Der dritte Band der Tetralogie einer neapolitanische Saga der unter einem Pseudonym publizierenden italienischen Autorin Elena Ferrante über die beiden Freundinnen Lenù und Lila ist gegenüber der ursprünglichen Ankündigung zwar etwas verzögert, aber jetzt endlich erschienen. Da die einzelnen Bände eine fortlaufende Geschichte erzählen, ist es sinnvoll, sich noch einmal auf das bisher geschilderte Schicksal der beiden jungen Frauen zu vergegenwärtigen. Dies wird im Buch einführend in einer kurzen Gesamtschau gemacht [man kann aber natürlich auch meine Buchbesprechungen hier im Blog lesen ;-) … siehe unten unter Anmerkung]. Der zweite Band jedenfalls endet mit der Präsentation des Buches, das Lenù geschrieben hat und bei der völlig überraschend ihre geheime Liebe Nino Sarratone auftaucht und sie einem harschen Kritiker gegenüber eloquent verteidigt. Außerdem ist Lenù fest liiert mit Pietro Airota, sie wollen heiraten. Lila dagegen lebt mit ihrem Jungen in einer zölibatären Gemeinschaft mit Enzo ausserhalb des Riones, sie hatte ihren Mann verlassen und arbeitet jetzt unter ausbeuterischen und unwürdigen Bedingungen in einer Wurstfabrik: das Leben der beiden jungen Frauen hatte sich also völlig gegesnätzlich entwickelt, der Titel dieses Bandes deutet darauf hin, daß diese Trennung noch weiter gehen wird.


Wie geht es jetzt weiter? Die ersten Abschnitte des in kleine Kapitel unterteilten Buches befassen sich mit Lenús Schicksal. Sie hat ihr Buch veröffentlicht, erhält überwiegend positive, aber auch negative Kritiken. Die Begegnung mit Nino wirft sie kurzfristig aus der Bahn, sie ist sogar bereit, ihren Verlobten für eine Nacht zu betrügen, die Umstände verhindern es jedoch. Danach verschwindet Nino wieder aus ihrem Umfeld, hin und wieder liest sie Aufsätze von ihm, die sie vorbehaltlos bewundert. Ihr eigenes Buch ist erfolgreich, verkauft sich gut und wird auch in ihrer alten Heimat, im Rione, gelesen, es gilt allgemein als Skandalbuch wegen der enthaltenen ‚gewagten‘ Szenen, in den Lenù das aus einer Verzweiflung ihrer Protagonisten heraus motivierte Eingehen auf das aufdringlichen Werbens eines älteren Mannes schildert und sie so das eigene Erleben verarbeitet. ‚Schmutzig‘ ist ein Wort, das sie des öfteren hört, einige Frauen des Rione, von denen sie angesprochen wird, erkennen sich bzw. ihre Position als Opfer darin wieder.

Parallel zu den Lesungen und Präsentationen läuft das private Leben: Pietro kommt nach Neapel, um bei den Eltern ganz formell um ihre Hand anzuhalten. Wider Erwarten verstehen sich die Familie Greco und der frisch nach Florenz berufene Professor und Schwiegersohn in spe gut, selbst Lenùs Mutter taut im Lauf der Tage auf.

Eingebettet ist all dies in die große politische Unruhe, die gegen Ende der 60er Jahre ganz Europa erfasst: die jungen Leute, die Studenten revoltieren, gehen auf die Straße, wollen gesellschaftliche Veränderungen. Und wie es ihre Art ist, stürzt sich Lenù , als sie merkt, daß sie von diesen Vorgängen, von den politischen Hintergründen etc pp, keine Ahnung hat, verbissen ins Lernen: sie will mitreden können, sucht Anerkennung auch in diesen aufbegehrenden studentischen Kreisen.

Mit der revolutionären Stimmung auf ganz andere Weise macht Lila ihre Bekanntschaft. Sie reibt sich bis zur Erschöpfung zwischen der Versorgung ihres Sohnes, der Erledigung des Haushalts und der anstrengenden und entwürdigenden Arbeit in der Fabrik auf. Hier sind Frauen nicht nur Arbeitskräfte, sondern haben ebenso als willfährige Objekte sexueller Anzüglichkeiten bis hin zu erduldenden Handlungen zu dienen. Lila läßt sich dies nicht gefallen, sie setzt sich robust zur Wehr, auch gegenüber ihrem Chef.

Als sie in ‚revolutionären Kreisen‘ (alte Bekannte u.a. aus dem Rione, haben sich den Kommunisten angeschlossen) davon erzählt, verarbeiten diese ihre Geschichte zu einem Flugblatt. Die Ereignisse in der Fabrik überschlagen sich daraufhin und Lila bricht körperlich ausgelaugt zusammen, ein Arzt diagnostiziert einen Herzfehler. Lila ruft Lenù zu Hilfe, die über ihre Schwiegereltern Hilfe für Lila organisieren kann. abgesehen von den Ärzten, zu denen sie mit ihrer Freundin geht, ist es die Frage, ob diese Hilfe tatsächlich hilft. Michel Solara ist mittlerweile der Mann, der die wirkliche Macht in Händen hält und die Kluft zwischen der arbeitenden Klasse, die letztlich auch die Konsequenzen allen ‚revolutionären‘ Handelns zu tragen hat und denen, die guten Willens sind und mit ihrem Geld, ihren Beziehungen und im ‚revolutionären‘ Eifer helfen wollen, erweist sich als nicht überbrückbar.

Die Hochzeit von Lenù und Pietro ist einfach gehalten, wenngleich nicht ohne eine kleine familiäre Missstimmung. Lenù wird nach der Hochzeit sofort schwanger und so wie ihre Schwangerschaft problemlos verlief, so schwierig wird es nach der Geburt des Mädchens Adele, das sie ‚Dede‘ nennen: es ist ein Schreikind, das schlecht schläft und das Stillen verweigert. Bald ist die Mutter ausgelaugt, an die Arbeit am neuen Buch ist nicht zu denken, die Ehe zeigt bald Dissonanzen. Eine böse Prophezeiung Lilas über die Ehe scheint sich zu erfüllen.

Lenù ist einsam in Florenz, nötigt ihren Mann, der berufliche Probleme hat, Einladungen auszusprechen, bei denen sie heftig und wahllos flirtet, ohne allerdings die letzte Grenze zu überschreiten. Als sie dann doch endlich ein Manuskript für ein zweites Buch beendet hat, wird dies gnadenlos ehrlich von der Schwiegermutter, aber auch von Lila, der sie es zu lesen gab, verrissen – eine Bruchlandung auf dem Boden der Realität, verbunden mit einer Identitätskrise sind die Folge davon und der (zeitweiligen) Akzeptanz ihres Lebens – ein zweites Kind ist die Folge, wieder ein Mädchen, Elsa.

