Irmgard Keun: Kind aller Länder

Es ist ein wenig schade um diesen 1938 erschienen Roman der deutschen Schriftstellerin Irmgard Keun (1905 – 1982). Diese gehörte zu den vielen, die nach 1933 aus Deutschland vertrieben wurden, sie gehörte zu den wenigen, die nach Holland ins Exil gingen. Ich selbst bin durch das sehr empfehlenswerte Buch  von Bettina Baltschev über diesen Exilort: Hölle und Paradies auf Keun aufmerksam geworden. Keun hatte zu dieser Zeit eine intensive Beziehung zu Joseph Roth (hier im Blog mit Die Legende vom heiligen Trinker und Hiob vertreten), der bekanntermaßen dem Alkohol verfallen war, ein Schicksal, das in späteren Jahren auch der Autorin widerfahren sollte. Die Beziehung hielt nicht allzulange, Roth war viel unterwegs, hielt sich auch oft in Frankreich auf, publizierte aber bei Querido in Amsterdam.


Im vorliegenden Roman ist diese Beziehung der beiden Künstler Hintergrund der Handlung, die aus der Sicht der zehnjährigen Tochternamen Kully geschildert wird. Der Mann, ein Autor, ist leichtsinnig, ein Verschwender des wenigen Geldes, das er besitzt. In Deutschland mit Schreibverbot überzogen, kann er nur vereinzelt Zeitungsartikel veröffentlichen und – wenn überhaupt – nur im Ausland Verträge für neue Bücher abschließen. Auf diese erhält er dann Vorschüsse, von denen die drei sich dann wieder eine Zeitlang über Wasser halten können. Nicht immer oder eher selten erfüllt der Vater seine Verpflichtung und kann Manuskripte liefern, dann muss die Mutter um Aufschub betteln, um weiteres Geld, um Mitleid… daß der Mann dem Alkohol zugeneigt ist und auch Vergnügen nicht aus dem Weg geht, vereinfacht die Situation nicht.

Man wohnt in Hotels, drückt sich in Restaurants herum mit möglichst wenig Verzehr. Aus den Hotels kann man kaum ausziehen, man müsste in diesem Fall an der Rezeption zahlen – was nicht möglich ist… Meist sind es Mutter und Kind, die in dieser Zwangslage stecken, der Vater ist auf Reisen, neues Geld zu besorgen und es möglicherweise auch gleich wieder zu verspielen und/oder zu vertrinken. Ein Leben ohne Hoffnung auf Besserung, ein Leben von einem Tag zum nächsten, ein Leben voller Hunger und Angst, entdeckt zu werden. Ein Leben, das immer in Gefahr war.

Es gelingt Keun, diese Anspannung, diese Unruhe und auch die Angst, in der Mutter und Tochter leben, spürbar zu machen. Durch den kindlichen Ton, in dem der Text gehalten ist, wird der Angst zum einen die Schärfe genommen, zu anderen  jedoch kann ein Kind vieles aussprechen, über was ein Erwachsener meist schweigen würde. Trotzdem ist mir dieser durchgänge Kinderduktus der Sprache irgendwann auf die Nerven gegangen, ich gebe es zu.

So interessant der Roman also als Schicksalsroman eines Emigrantenpärchens ist (zumal er ja ein reales Pärchen als Hintergrund hat), so hat er mir doch nicht so gefallen wie Keuns „Kunstseidenes Mädchen„. Das wäre sicher anders gewesen, wenn die Autorin ihrer Erzählerin nicht die Bürde aufgehalst hätte, den gesamten Text zu erzählen, sondern ihre Sprache auf einzelne Passagen beschränkt hätte. Aber Kind aller Länder liest nun mal so, wie er verfasst worden ist und leid getan hat mir die Lektüre letztlich auch nicht.

Irmgard Keun
Kind aller Länder
Originalausgabe: 1938, Amsterdam (Querido)
diese Ausgabe: KiWi, HC, ca. 220 S., 2016

 

 

Franziska Tausig: Shanghai-Passage

Wer meinen Blog halbwegs regelmäßig besucht, dem wird der Name der Autorin dieses Buches möglicherweise bekannt vorkommen: Franziska Tausig [https://de.wikipedia.org/wiki/Franziska_Tausig] ist eine wichtige Person des Romans Shanghai fern von wo von Ursula Krechel, den ich vor einigen Wochen hier vorgestellt hatte.

Shanghai, diese große Stadt im Mündungsgebiet des Jangtsekiang, war Ende der 30er Jahre durch eine Besonderheit zur letzten Zufluchtsstätte für Juden aus Europa geworden, denn alle anderen Orte dieser Welt waren ihnen zwischenzeitlich aus den verschiedensten Gründen versperrt. In Shanghai jedoch gab es eine „Internationale Siedlung“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Shanghai_International_Settlement),mit weitreichenden Befugnissen der westlichen Staaten Großbritannien und Amerika. Hierhin flohen Flüchtlinge aus aller Welt und bildeten ein Vielvölkergemisch, das in einer völlig fremden und man möchte fast sagen, (für Europäer) lebensfeindlichen Umwelt überleben musste. Lebensfeindlich, weil kaum jemand der Flüchtlinge chinesisch sprechen lernte, weil das Klima und die hygienischen Bedingungen extrem belastend waren (abgesehen von den Krankheiten, die man sich fangen konnte), weil man im Grunde mit den Armen und Ärmsten der Chinesen um die verfügbaren Resourcen kämpfen musste – und viele der Flüchtlinge hatte kaum mehr aus der Heimat retten können, als ihre Haut und ein paar Koffer… Im Vorwort zum vorliegenden Bericht Tausigs gibt Helmut Opletal einen Überblick über dieses Shanghai, wie es bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges „funktionierte“.

Wer einen möglichst praktischen Beruf bzw. solche Fähigkeiten hatte, hatte eventuell die Möglichkeit, eine Stellung zu finden. So wie Franziska Tausig, die die meiste Zeit ihrer Jahre in Shanghai aus Köchin arbeitete, aber auch zeitweise als Putzkraft oder als Wäscherin. Ihr Mann dagegen, ein (ungarischer) Rechtsanwalt, zudem noch schwerhörig und körperlich schwach, hatte keine Chance auf irgendeine Arbeit, Last und Verantwortung ruhten fast die ganze Zeit auf den Schultern Franziskas. Aber es war ihr Mann, es war viele Jahre zuvor eine Liebesheirat gewesen, und der Verlust des Mannes, der eines Tages an Heimweh und Entkräftung starb, traf sie schwer…

Die Tausigs stammten noch aus dem 19. Jahrhundert, Franziska war 1895 im (späteren) ungarischen Temesvar in guten Verhältnisse geboren worden. Entsprechend wohlbehütet wurde sie groß, sie heiratete im damaligen Habsburger Reich einen jüdischen Rechtsanwalt aus Ungarn. Der erste Weltkrieg kostete diesen sowohl einen Großteil des Hörvermögens und seine Arbeit, denn das Habsburger Reich zerfiel und seine Kenntnisse des ungarischen Rechts waren in Österreich, wo das Paar lebte, nicht mehr gefragt. Und dann kam der Anschluss ans „Reich“ und die Juden, also auch die Tausigs, mussten um ihr Leben fürchten. Der mittlerweile schon 16jährige Sohn Otto konnte noch nach England in Sicherheit gebracht werden, die Eltern dagegen standen vor lauter Hoffnungslosigkeit kurz vor dem Suizid und ausgerechnet ein Suizid rettete sie: zwei Schiffspassagen nach Shanghai waren derart tragisch frei geworden!

