Ilmar Taska: Pobeda 1946

11. Oktober 2017

Ich muss es zugeben (auch wenn ich glaube, daß ich in dieser Beziehung in guter Gesellschaft bin), daß ich über die Staaten am Ostrand der Ostsee nicht wirklich viel weiß. Lettland, Litauen, Estland – kleine Staaten, immer wieder Spielball der größeren Mächte in ihrer Nachbarschaft, die sie untereinander verschacherten. Der Pakt von 1939 zwischen Nazi-Deutschland und der UdSSR, in dem die jeweiligen Interessensphären und definiert wurden und damit auch über das Schicksal der baltischen Staaten entschieden wurde, ist ein besonders drastisches Beispiel dafür. 1941 marschierte die Wehrmacht in diese Staaten ein und besetzte sie, Nazideutschland seinerseits wurde 1944 durch die Rote Armee vertrieben – die Okkupanten wechselten, die Okkupation jedoch blieb. Nach dem Krieg wurde die nationale Souveränität der Staaten endgültig aufgehoben und sie wurden in die UdSSR integriert. Der schon unter der deutschen Besatzung existierende Untergrundkampf der ‚Waldbrüder‘ ging dementsprechend weiter, man hatte die Hoffnung auf das Eingreifen der westlichen Siegermächte (noch) nicht aufgegeben. Daß der Untergrundkampf zu entschiedenen Aktionen der sowjetischen Staatsmacht führte, braucht im Grunde nicht erwähnt zu werden [2].


Dies sind Situation und Zeitpunkt, in/an die/den uns der Roman des estnischen Schriftstellers Ilmar Taska führt. Er spielt in der estnischen Hauptstadt Tallinn und schildert die unterschiedlichen Schicksale mehrerer Menschen, die jedoch zum Teil eng miteinander verzahnt sind.

Da ist zuvörderst der namenlos bleibende Junge zu nennen. Er ist sechs Jahre alt und lebt mit seinen Eltern in einer Mietwohnung. Der Vater hat seit Jahren das Hinterzimmer nicht verlassen, die Atmosphäre in der Wohnung und in der Familie ist düster. Dieser Junge sieht beim ‚Busfahrerspielen‘ vor dem Haus einen nagelneuen Pobeda [3] um die Ecke biegen und ist begeistert von dem Auto, in dem ein ebenfalls namenlos bleibender Mann sitzt, der ihn zum Mitfahren einlädt. Kann man es dem Jungen verdenken, daß er zu diesem netten Mann einsteigt, daß ihm der eine oder andere Satz herausrutscht, den zu sagen ihm die Eltern streng verboten haben? Daß der Vater am nächsten Tag nicht mehr in der Wohnung ist und daß die Mutter mit ihm zu seiner Tante geht und dann auch verschwunden ist, bringt er nicht mit diesem Mann in Verbindung. Im Gegenteil, sucht er die Nähe dieses freundlichen Mannes, der so tolle Geheimnisspiele mit ihm spielt, ganz anders als die Eltern.

Die Schwester der Mutter wohnt in einem kleinen Häuschen, sie war/ist Sängerin, auch wenn das Opernhaus in Schutt und Asche liegt. Sie und ihr britischer Geliebter, die sich in besseren Zeiten kennen gelernt hatten, haben einen Namen, Johanna und Alan. Sie schreiben sich Briefe und Johanna kann Alan auch hören: er ist Sprecher bei der BBC. Durch den Besuch der Schwester wird Johanna in des Geschehen mit einbezogen: der Junge, auf den sie aufpassen soll, flieht aus ihrem langweiligen Haus… und sie selbst ist durch die Korrespondenz mit einem Kapitalisten ins Visier des Geheimdienstes geraten. In Alan andererseits reift die Erkenntnis, daß er Johanna nach England bringen muss…

Der Mann mit dem Pobeda, auch er namenlos. Obwohl er eine ihm selbst nicht erkärbare Schwäche für die Frau entwickelt hat, nimmt er seine Aufgabe ernst. Zwar versucht er sie zu schonen, aber diese, die sich ihre Schwäche, der sie nachgegeben hat, nicht verzeihen kann, bleibt in den Verhören standhaft, sie verrät nichts und niemanden…


Es ist ein düsteres Bild, das Taska malt. Ein Land ohne Farbe, ohne Aussicht, mit der schwachen Hoffnung, daß vielleicht der Westen doch noch eingreift, schließlich war man ja vor kurzem noch verbündet. Es herrscht Angst und Willkür, eine falsche Reaktion und der Vermerk ‚Zur Deportation vormerken‘ zerstört das Leben, ohne daß der Betroffene weiß, warum. Skrupellos wird der Junge als Beschaffer von Informationen gegen seine Eltern und die Tante instrumentalisiert, wird selbst zum Spielball unterschiedlicher Interessen im Geheimdienst.

