barker-auge

Das Auge in der Tür bildet den Mittelteil von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [1]. Konzentrierte sich die Handlung des ersten Bandes auf die indirekte Schilderung des Grauens auf den Schlachtfeldern, die uns durch die Traumatisierungen der Soldaten deutlich gemacht wurden, so liegt der Schwerpunkt dieses Bandes auf den Zuständen in England selbst.

Von den tragenden Figuren aus Niemandsland treffen wir hier noch auf Billy Prior und den Arzt Dr. Rivers. Der Dichter Siegfried Sassoon, der zentrale Figur des ersten Teils Niemandsland war, wird erst gegen Ende des Romans noch einmal in die Geschichte eingeführt. Er war nach seinem Aufenthalt in der Klinik wieder an die Front geschickt worden, jedoch zunächst einmal nach Palästina, erst später kam er wieder nach Frankreich, wo er angeschossen und verwundet wurde und in London wieder mit Dr. Rivers zusammentrifft.

Billy Prior wurde u.a. wegen seine Asthmas nicht an die Front geschickt, sondern begann seinen Dienst im Rüstungsministerium in London. In London macht er die Bekanntschaft von Charles Manning, von dem sich herausstellt, daß er ebenfalls im Ministerium arbeitet. Es ist eine durchaus intim zu nennende Bekanntschaft, da Prior zwar mit Sarah im fernen Schottland liiert ist, er seinen sexuellen Trieb aber trotzdem an Ort und Stelle auslebt, wobei ihm das Geschlecht des/der Gegenüber weitgehend egal ist.

Wir sind im Frühjahr 1918. Der Tagesbefehl vom 13. April ordnet an, daß jede Stellung bis zum letzten Mann zu halten ist … jeder Soldat bis zum Ende zu kämpfen hat, ein Befehl, der unter der Zivilbevölkerung Panik verbreitet. Sowieso werden Abweichler verfolgt und drangsaliert: Für ihn [i.e. der Vorgesetzte Priors im Ministerium, Lode] war das Ganze ein großes Schachbrett. Diese bunte Truppe aus Quäkern, Sozialisten, Anarchisten, Frauenrechtlerinnen, Gewerkschaftern, Sieben-Tage-Adventisten und weiß der Himmel wem war nur eine raffinierte Tarnung, hinter der die wahre Anti-Kriegsbewegung lauerte; eine disziplinierte, höchst effiziente Geheimorganisation, die ebenso überzeugt und entschlossen für den politischen Umsturz kämpfte, wie Lode sich dem Erhalt des Staates verschrieben hatte. …

Eine dieser Pazifistinnen ist Beattie Roper, die im Gefängnis sitzt, weil man sie eines Mordanschlags beschuldigt. Billy Prior kennt diese Frau gut, als Kind hat er viel Zeit bei ihr verbracht. Er besucht sie in ihrer Zelle. Einer der vor Beattie einsitzenden Häftlinge hatte um das Guckloch der Zellentür das titelgebende Auge gemalt. „Es ist nicht so schlimm, solange es an der Tür bleibt.“ Sie tippte sich an den Kopf. „Kritisch wird’s erste, wenn es hier drinnen anfängt.“ Wenn man den ersten Teil der Trilogie gelesen hat, weiß man, daß Prior seine eigenen Erfahrungen mit Augen hat….. wahrscheinlich ist Beattie von einem Provokateur hereingelegt worden, Arthur Spragge, ein Mann, mit dem Prior noch zu tun bekommen wird. Diese Episode des Romans mit Beattie Roper beruht auf einem realen Ereignis.

Man weiß nicht genau, welches Spiel Prior spielt. Will er seinen alten Freunden wirklich helfen oder will er, der Mitarbeiter eines Ministeriums, sie verraten? Er bringt seinen alten Freunden und Kameraden zugleich Zu- wie Abneigung entgegen. Mit den Worten von Beattie, der er Hilfe verspricht, klingt dies so: Ich werde dich nicht fragen, auf welcher Seite du stehst, …. Aber…. Weißt du, auf welcher Seite du stehst? Es ist ein sehr ernster, tiefgehender Zwiespalt, in den Parker ihren Protagonisten zwingt und sie löst diesen Zwiespalt im späteren Verlauf dann erschreckend und tragisch auf.


Einer der vielen Gründe, weshalb er [i.e. Prior] sich anders fühlte als seien Offizierskollegen, war, daß ihr England ein bukolischer Ort war: Wiesen, Flüsse, waldige Täler, mittelalterliche Kirchen, umgeben von ehrwürdigen Ulmen. Sie konnten nicht verstehen, daß die Front, dieser Apparat, der den einzelnen auf ein Rädchen im Getriebe reduzierte, diese verwahrloste Landschaft, sich für ihn und die allermeisten Soldaten nicht groß unterschied von dem Leben, das sei von zu Hause her kannten – in Birmingham, Manchester, Glasgow oder in den Bergarbeiterdörfern in Wales – sondern nur eine alptraumhafte Steigerung darstellte. [3]


Auch Priors Bekanntschaft Manning hat so seine Probleme. Er bekommt anonyme Post, befürchtet, daß seine homoerotische Neigung eventuell aufgedeckt worden ist. Steht sein Name auf dieser ominösen Liste der 47000 Namen (‚cabinet noir‘ bzw. ‚black book‘, über die realen Hintergründe für diese Passage ist hier [2] etwas zu finden), die des Verrats verdächtig sind? Und kann er es sich erlauben, zu dieser geheimnisvollen Aufführung von Wildes Salome zu gehen, zu der er eingeladen ist? Manning besucht die Aufführung trotz seiner Bedenken, aber sie gefällt ihm nicht. Die Realität hat das Bühnenstück längst überholt, sind auf der Bühne die abgeschlagenen Köpfe aus Pappmaschee, so ist man mittlerweile längst echte Köpfe gewohnt. Er musste nur eine Sekunde an den stinkende, gelben Schlamm an der Front denken, diesen Haferbrei, in die Klumpen Leichen oder Leichenteile waren, und schon schob sich eine unüberwindliche Wand zwischen ihn und diese Worte [der Salome im Angesicht des abgeschlagenen Kopfes von Jochanaan].


Beide, Mannings und Prior leben in London und gehen weiterhin zu Dr. Rivers, der die Klinik in Schottland ja ebenso verlassen hatte. Durch die Gespräche zwischen ihnen werden immer wieder deren Erinnerungen an die Erlebnisse an der Front eingeblendet und das Grauen vor diesem Krieg wird ‚lebendig‘ gehalten.

Ein für mich in anderer Hinsicht zentrales Kapitel des Buches beschreibt eine ‚Auseinandersetzung‘ zwischen Prior und Rivers. Bei ersterem treten seit kurzem Phasen auf, in denen er dissoziert und an die er nachher keine Erinnerungen mehr hat, es fehlen ihm Stunden seines Lebens. Ich habe gewisse Neigungen, denen ich nur mit äußerster Mäßigung nachgebe und auch nur dann, wenn man mich dazu auffordert. Jedenfalls nicht in diesem Zustand. Ich will damit nur sagen, daß daß daß ich in dem anderen Zustand nicht so scheißgewissenhaft bin. …. [das 3fache ‚daß‘ ist kein Fehler, sondern zeigt das Rückfallen Priors ins Stottern an], erklärt Prior dieses ‚Jekyll und Hyde‘-Gefühl seinem Arzt voller Aggression und Feindseligkeit. Dabei macht er ihn darauf aufmerksam, daß Rivers selbst ähnliche Symptome aufweist, die dieser bei ihm, Prior, feststellt. Rivers bietet ihm daraufhin einen Rollentausch an, er, Prior, solle seine Stelle als Arzt einnehmen. Es ist im folgenden Gespräch für Rivers ein Schock, wie schnell, brutal und erschreckend präzise Prior seine, i.e. Rivers, kindlichen Traumata anspricht…. „Himmelherrgott! Was immer es war, sie haben sich geblendet, um es nicht weiterhin sehen zu müssen!“ – „Ganz so drastisch würde ich es nicht formulieren.“ – „Sie haben ihr visuelles Gedächtnis zerstört. Sie haben ihr geistiges Auge ausgelöscht. So war es doch, oder?“ – Rivers kämpfte mit sich. Dann sagte er einfach: „Ja.“


Die ‚Blackouts‘ bei Prior häufen sich, dauern länger an. Er kann es nicht mehr leugnen, in einer dieser Phasen hat er etwas getan, was er, der ’normale‘ Prior nicht fassen kann. Ist es deshalb sein Entschluss, zu versuchen, wieder nach Frankreich an die Front zu kommen, trotz seiner Verlobung mit Sarah, die im Norden auf ihn wartet und dem Angebot Mannings, ihm eine gute Stellung im Ministerium zu verschaffen?