Der Kontakt zu Lila besteht fast nur noch aus Telefonaten, in denen beide Konfliktträchtiges vermeiden. Für Lila hat sich das Leben zwischenzeitlich grundlegend verändert, das anfangs ein wenig belächelte Erarbeiten von computertechnischen Grundlagen zahlt sich für beide aus, für Enzo und für Lila: sie bekommen beide gutdotierte Stellungen. Für Lila wird es sogar noch lukrativer: Michele Solara ködert sie mit viel, viel Geld, weit mehr als Enzo in seiner Position verdient. Lila nimmt das Angebot an, erzählt dies Lenù und auf deren Empörung verweist Lila nur auf Elisa, die Schwester Lenùs. Denn diese ist, was Lenù nicht weiß, fest mit Micheles Bruder, dem anderen Solara, liiert, was bedeutet, daß die verhassten Solara-Brüder – Pietro bezeichnet sie nach dem Kennenlernen als zwei Gauner, zwei Schlitzohren, zwei scheißfreundliche Kriminelle – Verwandtschaft werden…

Ein Märztag des Jahres 1976 sollte das Schicksal Lenùs dann völlig über den Haufen werfen. Ihr Mann, Pietro, bringt einen universitären Kollegen, mit dem er sich sehr gut versteht, überraschend zum Essen mit nach Hause. Als Lenù die zwei durch die Tür treten sieht, kann sie gerade noch den Schein wahren, aber der Anblick von Nino in ihrer Wohnung, an ihrem Tisch, ihr Essen essend, mit ihren Kindern spielend, charmant und attraktiv, intelligent und aufmerksam, ein Nino, der sie ernst nimmt, bringt alles in ihr in einen gefährlichen Aufruhr, läßt alle Systeme in den roten Bereich rasen…


Der dritte Band dieser Geschichte zweier junger Frauen überstreicht knapp ein Jahrzehnt, am Ende des zweiten Bandes waren sie dreiundzwanzig, am Ende dieses Buches, 1976, sind sie zweiunddreißig Jahre alt. Es sind für Italien unruhige Zeiten, wie an vielen Stellen Orten Europas setzen auch hier 1986 Unruhen unter den Studenten ein, die gegen die veralteten Studienbedingungen (‚Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren‘) protestierten, ein Protest, der schnell auf allgemein gesellschaftliche Zustände übergriff. Was Italien angeht, sind uns wahrscheinlich die ‚Roten Brigaden‘ (Brigate Rosse, BR) eine bekannte Gruppierung, auf deren Konto viele Anschläge, Entführungen und Morde gehen.

Der gesellschaftliche Umbruch, der dadurch in Gang gesetzt wurde, bildet den Hintergrund der Geschichte der getrennten Wege. Sowohl Lila aus auch Lenù sind in ihrem jeweiligen Umfeld involviert, Lenù auf der eher intellektuellen Ebene, die sich später dann auf eine feministische Fragestellung konzentrieren sollte, Lila dagegen ganz konkret mit Aktionen in ihrer Firma. Wie gesamtgesellschaftlich werden auch im Rione die Auseinandersetzungen zwischen den Gruppierungen (Faschisten vs. Revolutionären) immer radikaler, bis hin zu brutalsten Überfällen und Morden. Lenù dagegen nimmt an der ein oder anderen Demonstration teil, vielleicht steht sie auch nur am Rand, um zu schauen, später dann bekommt sie über ihre Schwägerin Kontakt zu Frauengruppen, in denen das Selbstverständnis des Frauseins diskutiert wird. Nicht unwichtig für das Leben Lenùs ist ferner, dass es die Möglichkeit einer Scheidung im italienischen Familienrecht erstmals im Dezember des Jahres 1970 festgeschrieben wurde, sie also nicht, wie ihre Freundin Lila, bei einer Trennung von ihrem Mann weiterhin verheiratet bleiben müsse.

Diese Diskussionen um die Stellung und das Wesen der Frau kontrastiert diametral mir ihrer Lebenssituation. Sie, die Intellektuelle, die ein erfolgreiches Buch geschrieben hat, ist durch ihre Ehe in die allbekannte Falle geraten und auf die Rolle der unbezahlten Putzfrau, Kinderfrau, Köchin und Sexpartnerin reduziert worden, ohne daß die Ehe ihr dafür einen adäquaten Ersatz gegeben hätte. In der Summe sind diese Funktionen sogar so zeit- und kraftraubend, daß für andere Tätigkeiten kaum noch Energie bleibt. Hat sie dafür seit früher Kindheit unter vielen Entbehrungen mit bewundernswerter (?) Selbstdisziplinierungen gegen viele Schwierigkeiten so viel gelernt? Komm, gehen wir ficken: die neue Freiheit, die sich jungen Frauen eröffnet, weckt Neidgefühle, verdeutlicht ihr, wieviel Wünsche und Gefühle sie in ihrem bisherigen Leben unterdrückt hat.

Und noch ein weiteres wird Lenù bewusst: daß sie die ganze Zeit versucht hat, mit männlichen Methoden zu arbeiten, wie Männer zu denken, zu diskutieren, zu argumentieren: Letztlich kam ich zu dem Schluss, dass ich vor allem besser verstehen musste, wer ich war. Meine weibliche Natur erforschen. Ich hatte es übertrieben, hatte mich gezwungen, mir männliche Fähigkeiten anzueignen. Ich glaubte alles wissen zu müssen..… Nie, so ihr Resümee, war sie sie selbst, immer hat sie sich starker Selbstkontrolle und -verleugnung unterworfen. .. So erscheint sie jetzt, nachdem ihr das bewusst wird, unsicher, zweifelnd über ihre Rolle, ihren Standort; sie reagiert häufig gereizt und überzogen, fühlt sich von ihrem Mann geringgeschätzt und nicht als gleichwertig akzeptiert. Man könnte festhalten, daß sie am Ende ihres dritten Lebensjahrzehnts von der Lebensmittelkrise erfasst worden ist, die einen großen Teil der bisherigen Sicherheiten erschüttert.

Sie ist mir lieber als du. Ihr seid zwei Stück Scheisse, das ist nicht zu ändern, zweimal Abschaum aus dem Lumpenproletariat. Aber du spielst die Nette, Lina nicht.
[Nadia zu Lenù]

Von besonderem Interesse ist außer diesen eher nach/von außen wirkenden Ereignissen und Vorgängen das Innenverhältnis der beiden jungen Frauen Lila und Lenù. Beider Leben entwickelt sich völlig unterschiedlich, dies ist, denke ich, schon zur Genüge deutlich geworden. Trotzdem haben beide ihre Herkunft nicht abschütteln können: Lila ist dem Rione auf eine ganz elementare Weise verbunden geblieben, durch die Sprache, durch ihre Aggressivität, ihre Skrupellosigkeit, ihre Härte und natürlich zuvörderst durch die Tatsache, daß sie wieder zurückgezogen ist in das Viertel ihrer Kindheit. Sie war und ist Teil des Riones, schon eingangs des ersten Bandes hatten wir ja erfahren, daß sie Neapel nie verlassen hat. In einer Passage des Textes läßt Ferrante Lina (die ja zwischenzeitlich in ein anderes Viertel der Stadt gezogen war) zu der Erkenntnis kommen, daß es möglicherweise besser gewesen wäre, zu bleiben, wo sie hingehörte, nicht die Sünde des Hochmuts [zu] begehen, den Kopf [zu] beruhigen. Eine Ansicht, die natürlich ebenso hinsichtlich Lenù interessant ist, die ihr alte Heimat ja noch viel konsequenter zu verlassen versucht hat.