Franziska Tausig erzählt nach dieser Einleitung von ihren Erlebnissen auf der Passage selbst und dann von ihrem Leben in Shanghai. Während Krechel in ihrem Buch (siehe oben) ein weiteres Spektrum an Personen als nur die Tausigs betrachtet und auch die politischen Hintergründe zu analysieren versucht, beschränkt sich Franziska Tausig in ihren Aufzeichnungen verständlicherweise auf die Ereignisse, die sie ganz persönlich angingen und betrafen. Die großen Zusammenhänge der Weltpolitik sind allenfalls im Hintergrund zu erahnen, die Emigranten in Shanghai hatten genug damit zu tun, ihr Überleben zu sichern, das immer fragil war und auch, wenn Arbeit und Unterkunft vorhanden war, von einem auf den anderen Tag gefährdet sein konnte.

Wie schon angedeutet überlebte Franziska Tausigs Mann Aladar die Emigration nicht. Zu allem Unglück kam für ihn noch die Tatsache hinzu, daß er aufgrund seiner Schwerhörigkeit keine Arbeit fand, er von seiner Frau abhängig war und (wohl auch infolge der Tatsache, daß er dadurch viel Zeit hatte) er sehr an der Trennung zum Sohn litt und wohl auch depressiv war. Seine Frau Franziska dagegen war viel zu sehr mit Arbeit eingespannt, um sich dieser Trauer so sehr widmen zu können. Briefe vom Sohn kamen selten an in Shanghai – dies war den Zeiten geschuldet. Auch die Antwortbriefe der Eltern und später der Mutter enthielten nicht die Wahrheit über die Verhältnisse, man kann es den Tausigs bzw. Franziska nicht verargen.

Eine Verschärfung der Lebensumstände trat nochmals ein mit der Herrschaft der Japaner ab 1941 über Shanghai, die alle Juden auf Betreiben der Nazis in ein Ghetto umsiedelten, in dem die Lebensverhältnisse noch einmal armseliger waren. Da die Japaner den Vernichtungswillen der Nazis jedoch nicht nachvollziehen konnten, blieb wenigstens das Äußerste aus für die jüdischen Flüchtlinge – hart genug war es trotzdem.

Nach dem Ende des Krieges – was tun, wohin gehen? Auch Franziska stand vor dieser Frage… der Mann tot, der Sohn in England, die Eltern in Theresienstadt ermordet, Wien in Trümmern. Da jedoch der Sohn nach Wien zurückwollte, entschied sich auch Franziska, in ihre alte Heimatstadt zurück zu kehren.


Interressant ist das Nachwort des Sohnes Otto [https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Tausig] im Buch. Es ist keins der üblichen, zu erwartenden Nachworte, die die Verfasserin rühmen oder einen Mantel des Verklärens über sie legen. Ehrlich schildert er die Probleme, die er als Sohn mit seiner Mutter nach dem Wiedersehen hatte: Franziska, so wurde ihm später klar, hatte Mann und Eltern verloren, den Sohn in die Emigration schicken müssen, die alte Existenz in Wien war ausgelöscht, hatte jahrelang selbst in armseliger und fremder Umgebung gelebt: sie wollte jetzt, nach dem Krieg, nicht auch noch ihren Sohn verlieren und klammerte sich an den mittlerweile Erwachsenen und Verheirateten, den sie nicht in ein eigenständiges Leben loslassen konnte…

Man muss Otto Tausig dankbar sein für diese Ehrlichkeit, denn sie verdeutlicht noch einmal, welchen seelischen Verheerungen auch die Überlebenden ausgesetzt waren, Traumata, die das weitere Leben nach dem Krieg entscheidend mitprägten. Aber auch abgesehen von Otto Tausigs Nachwort natürlich sind die Erinnerungen von Franzsika Tausig, die um die Wende zum 20. Jahrhundert einsetzen, lesenswert und – weil Shanghai als Fluchtort nicht jedem präsent ist – auch sehr informativ, da die Franzsika auch sehr anschaulich erzählen und schildern kann. Ich könnte mir auch gut vorstellen, daß diesen Buch für Jugendliche oder junge Leser sehr interessant ist, eben wegen dieser Anschaulichkeit und weil Shanghai allen vom Namen her eine gewissen Exotik ausstrahlt, die in diesem Buch durch die bittere Realität jedoch gründlich zerstört wird.

Franziska Tausig
Shanghai-Passage
Emigration ins Ghetto
Vorwort von Helmut Opletal
Nachwort von Otto Tausig 
diese Ausgabe: Milena-Verlag, brosch., mit Abb., ca. 208 S., 2007

Rafik Schami: Sophia

Der 1946 in Damaskus geborene, aber seit 1971 in Deutschland lebende Rafik Schami [http://www.rafik-schami.de] ist bekanntermaßen ein wunderbarer Erzähler, dessen (angenommener) Name „Damaszener Freund“  bedeutet [https://de.wikipedia.org/wiki/Rafik_Schami]. Und als solcher erweist er sich im vorliegenden Roman unter anderem auch: Sophia… ist eine Liebeserklärung an (das alte) Damaskus, die Stadt seiner Geburt. Wie dem Autor selbst so erging es auch seinem Protagonisten: auch Salman musste Damaskus vor vielen Jahren verlassen und sich im Ausland eine Existenz aufbauen. Der politischen Situation wegen konnte Salman nie nach Syrien zurückkehren, auch Besuche waren nicht möglich. Um so stärker wurde im Lauf der Jahre der Wunsch nach Rückkehr in ihm, in dem das Damaskus der Epoche, in der er damals verlassen musste, weiterlebt. Es ist dies das Schicksal vieler Emigranten und Flüchtlinge, man findet es oft beschrieben: die Zeit friert für den, der geht, wie ein Standbild den Status quo ein, von den Veränderungen, der Entwicklung bekommen die Weggegangenen nichts mit. Selbst, wenn sie von der Information her um solche Veränderungen wissen, das Gefühl, die Emotion verweigert oft die Anpassung an das Veränderte.

Salman, der seit Jahrzehnten in Italien lebt, (mehr oder weniger) glücklich verheiratet und Vater eines Sohnes ist, der als Geschäftsmann erfolgreich und zu einigem Wohlstand gekommen ist, sieht – er ist mittlerweile schon ein nicht mehr ganz junger Mann – dennoch eines Tages die Chance, noch einmal die Heimat zu besuchen, seine Eltern zu sehen, die Freunde längst vergangener Tage zu besuchen: In Syrien wurde vom Präsidenten eine Generalamnestie verkündet und in aller Öffentlichkeit bekundet, daß niemand etwas zu befürchten habe, wenn er nach Syrien einreise [vgl. z.B. hier: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/syrien-assad-erlaesst-generalamnestie-1639845.html]. Auch wenn seine Frau Stella dagegen ist und große Angst hat, fängt Salman an, seine Reise zu planen und vorzubereiten. Zur Sicherheit lassen die Eltern Salmans über einen seiner Cousins, der beim Geheimdienst arbeitet, noch einmal überprüfen, ob bei einem der sechzehn (!) Dienste etwas gegen ihn vorläge. Denn in seiner Jugend war Salman aktiver Untergrundkämpfer, der vom Staat verfolgt worden war und aus diesem Grund das Land vor Jahrzehnten verlassen hatte. Nein, es läge nichts vor und so reiste Salman zurück, die Stätten seiner frühen Jahre zu besuchen, seine Eltern noch einmal zu sehen und die Gefährten und Bekannte längst vergangener Zeiten.