Wie schon der erste Band Niemandsland ist auch dieser Mittelteil der Barkerschen Trilogie sehr beeindruckend. Vielschichtig und klug beleuchtet sie sowohl Rückwirkungen des Kriegs auf England und die Verhältnisse dort (die Lockerung der Sitten („Wie lange bist du hier?“ … „Zwei Tage“ – „Mach das Beste draus. Aber tu nichts, was wir nicht tun würden.“ – Er lächelte. „Wieviel Möglichkeiten bleiben mir da?“ – „Einige. Heutzutage.“ sagte Mrs. Riley.), den grassierenden Verfolgungswahn, die überbordenden Verschwörungstheorien oder der ‚Kampf‘ gegen Abweichler) als auch am Beispiel vor allem Priors und Mannings (aber auch anderer) die Schicksale der kämpfenden Soldaten. Es ist eine Klassengesellschaft die Barker beschreibt, die Arbeiterklasse, ungebildet und so armselig, daß diese Armut, der Mangel an Nahrung, sich körperlich in Kleinwüchsigkeit zeigt. Eine Klasse, die unter Verhältnissen leben muss, die sich nicht prinzipiell von denen an der Front unterscheiden. Ganz im Gegenteil zu der Offiziersklasse, die höhereren gesellschaftlichen Schichten entspricht, kaum Kontakt zur Realität der Arbeiter hat und – um den Ausdruck Barkers zu wiederholen – ein Leben unter ‚bukolischen‘ Verhältnissen führen kann – relativ gesehen auch in diesem Krieg. Und über allem schwebt der Geist einer latenten (männlichen) Homosexualität.

Mit den Figuren Prior und Rivers gelingen Barker ferner fesselnde Psychogramme von Menschen, die das persönliche Schicksal bzw. dann der Krieg auf die eine oder andere Weise deformiert (hat). Als ob das nicht reichen würde, ist es der Autorin ferner noch gelungen, dies alles so spannend und fesselnd darzustellen, daß man das Buch, wenn man es zur Hand genommen hat, nur sehr zögernd wieder weglegen möchte. Wenn dieser letzte Satz wie eine absolute Lesempfehlung klingen sollte: genau das war meine Absicht!

Links und Anmerkungen:

[1] Die Trilogie umfasst folgende Einzelbände (Verlinkung führt zu den Buchvorstellungen hier im Blog:
Niemandsland (dort finden sich auch noch weitere Anmerkungen zur Trilogie von Barker
– Das Auge in der Tür
– Die Straße der Geister
[2] Mindy Aloff: Behind the Veil (28.4.1998);  http://www.nytimes.com/books/98/04/26/reviews/980426.26alofft.html
[3] zu dieser erschreckenden Feststellung, die Barker Ende des Jahrhunderts formulierte, passt folgende Passage von D.H. Lawrence aus John Thomas & Lady Jane aus den zwanziger Jahren (also kurz nach dem Kriegsende) sehr gut: …. Hier in Wagly befand sie sich in der merkwürdigen Einflußsphäre von Sheffield. Der Himmel war oft sehr dunkel, es schien kein Tageslicht zu geben, man hatte ein Gefühl von Unterwelt. Selbst die Blumen, die in der dunklen Luft wuchsen, waren oft ein bißchen rußig. Und in der Atemluft war stets ein schwacher oder starker Geruch von etwas Unheimlichem, etwas Unterirdischem – Kohle oder Schwefel oder Eisen oder was es auch sein mochte. … Selbst also der Gasgeruch oder die Angst vor dem Gas, die in den Gedanken der Soldaten eine große Rolle spielt und auf die Barker immer wieder anspielt, taucht hier als originärer Bestandteil nordenglicher Industrielandschaft auf.

Pat Barker
Das Auge in der Tür
Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Originalausgabe: The Eye in the Door, London 1993
diese Ausgabe: dtv, ca 290 S., 2000

Pat Barker: Niemandsland

8. März 2017

niemandsland

Das 20. Jahrhundert war für uns in Europa ein seltsam geteiltes Jahrhundert. Die erste Hälfte ist geprägt durch zwei menschenverachtende, menschenmordende Kriege, in denen unfassbare Grausamkeiten geschahen, deren Schrecken sich jedoch anscheinend so tief in die Psyche der Menschen eingeprägt haben, daß die zweite Hälfte (zumindest, was die Mitte und den Westen angeht) durch herrschenden Frieden und wachsenden Wohlstand charakterisiert werden kann. Der Fall des ‚Eisernen Vorhangs‘ gegen Ende des Jahrhunderts bestärkt diesen Eindruck.

Der Roman Niemandsland der englischen Autorin Pat Barker [1], den ich hier vorstellen will, ist Teil einer Trilogie, die sich mit dem 1. Weltkrieg aus englischer Sicht auseinandersetzt [2]. England war bei jedem der beiden Kriege auf Seiten der Sieger, nie jedoch gab es Bodenkämpfe auf englischem Territorium. So schlimm die Luftangriffe der Deutschen sowie die durch den U-Boot-Krieg hervorgerufenen Versorgungsengpässe für die englische Bevölkerung auch gewesen sein mögen, an Schrecken und Grausamkeit, wie sie auf den (Ab)Schlachtfeldern des Kontinents herrschten, gemessen, war dies geringfügig.

Pat Barker übernimmt diese Situation für ihren Roman. So wie der Engländer auf der Insel den Krieg nicht bzw. kaum direkt erlebt, so werden auch wir als Leser nicht auf die Schlachtfelder geführt, sondern wir werden mit den Folgen dieser Gemetzel konfrontiert und erleben das Grauen nur indirekt in den Schilderungen und Alpträumen der Soldaten mit.

Als rote Fäden zieht sich durch die Handlung von Niemandsland – der (deutsche) Titel des Romans [3] bezieht sich auf die apokalyptische Landschaft zwischen den Fronten, die völlig zerstört tot erscheint, obwohl tausende Soldaten auf beiden Seiten verschanzt sind und sich versteckt halten – das Schicksal dreier Personen. Dies sind der Schriftsteller und Dichter Siegfried Sassoon (1886 – 1967), [4]), ferner die fiktive Figur des Billy Prior, eines Offiziers, der durch seine Erlebnisse an der Front traumatisiert worden ist und dann als zentrale Persönlichkeit aller drei Bände der Psychiater William Halse Rivers Rivers ([1864 – 1922, [4]), der außerdem noch Anthropologe, Ethnologe und Neurologe war. Der Ort an dem ein Großteil der Handlung spielt ist, Craiglockhart, ein psychiatrischen Krankenhaus für Offiziere in der Nähe von Edingburgh.

Was soll ich mit diesem Lutschbonbon machen?

Die aus völlig unterschiedlicen Gründen in das Krankenhaus eingewiesenen Sassoon und Prior sind völlig unterschiedliche Charaktere. Während Prior aus einfachen Verhältnissen stammend durch seine Kriegserlebnisse in Frankreich die Sprache verloren hat und von Alpträumen gequält wird, hat sich der Dichter Sassoon in einem öffentlichen Aufruf gegen die Weiterführung des Krieges ausgesprochen, in dem politischer Irrtümer und Heucheleien willen sinnlos Frontkämpfer geopfert werden. Die von ihm erhoffte Verhandlung vor dem Kriegsgericht und die damit verbundene Diskussion seines Aufrufs blieb aus, ein Freund von ihm, der Dichter Robert Graves, konnte es arrangieren, daß ihm ein Nervenschock (Shell Shock bzw. Kriegsneurose) attestiert und er zur Behandlung nach Craiglockhart kam.

