Am Achten bin ich wieder nach Hiroshima gegangen,
aber ich habe keine Leiche gefunden,
die meinem Mann ähnlich sah.

(Kirio Yae)

Blitz

Wenn man es jetzt nicht aufschreibt…. vor fast genau fünfunddreißig Jahre schrieb Mikio Kanda diesen Satz in sein Nachwort zu seiner Sammlung der Lebensläufe von Frauen, denen der Atombombenabwurf von Hiroshim am 6. August 1845, heute vor 71 Jahren, den Mann geraubt hatte.

Neunzehn Lebensläufe von neunzehn Witwen aus einem Dorf nahe bei Hiroshima – sie werden mittlerweile, noch einmal fünfunddreißig Jahre später, gestorben sein, so wie auch viele ihre Kinder schon tot sein werden. Um so dringlicher diesen Jahrestag nicht zu vergessen, stetig an ihn zu erinnern – gerade in den Zeiten, in denen wie jetzt die Aggressions- und Gewaltbereitschaft in der Welt zuzunehmen und die Möglichkeit eines Krieges wieder zu einer politischen Kategorie zu werden scheint.

Mitte 1980 fasste der japanische Autor Mikio Kanda den Entschluss, das Schicksal dieser Witwen aufzuzeichnen. Sie alle eint ein Schicksal: am Morgen des 6. August verließen ihre Männer das Dorf Kawauchi-Nukui, wenige Kilometer von Hiroshima entfernt, zu einem Arbeitseinsatz in der Stadt. Die Frauen blieben zurück im Dorf, es schien ein ganz normaler Tag zu werden, sie machten Frühstück, sorgten für ihre (teilweise vielen) Kinder und bereiteten sich auf die Feldarbeit vor. Das Dorf und seine Bewohner waren arm, die meisten Familien bewirtschafteten etwas Feld und bauten dort Gemüse an. Oft war der Boden für Reis zu arm, dann wurde auf Gerste ausgewichen, ansonsten baute man Zwiebeln an, Hirse oder Hanf, es gab Versuche mit Seidenraupen. Morgens um 1 Uhr bin ich aufgestanden, erinnert sich Tade Kinuyo, habe den Imbißkasten für Frühstück und Mittagessen vorbereitet und meinen Mann auf den Weg geschickt. Auf dem Markt hat er dann das Frühstück  verzehrt. Wenn er am Nachmittag der Südwind wehte, brachte er Fäkalien (mit denen die Felder gedüngt wurden) mit dem dem Boot heim …. Beim Gemüse,  fiel nicht viel Gewinn ab. …. Das Essen war ärmlich: Reis, mit viel Gerste gemischt.

Mikio Kanda wollte nicht nur die Ereignisse und das Erleben der Frauen an diesem einen Tag dokumentieren, ihm ging es darum, das gesamte Leben der Witwen zu erfassen. Es war für diese Frauen eine große Wertschätzung: zum ersten Mal überhaupt fragte jemand nach ihrem Leben, ihren Gefühlen, waren sie für jemand anderes interessant. Herausgekommen aus diesen Aufzeichnungen ist eine Sammlung sich oft ähnelnder Schicksale, in die sich die Ereignisse des 6. August brutal festgeschrieben haben.

Die meisten der Frauen waren in der ersten Dekade des letzten Jahrhunderts geboren worden, viele wurden in arrangierten Ehen in das Dorf verheiratet. Der Ort hatte damals cirka zweitausend Einwohner, er galt als arm, das Leben dort als schwer und arbeitsreich…. Im Sommer 1945 wurde in Erwartung des Entscheidungskampfes eine ‚Freiwilligen-Einheit‘ ins Leben gerufen, zu der alle Männer zwischen sechzehn und sechzig und alle Frauen bis vierzig (hier macht der Herausgeber in seinem Vorwort keine Angabe einer Untergrenze) mit Ausnahme der Mütter mit Kindern, die jünger als drei Jahre alt waren, angehörten. Am 6. August gingen 191 Bewohner des Ortes nach Hiroshima, um dort Abrissarbeiten für Brandschneisen vorzunehmen.


Ich war gerade mit dem Ausdünnen (der Hirse auf dem Feld) beschäftigt,
da gab´s einen Blitz. Ich dachte, die Sonne ist runtergefallen. …
(Monzen Tsuruyo)

In diesem Moment gab es einen weißen Lichtschein und vor dem Haus ist es ganz hell geworden, und dann ist ein Donner gekommen wie bei einem Erdbeben. .. Als ich flußabwärts nach Hiroshima blickte, war´s dort blutrot. … Eine Qualmwolke wie ein Feuerball steigt auf und breitete sich nach Norden aus. …
(Dobara Shinayo)

Damals gab´s einen lauten, dumpfen Knall und am südlichen Himmel steigt ein schwarze Wolke auf. Die Schiebetüren wurden umgeworfen
und die Zimmerdecke wurde hochgedrückt. ….
(Ryoso Shizuko)

Als die Sonne schon ziemlich hoch stand, gab es einen dumpfen Knall und wir haben uns vor Schreck flach auf die Erde geworfen. Als ich aufblickte, stieg am Himmel über Hiroshima ein weißer Klumpen auf. …. Da sah ich zufällig, wie das Bambuswäldchen von Jonan seitwärts niedergedrückt war und lfach lag.  …. Als wir heimkamen, sah das Haus schlimm aus. Die Schiebetüren waren alle aus ihren Schienen gerissen. Die Zimmerdecke war hochgedrückt worden und Ruß vom Dach lag auf allen Sachen. … (Yokochi Toshiko)