Es sollte ein Wiedersehen werden mit Höhen und Tiefen. Das moderne Damaskus hatte nicht mehr viel zu tun mit dem der Erinnerung, die Eltern waren alt geworden, die Kinder von damals hatten jetzt selbst Kinder. Das ganze Leben, die Gespräche waren oberflächlich geworden, immer geprägt von der Angst, von einem Spitzel belauscht und verraten zu werden. So gehen einige Wochen dahin, geprägt von vielen Besuchen ehemaliger Freunde und Verwandter, die Salman hin und wieder eher nerven als erfreuen, rauben sie ihm doch die Zeit, die Stadt zu durchstreifen. Und dann sieht er eines Tages in der Zeitung einen Fahndungsaufruf mit einem etwas älteren Bild von sich, er wurde des Mordes an einer Frau beschuldigt, ein Mord, der begangen worden war, als er noch in Rom weilte, noch gar nicht im Land war. In einem Land, in dem diese Tatsache jedoch völlig unerheblich war…

Salman muss sich verstecken, muss fliehen, muss ausser Landes. Er, der jahrzehntelang im Ausland war, braucht Hilfe, muss um Hilfe flehen. Nicht jeder gewährt sie ihm, kann sie gewähren, einen Menschen, der sich Jahrzehnte nicht einmal mit einer Postkarte gemeldet hatte, zu verstecken und sich dadurch selbst in Lebensgefahr bringen, das wollte nicht jeder. Überhaupt scheint Salman wenig von Skrupeln geplagt, seine alten Bekannten durch seine Bitte um Verstecktwerden in große Gefahr zu bringen. Letztlich jedoch führt ihn seine Mutter Sophia mit Karim und Aida zusammen und hier schließt sich der Kreis der Personen, denn wenn die Titelfigur Sophia damals gewollt hätte, hätte Salman Karims Sohn sein können (was er aber definitiv nicht ist)… jedenfalls sind der Muslim Karim und die Christin Aida, die ein Paar sind, bereit, Salman zu helfen. Und Karim hat auch schon einen Plan…


Schamis Text fängt mit einem wunder-, wunderbaren Kapitel an. Es ist die Liebesgeschichte von Karim und Aida, beide nicht mehr jung (75 und über 60 Jahre alt), beide verschiedenen Religionen angehörig, beide verwitwe(r)t – und unsterblich ineinander verliebt. Und diese Liebe macht sie, die vorher beide angesehen waren, zum Hassobjekt der Nachbarn in ihrem ruhigen Viertel, sie werden angefeindet, Gerüchte werden in die Welt gesetzt, jeder neidet ihnen das Glück. Aber sie sind stark, sie versuchen alles zu ignorieren und so lernt Aida Radfahren und fährt schlingert, aber stolz an ihren gaffenden Nachbarinnen, die sich auf der Straße versammelt hatten, vorbei, ein Affront der besonderen Art….

Solche Szenen enthält der Roman viele, sie machen ihn so liebenswert, so anheimelnd, so … na ja, fast tränenrührend. Aber Karim und Aida sind beileibe nicht die einzigen Personen in diesem Roman, es sind ihrer viele und Schami erzählt uns deren Lebensläufe, der Lieben und Enttäuschungen, von ihren Hochzeiten, den Kindern und den Toden… Im Lauf der Handlung ergibt sich so ein Beziehungsgeflecht zwischen diesen Menschen, deren Lebensläufe alle irgendwo und irgendwie einmal miteinander zu tun hatten.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht natürlich Salman, der damals Syrien verlassen hatte, ein Jahrzehnt in Heidelberg studierte, bevor er mit Stella nach Italien ging und dort ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden war. Ein Mann der alten Schule, charmant, höflich, zuvorkommend – aber auch der Meinung, als Mann habe er ein natürliches Recht auf Sex… das er sich bei niveauvollen Prostituierten (die – möglicherweise auch so ein Vorurteil – ihrer Tätigkeit aus freiem Willen nachgingen) über viele Jahre hinweg als Stammkunde einkaufte, denn Stella wies seine Annäherungsversuche nach der Geburt ihres Sohnes meist brüsk ab. Überhaupt hat es mich erstaunt, wie häufig auch im späteren Verlauf der Handlung in Syrien, erotische Avancen und Annäherungsversuche dargestellt wurden.

Über Salman und seine Lebenserinnerungen erfahren wir viel vom alten Damaskus, das einmal eine der wunderbarsten Städte gewesen sein muss [Ich erinnere mich noch gut, daß ich als junger Mann, der damals viel reiste, immer einen kleinen Traum im Hinterkopf hatte, zur Mandelblüte nämlich einmal in Damaskus zu sein… auch eins der ersten Bücher, das ich je geschenkt bekommen habe, hat mit Syrien/Damaskus zu tun]. Die kleinen Gassen, die Hinterhöfe, das harmonische Zusammenleben der Menschen, auch wenn sie unterschiedlich glaubten, die Handwerker, das Alltagsleben… es ist eine Reminiszenz an eine untergegangene Zeit, die Desillusionierung, die der alte Salman erleben muss, als er durch die Straßen des modernen Damaskus läuft, ist herb.

Das moderne Damaskus, das muss Salman als harte Lektion lernen, ist außerdem eine Schlangengrube. Die herrschende Sippe der Alewiten ist korrupt, verhasst – und gefürchtet. Überall lauern Spitzel und man ist schneller als vermutet in einem der Geheimgefängnisse gelandet – mitten in der Stadt, aber zehn Stockwerke in die Erde hineingebaut. Angst, Misstrauen und Vorsicht beeinflussen das Verhältnissen der Menschen untereinander, wer kann unter diesen Bedingungen schon ehrlich seine Meinung sein, selbst guten Bekannten oder Verwandten gegenüber? Das Leben ist oberflächlich geworden, man redet über unverfängliches, interessiert sich für Banales. Und auch der Alltag hat sich verändert, das Stadtbild sich gewandelt: die Atmosphäre des alten Damaskus ist unwiderruflich dahin, gewichen einer kalten, gesichtslosen, auf Hektik und Schnelligkeit beruhenden Gesichtslosigkeit.


So umfasst Schamis Roman über Sophia vieles: Geschichten über die Liebe zwischen Menschen, Geschichten über das alte Damaskus und sein Leben, über das neue Damaskus und seine Herrscher, es beleuchtet einige Aspekte des Emigrantenlebens mit der nie versiegenden Sehnsucht der Heimkehr – und wenn es nur besuchsweise ist. Die Geschichten sind voll von Poesie, aber auch Dramatik und Tragik, sie sind spannend und anrührend, sie sind menschlich im wahrsten Sinn des Wortes. Und auch wenn der Roman sicher nicht biographisch zu lesen ist, dürfte viel vom Verfasser, von seiner Sehnsucht nach der alten Heimat, seinem immer gespürten Verlust mit eingeflossen sein.

Lieben Dank, Rafik Schami, für diese wundervollen Lesestunden mit Sophia!

