Thomas Hardy: Im Dunkeln

Vorbemerkung: der 1895 von Hardy veröffentlichte Roman Jude the Obscure ist im Deutschen auch unter folgenden Titeln publiziert worden: Im Dunkeln, Herzen in Aufruhr und Juda, der Unberühmte. Ein weiteres ‚Problem‘ ist der Name der Hauptperson, die im Original ‚Jude‘ heißt, was als Eigenname im Deutschen unbekannt ist und als Wort eine völlig andere, im Zusammenhang mit dem Roman irritierende Bedeutung hat. So wird der Protagonist der Geschichte in der Übersetzung also kurzerhand in ‚Juda‘ umbenannt, auch das ein Name, der biblische Assoziationen aufkommen läßt, was aber im Gesamtzusammenhang des Romans gar nicht so unpassend ist. (btw: ich habe mich in jungen Jahren in dieser Hinsicht auch mit dem Beatles-Titel Hey Jude sehr schwer getan….)

Mit dem Titel Im Dunkeln steht dieser Roman schon länger bei mir im Regal, als ich neulich bei Waters in ihrer Muschelöffnerin [3] dieses Buch erwähnt fand (was zeitlich ja sehr knapp ist, da der Roman erst 1895, also in der Endzeit der Romanhandlung Waters‘ erschienen ist) habe ich ihn mir endlich aus dem Regal geholt und das schon länger geplante Lesen auch umgesetzt….


Juda Fawley also ist die Hauptperson, deren Leben wir in diesem Roman verfolgen können. Er wird nach dem Tod der Eltern, über den wir im Lauf der Geschichte kurz aufgeklärt werden, bei der Tante groß, einer Tante, die ihn nicht besonders liebt, aber immerhin dafür sorgt, daß er gekleidet ist, zu essen hat und später dann auch arbeiten kann. Das große Idol des kleinen Juda ist der örtliche Lehrer und so beginnt der Roman gleich mit einer Trennung, der Schulmeister zog aus dem Dorfe fort; das schienen alles zu bedauern. Er; Phillotson mit Name, wollte in der recht nahe gelegenen Stadt Christminster (=Oxford), nichtsdestotrotz jedoch einer anderen Welt, weiterkommen, einen akademischen Grad erringen und Geistlicher werden. Mit diesem Begehr setzt er für den jungen Schüler Juda einen Traum in die Welt, dem dieser fortan nachjagen sollte. Die nächsten Jahre versucht der Junge, der im Dorf seines Traumes wegen ein wenig verlacht wird, sich Bildung anzueignen, er besorgt sich Bücher, lateinische und griechische und bringt sich diese Sprachen bei. Das Pferd beispielsweise, mit dem er später Brot für seine Tante, die eine Bäckerei hat, ausfährt, kennt bald den Weg und so läßt er es allein laufen und sitzt derweil auf dem Kutscherbock und lernt…

Aber Juda ist nicht nur Lernender, er hat auch ein funktionierendes endokrines System, auch wenn Hardy diesen Ausdruck im Roman natürlich nicht verwendet. Und dieses System wird durch Arabella im wahrsten Sinne des Wortes angeworfen. Als Tochter eines Schweinehalters hilft sie dem Vater und wäscht zusammen mit Freundinnen am Fluss, just in dem Moment, in dem Juda auf seinem Weg dort vorbei kommt, Schweinedärme aus und bewirft den Vorbeikommenden mit dem, was den Eber zum Eber macht. Ein fürwahr köstliche Szene mit Folgen: Christminster war  jetzt vergessen. Sich mit Arabella über den gewöhnlichen Dorfklatsch zu unterhalten, gewährte ihm größeren Genuß, als es eine Diskussion über sämtliche Philosophiesysteme mit sämtlichen Professoren der kürzlich noch an angeschwärmten Universität vermocht hätte; … und die Sonne war nicht weiter als eine praktische Lampe zur Beleuchtung von Arabellas Antlitz. …

Juda hängt wie der Köder an der Angel Arabellas und was Arabella fischen will, ist die Ehe. Und da Juda ein Ehrenmann ist, gelingt Arabella der Fischzug, ein subtiler Hinweis auf ihren neuen Mitbewohner, den Juda ihr (… beide hatten sich in der Zwischenzeit of und oft getroffen …) eingepflanzt hat, nimmt den jungen Mann (er ist kaum neunzehn Jahre alt, noch Lehrling in einer Steinmetzwerkstatt) in die Pflicht. Kurz und gut, es gibt eine Hochzeit, es gibt eine kurze Zeit des Glücks, eine längere des Unglücks, ein schockierendes Geständnis, eine Trennung, ein hilfloser Suizidversuch des von seiner Frau Verlassenen, ein Besäufnis und danach der große Weltschmerz. Und die Erinnerung an seinen früheren Traum, der er für dieses fehlgeleitete Intermezzo aufgegeben hat.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.. Nach dem Ende der Lehrzeit beschließt Juda, in sein verehrtes Christminster umzuziehen. Es ist ein Zauber, mit dem die Stadt ihn umfängt, all die berühmten Gelehrten, die dort gewirkt, erscheinen ihm in den Gassen, den Colleges, den hohen Toren, auf den Brücken…. ein Hochgefühl erfasst ihn, diese Atmosphäre des Wissens und der Weisheit….

Am Tag erscheint die Stadt dann schon nüchterner, die Fassaden bröckliger, für ihn als Steinmetz kann das nur von Vorteil sein. Aber nicht nur die Fassaden bröckeln, es bröckelt auch Judas fester Wille. Denn stetig höhlt die Erinnerung an das Bild der Cousine, das bzw. die ihm so schön und – er muss es sich eingestehen – begehrenswert dünkt, seine Zielstrebigkeit. Er hat das Bild noch bei der Tante zuhause gesehen und es sich von ihr erbeten, gegen das Verbot der Tante, Kontakt mit diesem Abkömmling des verfeindeten Teils der Familie aufzunehmen.

Auch hier jetzt nur die Kurzversion: Juda und Sue treffen sich zwar, aber noch ist er zu schicklich, verheiratet immer noch, und sie eine Verwandte… und so macht er sich mit seinem alten Idol, dem Lehrer gebliebenen Schulmeister bekannt und verschafft ihr dort eine Arbeit. Selbige hatte sie nämlich am Tag davor einiger Götzenbilder wegen verloren. Aber was passiert, wenn ein mittelalter Mann und eine junge, schöne Frau zusammenarbeiten? Eben, eben… und Juda muss dem hilflos zuschauen….. Und nicht nur hier bleibt der junge Mann aussen vor: sein (erstmalig) aktives Bemühen, auf einem College als Student angenommen zu werden, scheitert grandios: Schuster, bleib bei deinem Leisten, so die einzige Antwort, die er erhält. Und wieder lockt der Alkohol…. schließlich verläßt Juda Christminster und kehrt zurück in sein altes Dorf. Dort wenigstens macht man ihm Hoffnung, als Laie könne er durchaus auch in der Kirche dienen.

So widmet sich unser Held wieder der Theologie, wenngleich diesmal eher in Bezug auf ihre praktische Anwendung in einer zukünftigen Gemeinde. Bis ihn eine Nachricht Sues erreicht, sie sei unter strenger Zucht in einem Lehrerinnenanwärterseminar und er solle sie doch… na ja, besuchen halt. Ach, so wie die Sonne die Dunkelheit vertreibt, vertreibt die Sehnsucht nach der still Geliebten die Hingabe an das Studium der Theologie – natürlich folgt Juda sofort dem Ruf des Weibes. Welches er ernster, farbloser antrifft als er es aus Christminster kannte. Seltsam geschlechtslos scheint Sue ihm, wankend in ihren Bemerkungen und ihrem Reden, während er…. und dann noch dies: sie habe ihm, dem alten Lehrer Phillotson, die Heirat versprochen!

Kann man sich vorstellen, wie die Welt des Juda jetzt ins Wanken kommt, ins Schwanken, ins Trudeln und Rotieren? Und wie er doch nichts sagen kann, ist sie doch eine Verwandte und er auf dem Weg zum Hilfspriester, und außerdem: er hat ein Weib vor dem Gesetz und der Kirche… so fährt er tief geknickt, aber dies nicht zeigend, zurück in seine so trostlose Heimstatt, die ihm vor kurzem noch so sicher beherbergte.

Was soll man sagen? Einer Dummheit wegen, die zu einfältigem Gerede führt, wird Sue des Seminars verwiesen, also ist auch für Phillotson kein Grund mehr, mit der Hochzeit zu warten: Ob er denn den Brautvater spielen könne, fragt Sue ihren Vetter… denn er sei doch ihr einziger verheiratete Verwandter, den sie hier habe. Denn auch das geschah noch: er beichtete ihr seinen Status als verheirateter Mann.

So geht es hin und her, sie ruft ihn, auch wieder an den neuen Wohnort, an den sie zusammen mit ihrem neuen Manne lebt, und sie schickt ihn wieder weg, obschon in Juda die Gewissheit immer größer wird, das sie unglücklich ist in ihrer Ehe so wie er es war in der mit Arabella. Der er – so sei es hier vermerkt, ohne näheres dazu zu sagen bis auf die Tatsache ihrer Juda verblüffenden neuerlichen Verheiratung in Australien – durch Zufall in einer Wirtschaft, in die er in der Absicht, sich mit zumindest mal einem Hochprozentigen über die Not zu helfen, eingetreten war, zu seiner großen Überraschung wieder begegnet.

Es kommt jedoch bald die Stunde jetzt des Ehemanns Phillotson, der als tragischer Held über sich hinauswächst: Sue, die immer unglücklicher wird in ihrer Ehe, die, als ihr Mann ihr Zimmer betritt, lieber aus dem Fenster springt, als ihn zu empfangen, bittet ihren Mann, sie gehen zu lassen. Und dieser Mann, seiner Zeit (und in den meisten Fällen wohl sogar noch unserer) voraus, will kein Gefängniswärter sein für die von ihm so geliebte, sieht kein Sinn in Zwang und Gewalt und läßt sie bedingungslos gehen – gegen den Rat aller anderen, gegen die herrschenden Vorstellungen von Sitte und Moral, obwohl er davon ausgehen muss, davon ausgeht, daß Sue zu ihrem Vetter gehen wird, dessen Liebe zu seiner Frau er wohl gespürt hat.

So kommt es. Sue und Juda leben fortan zusammen, auch wenn Sue sich schwer damit tut, zu lieben und Juda darunter leidet. Immerhin werden ihrer beiden Ehen geschieden, aber sie gehen keine neue Ehe miteinander ein, Sue scheut dies wie der Teufel das Weihwasser: dieser Vertrag, der zur Liebe zwingt, würde gerade die Liebe zwischen den Vertragspartnern töten…

Diese ‚wilde Ehe‘ ist für die beiden eine Zeitlang eine Blase des Glücks, in der sie leben und auskommen. Aber wie jede Blase platzt auch diese irgendwann… Sie sind eines Tages plötzlich und überraschend zu dritt: Arabella teilt Juda in einem Brief mit, daß er Vater sei, sie sei damals acht Monate nach der Trennung niedergekommen und schicke ihm jetzt seinen Sohn, damit er ihn aufziehe. So kommt der ‚kleine Gnom‘ – wie er genannt wird – in diese ungewöhnliche Zweisamkeit, ein Kind noch und doch schon so alt wie ein alter Mensch, ein Kind voller Traurigkeit und Depression, ein Kind, das nicht lachen kann noch sich freuen… doch Sue liebt ihn wir ein eigenes Kind und diese Liebe wird von Kind erwidert.

Die Leute fangen über zu tuscheln über die drei… wechseln die Straßenseite, wenn sie ihnen begegnen, sie werden gemieden, geschnitten, nicht mehr gegrüßt… die Aufträge für den Steinmetz Juda Fawley nehmen ab. Daß Sue und Juda nach einigen Tagen Abwesenheit wieder zurück nach Hause kommen und sagen, sie hätten in dieser Zeit geheiratet, hilft nicht mehr.. es beginnt ein Wanderleben, Juda arbeitet sozusagen als freischaffender Handwerker mal hier, mal dort….