Manche der Frauen wussten intuitiv, daß dies niemand, der in der Nähe der Explosion war, überleben konnte, auch über den Dorflautsprecher wurde bekannt gegeben: „Die ganze Freiwilligen-Einheit ist umgekommen.“ Verletzte, die aus Hiroshima kamen, sagten: „In Hiroshima ist es schrecklich, geht nicht hin!“. Der Mann von Yokochi Toshiko beispielsweise wurde am Abend noch lebend mit einem Boot ins Dorf gebracht: Wegen der Brandwunden waren Gesicht und Körper angeschwollen. Die Augenlider waren umgestülpt, die Haut auf den Armen hatte sich gelöst und hing in Fetzen herab. Er trug nur eine Unterhose. Hemd und Hose waren verbrannt. Sonst war er nackt. … Alle Haare, die offen gelegen hatten, waren verbrannt….  Er verstarb in der Nacht. Später habe ich gedacht: Mein Mann ist trotz der Verbrennungen lebend heim gekommen; wir haben noch miteinander sprechen können; in anderen Familien ist keine Leiche, ist nichts heimgekommen; viele Leute haben rein gar nichts mehr gesehen von ihren Angehörigen; ich habe ihn nach Hause getragen, ihn gepflegt, ihm den letzten Trunk geben können; ich bin ein glücklicher Mensch, habe ich gedacht. 

Daß einer der Freiwilligen noch lebend nach Hause kam, war die absolute Ausnahme. Wie es Yokochi Toshiko sagte, wurde von vielen Menschen überhaupt nichts mehr gefunden, andere wiederum mussten lange suchen, vielen Gerüchten nachgehen, daß an diesem oder jenem Ort Menschen aus dem Dorf wären: Als ich zum Tempelweg kam, habe ich unwillkürlich mit lauter Stimme: „Das ist Vater!“ gerufen. Auf der rechten Seite, die zweigte Leiche, das war Vater. Er lag da, mit einer Strohmatte zugedeckt. Ich habe die Matte zur Seite getan und ihn angesehen. Ich habe nur : „Wie siehst du aus!“ gesagt und habe sein Gesicht in die Hände genommen. Er war mit Brandwunden übersät: Wie ein gehäuteter Spatz sah er aus, das Fleisch rot aufgequollen. Das Gesicht war unverletzt, es hatte einen milden Ausdruck. Sugita Chiyoko hatte ihren mit der Matte zugedeckten Mann an seinen Füßen erkannt.

Am nächsten Tag, erinnert sich Takasaki Haru, bin ich meinen Mann suchen gegangen. Unterwegs habe ich Menschen gesehen, die wie Gespenster dahergingen. Und am Wegrand lagen überall schwarzgebrannte Leichen. Sie waren alles aufgequollen und sahen aus wie die großen Wächterfiguren am Tempeleingang. …. Auch nach drei oder vier Tagen Suche habe ich meinen Mann nicht gefunden. Er war wohl zum Fluß geflohen und die Leiche war mit der abziehenden Flut ins Meer hinausgetrieben….

So oder so ähnlich erging es den meisten der im Dorf zurückgebliebenen Frauen: Sie hatten ihren Mann verloren, wenn sie seine Leiche nicht gefunden hatten, konnte keine Begräbnisfeier abgehalten werden: Ich hatte nichts zu verbrennen. (Takasaki Haru). Später wurde dann ein Witwenvereinigung gegründet, in dem sich die Witwen in gegenseitiger Unterstützung organisierten. Über diesen Verein wurden dann auch Gedenkfeiern für die Toten abgehalten. Da die Atombombe unser Leben völlig verändert hatte und wir alle vom gleichen Schicksal betroffen waren, wir wir uns gegenseitig gestützt und ermuntert. Wir alle haben Landwirtschaft getrieben, so haben wir´s irgendwie geschafft. Heute sind wir alle glücklich. …  (Takasaki Haru).

Das Leben, das trotz allem weiterging, weitergehen musste, musste organisiert werden. Viele der Kinder, die zur Zeit des Atombombenabwurfs in der Schule waren, kamen verletzt und verwundet nach Hause, sie mussten versorgt werden. Es musste Essen organisiert werden, auch die Feldarbeit war weiterhin zu leisten – allein, ohne die Hilfe des Mannes: Etwa zehn Jahr lang mußte ich als Frau die Arbeit eines Mannes leisten. (Nomura Masako). Manche der Frauen verdingten sich als Tagelöhner: …. Aber weil ich schon fünfzig war, habe ich nicht den vollen Tagessatz bekommen. (Momoki Tamano). Da Kleinkinder nicht ohne Aufsicht zurückgelassen werden konnten, wussten sich Frauen manchmal nicht anders zu helfen, als das Kind am Morgen an einem Pfahl anzubinden und es am Abend, nach der Arbeit, wieder abzuholen….. Zudem litten auch einige der Frauen selbst unter der Strahlenkrankheit, verspürten eine Müdigkeit und Mattigkeit, gegen die sie permanent ankämpfen mussten…


Es waren einfache Menschen in diesem Ort, die von einem für sie unerklärlichen Schicksalsschlag getroffen worden waren, der ihr Leben in den Grundfesten erschüttert hatte. Ein Leben, das erst einmal auf das Elementarste reduziert worden war: wo konnten sie schlafen, wo bekamen sie Essen her, woher die Hilfe, die sie brauchten? Sie suchten die Leichname ihrer toten Familienangehörigen, um sie der Tradition gemäß bestatten zu können, oft suchten sie vergeblich. Bald ging es wieder auf die Felder, wer konnte den Dünger aus der Stadt bringen…. Viele der Frauen zogen später zu den Familien der Töchter oder Söhne, lebten und arbeiteten dort.