Bei Lenù dagegen ist die Verbindung subtiler: ihr Bestreben ist es, dem Rione zu entkommen, das Rione definiert in diesem Sinne all, was sie nicht (mehr) will, all das, was sie erreichen muss, um es hinter sich zu lassen: Sprache, Kleidung, Benehmen etc pp. Selbst ihre Ehe mit dem für die Familie Airota etwas atypischen Pietro kann unter diesem Aspekt betrachtet werden (zumindest realistischer als unter dem Aspekt himmelhochjauchzend entflammter Liebe): sie bedeutete die Aufnahme in diese fortschrittlich gesinnte, hoch angesehene Familie von Intellektuellen und festigte damit ihren eigenen, neuen Status. Das alte Viertel, die Herkunft, wird dadurch zu einer Art negativer Messlatte, an der bestimmt werden kann, wie weit sie sich gelöst hat. Jedoch unterliegt sie dem allgemeinen Phänomen, daß all die Fähigkeiten der neuen Gesellschaftsschicht, in die sie eintritt, eintreten will, von ihr gelernt werden müssen, im Gegensatz zu denen, die mit den dort geforderten Umgangsformen und Fähigkeiten groß werden und sie sozusagen mit der Muttermilch aufnehmen. Folge ist Unsicherheit, das Bestreben, sich eröffnende Lücken sofort durch Lernen und Aufnahme von entsprechenden Informationen zu schließen. Sie anfällig für Lob, Kritik stürzt sie in große Zweifel, kurz Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl sind schwach entwickelt. Dazu kommt, daß in Situationen extremer (negativer) Gefühlswallungen das Rione immer wieder aus ihr herausbricht: sie verfällt unwillkürlich in den Dialekt, bedient sich der Vulgarität der Sprache.

Vollends zeigt sich die lebenslange Bindung an das Rione, als sie, die ganz offensichtlich – wie sich in der entsprechenden Episode des Buches ebenfalls erweist- nur sporadischen und oberflächlichen Kontakt zur dort lebenden Familie hat, erfährt, daß ihre Schwester ausgerechnet mit dem Feind aus Kindertagen liiert ist, sie damit zur Schwägerin eines der beiden örtlichen Verbrecherbosse werden wird….

Lenù und Lila, die alten Freundinnen und Vertrauten aus Kindertagen, sie sind sich fremd geworden und doch verbunden geblieben, es ist eine Art komplementäre Beziehung, die zwischen ihnen herrscht. In Lenù verwirklicht sich für Lila das, was sie selbst nicht erreichen konnte: Bildung, sozialer Status und gesellschaftliches Ansehen: …ich erwarte Großes von dir, … ich will, dass du es besser machst, … denn wer bin ich, wenn du nicht gut bist, wer bin ich dann? Lila dagegen, die alte Lila, wird von Lenù schmerzlich vermisst: sie war der Quell ihrer Kreativität, an und mit ihr wuchs sie, entwickelte Phantasie und Ideen. Mach dir keine Sorgen, sag mir immer, was du denkst, nur so hilfst du mir, hast du mir von klein auf geholfen, ohne dich kann ich nichts… lautet die Entgegnung und Beruhungig Lenùs auf Lilas Ausruf. Meine geniale Freundin, dieser Titel des ersten Teil der Tetralogie ist in jede Richtung interpretierbar.

Als wir klein waren,
haben wir einen Pakt geschlossen.
Die Böse bin ich.
[Lila über Lenù und sich]

Für Lenù stellt Lila auch so etwas wie ein Symbol und ein Kristallisationspunkt der dunklen Seite des eigenen Ichs dar. Lila verkörpert das, was sie selbst nicht ist: selbstsicher bis zur Arroganz, selbstbestimmt ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen, ich [Lenù] war ihr trotz all meiner Veränderunen immer noch unterlegen. Ich hate das Gefühl, mich nie aus diser Unterlegenehit befreien zu können, und da swar mir unerträglich.  So wie die Lila der Kindertage für Lenù ein schöpferischer Quell war, ist die Lila dieser Tage eine Belastung: …. mein Wunsch, sie möge sterben, setzte sich irgendwo in mir fest, ich verdrängte ihn, aber er verschwand nicht. In einer Stunde der Selbstreflexion sollte Lenù schließlich zu der Erkenntnis kommen, daß sie nur deshalb etwas hat werden wollen, weil ich Angst gehabt hatte, Lila könnte etwas werden und ich würde hinter ihr zurückbleiben. Mein Etwas-Werden hatt sich in ihrem Fahrwasser vollzogen. Ich musste noch einmal von vorn beginnen etwas zu werden, aber für mich, als erwachsene Frau, außerhalb von ihr.


Die Geschichte der getrennten Wege ist ebenso wie ihre beiden Vorgängerbände fesselnde Unterhaltung auf hohem Niveau. Sie verbindet die bemerkenswerten Biografien zweier Frauen, deren gegenseitige Beziehung einer starken Wandlung unterworfen ist, sie macht deutlich, daß man der eigenen Vergangenheit nicht entfliehen kann, sondern daß man sich ihr stellen muss. Da die Geschichte aus der Erinnerung Lenùs erzählt wird, erhält man in deren Entwicklung tiefere Einblicke, in den Erzählstrang sind immer wieder Passagen eingestreut, in denen die Protagonisten über ihr Leben und ihre Lebenssituation reflektiert. Gegen Ende der in diesem Band dargestellen Lebensepoche nimmt die Geschichte, die trotz der bewegten Zeitumständen, in denen sie spielt, relativ gemächlich verläuft, deutlich an Tempo zu und Ferrante als geschickte Autorin läßt sie mit einem klassischen Cliffhanger enden. Wollen wir hoffen daß Lenù, die zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Flugzeug sitzt, keinen Absturz erlebt….

Links und Anmerkungen:

zu den Besprechungen der ersten beiden Bände hier im Blog. Dort sind auch Anmerkungen und Links angeführt:

– Meine geniale Freundin
– Die Geschichte eines neuen Namens

Elena Ferrante
Die Geschichte der getrennten Wege
Erwachsenenjahre

Übersetzt aus dem Italienischen von Karin Krieger
Originalausgabe: Storia di chi fugge e di chi resta, Rom, 2013
diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, c. 540 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Der Autor dieser Biographie, Vittorio Segre, (1922 – 2014) ist von Namen her unschwer als Italiener zu identifizieren. 2014 ist er in hohem Alter gestorben [1]; es ist nicht selbstverständlich, daß er (so) alt geworden ist, denn er stammte aus einer jüdischen Familie im Piemont, der Region um Turin, wo er wenige Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges geboren wurde. Auch wenn sein Vater 1929 das beträchtliche Familienvermögen wie so viele andere auch verloren hatte, lebte die Familie bis 1938 weitgehend unbehelligt von den politischen Randbedingungen ein privilegiertes, weil wohlhabendes Leben. Nachdem ab 1937 in Italien jedoch gegen Juden gerichtete gesetzliche Bestimmungen in Kraft traten (19. April 1937:  ‚Rechtswirkungen ehelicher Verbindungen zwischen italienischen Bürgern und Untertanen‘, 17. November 1938: „Gesetz zur Verteidigung der Rasse“.  [2]), wurde auch in der abgehobenen Welt dieser Familie klar, daß man selbst als assimilierter und faschistischer Jude verfolgt wurde, aus dem einzigen Grund: weil man Jude war. Nach dem Einfall der Deutschen in Polen sorgten verschiedene Ereignisse schließlich für den Entschluss, daß der seinerzeit sechzehnjährige Sohn Vittorio nach Palästina auswandern sollte.

