras zu forschen und die Gläubigen auf der Insel in ihrem schweren Schicksal zu begleiten. Vom Schicksal einer dieser Gruppen (die andere wird nur an dieser einführenden Stelle erwähnt, sonst nicht mehr) handelt dieser Roman.


Es handelt sich um drei junge Priester aus Portugal, deren Lehrer Pater Ferreira gewesen war. Die drei trotzen ihren Oberen die Erlaubnis zur Fahrt nach Japan ab. Es ist eine sehr anstrengende, lange Schiffspassage um Afrika herum nach Goa in Indien, von dort aus dann noch einmal weit über´s Meer nach Macao, der östlichsten Basis des portugiesischen Reiches. Auch dort müssen die Priester ihre Vorgesetzten erst für ihr Unternehmen begeistern, aber schließlich gelingt es ihnen und zu zweit (der dritte Priester war auf der Reise so schwer erkrankt, daß er sie nicht begleiten konnte) chartern sie ein Schiff und unter „Führung“ des einzigen Japaners namens Kichijiro, der nach der Abschottung Japans in Macao verblieben war, stechen sie wieder See – Richtung Japan.

Es gelingt ihnen tatsächlich, unbemerkt in japanische Gewässer zu gelangen und auch im Schutze der Nacht anzulanden. So betreten Padre Rodriguez und Padre Garpe zusammen mit Kichijiro heimlich japanischen Boden. Dieser Kichijiro jedoch, der sie führt und dem sie ihr Leben anvertrauen, ist ihnen nicht sympathisch, er scheint faul, verschlagen, von schwachem, wankelmütigem Charakter. Aber sie sind abhängig von ihm.

Kichijiro erkundet das Gelände und kommt mit ein paar Bauern zurück zum Versteck der beiden Priester. Es sind Christen und auch Kichijiro entpuppt sich als Christ, auch wenn er dies bis jetzt auf Nachfragen verleugnet hat. Von den Bauern erfahren die beiden, wo sie sich befinden, ferner, daß es für die Gläubigen hier sehr schwer ist. Sie bilden – so, wie es überall im Land üblich geworden ist – eine arkane Gruppe, haben sich, da es keine Priester mehr gibt, selbst organisiert. Jeden Tag kommt ein Polizist in den Ort, um die Menschen zu überprüfen. Wird irgendetwas gefunden, was in Zusammenhang mit dem Christentum gebracht werden kann, ein Kreuz zum Beispiel oder ein Bild, zieht dies harte Strafen nach sich. Der Belohnungen wegen gibt es Denunziationen, man kann keinem trauen. Wird jemand als Christ entlarvt, muss er abschwören, in dem er auf ein Bild Christi tritt, andernfalls wird er grausam gefoltert.

Daher werden die Padres in einer einsamen Köhlerhütte im Wald versteckt. In der Dunkelheit bringt man ihnen heimlich zu essen, dann nehmen sie den Bauern die Beichte ab und spenden Sakramente. Tagsüber bleiben sie in der Hütte und rühren sich nicht.

Eines Tages müssen sie vom Berg aus mitansehen, wie zwei Bauern und Kichijiro in die Stadt gebracht werden, um auf das Bild zu treten, irgendjemand muss etwas verraten haben. Kichijiro tritt auf das Bild, spuckt darauf, nicht jedoch die beiden Bauern, die man ins Dorf zurückbringt. Die Kreuze, an die sie gebunden werden, werden so ins Meer gestellt, daß die Flut die Männer hoch umspült. Sie werden schwächer und schwächer, schließlich, nach Tagen der Qual, sterben sie. Danach werden sie verbrannt und die Asche wird ins Meer geschüttet.

Die Padres sind erschüttert und gleichzeitig verzweifelt. Anstatt die Gläubigen zu begleiten und nach Pater Ferreira zu suchen, sitzen sie in der Hütte, werden von den armen Bauern mit Essen versorgt und bringen sie in Gefahr. Daher beschließen sie, sich zu trennen und getrennt ihre selbstgestellte Aufgabe zu erfüllen….

Endo konzentriert sich auf Pater Rodrigues, auf Pater Garpe werden wir nur noch einmal kurz  treffen. Rodrigues maschiert im Schutz der Wälder los. Auf einmal taucht Kichijiro wieder auf, kriecherisch um Verzeihung bittend. Der Pater ist hin- und hergerissen von Abscheu und Mitleid. Aber kann man Kichijiro seine Schwäche zum Vorwurf machen? Nicht jeder ist zum Märtyrer geboren….. Kichijiro merkt, daß Rodriguez Hunger hat und gibt ihm einen Trockenfisch zu essen. Heißhungrig schlingt der Padre diesen Fisch hinunter, jedoch schon bald bringt ihn der Durst schier um. Kichijiro erbietet sich, Wasser zu holen und verschwindet. Als er wieder auftaucht, hat er die Polizei dabei. Pater Rodrigues wird festgenommen, Kichijiro wirft man die Silberlinge vor die Füße, er wird auch von den japanischen Beamten verachtet.