Kandas Sammlung von Lebensläufen ragt über viele andere Atombombenliteratur hinaus. Während diese meist mit dem Abwurf (und eventuell einer geringen Vorgeschichte) einsetzt und sich auf die Ereignisse danach konzentriert, war es Kandas ausgesprochenes Motiv, die Lebensläufe der Witwen zu dokumentieren. Somit erlaubt die Textsammlung einen Einblick in das Leben der japanischen Landbevölkerung zu Anfang des letzten Jahrhunderts, eines Lebens, das durch Arbeit charakterisiert war, durch Not auch und Mangel, jedenfalls nur in seltenen Fällen durch Überfluß. Der Krieg und dann vor allem der Abwurf der Atombombe beendete diese Art des Lebens, alles wurde auf den Kopf gestellt und musste sich neu finden. Trotzdem, und dies liegt in der Beharrlichkeit bäuerlichen Lebens, blieb eine Konstante: die Arbeit draußen auf dem Acker, auf dem Feld, das Säen, das Unkrautjäten, das Düngen, die Ernte. Dies alles erdet die Menschen, macht sie bodenständig und hilft ihnen, mit Katastrophen umzugehen – mag sein, auch damals, in der Zeit nach dem 6. August.


In Ehrfurcht den Seelen der Mitglieder der Freiwilligen-Einheit gewidmet.

Die Witwen des Ortes haben sich einen eigenen Gedenkplatz für die Toten geschaffen, er trägt auf der Rückseite die Namen der durch die Atombombe Umgekommenen. Es sind hundertachtzig Menschen. Vierundachtzig aus Kami-Nukui, sechsundvierzig aus naka-Nukui, fünfzig aus Shimo-Nukui. Vierundneunzig waren Männer, sechsundachtzig Frauen. 

Hier trafen sich die Frauen am 6. August jeden Jahres, sie gingen nicht nach Hiroshima auf die offizielle Gedenkfeier, die ihnen zu laut war, sie wollten still für ihre Toten beten. Es ist eine traurig und auch wütend machende Szene, die Kanda schildert, als er beschreibt, wie bei einer dieser Gedenkfeiern der Konvoi des Ministerpräsidenten auf der Rückfahrt von Hiroshima ohne Rücksicht auf die Witwen mitten durch deren Veranstaltung fährt….


Weitere Bücher, die sich mit den Atombombenabwürfen über Japan befassen: https://radiergummi.wordpress.com/category/jahrestag-atombombenabwurf/

im Einzelnen:

Hermann Vinke (Hrsg): Als die erste Atombombe fiel
Karl Bruckner: Sadako will leben
Paul Takashi Nagai: Die Glocken von Nagasaki
Edita Morris: Die Saat von Hiroshima
Edita Morris: Die Blumen von Hiroshima
Masuji Ibuse: Schwarzer Regen
John Hersey: Hiroshima

Mikio Kanda (Hrsg)
Der Blitz über dem Reisfeld
Witwen aus einem Dorf bei Hiroshima berichten

Aus dem Japanischen übersetzt von 
Originalausgabe: Genbaku ni otto wo uwaqarete, Tokio 1982
diese Ausgabe: dtv (Reihe: zeugen und zeugnisse), TB, ca. 226 S., 1985

John Hersey: Hiroshima

6. August 2015

Cover der Zeitschrift: The New Yorker vom August 1946  Bildquelle: [B]

Cover der Zeitschrift: „The New Yorker“ vom August 1946
Bildquelle: [B]

Ein typisches Sommerbild mit sich entspannenden, relaxenden, ihre Freizeit geniessenden Menschen in einem Park [1], doch wenn man sich das Bild in größerem Format ansehen will und auf die Vorschau klickt, wird es einem so gehen wie 1946 den Lesern der Zeitschrift: man wird schockiert sein….

Wie Hersey in seinem Vorwort erklärt, war man in der Redaktion kurzfristig zu der Entscheidung gekommen, die als Fortsetzung geplante Reportage über Hiroshima als Ganzes in einem Heft zu drucken, zu kurzfristig, um das Cover noch an das Thema anpassen zu können..

Und in einem gewissen Sinn passt das Cover dann doch auf die Situation: zwar war in Japan ein Jahr zuvor keine Freizeitstimmung angesagt, aber bis auf die allgemeine Spannung durch den Krieg und die besondere Situation Hiroshimas, das bis dato noch nicht angegriffen worden war und man daher jederzeit mit Bombenangriffe rechnete, war man in der Stadt völlig ahnungslos, zumal es kurz vor acht Uhr Ortszeit noch Entwarnung gegeben hatte. In den Straßen herrschte also das „normale“ Leben, die Menschen frühstückten, machten sich für die Arbeit fertig, waren auf dem Weg zum Einkaufen….

Der Journalist John Hersey [6] fuhr im August 1946, also ein Jahr nach dem Abwurf der Atombombe über Hiroshima im Auftrag des amerikanischen Magazins The New Yorker nach Japan, um über dieses Ereignis und dessen Folgen zu berichten. Das war nicht ganz einfach, denn die amerikanischen Militärbehörden hatten schon ab September 1945 Publikationsverbote verhängt (die immer wieder verschärft wurden), mit dem die Berichterstattung in Wort und Bild über die Folgen des Atombombeneinsatzes verhindert werden sollte. Im Dezember des Jahres erging sogar die Verfügung, alles schon gedrehte Material von z.B. Wochenschauen bei den amerikanischen Behörden abzuliefern. Wie man sich denken kann, wurde dieser Aufforderung nur unvollständig nachgekommen. In seinem Vorwort schildert Robert Jungk die sich aus dieser Geheimhaltungsabsicht der Amerikaner ergebenen Probleme, vor Ort über das Geschehen(e) zu recherchieren.