Beide werden Patienten von Rivers. Rivers ist ein besonderer Arzt, der zur Behandlung seiner Patienten ‚moderne‘ Methoden einsetzt, wie modern, erfahren wir als Leser gegen Ende des Buches in einer schlimmen Passage, in der Parker uns die konventionelle Behandlung damaliger Traumapatienten durch Elektroschocks schildert, die sich allenfalls im Ziel und in der euphemistischen Bezeichnung von einer sadistischen Folterorgie unterscheidet. Rivers dagegen setzt auf Gespräche, auf das Zulassen von Gefühlen auch wie Angst, er versucht, mit seinen Patienten über deren Alpträume zu reden, um die verschütteten und verdrängten Erlebnisse wieder hervorzuholen. Der Begriff der ‚Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)‘ existierte zur damaligen Zeit noch nicht, die ‚Störung‘ als solche natürlich schon, ihr wurden Begriffe wie beispielsweise ‚Kriegsneurose‘ zugeordnet. Stummheit oder Stottern waren häufige Symptome, aber auch Lahmheiten und weitere körperliche Beeinträchtigungen traten auf. Viele der Patienten litten an Alpträumen, Schlaflosigkeit und/oder Halluzinationen. Barker schildert uns diverse Ausformungen des Krankheitsbildes in den Figuren verschiedener Patienten, die sie in ihre Handlung einführt, diese Beschreibungen sind in ihrer Klarheit, die keineswegs nach Sensation haschen, erschreckend.

Der potentielle Aufwiegler Sassoon wurde also für krank erklärt, eine Vorgehensweise, die auch in heutiger Zeit nicht unbekannt ist, wenngleich mit anderer Motivation. Seine Ablehnung der Fortführung des Krieges war weder religiös bedingt noch ein Zeichen persönlicher Feigheit, im Gegenteil war Sassoon ein anerkannt guter Zugführer und Vorgesetzter, der wegen bemerkenswerter Tapferkeit ausgezeichnet worden war. Seiner Einweisung nach Craiglockhart zuzustimmen, fiel ihm sehr schwer, schließlich verbrachte er dadurch seine Tage in Sicherheit und relativer Bequemlichkeit, während seine Leute in Frankreich im Schlamm und unter dem Granatenhagel der Deutschen verreckten. In der Klinik bleibt Sassoon weitgehend für sich, einzig mit dem Dichter Wilfred Owen (1892 – 1918), ebenfalls Patient in der Klinik, freundet er sich locker an, die beiden werden in späteren Jahren als ‚War poets‘ bezeichnet [6].

Rivers ist die unermüdliche, ruhende, überforderte Seele des Krankenhauses. Langsam gelingt es ihm, eine Vertrauensbasis zu Sassoon herzustellen, auf deren Grundlage sie kommunizieren können. Dieser Kontakt mit Sassoon führt Rivers selbst an Grenzen und an einen tiefen Zwiespalt in ihm, denn dem Inhalt des Sassoonschen Aufrufs stimmt er im Grunde zu, aber seine Aufgabe im Krankenhaus ist es, die Offiziere wieder fronttauglich zu machen, damit sie in die sinnlos gewordene Schlacht zurück geschickt werden können.

Die Auseinandersetzung  Rivers mit der zweiten Hauptfigur auf Seiten der Patienten, Prior, ist anders geartet. Prior gibt sich aggressiv, feindselig, wirkt arrogant und ablehnend. Seine Stummheit überwindet er recht schnell, hartnäckig aber verweigert er dem Arzt Auskünfte über sein ‚Innenleben‘. Schließlich wendet Rivers, wie von Prior gewünscht, Hypnose an und deckt so das letztlich zum Trauma führende Erlebnis von Prior auf. Aber das ist nicht das einzige, denn Prior ist intelligent und teilweise verletzend offen: schnell hat er gemerkt, daß auch Rivers traumatische Erlebnisse in seiner Psyche zu verstecken scheint. Damit konfrontiert muss Rivers akzeptieren, daß Prior möglicherweise mit seiner Beobachtung recht hat…

Frauen spielen in dem Buch eine sehr untergeordnete Rolle. Sie kommen vor, sicherlich, als Krankenschwestern, als gelbgefärbte Arbeiterinnen in den Munitionsfabriken, die dort teilweise mit Gasmasken vor dem Gesicht arbeiten mussten. Zu ihnen gehört auch Sarah, die Prior in einem Cafe kennenlernt. Zwischen beiden entwickelt sich eine zarte Liebesbeziehung. Ansonsten durchzieht das gesamte Buch in seinen Männerfiguren eine mehr oder weniger latente Neigung zur gleichgeschlechtlichen Liebe. Wie erklärt es Lizzie, einer der Freundinnen von Sarah, so anschaulich, in Bezug auf ihren eigenen Freund?: … er hatte keine Schwestern, also hat er nie mit Mädchen zu tun gehabt. Auf der Schule keine Mädchen. Auf der Universität keine Mädchen. Und als er schließlich mich kennengelernt hat, da war´s natürlich zu spät. Die Sache war gelaufen. … Ist mir schleierhaft, wie die sich fortpflanzen. Auch Prior erscheint trotz seiner Annäherung zu Sarah weiterhin auch homoerotisch interessiert.

Immer wieder, teil unvermittelt, werden wir als Leser mit den Inhalten von Träumen, von Erinnerungen der Soldaten konfrontiert. Sie sind meist sehr erschreckend, das von mir vorstehend etwas zusammenhanglose Zitat ‚Lutschbonbon‘ gehört dazu, in die Details will ich hier gar nicht gehen. Die Schilderung des ‚Niemandslandes‘, das immer wieder in den Erinnerungen der Soldaten auftaucht, jedenfalls ist von äußerster Dystopie, es ist eine Landschaft nicht mehr von dieser Welt, in die hinein sie durch unsinnige Befehle gezwungen werden. Sie versinken dort symbolisch und förmlich im Schlamm, der sich durch die immer immerwährenden Regen aufgeweichte Erde, durch die in ihm versunkene, ausgelösten Leichname, durch Dreck, Unrat und Ausscheidungen gebildet hat. Allein der Geruch, der Gestank, der ihm entweicht…

Die englische Klassengesellschaft spiegelt sich auch auf dem Schlachtfeld, die höheren Offiziere bekommen von diesen Verhältnissen wenig mit, sie sitzen bei Rotwein und Pastete und schwadronieren, während die kaum ausgebildeten Soldaten, die in dieses Inferno geschickt werden, verrecken. Sie spiegelt sich auch in der Kleinwüchsigkeit (Barker redet an einer Stelle von kaum einem Meter fünfzig Körpergröße) vieler Rekruten, die aus dem armen Schichten Englands stammen und den – wenngleich auch einen andersgearteten – Überlebenskampf auch in der Heimat auszufechten haben. Zwischen diesen Soldaten und ihren unmittelbaren vorgesetzten Offizieren, den Zugführern und Kompaniechefs, zu denen Sassoon gehört, aber auch Prior, bildet sich unter diesen Bedingungen ein besonderes Verhältnis, ein besonders stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl der Offiziere zu ihren Soldaten.

Für die meisten der Offiziere ist der Aufenthalt in Craiglockhart eine Belastung. Sie empfinden ihren nervlichen Zusammenbruch als persönliche Schwäche, fürchten, daß man sie als Feiglinge ansieht. ‚Was hast du im Krieg gemacht, Siegfried?‘ Nun ja, ich habe drei sehr angenehme Jahre in einer Klapsmühle verbracht ich Mehlpudding gegessen und Golf gespielt habe. Während andere – darunter sehr enge Freunde draufgegangen sind. … äußert sich Sassoon im Gespräch mit dem einzigen anderen Patienten, mit der er sich in der Klinik anfreundet, dem Dichter Wilfred Owen. Kaum nachvollziehbar heutzutage der häufig geäußerte Wille der Offiziere, nach Frankreich zurückzukehren, selbst im Wissen um das, was einen dort erwartet. Dies liest man ja auch in anderen (Anti)Kriegsromanen, Frontsoldaten, die auf Heimaturlaub sind, fühlen sich allein, unverstanden und entwurzelt, ihre ‚Heimat‘, der Ort, an dem sie sich ‚richtig‘ fühlen, ist der Schützengraben, die Gemeinschaft derjenigen, die allesamt dem sinnlosen Tod entgegensehen.

Am Ende des Romans werden sie als geheilt, d.h. verwendungsfähig, zurück geschickt in den Krieg. Sassoon sollte den Krieg überleben, Owen stirbt eine sinnlosen Tod kurz vor dem Waffenstillstand. Prior wird  seines Asthmas wegen nicht mehr an die Front abkommandiert wird, sondern an das Rüstungsministerium in London. Selbst Rivers verläßt, völlig erschöpft, die Nervenheilanstalt und nimmt ein Angebot seines früheren Kollegen an, wieder mit ihm zusammen zu arbeiten.