In die durch Deportationen freiwerdenden Wohnungen werden Menschen aus weit entfernten Teilen der UdSSR einquartiert [4], der Tante mit der relativ großzügig bemessenen Wohnung geht es ähnlich, obwohl sie selbst noch in der Wohnung wohnt. Durch kleine Geschenke an die inspizierende Beamtin kann sie schlimmeres abwenden, dabei hat sie ferner noch Glück, daß die einquartierte Ex-Nomadenfamilie  nicht als Spitzel taugt.

Ihr Geliebter entwickelt einen kühnen Plan, sie aus dem Land zu holen, ein Plan voller Risiken, nicht das geringste ist es, wie sich Johanna im fremden Land einleben und ob ihre Liebe im Alltag überhaupt überleben kann. Und so, wie im ‚Osten‘ jeder mit Auslandskontakten prinzipiell verdächtig ist, wird sie vom britischen Geheimdienst argwöhnisch betrachtet werden… ganz abgesehen davon, daß der Arm des russischen Pendants lang ist, sehr lang… und wenig fehlertolerant.

Apropos Fehlertoleranz: nicht um Mitleid zu erwecken muss man zur Kenntnis nehmen, daß auch die Schergen selbst Opfer sind und jederzeit Opfer werden können. Niemand kann voraussagen, was der ‚Hausherr‘ (so die interne Bezeichnung für Stalin) für Befehle gibt, welche Losungen er ausgibt, wer als Nächster ins Visier der/von Säuberungen gerät. So steht am Ende des Romans auch ‚Der Mann‘ auf der Abschussliste, wobei er noch Glück hat: zu viele Fehler hat er in den Augen des Generalmajors gemacht, Fehler, die möglicherweise auch auf diesen zurückfallen könnten, falls….. sicher ist sicher und am sichersten wäre es, alle einzukerkern, ohne Ausnahme.

Das Schicksal der Familie des Jungen kann man nur als tragisch bezeichnen. Ihr Bemühen, den Jungen aufwachsen zu lassen, ohne daß man ihn mit dem Wissen um die Gefahr belastet, macht ihn äußerst anfällig für Verlockungen: er sieht nicht, kann nicht sehen, daß man ihn nur missbraucht. Wieviel schöner ist es für einen Sechsjährigen, im Lockvogel, dem Pobeda, auf gut riechenden Ledersitzen zu sitzen, neben einem freundlichen Mann, der einem jeden Wunsch erfüllt als in der dunklen, düsteren Wohnung, in der sich die Depression eingenistet hat…

Interessant ist das Verhältnis der Frau zu dem (Geheimdienst)Mann: ihm, der psychologisch geschult ist, ist es leicht gefallen, mit Blumen und Pralinen gute Stimmung zu erzeugen, Trost zu spenden ob des Schicksals des abgeholten Ehemannes und die Frau letztendlich in ihrer Schwäche zu verführen. Eine Schwäche, die sich die Frau nicht verzeihen kann, die jedoch bei beiden eine Komponente hat, die über den Zweck, der erreicht werden sollte, hinausgeht: es gab eine gewissen Attraktion zwischen beiden. Unter anderen Umständen…

Die Namenlosigkeit dieser Figuren, ein Symbol des Autoren dafür, wie allgemein diese Schicksale zu nehmen sind: jeder konnte betroffen sein, ohne Ausnahme. Besonders dagegen ist das Schicksal des Paares Johanna und Alan, daß ihnen eine Zukunft erhalten bleibt, ist die absolute Ausnahme, besonderen Umständen gedankt, ihnen ‚lohnt sich‘, Namen zu geben.