Es gelang John Hersey sechs Personen zu finden und zu interviewen, die den Abwurf der Bombe über Hiroshima überlebten. Es sind ganz unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Bevölkerungskreisen:

Reverend Mr. Kiyoshi Tanimoto

Pastor (Methodist) Kiyoshi Tanimoto

Mrs. Hatsuyo Nakamura

Mrs. Hatsuyo Nakamura; Hausfrau, Schneiderin

Dr. Masakazu Fujii

Dr. Masakazu Fujii, Arzt mit einer Privatklinik

Father Wilhelm Kleinsorge (Makoto Takakura)

Pater (SJ) Wilhelm Kleinsorge (Makoto Takakura)

Dr. Terufumi Sasaki, Arzt am Rot-Kreuz-Hospital

Dr. Terufumi Sasaki, Arzt am Rot-Kreuz-Hospital

Miss Toshiko Sasaki (Sister Dominique Sasaki)

Miss Toshiko Sasaki (Sister Dominique Sasaki), Beamtin einer Behörde

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

John Hersey stellt uns diese Menschen, die stellvertretend für alle Überlebenden stehen, vor, schildert uns kurz ihre Lebenssituationen, auch ihre Wesensart und beschreibt, wo sie sich zum Zeitpunkt der Zündung der Bombe befanden. In [2, 3] ist dies nachzulesen, so daß ich hier auf Einzelheiten verzichte.

Die Grundstimmung in Hiroshima war in diesen Tagen voll ängstlicher Erwartung. Die Stadt war bislang noch kein Ziel der gefürchteten „Mr. B“`s, der B-29, die in den gefürchteten nächtlichen Flächenbombardement einen Großteil der japanischen Rüstungsindustrie zerstört hatten – aber auch in den brandgefährdeten Städten Feuerstürme erzeugten, in denen -zig Tausende von Menschen starben [4]. An diesem speziellen Morgen war die Lage entspannter, kurz von acht Uhr hat es Entwarnung gegeben, so daß die Menschen anfingen, ihrem Tagewerk nachzugehen. Der einzelnen Maschine, die am Himmel erschien, schenkte man nicht viel Beachtung.

Da zerriß ein grauenvoller Lichtblitz den Himmel. … Es war … ein flammendes Stück Sonne. …

Im Bruchteil einer Sekunde blendete das gleißende Licht die Menschen, ein ungeheurer Knall erfüllte die Luft und die Druck- und Sogwelle riss in weitem Umkreis fast alles nieder. Die  Überlebenden fassten das Geschehen nicht, glaubten im ersten Moment an einen direkten Bombentreffer, sie sahen sich verletzt, verschüttet, unter Balken begraben, hörten Hilfeschreie von Nachbarn, der eigenen Kinder, die von tief unten aus den Trümmern drangen…. man versuchte zu helfen, buddelte in der Trümmerschicht, zog und zerrte an den verschütteten Leibern. Auf den Straßen waren Verletzte zu sehen, Menschen mit großflächigen Wunden, mit verbrannter Haut…

Langsam registrierte man, wie groß der Schaden war. Nicht nur das eigene Haus, auch das Haus des Nachbarn war zerstört, alle Häuser in der Straße waren zerstört, alle Häuser im Viertel lagen in Trümmern, fast alle Gebäude der Stadt lagen in Schutt und Asche. Was konnte das für eine fürchterliche Waffe gewesen sein? Spekulationen gab es zuhauf…

Bei dem Angriff waren fast alle Ärzte der Stadt und Krankenschwestern gestorben, die Hospitäler zerstört, es herrschte das Chaos. Verwundete schleppten sich in die Krankenhäuser, in denen sich bald auf den Fluren die Toten stapelten. Kaum war eine auch nur rudimentäre Versorgung der Verletzten möglich, die wenigen Ärzte wie Dr. Sasaki arbeiteten unter eigener körperlicher Erschöpfung förmlich bis zum Umfallen – und hörten auch dann noch nicht auf.

Die, die noch mobil waren, suchten nach ihren Verwandten, die unter Umständen früh am Morgen auf die Arbeit gegangen waren… Scharen von Menschen strömten durch die Straßen, die nicht mehr zu erkennen waren. Man sammelte sich und die Verwundeten in Parks, am Fluss… Wasser, Wasser: der Durst der Menschen konnte kaum gelöscht werden, da die Wasserleitungen fast alle zerstört waren… Verletzte, die am Flussufer lagerten, mussten an andere Orte gebracht werden, die Flut… nicht immer gelang es, sie hoch genug zu lagern… immer deutlicher wurde, welch furchtbare Verletzungen und Verwundungen die Bombe bewirkt hatte… auf der Landzunge fand Tanimoto ungefähr zwanzig Frauen und Männer.  Er fuhr mit dem Kahn auf den Strand auf und forderte sie auf, einzusteigen. Keiner rührte sich und es wurde ihm klar, daß sie zu schwach waren. … Dann stieg er aus dem Wasser hinaus und hob … einige Männer und Frauen, alle nackt, in sein Boot. Rücken und Brust dieser Menschen waren klebrig und er erinnerte sich mit Schaudern, wie die großen Verbrennungen, die er tagsüber beobachtet hatte, aussahen: erst gelb, dann rot und angeschwollen wobei die Haut sich abschälte, und schließlich abends vereitert und übelriechend.

Man versuchte, die Stadt zu verlassen, in Außenbezirke zu kommen, die möglicherweise unzerstört geblieben waren, wo man Hilfe bekommen konnte… [5]

Nach ein paar Tagen drang das Gerücht durch, in Nagasaki wäre noch eine ähnliche Bombe geworfen worden…. der Tenno im Radio, unfassbar für die Menschen, daß der Kaiser direkt zu seinem Volk sprechen sollte… die Niederlage wird eingestanden.