Ferner finden sich von Rafik Schami in diesem Blog Besprechungen folgender Romane:
– Das Geheimnis des Kalligraphen
– Eine Hand voller Sterne

Rafik Schami
Sophia – oder Der Anfang aller Geschichten
Erstausgabe erschienen im Hanser-Verlag
diese Ausgabe: TB, dtv,  ca. 480 S. 2017

Ursula Krechel: Landgericht

Die in Trier geborene Ursula Krechel (heute lebt sie in Berlin [1b]) hat 2012 für diesen Roman um den Juristen Richard Kornitzer den Deutschen Buchpreis verliehen bekommen [1]. Kornitzers Leben, das dadurch tragisch geprägt wurde, daß es eine Zeit gab, in der er in seinem Geburtsland gezwungen war, den Mittelnamen ‚Israel‘ zu führen, wurde von Krechel dem Schicksal eines realen Menschen nachempfunden [2]. Es ist ein Schicksal, das diesen Mann nach Studium und Hoffnung auf berufliche Karriere vor die Alternative gestellt hatte, Emigration oder Ermordung, das ihn von Frau und Kindern trennte, das ihn in die Fremde, nach Kuba, führte und das sich schwertat, ihm nach seiner Rückkehr die ihm zukommende Rehabilitierung und Gerechtigkeit zu gewähren, denn die Verhältnisse in der noch jungen Bundesrepublik waren nicht danach.


Richard Kornitzer war 1903 in Breslau geboren worden, er studierte und promovierte in Berlin, war seit 1931 verheiratet mit einer Frau, die ihr eigenes Unternehmen führte und sie hatten zwei Kinder, Selma und der drei Jahre ältere Georg. Als Selma vier Jahre alt war, sah die Familie keine andere Chance mehr, als die Kinder mit den Kindertransporten in das sichere England zu schicken [2], Georg  war schon einem Alter, daß er ungefähr verstand, was sich da abspielte, Selma dagegen empfand die fürchterliche Reise nach England als Strafe für ihr ‚böses‘ Verhalten, sie verstand nichts von all dem, eine Tatsache, die sich ihr Leben lang auswirken sollte.

Claire Kornitzer, Protestantin, ließ sich nicht von ihrem jüdischen Mann scheiden, obwohl man ihr hart zusetzte. Der Plan der Kornitzers war, daß sowohl Kinder als auch Frau an den Exilort des Mannes, Kuba, nachkommen sollten, von dort aus wollte man versuchen, in die USA zu kommen. Der Ausbruch des Krieges vereitelte diesen Plan, die Kinder blieben in England bei verschiedenen Pflegefamilien, zeitweise auch in einem Heim, auch Claire Kornitzer überlebte den Krieg.

Nach dem Krieg verschlug es sie an den Bodensee, nach Bettnang. Dort fand sie Unterkunft bei einer Bauersfamilie, arbeitete als Sekretärin in einer Molkerei. Es war eine einfache, aber gemessen an dem, was sonst in Deutschland herrschte, fast idyllische Situation. Lindau beispielsweise war unzerstört, was Richard Kornitzer verwunderte, hatte er doch von den Verwüstungen deutscher Städte durch die Bombardements gehört. Richard Kornitzer kam im Frühsommer 1948 nach Bettnang, Claire hatte ihn über das Rote Kreuz ausfindig gemacht – sie wollte ihren Mann zurück haben -, ebenso wie einige Monate danach der Aufenthaltsort der Kinder ermittelt werden konnte.


Es hatte seinerzeit alles so zukunftsträchtig angefangen. Die beruflichen Aussichten des Juristen und Richters Kornitzer waren hervorragen, mit Claire Pahl hatte er eine selbstbewusste Frau kennen- und lieben gelernt, die ein Unternehmen in einem völlig neuen Erwerbszweig führte: sie produzierte Werbefilme für’s Kino. Ein Kind, ein Kindermädchen, eine moderne Wohnung… dann endete eine Kinoarea, im Wechsel vom zweiten auf das dritte Jahrzehnts des letzten Jahrhunderts löste der Tonfilm den Stummfilm ab und parallel dazu nahm die Brüllerei zu. Die Brüllerei auf den Straßen, das hektische Gebrüll an den Podien… Richard Kornitzer erlebte die ganze Klaviatur der Verfolgung mit, die immer striktere Reduzierung des Lebensraumes, angefangen vom Berufsverbot bis zum Badeverbot im Wannsee. Letzteres, macht Krechel klar, ist nicht nebensächlich, es ist das Realität gewordene Symbol dafür, daß der Jude dreckig ist und (auch der indirekte) Kontakt den arischen Volkskörper beschmutzt. Das zweite Kind wird geboren, Claire erlebt, wie sie gesellschaftlich geschnitten wird, ein jüdischer Mann, das Kindermädchen darf nicht mehr bei der Familie arbeiten, Kornitzer selbst findet mit Mühe eine Arbeit in einer Glühbirnenfabrik. Man entschließt sich, die Kinder nach England zu schicken.

Die Schlupflöcher zur Flucht werden weniger und enger, die Bedingungen immer brutaler: es geht dem deutschen Staat darum, noch möglichst viel herauszuquetschen aus dem verhassten Juden. Außerdem reißt man sich im Rest der Welt nicht gerade darum, die zur Flucht Getriebenen aufzunehmen. Kuba ist eins der wenigen Länder, in die sie noch einreisen können – sofern sie Geld haben, um den Eintritt zu bezahlen und die Wächter an den Eintrittstoren zu schmieren. Kornitzer erhält das Visum, nach dem Tod der Mutter hat er noch finanzielle Möglichkeiten, außerdem scheint sein berufliches Wissen um Patente gefragt. Hätte er für Claire auch ein Visum bekommen können, wenn er mehr gegeben hätte von dem Geld? Die Frage steht im Raum.

In Kuba richtet sich Kornitzer ein. Zwar ist es von Mentalität und Klima her ein fremdes Land, das es einem Mitteleuropäer nicht leicht macht, aber er hat Glück, er trifft auf einen Rechtsanwalt, der den präzisen Deutschen auf Honorarbasis (Aufenthaltsgenehmigung bedeutet nicht auch Arbeitsgenehmigung) einstellt: er soll den Terminkalender führen. Im Lauf der Jahre (Kornitzer eignet sich wohl ein akzeptables kubanisches Spanisch an) sollten sich die Aufgaben mehren. Krechel nutzt diesen Abschnitt im Leben Kornitzers, um andere Angehörige der Exilgemeinde, in der er dort eingebunden war, zu portraitieren und an sie zu erinnern:  Fritz Lamm, Hans und Lisa Fittko, Emma Kann, Julius Deutsch und Boris Goldenberg.

Nachfolgende Flüchtlinge hatten es schwerer: Schiffe durften nicht anlegen, mussten teilweise nach Deutschland zurückkehren (von den Passagieren hörte man danach nichts mehr). Schiffe, die aus Portugal und Spanien kamen, entluden ihre Passagiere in schlimme Lager, in denen die Emigranten so lange blieben, bis aus ihnen nichts mehr herauszupressen war an Schmiergeldern, Gebühren, Abgaben und überhaupt: Geld.

Kornitzer schaut eines Tages in der engen Straßenbahn auf den Knochen eines Halswirbels. Er kann (und tut dies) der Frau, die dazu gehört aus einer ärgerlich-peinlichen Situation helfen (in der Enge der Bahn hat sich ein Mann auf ihren Rock entleert), man lernt sich kennen, man trifft sich öfter, man trifft sich oft… ein uneheliches Kind, das geht (nicht nur) in Kuba gar nicht. So bringt XXX es weit weg von Havanna zur Welt, die Kusine zieht Amanda auf. Kornitzer jedoch sollte seine Tochter erst Jahrzehnte später treffen…

Unterdessen blieb Claire in Deutschland, sie ist die einzige, der Krechel kein eigenes Kapitel widmet. Immer wieder zwar, in kleinen Absätzen, in Halbsätzen, in quasi hingeworfenen Andeutungen ist ihr Schicksal erkennbar. Der Vertrag zur Übergabe der Firma, den man sie seinerzeit überzeugend  bat, zu unterschreiben (ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte), an einer anderen Stelle stehen die Wörter Auspeitschung und Folterung, nach dem Krieg ist sie keine gesunde Frau mehr. Wie sie dieses Jahrzehnt jedoch überlebte, bleibt leider en Detail im Dunkeln.