Barker hat auf der Grundlage verschiedener Dokumente einen sehr beeindruckenden Roman über die Grauen des Ersten Weltkrieges geschrieben, der Fakten und Fiktion mischt. In ihm treten historische Persönlichkeiten (Siegfried Sassoon, Wilfried Edward Salter Owen, Dr. W. H. R. Rivers u.a.) auf, aber auch fiktive wie Billy Prior, deren Schicksale sie auf der Grundlage von Akten und Fallbeschreibungen hochdifferenziert ausformt. Man muss sich dabei vor Augen halten, daß der 1. Weltkrieg mehr Opfer forderte, weit mehr Opfer, als der 2. Weltkrieg. So starben zwischen 1914 und 1918 insgesamt 710.000 britische Soldaten, während im 2. Weltkrieg dagegen ’nur‘ ca. 271.000 Soldaten fielen (bei 31.000 bzw. 62.000 zivilen Opfern) [5], die Schrecken der dystopischen Abschlachtfelder Frankreichs, über die noch nicht einmal mehr Krähen fliegen wollten, die der Regen in unüberwindbare Schlammgefilde verwandelte, über die Gas waberte und die Schreie der Verstümmelten, die niemand bergen konnte, grub sich tief ein in die Psyche der Völker. Es ist dies, was Sassoon in seinem Aufruf anklagt: nicht den Krieg an sich, sondern ihn unter diesen Bedingungen sinnlos fortzuführen, die Menschen zu Material zu degradieren und das Schlachten nicht zu beenden, obwohl die ursprünglichen Kriegsziele mittlerweile (der Aufruf wurde 1917 geschrieben) durch Verhandlungen erreichbar seien.

Gleichzeitig vermittelt Barker neben der indirekten Darstellung der Kriegsgräuel auch ein Bild des damaligen Englands, dem sie sich dann im zweiten Band der Trilogie ausführlich widmet. Das damalige England zeichnet sie als ausdrückliche Klassengesellschaft mit der Arbeiterklasse, in dem Menschen vor lauter Not und Armut kleinwüchsig bleiben. Billly Prior entstammt dieser Schicht, er kommt aus dem Norden, einer Landschaft, die in ihrer Armseligkeit in mancher Beziehung so lebensfeindlich wirkt wie die Felder Frankreichs. Dagegen stehen die höheren Gesellschaftsschichten, denen materielle Sorgen fremd sind, die ihr Leben der Jagd und der Politik widmen können. Es ist aber auch eine Gesellschaft, in der es gärt, in der z.B. Frauen Rechte einfordern, in der in der Kunstszene ein Mann wie Oscar Wilde (der häufiger im Roman erwähnt wird) Homosexualität zum Thema macht – und die Gegenreaktion provoziert.

Solche homoerotischen Stimmungen durchziehen die Handlung des gesamten Buches. Insbesondere Prior (als Kind von einem Priester vergewaltigt) ist – obschon mit Sarah liiert – weiterhin empfänglich für gleichgeschlechtliche Reize, aber auch die Beziehung zwischen Sassoon und Owen und selbst in den Gesprächen mit Rivers schwingt immer solch verborgene Sexualität mit.

Rivers ist die zentrale Gestalt des Romans, ja, der gesamten Trilogie. Er, der völlig Erschöpfte, der Ausgelaugte und Überforderte, ist der ruhende Pol, obschon er selbst eigene innere Kämpfe auszufechten hat, denn das Schicksal seiner Patienten läßt ihn keineswegs unberührt. In ihm wird der Kampf zwischen Barbarei und Zivilisation ausgefochten, er ist Abraham, der Isaac opfern, sprich: die ihm Anvertrauten an die Front zurück schicken muss und der darauf wartet, das befreiende Wort ‚Gottes‘ zu hören, das den Beginn der Zivilisation, die Grenze zur Barbarei markiert.

Summa summarum: Pat Barker ist mit ihrer Trilogie (die nächsten Bände werde ich bald hier auch vorstellen) ein zeitloses Meisterwerk über die Grausamkeit eines Krieges gelungen, das weit über den 1. Weltkrieg hinausreicht. Zudem ist es ein kluges und tiefgründiges zeitgeschichtliches Werk über das England dieser Epoche.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Pat Barker:  https://de.wikipedia.org/wiki/Pat_Barker
[2] Hier im Blog vorgestellte Bücher, die sich mit dem 1. Weltkrieg auseinandersetzen: https://radiergummi.wordpress.com/tag/1-weltkrieg/
[3] der Originaltitel des Buches lautet Regeneration, was u.a. sowohl mit ‚Wiederherstellung‘ als auch u.a. mit ‚Aufarbeitung‘ übersetzt werden kann und dem Inhalt des Buches besser entspricht als das deutsche ‚Niemandsland‘.
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried_Sassoon
https://de.wikipedia.org/wiki/William_Halse_Rivers_Rivers
https://de.wikipedia.org/wiki/Craiglockhart_Hydropathic
[5] nach http://www.science-at-home.de/wiki/index.php/Die_Opfer_des_1._Weltkriegs und https://de.wikipedia.org/wiki/Tote_des_Zweiten_Weltkrieges. Selbst wenn die Erhebungsgrundlagen für die Daten der beiden Quellen unterschiedlich sein mögen, sind die Unterschiede doch deutlich erkennbar. Sogar was die Gesamtzahl aller Gefallenen angeht, war der 1. Weltkrieg grausamer.
[6] vgl. z.B. hier:    https://theredanimalproject.wordpress.com/2011/03/09/poets-of-the-great-war-siegfried-sassoon-and-wilfred-owen/

Pat Barker
Niemandsland
Übersetzt aus den Englischen von Matthias Fienbork
Originalausgabe: Regeneration, London, 1991
diese Ausgabe: dtv, ca. 325 S., 1999
(anscheinend nur noch antiquarisch erhältlich)

 

Dies ist Lindas Geschichte, nicht meine.

… und wenn es Lindas Geschichte ist, ist es nur recht und billig, mir ihr anzufangen, dieses Buch vorzustellen…

Linda ist eines von insgesamt sieben Kindern eines kinderhassenden englischen Landadligen, der zusammen mit Sadie, seiner Frau, in einem Zustand fortwährenden Staunens angesichts der zahlreichen Wiegen, die sie gefüllt hatten, in ihrem Landsitz Alconleigh leben. Sadie ist im Buch Tante Sadie, denn erzählt wird die Geschichte Lindas von Fanny, ihrer Cousine, der Tochter von „Hopse“, die so hieß, weil sie sich als zu jung und lebenslustig ansah, um sich schon im Alter von neunzehn Jahren mit einem Kind zu belasten. Auch den Vater Fannys verließ sie schnell und lief danach so oft und mit so vielen verschiedenen Leuten davon, daß die Familie und Freunde sie nur noch Hopse nannten. So kam Fanny zu Tante Emily, der dritten der Schwestern, die sie wie ein eigenes Kind annahm und zu Tante Sadie kam Fanny meist über die Feiertage, an denen Tante Emily für sich selbst eine kleine Auszeit nahm.

Beherrscht wird der Landsitz der Radletts von Onkel Matthew, einem exzentrischen Mann, der England über alles liebt und alles hasst, was ausländisch ist, vor allem die Hunnen… Gullis liebt er natürlich auch nicht, dieses niedere Volk kann ihm gestohlen bleiben. Onkel Matthew wird schon auf der ersten Seite des Buches treffend charakterisiert, Mitford läßt ihre Fanny ein Bild der Familie Radlett beschreiben, auf dem sie um den großen Teetisch sitzen: Über dem Kaminsims hängt … ein Schanzspaten, mit dem Onkel Matthew 1915 acht Deutsche totgeschlagen hat, einen nach dem anderen, wie sie aus irgendeinem Unterstand hervorgekrochen kamen. Noch immer kleben Blut und Haare an diesem Werkzeug, das wir Kinder stets nur mit fasziniertem Schauder betrachteten. mm

Nancy Mitford weiß, wovon sie schreibt. Sie ist selbst als älteste der sechs Mitford-Schwestern (und einem Bruder) auf so einem Landsitz aufgewachsen, das Buch enthält eine Menge autobiografischer Bezüge. Mag sein, daß sogar der dieser Buchvorstellung vorangestellte Satz, es sei Lindas Geschichte, insofern zutreffend ist, daß sich in Lindas Schicksal einiges von auch von dem der Autorin selbst wiederfindet, während in der Erzählerin Fanny einen Gegenpart geschaffen wurde, der ein Schicksal erfährt, das auch Mitford möglicherweise vorgezogen hätte. Aber das ist meine rein persönliche Spekulation….