Taskas Roman schildert die Vorgänge weitgehend nüchtern, obwohl die Angst der Figuren, das Gehetzte, die Unsicherheit deutlich spürbar ist. Da der Autor eine recht einfach strukturierte Sprache spricht (das soll keine Bewertung sein!), halte ich das Buch sogar für Jugendliche gut geeignet: die Strukturen und Geschehnisse dieser Geschichte lassen sich wohl ohne großes Verbiegen in jedes totalitäre Regime übertragen.

Sehr anschaulich sind auch die kursiv abgesetzten Passagen, in denen Taska seine Figuren selbst zu Worte kommen läßt, indem er ihre Gedanken wiedergibt: Befürchtungen, Ängste, Hoffnungen werden deutlich, seltene Glücksgefühle, Erleichterung, Pläne über das, was als Nächstes zu tun oder zu erreichen ist….

Im Ganzen gesehen ist Pobeda 1946 also ein Roman, der mich sehr positiv überrascht hat: er entführt in eine Weltgegend, in die man auf üblichen Wegen eher selten kommt und macht auf tragische Weise deutlich, wie menschenverachtend dieser (und jeder andere) totalitäre Staat war bzw. ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren der Wiki-Beitrag. https://de.wikipedia.org/wiki/Ilmar_Taska
[2] ein paar Quellen zur baltischen Geschichte, durch die ich mich gelesen habe:  https://de.wikibooks.org/wiki/Baltische_Länder:..Fremdherrschaft
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Estlands
https://linnamuuseum.tartu.ee/en/kgb-kongide-muuseum/pusinaitus/
https://de.wikipedia.org/wiki/Waldbrüder
https://kommunismusgeschichte.de/jhk/jhk-2012/article/detail/estland-waehrend-des-stalinismus-1940-1953-gewalt-und-saeuberungen-im-namen-der-umgestaltung-einer-ge/
[3] Zum Namensgeber des Buches:
https://de.wikipedia.org/wiki/GAZ-M20_Pobeda
[4] lag der Anteil an Russen an der estnischen Bevölkerung 1922 bei 8,2%, stieg er bis 1959 auf über 20 % und liegt noch 2011 (bei einem Maximum von über 30 % im Jahr 1989) bei über 25 %. (https://de.wikipedia.org/wiki/Estland#Bev.C3.B6lkerung)

Ilmar Taska
Pobeda 1964
Übersetzt aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt 
Originalausgabe: Pobeda 1964, Tallinn, 2014
diese Ausgabe: Kommode-Verlag, HC, ca. 300 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Advertisements

sofi cover

Sofi Oksanen, eine junge finnische Autorin [1], die ich hier im Blog schon mit ihrem Erfolgsroman Fegefeuer vorgestellt habe [2], legt rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse mit ihrem diesjährigen Gastland Finnland [5] ihren neuen Roman Als die Tauben verschwanden in deutscher Übersetzung vor. Wie schon in Fegefeuer ist die Handlung in Estland, dem nördlichsten und kleinsten der baltischen Staaten [3] angesiedelt und führt uns als Leser zurück in die Zeit des 2. Weltkrieges. Ich denke, den meisten geht es so wie mir, die Geschichte dieser Staaten, die den benachbarten Riesen Russland und Deutschland oft als Spielball eigener Interessen dienten, ist uns nicht sonderlich präsent, für das Verständnis des Romans ist es daher hilfreich, sich zumindest einen Überblick zu verschaffen [4].

Aber wir erschraken nicht, die Feinde erschraken, uns trieb der Zorn an, und er trieb uns mit solcher Kraft an, daß die Gegner für einen Moment anhielten … unser Zorn nagelte sie an dem Augenblick fest, als das Feuer eröffnet wurde; mit den anderen zusammen griff ich den Bus an,
und wir töteten alle.

Sofi Oksanen hält sich nicht langen Einführungen auf. Nach einem kurzen Prolog, der im Jahr 1948 spielt und uns zwei der Hauptfiguren, nämlich Roland, der „seine“ Abschnitte im Buch als Ich-Erzähler formuliert und Juudit, die zumindest in einem besonderen Verhältnis zu ihm steht, vorstellt, wechselt Oksanen zurück in das Jahr 1941, in dem das Land nach der Verschacherung durch den Hitler-Stalin-Pakt unter sowjetischer Herrschaft steht.