Nach Jahren trifft Sue, die auf einem Markt Backwaren verkauft, welche der kranke Juda (seine Tante war ja Bäckerin) gebacken hat, auf Arabella, die die Situation der Familie, die mittlerweile zwei eigene Kinder hat und sichtbar ein drittes erwartet, intuitiv richtig einschätzt. Und Arabella trifft auf dem Heimweg wiederum Phillotson, mit dem sie sich unterhält…..

Sue, Juda und die Kinder leiden Not. Sie gehen auf Judas Wunsch nach Christminster zurück, das sie vor Jahren verlassen haben. Und diese Stadt empfängt sie kalt und mit Regen. Durchnäßt, schmutzig, mit dem dickem Bauch Sues sieht man sie für sonderlich an und nicht vertrauenswürdig, so daß sie kaum eine Unterkunft finden. In dieser Not kommt es zu einem verhängnisvollen Gespräch zwischen Sue und dem kleinen Gnom…

Welch ein Unglück, welch ein Unglück….. die Kinder sind tot, Sue verfällt einer Art religiösem Wahn und sieht ihr gesamtes Leben als versündigt an. Die Ehe, früher für sie ein verabscheuungswürdiger Vertrag zwischen Vertragspartnern, wird jetzt für sie ein heiliges, nicht lösbares Sakrament. In ihrer neuen Welt sieht sie immer noch mit Phillotson verheiratet, und so wie sie diesen einst verließ für Juda, verläßt sie Juda nun und geht zurück zu ihrem früheren Mann, der ihr verzeiht und sie aufnimmt. Sie erneuern die Ehe vor dem Priester und Sue nimmt auch die letzte Konsequenz ihrer selbst auferlegten Buße auf sich und begibt sich ‚freiwillig‘ nächtens zu ihren Mann aufs Zimmer.

Und Juda? Die Geschichte wiederholt sich…. So wie Arabella den jungen Juda einsponn und fing in ihrem Netz, so fängt sie sich ihn auch jetzt wieder. Sie füllt den gebrochenen Mann mit Alkohol ab, packt ihn an der Ehre und schleift ihn wiederum vor das Standesamt… Es bringt ihr kein Glück, Juda, an Leib und Seele gebrochen, siecht bald krank vor sich hin und während sie sich bei dem großen Spektakel in Christminster lieber eine Regatta anschaut, haucht er allein gelassen sein Leben aus.


Thomas Hardys Im Dunkeln bzw. Jude… ist ein umfangreicher Roman. Nicht nur weist er fast fünfhundert Seiten Text auf, er ist auch recht eng gesetzt, trotzdem liest er sich sehr gut und mit großem, freilich durch das schlimme Ende mit Traurigkeit durchsetzten Vergnügen. Die übergeordneten Kapitel benannt nach den jeweiligen Wohnorten sind ihrerseits aufgeteilt in kleinere Abschnitte, die das Lesen sozusagen ‚portionsweise‘ erlauben. Dazu ist der Text flüssig formuliert, mit vielen Beschreibungen und Erläuterungen, aber auch Dialoge und Gespräche zwischen den einzelnen Figuren nehmen einen großen Raum ein. Mich hat diese Art des Textes lange an ein anderes Buch erinnert, ohne daß ich wusste, an welches, bis es mir dann plötzlich einfiel: nämlich an Manzonis wunderbaren italienischen Roman Die Verlobten [5]. Hier wie dort steht ein junges Paar im Mittelpunkt des Geschehens (auch wenn Manzoni seinen Roman im Gegensatz zu Hardy glücklich ausgehen läßt), die Handlung wird streng chronologisch geschildert, beide Autoren streuen immer wieder Erläuterungen, Betrachtungen, erklärende Ausführungen, aber auch offene Fragen und Problemstellungen in ihren Text ein.

Hardys Roman schildert nicht nur eine Lebensgeschichte, er hat auch selbst eine und auch diese ist eher eine ‚dunkle‘. In der Nachschrift zur Neuausgabe des Romans im Jahre 1912 (die erste Ausgabe erscheint 1895) stellt Hardy die Rezeption seines Romanes bei Kritik und Publikum dar.  Er rief schon wenige Tage nach Erscheinen ein „schrilles Crescendo“ bei der Kritik hervor (die sich das Lesen des Romans aber weitestgehend gespart hatte), auch „wurde [der Roman] von einem Bischof verbrannt – wahrscheinlich [mutmaßt Hardy], weil der Kirchenfürst verzweifelt darüber war, daß er nicht mich selber verbrennen konnte.“ Eine andere Kritikerin „zeterte“ in einer „weltbekannten Zeitschrift“ über das Buch und taten kurz darauf brieflich an den Autoren den sehnlichsten Wunsch kund, diesen kennen zu lernen….. summa summarum haben diese (und weitere) Reaktionen der Kritik eine (für uns Leser) verhängnisvolle Wirkung auf Hardy gehabt: „… das Erlebnis heilt mich von jeder weiteren Neigung, Romane zu schreiben.“ In der Tat ist Jude, the Obscure das letzte Romanwerk Hardys geblieben, die Änderungen der Ausgabe von 1912 sind, so hält Hardy fest, nur stilistischer Art, „größere Änderungen allgemein- kritischer Art“ hat er nicht vorgenommen, wohl, weil er auch nach den vergangenen Jahren nichts anderes zu sagen hatte. Dieser Nachschrift ist ebenfalls zu entnehmen, daß der Roman in Deutschland als Fortsetzungsroman erschienen ist. Hardy zitiert einen Kritiker, der in Sue Bridehead den Phänotyp der modernen, intellektuellen, emanzipierten nervösen Frau sieht, die Notwendigkeit, die Ehe als Beruf zu begreifen, leugnet. Daß Sue im Roman am Ende zusammenbricht, wäre, so hält der Kritiker bedauernd fest, einer Frau als Autorin nicht untergekommen.


In Dunkeln hat zwei Hauptthemen. Dies ist zum Anfang des Romans, der gegen Ende der viktorianischen Epoche spielt, die Undurchlässigkeit, Arroganz und Hochmut der ‚besseren‘ Gesellschaft, die es nicht zuläßt, einen Menschen aus niedriger Herkunft zu akzeptieren und zu fördern. Der Autodidakt Jude Fawley, der sich mit viel, sehr viel Mühe und Durchhaltevermögen eine zugegebenermaßen willkürliche Bildung angelesen hatte, wird abgewiesen, auf seinen Stand und seine soziale Schicht verwiesen als demjenigen Platz in der Gesellschaft, in der er sein zufriedenes Auskommen finden kann. Erst gegen Ende des Romans wird davon geredet, daß sie diese (für den jungen Jude noch undurchdringliche) Ausgrenzung lockert, daß unter Umständen auch begabte Menschen aus unteren sozialen Schichten die Chance auf Weiterbildung erhalten können. Für Jude kommt das zu spät, auch wenn gegen Ende der Geschichte deutlich wird, wie sehr es ihn immer noch nach Christminster zieht, nach den so abweisend und dunkel über der Stadt dräuenden Gebäuden der Colleges…

Das Hauptthema des Romans ist freilich der Angriff des Autoren auf Institution der Ehe. Hardy schildert, wie sich Jude als junger Mann durch die sinnlich-erotische Arabella einfangen läßt, einer Frau, mit der ihn sonst nichts verbindet als die körperlichen Freuden, die er mit ihr wohl erleben darf [6]. Die schildert Hardy zwar nicht, aber da Arabella ihn mit einer Schwangerschaft zur Eheschließung bringt, darf man diese sicher vermuten. Diese Schwangerschaft Arabellas ist ein Schlüsselelement in der ganzen Geschichte, in Leben von Juda und (durch den ‚alten Gnom‘) später auch im Leben von Juda und Sue. Letztlich kann man noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob Arabella Juda und Sue nicht sogar belogen hat mit der Behauptung, dieses Kind sei Judas Kind, so wie sie Juda ja auch in frühen Jahren belog… Es sei an dieser Stelle nur angemerkt, daß Hardy im Übrigen sämtliche Ehen bei den Fawleys als schlecht bezeichnet.

So wie Judas erste Ehe scheiterte, so scheitert auch die Ehe Sues, die sie nicht mit dem Mann eingeht, den sie liebt – insofern sie zu diesem Gefühl überhaupt fähig ist, so etherisch, ja, fast asexuell sie gezeichnet wird -, sondern den älteren Mann, ihren Lehrer und Mentor Phillotson, zu dem Juda sie geführt hat. Sue betrachtet die Ehe keineswegs als Sakrament, für sie ist es ein Vertrag, der obendrein noch zum Lieben verpflichtet und damit die Liebe zerstört. Ihrer Meinung nach bleibt die Liebe zwischen Menschen, die freiwillig und nicht unter dem Zwang der Ehe miteinander leben, viel lebendiger und stärker, eine Ansicht, deren Folgen Juda und Sue Jahre später ins gesellschaftliche Abseits und Unglück stürzen lassen werden. In den vielen Diskussionen zwischen Juda und Sue geht Hardy später immer wieder auf diesen Punkt ein, so wie er die halbherzigen Versuche der beiden, sich doch der gesellschaftlichen Norm zu unterwerfen, immer wieder scheitern läßt. Dieses Lebensmodell der ‚wilden Ehe‘, die Hardy schildert, sie sollte noch Jahrzehnte brauchen, bis es gesellschaftlich halbwegs akzeptiert worden ist.

Die angestrebte (und dank Phillotsons generöser Art erreichte) ‚Flucht‘ aus der Ehe ist ein Skandal. Eine Frau der damaligen Zeit hat sich zu fügen, einzurichten – so wie der Mann sie zu fügen hat, notfalls auch mit Zwang. Das ich nicht mit ihm als Ehemann leben kann […] es ist eine Marter für mich […] Was mich so maßlos quält, ist die Pflicht, diesem Mann jedesmal zu Willen zu sein, wenn er es möchte, so gut er auch sonst ist! – dieser schreckliche Vertrag, der einen zwingen will, auf eine bestimmte Art zu empfinden, in einer Sache, deren eigentliches Wesen ihre Freiwilligkeit ist. Diese Sue in den Mund gelegte Aussage dürfte deren revolutionäre Ansicht hinreichend belegen. Den von ihr angesprochenen Willen des Mannes, dem sie sich zu unterwerfen hätte, den übte Phillotson übrigens nicht aus…


Der junge Juda träumt von Bildung, von der Karriere als Theologe und später dann als Pfarrer: beide Male wird er jedoch durch den Lockruf der Liebe und der Körper daran gehindert: seine Sehnsucht nach den jeweiligen Frauen besetzt ihn völlig und lenkt ihn vom Geistigen ab. Er ist ein ‚weicher‘ Mensch, ein nachgiebiger, ein Träumer auch, gegen Arabella mit ihrer rustikalen und stabilen Art hat er keine Chance, sich durchzusetzen, und auch Sue, die Zerbrechliche, setzt – zumindest in der Frage der Eheschließung – ihre Ansicht gegen ihn durch, weil er aus Liebe zu ihr immer nachgibt.

So wie im Lauf der Jahre wurde der Hang zum Theologischen bei Juda geringer wurde, nimmt er langsam aber sicher die Ansichten Sues über die Untauglichkeit einer Ehe als auch seine an. Die radikale Änderung der Ansichten Sues ausgelöst durch die unermessliche seelische Verletzung dieser empfindsamen Frau nach dem Tod der Kinder ist daher um so schockierender für Juda: daß sie ein einmal gegebenes Eheversprechen nun als ewig gültig ansieht, bedeutet nicht nur, daß sie und Phillotson in ihrem Geist noch verheiratet sind, sondern auch Juda noch mit Arabella. Und so wiederholt sich die Geschichte, so wie Sue einst von Phillotson die Freiheit erbat, fleht sie nun den verzweifelnden Juda an, sie gehen zu lassen. Daß sie zu ihrem Mann, den sie weltlich erneut heiratet, keine Liebe verspürt, ist nicht mehr wichtig, wichtig ist, daß sie die ihr selbst auferlegte Buße ableistet… und so führt die Romanhandlung zu den Konstellation, die es schon anfangs gab: sowohl Juda als auch Sue, die sich erneut in unglücklichen Ehen wiederfinden.

Der Roman hat neben dem beiden Hauptfiguren Juda und Sue noch die beiden Figuren des Phillotson und der Arabella mit wichtigen Funktionen.