Noch ein paar Tage danach zeigte sich ein bis dato unbekanntes Phänomen: Wunden, die angefangen hatten, abzuheilen, wurden auf einmal wieder rot, schwollen an und sonderten Sekret ab. Beim Kämmen fielen Haare büschelweise aus, in den Schleimhäuten waren Einblutungen festzustellen… manche der Symptome waren denen ähnlich, die bei einer Überdosis von Röntgenstrahlen auftraten… diese neuen Wunden der „Strahlenkrankheit“ heilten kaum ab….

Ein Jahr nach dem Abwurf der Atombombe war Fräulein Sasaki ein Krüppel, Frau Nakamura aller Mittel entblößt; Pater Kleinsorge wieder im Spital, Dr. Sasaki war nicht im Stande, wieder die Arbeit zu leisten, die er früher geleistet hatte, Dr. Fuji hatte die Privatklinik mit dreissig Zimmern verloren, ein Besitz, dessen Erwerb ihn viele Jahre gekostet hatte und den wieder aufzubauen er keine Aussicht hatte; Tanimotos Kirche war zerstört und er besaß nicht mehr seine außerordentliche Vitalität. …


Was Herseys Reportage auszeichnet, ist die zeitliche Nähe zu dem Abwurf der Atombombe(n). Natürlich gibt es viele Berichte, erschütternde Berichte, über die Zerstörung Hiroshimas, über die Qualen, die die Menschen erlitten haben, erleiden mussten, auch über die Langzeitfolgen, die die bis dato noch unbekannte „Strahlenkrankheit“ bedingte. Auch unter dem gesellschaftlich-sozialen Gesichtspunkt war diese ungeheure Aktion bedeutend: war man Opfer der Explosion oder wurde auch nur bekannt, daß man zu dieser Zeit in Hiroshima lebte, war man geächtet als Träger der Strahlenkrankheit, als schwächlich, weil Opfer und Geschädigter. Damit fiel man aus dem Wertekanon der japanischen Gesellschaft hinaus. Es hat lange gedauert, bis die Opfer des Atombombenabwurfs ihre Würdigung erfahren haben.

In Herseys Reportage ist davon erst ansatzweise zu spüren. Zu nahe war man noch am Schrecken, als daß man seine Langzeitfolgen schon in vollem Umfang wahrnehmen konnte, der letzte Absatz seines Berichts (den ich oben wiedergegeben habe) läßt eine erste Ahnung davon aufkommen.

Die nüchterne, distanzierte Sprache, derer sich der Autor bedient, trägt dazu bei, den geschilderten Schrecken beim Lesen viel unmittelbarer zu empfinden als wenn er ihn selbst mit Attributen versehen hätte, durch die er seiner immanenten Eindringlichkeit beraubt worden wäre, auch dafür habe ich oben ein Textbeispiel gegeben.

Hiroshima war in den USA ein großer „Erfolg“, das Heft des New Yorker schnell ausverkauft, viele Nachdruckgenehmigungen wurden erbeten. Wohl zum ersten Mal bekamen die Menschen in den USA eine Ahnung davon, was in Japan geschehen war, was für ein Inferno diese Bombe angerichtet hatte. Die strengen Zensuranweisungen der Militärbehörde sind wohl auch als Zeichen dafür zu nehmen, daß man befürchtete, die Schilderungen der grauenhaften Auwirkung der Bombe könnten die Menschen schockieren und ihren „Widerstand“ wecken.

Es ist unvorstellbar und mit einem vernunftbegabten Hirn nicht nachvollziehbar, daß es auch heute noch Staaten gibt, die sich damit brüsten, neue atomwaffenbestückte Raketen aufzustellen, daß es Staaten gibt, die alles mögliche unternehmen, um in den Besitz dieser Technologie zu kommen, um damit anderen Menschen/Staaten mit der Vernichtung zu drohen. Aber es ist leider nur allzu gut vorstellbar, daß dieser Irrsinn nie aufhören wird. Trotzdem und vielleicht gerade deswegen ist es immer noch und immer wieder wichtig, solche Berichte über den menschengemachten „Weltuntergang“ zu lesen, damit man wenigstens nicht vergisst und weiß, was man anrichtet…. es ist eben doch mehr als eine Rauchwolke, die man auf dem Monitor sieht…

Links und Anmerkungen:

[1] Hier ist das Bild noch einmal in größerem Format zu sehen: https://radiergummi.files.wordpress.com/2015/07/hiro-ny-cover.jpg
[2] Wiki-Beitrag zum Buch (englisch): https://en.wikipedia.org/wiki/Hiroshima_(book)
[
3] die englische Textversion des Buches ist online zugänglich:  https://archive.org/stream/hiroshima035082mbp/hiroshima035082mbp_djvu.txt
[4] Wiki-Beitrag zum Bomber B-29:  https://de.wikipedia.org/wiki/Boeing_B-29
[5] Wer vielleicht selbst meditiert und/oder sich ein wenig im Zen auskennt, dem wird Pater Lasalle, der ebenfalls stark verletzt worden war und im Buch des öfteren erwähnt wird, bekannt sein.
[6] Wiki-Beitrag zum Autoren:  https://de.wikipedia.org/wiki/John_Hersey

Bildquellen[B]:
Cover: http://www.newyorker.com/magazine/1946/08/31/hiroshima
Atompilz: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AAtomic_cloud_over_Nagasaki_from_Koyagi-jima.jpeg; von Hiromichi Matsuda (松田 弘道, ?-1969) [Public domain], via Wikimedia Commons
Bilder der Interviewten: [2]: … this photographic images are considered to be public domain according to article 23 of old copyright law of Japan (English translation) and article 2 of supplemental provision of copyright law of Japan.