Das neu geschaffene Bundesland Rheinland-Pfalz braucht Richter, man bietet Kornitzer eine Stelle als Landgerichtsrat in Mainz an. Später einmal sollte es so klingen, als hätte man ihm damit (ohne daß dazu, einer Wiedergutmachung nämlich, eine Verpflichtung bestanden hätte) einen Gefallen getan, sozusagen, eine Art Gnadenakt für ihn vorgenommen. Und die Richterkollegen – wo waren sie die letzten Jahre, welches Recht haben sie gesprochen in dieser Zeit? Es erfolgt eine Beförderung für Kornitzer, aber diesem fällt auf, daß die Gesetze, die die Wiedergutmachung regeln, schwurbelig sind, unpräzise, Platz bieten zur Interpretation, die so häufig zuungunsten des Betroffenen ausgelegt wird. Bis hin zu einem (von Krechel zitieren) Urteil, daß den Antrag einer arischen Frau, die sich von ihrem jüdischen Mann nicht getrennt hat, ablehnt mit der Begründung, sie trage durch ihre Entscheidung, bei dem Mann zu bleiben, selbst Schuld an ihrem Unglück. Man möchte selbst beim Lesen eines solchen Satzes aufschreien, heute noch und immer wieder.

Die Kinder… über die Hälfte, bei Selma zwei Drittel des Lebens hat man sie nicht gesehen: sie sind sich Fremde geworden, das Jahrzehnt fehlt. Für die Kornitzers ist Selma noch die Vierjährige; dem großen Mädchen, das es liebt, im Kuhstall zu arbeiten und das an der Schwelle zum Frausein steht, das kein Deutsch spricht, stehen sie (vor allem Claire, die nach England zur Pflegefamilie reist, der Familie, die George (mit End-e) und Selma adoptieren will, bzw. jetzt: wollte) sprachlos gegenüber, ebenso wie Selma ihrem Tagebuch anvertraut: What on earth had this big, fat woman to do with me? Letztlich bleiben die beiden (sollte man sagen ‚ehemaligen‘, weil sie sich so fremd bleiben?) Kinder in England, auch wenn sie die Eltern, die mittlerweile beide in Mainz, in einem kleinen Häuschen wohnen, in den Ferien besuchen und die Eltern sie auch finanziell unterstützen.

Claires sich eines Tages auftuenden Herzenswunsch, ein Kino zu eröffnen, lehnt Kornitzer rigoros ab: die Frau eines Landgerichtsdirektors als (halbseidene?) Kinobesitzerin – das geht gar nicht. Und ohne die Unterschrift des Mannes unter was-auch-immer ist eine Ehefrau in der frühen Bundesrepublik aufgeschmissen….

Es fehlte ihm jemand, der sagte:
Laß gut sein, Richard.
Auch anderen Menschen ist Unrecht widerfahren. 

Im Lauf der Zeit Kornitzers am Landgericht Mainz treten sukzessive Verwerfungen ein, gewinnt in Kornitzer das Gefühl, ihm würde nicht die ihm zustehende Gerechtigkeit in Form einer Wiedergutmachung zu teil werden, überhand. Schlüsselerlebnis ist wohl die Ernennung eines Kollegen zum Gerichtspräsidenten: Kornitzer fühlt sich übergangen. Diese (von ihm empfundene) Kränkung nutzt er zu einer öffentlichen Erklärung, die einen Eklat provoziert. Die Fixierung auf eine sozusagen 1:1-Wiedergutmachung bis hin zu einzelnen Buchtiteln (aus dem Erbe der Mutter, nicht aus dem eigenem Besitz damals in Berlin), die in den entsprechenden Anträgen aufgeführt werden, besetzt ihn zunehmend obsessiv. Es sind nicht nur (möglicherweise gar nicht mal an erster Stelle, die materiellen Verluste, er „zerbricht, als er in der Enge Nachkriegsdeutschlands den Kampf um die Wiederherstellung seiner Würde verliert“ [1b]. Kornitzer legt sich gegen die vermeintlichen Anfeindungen einen Panzer aus Leibesfülle zu, die Gesundheit leidet stark, er wird häufig krank, muss auch in Kur, seine fachliche Kompetenz (die jahrelang unbestritten war) sinkt: dies wird wahrgenommen. Nach vielem Hin und Her befördert das Ministerium den unbequemen, zum Querulanten gewordenen Landgerichtsdirektor zum Senatspräsidenten und versetzt ihn gleichzeitig mit diesem Titel in den Ruhestand.

Eine letzte Enttäuschung, eine letzte verweigerte Genugtuung sollte Kornitzer nicht mehr erleben. Wenige Jahre nach seinem Tod 1970 unterließ es sein Sohn George, die von der Redaktion Biographisches Handbuch der deutschen Emigration nach 1933 [4] erbetenen Auskünfte über seinen Vater an diese zu übermitteln. Im Biographischen Handbuch der deutschen Emigration kommt Richard Kornitzer nicht vor. Mit diesem Satz beschließt Krechel ihren Text, den sie als Roman bezeichnet, der aber nichtsdestoweniger dem Leben und dem Schicksal eines Menschen nachspürt, der gelebt und gelitten hat, der Recht gesprochen hatte, aber der mit dem Unrecht, das ihm angetan worden war, nicht zurecht kam.


Ein großer Roman, ein wichtiger, ein berührender auch trotz des weitgehend nüchternen Charakters, in dem ihn Krechel formuliert hat. Er wirkt teilweise dokumentarisch, Krechel streut häufig Zitate in ihren Text ein, verschweigt auch nicht, wenn Fragen bei ihren Recherchen (die sehr gründlich gewesen sein müssen) offen geblieben sind. Auch scheut sie sich nicht, in kleinen Exkursionen historische Ereignisse und Vorgänge darzustellen und zu erläutern.

Das Schicksal der Kornitzers ist für ihre Zeit nicht aussergewöhnlich: Die Vernichtung der Juden war Staatsräson und wurde millionenfach umgesetzt. Daran gemessen hat die Familie es noch verhältnismäßig gut getroffen: sie haben alle den Krieg überlebt, kommen nach dem Krieg auch wieder zusammen. Sicher, auch sie haben Verluste zu tragen, materielle sowieso, aber auch persönliche: die Kindern waren fremd geworden, so fremd, daß Mutter und Tochter noch nicht einmal die gleiche Sprache sprachen. Die Distanz zwischen ihnen wurde nie überwunden, die Kinder konnten sie allenfalls überbrücken durch das Wissen, das dies ihre Eltern waren, gefühlsmäßige Bande zu knüpfen, war ihnen nicht mehr möglich. Eine Tatsache, mit der sich die Eltern abfinden mussten. So fanden Eltern und Kinder zwar wieder nach dem Krieg, blieben aber trotzdem getrennt.

Landgericht ist nicht chronologisch geschrieben. In den einzelnen Kapiteln widmet sich Krechel diversen Lebensabschnitten ihrer Personen. So wird nach der Darstellung der zukunftsfrohen Zeit des jungen Ehempaars in Berlin beschrieben, wie sich der einsetzende politische Umschwung auf ihr Leben auswirkt und schließlich zum ersten großen Einschnitt führt, dem Insicherheitbringen der Kinder nach England. Auch deren Schicksal nach dem Transport wird ausführlich beschrieben, das Exil Richards in Kuba sowieso und damit verbunden ebenso Schicksale anderer Emigranten. Mit der Rückkehr Richard Kornitzers an den ‚Wohn’ort seiner Frau nach dem Krieg, an den Bodensee, beginnt der Roman, mit der Fremdheit der Eheleute, deren Versuch, Nähe zu schaffen, den Ansätzen Richards, beruflich wieder Fuss zu fassen, bis er die Anstellung als Richter, in seinem Beruf also, in Mainz angeboten bekommt.