Roland ist Anführer einer Untergrundgruppe, die gegen die Sowjets vorgeht, die vor kurzem erst gegen die Vernichtungsbataillone [4] gekämpft hat und der sich jetzt gleich mit seinen Leuten der sich nähernden Militärkolonne entgegenstellen wird. Es ist ein erbarmungsloser Kampf, wie entmenschlicht und automatisiert agieren die Männer, schlagen selbst auf die Toten noch ein, sind außer sich vor Wut, sind in einem rasenden Furor. Bis auf Rolands Vetter Edgar, mit dem wir die dritte, vllt sogar zentrale Hauptfigur des Romans kennen lernen. Edgar ist ein Maulheld, ein eloquenter Schwätzer, der Leuten ein X für ein U vormachen kann, ein Stehaufmännchen, das skrupellos seinen Vorteil sucht und sein Fähnchen in den Wind hängt – der Kampf war eher nichts für ihn….

Übersichtskarte Estland Bildquelle: [B]

Übersichtskarte Estland
Bildquelle: [B]

Juudit ist Edgars Frau, sie ist auf ihn hereingefallen, auf sein Schöntun, seine Geschichten…. hereingefallen, weil ihr Mann, sobald sich die Türen hinter ihnen schließen und sie allein sind, keinerlei Interesse an ihr als Frau hat, gerade, daß er mit Müh´ und Not die Ehe vollzieht. Tiefste Verunsicherung bei Juudit, Zweifel und auch Angst, wer kann helfen? Edgars Tod empfände  sie als Erlösung, Scham über diesen Gedanken. Schließlich versteht es Edgar, es nach außen hin so darzustellen, daß seine Frau die Schuld an den Eheproblemen trägt… Roland dagegen ist mit Rosalie zusammen, sie haben noch nicht geheiratet, aber sie sind glücklich miteinander, wissen, daß sie füreinander bestimmt sind. Nachdem der Hof von Rolands Familie enteignet worden ist, leben sie auf dem Hof der Eltern Rosalies.

Die Sowjets wüten, Deportationen finden statt, Bombenhagel auf Tallinn, der Einmarsch der Wehrmacht wird erwartet, wird von fast allen erhofft. Und tatsächlich, nachdem sie die Sowjets zurückgeschlagen haben, schaffen sie erst einmal Ordnung, setzen eine funktionierende Verwaltung ein – und trotzdem herrscht weiter bitterste Not, auch Juudit, ohne Mann, muss sehen, wie sie überlebt..

Edgar kommt zurück nach Estland, vor Juudit verheimlicht er das. Er kann sich mit seinem Talent (er beherrscht die örtlichen Sprachen, kann Dokumente fälschen und Handschriften nachmachen) und den entsprechenden Lebenslügen bei den Deutschen einschleimen, dort versucht er nicht nur zu überleben, sondern hochzukommen. Roland dagegen hat in einem Lager gesessen, kann fliehen, geht in den Untergrund, um für Estland zu kämpfen und als er zurück zur Familie kommt, spricht niemand mit ihm über Rosalie, die tot ist, verscharrt als Selbstmörderin. Er glaubt dies nicht, will die Wahrheit herausfinden und überredet/erpresst (?) Juudit, ihm zu helfen. So lernt Juudit den SS-Offizier Hellmuth Hertz kennen und lieben – Gefühle, die auf Gegenseitigkeit beruhen. Bei ihm findet sie all das, was ihr seinerzeit ihr verschollener Ehemann nicht geben konnte. Das dies auch in materiell angenehmer Umgebung geschieht, ist ihr durchaus angenehm.  Juudits Kavalier ist tragischerweise der gleiche Offizier, den Edgar für seine Zwecke einzuspannen versucht…  Währenddessen setzt Roland die Frau weiter unter Druck, spannt sie für seine Aktionen als Fluchthelferin ein…. und dann schlägt das Schicksal wieder eine Volte, in den Monaten nach Stalingrad ist absehbar, daß die Front immer näher an Estland heranrückt, daß die Deutschen den Krieg nicht mehr gewinnen können…