Linda ist 1911 geboren worden, ihre Lebensgeschichte, soweit wir sie erfahren, spielt zwischen den Weltkriegen bis hin zum Anfang des 2. Weltkriegs. Es sind zwei Englands, in dem Linda aufwächst, es ist das des heimischen Herdes und – etwas später dann – des England der  „Bright Young People“, die in London ihr Leben genießen. Größere Gegensätze lassen sich kaum vorstellen. Das von Onkel Matthew dominierte Haus, in dem die Jagd eine große Rolle spielt, das alt ist und sich im Winter nicht heizen läßt, so daß die Kinder sich im wärmsten Ort des Hauses verkriechen, einem großen Wandschrank. Dort hocken sie stundenlang und leben in einer Fantasiewelt, die sie sich in kindlicher Unschuld zusammenträumen. Über die große Liebe, über die Männer, die einmal um sie werben werden…. Mädchenträume, Märchenträume… Da Onkel Matthew der Ansicht ist, Bildung sei für Mädchen unnötiger Luxus, besuchen die Radlett-Kinder keine Schule, Hauslehrer verlassen das Anwesen meist nach wenigen Tagen wieder im Zustand nervlicher Zerrüttung und so beschränkt sich die Bildung der Kinder auf ein Französisch, das ihnen das Kindermädchen Lucille beibringt und das zu regelmäßigen Ohrfeigen durch Onkel Matthew führt, wenn er es aus dem Mund der Kinder hört. Der Wortschatz entspricht anscheinend nicht dem von „Hons“ den Honorablen… ferner geniessen sie ein wenig Musikunterricht.

Fanny dagegen erhält bei Tante Emily eine solide Schulbildung, Tante Emily macht dies zu ihrem persönlichen Anliegen. Für Fanny ist Tante Emily die Mutter, ihr Verhältnis zur leiblichen Mutter wird immer distanzierter, wie zu einer Fremden bzw. zu einer Person, die eben zur Familie gehört.

Substrahiert man den ironischen, leicht spöttischen Ton, mit dem Mitford ihre Beschreibungen des Lebens in Alconleigh überzieht, bleibt eine recht traurige Szenerie für das Aufwachsen von Kindern übrig: ein strenger, übellauniger, wenig liebender, impulsiver Vater, mit einem immer antiquierter werdenden Wertesystem, ein im Winter eiskaltes Haus, keine Spielkameraden, keine Schulbildung für die Mädchen, was nicht nur eine Zementierung von Unwissen bedeutet, sondern auch ein Mangel an Fähigkeiten: sich Wissen zu erarbeiten beispielsweise oder sich zu strukturieren. So werden die Mädchen fast notgedrungen in eine Fantasiewelt abgedrängt, in der sie sich ihr Leben schön denken, und sich eine Zukunft mach ihren Vorstellungen zurecht planen. Oder sie sparen wie die junge Jassy schon im zarten Alter von sieben Jahren jeden Penny als Fluchtgeld an und rechnen anhand der Mietpreise für möblierte Zimmer in Zeitungsinseraten um, für wieviel Tage das Ersparte reichen würde….

Ein Mangel an Liebe, gezeigter, tätiger Liebe herrscht im Haus. Kein Wunder, daß Linda ihr Liebesbedürfnis auf Tiere fokussiert, daß sie viel in der Natur ist, die den Landsitz so wuchernd umgibt. Wobei sie die Tierliebe keineswegs hindert, eine begeisterte Jägerin zu sein….

In die Pubertät, bzw. in das Alter gekommen, müssen die Mädchen in die Gesellschaft eingeführt werden. Es werden Bälle gegeben, man mietet sich in London ein, um sich vorzubereiten. Da der Ungeselligkeit des Vaters geschuldet der eigene Bekanntenkreis recht dürftig ist (insbesondere was junge Männer angeht) lädt Tante Sadie nach einer längeren Auseinandersetzung mit Onkel Matthew den Nachbarn und dessen Bekannte, Lord Merlin ein. Dieser Lord Merlin ist genau das Gegenteil von Onkel Matthew: sein Haus ist modern und warm, er ist gebildet, kultiviert, kann sich über Literatur, Kunst, Musik, Politik unterhalten und seine Gesellschaft, die er mit auf den Ball zu den Radletts bringt, wirkt dort wie eine Ansammlung von Paradiesvögeln…. kein Wunder, daß Onkel Matthew Merlin nicht ausstehen kann.

Wundert es, daß die Mädchen, bzw. jungen Damen davon fasziniert sind? Und so bildet sich Linda sehr schnell ein, es wäre Liebe, was sie Tony gegenüber verspürt, der Interesse an ihr zeigt, mit dem sie sich amüsiert und wohl fühlt. Sie sieht Tony so, wie sie ihn sehen will und so kommt es schließlich dazu, daß Linda den Nachkommen eines Hunnen heiratet, denn daß die deutschstämmigen Kroesigs schon seit Generationen auf der Insel leben, ist egal: Einmal Hunne, immer Hunne.

Die Ehe mit dem Bankersohn dauert ein paar Jahre, es kommt sogar eine von Linda ungeliebte Tochter auf die Welt, aber Linda erfüllt weder die Erwartungen der Kroesigs an ihre Schwiegertochter noch die ihres Mannes an seine Frau. Die Scheidung erstaunt niemanden.

Der nächste Ehemann ist das ziemliche Gegenteil von Tony: Christian ist Anarchist, zumindest aber Kommunist. Das sind nach Linda im Allgemeinen süße Menschen, schrecklich komisch und auch rührend, aber nicht besonders lustig. Sie haben insbesondere einen Fehler: sie plaudern nicht, sondern halten nur große Reden… Daß Linda hier als Hausfrau völlig versagt (bei einem Treffen klagt sie Fanny gegenüber, daß die Hausarbeit viel anstrengender ist und viel mehr Angst macht als das Jagen – kein Vergleich – und doch gab es nach der Jagd immer Eier zum Tee um wir mußten uns stundenlang ausruhen, aber nach der Hausarbeit erwarten die Leute, daß man einfach weitermacht, als sei nichts gewesen. … ), stört Christian kaum, er entzündet sich nur an den großen Aufgaben, die die Welt bietet und der Haushalt und auch Linda gehören definitiv nicht dazu. Wohl aber die Versorgung von Flüchtlingen aus dem Spanischen Bürgerkrieg in Südfrankreich…

Linda und Christian fahren auf den Kontinent. Ins Ausland, für Linda ist dies eine wahre Schreckensreise, was könnte ihr im Ausland nicht alles zustoßen…. In Südfrankreich geht es eine Weile gut, Linda, die sonst wenig zur Hilfe beitragen kann, fährt Transporte hin und her. Aber irgendwann merkt sie, daß Christian und eine andere Engländerin, die im Team mitarbeitet, auf einer Wellenlänge funken: sie verläßt ihren Mann Hals über Kopf, melodramatisch mit einem Brief, den sie ihm auf das Kopfkissen legt.

Ohne Geld und gültigen Fahrkarte landet sie auf dem Gare du Nord in Paris, heulend auf dem Bahnsteig. Da wird sie von einem Mann angesprochen und trotz der Möglichkeit, daß sie derart nach Brasilien in ein Bordell entführt werden könnte, kommt sie seiner Aufforderung, mit ihm zu kommen nach… was jetzt folgt, ist das wohl schönste (knappe) Jahr im Leben Lindas. Der Mann, ein reicher, bekannter Frauenversteher, bringt sie in einer wunderschönen Wohnung unter und von abends über die Nacht bis zum Morgen verbringen die beiden zusammen. Tagsüber… Linda weiß es nicht, es interessiert sie auch nicht wirklich.

Lord Merlin, der sie mit dem Mann Tante Emilys ausfindig gemacht hat, besucht sie, sieht ihr Glück und schwindelt in England etwas über ihren Aufenthalt und ihr Tun vor. Doch der nächste große Krieg wirft seine Schatten voraus. Fabrice, so heißt der Mann, ist beim Geheimdienst, er kündigt Linda an, daß sie ohne Wenn und Aber nach England reisen müsse, wenn er es ihr sage. Und eines Tages sagt er es ihr….