Immer wieder trifft Kornitzer auf Menschen, auf Kollegen, die sich nach dem Krieg für ein paar Jahre geduckt hatten, bis sie trotz ihrer Vergangenheit wieder an die Oberfläche kommen konnten. Auch dazu streut die Autorin verschiedentlich Einschübe in ihren Text, in denen solche Sachverhalte ausgeführt werden. Krechel führt am Schicksal Kornitzers vor, wie das große Thema ‚Wiedergutmachung‘ nach dem Krieg in der Praxis zu einem auf Verhinderung ausgelegten steinigen Weg eines nochmaligen, ja, auch in gewisser Weise entwürdigenden, Procedere gestaltet wurde. Untrennbar verbunden damit sind die Fragen nach ‚Gerechtigkeit‘ und wann ist dieser Genüge getan, wann und unter welchen Bedingungen hat auch derjenige, dem Unrecht getan worden ist, dies anzuerkennen und den (möglicherweise) unzureichenden Versuch als Akt, der ihm gerecht werden will, zu akzeptieren. Der Figur Kornitzer (und ihrem Vorbild) ist dieser Spagat offensichtlich nicht gelungen, immer weiter driftete auseinander, was der Staat zu leisten bereit war gegenüber dem, was der Wiedergutmachung Suchende forderte. Es war ein Zweikampf, viel musste der Fordende an Bedingungen erfüllen, bevor er (oft) unzureichend entschädigt wurde. Manch einer (und Kornitzer gehört dazu) erkrankte an den Verhältnissen, die Fähigkeiten, einen Schlussstrich zu ziehen und neu anzufangen war nicht jedem gegeben.

Kornitzers Schicksal ist eng verknüpft mit dem der jungen Bundesrepublik, dem Rechtsnachfolger des Dritten Reiches. Dieser neue Staat musste mit einem Dilemma umgehen: nachdem das Nazi-Regime durch die Verfolgung jeglicher anderer Meinung und Opposition für eine gleichgeschaltete, auf die herrschende Ideologie getrimmte Beamtenschaft (als Teil der Bevölkerung, für die cum grano salis ähnliches gilt) generiert hat, musste sie nach einem schematischen Entnazifizierungsprozess mit eben diesen Leuten (bzw. denen, die noch zur Verfügung standen) die neue Verwaltung, die neue Bürokratie, das neue Staatsverständnis aufbauen. Aus dem Exil kehrten, so schreibt Krechel an einer Stelle, gerade mal fünf Prozent der Emigranten zurück. Das machte sich deutlich bemerkbar, alte Seilschaften funktionierten auf einmal wieder und versuchten, ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Es sind Jahre auch des Aufbaus, sie spiegeln sich im Roman am Beispiel der Stadt Mainz. Sie lernt Kornitzer noch als Trümmerfeld kennen, als Landschaft aus Schutt, Staub und Ruinen. Es muss geräumt werden, es wird wieder aufgebaut, den Möglichkeiten entsprechend wird sukzessive Stockwerk auf Stockwerk errichtet. Das Aussehen scheint erst einmal egal zu sein, eine übergeordnete Planung scheint nicht zu existieren. Bequemer soll es sein als früher, glatte Flächen anstelle verzierter, verschnörkelter Kassetten…

Diesen teilweise komplizierten Verhältnissen angepasst ist auch der Schreibstil Krechels nicht immer einfach, er wirkt hin und wieder artifiziell, zwingt beim Lesen zu hoher Aufmerksamkeit, ggf. auch zum Zurückblättern und Nachlesen. Dies ist kein Nachteil, dieser Roman ist es wert, aufmerksam gelesen zu werden, außerdem gibt es auch immer wieder diese längeren, erzählenden Einschübe zu den diversen (Sach)Themen, die im Verlauf der Handlung Bedeutung erlangen. In der Summe vermittelt Landgericht das Bild eines Staates, dem die Vergangenheit wie ein Klotz am Bein hängt, der sich kollektiv der Verdrängung ergeben hat und der sich daher schwer tut, das Unrecht der vergangenen Epoche anzuerkennen und auszugleichen. Ist doch jeder Versuch eines Überlebenden, dies zu erreichen, ein Angriff auf diese Verdrängung. Es ist ein Staat, der schnell von alten Seilschaften durchzogen wird wie ein gammelndes Stück Brot vom Geflecht der Schimmelpilze – und Kornitzer und seine Familie sind ein Symbol dafür, sie stehen für viele, sehr viele andere im Mittelpunkt des Romans.

Links und Anmerkungen:

[1] https://www.deutscher-buchpreis.de/archiv/jahr/2012/
Es erstaunt mich immer wieder. Zitat aus obiger Quelle (und auch aus dem Klappentext des Romans): „Richard Kornitzer wagt 1947 die Rückkehr aus dem Exil zurück nach Deutschland.“ Vgl. dazu den Text des Romans selbst [S. 36/7] „Er war im März 1948 nach Deutschland zurückgekommen, …“. Bin ich einfach nur zu beschränkt, um zu verstehen, warum zwei verschiedene Jahresangaben genannt werden, gibt es einen höhere Wahrheit hinter dem Text, die ich nicht gefunden habe?
[1b] Portraits der Autorin in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_Krechel
[2] siehe z.B. hier: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/ursula-krechels-landgericht-in-der-sache-kornitzer-11912092.html
schön auch dieser Beitrag in der ZEIT: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-10/buchpreis-2012-ursula-krechel/komplettansicht
[3] z.B. hier http://judentum.net/kultur/kindertransporte.htm
[4] es gibt offensichtlich diverse solcher Handbücher, vllt (die Jahreszahl des Erscheinens, 1980, macht es denkbar), handelt es sich um das von Röder und Strauss herausgegebene, das nur noch antiquarisch erhältlich ist (deswegen kein Link)

Ursula Krechel
Landgericht
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 508 S., 2014

 

Olga Grjasowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt

Mit diesem Roman hat hat die 1984 in Baku (Aserbeidschan) geborene Autorin Olga Grjasowa [1] ein beachtliches, ein beachtetes Debüt vorgelegt. Auch wenn der Titel für sich genommen einen leicht romantischen Einschlag hat und so möglicherweise in die Irre füht, denn der Roman handelt nicht von Russen, die ’nur‘ indirekt eine Rolle spielen und ebenso nicht von Birken. Es ist im Gegenteil ein tieftrauriger, ein tragischer, ein bewegender, aufwühlender Roman, der das Leben einer schwer traumatisierten jungen Frau zum Thema hat. Birken als Symbol der russischen Seele (dem Buch ist ein entsprechendes Zitat von Tschechow aus Drei Schwestern vorangestellt),Birken auch als altes Symbol für Reinigung, Erneuerung oder Neuanfang –  inwieweit sich damit ein Bezug auf Inhalt des Romans interpretieren läßt, mag jeder für sich entscheiden.