gluecksrabe

Die ersten vier von den elf Abschnitten des Buches umfassen diese ersten sechzehn Lebensjahre Segres sowie die Geschichte seiner Familie. Er wurde in eine typisch großbourgeoise Familie mit Großgrundbesitz hineingeboren: dem Vater gehörte das Tal, auf das sie blickten, die Dörfer, die darin lagen und die Menschen, die dort auf seinem Land arbeiteten, waren von ihm abhängig. Den Erinnerungen des Autoren nach war der Vater ein guter „Hirte“, der auch als Bürgermeister viel Vertrauen und Ehrfurcht von seinen Leuten entgegengebracht bekam. Von beidem büßte ein: der Krieg, für dessen Teilnahme er 1916 entflammte und aufrief, war nicht ganz so kurz und nicht ganz so siegreich wie von ihm prophezeit: viele der Männer, die begeistert hatte, kehrten nicht mehr zurück in das Tal.

Eher aus Zorn über die gesellschaftlichen Veränderungen, die der Krieg zwangsläufig mit sich gebracht hatte …. war er nach Turin gegangen, um der von Polizei und Armee unterstützten faschistischen Partei beizutreten und dort Karriere zu machen. Der Faschismus war für den Vater der Triumph der Ordnung über die Anarchie. 1922 wurde der Sohn Vittorio geboren, der in diesem wohlhabenden faschistisch orientierten Umfeld wie in einer Blase, die von den Realitäten abschirmte, aufwuchs. Es war ein privilegiertes Leben, das weder von ihm und seiner Familie in Frage gestellt wurde. Auch nach dem wirtschaftlichen Crash des Vaters, dessen Vermögen durch die Wirtschaftskrise 1929 verloren ging, änderte sich nicht wirklich etwas, bis auf die Tatsache, daß der Vater jetzt für Lohn arbeiten musste. Ganz so schlimm wie es klingt, war es dann aber doch nicht, der reiche, angeheiratete Onkel wusste den Vater standesgemäß in seinen Fabriken in Stellung zu bringen. Jedoch war damit ein Umzug aus dem Piemont ins Friaul verbunden.

Der Knabe selbst genoß nach wie vor viele Freiheiten und Privilegien. Da schwächlich und kränklich, wurde er von Privatlehrern unterrichtet, was wohl nicht sehr effektiv war, denn als er dann doch in die Schule gehen musste, viel er durch fehlende Grundlagen auf. Jene sechzehn Jahre im faschistischen Italien stellten für [ihn] eine so geregelte, normale und sorgenfreie, eine so unvergleichliche Zeit dar, daß [er] nicht sagen könnte, was das Besondere am Faschismus war. …. Als vollkommen assimilierter Jude … hielt ich den Faschismus für die natürliche Form des Gemeinschaftslebens. Ohne weiteres Nachdenken, weil es selbstverständlich war, trat er auch in die faschistische Jugendorganisation ein. Die Gerüchte, die teilweise vom weiter nördlichen Geschehen in diese patriarchalisch ausgerichtete Gegend drangen, nahm man nicht sonderlich ernst, der ‚Duce‘ sei doch eher ein Freund der Juden, nicht so wie Hitler.

Das jüdische Leben in Italien unterschied sich von dem in Mittel- und Osteuropa. Die Gettos, in denen die Juden lebten, waren erst wenige Jahrzehnte vorher im Rahmen des „Risorgimento“, der Schaffung des Nationalstaates Italien 1848, aufgelöst worden. Die Gettomauern hatten zwei Effekte, die nun wegfielen: nach außen die Isolierung und Abgrenzung, nach innen aber auch die Konzentration jüdischen Lebens auf einen eng definierten Bereich, in dem es sich entfalten konnte. Dieses jüdische Leben verkümmerte, als sich die Juden nach 1848 in die italienische Gesellschaft integrierten und sich an sie anpassten, die Gemeinden waren zudem meist zu klein, um die Jüdischkeit aufrecht zu halten. Segre geht ausführlich auf diese historische Entwicklung, die recht schnell stattgefunden hat, ein. Sie führte in der eigenen Familie dazu, daß beispielsweise das Hebräische kaum noch beherrscht wurde, daß man zwar noch wusste, daß Schwein und Hase (letzterer eine Lieblingsspeise des Vater) nach den Speisegesetzen verboten waren, aber die Vorschrift, daß man am Sabbat kein Feuer anzünden dürfe, hätte diesen sicherlich sehr erstaunt. Rituale wie Gebete und Segenssprüche wurden zur Hülle und – wenn überhaupt noch durchgeführt – sinnentleert und zu Weihnachten/Chanukka ging man mit den Christen in die Mitternachtsmesse. Ferner gab es auch verschiedentlich   Übertritte vom Judentum zum Christentum, die Mutter des Autoren konnte seinerzeit nur durch massives Eingreifen des Vater beim Bischof davon abgehalten werden.

Daß man trotzdem immer noch Jude war, wurde gegen Ende der 30er Jahre schmerzhaft deutlich. Der Autor musste die öffentliche Schule verlassen und in eine jüdische überwechseln; einmal in einem der vielen Urlaube, die man sich im Jahr leistete, traf man auf eine Flüchtlingsfamilie aus Deutschland, dennoch verkannte man noch immer die Realitäten, glaubte sich nicht in Gefahr. Den Ernst der Lage erkannte der Vater erst, als ihm 1939 faschistische Juden den Vorschlag machten, gegen andere Juden vorzugehen, um dem ‚Duce‘ zu zeigen, daß man hinter ihm stünde. Der Vater verweigert sich diesem Ansinnen: … Es stimme, daß wir als Italiener unserer sakrosankten Rechte beraubt worden seien. Aber niemand könne uns unsere Würde und unsere Ehre als Juden nehmen. In trostlosen Zeiten wie diesen Glaubensbrüder anzugreifen, ums uns bei einen Regime einzuschmeicheln, das uns betrogen hatte, sei gemein und unter aller Würde. Die Familie fasste den Beschluss, daß der Sohn nach Palästina auswandern sollte. Der Vater selbst überlebte die Zeit der Judenverfolgung in Italien in der Verkleidung eines herumziehenden Hausierers, er wurde von „seinen“ Leuten gedeckt und versteckt, niemand verriet ihn.


Das Leben ist stärker als das Böse.

Die folgenden sieben Kapitel des Buches umfassen den Zeitraum von der Ausreise nach Palästina bis zu seiner Rückkehr nach Italien als britischer Soldat. Damit schließt sich in gewisser Weise die literarische Aufbereitung dieser Lebensepoche Vittorio Segres, denn dieser Rückkehr, sein Wiedersehen mit dem Vater, schildert er zu Beginn der Aufzeichnungen, an den sich in der Rückschau die Erinnungen daran, wie alles gekommen ist, anfügen.