In England wartet Linda auf ihn, auf einen Anruf von ihm, eine Nachricht. Sie weiß, daß sie schwanger ist von Fabrice, obwohl die Ärzte ihr nach der ersten Geburt gesagt haben, daß sie nicht mehr schwanger werden dürfe, es ist ihr egal. Als sie ausgebombt wird, zieht sie wieder zu den Eltern nach Alconleigh. Sie treffen sich dort wieder, mit dicken Bäuchen sitzen Linda, Fanny und Louisa (Lindas ältere Schwester) im eiskalten Haus herum. Dort ist mittlerweile auch „Hopse“ eingetroffen, in Begleitung eines jungen, bemitleidenswert ausschauenden Spaniers, der sich zur Freude aller kurz vor seinem Rausschmiss durch Onkel Matthew als begnadeter Koch erweisen sollte… und Jäger dazu.

Einmal hatten sie sich noch gesehen, Fabrice und Linda. Eines Tages stand Fabrice vor der Tür ihres Hauses, ein kurzer Aufenthalt nur, aber er reichte ihm, um Linda seine Liebe zu ihr zu gestehen.

Linda starb bei der Geburt ihres Sohnes, der von Fanny adoptiert wurde, ihre Geschichte war kurz, nur ungefähr dreissig Jahre lang…


Englische Liebschaften von Nancy Mitford ist wunderschöner Familien- und Gesellschaftsroman mit autobiografischen Elementen. Ihre Erfahrungen mit Männern wird  folgendermaßen beschrieben: Nancy Mitford glorified romantic love in her books but had rotten luck with men. The three she fell for didn’t return her feelings. Her first fiancé, Hamish St Clair Erskine, was „gay as gay“ and dumped her in 1932 with a brisk telephone call after an engagement that had lasted five years. She married Peter Rodd on the rebound. „Prod“ proved a feckless drunk, happy to live off her money. Her greatest love, Palewski, was chronically unfaithful and „operated,“ in the words of British historian Lisa Hilton, „on a principle of maximum returns, making passes at practically every woman he met.“ [3]

Die große Kunst Mitfords ist dir Art und Weise, wie es ihr gelingt, die an sich recht trübsinnigen Verhältnisse der Kindheit und Jugend so zu schildern, daß sie mit der Patina leichten Spotts und Ironie überzogen ihren Schrecken verlieren. Es ist witzig zu lesen und es gibt einige Stellen, an denen man spontan auflacht. Genauso wie es Passagen gibt, in denen man Linda zurufen möchte: Lass es sein! Sie tappt unvorbereitet in die Welt hinein als sei diese ein großer Wandschrank, in dem man träumen und sich eine eigene Welt erschaffen kann – und so scheitert sie ein ums andere Mal an der Realität.

Mich hat der Roman sehr gefesselt, unterhaltsam, witzig, ehrlich, flüssig und flott geschrieben: genau das richtige für die kommenden Herbstabende…

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Nancy_Mitford bzw. https://en.wikipedia.org/wiki/Nancy_Mitford
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/nancy-mitford-englische-liebschaften-liebling-wir-muessen-plaudern-11974521.html
[2] vgl. z.B. hier: http://www.vogue.com/873266/love-of-a-lifetime-a-new-book-looks-at-the-object-of-nancy-mitfords-affection/
[3] Moira Hodgson: The Horror of Love – Pursuer Become The Pursued, in: http://lisa-hilton.com/the-horror-of-love-reviews/

Nancy Mitford
Englische Liebschaften
mit: David Pryce-Jones: Die Mitfords, Ein Familenroman aus der englischen Aristokratie

Übersetzt aus dem Englischen von Reinhard Kaiser
Originalausgabe: The Pursuit of Love, London, 1945

diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek Bd. 39), HC, ca. 342 S., 1988

kapital

Schaut man sich Pressestimmen an, in denen Vergleiche zu Balzac gezogen werden, von Brillianz die Rede ist oder von einem breit angelegten Gesellschaftspanorama, so wird man schon neugierig auf diesen immerhin fast 700 Seiten starken Roman aus dem London der (beinahe) Jetzt-Zeit der Jahre 2007/8. [1]

Dreh- und Angelpunkt des Romans ist die Pepys Road [2] in London und hier sind es die Bewohner einzelner, ausgewählter Immobilien. Zuvörderst sind zwei zu nennen, die da wären die schon ältere Petunia Howe, die als einzige Bewohnerin der Straße auch ihr gesamtes Leben dort, in der Hausnummer 42 [3] verbracht hat und deren Haushalt wohl schon in den 60er Jahren museumsreif gewesen ist. Ferner wären die Younts zu erwähnen, er, Roger, im Finanzsektor als Investmentbanker tätig, während sie, Arabella, eher damit befasst ist, den Schein zu polieren. Zu „Sein“, nämlich zum Beispiel Vollzeitmutter ihrer beiden Söhne, ist dagegen nicht so ihr Ding.

Wir Freddy Kamo kennen, einen 17 jährigen Afro-Afrikaner [4], der als fußballerisches Jahrhunderttalent von einem Club der Premier League unter Vertrag genommen wird und der mit zusammen mit seinem Vater in einem Haus auf der Pepys Road einquartiert ist. Smitty, der bekannt/unbekannte [5] Künstler spielt eine Rolle, Quentina, ebenfalls afro-afrikanischer Herkunft, die illegal arbeitet und als  Politesse den ruhenden Verkehr überwacht. Ihr Asylverfahren läuft noch. Weiter kommen zu Auftritten Matya, das ungarische Kindermädchen der Younts, Zbigniew, der polnische Arbeiter, der für kleinere oder auch größere Renovierungsarbeiten engagiert wird, Mark, der Stellvertreter Rogers in der Bank, spielt seine unrühmliche Rolle genauso wie der Assistent von Smitty. Ebenfalls wichtig, sicher sogar noch zu der erste Reihe der Handelnden zu zählen ist die Familie Kamal, pakistanischer Herkunft, die sozusagen als Familienbetrieb einen Kiosk am Ende der Straße betreiben.

Liest man das Buch, kommen einem all diese Menschen wie gute, alte Bekannte vor, und das kommt nicht von ungefähr, sind sie doch alle eine Bestätigung der Vorurteile, die man sowieso schon hat und entsprechen damit landläufigen Stereotypen. Der Banker bankt, kalkuliert, ob sein Bonus 1 Mio GBP betragen wird (die Mindestsumme, mit der man – wenn man sich etwas einschränkt – gerade soeben den Lebensstandard halten kann), oder vllt doch anderthalb… Arabella-Mäuschen, seine Frau, schwimmt an der Oberfläche und fühlt sich ausschließlich dem Konsum verpflichtet, Matya, das Kindermädchen, ist die feurig-bodenständige Verführung aus Ungarn schlechthin. Die englischen Handwerker sind eine Zumutung, die Versicherungen in Sammelbecken von schlupflöchersuchenden Winkeladvokaten, der englische Fussball ist hart, aber unfair und das öffentliche Gesundheitswesen – reden wir nicht drüber. Außerdem gehören nicht alle Pakistaner Al-Quaida an, bei der Polizei gibt´s so´ne und so´ne Menschen und moderne Kunst ist auch.. ähh.. also ehrlich.. .. einzig der Pole fällt etwas aus dem Rahmen, weil er nämlich keine Autos klaut, sondern zuverlässig, fähig und kompetent ist. Mit dem Romantischen hat er es zwar nicht so, aber er ist lernfähig und gibt sich Mühe…

Der Roman weist keine durchgehende Handlung auf. Eher sind es Momentaufnahmen aus dem Leben der einzelnen Protagonisten, die dem Leser geboten werden. Dieser Eindruck wird auch dadurch unterstützt, daß die einzelnen der immerhin 104 Kapitel jeweils nur wenige Seiten lang sind und in der Regel mit jedem Kapitel wieder zu einem anderen Thema gewechselt wird. So kann man den einzelnen Handelnden jeweils ihre eigenen Probleme zuordnen. Es kam mir – weil ich das Buch auch zu dieser Zeit las – ein wenig wie ein Adventskalender vor: man öffnet mit jedem Kapitel in Fenster nach dem anderen…

Im Bankensektor wirft auch bei Younts die Finanzkrise ihre Schatten voraus, verunsichert die Branche und hat natürlich auch Auswirkungen auf die private Lebensführung. Selbst hier treten Geldsorgen auf, wenngleich erst einmal auf recht hohem Niveau und sogar bei Arabella klopft irgendwann das richtige Leben an die Tür… Petunia Howe, immerhin schon jenseits der achtzig, fühlt sich noch ganz munter, nur manchmal schwindelt es ihr ein wenig und vor dem Auge tauchen so Schatten auf… so gerät sie langsam aber sicher in die Fänge des Gesundheitssystems. Bei den Kamals sieht die Sache anders aus. Shahid, der zwar hochintelligente, aber sein Leben etwas verschludernde Bruder des Hausherrn trifft einen alten Bekannten aus Tschetschenien-Zeiten wieder und eines Nachts steht überfallartig die Polizei im Zimmer… Quentina, die Politesse, gerät durch einen dummen Zufall auf den Bildschirm der Polizei.. sie (und das ist das verbindende Element aller Protagonisten, weil es sich auf den gesamten Ort der Handlung bezieht) gerät in den prinzipiellen Verdacht, etwas mit der mysteriösen Aktion: „Wir wollen, was ihr habt!“ zu tun haben zu können…. und Freddy, schließen wir mit ihm diese Aufzählung, Freddy ist ein begnadeter Ballkünstler, aber so wie das fragilste und subtilste Kunstwerk von einem Banausen in Sekunden zerstört werden kann, so geht es auch ihm in seinem ersten Spiel….