Der Schulmeister Phillotson verläßt zu Beginn des Romans, wie Jahre später auch Juda, das Dorf, um in Christminster Karriere zu machen. Ebenso wie später Juda scheitert er damit, bleibt letztlich auch bei ’seinem Leisten‘, sprich, er bleibt Lehrer. Er verliebt sich in dieselbe Frau wie Juda, er weigert sich (obwohl die Gesellschaft dies erwartet), Zwang gegen diese Frau anzuwenden und er verliert die Frau an einen anderen, eine weitere Parallelität in beider Leben. An diesem Verlust gehen beide zugrunde: Phillotson wird auf Grund seiner Entscheidung aus der Gesellschaft ausgestoßen und sanktioniert, kann sich gerade noch mit Hilfe eines letzten Freundes fangen, Juda jedoch bricht zusammen, wacht als Ehemann einer ungeliebten Frau wieder auf und wartet körperlich geschwächt nur noch auf seinen Tod.

Die Haltung Phillotsons, mit der er auf die Bitte seiner Frau reagiert, sie gehen zu lassen, ist bemerkenswert. Ich denke, ich behaupte nicht zuviel, wenn ich sage, daß sie in dieser Weise auch heute noch ungewöhnlich wäre. In der damaligen Zeit ist es sicher eine skandalöse Einstellung, einen ‚Wahnsinnsgedanken‘ nennt es sein Freund, … es wird überall Anstoß erregen. Großer Gott, was wird Shaston [die Stadt, in der sie leben] sagen! dies ficht Phillotson jedoch nicht an: Wenn ein Mensch blindlings in einen Sumpf [i.e. in diesem Fall die Ehe…] gelaufen ist und um Hilfe ruft, bin ich geneigt, ihm Hilfe zu bringen, wenn es mir möglich ist. … ich bin ein fühlender Mensch, kein logisch denkender. … ich sehe nicht ein, warum nicht die Frau und die Kinder die soziale Einheit bilden sollen, ohne den Mann… weitet er seine Gedanken später noch aus. Fass den Entschluß, die mit ein paar Weiberlaunen abzufinden. … Laß sie nicht fort! so der abschließende Rat des Freundes. Doch der nächste Morgen kam heran…: Du kannst gehen – mit wem du willst. Du hast meine völlige, bedingungslose Einwilligung. 

Will man an Phillotson Eigeninteresse feststellen, so ist es später möglich, da er Sue noch einmal heiratet, obwohl im klar ist (sein muss), daß sie in einem Zustand ist, der diesen von ihr behaupteten Willen dazu und die Freiwilligkeit, sich diesmal unter ihn zu legen, Lügen straft. Vielleicht denkt er auch, daß das Verweigern dieser ‚Buße‘ für Sue noch schlimmer wäre, daß die erneute Heirat gesellschaftlich für ihn vorteilhaft ist, daß wird er in jedem Fall sehen.

Ist Sue die etherische, zerbrechliche, fragile Figur mit scharfen Intellekt und mit eigener Meinung, eine Frau wie ein Blatt im Wind der Gefühle, so ist ihre Gegenspielerin Arabella auch äußerlich ihr Gegenteil: prall, sinnlich, erotisch, durchsetzungsfähig und skrupellos. Sie steht mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität, das Sinnieren, Zweifeln und Grübeln einer Sue ist ihr völlig wesensfremd. Was sie will, bekommt sie – auf die eine oder die andere Art und Weise. Daß auch sie damit nicht glücklich wird, verschmerzt sie, es sind schließlich noch andere Männer da, die sie sich angeln kann…..


„Jude the Obscure is an angry book, and a deeply radical one. To write it, Hardy went further into himself than ever before, exposed his deepest feelings …“ schreibt der Guardian zu dem Roman in seiner Liste der einhundert besten englischen Romane [4], in die er zweifelsohne gehört – was eine kühne Bestätigung meinerseits ist, da ich dafür ja keinerlei Grundlage habe, sprich die anderen Romane kenne. Aber Im Dunkeln ist in der Tat ein wunderbares Buch, das in seiner Konsequenz, mit der die geheiligte Institution der Ehe in Frage gestellt wird, auch heute noch weit mehr ist als ’nur‘ Unterhaltung: es ist eine Lektion in Toleranz ebenso wie in der Frage nach der Sinnhaftigkeit der Ehe (bei uns ja jetzt in gewisser Weise durch die „Ehe für alle“ sogar eine aktuelle Frage). Ebenso ist Jude…. eine Darstellung der viktorianischen Epoche, die langsam den Ende zugeht und sich moderneren Fragen stellen muss wie dem Zugang zu Bildung für alle oder der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Dies alles ist eingebunden in tragische Lebensläufe, die – bedingt durch die gesellschaftlichen Umstände – schon von Anfang an kaum Chancen auf ein gutes, selbstbestimmtes Leben ließen. So endet der Roman traurig, Sue gebrochen, sich selbst auf dem Altar eines fehlgeleiteten Glaubens opfernd und Juda sogar den Tod suchend. Phillotson wird als Ehemann nicht wirklich glücklich sein, sieht jedoch gesellschaftlich/beruflich wieder eine Zukunft und einzig für Arabella geht die Welt weiter mit allen Chancen, die sich einer Frau wir ihr bieten.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Eintrag zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Hardy
[2] —
[3] Sarah Waters: Die Muschelöffnerin; Besprechung im Blog ‚aus.gelesen‘
[4] Robert McCrum: The 100 best novels: No 29 – Jude the Obscure by Thomas Hardy (1895); in:  https://www.theguardian.com/books/2014/apr/07/100-best-novels-jude-obscure-thomas-hardy
[5] Alessandro Manzoni: Die Verlobten; Besprechung im Blog ‚aus.gelesen‘
[6] Im Klappentext wird von einer ’schamlos pornographischen Darstellung der modernen Frauen‘ geredet. Das Wort ‚pornographisch‘ ist was Im Dunkeln betrifft, jedoch wohl  (unterstellt man nicht, es sei aus rein vermarktungstechnischen Gründen genannt) anders zu lesen, über die seltene Verwendung des Wortes ‚Busen‘ geht der Text nicht hinaus. Insofern ist also Entwarnung zu geben bzw. darauf hinzuweisen, daß möglicherweise diesbezügliche Erwartungen enttäuscht werden.

Thomas Hardy
Im Dunkeln
Jude the Obscure
Übersetzt aus dem Englischen von Eva Schumann
Originalausgabe: Jude the Obscure, London 1895 (1894/95 gekürzt als Fortsetzungsroman im Harper’s New Monthly Magazine)
diese Ausgabe: Greno, HC, ca. 490 S., 1988; mit ausführlichen Anmerkungen

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D.H. Lawrence: John Thomas & Lady Jane

Vorbemerkung: Dieser Beitrag von mir über das Buch John Thomas & Lady Jane (übrigens eine umgangssprachliche Bezeichnung für die jeweiligen Geschlechtsteile von Männlein und Weiblein), eine der drei Versionen, die D.H. Lawrence von seinem Lady Chatterley-Stoff geschrieben hat (und zwar die umfangreichste), ist vor einigen Wochen bei der hochgeschätzen Bloggerkollegin Birgit in ihrer ‚Sätze & Schätze‘-Reihe Mein Klassiker veröffentlicht worden [4].


Vor einigen Wochen las ich eine recht positive Rezension über den Roman Lady Chatterley von D.H. Lawrence, die mich daran erinnerte, daß ich noch diese ‚Langversion‘, die zweite Bearbeitung des Stoffes durch Lawrence, im Regal stehen hatte [Anmerkung: die grünen Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Roman, die violett markierten Passagen habe ich der Lady Chatterely-Ausgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft von 1967 entnommen]. Zudem passte dieser Roman in gewisser Weise zu meiner gerade beendeten Lektüre von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [3], hängt die Geschichte, die uns Lawrence erzählt, doch ursächlich mit diesem Krieg zusammen.


1917 nämlich heirateten der 29jährige Clifford Chatterley und die 23jährige Constance Reid. Die beiden verlebten vier (Flitter)wochen zusammen, bevor Clifford wieder in den Krieg nach Flandern ziehen musste. Von dort kam er in Einzelteilen, die sich erstaunlicherweise noch einmal flicken ließen, zurück. Der Unterkörper Cliffords jedoch blieb gelähmt, die von beiden nicht sonderlich hoch geschätzten leiblichen Freuden der Ehe waren damit perdu, Constance war von der Ehefrau zur Pflegerin eines Kriegsversehrten geworden. Das gemeinsame Eheleben erschöpfte sich fortan in Lesen, Vorlesen und in Diskussionen.

Sie wurden in der ersten Zeit erstaunlich gut mit dieser Situation fertig. Clifford wohnte ein großer Lebenswille inne, für Constance war es nicht in Frage gestellte Pflicht. Doch im Lauf der Monate und Jahre trat schleichende Verbitterung ein, die Kontakte nach außen wurden selten(er), vor allem jedoch Constance funktionierte mehr und mehr wie ein Automat. Ihr Vater, der zu Besuch kommt, sieht seiner Tochter das Unglück an, rät ihr dringend, unter Menschen zu gehen, ihr Leben zu leben. Aber erst als der Zustand der jungen Frau so ernst wird, daß ihre Schwester sie zum Arzt bringt und der ihr sehr eindringlich ins Gewissen redet, gibt sie nach. In Mrs. Bolton findet sie eine verwitwete Frau, die Erfahrung in der Betreuung von Kranken hat und die die Pflege von Clifford Chatterley übernimmt.

Clifford Chatterley seinerseits hat sich die Vorwürfe seines Schwiegervaters – trotz der auf Gegenseitigkeit beruhenden Abneigung der beiden Männer – zu Herzen genommen, in einer Schlüsselszene des Romans reden die beiden Eheleute miteinander über dieses Thema. Ist zuerst der Mann in der Offensive, indem er seine Frau Constance ermuntert und auffordert, unter Leute zugehen und sich zu öffnen, dreht Constance, die anfänglich unangenehm von dem Gesprach berührt ist, den Spiess um und drängt ihren Mann in die Defensive. Denn dieser hat die Konsequenzen seinen Vorschlag offenkundig nicht zu Ende gedacht: Was, wenn sie einen Mann kennenlernt, was, wenn sie mit diesem Mann schläft – oder gar ein Kind bekommt?

Letztlich gesteht Clifford ihr das Recht auf diese sexuelle Freiheit zu. Auch ein eventuelles Kind wäre für ihn kein Problem, denn letztlich ist für ihn nicht entscheidend, wer das Kind gezeugt hat, sondern, wer es erzieht. Trotzdem stellt er seiner Frau die Bedingung, daß der Liebhaber, dem sie sich hingibt, gleichrangig sein sollte.

Gleichrangig, denn Clifford vertritt eine sehr klassenbewusste Einstellung: es gibt die, die oben sind, die denken, handeln, Verantwortung tragen und so den Lauf der Welt bestimmen und es gibt die unten, die kaum Menschen zu nennen sind, weil sie Massen sind, die geführt werden müssen und zu arbeiten haben.

Was Constance angeht, ist es mit dieser einschränkenden Bedingung schon zu spät – was Clifford natürlich nicht ahnt. Was ihm nur auffällt ist, daß seine Frau von manchem ihrer Waldspaziergänge mit voll erblühter Schönheit, mit einem inneren Strahlen wieder zurück nach Wragby kommt. Denn im Wald lauern auf Constance nicht die Räuber, sondern es wartet in seiner Hütte der Wildhüter, Oliver Parkin, auf sie. Ihrer Ladyship kam der Wildhüter in der täglichen Begegnung anfänglich zwar eher grob vor, doch eines Tages hatte sie ihn bei einem ihrer Spaziergänge an seiner Hütte überrascht, als er sich wusch. Der heimliche Anblick dieses weißen, seiner Kleidung entledigten männlichen Oberkörpers rührte in seiner Vollkommenheit tief in ihr ein Begehren auf, das sie so noch nicht gekannt und das sie bei ihrem Mann nie erlebt hatte.