Die Überfahrt nach Palästina, das noch unter dem Mandat der Briten lag, verlief für den jungen Mann den Umständen entsprechend luxuriös, schließlich war sein Onkel ja mal Besitzer des Schiffes und – so wohl der Gedanke des Kapitän – wer weiß, vielleicht würde er es ja mal wieder werden. Die Ankunft in Jaffa war für den jungen, verwöhnten Mann, der wie ein europäischer Dandy gekleidet dort eintraf, ein Kulturschock: nichts, was er sah, glich dem, was er aus seiner Heimat kannte, er selbst fühlte sich völlig deplatziert. Staub, Hitze, zerlumpte Menschen, ein Geruch nach Vergang und Verwesung zog vorüber…

Politisch war die Region  schon damals eine Art Pulverfass, die nur durch die Anwesenheit der Briten und dem einenden Kampf aller Parteien gegen die Nazis unter Kontrolle gehalten wurde. Briten, Araber, orthodoxe Juden, Zionisten – man war sich, um es milde zu sagen, nicht immer grün. Vittorio Segre, zur Zeit seiner Ankunft in Palästina, das darf man nicht aus den Augen verlieren, noch ein Jugendlicher, noch lange keine zwanzig Jahre alt, findet sich in dieser realen Umwelt nur schwer zurecht. Es war ein tiefer Sturz aus der Irrealität seines privilegierten Lebens im Wohlstand in die staubige Realität eines Kibbuz, in dem ein neuer sozialistischer Gesellschaftsentwurf umgesetzt und gelebt werden sollte. In Italien politisch weitestgehend desinteressiert, kann er mit den vielen Meinungen hier, den Strömungen, den politischen Ideologien kaum etwas anfangen, selbst sein ‚Jüdischsein‘ ist ihm fremd. Und so bleibt er auch den anderen fremd und suspekt, ist immer in einer Aussenseiterrolle. Daß sich langsam auch ein Interesse am weiblichen Geschlecht entwickelt, erleichtert sein Leben nicht unbedingt.

Er besucht in den folgenden Monaten eine Landwirtschaftsschule, auch hält er sich abseits. Dann entschließt er sich, zur britischen Armee zu gehen, um diese beim Kampf gegen die Nazis zu unterstützen. Nach der Grundausbildung kommt er jedoch bald in eine spezielle Truppe: für den Propagandasender wurde ein italienischer Sprecher gesucht – und in ihm gefunden. Hier genießt er jetzt wieder spezielle Privilegien: ihm ist erlaubt, Zivilkleidung zu tragen und er kann sich ein privates Zimmer nehmen und muss nicht mehr in den Unterkünften der Armee leben.

So mietet er sich bei einer aus Deutschland emigrierten jüdischen Familie  ein und lernt dort deren Tochter Berenika, mit der er ein seltsame Verhältnis eingeht: Ich bemächtigte mich ihres Körpers, sie riss meine Seele in Stücke. Erst sehr spät, am Ende dieser Beziehung (auch Berernika hatte sich zur Armee gemeldet) erfährt er vom schlimmen Schicksal Berenikas in Deutschland vor der Flucht.

Schließlich geht der Krieg seinem Ende zu. Der Autor berichtet von einer schweren persönlichen Krise in diesem Zeitraum die bis hin in suizidale Pläne ging. Seine ‚Feigheit‘, mit dem Fallschirm hinter den feindlichen Linien in Italien abzuspringen – obwohl er sich zuvor dazu gemeldet hatte – belastet ihn schwer. Immer noch schien der zu diesem Zeitpunkt zweiundzwanzigjährige junge Mann (zumindest zeitweise) in einer kleinen, selbstgeschaffenen Traumwelt zu leben, Fantasien und Vorstellungen mit Realem zu verwechseln. Ferner berichtet Segre von einer Art ‚Persönlichkeitspaltung‘, die ihn in der Folge sein Leben lang begleitete: er ließ im Innersten seiner Seele nichts mehr an sich heran, ein eiskalter Kern war in ihm. In schwierigen, schmerzhaften Situation dissoziierte er, konnte er sich wie von aussen beobachten und fühlte nichts mehr. Er veranschaulicht dies sehr plastisch mit der Aussage, er hätte erst spät im Leben eingesehen, daß man sich bei zahnärztlichen Wurzelbehandlung eine Betäubungsspritze geben lassen könne…..


Der Staat Israel wurde im Mai 1948 gegründet, die letzten britischen Verbände hatten sich aus Palästina zurückgezogen. Dieser ‚Geburt‘ des neuen Staates ging – um im Bild zu bleiben – die ‚Schwangerschaft‘ voraus, seit 1937 zum ersten Mal die Idee einer möglichen Spaltung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Teil formuliert worden war. Nach Ende des Krieges, als die entsetzliche Erkenntnis, daß und wie Millionen Juden von den Nazis ermordert worden waren, immer klarer wurde, gewann die zionistische Bewegung mehr internationale Unterstützung, die Briten kündigten ihren Rückzug als Mandatsmacht an und 1947 beschloss die UN-Hauptversammlung die Teilung Palästinas.

Obwohl das Leben selbst in Palästina Anfang der 40 Jahre träge verlief, war es also eine für die weitere Geschichte (zumindest unseres Teiles) der Welt wichtige Epoche, in der Entscheidendes geschah. Und Vittorio Segre war sozusagen mittendrin und da er selbst politisch/ideologisch  nicht festgelegt war (sich am ehesten immer noch einer faschistischen Überzeugung anhing), sich noch nicht einmal richtig als Jude sah, eine Art ’neutraler‘ Beobachter. Man merkt seinen Ausführungen an, daß er später Jura studierte und im diplomatischen Dienst war. Sie sind sehr analytisch, ausführlich und abwägend, ohne jedoch zu einem Urteil zu kommen. Die Darstellungen, die auf Tagebuchaufzeichnungen dieser Zeit beruhen, zeigen das Bemühen des jungen Mannes, die unterschiedlichen politischen Strömungen dieser Zeit zu verstehen, sie sind für den heutigen Leser ein profunder Einstieg in die komplexe Ausgangsposition in Palästina, die mit der Gründung Israels und den folgenden Auseinandersetzungen und Kriegen mit den arabischen Nachbarstaaten und den Palästinensern einen steten Unruheherd in der politischen Landschaft des Nahen Ostens schuf.

Die autobiographischen Aufzeichnungen des Glücksraben Vittorio Segre erfüllen also verschiedene Funktionen. Sie geben einen Überblick über die Entwicklung des italienischen Judentums nach der Auflösung der Gettos, das sich völlig in die italienische Gesellschaft assimlierte und in großen Teilen die faschistische Bewegung des ‚Duce‘ unterstützte. Ferner enthalten sie die Analysen diverser politischer Strömungen unter vor allem den Juden in Palästina in dieser Zeit und – last not least – beschreiben sie in ihren biographischen Passagen das Schicksal und das Leben einer bourgeoisen jüdischen Familie und eines jungen Mannes, der aus einer behüteten, wenngleich ‚irrealen‘ Welt von heute auf morgen in die brutale Realität geworfen wurde, in der er sich nur mit Mühe und immer wieder glücklichen Umständen zurecht fand.