Zwischen diesen Abschnitten, die das persönliche Schicksal der drei Protagonisten vor dem Hintergrund des 2. Weltkrieges in Estland schildern, springt die Geschichte zwei Jahrzehnte weiter und schildert das Leben Edgar Parts, der in Diensten der sowjetischen Herrschaft steht und zusammen mit seiner Frau lebt. Edgar hat es geschafft, zu überleben, doch die Vergangenheit hängt an ihm wie ein Anker, der sein Fortkommen beschwert. Aufgrund seiner Arbeit, er soll ein Buch verfassen über die Geschichte Estlands unter den Faschisten, hat er Zugang zu Archiven, dort findet er ein Tagebuch, das er Roland zuordnen kann. Roland – nirgends ein Hinweis auf seinen Tod, also lebt er noch? Die Möglichkeit besteht, und damit die Gefahr, daß seine, Edgar Parts eigene, Vergangenheit, aufgedeckt wird.. er macht Roland in seinem Buch zum Kollaborateur, zum gewissenlosen Lageraufseher, der Dutzende von Morden auf dem Gewissen hat…… und Juudit, seine Frau, mittlerweile dem Alkohol verfallen, die alles vernachlässigt, die offensichtlich krank ist, die ihn gesellschaftlich isoliert….. ist sie etwa HERZ, diesen Decknamen, den er im Tagebuch las? Hat das Kontor schon davon Kenntnis, ist der Observationsauftrag, den er jetzt hat und der so garnicht zu seinem Tätigkeitsprofil gehört, schon ein Zeichen für seinen Fall?

Doch wie so oft kommt der Zufall Parts zuhilfe, intelligent ist er, einen Überlebenswillen hat er und so dröselt sich das Knäuel persönlicher Schicksale gerade durch diese Observation langsam auf…


Als die Tauben verschwanden (die Bedeutung des Titels erklärt sich im Lauf der Handlung) ist ein bedrückender, eindringlicher Roman, mit Menschen als Helden, denen das Schicksal wie ein Netz über ihr Leben gestülpt wird, das ihnen zwar noch das zappeln erlaubt, eine kaum ein Entkommen. Der Krieg, der über Estland gekommen ist, weil sich zwei diesen kleinen Flecken Erde einfach untereinander aufgeteilt haben, läßt nur wenige Alternativen, Kampf, Not, Elend, ja Tod: bedeuten beide in einer Zeit, in der das schiere Überleben als Zeichen der Schuld genommen wird, denn wer überlebt hat, hat mit dem Feind kollaboriert, sonst wäre er tot.

Es gibt ein paar Unerschrockene, es gibt Ausnahmen: Roland ist so eine. Sie haben eine Idee, einen Traum und das Leben, das ihres war, existiert nicht mehr: was also haben sie noch zu verlieren? Sie kämpfen im Untergrund, sie verstecken sich, sie helfen anderen zur Flucht, werden selbst gejagt…sie werden (wie solche Mensch überall in der Welt) in der Zukunft zu moralischen Pfeilern werden, an denen sich  eine neue Nation orientieren kann und die das Gegengewicht bilden zu denjenigen, die sich den neuen Machthabern angedient haben…

Ein Leben in Angst, in Misstrauen ist es, was Oksanen schildert. Was weißt du von mir, was weiß ich von dir? Was hast du damals gemacht, was machst du heute? Es ist ein Katz-und-Mausspiel, bei dem nicht immer klar ist, ob die Katze nicht für jemand anderen schon lange die Maus ist… vielleicht ist es bezeichnend, daß die Autorin Edgar Parts, dem Überlebenskünstler, in den Mittelpunkt ihrer Geschichte stellt, weil er am authentischsten diesen Geist solcher unfreien Gesellschaften verkörpert: du musst dem Moloch liefern, sonst bist du geliefert.

Roland dagegen bleibt seltsam blass in seiner Erscheinung, wird bei weitem nicht so stark gezeichnet wie sein Cousin. Zwar erfahren wir auch von ihm einige Details seines Lebenslaufes in dieser Zeit, jedoch beschränkt sich die Autoren dabei im wesentlichen auf die äußeren Abläufe, auf die groben Züge. Roland kämpft im Untergrund und so verborgen bleibt er auch im Text.