Die Haft ist anstrengend. Es gibt kaum etwas zu essen, die Märsche, die er zu bewältigen hat, sind körperlich sehr hart, die Kerker, in die man ihn sperrt, dunkel. Manchmal wird er verhört, unter anderem von einem alten Samurai. Immer wieder versucht der Dolmetscher, ihn zu überzeugen, es sei doch nur äußerlich, der Tritt auf das Bild, er könne doch im Inneren weiter glauben, was er will…. Rodrigues trifft andere gefangene Christen, darf sich teilweise sogar mit ihnen unterhalten und ihnen die Beichte abnehmen. Angst empfindet Pater Rodrigues keine , etwas wie ein tiefer innerer Frieden hat ihn ergriffen, läßt ihn ruhig die Tage überstehen.

Er ist bei der Bildzeremonie dabei, muss mit ansehen, daß die gefangenen Christen sich weigern, auf das Bild zu treten. Es ist ein heißer Tag, der Wächter und der alte Mann sind unaufgeregt, das Schwert des Wächters trennt den Kopf des Mannes mit einem Schlag ab. Es ist ein so unspektakulärer Vorgang, kein Vorhang im Tempel zerreißt, keine Dunkelheit senkt sich über das Land und keine Trompeten erschallen vom Himmel. Das Leben geht einfach weiter, die Zikade unterbricht ihr Zirpen nicht. Der Märtyrertod, so erkennt der Priester, ist nicht so, wie es in der Bibel steht…. es ist ein Tod, zu dem Gott schweigt… Eli, Eli, lama asabtani…

Pater Rodrigues selbst wird nicht gefoltert. Eines Tages jedoch wird er nach Nagasaki gebracht, dort sieht er Pater Ferreira wieder, der jetzt einen japanischen Namen hat und eine japanische Frau und der für den Fürsten arbeitet bzw. wie er selber es ausdrück, er dient dem Land. Es ist ein Gespräch zwischen einen desillusionierten Mann und einem anderen, der verständnislos und für seine Prinzipien einzutreten bereit ist. Für Rodrigues ist es nicht mehr der Pater Ferreira, der in der Heimat sein Lehrer war…. Pater Ferreira zeigt ihm eine Narbe hinter dem Ohr. Sie rührt von einem Schnitt her, den die Folterer machen, damit das Blut abfließen kann und sich nicht staut. Das würde es, weil die Menschen fest in eine Matte gewickelt an den Füßen in eine Grube mit Unrat gehängt werden – bis sie abschwören….

Man wirft Rodrigues in ein nach Urin stinkendes, nachtdunkles Loch. Es ist still in seiner Zelle, nur hin und wieder vermeint der Priester ein Schnarchen zu hören, offensichtlich ist der Wächter eingeschlafen. Er muss ob der Absurdität dieser Situation (schließlich rechnet er damit, bald selbst gefoltert zu werden und der Wächter nebenan schläft einfach….) bitter lachen…. Noch bevor der Morgen graut, so hat man ihm gesagt, als man ihn zu seinem Kerker brachte, würde er wiederrufen – noch einmal sieht er Ferreira und jetzt, in diesem Gespräch, fängt er an zu verstehen, was seinerzeit mit seinem Lehrer geschehen war und was jetzt mit ihm geschieht ….. und so kommt es wie vorausgesagt: Rodrigues schwört ab, noch im Morgengrauen….

Tritt ruhig! Tritt ruhig!
Denn ich bin da,
um von Euch getreten zu werden!

Wie schon Ferreira gibt auch ihm der Fürst einen japanischen Namen und eine Frau. Die Kunde von seinem Abfall wird über die holländischen Kaufleute, denen eine kleine Insel in der Bucht als Stützpunkt zugewiesen worden ist, nach Macao und weiter nach Europa dringen… für die Menschen hier, die Japaner, ist er der gefallene Paulus….Nach einiger Zeit  muss Rodrigues in eine andere Stadt umziehen, dort ist ehemaligen Christen eine umzäunte Residenz zugewiesen. Kichijiro, der wieder aufgetaucht war, kommt als sein Diener mit. Rodrigues lebt noch ca dreißig Jahre dort, bevor er im Alter von fünfundsechzig Jahren stirbt.


Schweigen ist vor dem historischen Hintergrund der Christenverfolgung dieser Epoche um 1640 in Japan und dreier tatsächlich existierender historischer christlicher Missionare, die 1643 heimlich nach Japan reisten, um das Schicksal des Paters Ferreira zu ergründen, geschrieben. Der Roman konzentriert sich auf die Figur des Priesters Rodrigues, der ein persönliches Scheitern erleben muss und zwar in zweifacher Hinsicht.

Das erste Scheitern ist ein Scheitern aufgrund einer wohl übergroßen Naivität, mit der die Priester nach Japan gereist sind. Die Konfrontation ihrer Absichten mit der Realität hat gezeigt, daß sie nur in untergeordnetem Maß in der Lage waren, für die verfolgten Christen priesterlich tätig zu sein. Viel mehr waren sie eine Belastung für diese Menschen, sie mussten versteckt werden, ihnen wurden vom eh schon kargen Mahl abgegeben und letztendlich gingen zumindest einige der einfachen Gläubigen in den Tod für sie. Anstatt ihnen zu helfen, brachten die Padres die Menschen in große Gefahr, ein starkes Argument auch in den Verhören durch die japanische Obrigkeit und letztendlich auch das entscheidende Argument, das Pater Rodrigues umstimmen sollte.