Weitere Bücher, die sich mit den Atombombenabwürfen über Japan befassen: https://radiergummi.wordpress.com/category/jahrestag-atombombenabwurf/

im Einzelnen:

Hermann Vinke (Hrsg): Als die erste Atombombe fiel
Karl Bruckner: Sadako will leben
Paul Takashi Nagai: Die Glocken von Nagasaki
Edita Morris: Die Saat von Hiroshima
Edita Morris: Die Blumen von Hiroshima
Masuji Ibuse: Schwarzer Regen

 

John Hersey
Hiroshima
6. 08.1945, 8 Uhr 15
Übersetzt aus dem Englischen von ?
mit einem Vorwort von Robert Jungk
Originalausgabe: Hiroshima, NY, 1946
diese Ausgabe: athenäum, TB, ca. 187 S., 1989

Der Betroffene kann so viel abbekommen, daß er sofort stirbt“, erklärte Groves, „oder er bekommt weniger ab, woran er immer noch relativ schnell stirbt, ohne unnötig lange zu leiden. Dies sagen die Ärzte, und sie sagen sogar, es sei eine sehr angenehme Art zu sterben.“ [3]

Die Hauptpersonen des Romans, Yuka, Ohatsu und Sam, sind uns schon vom ersten Band, den „Blumen von Hiroshima“ bekannt. Seit damals ist einige Zeit vergangen, und Morris schildert hier das weitere Schicksal, da ihrer harrt und das exemplarisch ist für das Schicksal vieler Hiroshimaner…..

Es ist eine kleine bzw. (wie es im Buch steht) „..zart verhaltene Erzählung..“, aus dem Leben zweier junger Menschen im Nachkriegsjapan. Das Grauen lebt zwischen den Zeilen, die eine sehr ruhige, poetische Sprache sprechen. Ja, Tanso, der begabte Maler trägt Fäustlinge, man wundert sich ein wenig darüber, er bindet sich den Pinsel an diese Fäustlinge. Irgendwo wird dann beiläufig erwähnt, daß die Hände nur Krallen sind… Yuka freut sich so sehr über die Armreifen, die sie von ihrem amerikanischen Freund Sam geschenkt bekommt. Sie sind so schön. Und sie verdecken die Narben an ihren Gelenken. Ohatsu, die Imoto-san (Jüngere Schwester), ist schwanger, sie und ihr Mann freuen sich so sehr auf das Kind, das selbstverständlich ein Junge ist, damit die Ahnen zufrieden sind. Hiroo hat Ohatsu seinerzeit gegen den Willen der Eltern geheiratet [4], so groß war seine Liebe zu ihr.

Yukas Tage sind durch zwei Ereignisse geprägt, sie fährt mit der Bahn nach Tokio, um dort auf einer der großen Friedensdemonstrationen gegen den Krieg, gegen die Atombomben, teilzunehmen. Und Sam, ihr Freund aus Amerika, kommt nach Japan, sie zu besuchen. Sam, auch er ein Kämpfer gegen die Bombe, mit seiner ganz anderen, unjapanischen Art, die sie manchmal so in Verlegenheit bringt, Sam, den sie liebt und von dem sie geliebt wird….

Ein Telefonanruf ruft sie dringend nach Hause zurück. Sie ahnt ein großes Unglück… wie groß, ist für sie noch nicht fassbar…

Drei Themen beherrschen das Büchlein, zum einen der friedensbewegte Widerstand vieler Japaner gegen den Krieg im Allgemeinen (eine der Figuren im Buch schlägt vor, das Wort „Krieg“ durch das Wort „Endleben“ (weil im Krieg das Leben endet) zu ersetzen), der gesellschaftliche Konflikt, der in Japan durch den Kontakt mit Ausländern, Amerikanern, aufbricht und als alles beherrschendes Thema natürlich die Spätschäden durch die Verstrahlung, die aufgehende „Saat von Hiroshima“ eben.

Die genaue Zahl der Opfer wird nie zu ermitteln sein, es ist im Grunde auch egal, wieviel Hunderttausend Menschen direkt oder indirekt zu den Opfern gezählt werden müssen. Unendliches Leid haben die Abwürfe (man darf den von Nagasaki ja nicht vergessen) über die Betroffenen gebracht, über lange Jahre gebracht. Denn auch die japanische Gesellschaft hat eigentlich jämmerlich versagt. Yuka zum Beispiel besucht ihre alte Nachbarin Kamei-San, die weggezogen ist. Sie lebt jetzt in einer Art Ghetto, in das sich normalerweise niemand hin verirrt, „… ihre Behausung kann noch nicht einmal eine Hütte genannt werden. …„. Kostenlose medizinische Versorgung für Strahlenopfer wurde erst 1968 eingeführt, wieviele mögen bis dahin schon gestorben sein. Die japanische Gesellschaft mit ihren starren Strukturen wird die meisten der Opfer (so eine Vermutung von mir) ausgegrenzt, isoliert haben…

[1] Chronik „Von der Entdeckung des Uran bis zum Ende des Kalten Krieges
[2] Andreas C. Knigge: „Barfuß durch Hiroshima
[3] Diese ungeheure, menschenverachtende General Groves, des militärischen Leiters des Manhatten-Projects, zitiere ich aus dieser Quelle
[4] vgl. dazu den Roman von Ibuse: „Schwarzer Regen

Edita Morris
Die Saat von Hiroshima
Süddeutscher Verlag, 1965, HC, 165 S.

Die 31jährige Yuka Nakamura lebt mit ihrem Mann Fumio, ihren zwei Kindern und ihrer kleineren Schwester Ohatsu in einem kleinen, ärmlichen Haus in Hiroshima. Momentan ist sie sehr glücklich, da es ihr gelungen ist, ein Zimmer (oder genauer: einen Teil eines Zimmers) an einen „Hero-san“ zu vermieten. Damit hofft sie, ihre schmale Haushaltskasse aufbessern zu können.