Wie die Autorin ist ebenso die Protagonistin des Romans in Baku als Tochter aus einer russisch-jüdischen Ehe gebürtig, wie diese kam sie Mitte der neunziger Jahre als Kontingentflüchtling [3] nach Deutschland. Insofern liegt die Vermutung auf der Hand, daß Grjasnowa in Der Russe… persönliche Erfahrungen mit eingebracht hat, ohne daß dies selbstverständlich als autobiographisch gedeutet werden muss. Die angedeuteten Lebensumstände bilden jedenfalls den Hintergrund des persönlichen Schicksals der zentralen Figur Maria (‚Mascha‘) Kogan, die – und damit beginnt der Roman – in einer Beziehung mit Elias, einem deutschen Fotografen, lebt.


Hintergrund…. welch ein beschönigender Begriff.

Hintergrund bedeutet in diesem Fall, daß  die junge Frau als Kind die Schrecken der Kriege und Auseinandersetzungen, die Ende des letzten Jahrhunderts im Kaukasus herrschten (Stichworte: Armenien, Aserbeidschan [2] und Berg-Karabach), miterlebt hat. Miterlebt hat, wie vor ihr, dem Kind, auf der Straße eine mit einem hellblauen Unterkleid angetane junge Frau aus der Höhe auf das Pflaster klatschte…  miterlebt hat, wie Schrecken und Terror jeden Tag zunahmen, miterlebt hat, wie der Vater, ein Russe, zwischen die Fronten der sich bekämpfenden Volksgruppen geraten war und sein Lebensziel verlor… miterlebt hat, daß das ganze Leben in drei Koffer zu packen war, mit denen man in dieses unbekannte Land, dessen Sprache man nicht sprach, dessen Lieder man nicht sang, fliehen musste… miterlebt hat, daß das, was man in diese drei Koffer gepackt, in diesem Land zu nichts nutze war… miterlebt hat, wie der Vater, in der Vergangenheit ein angehende Kosmonaut, in Deutschland zerbrach,….


Es gab ein Kind und es gab einen Vater. Der Vater wollte das Kind in Sicherheit bringen. Bis zu Großmuttters Wohnung mussten sie zehn Minuten lang laufen. Das Kind war noch keine sieben und spürte, dass sich in den letzten Tagen etwas verändert hatte, aber es hätte nicht sagen können, was. Daran dachte das Kind, als eine Frau neben ihm aufschlug. Das Blut rann langsam bis zu den Kinderschuhen und die Schuhspitzen des Mädchens färbten sich rot.  

Vater hatte aufgegeben, von einem Tag auf den anderen. Er freundete sich nicht mit anderen Menschen an, ging kaum aus dem Haus. Nur manchmal, um an den Tankstellen die Benzinpreise zu vergleichen..

Mein Lieblingsspiel hieß damals Nachrichten und ging  in etwa so: Man teilt den Park untereinander auf und versucht sich gegenseitig das Territorium abzujagen. Mit allen Mitteln, so wie in den Nachrichten, die damals direkt nach den Zeichentrickfilmen gezeigt wurden. Wir spielten Nationale Front. wir spielten Krieg. 


Wundern die Eingewöhnungsschwierigkeiten im neuen Land? Wundert es, daß das junge Mädchen jahrelang fast nicht sprach, daß sie Gedanken hatte, dem Leben ein Ende zu bereiten? Wundert es, daß sie Aussenseiterin war, Opfer? Bis sie schließlich eines Tages beschloss, sich zu wehren… sie wurde von der Schule verwiesen, ging auf eine andere, zog von zu Hause aus und mit Sibel zusammen in eine Wohnung. Zu diesem Zeitpunkt war sie siebzehn Jahre alt. Nun sprach ich fünf Sprachen fließend und ein paar andere wie die Ballermann-Touristen Deutsch… resümiert sie ihre Erinnerungen an ihre Schulzeit, als sie in der Krankenhauskantine die dünne Suppe löffelt. Sie besucht Elias, Elischa, ihren Freund, der sich beim Fussballspielen den Oberschenkel gebrochen hat. Es gibt Komplikationen, die Operationswunde heilt nicht gut, Elias muss, nachdem er dann doch irgendwann nach Hause entlassen worden war, mit dem Notarzt wieder ins Krankenhaus, aber er stirbt. Maschas einziger emotionaler Halt im Leben stirbt.

Was nun folgt, ist die Schilderung eines Lebens, das auf ein schlimmes Ende hin zusteuert. Teilweise versagt ihr Körper Mascha den Dienst, ihre seelische Krankheit, die tiefen, tiefen Wunden, die sie in der Seele mit sich trägt, drängen danach, sich auch körperlich zu zeigen. Suizidale Gedanken, Todessehnsucht verspürt sie. Möglicherweise würde sie einfach verhungern, wenn nicht ihre Mutter sie versorgte…. Nur schwierig können Freunde sie zu Aktivitäten motivieren. Zwar macht sie letztlich ihre Dolmetscherprüfung, nutzt jedoch jede sich bietende Gelegenheiten, der Welt zu entfliehen. Wird ihr ein Joint angeboten, ergreift sie ihn, sie schläft mechanisch mit ihrem Dozenten, den sie am anderen Tag darum bittet, ihr einen Job in Israel zu besorgen.

Mascha ist durch ihre jüdische Mutter Jüdin, sie lebt diese Religion jedoch nicht. Die Gebete, die Rituale, sind ihr fremd. Sie spricht Arabisch, Hebräisch nicht. So fällt sie bei der Einreise in Israel sofort auf, wird als terrorverdächtig herausgefischt. Israel ist ihr Land, ist es ihr Land? Es bleibt offen, warum sie nach Israel wollte. Sind sie Claude Lanzmann? fertigt sie ihren Dozenten ab, der sie danach fragt. Sie hat Verwandte dort, aber der Kontakt zu ihnen trägt nicht. Die Arbeit, die sie als Dolmetscherin bei einer NGO angenommen hat, ist leicht und läßt ihr viel Freiraum. Immer wieder brodeln Erinnerungen an Elias nach oben, immer stärker kommt Verdrängtes an die Oberfläche, die Frau im blauen Unterkleid wird immer deutlicher. Das Blut. Der aufgeplatzte Unterleib. Es hört nie auf. Selbstvorwürfe, daß sie, Mascha, verantwortlich sei für den Tod Elischas… warum hat sie damals, warum hat sie damals nicht….

Sie lernt Ori kennen, mit dem sie einmal schläft, eher aus einem Irrtum heraus. Über Ori macht sie Bekanntschaft mit dessen Schwester Tal, einer politischen Aktivistin, der sie bald verfällt, ohne daß ihre Zuneigung von Tal erwidert wird. Im Gegenteil ist ihr bewußt, daß Tal sie ausnutzt, die letzte Kraft aus ihr heraussaugt: Sie weigerte sich hartnäckig, mich zu lieben. Mit ihr nimmt sie an Demonstrationen teil, Tränengas schlucken, wie sie es nennt… Zwischendurch immer wieder Telefonate nach Deutschland, zu Cem, einem ihrer engen Freunde, der nach einem ihrer Hilferufe sofort nach Israel kommt, um sich um sie zu kümmern. Erfolgserlebnisse wie das Dolmetschen bei einer Konferenz unter den Augen des Chefs hat sie nur selten. Im Gegenteil treten immer häufiger Panikattacken bis zu Zusammenbrüchen auf.