However, die beiden überspringen eines Tages die Schranke der gesellschaftlichen Trennung und aus diesen ersten, verstohlenen Begegnungen, die Constances Körper förmlich erwecken und sie selbst in eine anderen – man kann es nicht anders sagen – Bewusstseinszustand einführen, entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die sich im wesentlichen auf die körperlichen Aspekte gründet.

Es setzt nun in ‚Connie‘ ein langsamer Erosionprozess ein. Ist ihr Mann Clifford ein strikter Vertreter der englischen Klassengesellschaft und ihr Liebhaber Oliver ein Angehöriger der Arbeiterklasse, so steht sie jetzt zwischen ihnen. Dieses ‚Dazwischen‘ bezieht sich sowohl auf das Körperliche, aber auch auf das Gesellschaftliche, denn im Gegensatz zu ihrem Mann sieht sie die Angehörigen der Arbeiterklasse nicht per definitionem als minderwertig an, sondern billigt ihnen all das zu, was Clifford ihnen an Werten abspricht.

Wird die Bindung zwischen Constance und ihrem Liebhaber trotz gelegentlicher kurzer Eintrübungen immer enger (und im gleichen Maß die zu ihrem Mann immer brüchiger), so entwickelt sich auf der anderen Seite nach anfänglicher Abneigung Cliffords gegen seine Pflegerin Mrs. Bolton auch hier eine besondere Beziehung mit ihrer eigenen, subtilen Intimität, eine Beziehung, die jedoch nie die Klassenschranke überschreitet.

Im Sommer fährt Constance wie im Winter verabredet mit ihrer älteren Schwester Hilda und dem Vater nach Frankreich, in die Sommerfrische. Anfänglich geniesst Constance diese Fahrt, aber bald erträgt sie die gesellschaftliche Atmosphäre in der Villa, in der sie unterkommen, nicht mehr. Dazu kommt, daß sie von zuhause beunruhigende Nachrichten erhält: des Wildhüters wildes Weib, von dem er schon lange getrennt lebt, aber (noch) nicht geschieden ist, ist von ihrem Liebhaber vor die Tür gesetzt worden und wieder bei Parkin aufgetaucht. Im Naturzustand soll sie in seinem Bett gelegen und ihn zur Begattung aufgefordert, ja, gedrängt haben. Parkin sei, so bekommt sie in Briefen berichtet, da er dieses Weib nicht loswerden konnte, zurück zu seiner Mutter gegangen, doch jetzt verbreite Bertha Coutts unsägliche und unsagbare Einzelheiten über Intimitäten aus der Zeit der Ehe in den Dörfern, die das Ansehen Parkins schwer beschädigen würden…. Constance war ob der Nachrichten not amused, es war ein harter Kampf für sie, sich über ihre Eifersucht auf Bertha Coutts zu erheben und ihren Haß gegen ihn, weil er mit Bertha Coutts in Verbindung gewesen war, zu überwinden. Es drängte sie nach Hause.

In den wenigen Wochen der Sommerfrische hat sich vieles geändert, grundlegend geändert. Constance ist trotz der Einwürfe ihrer Schwester, solche Männer seien allenfalls für einen temporären Lustgewinn akzeptabel, entschlossen, ihren Mann zu verlassen und Parkin zu heiraten. Clifford seinerseits überrascht sie mit der Tatsache, daß er unter dem Einfluss und der Ermunterung von Mrs Bolton gelernt hat, sich auf Krücken fortzubewegen. Parkin dagegen hat mittlerweile seine Stellung als Wildhüter bei Clifford gekündigt und will in Sheffield im Stahlwerk arbeiten.

Constance besucht ihn dort, er lebt bei einer ihm bekannten Familie. Es ist der erste ‚wirkliche‘ Kontakt, den sie mit einer Arbeiterfamilie hat, er ist ernüchternd. Vor allem aber ist sie schockiert darüber, daß Parkin all die Ausstrahlung, die er im Wald, in Wragby auf sie ausübte, unter diesen Verhältnissen verloren hat. Sie kann ihm jedoch jetzt das Versprechen abnehmen, mit dieser schweren Arbeit, für die er einfach nicht geeignet ist, aufzuhören und eine kleine Farm zu bewirtschaften, die Constance von ihrem Geld kaufen will. Mit dieser Überwindung seines Stolzes (ein Mann läßt sich schließlich von einer Frau nichts schenken oder kaufen) gewinnt Parkin wieder ein wenig von seinem alten Wesen zurück.. und wie ein ganz normales Liebespaar aus der Arbeiterschicht verabreden die beiden sich und gehen in ein Waldstück, um sich hinter Büschen versteckt zu lieben… wobei sie jedoch vom örtlichen Wildhüter ertappt werden….


John Thomas und Lady Jane bzw. in der ‚endgültigen‘ Version ‚Lady Chatterleys Lover (bzw. kürzer einfach nur Lady Chatterley) ist einer der großen Ehebruchsromane des letzten Jahrhunderts. In seinem Nachwort zu der von mir gelesenen Ausgabe gibt Roland Gart (seinerzeit Cheflektor des Heinemann-Verlags, London, in dem die erste englische Ausgabe erschien) eine kurze Darstellung der Veröffentlichungsgeschichte dieses Romans, von dem Lawrence insgesamt drei Versionen verfasst hat. Die vorliegende ist die umfangreichste, die 1954 das erste Mal in Italien publiziert worden ist. Die erste englischsprachigen Ausgaben erfolgten erst 1972 in London und New York.

Das Buch – und damit ist jetzt im wesentlichen Lady Chatterley gemeint – war zu seiner Zeit ein Skandal. Die Darstellung einer echten Liebesbeziehung zwischen einem einfachen Mann aus der Arbeiterklasse mit einer jungen, verheirateten Frau der Oberklasse war an sich schon skandalös, sie ging weit über ein möglicherweise still duldbares Verhältnis dieser Art, das sich auf Sex beschränkte, hinaus. Daß der Autor diesen Sex für seine Zeit deutlich schildert, daß (in der deutschen Übersetzung) der Begriff ‚ficken‘ (im englischen Original die unprintable (four-letter) words) häufig auftaucht, daß die Befriedigung der durchaus aktiv auf Sex drängenden Frau durch den Mann eine so große Rolle spielt, weil diese nicht nur zum Höhepunkt kommt, sondern sich auch das Bewusstsein und die Wahrnehmung ihres Selbst durch dieses sexuelle Erlebnis wandelt, hat noch bis in die 60er Jahre hinein zu Problemen bei der Publikation des Romans geführt.

Trotzdem wäre (und ist) die Einordnung von Lady Chatterley als (nur) erotischen Roman irreführend. Die Erotik und der Sex sind für Lawrence Mittel zum Zweck. Welch anderen Weg hätte er gehabt, eine Verbindung zwischen zwei Angehörigen der Unter- bzw. Oberschicht zu schaffen als über diese ‚unkontrolliert‘ über ein heimlich duldbares erotisches Verhältnis hinaus wachsende Liebesbeziehung. Denn in Wirklichkeit ist Lady Chatterley als Gesellschaftsroman zu lesen.

England hat im Ersten Weltkrieg enorme Verluste erlitten, über 700.000 Soldaten fielen auf dem Kontinent, in England selbst waren die Opferzahlen geringer, aber auf der Insel herrschte Not und Elend. Dies konnte nicht ohne Rückwirkungen auf die Gesellschaftsstruktur bleiben – und blieb es nicht [3]. Die Oberschicht sah sich durch aufmüpfige Arbeiter, die beispielsweise bolschewistisches Gedankengut verinnerlicht hatten, bedrängt und bedroht. Mein Gott, wenn wir hier in England eine Revolution bekommen, wie gern würde ich mit Maschinengewehren gegen den Mob vorgehen …  Diese verdammten Sozialisten und Bolschewisten.. muss sich Constance Weihnachten von ihren Gästen anhören. Auch ihr Mann Clifford ist Mustervertreter einer Einstellung, daß die von altersher gegebene Teilung der Gesellschaft in ‚unten‘ und ‚oben‘ einer natürlichen Ordnung entspricht, Lawrence macht seine Einstellung stellvertretend für seine gesellschaftliche Schicht in vielen Diskussionen, die Clifford und Constance führen, deutlich. In anderer, i.e. erotischer Hinsicht ist Hilda, die Schwester Constances, Vertreterin dieser überkommenen Einstellung, sie will der Schwester deutlich machen, daß Männern der unteren Klasse allenfalls fürs Bett in Frage kommen, aber man ansonsten nichts mit ihnen zu tun haben sollte. Ein Gedanke wie ‚Heirat‘ sei geradezu abwegig.

Lawrence macht damit Constance, die selbst der Oberschicht angehört, zur Verteidigerin der ‚Interessen‘ der unter Klasse. Der Wildhüter, Oliver Parkin, wäre schwerlich selbst in der Lage gewesen, mit Clifford Chatterley zu diskutieren. In der endgültigen Version der Lady Chatterley ist Lawrence von dieser konsequenten Trennung der Klassen dann aber abgewichen: die Rolle des Wildhüters Parkin nimmt dort der Mellors ein, der fast ein Gentleman sein könnte…, der Offizier war, Sprachen beherrschte…

Es gibt einige sehr symbolträchtige Szenen im Buch. Schon die ganze Konstellation der Figuren ist ein Bild: Der Angehörige der Oberklasse, Clifford Chatterley, ist gelähmt, so daß er sich ohne fremde Hilfe nicht fortbewegen kann. Das Sexuelle sprich: Vitale galt ihm schon vor seiner Verwundung nicht viel, so daß ihm danach nur noch das Denken, Reden und Planen blieb. In einer Szene beschreibt Lawrence, wie auf einem Waldspaziergang, bei dem Clifford Constance begleitet, der Motor des Rollstuhls seinen Dienst versagt. Mit kaum zu bändigender Wut muss Clifford erdulden, daß ein Vertreter der Arbeiterklasse, nämlich der Wildhüter, ihn nach Hause schiebt. Ein schönes Bild dafür, daß die Oberklasse ohne die Arbeiter aufgeschmissen wäre….

[Clifford] war noch ohne Liebeserfahrung, als er heiratete, und das Sexuelle galt ihm nicht viel. … Und Connie schwelgte in dieser Intimität jendseits alles Geschlechtlichen, …. beschreibt es Lawrence in der endgültigen Version der Lady Chatterley. Parkin dagegen, obwohl aus schlechter Erfahrung heraus was Frauen angeht, sehr zurückgezogen, gelingt es sehr schnell, Connies dazu zu bringen, unbewusst spitze, helle Schreie auszustoßen. Ein Naturtalent.

Überhaupt – und dies las sich für mich jetzt unfreiwillig komisch – konstruiert Lawrence um das Zeugungsorgan des Wildhüters einen förmlichen Kult. Spürt Constance schon beim Anblick des bloßen Oberkörpers, daß es eine Welt gab, die rein und machtvoll leuchtete, daß sie einen Körper sah, der das Dunkel durchdrang wie eine Offenbarung, so deutlich wurde ihr, daß es Gott auf Erden gab; oder Götter. Im Verlauf ihrer Affäre sollte sie realisieren, was ein Phallus wirklich war: Es war ein primitiver, grotesker Gott – aber lebendig und unaussprechlich lebensvoll, … die Auferstehung des Fleisches. .. bei einem wirklichen Mann (wie dem Wildhüter) hat der Penis ein eigenes Leben und ist der zweite Mann im Mann. …. der Phallus im alten Sinne hat Wurzeln, die tiefsten aller Wurzeln in der Seele, … und durch die phallischen Wurzeln gelangt die Inspiration in die Seele. Oder kurz gesagt: Er hat etwas Sternengleiches an sich … wie ein kleiner Gott. … und so konnte es für Parkin nicht einfach  ’nur ficken‘ geben, da bei ihm ‚ficken‘ immer bis zu den phallischen Wurzeln der Seele reichte. … Männer wie Clifford dagegen haben einen garstigen Penis, mit dem sie schmutzige Spiele treiben wie kleine Jungs. … Diese Passagen wirken auf uns heutige Leser etwas … nun ja.. lächerlich, sie müssten allerdings, um sie wirklich einordnen zu können, im zeitgeschichtlichen Kontext gesehen werden, der möglicherweise im Kreise der englischen Intellektuellen Strömungen mit solchen Einstellungen aufweist. Das habe ich zugegebenermaßen nicht gemacht…. Zu berücksichtigen ist jedenfalls, daß Lawrence zur Bloomsbury-Group um Virginia Woolf und ihre Schwester Vanessa Bell gezählt wird, der ’sich aus den moralischen Fesseln ihrer Erziehung zu befreien‘ trachtete [2].