Morris schildert Yuka und ihre Gefühle und Gedanken in einer sehr poetischen, feinfühligen Art und Weise. Man spürt in ihren Worten, daß Yuka und die ihren ein tiefes Geheimnis umgibt, das sie aber – den japanischen Sitten gemäß – nicht preisgeben will, für sich behält. Ebenso verhält sie sich bei Sam-san, den neuen Mieter, einen jungen Amerikaner, der zwar laut und unjapanisch direkt ist, der ihr aber trotzdem sofort sympathisch ist, da er sowohl einen jungenhaften Charme, aber auch große Sensibilität offenbart.

Kleine Risse zeigen sich im Bild, das Yuka aufrecht zu halten versucht. Sie muss die alten Nachbarinnen zur Toilette begleiten, in der Praxis ist das ein verwildertes Baugrundstück. Die „Straße“, an der das Haus ist, ist völlig marode. Eines Abends treffen Yuka und Sam, als sie aus der Stadt zurück ins Haus kommen, einen Bekannten von Yuka, Maeda-San und einige Freundinnen. Maeda ist gezeichnet und im Gegensatz zu Yuka macht er kein Geheimnis aus dem, was Yuka bislang mit allen Kräften zu verheimlichen versuchte:

„Wir hier – Yuka-san und ich und diese Damen – nur fünf von hundertausend Überlebenden der Atombombe. Viele von uns fürchterlich verbrannt, nicht zu reden von noch schlimmeren Schäden innerlich. Das ist Grund, warum gesunde Hiroshimaner, die meisten erst nach dem Krieg herhergekommen, uns meiden. Sie sagen Puh! wenn sehen unserer fingerdicken Narben, scheußliche Geschwülste. Nicht wünschen nackte Körper von Atombomben-Überlebenden im Bad sehen. … Ah, mein Freund, Harada-san hat Schreckliches durchgemacht! Hatte schöne Schule für Blumenarrangement – verlor sie. Hatte schöne Söhne – verlor sie. Verlor Gatten, verlor Gesundheit, verlor Schönheit in einer Minute am berühmten 6. August. Jetzt eingetragen als Taglöhnerin auf Gemeindeamt wie viele verarmte Überlebende. Klopft Steine an den Straßen. … Jetzt steht Harada-san im frühen Morgengrauen auf, geht viele Meilen mit geschwollenen Beinen. … Nach harter Arbeit den ganzen Tag lang, schleppt sie sich ans Meer, um eßbare Muscheln auszugraben, oder in die Berge, um Kräuter zu sammeln. Bezahlung für Arbeiter zuwenig, um genug Reis zum Leben zu kaufen. Macht auch Arubeit [Überstunden, nach dem dt. Wort Arbeit]. Bleibt die ganze Nacht auf, um durch Nebenarbeit ein paar Yen zu verdienen. … „

Speziell auch die Spätfolgen fordern viele, sehr viele Opfer, unter anderem auch Fumio, Yukas Mann. Die Wirkung der Strahlung auf die Erbanlagen wird „wissenschaftlich“ untersucht, Mädchen und Frauen aus Hiroshima finden kaum noch Ehepartner, weil sie stigmatisiert sind [vgl. den Roman „Schwarzer Regen“ von Ibuse]. Die Überlebenden des Bombenabwurfs, die untereinander ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben, leben in Ghettos, sie werden gemieden, gelten als unzuverlässig, bekommen nur schlechte Arbeitsplätze. Lange Jahre lang hat sich die japanische Regierung geweigert, die Krankheiten von Menschen, die nicht direkt am Abwurfort waren, als Folgen der Bombe anzuerkennen. Auch die Amerikaner haben die Kranken zwar untersucht, aber nicht behandelt. Psychische Verletzungen sind die Regel, hier bieten die strikten japanischen Etikette für viele einen Halt. Yuka fragt sich andererseits einige Male, ob es besser ist, seine Gefühle zu zeigen (wie Sam-san), oder immer Magenschmerzen zu bekommen….

Morris hat ein sehr eindringliches Buch geschrieben, mit Yuka hat sie eine sehr sympathische Figur geschaffen, die hin- und hergerissen ist zwischen ihren Gefühlen und den strengen Umgangsformen der japanischen Gesellschaft. Sie versucht den Schein aufrecht zu halten, und wird dabei zerrissen vor innerer Qual. In dem Amerikaner Sam erkennt sie die Möglichkeit, sich einem Menschen ohne Wenn und Aber anzuvertrauen, weil „Westler“ eben genau dies können: sich einfach öffnen und sich schwach und verletzlich zeigen.

So ist dieses kleine Büchlein zweierlei: eine erschreckende Schilderung des Hiroshima 14 Jahre post und eine Beschreibung, wie zwei Kulturen aufeinandertreffen.

Facit: Am 6. August hat das Grauen in Hiroshima angefangen, aber nicht geendet. Und dieses Buch erinnert uns nur zu eindringlich daran.

Edita Morris
Die Blumen von Hiroshima
Bertelsmann Lesering (1966), HC, 204 S.

rain-klein

„Now, I am become Death, the destroyer of worlds.“
(Robert Oppenheimer, aus der Bhagavadgita)

Am 6. August 1945 warfen die Vereinigten Staaten von Amerika über Hiroshima die erste Atombombe ab, 3 Tage später folgte der zweite Abwurf einer Bombe durch eben denselben Staat auf Nagasaki. Am 15. August kapitulierte Japan.

