Christoph Hein: Horns Ende

Christoph Heins erster Roman aus dem Jahr 1985 führt uns in eine mittlerweile weit entfernt scheinende Vergangenheit. Die Handlung ist angesiedelt in einer Kleinstadt, einer Kurstadt in der Nähe Leipzigs, im Jahr 1957, sie spielt in der damaligen DDR. Das Schlüsselereignis der Romans ist schon im Titel festgestellt, es ist Horns Ende und es gilt das gleich anfangs getroffende Diktum, daß der Tod eines Mannes wie Horn ausreichen [sollte], um diese Stadt wie ein biblisches Gomorrha auszutilgen.

Die Geschehnisse, um die es geht, sind wie schon gesagt, im Jahr 1957 angesiedelt, sie werden jedoch aus der Rückschau geschildert. Es ist kein Einzelner, der sich erinnert, Hein läßt verschiedene Personen aus dieser Stadt zu Wort kommen, aus deren Erinnerungen sich ein Gesamtbild ergibt: Dr. Spodeck, einer der örtlichen Ärzte gehört dazu, Gertrude Fischlinger, die einen Krämerladen betreibt und bei der Horn über Jahre als Untermieter lebte, der Bürgermeister Kruschkatz, der am Schicksal Horns (mit)verantwortlich ist, sie waren einst in Leipzig Genossen, damals war Horn noch Dr. Horn, aber Stellung und Titel wurden ihm, nachdem er denunziert worden war, seinerzeit aberkannt. Mit Thomas, dem Sohn des Apothekers werden die Erinnerungen das damals elfjährigen Kindes wiedergegeben, dessen Freund Paul, der unerzogene Sohn der Gertrude Fischlinger, Horn damals gefunden hatte und der dieses Bild (… sie waren völlig verändert. Ihre Zunge, ihre Lippen …) sein Leben lang nicht vergessen konnte. Etwas anders sind die Erinnerungen Marlenes, eines verwirrten Mädchen, bzw. mittlerweile einer verwirrten jungen Frau mit einem ganz besonderen Schicksal: sie hat die unter den Nazis Denunziation als lebensunwertes Leben überlebt – dies aber nur, weil die Mutter ein schreckliches Opfer erbrachte. Gohl, ihr Vater, arbeitet jetzt im Museum, Thomas ist oft bei ihm, ansonsten hat er keinen Kontakt ins Städtchen und hat sich völlig zurückgezogen. Aber der Chef der Zigeunersippe, die sich in diesem Jahr Ende Mai auf dem großen Platz im Zentrum niederläßt, besucht ihn, und zwar nur ihn, sonst niemanden, so wenig wie die Zigeuner sich überhaupt um die Anordnungen des Bürgermeister kümmern, der sie auf einen abseits gelegenen Platz manövrieren will.

Was sich in dieser Stadt um Horn herum ereignete, läßt sich in groben Zügen so zusammenfassen: Horn arbeitet als Leiter des kleinen, örtlichem Museums, er ist unzugänglich, abweisend, schroff. Seine Bestrafung und Verurteilung hat nicht dazu geführt, daß er seine Ansichten geändert hat, nach wie vor glaubt er sich im Recht – und daß ihm Unrecht geschehen ist, die Anbiederungen Kruschkatz‘, der sich mit ihm ‚aussöhnen‘ will, weist er strikt zurück. Horn veranstaltet regelmäßige Abende im Museum, die zu den wenigen kulturellen Veranstaltungen in der Stadt gehören, auch wenn diese Abende nur von wenigen besucht werden. Horn hält zu diesen Gelegenheiten lokalhistorische Vorträge, mit denen er jedoch wiederum bei Linientreuen aneckt, Bachofen ist so einer, der Stellvertreter des Bürgermeisters. Dieser jedoch lehnt es ab, des- und eines anderen, nochmalig ’schweren Fehlers‘ wegen gegen Horn vorzugehen. Er wird daraufhin selber denunziert und muss sich vor einer Kommission rechtfertigen.

Horns Tod, sein Suizid, ist ein letzter, stummer Protest dieses Mannes, der das Unrecht nicht mehr ertrug und der allen klarmachen wollte, welche Schuld sie tragen, was sie mit ihrem Verhalten zu verantworten haben.


Heins Roman ist aber weit mehr als die Darstellung dieses skizzierten individuellen Schicksals der Titelfigur. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit den Verhältnissen in der DDR. Das Buch ist in acht Kapitel unterteilt, jedem Kapitel ist ein Dialog vorangestellt zwischen dem toten Horn und dem inzwischen gealterten (… es sind Jahre vergangen. Sehen Sie mich an, ich habe graue Haare.) Thomas. Der Tote findet keine Ruhe, er will wissen, was danach, nach seinem Tod geschehen ist, er pocht darauf, daß man sich erinnert (so wie auch er sich zu Lebzeiten immer an das ihm zugefügte Unrecht erinnert hat), daß man nicht vergißt, denn nur der, an den sich niemand erinnert, ist wirklich und endgültig tot…. Ein Satz, der sich in seinem Geltungsbereich ausweiten läßt auf die Ermordung der Juden, die der Zigeuner (die nach diesem Sommer nie wieder in der Stadt erscheinen sollten, also auch bildlich dem Vergessen anheim fallen werden wie der tote Horn) und der Ausmerzung des ‚unwerten Lebens‘, hier in der Figur der äußerst zurückgezogen lebenden Marlene.

Überhaupt die Erinnerung – Überlegungen zu ihr nehmen einen wichtigen Teil des Textes ein. Es gibt Passage, in der Thomas im Schlafzimmer der Eltern vor einem dieser alten dreiteiligen Spiegel sitzt, deren Außenflügel verstellbar sind. Je nachdem, wie man sie stellt, verändern sich die Bilder, Teile verschwinden, werden verzerrt oder ‚verkehrt‘ wiedergegeben. Damit wird der Spiegel zum Bild für die Erinnerung, die notwendigerweise immer auch durch die individuellen Charakteristika der jeweiligen Person geprägt ist und sich daher von der anderer unterscheidet: jede Erinnerung ist so wie auch jede Wahrheit relativ und nicht absolut. Auch dies ein ‚Angriff‘ auf den in der DDR offiziell herrschenden sozialistischen Realismus, der ein Absolutes vertritt.

Die Zigeuner mit ihren Pferden, Pferden, die sie den Bauern vermieten, die damit ihre Felder bewirtschaften – und die so dem politischen Druck zur Kollektivierung ausweichen können, zum Verdruss der Linientreuen.

Ganz im Gegensatz zum vermeintlichen Vergessen des alten Thomas steht die Ausführlichkeit der Erinnerungen der einzelnen Figuren im Roman. Diese Erinnerungen gehen weit über das Horn Betreffende hinaus, sie gehen weit in die Vergangenheit der jeweiligen Personen zurück, schildern ihr Leben, das meist trost- und freudlos war, von Demütigungen geprägt und fremdbestimmt. Dr. Spodeck beispielsweise, Sohn (einer von vielen, die der dominante Vater, ein ‚Wohltäter‘ der Stadt, in selbiger ausgesät hatte) eines Fabrikanten, wurde von diesem dazu ausgewählt, Medizin zu studieren und später die durch den Vater aufgekaufte Praxis zu übernehmen. Nur alle paar Jahre erschien der Sohn beim Vater zum demütigende Befehlsempfang, seiner Mutter zuliebe, wie er sich einzureden versuchte, in Wahrheit jedoch, weil der gegen den Vater nicht ankam…

Oder Gertrude Fischlinger, vom schlechten Mann schnell einer anderen wegen verlassen, mit der Erziehung ihres Sohnes heillos überfordert, selbst krank und malade und allein…. bei ihr wird Horn einquartiert, ein Untermieter, der für sie quasi unsichtbar bleiben sollte, bis auf eine unvermutete kurze Zeit der Wärme, die sich diese beiden Einsamen gegenseitig spenden sollten….

Thomas, der Sohn des Apothekers, noch in wilhelminischer Atmosphäre erzogen: der Kopf des Knaben vom Vater bei der Begrüßung von Entgegenkommenden noch weiter nach unten gedrückt, eine sehr symbolische Handlung. Der Vater, überhöht auf einem Podest stehend für das Kind, allmächtig, unangreifbar: selbst für die Hefte mit den spärlich bekleideten Damen, die Thomas beim heimlichen Durchsuchen der Bibliothek des Vaters hinter den Klassikern versteckt, findet, sucht sich der Knabe Vorwände…

Kruschkatz natürlich… ohne Ausbildung und Qualifikation hat sich dieser Mann hochgearbeitet, Stufe und Stufe einer Karriereleiter genommen, der er mit dem Bürgermeisterposten eine neue Stufe hinzufügen wollte. Eine Stufe, die er nicht nehmen sollte, an der er scheitern wird, beruflich und auch privat. Seine Frau, ohne die er nicht leben kann und die er aus Leipzig zu sich holt mit dem Versprechen, daß sie dort nicht beerdigt werden würde (man also in absehbarer Zeit das Städtchen wieder verließe) wendet sich von ihm ab, sagt ihm emotionslos, daß sie sich vor ihm ekelt, macht ihn ebenso für Horns Tod verantwortlich.

Es ist eine graue, trostlose Welt, die Hein schildert, trostlos die Figuren wie die graue Stadt mit ihrem zerfallenden Bahnhof. Von den Figuren ist keiner ein Sympathieträger, Mitleid ja, aber mehr? Selbst Horn bleibt fremd, ist dem Leser gegenüber genauso schroff und abweisend wie als Figur seinen Gegenübern.

Horns Ende von Hein (und hier bedanke ich mich sehr bei den Kolleginnen von meinem Lesekreis, durch die ich viele Anregungen erhalten habe): ein kleiner, intelligenter und auch ein wenig ein subversiver Roman über eine DDR, die es zwar nicht mehr gibt, die aber als Prototyp jeder Diktatur bzw. jedes autoritären Regimes gelten kann.

Links und Anmerkungen:

Von Christoph Hein habe ich hier im Blog schon folgende Romane besprochen:

– Frau Paula Trousseau
– Glückskind mit Vater

Christoph Hein
Horns Ende
DDR-Ausgabe: Berlin-Weimar, 1985

diese Ausgabe (Erstausgabe): Luchterhand, HC, ca. 266 S., 1985

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