Vieles von dem, was Segre beschreibt, war mir unbekannt, von daher waren seine Aufzeichnungen spannend im Sinne von lehrreich. Andererseits haben es politische Analysen so an sich, langatmiger zu sein und auch trockener, solche Passagen häufen sich in den späteren Kapiteln, die in Palästina spielen. Nichtsdestotrotz sind die Abschnitte, in denen das Leben dort beschrieben wird, sei es nun das im Kibbuz (mit der besonderen Bedeutung, die den Aborten und die Duschen dort zukam) oder auch das Leben in Jerusalem bzw. beim britischen Militär, interessant – wer weiß darüber schon etwas….

Zusammenfassend kann ich sagen, daß ich die Lektüre dieses autobiographischen Buches trotz einiger Längen nicht bereue, das neue Wissen, die vielen mir bis dato unbekannten Infos wiegen eine gewissen Trockenheit in einigen Passagen bei Weitem auf. Und nicht zu vergessen natürlich, daß diese deutsche Erstausgabe der Anderen  Bibliothek einfach auch als Buch ein Gewinn ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Nachruf in der Jerusalem Post: Manfred Gerstenfeld: In memoriam: Dan Vittorio Segre; in:  http://www.jpost.com/Opinion/In-memoriam-Dan-Vittorio-Segre-378225
[2] siehe die ausführliche Darstellung z.B in: http://www.wernerbrill.de/downloads/AntismitismusItalien.pdf oder: http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2005_2_1_schlemmer.pdf

Vittorio Segre
Ein Glücksrabe
Die Geschichte eines italienischen Juden
Übertragen von Sylvia Höfer (Kap. 1 bis 4 der italienischen Ausgabe und Hanni Ehlers (Kap. 5 bis 11 nach des Autors eigener englischen Fassung)
Originalausgabe: Storia di un ebreo fortunato, Mailand, 1985
englischsprachige Ausgabe: Memoirs of a Fortunate Jew, Chicago, 1987
diese Ausgabe: Eichborn, (Die Andere Bibliothek Bd. 101), HC, ca. 360 S., 1991

romische cover

Alberto Moravias Römische Erzählungen sind nicht neu, die italienische Originalausgabe stammt aus dem Jahr 1954. Das Buch enthält – sofern ich mich nicht verzählt habe – 60 Geschichten aus dem Rom der Nachkriegszeit. Es sind Geschichten der Menschen, die „unten“ sind, die arbeitslos sind, die in Hütten hausen oder gar in Höhlen, die sich als Tagelöhner verdingen oder deren Geschäfte schlecht gehen. Sie wollen das gleiche wie alle anderen: leben, satt werden, die Familie ernähren, sich verlieben, etwas Spaß und Freude haben… doch oft sind die Lebensumstände einfach nicht danach: die Menschen sind ungebildet, oft ungelernt und feste Arbeitsstellen sind selten. Manchmal wird ein Bote gebraucht, der ein oder andere kann als Taxifahrer arbeiten oder in einer Werkstatt …. So bleibt vielen  nur das Betrügen und Belügen, sie werden betrogen und belogen, manches Mal bleibt nur der Versuch, anderen etwas wegzunehmen, oder (etwas prosaischer gesagt), der Diebstahl. Man stiehlt aus Not, nicht aus Berufung: nur selten sind die Diebe so geschickt, daß sie nicht erwischt werden, manch einer wandert ins Gefängnis… wird er entlassen, geht der Teufelskreis wieder von vorne los…. das Denken der meisten Figuren ist einfach, zu einfach meist, als daß sie ihr Leben grundlegend ändern könnten…

Es gibt oftmals Händel untereinander, die Fäuste ersetzen hin und wieder Argumente, auch die Messer sitzen offen, von vermeintlichen Freunden aufgehetzt wird im Jähzorn schon mal zugestochen, hin und wieder bleibt jemand auf der Strecke. Im Gefängnis bekommt man wenigstens regelmäßig sein Essen…

Die Liebe, die Liebe… man verguckt sich in ein Mädchen, man versucht, es zu beeindrucken, es verliebt zu machen… es gibt Rivalen, die auszustechen sind und ist man dann glücklich ein Paar, bedeutet das nicht unbedingt, daß der Mann das Sagen hat. Mancher sitzt stumm zu Hause, wird von den Vorwürfen der Frau wie unter Geröll vergraben. Manch einer mag sich auch fragen, wo nur das Mädchen geblieben ist, in das er sich seinerzeit verliebt hatte, diese böse, zankende, keifende Frau, mit der er zusammenlebt, kann es doch nicht sein?

Rom, ein paar Jahre nach Kriegsende, das zivile Leben hat wieder Einzug gehalten, es geht wieder „aufwärts“. Man geht wieder in Lokale, auch wenn sie einfach sind, trifft sich mit Freunden in der Bar, auch wenn es nicht unbedingt Freunde sind, man plant wieder sein Leben, will Familie haben.. wie es eben so sein sollte. Nicht immer sind in Moravias Geschichten den Verhältnisse so, daß dies auch umgesetzt werden kann, meist sind seine Figuren die Pechvögel, die Ungeschickten, die, die trotz aller Bemühungen den Teufelskreis nicht durchbrechen können…

Die Geschichten sind unabhängig voneinander. Meist sind sie gleich aufgebaut, die Hauptfigur stellt sich und ihre Lebensumstände kurz vor, gleich so, als ob sie mit dem Leser redet. Dann beginnt die Geschichte, die erzählt werden soll. Moravia schreibt eine (den Geschichten angepasste) einfache, kraftvolle, bildhafte und klare Sprache, er erzählt meist nur, manchmal aber läßt er seine Figuren über das, über ihr Leben auch reflektieren, ins alltags-philosophische abschweifen…

Ich habe dieses Buch über viele Wochen hinweg gelesen. Immer mal wieder ein, zwei, vllt sogar mal drei Geschichten, mehr nicht, zu ähnlich sind sich die meisten der Stücke. Die Erzählungen „erden“ ein wenig, man spürt beim Lesen, wie gut es uns heutzutage geht, daß unsere Sorgen oft weit abgehoben sind von denen, bei denen es ums Leben, ja, ums Überleben geht… beim Lesen vermischen sich die Geschichten mit den Bildern, die man selbst von Italien hat und es entsteht oft eine leichte, mittelmeerische Stimmung in einem selbst…. Römische Erzählungen sind ein ideales Buch für „zwischendurch“, für den Strand, die Bahn, den Flieger… oder den Abend, wenn man für kompliziertes schon ein wenig müde ist….

Weitere Bücher von Alberto Moravia hier im Blog:

Ich und Er
Die Römerin

Alberto Moravia
Römische Erzählungen
Übersetzt aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn
Originalausgabe: Racconti romani, Mailand, 1954
dieses Ausgabe: Sammlung Luchterhand, TB, ca. 480 S., 2010

Ein Zufallsfund in meiner Buchhandlung, das Cover sah so schön melancholisch aus und – das kann ich jetzt schon verraten – es trog nicht… die Autorin, Valentina D’Urbano, hat mit diesem Roman, dessen Veröffentlichung in Italien der Preis eines Literaturwettbewerbs war, ein fulminantes Stück realitätsnaher Literatur vorgelegt. Von der Autorin [1] ist im Web wenig mehr zu erfahren, als daß sie 1985 in Rom geboren wurde und (etwas kryptisch) daß das im Buch so beherrschende Viertel „La Fortezza“ dem Stadtviertel, in dem sie selbst aufwuchs, sehr ähnlich ist.