Der Roman von Ibuse spielt in der Zeit zwischen der Bombadierung Hiroshimas und der Kapitulation Japans. Er ist in eine Rahmenhandlung gebettet: Shigematsu beherbergt seine Nichte Yasuko, die er zu verheiraten sucht. Dies gelingt ihm aber nicht, da jeder Heiratskandidat befürchtet, Yasuko, die sich zur Zeit des Abwurfs in Hiroshima aufhielt, sei strahlenkrank. Da kommen Shigematsu und seine Frau auf die Idee, der Heiratsvermittlerin das Tagebuch Yasukos aus dieser Zeit mitzugeben. Da sich die Nichte einige Kilometer vom Explosionsort entfernt aufgehalten hat, glauben sie, so den schädlichen Gerüchten entgegentreten zu können. Als Untermauerung und um die Kontrast hervorzuheben, geben sie auch das Tagebuch von Shigematsu, der sich sehr nahe am Explosionsort befand, bei.

Das Buch gibt nun im wesentlichen Shigematsus Aufzeichnungen wieder, streut an der einen oder anderen Stelle auch Tagebucheinträge anderer Opfer ein, wie dies die fiktive Handlung erfordert. Die Tagebucheinträge selbst beruhen weitgehend auf originalen Aufzeichnungen von Menschen, die Ibuse im Buch zum Teil nur leicht verändert auftreten läßt.

Textprobe01

Die neun Handlungstage des Romans beschreiben eine Reise durch das Inferno, durch die Hölle. Was dort geschehen ist, ist für die Menschen unfassbar. Die Bombe hat nicht beschreibbares Leid gebracht, nicht fassbares, nicht verstehbares. Ibuse wird dieser Ungeheuerlichkeit gerecht, indem er praktisch jede Emotion vermeidet. Eine einzige Stelle habe ich mir markiert, in der er seinen Helden mal aus sich herausgehen läßt. Beim Anblick eines Toten, aus dessen Augen, Mund und Nase Heerscharen von Maden kriechen, fällt ihm eine Zeile eines Dichters ein, in der es heißt: „O Wurm, Freund Wurm!“ Textprobe02 und er ereifert sich: „Zu welcher Idiotie kann man nur fähig sein. Er [i.e. der Dichter] hätte hier sein sollen um 8.15 uhr, am sechsten August, als sich alles erfüllte: als der Himmel zerriss von oben bis unten, die Erde brannte und Menschen starben. …. Am liebsten hätte ich mein Bündel in den Fluss geschleudert. Ich haßte den Krieg. Was machte es letzten Endes aus, welche Seite siegte. Wichtig war nur, alles so schnell wie möglich zu beenden. Lieber einen ungerechten Frieden als einen „gerechten“ Krieg!„. Die nüchterne Distanz, aus der Ibuse ansonsten seinen Helden das Grauen schildern läßt, kann man hier beispielhaft an zwei beliebig herausgegriffenen Textstellen sehen.

Es geht, wenn die Menschen überhaupt noch denken können, ums nackte Überleben – Essen und Wasser. Ärzte und Medikamente werden gebraucht, die Schmerzen sind ohne Ende. Die Haut schält sich, alles schwillt an, nacktes Fleisch an allen Körperteilen. An jeder Ecke Tote, so viele, daß sie einfach im Flussbett zusammengetragen und verbrannt werden. Niemand weiß, was geschehen ist, was das für eine Bombe war. Verwandte werden gesucht, die Familien sind oft auseinander gerissen. Wo schläft man die Nacht, wo und wie versorgt man sich? Zielloses Herumirren allenthalben. Man hat zusätzlich noch Angst vor dem Militär, aber auch dessen Strukturen sind zerstört. Erst nach zwei, drei Tagen beginnt langsam wieder ein etwas organisierteres Leben: Kranke und Überlebende werden gesammelt, in notdürftigste Lazarette gebracht. Man braucht Kohlen, um Fabriken am Laufen zu halten, muss Beerdigungen organisieren, das Überleben sichern……

Was soll ich hier noch weiterschreiben, es ist das Grauen schlechthin.

Im Gegensatz zu anderen Grausamkeiten des Krieges (z.B. die Feuerstürme in Hamburg oder auch Desden) hat der Abwurf der Atombomben durch die Strahlenkrankheit langfristige Folgen für die Menschen ganz neuer Art. Dies deutet Ibuse in seiner Rahmenhandlung an: es ist schwierig, einen Ehepartner zu finden, da Strahlenkranke sich nicht anstrengen können, dürfen sie nicht arbeiten und werden sozial als Faulenzer geächtet…. man hat schnell vergessen, was die Ursache ist für die Betroffenen…..

Der geschichtliche Fortgang ist bekannt. Diese zwei Bomben sind die einzigen, die je eingesetzt worden sind. Jedoch ist die Zahl der Staaten, die über Atombomben als Waffen verfügen, stetig gewachsen… USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien, Israel, Pakistan, Indien, Nordkorea… zumindest.. vielleicht noch einige mehr. Und was sagt einem der gesunde Menschenverstand? Irgendwann…… nein, ich will es nicht denken, aber irgendwann wird es wieder so sein.

Facit: ein erschütterndes Buch.

Masuji Ibuse
Schwarzer Regen
Fischer TB, 1985, 372 S.
ISBN: 3596258464

Links:

Natürlich findet man mit einer Suchmaschine (ich mach jetzt keine Reklame für irgendeine…) eine Unzahl von Quellen zum Thema „Atombombenabwurf“, ebenso natürlich gibt es Gedrucktes zuhauf in Form von Büchern, Zeitschriftenartikeln etc pp…

einen Überblick mit sehr vielen weiterführenden Links gibt (wie so oft) die Wiki

Was ich mir persönlich jetzt noch notiert habe, sind ist dieser Link:

http://www.aktivepolitik.de/hiroshima.htm

hier ist u.a. der Einsatzbefehl wiedergegeben und eine Fotostrecke verlinkt, die einen optischen Eindruck von dem gibt, was Ibuse in seinem Roman in Worte gefasst hat.

Natürlich führt auch die Bildersuche nach „Hiroshima Opfer“ zu einem (erschütterndem) Ergebnis…

Ibuses Buch wurde auch verfilmt.

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