Das zweite Scheitern des Priesters ist ein mehr sich an der Oberfläche, nach aussen hin stattfindendes, das jedoch als Endpunkt einer persönlichen Entwicklung, die Rodrigues in diesen Monaten durchlebt hat, gesehen werden kann. Letztendlich verleugnet er seinen Glauben und schwört ab. Sein letztes Gespräch mit Ferreira macht ihm deutlich, daß er aus Selbstsucht und Eitelkeit handelt, daß er andere Menschen opfert, in dem er sich selbst zu wichtig nimmt: Christus hätte abgeschworen. Aus Liebe. Selbst wenn das hieße, alles aufzugeben, was er hatte. ..

Es ist nur jedoch – und mehr, dies wird öfters betont, verlangt die japanische Obrigkeit auch gar nicht – ein äußeres Abschwören, seinen Glauben hat Rodrigues nie aufgegeben: Aber wenn ich auch sie [i.e. die Geistlichen in Europa] verraten habe, den Herrn habe ich niemals verraten. Ich liebe ihn nun auf eine andere Weise als zuvor. Alles, was mir bis heute widerfuhr, war notwendig, damit ich diese Liebe kennenlernte. Erst mit dieser Apostasie wird Rodrigeus zum wirklichen Priester, der die Menschen und deren Seelenheil über das Ansehen der Kirche stellt.


Endo äußert sich – wie eingangs erwähnt – skeptisch bezüglich der Eignung japanischer Wesensart mit dem Christentum. So steht die Frage im Raum, warum sich trotz dieser prinzipiellen Unterschiede und Unverträglichkeiten so viele Japaner sogar foltern und töten ließen, ohne diesen fremden Glauben zu verraten. Im Roman begründet Endo dies damit, daß das Christentum vor allem die armen Bauern, die unter einer unverstellbar harten Hand der Feudalherren lebten, als Menschen mit eigenem Recht und Wert behandelte. Sie, die sonst der Willkür der Samurai bis hin zum Tod ausgeliefert waren, wurden im Christentum wertgeschätzt, ihnen wurde Erlösung und ein Paradies versprochen…

Trotzdem fasste das Christentum in Japan nie richtig Fuß. Es wird im Roman (und dieser Begriff taucht auch im Gespräch mit Endo auf) von Japan als einem „Sumpf“ gesprochen, in dem die Wurzeln des fremden Glaubens verrotten und absterben. Zudem, so klärt Ferreira Rodrigues auf, unterwandern langsam und unbemerkt die originären japanischen Vorstellungen von Gott den Begriff des christlichen Gottes. Ziel der japanischen Obrigkeit war es daher auch nicht so sehr, alle Bauern, die sich zu Christus bekannten, zum Abschwören zu zwingen, sondern die Wurzeln zur Religion zu kappen, sprich: die Priester und Padres, die Lehrer aus dem Land zu treiben oder zum Verleugnen zu zwingen. Man wusste, daß damit der Glaube langsam aber sicher in die japanische Vorstellungswelt assimiliert werden würde.


Die Romanhandlung ist aufgebaut wie eine Art Ostergeschichte bis hin zu der Tatsache, daß Endo Rodrigues auf einem Esel nach Nagasaki reiten läßt. Konstituierende Merkmale dieses bedeutendsten christlichen Festes (bzw. seines Hintergrundes) finden sich in der Geschichte: der Verrat durch Judas (Kichijiro) und dessen Bezahlung, das schlechte Gewissen des Judas, das Wissen/die Ahnung Jesu (Rodrigues) um den kommenden Verrat (Was du tust, das tue bald!), die Verhöre durch Herodes, die Einsamkeit, die Glaubenskrise, letztendlich auch das Schweigen Gottes zu allem: Eli, Eli, lama asabtani…

Geschickt wechselt Endo die Erzählperspektive in seiner Geschichte. Nachdem einleitend der Rahmen für die nachfolgenden Ereignisse geschildert wurden, wechselt er auf Rodrigues als Erzähler. In Briefen, die er während seiner Gefangenschaft geschrieben hat und die auf unbekannte Weise nach außen geschmuggelt worden sein müssen, schildert er seine Erlebnisse und auch seine ganz persönliche Glaubenskrise. Dann brechen diese Briefe ab und Endo überläßt wiederum einem Erzähler das Wort.

Das Schweigen Gottes, das sich in vielem äußert, im Schweigen des Meeres, dem Schweigen der Finsternis, demjenigen des mittäglich in der Hitze daliegenden Dorfes, aus dem alle Menschen vertrieben worden waren.