Und ebenso Constance selbst war in den phallischen Kreis des Fleisches eingeschlossen, so sehr, daß sie den Wildhüter meist ohne Unterwäsche unter dem Kleid zu tragen, besuchte… Mit dieser letzten Bemerkung werde ich jetzt den erotischen Aspekt des Romans weitestgehend ad acta legen.

Aber selbst Parkin mit seinem ’sternengleichen‘ Körper und dem kleinen Gott zwischen den Beinen ist zwar Angehöriger der Unterschicht, aber kein wirklicher Arbeiter: als er gegen Ende des Romans Wragby verläßt und in Sheffield in einer Stahlfabrik arbeitet, verliert er allen Glanz und geht fast unter.

Kommen wir noch kurz auf Constance zu sprechen. Auch ihr Körper steht für etwas, ist Symbol für die dem Untergang geweihte Dekadenz der Oberschicht: Ihr Körper wurde nichtssagend, wurde schwer und trüb – so viel nutzlose Substanz! … Das geistige Leben! Eine jähe Welle wütenden Hasses überspülte sie – dieser Schwindel! Diese sehr negative Selbstwahrnehmung Connies ließe sich jetzt noch einige Absätze lang zitieren. Erst die Bekanntschaft und Erweckung durch den Wildhüter ließ sie wieder erblühen…


Die große Krise für die beiden Liebenden kommt, als Connie im Urlaub ist. Der vierzig(sic!)jährige Parkin wird vom Teufel versucht, dem Teufel in Gestalt seiner Frau. Von der lebte er zwar schon seit Jahren getrennt, aber jetzt taucht sie wieder auf und will ihn um jeden Preis verführen. Und was könnte normalerweise verführerischer sein als der bloße Frauenkörper, mit dem sie sich ihm anbietet? Doch Parkin widersteht der Versuchung, zwar gelingt es ihm nicht, den Teufel/seine Frau zu vertreiben, aber er selbst flieht ihn/sie. Die Nachricht von diesen Vorkomnissen, die Connie in ihrem Urlaub erhält, stürzt sie in tiefer Verzweiflung, hilft aber auch, in sich Klarheit zu schaffen über das, was sie wirklich will.

Denn das ist die große Unsicherheit, die beiden innewohnt: für ihn ist die Frage, ob sie tatsächlich die Klassenschranke überspringen wird und alles für ihn aufgibt, denn die gesellschaftliche Ächtung ihrer ehemaligen Klasse dürfte ihr sicher sein. Und für sie ist die große Frage natürlich, was kommt, wenn sie alles hinter sich lassen wird. Denn auch Parkin muss noch an sich arbeiten, seinen Stolz überwinden und akzeptieren, daß es in dieser Beziehung nicht so sein wird, daß der Mann seine Frau versorgt. Apropos: eine Heirat – auch dies dürfte damals ein Skandalon gewesen sein – planen die beiden nicht, im Gegenteil sieht Connie die Ehe als Tod einer Beziehung, weil man sich im Lauf der Jahre gegenseitig nur noch auf die Nerven geht.

John Thomas & Lady Jane und Lady Chatterley sind Romane, die sich doch durch mehr als Kürzungen oder Ergänzungen unterscheiden. Die Figur des Wildhüters ist anders angelegt, Parkin ist urtümlicher, während Mellors (wie er in Lady Chatterley heißt) mit viel gutem Willen fast akzeptabel sein könnte, auch der Schluss ist anders. In Lady Chatterley bittet Connie ihren Mann, sie freizugeben, den Abschluß bildet ein langer Brief Mellors an seine Geliebte, in dem unter anderen dieser bemerkenswerte Satz steht: So liebe ich denn jetzt die Keuschheit, weil sie der Friede ist, der dem Ficken entspringt. In John Thomas & Lady Jane dagegen bildet die schon erwähnte deprimierende Szene, in der die beiden Liebenden im Park vom Wildhüter aufgescheucht werden, nachdem sie die alte, schäbige Kirche, in der Byrons Herz bestattet worden war, besucht hatten, das Ende des Buches mit einem abschließenden Blick vom Hügel auf die tote Landschaft, unter der die Kohle und das Eisen liegen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Als Erotikon ist Lady Chatterley heutzutage kaum noch auf- oder erregend, die Passagen um den im Urgrund wurzelnden Phallus wirklicher Männer wirken im Gegenteil eher skurril. Lesenwert dagegen ist das Buch immer noch wegen der Beschreibung der Verhältnisse im England nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Folgen die althergebrachte Gesellschaftsstruktur aufzubrechen droht. Sozialismus, Bolschewismus, die rapide Fortschreitende Industrialisierung – all das sind Herausforderungen, der die Klassengesellschaft in England in ihrem überkommenen Strukturen kaum erfolgreich entgegentreten konnte. Möglicherweise liegen hier sogar (zwar keine phallischen, aber immerhin) gesellschaftliche Wurzeln für die momentanen politischen Wirren der Insel, sprich, die Einstellung zur EU. Für die Schwierigkeiten, diese Klassenschranken zu durchbrechen, stehen Constance und Parkin, ihr (gemeinsames) Schicksal läßt Lawrence jedoch offen.

Ob sich Lady Chatterley bzw. John Thomas & Lady Jane (mit dieser Selbstbezeichnung übrigens beendet Mellors in Lady Chatterley seinen abschließenden Brief an seine Geliebte), die ja durchaus ihren Umfang – und damit ihre Längen – haben, heute noch zu lesen lohnt? Das ist die Frage, die ich hier auch nicht beantworten kann…. ;-)

Abschließen möchte ich jedoch noch einen der ’schönen‘ Sätze, die Lawrence verfasst hat und die schätzungsweise damals die Gemüter angeheizt haben, zitieren:

Wir haben eine Flamme ins Sein gefickt.
Sogar die Blumen sind ins Sein gefickt
von der Sonne und der Erde. 

Nun denn….

Links und Anmerkungen:

[1] zu D.H. Lawrence und seinem Werk: Michael Schmitt:
Der zwiespältige Prophet; in:  https://www.nzz.ch/der-zwiespaeltige-prophet-1.653784
[2] vgl. im Wikibeitrag zur V. Woolf:  https://de.wikipedia.org/wiki/Virginia_Woolf#Bloomsbury_Group
[3] vgl die Trilogie von Pat Barker, die sich mit diesem Thema auseinandersetzt: https://radiergummi.wordpress.com/tag/pat-barker/
[4] hier geht´s zu Birgits Blog und meinem Beitrag: https://saetzeundschaetze.com/2017/03/31/meinklassiker-35-lady-chatterly/

D.H. Lawrence
John Thomas & Lady Jane
Übersetzt aus dem Englischen von Susanna Rademacher
mit einem Nachwort von Roland Gart
Italienische Erstausgabe: Mailand, 1954
Englische Erstausgabe: London, 1972
Amerikanische Erstausgabe: NY. 1972
diese Ausgabe: diogenes, TB, ca. 500 S., 1978

D.H. Lawrence
Lady Chatterley
diverse, teils ‚bereinigte‘ Ausgaben von ‚Lady Chatterley`s Lover‘ erschienen ab 1932 in verschiedenen Verlagen
Der/Die Übersetzer/in dieser Ausgabe ist nicht angegeben
Deutsche Buch-Gemeinschaft, HC, ca. 380 S., 1967

Pat Barker: Die Straße der Geister

Die Straße der Geister ist dritte und abschließende Teil von Pat Barkers bemerkenswerter Trilogie über den Ersten Weltkrieg, die die Schrecken dieses Krieges aus britischer Sicht darstellt. Der erste Band Niemandsland hatte uns in eine Nervenheilanstalt geführt, in der traumatisierte Offiziere wieder fronttauglich gemacht werden sollen. Der Krieg war zu diesem Zeitpunkt, 1917, schon in ein Stadium getreten, in dem er ohne ausreichende Begründung einfach weiter geführt wurde, der Dichter  Siegfried Sassoon hatte einen entsprechenden Aufruf veröffentlicht und wurde daraufhin unter einem vorgeschobenen Grund in die Nervenheilanstalt eingewiesen. In Niemandsland erfahren wir den Krieg indirekt, durch die Alpträume und Traumata der Soldaten, die von Dr. Rivers behandelt werden. Dr. Rivers ist ein einfühlsamer Arzt, der mit modernen Methoden mit Gesprächstherapie behandelt, andere Ärzte, die meisten, wenden gröbere Mittel an, um die Soldaten wieder zu ‚heilen‘: Er [i.e. Rivers] hatte beispielsweise keine Elektroden an Moffets [einer seiner Patienten mit einer psychosomatisch bedingten Lähmung der Beine] Beinen angebracht und dann den Strom eingeschaltet, wie Dr. Yealland es mittlerweile bestimmt getan hätte. Er hatte ihm keine Radiumröhren an die Haut gehalten, bis sie versengt war. Er hatte ihm keine subkutanen Ätherinjektionen gegeben. Alle diese Dinge wurden praktiziert, um Soldaten wieder einsatzfähig zu machen…

Ein weiterer Patient von Rivers ist Billy Prior, ein sehr komplexer, intelligenter Charakter mit einer analytischen Fähigkeit, die der Rivers kaum nachsteht. Er ist neben dem Arzt die Figur, die uns im zweiten Teil der Trilogie, Das Auge in der Tür, begleitet und die Zustände in England selbst vorführt: die Hatz auf Minderheiten aller Couleur, die grassierenden Verschwörungstheorien und politischen Ränke. Schließlich hält es Prior in England nicht mehr aus, obwohl er sich mit Sarah verlobt hat und sein zeitweiliger Geschlechtspartner Mannings ihm eine Arbeit im Ministerium verschaffen könnte, will er zurück nach Frankreich, an die Front.

Endlich, so ist man fast versucht zu sagen, führt uns Barker also hinein in die Hölle. In einer Art Tagebuch hält Prior am 5. Oktober 1918, nachdem sie unter feindlichem Beschuss stehend eine schwerstverletzten Kameraden ‚gerettet‘ haben, fest: Die ganze Szene sah aus wie etwas, das sich unmöglich auf Erden ereignen konnte, teils die Sonne, teils die absolute Leblosigkeit der zerstörten, zerwühlten, pockennarbigen Landschaft mit ihren stinkenden Kratern und den Stacheldraht verhauen. Kein einziger Vogel, nicht einmal Aasfresser. Selbst Krähen haben kapituliert. ….

Aber vor diesem Szenario lagen noch ein paar Tage, ein paar Wochen. In England vertreibt sich Prior die Zeit, er muss noch einmal vor eine Kommission, die seinen Zustand zu beurteilen hat und ihn dann trotz Asthmas tatsächlich nach Frankreich schickt. Bei seiner Verlobten Sarah zuhause erlebt er noch einmal die Prüderie und Verlogenheit der englischen Provinz, von Rivers verabschiedet er sich mit einem Besuch. Die ersten Wochen in Frankreich ähneln fast einer Art Sommerfrische, eine gute Unterkunft, keine Front, allenfalls die ewigen Gasübungen verderben die Laune der Soldaten. Es ist die Zeit, in der Prior nach dem Besuch der Divisionsbadeanstalt in sein Tagebuch schreibt: Die Westfront ist ein Wichserparadies. Aber sie ist es nicht ewig, auch Billy Prior und seine Einheit werden an die Front verlegt und es sollte so kommen, wie Prior schon lange vorher geunkt hatte: viermal ist einmal zu viel…..