Und Juudit? Durch diese „Ehe“ mit Edgar zutiefst verletzt und traumatisiert, als Stadtkind bei ihren angeheirateten Verwandten auf dem Land ein Aussenseiter, muss sehen, wie sie zurecht kommt. Für sie scheint das Schicksal in der Figur des SS-Offiziers, eines Menschen auf der Sonnenseite des Lebens, eine Fügung bereit zu halten, wie sie sich im Traum nicht hätte vorstellen können. Ihr Schicksal ist tragisch, rührt an in seinem Zwiespalt: man weiß als Leser, daß es schlimm wird ausgehen wird (schließlich weiß man ja, wie der Krieg endete), würde dieser Frau aber die Erfüllung ihrer Liebe, denn es scheint Liebe zu sein zwischen ihr und Hellmuth) gönnen – aber diese Beziehung ist natürlich auch Verrat an den eigenen Leuten: ein SS-Offizier, der ihr ein materiell gutes Leben bietet, während die Landsleute hungern und verfolgt werden. Und den sie selbst wiederum belügt, indem sie sich von Roland als Helferin anwerben läßt….


Oksanens Figuren sind tragische Helden, die zum Scheitern verurteilt sind. Es gibt keine Gewinner und selbst Edgar, der wie eine Katze immer auf die Pfoten zu fallen scheint, ist nicht wirklich ein Gewinner, allenfalls einer Überlebender. Zu sehr muss er sich jeweils anpassen, das Geheimnis seiner Seele, der Grund, aus dem er Juudit nie anrührte, Oksanen deutet dies nur ganz am Rande und doch in einem zentralen, folgenschweren Ereignis an: er lebt es nicht, muss es verbergen… auch hier: Mitwisser, die ihm gefährlich werden können, müssen beseitigt werden.

So ist das Buch atmosphärisch dicht, düster, tragisch, die Sprache dieser Stimmung angepasst. Durch die eingestreuten „Zitate“ aus dem Buch, das Edgar im Auftrag des „Kontors“ schreibt sowie durch Passagen, in denen historische Vorkomnisse geschildert werden,  macht der Text in Teilen einen fast dokumentarischen Eindruck. Sobald man sich als Leser in diesen Roman eingefunden hat – Oksanen erklärt wenig, vieles erschließt sich erst im Lauf der Handlung – entwickelt er einen starken Sog, bis er gegen Ende so fesselnd wird wie ein Thriller. Ein großes Leseerlebnis!

Links und Anmerkungen:

[1] Sofi Oksanen: Website der Autorin: http://www.sofioksanen.com/biography/
– Wiki-Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Sofi_Oksanen
[2] Sofi Oksanen: Fegefeuer; https://radiergummi.wordpress.com/2010/11/29/….
[3] vgl. Wiki-Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Baltische_Staaten
[4] Geschichte Estlands: im Überblick: http://www.uni-koblenz.de/ist/ewis/eelkgesch.html
– ausführlicher in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Estlands
– Vernichtungsbataillone http://books.google.de/….
– Werner Pfeiffer: Völkermord im weißen Winkel Europas; http://jungefreiheit.de/service/archiv/…..
– Widerstand gegen die Russen („Sommerkrieg“): http://books.google.de/books?….
– Märzdepotationen http://de.wikipedia.org/wiki/Märzdeportationen_1949…
– judenverfolgung: http://www.j-zeit.de/archiv/artikel.431.html
[5] Finnland. Cool. – Unser Ehrengast 2014 http://www.buchmesse.de/de/ehrengast/

[B]ildquellen: Übersichtskarte: Wiki-Beitrag zu Estland: http://de.wikipedia.org/wiki/Estland; By Original uploaded by Tzzzpfff (Transferred by Terfili) (Original uploaded on de.wikipedia) [Public domain], via Wikimedia Commons


Als die Tauben verschwanden
Übersetzt aus dem Finnischen von Angela Plöger
Originalausgabe: Kun kyyhkyset katosivat, Helsinki 201??
diese Ausgabe (als unkorrigiertes Leseexemplar): Kiepenheuer & Witsch, HC, 432 S., 2014

Ich möchte dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars danken.

Sofi Oksanen: Fegefeuer

29. November 2010


Die Ostsee, das Baltikum, die Nähe zu Finnland und Russland: Estland, ein Land am Rande Europas. Hier spielt die Geschichte, die die junge Autorin Oksanen erzählt aus der Sicht der Jahre knapp nach der Unabhängigkeit des Landes, die es durch die Garbatschow´sche Perestroika und Glastnost errungen hat.