Und Gott schweigt wie dieses Meer. Und er schweigt immer weiter. … Angenommen, daß es Gott garnicht gibt. … Was für ein Hohn, wenn Gott nicht existierte! Aber kann Gott einfach so ansehen, wie Menschen für ihn sterben, für den Glauben an ihn, ohne sich zu äußern? Es ist eine einschneidende Erfahrung für Rodrigues, wie banal der Tod im Namen Gottes ist. Nichts ist von Dramatik des Kreuzigungstodes, den der Zimmermann aus Galilea erlitt und die die Bibel schildert, zu spüren. Die Männer werden an den Kreuzen hängend einfach von den kalten Wassern der Flut umspült, bis sie entkräftet ihr Leben aushauchen… so banal stirbt es sich für Gott. Ein Kopf rollt im Staub umher, bis er liegen bleibt, ein Rumpf wird an den Beinen über den Hof gezerrt und in eine Grube geworfen. Es bleibt eine dunkle Blutspur auf der Erde zurück.

Schweigen ist in gleicher Weise eine (wohl auch persönliche) Auseinandersetzung mit dem katholischen Glauben und seinem Gottesbild. Es ist die ganz naive, immer wieder auftauchende Frage nach der Untätigkeit Gottes angesichts all der Ungerechtigkeit, der Gewalt, des Todes, die auf der Welt herrschen. Auch die Prüfungen, die Gott den Menschen auferlegt, haben nach Ansicht von Pater Rodrigues eine Grenze und die wird in Japan nach seiner Überzeugung überschritten. Es ist nicht so, daß Rodrigues von seinen Glauben abfällt (dann wäre alles einfacher gewesen), aber in der Glaubenskrise, die er durchleidet, ändert sich sein Gottesbild. William Johnston geht in seinem Nachwort zum Roman auf diese Frage ein, die ein Aspekt der umfassenderen ist: ist das Christentum bzw. enger, der Katholizismus, als westliche Religion überhaupt kompatibel mit dem japanischen Wesen?

Endos Roman Schweigen ist anspruchsvoll, nachdenklich, einfühlsam, sensibel. Die Sprache ist größtenteils nüchtern, schnörkellos und klar, einzig in den Passagen, in denen  die Glaubenskrise von Rodrigues im Mittelpunkt steht, wird der Tenor der Sprache „unbestimmter“, eher fragend als beschreibend. Der Roman hat mich beschäftigt, ich bin froh, daß ich ihn gelesen habe und kann dieses nicht allzu umfangreiche Büchlein nur jedem, der sich ein wenig für das Thema interessiert, ans Herz legen.

Links und Anmerkungen:

[1] Der Roman wurde von Martin Scorsese verfilmt: https://en.wikipedia.org/wiki/Silence_(2016_film)
[2] Aus einem Edikt des Shoguns Iemitsu aus dem Jahre 1637, durch das Ausländer aus Japan verbannt werden und der Kontakt mit ihnen untersagt wird. [zitiert aus: 4, S. 27]
[3] Bis 1640 gab es immer wieder Versuche von portugisiescher Seite, dieses Verbot zu umgehen bzw. es rückgängig zu machen. Als 1640 wieder eine Gesandschaft der Portugiesen anlandete, wurde verfüg, daß das Schiff verbrannt wird und die Gesandten mitsamt der Dienerschaft und der Besatzung zu Tode gebracht werden sollen, damit die Nachricht hiervon Macao und selbst Europa erreichen solle. Am Ort der Hinrichtung wurde eine Tafel mit obigem Text aufgestellt. [zitiert aus: 4, S. 28/9]
[4] Gertrude C. Schwebell (Hrsg): Die Geburt des modernen Japan in Augenzeugenberichten, dtv, 1981
[5] Shūsaku Endo: Meer und Gift; Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/…meer-und-gift/ 
[6] Wiki-Beitrag zu Shūsaku Endo:  https://de.wikipedia.org/wiki/Endō_Shūsaku 
[7] Manfred Osten, Die Erotik des Pfirsichs, Suhrkamp, st2515, ca 162 S.

Diese Buchvorstellung gibt es auch als Audio-File im literatur RADIO bayern.

Shūsaku Endō
Schweigen
(neu) übersetzt aus dem Japanischen von Ruth Linhart
Originalausgabe: Chinmoku (沈黙), Tokyo, 1966
diese Ausgabe: Septime-Verlag, HC, ca. 309 S., 2015
mit einem Vorwort von Martin Scorsese
und Nachworten von Shūsaku Endō und William Johnston

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

John Hersey: Hiroshima

6. August 2015

Cover der Zeitschrift: The New Yorker vom August 1946  Bildquelle: [B]

Cover der Zeitschrift: „The New Yorker“ vom August 1946
Bildquelle: [B]

Ein typisches Sommerbild mit sich entspannenden, relaxenden, ihre Freizeit geniessenden Menschen in einem Park [1], doch wenn man sich das Bild in größerem Format ansehen will und auf die Vorschau klickt, wird es einem so gehen wie 1946 den Lesern der Zeitschrift: man wird schockiert sein….

Wie Hersey in seinem Vorwort erklärt, war man in der Redaktion kurzfristig zu der Entscheidung gekommen, die als Fortsetzung geplante Reportage über Hiroshima als Ganzes in einem Heft zu drucken, zu kurzfristig, um das Cover noch an das Thema anpassen zu können..