Neben Prior begleiten wir den Arzt Dr. Rivers durch die Zeit, die der Roman überstreicht. Schildert Barker dessen Tätigkeit anfänglich noch im Rahmen des Üblichen mit diversen Fallbeschreibungen, so läßt sie ihn später selbst fiebrig erkranken. Obwohl nicht explizit erwähnt, erinnert dies an den katastrophalen Seuchenzug der ‚Spanischen Grippe‘, der 1918 seinen Anfang nimmt. Im Fieber, das weiß Rivers, kehrt sein Erinnerungsvermögen zurück: so auch jetzt. Erinnerungen an seine Kindheit, an den übermächtig tapferen Großvater, dessen Namen William er trägt und dem der ängstliche, schnell weinende Junge so wenig entsprach…. Ferner drängen die Erinnerungen an seine letzte Expedition in die Südsee immer stärker in den Vordergrund. Die Berichte der Patienten und seine Erinnerungen an das Erlebte bei den Kopfjägern zeigen Analogien, verschmelzen, verschränken sich. Krankheiten, die durch Geister hervorgerufen werden, so der Glaube der Eingeborenen, so die Übertragung des Arztes auf seine Kriegspatienten, die durch die in ihren Seelen verborgenen Schrecken erkrankten. Was den Kopfjägern ihre Geisterbeschwörung waren in England die Sceancen…. Im Ganzen gesehen war es für mich ein rätselhaftes Element des Romans, in ihrem Nachwort hilft Angela Schrader jedoch es zu entschlüsseln.

Rivers und Prior sind die Figuren, die uns durch das gesamte Werk begleiten. Ist Rivers eine historische Figur, so hat Barker Prior als seinen Gegenpol geschaffen: ein Angehöriger der unteren Klasse, der sich in frühen Jahren Geld durch sexuelle Dienstleistungen an Männern verdiente steht einem Arzt aus gehobender Gesellschaftsschicht gegenüber. Beide sind intelligent und weisen ähnliche analytische Fähigkeiten auf, Rivers ist geschult und setzt sie behutsam ein, Prior dagegen ist direkter – er ist es, der Rivers brutal auf seine verdrängten Erinnerungen anspricht. Zwischen beiden besteht ein nur in wenigen Andeutungen der Autorin erkennbares Band der Zuneigung.


Pat Barkers Trilogie ist weit mehr als die Beschreibung eines grausamen Krieges. Sie ist eine sehr vielschichtige und tiefgründige Analyse dessen, was ein Krieg im Menschen anrichtet und wie dieser auf diese existentielle Bedrohung reagiert. Barker konzentriert sich auf England, in dem – fern der Front – 1917 ein unbedingter Glaube an den Sieg herrschte, obwohl die riesigen Menschenverluste nicht mehr zu leugnen waren, sie charakterisiert dieses Land als Klassengesellschaft, in die der Krieg als auch die Ideen vom Bolschewismus und Sozialismus Unruhe gebracht haben und den Nährboden bereitet haben für Verschwörungstheorien und die Hatz auf Andersdenkende, mit der die Kriegsauswirkungen überspielt und verdrängt wurden. Dazu kam, daß nennenswerte Teile der männlichen Gesellschaft offensichtlich durch homoerotische Tendenzen geprägt waren. Der Krieg, mag er anfänglich noch mit einem definierten Ziel geführt worden sein, verselbstständigte sich im Lauf der Jahre, die Generalität, die von den Frontverhältnissen und wenig mitbekam, hatte sich eingerichtet. In der Vierten Armee sind jedwede Diskussionen über den Frieden ab sofort untersagt. (Tagesbefehl vom 11. Oktober 1918). Noch in den Gefechten, die stattfanden, als anderswo schon über einen Waffenstillstand verhandelt wurde, verreckten Soldaten auf den Schlachtfeldern, so auch Prior und Wilfred Owen, neben Sassoon einer der ‚war poets‘ Englands.

 


Anthem For Doomed Youth
Poem by Wilfred Owen

What passing-bells for these who die as cattle?
Only the monstrous anger of the guns.
Only the stuttering rifles‘ rapid rattle
Can patter out their hasty orisons.
No mockeries now for them; no prayers nor bells;
Nor any voice of mourning save the choirs,
The shrill, demented choirs of wailing shells;
And bugles calling for them from sad shires.
What candles may be held to speed them all?
Not in the hands of boys, but in their eyes
Shall shine the holy glimmers of good-byes.
The pallor of girls‘ brows shall be their pall;
Their flowers the tenderness of patient minds,
And each slow dusk a drawing-down of blinds.

 


Ich war durch Zufall an dieses Buch gekommen: es lag in einer Ramschkiste, war gut erhalten und brauchte ein zuhause. Dort habe ich dann festgestellt, daß es der letzte Teil eines Werkes war.. na ja. Es gibt Sachen, die man leicht in Ordnung bringen kann…

Barkers Trilogie hat mich sehr beeindruckt. Sie ist meiner Ansicht nach deutlich tiefgründiger, tiefschürfender und umfassender als zum Beispiel Im Westen nichts Neues. Natürlich kann man das, was Barker über England und die englischen Verhältnisse schreibt, nicht auf andere Länder übertragen, aber da England ein Kriegsakteur war, an den man eigentlich gar nicht so denkt, wenn man an den 1. Weltkrieg denkt, ist das Verdienst Barkers um so höher einzuschätzen. Ich kann jedem, der sich für diesen Krieg interessiert,  nur empfehlen, Barkers Werk zu lesen.

Links und Anmerkungen:

[1] Die Besprechungen der drei Bände hier auf dem Blog:
Niemandsland
Das Auge in der Tür
– Die Straße der Geister
Dort finden sich auch weiterführende Links.
[2] Das Gedicht Owens (Gesang für eine dem Untergang geweihte Jugend) wurde dieser Quelle entnommen:  https://www.poemhunter.com/poem/anthem-for-doomed-youth/

Weitere Bücher, die ich hier im Blog vorgestellt habe und deren Handlung im 1. Weltkrieg angesiedelt sind, sind unter folgendem Link zu finden:

https://radiergummi.wordpress.com/tag/1-weltkrieg/

Pat Barker
Die Straße der Geister
Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Mit einem Nachwort von Angela Schader
Originalausgabe: The Ghost Road, London, 1995
Deutsche Erstausgabe: Hanser, 2000
diese Ausgabe: dtv, ca. 256 S., 2002

Pat Barker: Das Auge in der Tür

barker-auge

Das Auge in der Tür bildet den Mittelteil von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [1]. Konzentrierte sich die Handlung des ersten Bandes auf die indirekte Schilderung des Grauens auf den Schlachtfeldern, die uns durch die Traumatisierungen der Soldaten deutlich gemacht wurden, so liegt der Schwerpunkt dieses Bandes auf den Zuständen in England selbst.

Von den tragenden Figuren aus Niemandsland treffen wir hier noch auf Billy Prior und den Arzt Dr. Rivers. Der Dichter Siegfried Sassoon, der zentrale Figur des ersten Teils Niemandsland war, wird erst gegen Ende des Romans noch einmal in die Geschichte eingeführt. Er war nach seinem Aufenthalt in der Klinik wieder an die Front geschickt worden, jedoch zunächst einmal nach Palästina, erst später kam er wieder nach Frankreich, wo er angeschossen und verwundet wurde und in London wieder mit Dr. Rivers zusammentrifft.

Billy Prior wurde u.a. wegen seine Asthmas nicht an die Front geschickt, sondern begann seinen Dienst im Rüstungsministerium in London. In London macht er die Bekanntschaft von Charles Manning, von dem sich herausstellt, daß er ebenfalls im Ministerium arbeitet. Es ist eine durchaus intim zu nennende Bekanntschaft, da Prior zwar mit Sarah im fernen Schottland liiert ist, er seinen sexuellen Trieb aber trotzdem an Ort und Stelle auslebt, wobei ihm das Geschlecht des/der Gegenüber weitgehend egal ist.

Wir sind im Frühjahr 1918. Der Tagesbefehl vom 13. April ordnet an, daß jede Stellung bis zum letzten Mann zu halten ist … jeder Soldat bis zum Ende zu kämpfen hat, ein Befehl, der unter der Zivilbevölkerung Panik verbreitet. Sowieso werden Abweichler verfolgt und drangsaliert: Für ihn [i.e. der Vorgesetzte Priors im Ministerium, Lode] war das Ganze ein großes Schachbrett. Diese bunte Truppe aus Quäkern, Sozialisten, Anarchisten, Frauenrechtlerinnen, Gewerkschaftern, Sieben-Tage-Adventisten und weiß der Himmel wem war nur eine raffinierte Tarnung, hinter der die wahre Anti-Kriegsbewegung lauerte; eine disziplinierte, höchst effiziente Geheimorganisation, die ebenso überzeugt und entschlossen für den politischen Umsturz kämpfte, wie Lode sich dem Erhalt des Staates verschrieben hatte. …

Eine dieser Pazifistinnen ist Beattie Roper, die im Gefängnis sitzt, weil man sie eines Mordanschlags beschuldigt. Billy Prior kennt diese Frau gut, als Kind hat er viel Zeit bei ihr verbracht. Er besucht sie in ihrer Zelle. Einer der vor Beattie einsitzenden Häftlinge hatte um das Guckloch der Zellentür das titelgebende Auge gemalt. „Es ist nicht so schlimm, solange es an der Tür bleibt.“ Sie tippte sich an den Kopf. „Kritisch wird’s erste, wenn es hier drinnen anfängt.“ Wenn man den ersten Teil der Trilogie gelesen hat, weiß man, daß Prior seine eigenen Erfahrungen mit Augen hat….. wahrscheinlich ist Beattie von einem Provokateur hereingelegt worden, Arthur Spragge, ein Mann, mit dem Prior noch zu tun bekommen wird. Diese Episode des Romans mit Beattie Roper beruht auf einem realen Ereignis.

Man weiß nicht genau, welches Spiel Prior spielt. Will er seinen alten Freunden wirklich helfen oder will er, der Mitarbeiter eines Ministeriums, sie verraten? Er bringt seinen alten Freunden und Kameraden zugleich Zu- wie Abneigung entgegen. Mit den Worten von Beattie, der er Hilfe verspricht, klingt dies so: Ich werde dich nicht fragen, auf welcher Seite du stehst, …. Aber…. Weißt du, auf welcher Seite du stehst? Es ist ein sehr ernster, tiefgehender Zwiespalt, in den Parker ihren Protagonisten zwingt und sie löst diesen Zwiespalt im späteren Verlauf dann erschreckend und tragisch auf.


Einer der vielen Gründe, weshalb er [i.e. Prior] sich anders fühlte als seien Offizierskollegen, war, daß ihr England ein bukolischer Ort war: Wiesen, Flüsse, waldige Täler, mittelalterliche Kirchen, umgeben von ehrwürdigen Ulmen. Sie konnten nicht verstehen, daß die Front, dieser Apparat, der den einzelnen auf ein Rädchen im Getriebe reduzierte, diese verwahrloste Landschaft, sich für ihn und die allermeisten Soldaten nicht groß unterschied von dem Leben, das sei von zu Hause her kannten – in Birmingham, Manchester, Glasgow oder in den Bergarbeiterdörfern in Wales – sondern nur eine alptraumhafte Steigerung darstellte. [3]


Auch Priors Bekanntschaft Manning hat so seine Probleme. Er bekommt anonyme Post, befürchtet, daß seine homoerotische Neigung eventuell aufgedeckt worden ist. Steht sein Name auf dieser ominösen Liste der 47000 Namen (‚cabinet noir‘ bzw. ‚black book‘, über die realen Hintergründe für diese Passage ist hier [2] etwas zu finden), die des Verrats verdächtig sind? Und kann er es sich erlauben, zu dieser geheimnisvollen Aufführung von Wildes Salome zu gehen, zu der er eingeladen ist? Manning besucht die Aufführung trotz seiner Bedenken, aber sie gefällt ihm nicht. Die Realität hat das Bühnenstück längst überholt, sind auf der Bühne die abgeschlagenen Köpfe aus Pappmaschee, so ist man mittlerweile längst echte Köpfe gewohnt. Er musste nur eine Sekunde an den stinkende, gelben Schlamm an der Front denken, diesen Haferbrei, in die Klumpen Leichen oder Leichenteile waren, und schon schob sich eine unüberwindliche Wand zwischen ihn und diese Worte [der Salome im Angesicht des abgeschlagenen Kopfes von Jochanaan].


Beide, Mannings und Prior leben in London und gehen weiterhin zu Dr. Rivers, der die Klinik in Schottland ja ebenso verlassen hatte. Durch die Gespräche zwischen ihnen werden immer wieder deren Erinnerungen an die Erlebnisse an der Front eingeblendet und das Grauen vor diesem Krieg wird ‚lebendig‘ gehalten.