Selbstverständlich enthält der Roman noch eine ganze Menge mehr an Episoden und Geschichten rund um seine Personen (und die anderen, die ich erst gar nicht erwähnt habe). Ein buntes Kaleidoskop von Schicksalen und Ereignissen, eingebettet in eine (potentiell) wohlhabende Mittelschicht aus einer dem Götzen Geld verfallenen Stadt. Diesem ist alles untergeordnet, Geld verdienen und Geld ausgeben ist das Ziel der Einwohner und auch das Ziel vieler, die nach London kommen, um als einfache Arbeiter viel Geld zu machen, mit dem sie dann zuhause leben können. Es ist ein rückkoppelndes System, das damit aufgebaut wird, denn das viele Geld macht auch das normale Leben teuer, die Immobilienpreise zum Beispiel erreichen wahnwitzige Höhen, so daß jeder, der in London leben will, auch gezwungen ist, viel Geld zu verdienen…

Doch, der Roman hat auch seine nachdenklichen Seiten, die über das Klischee hinausgehen. Das Schicksal von Petunia zum Beispiel rührt an, die Probleme, die die Tochter hat, damit umzugehen, die Zeit der Trauer, der Antriebslosigkeit, der Leere… auch die Passagen um Shahid, dem Kamal-Bruder, der mit der Polizei Probleme bekommt und einige Zeit im Gefängnis sitzt, sind tiefgründiger und aus der Schilderung der Behandlung von Asylsuchenden in England läßt sich durchaus eine leise Kritik am System entnehmen….

Wie oft bei Büchern drängt sich der Eindruck auf, das Ende, das Beenden eines Romans sei das eigentliche Problem. So hatte ich auch hier den Eindruck, der Schal ist fertig gestrickt und jetzt müssen noch die (Handlungs-)Fäden vernäht werden. So werden in den letzten Abschnitten alle Einzelschicksale noch zu einem (überwiegend positiven) Abschluss gebracht, das wirkt etwas gekünstelt, da diese Schicksale ja kaum was miteinander zu tun haben. Wenn das eine oder andere zu diesem definierten Zeitpunkt noch offen gewesen wäre, wäre es gewesen wie im richtigen Leben….

So kann man zusammenfassend sagen, daß Lanchesters Gesellschaftspanorama aus dem London der Finanzkrise ein wohlportioniert gestückeltes, unterhaltsames Buch ist, das gleichwohl in den meisten Momenten an der Oberfläche des Geschehens bleibt und leider nur in den guten Momenten, die auch vorhanden sind, tiefer und grundsätzlicher wird. Dies schmälert zwar nicht das sich reichlich einstellende Lesevergnügen am Werk, leider jedoch dessen Nachhaltigkeit, die Wirkung des Gelesenen.

Links und Anmerkungen:

[1] so jedenfalls die Übersicht über Pressestimmen, die ein großer online-Buchhändler auf seiner Produktseite wiedergibt…
[2] Die Pepys Road gibt es wirklich, auch wenn die Grundstückspreise in ihr keineswegs denen entsprechen, die Lanchester im Buch nennt…. wen´s interessiert: hier ist ein Überblick..
Im übrigen setzt Lanchester mit der Wahl des Namens „Pepys“ die Messlatte für seinen Roman hoch, schließlich ist dieser Mann aus dem 17. Jhdt einer der führenden Chronisten dieser Zeit, sein Tagebuch, das er viele Jahre führte, eine reiche und wertvolle Quelle über die Zustände der damaligen Zeit, vgl: Goetz, Rainald: Morgens lange im Bett, Spiegel 7/2011
[3] ob diese „42“ auch eine Anspielung ist, darüber bin ich mir nicht so ganz im Klaren. Zwar ist sie hier nicht die Antwort auf alle Fragen, aber eine tragende Rolle spielt das Haus und seine Bewohner allemal…
[4] der Versuch, politisch korrekt zu sein, kann manchmal etwas gequält wirken… [5] .. ein Schelm, wer an ihn hier denkt…

John Lanchester
Das Kapital
Aus dem Englischen übersetzt von Dorothee Merkel
Klett-Cotta, HC, 682 S., 2012

Bei dem Titelbild des Beitrags handelt es sich nicht um das Originalcover des Buches. Auf dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen verzichtet.

Ich hatte vor ein paar Wochen die Ehre, von Bibliophilin gefragt zu werden, ob ich Lust und Zeit hätte, eine Gastrezension für ihre Reihe „Aus fremder Feder“ zu verfassen. Sie vermutete, daß ich als Mann zu dem Thema „midlife crises“ einen besonderen Bezug haben könnte.. *gg*. Ich habe mir erst einmal die Leseprobe des Verlages angeschaut… Die Begeisterung meinerseits hielt sich in Grenzen, die ersten Absätze lasen sich irgendwie holprig und auf S. 8 fand ich folgenden Satz: „.. während sie .. sich ihren BH aufhakt, sodass ihre Brüste, ohne die stützende Struktur der Bügelkörbchen zu verlassen, schelmisch ihrer Befreiung entgegenlugen.“ Nicht, daß mir die innere Visualisierung dieses Ereignisses unangenehm wäre, aber „… schelmisch ihrer Befreiung entgegenlugen.“, da hab ich schon gedacht: was ist denn das für ein Schmarrn? Na ja, ich habe Bibliophilin dann natürlich doch zugesagt und war.. aber lest selbst!:

Es läuft nicht wirklich gut für den 47jährigen Keith Gordon, einen dunkelhäutigen Engländer afrokaribischer Herkunft, der als leitender Angestellter in einem städtischen Büro für Rassenintegration in London arbeitet. Seit drei Jahren lebt er als Single in einer trostlosen Mietwohnung, weil seine Frau Annabelle ihn stande pede vor die Tür gesetzt hat, nachdem er ihr einen ONS mit einer Arbeitskollegin gebeichtet hat. Die Handlung dieses Romans setzt ein, als er wieder mal, diesmal zum letzten Mal, auf dem Weg zu Yvette ist, einer jungen Mitarbeiterin aus seiner Abteilung. Er geht durch die ungeliebten Straßen in ihrem Stadteil zu ihr, will noch ein- vllt auch zweimal mit ihr schlafen, bevor er ihr dann die Wahrheit sagt: daß er keine Lust mehr hat, keine Zukunft für sie beide sieht und überhaupt: es wäre besser, wenn sie ihr Verhältnis beenden.

Yvette sieht dies nicht so, tief getroffen beschließt sie, sich zu rächen: am nächsten Morgen hat jeder Mitarbeiter und Angestellte, incl. des Chefs, ihren gesamten email-Verkehr mit Keith, die pikanten Details eingeschlossen, im Postfach…. zwar ist an einem Verhältnis zweier Singles im Grunde nichts auszusetzen, aber nach dieser Aktion steht Keith irgendwo doch dumm da, als Schuldiger an ..tja, was eigentlich…… wie gesagt, es läuft nicht wirklich gut für ihn und die Brüche in seinem Leben, die er bis jetzt halbwegs übertüncht und ignorieren konnte, fangen an, ihn einzuholen. Es ist für ihn der Moment, wo er merkt, daß er auf dem Eis steht und die gezackten Linien, die so häßliche Geräusche machen beim Wandern, auf ihn zulaufen.