Und in einem gewissen Sinn passt das Cover dann doch auf die Situation: zwar war in Japan ein Jahr zuvor keine Freizeitstimmung angesagt, aber bis auf die allgemeine Spannung durch den Krieg und die besondere Situation Hiroshimas, das bis dato noch nicht angegriffen worden war und man daher jederzeit mit Bombenangriffe rechnete, war man in der Stadt völlig ahnungslos, zumal es kurz vor acht Uhr Ortszeit noch Entwarnung gegeben hatte. In den Straßen herrschte also das „normale“ Leben, die Menschen frühstückten, machten sich für die Arbeit fertig, waren auf dem Weg zum Einkaufen….

Der Journalist John Hersey [6] fuhr im August 1946, also ein Jahr nach dem Abwurf der Atombombe über Hiroshima im Auftrag des amerikanischen Magazins The New Yorker nach Japan, um über dieses Ereignis und dessen Folgen zu berichten. Das war nicht ganz einfach, denn die amerikanischen Militärbehörden hatten schon ab September 1945 Publikationsverbote verhängt (die immer wieder verschärft wurden), mit dem die Berichterstattung in Wort und Bild über die Folgen des Atombombeneinsatzes verhindert werden sollte. Im Dezember des Jahres erging sogar die Verfügung, alles schon gedrehte Material von z.B. Wochenschauen bei den amerikanischen Behörden abzuliefern. Wie man sich denken kann, wurde dieser Aufforderung nur unvollständig nachgekommen. In seinem Vorwort schildert Robert Jungk die sich aus dieser Geheimhaltungsabsicht der Amerikaner ergebenen Probleme, vor Ort über das Geschehen(e) zu recherchieren.

Es gelang John Hersey sechs Personen zu finden und zu interviewen, die den Abwurf der Bombe über Hiroshima überlebten. Es sind ganz unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Bevölkerungskreisen:

Reverend Mr. Kiyoshi Tanimoto

Pastor (Methodist) Kiyoshi Tanimoto

Mrs. Hatsuyo Nakamura

Mrs. Hatsuyo Nakamura; Hausfrau, Schneiderin

Dr. Masakazu Fujii

Dr. Masakazu Fujii, Arzt mit einer Privatklinik

Father Wilhelm Kleinsorge (Makoto Takakura)

Pater (SJ) Wilhelm Kleinsorge (Makoto Takakura)

Dr. Terufumi Sasaki, Arzt am Rot-Kreuz-Hospital

Dr. Terufumi Sasaki, Arzt am Rot-Kreuz-Hospital

Miss Toshiko Sasaki (Sister Dominique Sasaki)

Miss Toshiko Sasaki (Sister Dominique Sasaki), Beamtin einer Behörde

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

John Hersey stellt uns diese Menschen, die stellvertretend für alle Überlebenden stehen, vor, schildert uns kurz ihre Lebenssituationen, auch ihre Wesensart und beschreibt, wo sie sich zum Zeitpunkt der Zündung der Bombe befanden. In [2, 3] ist dies nachzulesen, so daß ich hier auf Einzelheiten verzichte.

Die Grundstimmung in Hiroshima war in diesen Tagen voll ängstlicher Erwartung. Die Stadt war bislang noch kein Ziel der gefürchteten „Mr. B“`s, der B-29, die in den gefürchteten nächtlichen Flächenbombardement einen Großteil der japanischen Rüstungsindustrie zerstört hatten – aber auch in den brandgefährdeten Städten Feuerstürme erzeugten, in denen -zig Tausende von Menschen starben [4]. An diesem speziellen Morgen war die Lage entspannter, kurz von acht Uhr hat es Entwarnung gegeben, so daß die Menschen anfingen, ihrem Tagewerk nachzugehen. Der einzelnen Maschine, die am Himmel erschien, schenkte man nicht viel Beachtung.

Da zerriß ein grauenvoller Lichtblitz den Himmel. … Es war … ein flammendes Stück Sonne. …

Im Bruchteil einer Sekunde blendete das gleißende Licht die Menschen, ein ungeheurer Knall erfüllte die Luft und die Druck- und Sogwelle riss in weitem Umkreis fast alles nieder. Die  Überlebenden fassten das Geschehen nicht, glaubten im ersten Moment an einen direkten Bombentreffer, sie sahen sich verletzt, verschüttet, unter Balken begraben, hörten Hilfeschreie von Nachbarn, der eigenen Kinder, die von tief unten aus den Trümmern drangen…. man versuchte zu helfen, buddelte in der Trümmerschicht, zog und zerrte an den verschütteten Leibern. Auf den Straßen waren Verletzte zu sehen, Menschen mit großflächigen Wunden, mit verbrannter Haut…

Langsam registrierte man, wie groß der Schaden war. Nicht nur das eigene Haus, auch das Haus des Nachbarn war zerstört, alle Häuser in der Straße waren zerstört, alle Häuser im Viertel lagen in Trümmern, fast alle Gebäude der Stadt lagen in Schutt und Asche. Was konnte das für eine fürchterliche Waffe gewesen sein? Spekulationen gab es zuhauf…

Bei dem Angriff waren fast alle Ärzte der Stadt und Krankenschwestern gestorben, die Hospitäler zerstört, es herrschte das Chaos. Verwundete schleppten sich in die Krankenhäuser, in denen sich bald auf den Fluren die Toten stapelten. Kaum war eine auch nur rudimentäre Versorgung der Verletzten möglich, die wenigen Ärzte wie Dr. Sasaki arbeiteten unter eigener körperlicher Erschöpfung förmlich bis zum Umfallen – und hörten auch dann noch nicht auf.