Aliide, die einsam auf einem heruntergekommenen Bauernhof lebt, ist alt, misstrauisch, menschenfeindlich. Sie schottet sich ab gegen das Aussen. Angst, nein Angst hat sie nicht, obwohl ihr Hund vergiftet wurde, die Hühner getötet. Um noch Angst zu haben, hat sie zuviel gesehen in ihrem Leben. Diese alte Frau also sieht eines Morgens im Garten ein Bündel Mensch liegen, dreckig, stinkend, verkommen, verletzt, entsozialisiert, der normalen Sprache und des normalen Verhaltens kaum noch mächtig. Ein antiquiertes Estnisch quillt unkoordiniert aus dem Mund des jungen Mädchens, das so elend ist, daß selbst Aliide es nicht weiterjagen kann, denn daß Zara wie ein gehetztes Tier auf der Flucht ist, ist allzu offensichtlich. Zwischen Aliide und Zara (A und Z, Anfang und Ende?) besteht eine Verbindung außerhalb dieser Begegnung, und diese Verbindung enthüllt Oksanen langsam, Schritt für Schritt in vielen Rückblenden. Dabei verwebt sie die private, persönliche Geschichte der alten Aliide mit den Zeitläuften, bzw. sie zeigt, wie sich kein Mensch von diesen freimachen kann.

1936, zu der Zeit also noch, in der Estland für kurze Zeit ein eigenständiger Staat war, flanieren die Schwestern Ingel und Aliide Sonntags auf dem Friedhof in der Hoffnung, einen Mann zu treffen, in den sie sich verlieben können. Und tatsächlich: eines Sonntags ist dort ein Mann und es ist Liebe auf den ersten Blick, die in Aliide fährt. Und auch den Mann trifft der Blitz, das Zigarettenetui, das er hochheben will, scheint in der Luft schweben zu bleiben, denn von einem Moment auf den anderen besteht seine Welt nur noch aus Aliides Schwester Ingel. Ingel und Hans heiraten und bekommen eine Tochter, die von heftiger Eifersucht geplagte Aliide lebt mit ihnen im Haus ihrer Eltern, die in den Wirren der Zeit von den Kommunisten verschleppt werden. Hans dagegen paktiert mit den Nazis und kämpft gegen die Russen, so daß er nach deren Wiederkehr fliehen muss. Die beiden Frauen, die ihn beide unendlich lieben, versuchen, ihn zu retten und zu verstecken.

Aliide wird verhört, doch es bleibt nicht beim Befragen.

Als der nackte Körper der Frau den Steinfussboden berührte, regte die Frau sich nicht mehr. Die Frau mit dem Sack über den Kopf in der Zimmermitte war eine Fremde und Aliide war fort, ihr Herz lief mit den Wurmbeinen in Spalten Löcher Furchen, verschmolz mit der Wurzel, die in der Erde unter dem Zimmer wuchs.

Sie verrät ihre Liebe Hans nicht. Ein weiteres Verhör erfolgt im Jahr darauf, diesmal werden auch Ingel und die Tochter auf die Gemeindeverwaltung geholt. Und was dieses Mal geschieht, zerbricht Aliide endgültig. Obwohl sie, die im normalen Leben von ihrer Schwester bevormundet wird, in Krisensituationen die stärkere, besonnenere, entschlusskräftigere von beiden ist, wird sie jetzt von Angst, schierer Angst, beherrscht.

Aliide paktiert mit dem Teufel, um der Hölle zu entkommen.

Sie arbeitet mit dem System zusammen, heiratet einen Funktionär und gewinnt so nach außen hin Sicherheit. Nach innen hat aber auch die Möglichkeit, ihren Hans weiterhinzu schützen. Der Preis dafür ist hoch, fast unendlich hoch, aber sie ist bereit, ihn zu zahlen. Sie gibt dem Teufel ihre Seele.