Die knapp 280 Taschenbuchseiten, die der Roman dünn ist, sind aufgeteilt in 50 Abschnitte, die wie kleine Mosaiksteinchen ein Bild geben der Hoffnungslosigkeit, der Verlorenheit, des Gefühls des Ausgegrenztseins, des Andersseins. Wir werden von der Autorin in eine auf den Hügeln der Stadt gelegenes Viertel geworden, das „La Fortezza“, die Festung, genannt wird. Hierhin fährt kein Taxi, die Polizei kommt nicht ins Viertel, hier herrschen eigene Gesetze und die Menschen, die hier leben sind ausgeschlossen vom „normalen“ Leben. Sie leben in leerstehenden Wohnungen, die sie „besetzt“ haben, immer muss jemand dort sein, weil sonst die nächsten kommen, die wenigen Habseligkeiten aus dem Fenster schmeißen und die Wohnung für sich selbst nehmen…

Das Buch fängt mit der Beerdigung von Alfredo an, der, so steht zu vermuten, nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. Es ist Beatrice, die Ich-Erzählerin, die seine Geschichte erzählt, die auch die ihre ist, denn sie beide wurden in La Fortezza nur „Die Zwillinge“ genannt. Schon auf den ersten Seiten wird klar, daß das Verhältnis der beiden jungen Menschen nicht einfach gewesen sein kann, ob sie durch Liebe oder durch Hass aneinander gebunden waren oder ob sie der Verhältnisse ihres Lebens wegen einfach sich gegenseitig Halt spendeten, es wird von allem etwas gewesen sein…

Nein, sie sind nicht ans Meer gefahren, obwohl der Vater das jeden Sommer versprach. Aber allein das Versprechen tat gut und war schön. Weniger schön waren die Schreie, die regelmäßig und häufig zu hören waren aus der Wohnung über der von Beatrice und ihrer Familie. Im Suff – soweit er nicht so besoffen war, daß er einfach umfiel – prügelte der Vater seine drei Söhne (und er war quasi immer besoffen) oft halbtot, ging mit dem Messer auf sie los, die Schreie der Jungen gellten durch das Haus und eines Tages lag der mittlere, Alfredo, voller Blut, mit verquollenem Gesicht, zugeschwollenen Augen im Treppenhaus und konnte sich nicht mehr rühren. Von diesem Tag an wurde er von Beas Familie aufgenommen und schlief oft im Bett zusammen mit den Geschwistern Bea und Francisco.

D`Urbano beschreibt die Lebensläufe ihrer Protagonisten chronologisch. Die „Bleiernen Jahre“ [3], in denen die Terroristenjagd bis in die Festung reichte, die 80er dann, in denen die Jugendlichen das Stigma der Herkunft spürten, in denen sie bei der Jobsuche als „Kriminelle angesehen wurden, von denen man sich fernhalten musste, nur weil sie am falschen Ort wohnten„. (dem Sinn nach zitiert). Solange sich die Autorin mit ihren Schilderungen ihrer sozialen Gruppe bewegt, fällt einem nicht allzuviel auf, wie die Verhältnisse im Vergleich sind zu „normalen“ (was immer das auch ist). Gut, Schule, Bildung, Ausbildung sind nicht die ganz großen Themen unter den Heranwachsenden, ja, es gibt auch ungewollte Schwangerschaften, die radikal beendet werden – aber das kommt ja in den besten Familien vor. Wie „anders“ das soziale Leben in La Fortezza war tatsächlich ist, wird deutlich, wenn es mit anderen sozialen Gruppen in Kontakt kommt.

Bea wird von der Mutter zusammen mit dem Bruder Francisco und mit Alfredo in die Gruppe der Kirchengemeinde geschickt, in der Weihnachtsschmuck hergestellt wird. Die beiden Jungs finden das ätzend, pöbeln herum und bleiben wieder weg. Auch für Bea ist das Bemalen von Weihnachtsbaumkugeln nicht sonderlich interessant, trotzdem findet sie es angenehm in der Gruppe, findet auch Kontakt zu einem der fremden Jungs von ausserhalb, der ihr in einem heimlichen Moment den ersten Kuss ihres Lebens gibt. Sie, die sonst nur mit Alfredo abhängt, merkt, daß es außerhalb ihres Viertels ein Leben gibt, das ihr gefallen könnte. Und dann…. fährt die Kirchengemeinde für eine Woche ans Meer und sie, Bea, kann einen Platz ergattern. Ans Meer, so wie es der Vater seit Jahren verkündet… Alfredo ist stinksauer, er brandmarkt sie beim Abschied wie ein Stück Vieh mit einem glühenden „A“ auf der Schulter.. aber all das kann ihre Freude über das Meer nicht trüben…

Dort lernt sie Marta kennen, ein Mädchen, das in die Uni will, das Bücher liest und das überhaupt niemanden kennt, der einmal im Knast gewesen ist – was Bea verrückt findet. (dem Sinne nach zitiert). Marta behandelt Bea ganz normal als Mensch, ihre Herkunft ist ihr egal.. für Bea ist dies, als ob ein Fenster in eine andere Welt geöffnet worden ist, in die sie hineinschnuppern darf und die sie reizt…

Es ist eine extrem komplizierte Liebesgeschichte zwischen Bea und Alfredo, eine Geschichte, die Besitzansprüche, Hassgefühle, Eifersucht und den Wunsch, zu beherrschen und zu verletzen zu einer explosiven Melange vermischt. Oft fließt Blut zwischen beiden, sie schlagen sich, trennen sich, Alfredo verliebt sich in ein anderes Mädchen und Bea legt es darauf an, ihre Unschuld zu verlieren… wie schwer fällt es beiden, ihre Gefühle zu erkennen und dazu zu stehen….

Das Leben unserer Helden kippt in einem Moment der Katastrophe. Polizei rast ins Viertel, Krankenwagen, das Haus von Bea und Alfredo wird abgesperrt.. sie mogeln sich durch, in die Wohnung von Alfredo. Blut, überall Blut, sie schwimmt im Blut und der älteste Bruder wird in Handschellen abgeführt. Er hat den Vater erstochen, -zig mal, der Brustkorb ist weg, das Gesicht nicht mehr zu erkennen…. Alfredo ist in einem Schock, aus dem er nicht mehr herauskommt, er lebt zwar bei Beas Familie, aber auch die kann nicht verhindern, daß er anfängt, zu fixen. So ist das letzte Drittel des Romans die Geschichte der aufopferungsvollen Pflege eines Junkies, vergeblicher Hoffnungen auf ein Ende der Sucht. Immer wieder wird Bea enttäuscht, Alfredo hält ein paar Wochen durch, aber nur, bis er die richtige Gelegenheit hat, wieder zu drücken und dann geht der Kreislauf von vorne los… bis zum Tod, bis Bea ihn dann eines Tages auf dem Klo findet, kalt, mit offenem Mund, ein wächsernes Gesicht, das früher mal Alfredo gehörte.