Die, die noch mobil waren, suchten nach ihren Verwandten, die unter Umständen früh am Morgen auf die Arbeit gegangen waren… Scharen von Menschen strömten durch die Straßen, die nicht mehr zu erkennen waren. Man sammelte sich und die Verwundeten in Parks, am Fluss… Wasser, Wasser: der Durst der Menschen konnte kaum gelöscht werden, da die Wasserleitungen fast alle zerstört waren… Verletzte, die am Flussufer lagerten, mussten an andere Orte gebracht werden, die Flut… nicht immer gelang es, sie hoch genug zu lagern… immer deutlicher wurde, welch furchtbare Verletzungen und Verwundungen die Bombe bewirkt hatte… auf der Landzunge fand Tanimoto ungefähr zwanzig Frauen und Männer.  Er fuhr mit dem Kahn auf den Strand auf und forderte sie auf, einzusteigen. Keiner rührte sich und es wurde ihm klar, daß sie zu schwach waren. … Dann stieg er aus dem Wasser hinaus und hob … einige Männer und Frauen, alle nackt, in sein Boot. Rücken und Brust dieser Menschen waren klebrig und er erinnerte sich mit Schaudern, wie die großen Verbrennungen, die er tagsüber beobachtet hatte, aussahen: erst gelb, dann rot und angeschwollen wobei die Haut sich abschälte, und schließlich abends vereitert und übelriechend.

Man versuchte, die Stadt zu verlassen, in Außenbezirke zu kommen, die möglicherweise unzerstört geblieben waren, wo man Hilfe bekommen konnte… [5]

Nach ein paar Tagen drang das Gerücht durch, in Nagasaki wäre noch eine ähnliche Bombe geworfen worden…. der Tenno im Radio, unfassbar für die Menschen, daß der Kaiser direkt zu seinem Volk sprechen sollte… die Niederlage wird eingestanden.

Noch ein paar Tage danach zeigte sich ein bis dato unbekanntes Phänomen: Wunden, die angefangen hatten, abzuheilen, wurden auf einmal wieder rot, schwollen an und sonderten Sekret ab. Beim Kämmen fielen Haare büschelweise aus, in den Schleimhäuten waren Einblutungen festzustellen… manche der Symptome waren denen ähnlich, die bei einer Überdosis von Röntgenstrahlen auftraten… diese neuen Wunden der „Strahlenkrankheit“ heilten kaum ab….

Ein Jahr nach dem Abwurf der Atombombe war Fräulein Sasaki ein Krüppel, Frau Nakamura aller Mittel entblößt; Pater Kleinsorge wieder im Spital, Dr. Sasaki war nicht im Stande, wieder die Arbeit zu leisten, die er früher geleistet hatte, Dr. Fuji hatte die Privatklinik mit dreissig Zimmern verloren, ein Besitz, dessen Erwerb ihn viele Jahre gekostet hatte und den wieder aufzubauen er keine Aussicht hatte; Tanimotos Kirche war zerstört und er besaß nicht mehr seine außerordentliche Vitalität. …


Was Herseys Reportage auszeichnet, ist die zeitliche Nähe zu dem Abwurf der Atombombe(n). Natürlich gibt es viele Berichte, erschütternde Berichte, über die Zerstörung Hiroshimas, über die Qualen, die die Menschen erlitten haben, erleiden mussten, auch über die Langzeitfolgen, die die bis dato noch unbekannte „Strahlenkrankheit“ bedingte. Auch unter dem gesellschaftlich-sozialen Gesichtspunkt war diese ungeheure Aktion bedeutend: war man Opfer der Explosion oder wurde auch nur bekannt, daß man zu dieser Zeit in Hiroshima lebte, war man geächtet als Träger der Strahlenkrankheit, als schwächlich, weil Opfer und Geschädigter. Damit fiel man aus dem Wertekanon der japanischen Gesellschaft hinaus. Es hat lange gedauert, bis die Opfer des Atombombenabwurfs ihre Würdigung erfahren haben.

In Herseys Reportage ist davon erst ansatzweise zu spüren. Zu nahe war man noch am Schrecken, als daß man seine Langzeitfolgen schon in vollem Umfang wahrnehmen konnte, der letzte Absatz seines Berichts (den ich oben wiedergegeben habe) läßt eine erste Ahnung davon aufkommen.

Die nüchterne, distanzierte Sprache, derer sich der Autor bedient, trägt dazu bei, den geschilderten Schrecken beim Lesen viel unmittelbarer zu empfinden als wenn er ihn selbst mit Attributen versehen hätte, durch die er seiner immanenten Eindringlichkeit beraubt worden wäre, auch dafür habe ich oben ein Textbeispiel gegeben.

Hiroshima war in den USA ein großer „Erfolg“, das Heft des New Yorker schnell ausverkauft, viele Nachdruckgenehmigungen wurden erbeten. Wohl zum ersten Mal bekamen die Menschen in den USA eine Ahnung davon, was in Japan geschehen war, was für ein Inferno diese Bombe angerichtet hatte. Die strengen Zensuranweisungen der Militärbehörde sind wohl auch als Zeichen dafür zu nehmen, daß man befürchtete, die Schilderungen der grauenhaften Auwirkung der Bombe könnten die Menschen schockieren und ihren „Widerstand“ wecken.