Ein für mich in anderer Hinsicht zentrales Kapitel des Buches beschreibt eine ‚Auseinandersetzung‘ zwischen Prior und Rivers. Bei ersterem treten seit kurzem Phasen auf, in denen er dissoziert und an die er nachher keine Erinnerungen mehr hat, es fehlen ihm Stunden seines Lebens. Ich habe gewisse Neigungen, denen ich nur mit äußerster Mäßigung nachgebe und auch nur dann, wenn man mich dazu auffordert. Jedenfalls nicht in diesem Zustand. Ich will damit nur sagen, daß daß daß ich in dem anderen Zustand nicht so scheißgewissenhaft bin. …. [das 3fache ‚daß‘ ist kein Fehler, sondern zeigt das Rückfallen Priors ins Stottern an], erklärt Prior dieses ‚Jekyll und Hyde‘-Gefühl seinem Arzt voller Aggression und Feindseligkeit. Dabei macht er ihn darauf aufmerksam, daß Rivers selbst ähnliche Symptome aufweist, die dieser bei ihm, Prior, feststellt. Rivers bietet ihm daraufhin einen Rollentausch an, er, Prior, solle seine Stelle als Arzt einnehmen. Es ist im folgenden Gespräch für Rivers ein Schock, wie schnell, brutal und erschreckend präzise Prior seine, i.e. Rivers, kindlichen Traumata anspricht…. „Himmelherrgott! Was immer es war, sie haben sich geblendet, um es nicht weiterhin sehen zu müssen!“ – „Ganz so drastisch würde ich es nicht formulieren.“ – „Sie haben ihr visuelles Gedächtnis zerstört. Sie haben ihr geistiges Auge ausgelöscht. So war es doch, oder?“ – Rivers kämpfte mit sich. Dann sagte er einfach: „Ja.“


Die ‚Blackouts‘ bei Prior häufen sich, dauern länger an. Er kann es nicht mehr leugnen, in einer dieser Phasen hat er etwas getan, was er, der ’normale‘ Prior nicht fassen kann. Ist es deshalb sein Entschluss, zu versuchen, wieder nach Frankreich an die Front zu kommen, trotz seiner Verlobung mit Sarah, die im Norden auf ihn wartet und dem Angebot Mannings, ihm eine gute Stellung im Ministerium zu verschaffen?


Wie schon der erste Band Niemandsland ist auch dieser Mittelteil der Barkerschen Trilogie sehr beeindruckend. Vielschichtig und klug beleuchtet sie sowohl Rückwirkungen des Kriegs auf England und die Verhältnisse dort (die Lockerung der Sitten („Wie lange bist du hier?“ … „Zwei Tage“ – „Mach das Beste draus. Aber tu nichts, was wir nicht tun würden.“ – Er lächelte. „Wieviel Möglichkeiten bleiben mir da?“ – „Einige. Heutzutage.“ sagte Mrs. Riley.), den grassierenden Verfolgungswahn, die überbordenden Verschwörungstheorien oder der ‚Kampf‘ gegen Abweichler) als auch am Beispiel vor allem Priors und Mannings (aber auch anderer) die Schicksale der kämpfenden Soldaten. Es ist eine Klassengesellschaft die Barker beschreibt, die Arbeiterklasse, ungebildet und so armselig, daß diese Armut, der Mangel an Nahrung, sich körperlich in Kleinwüchsigkeit zeigt. Eine Klasse, die unter Verhältnissen leben muss, die sich nicht prinzipiell von denen an der Front unterscheiden. Ganz im Gegenteil zu der Offiziersklasse, die höhereren gesellschaftlichen Schichten entspricht, kaum Kontakt zur Realität der Arbeiter hat und – um den Ausdruck Barkers zu wiederholen – ein Leben unter ‚bukolischen‘ Verhältnissen führen kann – relativ gesehen auch in diesem Krieg. Und über allem schwebt der Geist einer latenten (männlichen) Homosexualität.

Mit den Figuren Prior und Rivers gelingen Barker ferner fesselnde Psychogramme von Menschen, die das persönliche Schicksal bzw. dann der Krieg auf die eine oder andere Weise deformiert (hat). Als ob das nicht reichen würde, ist es der Autorin ferner noch gelungen, dies alles so spannend und fesselnd darzustellen, daß man das Buch, wenn man es zur Hand genommen hat, nur sehr zögernd wieder weglegen möchte. Wenn dieser letzte Satz wie eine absolute Lesempfehlung klingen sollte: genau das war meine Absicht!

Links und Anmerkungen:

[1] Die Trilogie umfasst folgende Einzelbände (Verlinkung führt zu den Buchvorstellungen hier im Blog:
Niemandsland (dort finden sich auch noch weitere Anmerkungen zur Trilogie von Barker
– Das Auge in der Tür
– Die Straße der Geister
[2] Mindy Aloff: Behind the Veil (28.4.1998);  http://www.nytimes.com/books/98/04/26/reviews/980426.26alofft.html
[3] zu dieser erschreckenden Feststellung, die Barker Ende des Jahrhunderts formulierte, passt folgende Passage von D.H. Lawrence aus John Thomas & Lady Jane aus den zwanziger Jahren (also kurz nach dem Kriegsende) sehr gut: …. Hier in Wagly befand sie sich in der merkwürdigen Einflußsphäre von Sheffield. Der Himmel war oft sehr dunkel, es schien kein Tageslicht zu geben, man hatte ein Gefühl von Unterwelt. Selbst die Blumen, die in der dunklen Luft wuchsen, waren oft ein bißchen rußig. Und in der Atemluft war stets ein schwacher oder starker Geruch von etwas Unheimlichem, etwas Unterirdischem – Kohle oder Schwefel oder Eisen oder was es auch sein mochte. … Selbst also der Gasgeruch oder die Angst vor dem Gas, die in den Gedanken der Soldaten eine große Rolle spielt und auf die Barker immer wieder anspielt, taucht hier als originärer Bestandteil nordenglicher Industrielandschaft auf.

Pat Barker
Das Auge in der Tür
Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Originalausgabe: The Eye in the Door, London 1993
diese Ausgabe: dtv, ca 290 S., 2000

Pat Barker: Niemandsland

niemandsland

Das 20. Jahrhundert war für uns in Europa ein seltsam geteiltes Jahrhundert. Die erste Hälfte ist geprägt durch zwei menschenverachtende, menschenmordende Kriege, in denen unfassbare Grausamkeiten geschahen, deren Schrecken sich jedoch anscheinend so tief in die Psyche der Menschen eingeprägt haben, daß die zweite Hälfte (zumindest, was die Mitte und den Westen angeht) durch herrschenden Frieden und wachsenden Wohlstand charakterisiert werden kann. Der Fall des ‚Eisernen Vorhangs‘ gegen Ende des Jahrhunderts bestärkt diesen Eindruck.

Der Roman Niemandsland der englischen Autorin Pat Barker [1], den ich hier vorstellen will, ist Teil einer Trilogie, die sich mit dem 1. Weltkrieg aus englischer Sicht auseinandersetzt [2]. England war bei jedem der beiden Kriege auf Seiten der Sieger, nie jedoch gab es Bodenkämpfe auf englischem Territorium. So schlimm die Luftangriffe der Deutschen sowie die durch den U-Boot-Krieg hervorgerufenen Versorgungsengpässe für die englische Bevölkerung auch gewesen sein mögen, an Schrecken und Grausamkeit, wie sie auf den (Ab)Schlachtfeldern des Kontinents herrschten, gemessen, war dies geringfügig.

Pat Barker übernimmt diese Situation für ihren Roman. So wie der Engländer auf der Insel den Krieg nicht bzw. kaum direkt erlebt, so werden auch wir als Leser nicht auf die Schlachtfelder geführt, sondern wir werden mit den Folgen dieser Gemetzel konfrontiert und erleben das Grauen nur indirekt in den Schilderungen und Alpträumen der Soldaten mit.

Als rote Fäden zieht sich durch die Handlung von Niemandsland – der (deutsche) Titel des Romans [3] bezieht sich auf die apokalyptische Landschaft zwischen den Fronten, die völlig zerstört tot erscheint, obwohl tausende Soldaten auf beiden Seiten verschanzt sind und sich versteckt halten – das Schicksal dreier Personen. Dies sind der Schriftsteller und Dichter Siegfried Sassoon (1886 – 1967), [4]), ferner die fiktive Figur des Billy Prior, eines Offiziers, der durch seine Erlebnisse an der Front traumatisiert worden ist und dann als zentrale Persönlichkeit aller drei Bände der Psychiater William Halse Rivers Rivers ([1864 – 1922, [4]), der außerdem noch Anthropologe, Ethnologe und Neurologe war. Der Ort an dem ein Großteil der Handlung spielt ist, Craiglockhart, ein psychiatrischen Krankenhaus für Offiziere in der Nähe von Edingburgh.

Was soll ich mit diesem Lutschbonbon machen?

Die aus völlig unterschiedlicen Gründen in das Krankenhaus eingewiesenen Sassoon und Prior sind völlig unterschiedliche Charaktere. Während Prior aus einfachen Verhältnissen stammend durch seine Kriegserlebnisse in Frankreich die Sprache verloren hat und von Alpträumen gequält wird, hat sich der Dichter Sassoon in einem öffentlichen Aufruf gegen die Weiterführung des Krieges ausgesprochen, in dem politischer Irrtümer und Heucheleien willen sinnlos Frontkämpfer geopfert werden. Die von ihm erhoffte Verhandlung vor dem Kriegsgericht und die damit verbundene Diskussion seines Aufrufs blieb aus, ein Freund von ihm, der Dichter Robert Graves, konnte es arrangieren, daß ihm ein Nervenschock (Shell Shock bzw. Kriegsneurose) attestiert und er zur Behandlung nach Craiglockhart kam.

Beide werden Patienten von Rivers. Rivers ist ein besonderer Arzt, der zur Behandlung seiner Patienten ‚moderne‘ Methoden einsetzt, wie modern, erfahren wir als Leser gegen Ende des Buches in einer schlimmen Passage, in der Parker uns die konventionelle Behandlung damaliger Traumapatienten durch Elektroschocks schildert, die sich allenfalls im Ziel und in der euphemistischen Bezeichnung von einer sadistischen Folterorgie unterscheidet. Rivers dagegen setzt auf Gespräche, auf das Zulassen von Gefühlen auch wie Angst, er versucht, mit seinen Patienten über deren Alpträume zu reden, um die verschütteten und verdrängten Erlebnisse wieder hervorzuholen. Der Begriff der ‚Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)‘ existierte zur damaligen Zeit noch nicht, die ‚Störung‘ als solche natürlich schon, ihr wurden Begriffe wie beispielsweise ‚Kriegsneurose‘ zugeordnet. Stummheit oder Stottern waren häufige Symptome, aber auch Lahmheiten und weitere körperliche Beeinträchtigungen traten auf. Viele der Patienten litten an Alpträumen, Schlaflosigkeit und/oder Halluzinationen. Barker schildert uns diverse Ausformungen des Krankheitsbildes in den Figuren verschiedener Patienten, die sie in ihre Handlung einführt, diese Beschreibungen sind in ihrer Klarheit, die keineswegs nach Sensation haschen, erschreckend.

Der potentielle Aufwiegler Sassoon wurde also für krank erklärt, eine Vorgehensweise, die auch in heutiger Zeit nicht unbekannt ist, wenngleich mit anderer Motivation. Seine Ablehnung der Fortführung des Krieges war weder religiös bedingt noch ein Zeichen persönlicher Feigheit, im Gegenteil war Sassoon ein anerkannt guter Zugführer und Vorgesetzter, der wegen bemerkenswerter Tapferkeit ausgezeichnet worden war. Seiner Einweisung nach Craiglockhart zuzustimmen, fiel ihm sehr schwer, schließlich verbrachte er dadurch seine Tage in Sicherheit und relativer Bequemlichkeit, während seine Leute in Frankreich im Schlamm und unter dem Granatenhagel der Deutschen verreckten. In der Klinik bleibt Sassoon weitgehend für sich, einzig mit dem Dichter Wilfred Owen (1892 – 1918), ebenfalls Patient in der Klinik, freundet er sich locker an, die beiden werden in späteren Jahren als ‚War poets‘ bezeichnet [6].