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Der Roman hat, wie aus der Beschreibung unschwer zu erkennen, zwei Handlungsstränge. Zum einen ist dies auf der Ebene der Personen das persönliche Schicksal von insbesondere Alfredo und Bea mit ihrer komplizierten Beziehungsgeschichte, die gleichzeitig auch eine Geschichte des Erwachsenwerdens (oder eben auch nicht….) und am Ende des Verlustes ist, der aber ebenso auch die Chance eines Neuanfangs beinhaltet. Auf einer anderen Ebene zeichnet D´Urbano ein schonungsloses, düsteres Bild einer Parallelgesellschaft mit eigenen Regeln, die von aussen her gesehen Terra prohibita und von innen nach außen betrachtet ein riesiges Gefängnis ist, zwar ohne Stahlgitter, aber mit fast ebenso abschottenden sozialem Stigma. Es sind nur wenige, denen die Autorin in ihrem Roman erlaubt, diese Grenze zu überwinden und z.B. gute Arbeit zu finden und damit unabhängig zu werden. Die Sprache D`Urbanos ist klar und schnörkellos, verschwurbelte Gedankenkonstrukte sind ihre Sache nicht und würden auch nicht passen. Die kurzen Abschnitte gestalten die Geschichte sehr szenisch und das Buch gewinnt dadurch ein hohes Erzähltempo. Bea kann der Festung letztlich entkommen, nachdem mit Alfredo die Fessel, der sie dort gehalten hat, verloren gegangen ist. Andere bleiben, müssen bleiben. Über ihre Zukunft kann man spekulieren, welche Chancen sie haben, ist unklar. Es wäre ein gutes Thema für einen der nächsten Romane dieser jungen Autorin. Bei diesem jedenfalls habe ich erst einmal kräftig durchgeatmet, nachdem ich ihn zugeschlagen habe.

Links und Anmerkungen:

[1] facebook-Profil der Autorin: https://www.facebook.com/valentinadurbano.autrice
[2] Leseprobe bei google.books: „http://books.google.de/books?id=gtGgAgAAQBAJ&printsec=frontcover&hl=de
[3] Hans-Jürgen Schlamp: Geschichte des Terrors: „Bleierne Jahre“; http://www.spiegel.de/spiegelspecial/a-306874.html

Valentina D’Urbano
Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung
Übersetzt aus dem Italienischen von Constanze Neumann
Originalausgabe: Longanesi, 2012
diese Ausgabe: dtv, 280 S., 2014

Wieder mal so ein Buch, dessen ich durch Zufall habhaft wurde und das mich mit seinem archaischen Zauber gefangen nahm. Archaisch, vllt führt dieser Begriff etwas zu weit zurück in die Zeit, die Novellensammlung, die Pirandello auf 365 Stück angelegt hatte, spielen doch erst vor ca Hundert Jahren auf Sizilien. Sizilien, 1861 mit dem Königreich Italien vereinigt, fiel in dieser Zeit gegen den prosperierenden Norden des Landes zurück, das – eben – „archaische“ Erbe scheint wie ein Anker gewirkt zu haben, der die Insel Sizilien zurückgehalten hat in alten Verhältnissen. Nur die Menschen nicht, Sizilianer hatten an der Auswanderungsbewegung, besonders in die USA, einen großen Anteil.

In dieser Spannung zwischen Althergekommenen und Neuen sind die Novellen Pirandellos angesiedelt. Ob es nun um den Begriff der Ehre geht, der den Ehemann traditionell zum Duell mit demjenigen zwingt, der seiner Ehefrau „zu nahe“ getreten ist (was dieser in der entsprechenden Novelle „Wenn man das Spiel verstanden hat“ aber schlicht verweigert) oder um die Aneignung technischer Entwicklungen, immer ist die Spannung zu spüren, in der die Menschen dieser Zeit stecken. So kommt der Erzähler („Die Überraschungen der Wissenschaft“) auf Einladung eines lange nicht mehr gesehenen Freundes in das Dorf (oh, welch mühselige Anreise, erst mit der Bahn, dann mit der Droschke, ein schönes Bild: Bahn und Droschke, modernes und altes Vehikel…), das ohne Licht und ohne Wasser ist. Er wird eingeladen zur Gemeinderatssitzung, in der dies beraten wird und muss miterleben, wie der Gemeinderat unfähig ist, eine Entscheidung zu treffen, auf welche Art man zu Licht im Dorfe kommen könne, denn würde man sich entscheiden, so gäbe es sicher schon am nächsten Tag eine bessere Lösung für das Problem, die man nun nicht mehr wählen könne, denn habe man sich ja schon festgelegt… und so bleibt dunkel im Ort und das Wasser kommt weiterhin aus den Brunnen….

In der „Leibrente“ wird der alte Bauer, dem seine Scholle Heimat ist, von seinem Hof gekauft. Gegen eine Leibrente wird ihm eine Unterkunft in der Stadt besorgt, für den neuen Besitzer, der sich um die Ratschläge des Alten nicht kümmert und alle geliebten Bäume fällt, sollte dies ein gutes Geschäft sein, die Erdentage des Alten scheinen überschaubar und das wertvolle Gut damit für ein paar Monate Leibrente fast geschenkt. Doch manchmal wird die Rechnung ohne den Tod gemacht, den der Alte selbst zu sich einlädt, schließlich plagt ihn das schlechte Gewissen, daß er ja doch die Rente kassiert und damit quasi die Verpflichtung übernommen hat, bald abzutreten, damit er nicht zu teuer käme….

Es sind auch Schelmengeschichten dabei, tragisches erzählt Pirandello. Celesia etwa („Der Lebensretter“) ist verbittert, von seiner Frau verlassen, die jedoch bei weitem nicht geächtet, sondern geachtet, mit ihrem Liebhaber, dem sie drei Kinder schenkte (und ihm selbst keins!), zusammen lebt, ist er der Welt gram, deuchen ihm die Menschen Tiger, Hyäenen oder Schlangen. Wie dem auch sei, am Tag, an dem die Tapferen des Ortes mit einer Medaille geehrt werden, erklingen Hilferufe vom Meer herüber.. keiner der Geehrten macht sich jedoch auf, seine Tapferkeit unter Beweis zu stellen, bis es unseren Misanthropen zuviel wird und er sich ein Boot schnappt und und im tobenden Unwetter hinausrudert…

Natürlich kann ich hier nicht alle Novellen erwähnen, nur ein paar noch: in „Seine Majestät“ rivalisieren zwei Männer, die dem König Vittorio Emanueles II bis aufs Barthaar gleiche, um die Vorherrschaft, in der Geschichte vom „Glück“ prallt der alte Standesdünkel der (jetzt verarmten) Adligen auf die neuen Zeiten….

„Novellen für ein Jahr“ ist eine Sammlung im besten Sinne unmoderner Geschichten, die von Menschen erzählen, sich Zeit nehmen, sie in der Kürze einer Novelle mit Leben zu füllen, ihnen Charakter zu geben, sie in ihren Eigenarten liebenswert zu machen. Es ist gemächlich in diesen Zeiten so wie auch in den Zeilen, der Umbruch, der politisch, technisch, gesellschaftlich vor der Tür steht, man spürt ihn, doch man traut ihm nicht…

Ein wunderschönes Büchlein also mit Geschichten für zwischendurch über Menschen und menschliches…

Luigi Pirandello
Novellen für ein Jahr II
übersetzt aus dem Italienischen von Lisa Rüdiger
Diogenes, TB, 1991

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