Es ist unvorstellbar und mit einem vernunftbegabten Hirn nicht nachvollziehbar, daß es auch heute noch Staaten gibt, die sich damit brüsten, neue atomwaffenbestückte Raketen aufzustellen, daß es Staaten gibt, die alles mögliche unternehmen, um in den Besitz dieser Technologie zu kommen, um damit anderen Menschen/Staaten mit der Vernichtung zu drohen. Aber es ist leider nur allzu gut vorstellbar, daß dieser Irrsinn nie aufhören wird. Trotzdem und vielleicht gerade deswegen ist es immer noch und immer wieder wichtig, solche Berichte über den menschengemachten „Weltuntergang“ zu lesen, damit man wenigstens nicht vergisst und weiß, was man anrichtet…. es ist eben doch mehr als eine Rauchwolke, die man auf dem Monitor sieht…

Links und Anmerkungen:

[1] Hier ist das Bild noch einmal in größerem Format zu sehen: https://radiergummi.files.wordpress.com/2015/07/hiro-ny-cover.jpg
[2] Wiki-Beitrag zum Buch (englisch): https://en.wikipedia.org/wiki/Hiroshima_(book)
[
3] die englische Textversion des Buches ist online zugänglich:  https://archive.org/stream/hiroshima035082mbp/hiroshima035082mbp_djvu.txt
[4] Wiki-Beitrag zum Bomber B-29:  https://de.wikipedia.org/wiki/Boeing_B-29
[5] Wer vielleicht selbst meditiert und/oder sich ein wenig im Zen auskennt, dem wird Pater Lasalle, der ebenfalls stark verletzt worden war und im Buch des öfteren erwähnt wird, bekannt sein.
[6] Wiki-Beitrag zum Autoren:  https://de.wikipedia.org/wiki/John_Hersey

Bildquellen[B]:
Cover: http://www.newyorker.com/magazine/1946/08/31/hiroshima
Atompilz: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AAtomic_cloud_over_Nagasaki_from_Koyagi-jima.jpeg; von Hiromichi Matsuda (松田 弘道, ?-1969) [Public domain], via Wikimedia Commons
Bilder der Interviewten: [2]: … this photographic images are considered to be public domain according to article 23 of old copyright law of Japan (English translation) and article 2 of supplemental provision of copyright law of Japan.

Weitere Bücher, die sich mit den Atombombenabwürfen über Japan befassen: https://radiergummi.wordpress.com/category/jahrestag-atombombenabwurf/

im Einzelnen:

Hermann Vinke (Hrsg): Als die erste Atombombe fiel
Karl Bruckner: Sadako will leben
Paul Takashi Nagai: Die Glocken von Nagasaki
Edita Morris: Die Saat von Hiroshima
Edita Morris: Die Blumen von Hiroshima
Masuji Ibuse: Schwarzer Regen

 

John Hersey
Hiroshima
6. 08.1945, 8 Uhr 15
Übersetzt aus dem Englischen von ?
mit einem Vorwort von Robert Jungk
Originalausgabe: Hiroshima, NY, 1946
diese Ausgabe: athenäum, TB, ca. 187 S., 1989

Meine geschätzte Bloggerkollegin Birgit von Sätze&Schätze hatte im letzten Jahr eine „Reihe“ in ihrem Blog gestaltet mit dem Thema: Verschämte Lektüren (die interessanterweise kaum Beiträge enthält mit Büchern, deren man sich früher „schämte“ und sie daher im „Giftschrank“ oder in der zweiten Reihe verwahrte…). Auch ich war eingeladen, dazu einen Beitrag zu schreiben und ich tat es…. und was herausgekommen ist, möchte ich nun, nachdem es bei Birgit ja schon vor längeren online gegangen ist, auch hier (ganz leicht überarbeitet) vorstellen:


scham-alle

Tja, in meiner Jugend Maienblüte, als die Knochen noch kräftig waren, die Gelenke noch geschmiert, hing ich den ostasiatischen Kampfsportarten an. Zum Teil als 2. Dan „Chips- und Bierkonsum“ auf der Couch nach ausreichender Beuteergreifung in der örtlichen Videothek (Stichwort: Bruce Lee, van Damme und Steven Seagal.. und das waren damals noch Kasetten mit Bandsalat…), zum Teil auch im Dojo, wenn man die Turnhalle mal so hochtrabend bezeichnen will. Und dann eben auch literarisch (ähemmm… )…..