Gottseidank ist dies plakative Einleitung nur der Aufmacher (den der Verlag natürlich auch als Klappentext nutzt), das Buch selbst ist sehr viel tiefgründiger und besser, als es diese Affäre, auf die Phillips im weiteren Verlauf der Handlung auch nur dann zurückgreift, um damit unseren Helden immer weiter ins Unglück (?) zu reissen, vermuten läßt.

Keith ist mitten drin in seiner Lebensmittelkrise. Zwar hat er sich auf das Singleleben eingerichtet, wirft gerne ein oder zwei Augen auf die vor allem jüngere Damenwelt, aber – wie man gesehen hat, hat auch das Risiken. Über die Trennung von Annabelle ist er nur auf den ersten Blick hinweggekommen, über den Zustand ihrer Ehe, nun ja, das Feuer war etwas kleiner geworden, hat er sich wohl Illusionen gemacht, denn daß Annabelle ihn ohne Diskussion, ohne eine große Szene hinausgeschmissen hatte, ist eher ein Zeichen dafür, daß sie sich innerlich schon von ihm abgewandt hatte. Und auch Keith geht einfach, ohne Widerstand, ohne, um seine Ehe, seine Frau zu kämpfen. Verbindungsglied zwischen den beiden ist ihr Sohn Laurie, der mit seinen 17 Jahren in einem sehr unbequemen Alter ist, schweigsam, eigenwillig, renitent, sich abkapselnd. Annabelle, die das Sorgerecht für den Sohn hat, fühlt sich überfordert und will Keith stärker in die Verantwortung für das gemeinsame Kind nehmen. Die Gespräche der beiden sind aber von latenter Aggression gekennzeichnet, was ob der früheren Sprachlosigkeit zwischen ihnen nicht verwundert. Vor allem Keith äußert sich in kaum zielführender destruktiv-zynisch/sarkastischer Weise, der Gedanke, daß Laurie jetzt wieder (mit) in seinen Verantwortungsbereich fallen soll, behagt ihm nicht, er redet die Probleme des Jungen klein als typische Identitätsfindungsschwierigkeiten in der Pubertät. Und was die Widrigkeiten, die ein Farbiger in der Gesellschaft hat, angeht, nun, da ist er der Fachmann und läßt keine andere Meinung gelten.

In den Rückblenden, in denen sich Keith, der als Hauptperson agiert, sein bisheriges Leben vergegenwärtigt, kommt ein Lebenslauf zu Tage, der wohl für viele dunkelhäutige Einwanderer aus Commenwealth-Staaten nach England typisch ist. Und damit wären wir beim zweiten, für mich beherrschenden Thema des Buches: der alltäglichen Diskriminierung Dunkelhäutiger auf der einen Seite, der die Abschottung vor allem der Jugendlichen gegenübersteht. Es ist müßig, hier viel von der Kindheit und der Jugend von Keith zu erzählen, so wie er sie in Erinnerung hat. Sie ist von vielen Brüchen gekennzeichnet, die Mutter ist früh gestorben, der Stief“vater“ liefert ihn noch an ihrem Todestag bei seinem leiblichen Vater und dessen Frau ab, dieser jedoch kann mit dem unerbetenen Sohn nichts anfangen…. Kindheit und Erwachsenwerden werden uns im Lauf des Romans an vielen Stellen in Bruchstücken erzählt wird. Am Ende des Buches jedoch legt in einem wahrhaft fulminanten Rückblick Earl, der Vater von Keith eine Art Rechenschaft über sein Leben und damit auch über die Geschichte seines Sohnes ab. Diese Seiten sind für mich der Höhepunkt des Buches…

Es ist die Geschichte zweier Freunde in der Karibik, die dort sitzen und von England träumen. Einer von ihnen, Ralph, packt eines Tages sein Bündel und besteigt das Schiff gen Europa, wenige Monate später folgt ihm Earl, nachdem sein Vater gestorben war und er seiner Hoffnung auf ein besseres Leben folgen konnte. Besseres Leben.. die Unterkunft: ein Rattenloch, die Arbeit: nur die, für die es so wenig Geld gab, daß kein Engländer sie erledigen wollte…:

…Ralph hatte mir schon gesagt, daß dieser Mann keine Vorurteile wie die meisten anderen hat, die sagen, daß sie nicht mit uns zusammenarbeiten wollen, weil wir sind zu freundlich zu ihren Frauen, oder sie behaupten, unsere Hände sind zu rau, oder sie können nicht auf dieselbe Toilette gehen wie wir, oder sie haben Angst, dass, wenn Teepause ist, wir ihren Becher benutzen könnten, oder sie sagen, wir putzen uns die Nase, wenn wir gerad vorbeigehen, und wir nehmen im Haus den Hut nicht ab, aber ich weiß schon, die Wahrheit ist, dass sie es nicht aushalten, in der Nähe von einem Farbigen zu sein, …

Earls Ausbruch ist eine Philippika gegen den alltäglichen Rassismus, den die Einwanderer erleiden mussten, gegen die Gewalt, gegen das „Niggertreiben“, dessen Ziel sie nächtens waren, gegen Vorurteile und Diskriminierungen, denen – beide auf ihre Weise – Ralph und Earl zum Opfer fielen. Für keinen von beiden erfüllten sich irgendwelche Hoffnungen und dann wurde Earl auch noch von dieser Frau geleimt und bekam einen Sohn angedreht….

Keith lernt in der Bibliothek, in der er sich seinem Irrbild, ein Buch über Musik zu schreiben, recherchierend nachjagt, eine junge Frau kennen, wieder einmal. Es gelingt ihm zwar nicht, sie zu verführen, er weiß auch garnicht (obwohl er sie praktisch stalkt) so recht, ob er will, denn Danuta zeigt ihm deutlich die Grenzen, läßt sich nicht auf seine Avancen ein. Für ihn wird diese Bekanntschaft jedoch zu einer Art Erweckungserlebnis: eines Tages, er hat Danuta seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen, steht deren Arbeitskollege und Bekannter vor seiner Tür und will wissen wo Danuta ist. So erfährt Keith, daß er einer Schwindlerin nachgestellt hat, er erschrickt und zum ersten Mal stellt er sein eigenes Verhalten in Frage, erlaubt er sich eine kurze Abschweifung in die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.

Phillips hat mit „Jener Tag im Winter“ einen Roman vorgelegt, der den Umbruch im Leben eines Mannes, der gemeinhin mit Midlife-Crisis bezeichnet wird, stimmig darstellt. Es ist eine Zeit, in der man sich eingestehen muss, daß nicht alle Träume und Vorhaben, die man hatte, erfüllt worden sind, vieles wird in Frage gestellt. Schon kleine Erschütterungen reichen, um die eine oder andere Selbsttäuschung auffliegen zu lassen. So tritt letztlich die Vorliebe des Protagonisten für junge Frauen und die Dummheit, dem auch noch im beruflichen Umfeld nachzugehen, einen Stein los, der sich zu einer Lawine ausweitet, die ihn zum Schluss zwar reicher an Erkenntnissen, aber auch ärmer an Sicherheiten zurückläßt. Phillips läßt Keith nicht abstürzen, er hat am Ende des Romans alle Möglichkeiten offen, aber inwieweit er sie nutzt, nutzen kann, bleibt der Phantasie des Lesers überlassen.

Die Stärke des Romans liegt nicht in seinen Handlungselementen, die sind eher spärlich gesät. Es ist die genaue Beobachtung, die präzise Formulierung, die Verschachtelung von Gegenwart und Rückblende, die den Reiz ausmachen und auch die Qualität. Man muss aufmerksam lesen, die Zeiten verschwimmen miteinander, Gegenwart und Vergangenes gehen oft unmittelbar ineinander über, so wie es eben ist, wenn man Erinnerungen nachhängt und dann plötzlich wieder in die Realtität zurückgeholt wird.

Facit: nach einer ganz kurzen Anfangsirritation hat mir das Buch sehr gut gefallen, da es glaubhaft ist und vor allem auf Happy End verzichtet, da bei weitem nicht ausgemacht ist, daß eine midlife crisis mit einem solchen endet….

Caryl Phillips
Jener Tag im Winter
Übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini
DVA, HC 368 S.,2011
Erstausgabe: London, 2009

Liebe Bibliophilin, ich bedanke mich herzlich bei dir, es hat Spaß gemacht und mir (siehe oben) gezeigt, daß der erste Eindruck nicht unbedingt stimmen muss, war doch das schelmische der Entgegenlugenden die einzige für meine Begriffe etwas irritierende Formulierung….

Erstveröffentlichung der Buchbesprechung bei bibliophilin

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