Rivers ist die unermüdliche, ruhende, überforderte Seele des Krankenhauses. Langsam gelingt es ihm, eine Vertrauensbasis zu Sassoon herzustellen, auf deren Grundlage sie kommunizieren können. Dieser Kontakt mit Sassoon führt Rivers selbst an Grenzen und an einen tiefen Zwiespalt in ihm, denn dem Inhalt des Sassoonschen Aufrufs stimmt er im Grunde zu, aber seine Aufgabe im Krankenhaus ist es, die Offiziere wieder fronttauglich zu machen, damit sie in die sinnlos gewordene Schlacht zurück geschickt werden können.

Die Auseinandersetzung  Rivers mit der zweiten Hauptfigur auf Seiten der Patienten, Prior, ist anders geartet. Prior gibt sich aggressiv, feindselig, wirkt arrogant und ablehnend. Seine Stummheit überwindet er recht schnell, hartnäckig aber verweigert er dem Arzt Auskünfte über sein ‚Innenleben‘. Schließlich wendet Rivers, wie von Prior gewünscht, Hypnose an und deckt so das letztlich zum Trauma führende Erlebnis von Prior auf. Aber das ist nicht das einzige, denn Prior ist intelligent und teilweise verletzend offen: schnell hat er gemerkt, daß auch Rivers traumatische Erlebnisse in seiner Psyche zu verstecken scheint. Damit konfrontiert muss Rivers akzeptieren, daß Prior möglicherweise mit seiner Beobachtung recht hat…

Frauen spielen in dem Buch eine sehr untergeordnete Rolle. Sie kommen vor, sicherlich, als Krankenschwestern, als gelbgefärbte Arbeiterinnen in den Munitionsfabriken, die dort teilweise mit Gasmasken vor dem Gesicht arbeiten mussten. Zu ihnen gehört auch Sarah, die Prior in einem Cafe kennenlernt. Zwischen beiden entwickelt sich eine zarte Liebesbeziehung. Ansonsten durchzieht das gesamte Buch in seinen Männerfiguren eine mehr oder weniger latente Neigung zur gleichgeschlechtlichen Liebe. Wie erklärt es Lizzie, einer der Freundinnen von Sarah, so anschaulich, in Bezug auf ihren eigenen Freund?: … er hatte keine Schwestern, also hat er nie mit Mädchen zu tun gehabt. Auf der Schule keine Mädchen. Auf der Universität keine Mädchen. Und als er schließlich mich kennengelernt hat, da war´s natürlich zu spät. Die Sache war gelaufen. … Ist mir schleierhaft, wie die sich fortpflanzen. Auch Prior erscheint trotz seiner Annäherung zu Sarah weiterhin auch homoerotisch interessiert.

Immer wieder, teil unvermittelt, werden wir als Leser mit den Inhalten von Träumen, von Erinnerungen der Soldaten konfrontiert. Sie sind meist sehr erschreckend, das von mir vorstehend etwas zusammenhanglose Zitat ‚Lutschbonbon‘ gehört dazu, in die Details will ich hier gar nicht gehen. Die Schilderung des ‚Niemandslandes‘, das immer wieder in den Erinnerungen der Soldaten auftaucht, jedenfalls ist von äußerster Dystopie, es ist eine Landschaft nicht mehr von dieser Welt, in die hinein sie durch unsinnige Befehle gezwungen werden. Sie versinken dort symbolisch und förmlich im Schlamm, der sich durch die immer immerwährenden Regen aufgeweichte Erde, durch die in ihm versunkene, ausgelösten Leichname, durch Dreck, Unrat und Ausscheidungen gebildet hat. Allein der Geruch, der Gestank, der ihm entweicht…

Die englische Klassengesellschaft spiegelt sich auch auf dem Schlachtfeld, die höheren Offiziere bekommen von diesen Verhältnissen wenig mit, sie sitzen bei Rotwein und Pastete und schwadronieren, während die kaum ausgebildeten Soldaten, die in dieses Inferno geschickt werden, verrecken. Sie spiegelt sich auch in der Kleinwüchsigkeit (Barker redet an einer Stelle von kaum einem Meter fünfzig Körpergröße) vieler Rekruten, die aus dem armen Schichten Englands stammen und den – wenngleich auch einen andersgearteten – Überlebenskampf auch in der Heimat auszufechten haben. Zwischen diesen Soldaten und ihren unmittelbaren vorgesetzten Offizieren, den Zugführern und Kompaniechefs, zu denen Sassoon gehört, aber auch Prior, bildet sich unter diesen Bedingungen ein besonderes Verhältnis, ein besonders stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl der Offiziere zu ihren Soldaten.

Für die meisten der Offiziere ist der Aufenthalt in Craiglockhart eine Belastung. Sie empfinden ihren nervlichen Zusammenbruch als persönliche Schwäche, fürchten, daß man sie als Feiglinge ansieht. ‚Was hast du im Krieg gemacht, Siegfried?‘ Nun ja, ich habe drei sehr angenehme Jahre in einer Klapsmühle verbracht ich Mehlpudding gegessen und Golf gespielt habe. Während andere – darunter sehr enge Freunde draufgegangen sind. … äußert sich Sassoon im Gespräch mit dem einzigen anderen Patienten, mit der er sich in der Klinik anfreundet, dem Dichter Wilfred Owen. Kaum nachvollziehbar heutzutage der häufig geäußerte Wille der Offiziere, nach Frankreich zurückzukehren, selbst im Wissen um das, was einen dort erwartet. Dies liest man ja auch in anderen (Anti)Kriegsromanen, Frontsoldaten, die auf Heimaturlaub sind, fühlen sich allein, unverstanden und entwurzelt, ihre ‚Heimat‘, der Ort, an dem sie sich ‚richtig‘ fühlen, ist der Schützengraben, die Gemeinschaft derjenigen, die allesamt dem sinnlosen Tod entgegensehen.

Am Ende des Romans werden sie als geheilt, d.h. verwendungsfähig, zurück geschickt in den Krieg. Sassoon sollte den Krieg überleben, Owen stirbt eine sinnlosen Tod kurz vor dem Waffenstillstand. Prior wird  seines Asthmas wegen nicht mehr an die Front abkommandiert wird, sondern an das Rüstungsministerium in London. Selbst Rivers verläßt, völlig erschöpft, die Nervenheilanstalt und nimmt ein Angebot seines früheren Kollegen an, wieder mit ihm zusammen zu arbeiten.


Barker hat auf der Grundlage verschiedener Dokumente einen sehr beeindruckenden Roman über die Grauen des Ersten Weltkrieges geschrieben, der Fakten und Fiktion mischt. In ihm treten historische Persönlichkeiten (Siegfried Sassoon, Wilfried Edward Salter Owen, Dr. W. H. R. Rivers u.a.) auf, aber auch fiktive wie Billy Prior, deren Schicksale sie auf der Grundlage von Akten und Fallbeschreibungen hochdifferenziert ausformt. Man muss sich dabei vor Augen halten, daß der 1. Weltkrieg mehr Opfer forderte, weit mehr Opfer, als der 2. Weltkrieg. So starben zwischen 1914 und 1918 insgesamt 710.000 britische Soldaten, während im 2. Weltkrieg dagegen ’nur‘ ca. 271.000 Soldaten fielen (bei 31.000 bzw. 62.000 zivilen Opfern) [5], die Schrecken der dystopischen Abschlachtfelder Frankreichs, über die noch nicht einmal mehr Krähen fliegen wollten, die der Regen in unüberwindbare Schlammgefilde verwandelte, über die Gas waberte und die Schreie der Verstümmelten, die niemand bergen konnte, grub sich tief ein in die Psyche der Völker. Es ist dies, was Sassoon in seinem Aufruf anklagt: nicht den Krieg an sich, sondern ihn unter diesen Bedingungen sinnlos fortzuführen, die Menschen zu Material zu degradieren und das Schlachten nicht zu beenden, obwohl die ursprünglichen Kriegsziele mittlerweile (der Aufruf wurde 1917 geschrieben) durch Verhandlungen erreichbar seien.

Gleichzeitig vermittelt Barker neben der indirekten Darstellung der Kriegsgräuel auch ein Bild des damaligen Englands, dem sie sich dann im zweiten Band der Trilogie ausführlich widmet. Das damalige England zeichnet sie als ausdrückliche Klassengesellschaft mit der Arbeiterklasse, in dem Menschen vor lauter Not und Armut kleinwüchsig bleiben. Billly Prior entstammt dieser Schicht, er kommt aus dem Norden, einer Landschaft, die in ihrer Armseligkeit in mancher Beziehung so lebensfeindlich wirkt wie die Felder Frankreichs. Dagegen stehen die höheren Gesellschaftsschichten, denen materielle Sorgen fremd sind, die ihr Leben der Jagd und der Politik widmen können. Es ist aber auch eine Gesellschaft, in der es gärt, in der z.B. Frauen Rechte einfordern, in der in der Kunstszene ein Mann wie Oscar Wilde (der häufiger im Roman erwähnt wird) Homosexualität zum Thema macht – und die Gegenreaktion provoziert.

Solche homoerotischen Stimmungen durchziehen die Handlung des gesamten Buches. Insbesondere Prior (als Kind von einem Priester vergewaltigt) ist – obschon mit Sarah liiert – weiterhin empfänglich für gleichgeschlechtliche Reize, aber auch die Beziehung zwischen Sassoon und Owen und selbst in den Gesprächen mit Rivers schwingt immer solch verborgene Sexualität mit.

Rivers ist die zentrale Gestalt des Romans, ja, der gesamten Trilogie. Er, der völlig Erschöpfte, der Ausgelaugte und Überforderte, ist der ruhende Pol, obschon er selbst eigene innere Kämpfe auszufechten hat, denn das Schicksal seiner Patienten läßt ihn keineswegs unberührt. In ihm wird der Kampf zwischen Barbarei und Zivilisation ausgefochten, er ist Abraham, der Isaac opfern, sprich: die ihm Anvertrauten an die Front zurück schicken muss und der darauf wartet, das befreiende Wort ‚Gottes‘ zu hören, das den Beginn der Zivilisation, die Grenze zur Barbarei markiert.

Summa summarum: Pat Barker ist mit ihrer Trilogie (die nächsten Bände werde ich bald hier auch vorstellen) ein zeitloses Meisterwerk über die Grausamkeit eines Krieges gelungen, das weit über den 1. Weltkrieg hinausreicht. Zudem ist es ein kluges und tiefgründiges zeitgeschichtliches Werk über das England dieser Epoche.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Pat Barker:  https://de.wikipedia.org/wiki/Pat_Barker
[2] Hier im Blog vorgestellte Bücher, die sich mit dem 1. Weltkrieg auseinandersetzen: https://radiergummi.wordpress.com/tag/1-weltkrieg/
[3] der Originaltitel des Buches lautet Regeneration, was u.a. sowohl mit ‚Wiederherstellung‘ als auch u.a. mit ‚Aufarbeitung‘ übersetzt werden kann und dem Inhalt des Buches besser entspricht als das deutsche ‚Niemandsland‘.
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried_Sassoon
https://de.wikipedia.org/wiki/William_Halse_Rivers_Rivers
https://de.wikipedia.org/wiki/Craiglockhart_Hydropathic
[5] nach http://www.science-at-home.de/wiki/index.php/Die_Opfer_des_1._Weltkriegs und https://de.wikipedia.org/wiki/Tote_des_Zweiten_Weltkrieges. Selbst wenn die Erhebungsgrundlagen für die Daten der beiden Quellen unterschiedlich sein mögen, sind die Unterschiede doch deutlich erkennbar. Sogar was die Gesamtzahl aller Gefallenen angeht, war der 1. Weltkrieg grausamer.
[6] vgl. z.B. hier:    https://theredanimalproject.wordpress.com/2011/03/09/poets-of-the-great-war-siegfried-sassoon-and-wilfred-owen/

Pat Barker
Niemandsland
Übersetzt aus den Englischen von Matthias Fienbork
Originalausgabe: Regeneration, London, 1991
diese Ausgabe: dtv, ca. 325 S., 1999
(anscheinend nur noch antiquarisch erhältlich)