Doch nach Jahrzehnten taucht dieses Mädchen aus Wladiwostok auf. Zara, die von ihrer „Freundin“ mit lockenden Versprechen für schöne Strümpfe und Kleider in den Westen verführt wurde, wo sie dann von ihren Zuhältern zur reinen Ware zurechtgeprügelt wurde. Alles, bis aufs Atmen, bedarf der Erlaubnis und kostet sie Gebühren, die sie ab“arbeiten“ muss. Ein Mädchen, das sich dagegen auflehnt, verschwindet. Es verschwindet sich leicht und schnell in diesem Milieu. Es ist unendlich grausam, was Oksanen dort andeutet und in einigen Szenen auch deutlich schildert, es ist ein Grund, sich seines Mannseins zu schämen. Und angesichts der vielen Mädchen und jungen Frauen aus dem Osten, die in Westeuropa ihren Körper verkaufen (müssen), denke ich, daß Oksanen hier eine existierende Realität beschreibt, vor der oft genug die Augen geschlossen werden. Ohne die Nachfrage bei den hiesigen Männern gäbe es auch das „Angebot“ nicht….

Ich will nicht weiter auf den Inhalt des Buches, den Gang seiner Geschichte eingehen, um nicht zuviel zu verraten. Nur soviel, daß Aliide Zara, dieses Mädchen, das ein ein altes Foto dabei hat, auf dem sie sich wiedererkennt, nicht wegschicken kann wie sie eigentlich wollte, weil dieser gequälte Körper sie an ihren eigenen früheren erinnert, sogar fast ein wenig lieb gewinnt…..

Oksanen hat ein sehr sprachmächtiges Buch geschrieben. Viele eindrucksvolle Bilder und Beschreibungen bietet sie, vieles von dem, was sie erzählt, geht direkt durch in die Seele. Immer wieder die Fliegen, die auftauchen, ihre Eier legen und unverwüstlich sind. In eine solche hat sich auch Aliide zurückgezogen bei ihren Folterungen…. estnisches Leben wird beschrieben mit seinen Traditionen (vor allem dem Einkochen und der Bevorraten für den Winter) und der im Gegensatz zum rationalen Kommunismus stehende Glaube an Beschwörungen und Rituale. Sie macht keinen Halt vor dem Schweiß, den die Angst aus dem Körper treibt und dem Gestank der Männer, insbesondere dem von Martin, Aliides Mann, den sie nur zu ertragen lernt, indem sie durch den Mund atmet.

Es ist ein Buch über die Gewalt, über das Zerbrechen von Menschen, über das Entmenschlichen. Über Männer als Täter und Frauen als Opfer. Oksanen macht klar, daß Frauen in solchen Situationen immer in einer Währung bezahlen müssen, ob nun nach dem Krieg belastende Dokumente verschwinden müssen oder ob der Zuhälter ihr eine vermeintlichen Gefallen getan hat: „Zieh dich aus und danke mir.“ ….
Es ist aber auch die Geschichte einer Frau, die ihrerseits bereit ist, Menschen zu opfern, um ein Ziel zu erreichen. Es ist ein grausames Buch in seiner Deutlichkeit, die manchmal nur in den An“deut“ungen liegt:

„Aliide Tamm soll das machen. Führt sie zum Tisch.“
Sie sagten nichts, sie sagten nichts.
„Mach, daß sie die Glühbirne nimmt.“
Sie sagten nichts sie sagten nichts nichts nichts.
„Nimm die Glühbirne, du Schlampe!“

Manches ist zu grausam, um erfunden zu sein…..

… und es ist ein grausames Buch, weil das Wort „Mitleid“, mit-leiden fehlt, nicht zu existieren scheint. Wie ist es möglich, daß Menschen so werden, ganze Gesellschaften sogar….. das ist die Frage, die mir beim und nach dem Lesen nicht aus dem Kopf gehen will…..

„Fegefeuer“ ist aber auch ein spannendes Buch, das man manchmal einfach aus der Hand legen muss, um das Gelesene zu verdauen, aber das man nicht lange liegen lassen kann, weil man erfahren muss, wie die Geschichte weitergeht. Das Hin- und Herspringen zwischen den verschiedenen Epochen bildet immense Spannungsbögen in den einzelnen Handlungsfäden, die auch bis zum Schluss aufrecht erhalten werden.

Facit: Bibliophilin hat geschrieben, man bräuchte Kraft für dieses Buch. Ja, das stimmt. Aber es gibt auch viel, weil es nichts verschweigt.

Sofi Oksanen
Fegefeuer
Kiepenheuer & Witsch, 2010, HC, 395 S.

%d Bloggern gefällt das: