Hans-Arved Willberg, Cornelia Gorenflo: Den Weg der Trauer gehen

Der Ratgeber von Willberg und Gorenflo gliedert sich in drei Teile:

Im „Teil I: Den Trauerweg verstehen“ werden Charakteristika, Eigenschaften und Verlauf von Trauerprozessen erläutert. Es wird kurz auf Phasenmodelle eingegangen, die aber nicht als absolut gesehen werden, sondern nur helfen, das Geschehen grob zu kategorisieren und damit greifbar zu machen. Jeder Mensch trauert anders, aber Trauer kann man auch als Krankheit auffassen, sie kann also geheilt werden, braucht dazu aber Zeit und Behandlung. Man muss der Trauer Raum geben, sonst kann sie nicht aus“heilen“ und es entwickelt sich etwas, was Willberg „Kranke Trauer“ nennt: Trauer im Übermaß oder verdrängte Trauer, nicht enden wollende Trauer.

Teil II: Den Trauerweg bewältigen“ zeigt einen Weg für den Trauernden auf, wie er seine Trauerarbeit aktiv leisten kann. Auch hier gliedert Willberg in eine Art Phasenmodell den Umgang mit der Trauer in
(i) den Verlust akzeptieren,
(ii) den Schmerz zulassen,
(iii) das Leben neu gestalten,
(iv) Mut zum Weitergehen und
(v) sich wieder anderen Menschen öffnen.
Zu all diesen Punkten werden auch ganz praktische Hinweise gegeben, ebenso wie für Menschen, die Trauernde begleiten. Bei Letzteren ist es oft ja so, daß viele Unsicherheiten auftreten, Ängste davor, was falsches zu sagen oder zu machen. Diese Befürchtungen versucht Willberg zu nehmen, in dem er immer wieder betont, daß einfach schon das „Da sein“, das Zuhören, das Aushalten, auch das Mit-leiden, das Teilen des Schmerzes wichtig ist, wichtiger oft wie Worte.

C. Gorenflo gibt im „Teil III: Ich bin den Trauerweg gegangen“ eine sehr persönliche, aufwühlende und bewegende Schilderung ihrer Trauerzeit nach dem frühen Krebstod ihres Mannes, der sie mit ihren fünf Kindern zurückließ. All das, was Willberg dargelegt hat, findet sich in diesem Schicksal wieder, die Verzweifelung, die Leere, die Wut, die Hoffnungslosigkeit, die ersten Versuche, das Schicksal anzunehmen, die Hilfe der Familie und Freunde, die Rückschläge aber auch die Fortschritte. Sie beschreibt die kleinen Rituale, die sie sich geschaffen hat, um ihren Alltag zu strukturieren, die Hilfsmittel, mit denen sie die teilweise übermächtigen Gefühle lenken konnte (ihre wunderbaren „Kühlschrankbotschaften“). Nur langsam findet sie aus ihrem Loch, in das sie gestürzt war, wieder in einen Alltag zurück, es gibt lange Phasen der Verzweifelung, der Unlust am Leben, am Weiterleben. Aber sie findet Hilfe, sieht, daß es andere Menschen mit ähnlichem Schicksal gibt, wird in Netzwerken von Freunden und gleich Betroffenen aufgefangen.

Linktip: kurzer Podcast mit Frau Gorenflo, hier eine Videoaufzeichung „Café Aperto

Das Buch konzentriert sich auf die Trauer, die Menschen nach dem Tod eines anderen Menschen erfahren müssen. Aber die Grundsätze, die beschrieben werden, treffen auch jede andere Verlusterfahrung und jeder, der schon getrauert hat, Verluste erlitten hat (und wer wäre das nicht…) wird sich in dem Buch wiederfinden. Mir selbst war es vor einiger Zeit (nicht durch dieses aber durch andere Bücher über Trauer) eine große Hilfe, zu sehen, daß dieses Gefühlschaos in mir „normal“ ist und dieses Verständnis darüber, was sich gerade in mir abspielt, war mir eine große Hilfe bei der Bewältigung.

Facit: ein wertvoller Ratgeber für beide, den Trauernden und den, der ihn begleiten will

Hans-Arved Willberg, Cornelia Gorenflo
Den Weg der Trauer gehen
SCM Hänssler, 2008, brosch., 192 S.
ISBN-10: 3775147276
ISBN-13: 978-3775147279

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