Der gute Eric Van Lustbader war einer derjenigen, welcher sich dem Thema scham-4widmete. Vor dem Hintergrund der japanischen Geschichte kombinierte er  in den Geschichte um seinen Protagonisten Nicholas Linnear  Verschwörung, Intrige, Liebe und Habgier zu Geschichten, die ich förmlich verschlungen habe. Ich glaube, wenn es notwendig gewesen wäre, wäre ich auch mit der Taschenlampe unter die Bettdecke gekrochen, aber aus dem Alter war ich dann doch schon ´raus. Mit anderen Worten, es waren total spannende Geschichten, pageturnig geschrieben und mit viel Details zum Thema alte japanische Kultur und Kampfkunst. Zugegeben, die intellektuelle Dimension kam etwas kurz (sag ich jetzt mal so aus der Erinnerung) – obwohl man natürlich nichts über die japanische Kultur erzählen kann, ohne daß hier auch philosophischen Aspekte erwähnt werden. Schaut man sich die Vita des Autoren an, so sieht man, daß er sich auch privat zum Japanischen hingezogen fühlt – unter diesem Aspekt fühlt man sich noch nach Jahrzehnten gleich viel wohler in den Geschichten, liest sie mit ganz ruhigem Gewissen: man hat ja seinerzeit dann doch was für die Bildung getan…..

Lustbader war, wie man an den Bildchen sieht, nicht der einzige, der auf dieser Welle schwomm, was für ihn gesagt, gilt cum grano salis auch für Leute wie Olden, Charney, Bailey, Trevanian – Namen, die mir heute so gar nichts mehr sagen, damals fanden sie natürlich alles Eingang in mein Regal und ihren Platz dort haben sie behauptet… eine Erinnerung an g´schamige Zeiten, literaturmäßig, meine ich….

scham-3

Ja, der Bushido, der Weg des Kriegers. Drunter ging´s damals nicht. War schon irgendwie was besonderes, wenn so ein Samurai sich vor den Augen seines in die Ferne starrenden Daimyō von den Klippen in den Tod stürzte, nur um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß zu Hause das Essen auf dem Tisch steht… ;-). Oder der gute, alte Musashi, der ja mal ganz groß in Mode war. Mit den Esstäbchen flugs die Fliegen im Gleichnamigen fangen und dann auf dem Weg zum Duell in aller Ruhe das Stirnband faltenscham-1. Aber es steckt teils, ernsthaft betrachtet, schon eine Menge Philosophie in diesen Geschichten, eine Philosophie, die unserer westlichen so fern war – und ist. Bei uns im Westen sind seinerzeit ja sogar Managerseminare im Geiste Musashi ausgerichtet worden, das schmale Bändchen neben dem Wälzer bietet dazu ein Konzentrat. (Ach ja, wer noch mehr verschämte Literatur entdecken sollte auf diesem Bildchen: alles nur Einbildung, in Wahrheit alles hochgeistig! Hinter dem Schutzumschlag muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.)

Tja, das war schon Äktschn pur. Fliegende Ninja, die durch Strohhalme atmend am Grunde des See überdauerten, bis ihr Einsatz kam. Sollte man mal probieren, so durch einen Strohhalm atmen. Fühlt sich nicht so sehr nach Ninja an, eher nach Mensch mit akuter Atemnot. Von daher sehr lehrhaft. Überhaupt war Tod, töten und sterben ein Hauptthema der Romane. Aber immer mit Stil. Da gab´s auch schon mal einen Dolch in den eigenen Bauch, um so etwas wie seine Ehre zu retten. Seppuku nannte sich das dann und war dem Fremden völlig unverständlich. Und dem gemeinen Volk, dem, das auch noch arbeitete, wurde schon gerne mal auf´s Haupt gehauen oder auch selbiges gleich ganz ab. Und´s Weibervolk: entweder Engel oder Teufel, Miko halt…mit allen Wassern (ausser Weihwasser) gewaschen, aber am Ende doch immer auf der Verliererstraße…

Hat irgendjemand, der schon lange genug auf diesem Erdenrund weilt, eigentlich den Shogun damals nicht gesehen? Richard Chamberlain alias Anjin-san und Fürst Toranaga mit der kehligen Aussprache? Ach, was zitterte man im Geheimen mit, wenn die mandscham-2eläugige Schöne (leider verheiratet) und der langnasige Fremde die Schmetterlinge im Bauch flattern fühlten… na ja, schließlich wurde John Blackthorne dann sozusagen Ehren-Samurai, samurai-iger als die Samurais. War eh klar. Wieso muss ich jetzt an die Dornenvögel denken?

Wirklich viel weiß ich natürlich nicht mehr von diesen Romanen, die ich einmal verschlungen habe. Aber ich schätze mal, das muss ich auch nicht wirklich bedauern, war halt so ´ne Periode in meiner geistig-moralischen Entwicklung, durch die ich durch musste. :-) Und wenn ich mich in meinem Text so ein wenig lustig gemacht habe, ist das nicht allzu ernst zu nehmen, die japanische Hochkultur ist faszinierend, sie imponiert mir immer noch. Aber sie ist eben auch nur eine Facette des Landes, von den anderen hört man eher weniger und was man hört, ist nicht so glanzvoll….

Links und Anmerkungen:

.. gibt´s heute nicht, いいえ  いいえ . Oder doch, eine: auch in Savannah/Georgia gab´s mal einen Samurai. Aber da war alles ganz anders…. und wie, das lese ich gerade… ;-).
und hier geht´s jetzt zu den gesammlten verschämten lektüren bei birgit. also doch noch ein link… ;-)
Verschämte Lektürenhttp://saetzeundschaetze.com/category/lesezeichen/verschamte-lekturen/

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