Tal bittet sie erneut, ein (angeblich) letztes mal, mit zu einem Treffen mit zu kommen, es geht in die Palästinensergebiete, nach Ramallah. Auch dort, bei diesem Treffen hält sie es nicht aus, sie flieht aus dem Klofenster, läuft durch die Gegend, weiß nicht, wo sie ist, fällt in Ohnmacht und wird im Hinterzimmer eines Cafés wach. Ein Mann ist bei ihr, hat sie dorthin gebracht, Ismael. Er sorgt für sie, kauft essen, läßt sie bei sich schlafen, ohne sie zu belästigen. Später nimmt er Mascha mit, sie fahren zur Hochzeit einer Cousine. Aber auch dort hält es Mascha nicht aus, sie flieht auch von dort, blutend, ins Nirgendwo, ruft Sami an, ihren alten Geliebten, er solle sie retten, nein, sie weiß nicht, wo sie ist, um sie herum ist nur das Irgendwo, das Nirgendwo….

An dieser Stelle ist die Geschichte Maschas, der Roman, an sein Ende gekommen. Es ist ein offenes Ende, in jedem Fall ein friedliches. Elias ist da, Mascha sieht ihn, er reicht ihr ein Taschentuch, das Nasenbluten zu stoppen, die Sonne wärmt und das Licht erhellt die Szenerie…


Maria Kogan, die Protagonistin, ist eine seelisch kranke Frau, ich denke, daß kann man auch als Laie feststellen. Mannigfache Traumatisierungen ließen sie zeitweise verstummen [4], erst nach langer Zeit erwacht ihr Lebenswille, ihr Wille, sich zu wehren, wieder. Sie weist alle Symptome einer heftigen, nicht mehr unter Kontrolle stehenden Trauer, einer großen Verlusterfahrung auf: Verdrängung, Wut, Zorn, körperliche Probleme, suizidale Tendenzen, Todessehnsucht. Sie, die Jüdin aus Aserbeidschan, die aber nie jüdisch gelebt hat, ist mehrfach entwurzelt: als aserbeidschanische Jüdin musste sie mit ihren Eltern aus ihrer Heimat fliehen, schon vorher kapselte sie sich nach dem ‚Ausfall‘ ihres Vaters (Du hast kein Wort gesprochen. … Du warst wie eine Fremde, hattest keine Wärme mehr in dir. … Nach jenem Tag hast du dich verschlossen und ich habe nie wieder einen Zugang zu dir gefunden. … erzählt ihr die Mutter später von ihrer Reaktion darauf) von der Familie ab und verstummte. In Deutschland dann war sie Aussenseiterin, konnte die Sprache nicht und es dauerte Jahre, in denen sie kaum sprach; ihr Freundeskreis generierte sich aus ähnlichem Milieu: die Kurdin (?) Sibel, die von ihren Brüdern misshandelt wurde, Sami, der in Beirut von einer libanesischen Mutter geborene Halbschweizers, in den sie sich verliebte und Cem, der junge Mann türkischer Abstammung. Später fand sie dann endlich Halt in Elias, dem ihre Eltern den Kosenamen Elischa gaben… und ausgerechnet Elias musste sterben, sie verlassen.

Es ist nicht so, als ob die Beziehung der beiden komplikationslos gewesen wäre. Zwar liebte Mascha Elias, doch sich ihm gegenüber öffnen, das konnte sie nicht. Die ‚Baku-Frage‘ stand zwischen ihnen, die sie ihm nie beantwortete, sie wollte sich ihm gegenüber nicht über Baku definieren.. Elias, Mascha stellte dies nach seinem Tod fest, als sie die Wohnung vor ihrer Abreise nach Israel auflöste, versuchte sich auf anderen Wegen über ihr Schicksal zu informieren: er hatte Zeitungsausschnitte, Bilder etc pp aus dem Kaukasus gesammelt und studiert. Aber trotz dieser Distanz, die Mascha wahrte, war Elias ihr Halt, bei ihm fühlte sie sich geborgen und geliebt, mit ihm – so steht zu vermuten – hätte sie eine Chance gehabt, ihr Leben mit all den Wunden in eine Bahn zu bekommen.

Ihre Ansprüche an das Leben waren gar nicht so extravagant. Später, in Israel, sollte sie von Tal danach gefragt werden und antworten: Was ist will, ist fließendes Wasser, Strom und ein friedlicher Platz, an dem niemand stirbt. Dann sei sie doch in Deutschland gut aufgehoben gewesen… Tal wusste jedoch nichts davon, daß in Deutschland einen Elias gegeben hatte, der gestorben war, so daß Mascha dort nicht bleiben konnte…

Eine so tief traumatierte Frau in einem Land, einer Region, die selbst unter Traumata leidet, das konnte nicht gut gehen. Wo einige arabische Schriftzeichen ausreichen für einen Terrorverdacht und zum Erschießen des Laptops führen. Wo viele der Israelis (so auch Tal und dann Ori) nach ihrem Wehrdienst nach Indien fliegen, um dort auszuflippen und von der Fürsorge wieder nach Israel zurückgebracht zu werden. Wo Friedensaktivisten mittlerweile verhasst sind und gesagt bekommen: Wir haben langsam genug vom Frieden. Wir wollen Rechte und einen Staat. Der Friedensprozess hat versagt, und wir wollen keine Normalisierung… bekommt sie im Palästinensergebiet zu hören. Hier, im Gebiet der Palästinsenser verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart für sie endgültig, der Gang durch die Straßen des palästinensischen Dorfes ein blutiges Déjà-vu….

Ein Panzer kam auf uns zu, wälzte ein parkendes Auto nieder. Der Panzer ließ das Auto hinter sich, aus einem der Fenster über ihm wurde ein Molotowcocktail geworfen. Er fiel wie ein Sternschnuppe und hinterließ einen Schweif. Damals hatte mich dieses Bild fasziniert. … ich lief Kreise, bis ich nicht mehr atmen konnte, …. Artemis und Schuschanik, das waren die Namen der Töchter von Großmutters Freundin. Gajan war ihr Name. Der Panzer bleib abrupt stehen, sein Bug drehte sich und die Kanone richtete sich auf das Fenster, aus dem der Angriff kam. Ein Knall. Das Küchenfenster zitterte. Im Nachbarhaus klaffte ein Loch. Dahinter ein Küchentisch eine eine geblümte Tapete. Ich wischte mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, das Blut blieb an meiner Wange kleben. 


Grjasnowas Roman ist in vier Teile untergliedert. Der erste Teil schildert die relativ kurze Zeitspanne zwischen dem Unfall von Elias und seinem Tod. Er gibt mit vielen Rückblicken auf die Vergangenheit Maschas übersichtsartig sowohl einen Überblick das Familienschicksal, das in dieser Zeit durch die Kämpfe und Feindschaften der Volksgruppen im Kaukasus geprägt war, ferner stellt der die Probleme der letztlich nach Deutschland geflüchteten Familie in ihrer neuen ‚Heimat‘ dar.

Damit erhält dieses 2013 veröffentlichte Buch einen sehr aktuellen Bezug. Denn jeder Flüchtling der nach Deutschland kommt, ist erst einmal auf jeden Fall entwurzelt: seiner Sprache, seiner Heimat, seiner Familie, den gewohnten Sitten und Gebräuchen entrissen. Ferner ist jeder Flüchtling, der aus (Bürger)Kriegsgebieten kommt, traumatisiert und in der Seele verwundet. Grjasnowas Geschichte von Mascha zeigt dies deutlich, sie zeigt auch, wie schwierig es für einen Flüchtling ist, über seine seelischen Verletzungen zu reden. In Deutschland haben wir dies selbst erlebt: viele unserer Eltern oder Großeltern wollten und/oder konnten erst im Alter (wenn überhaupt) über Kriegserlebnisse reden…. Dazu kommt bei den Flüchtlingen noch, daß sie immer wieder mit Ablehnung, mit Vorurteilen bis hin zu offener Aggression von Einheimischen konfrontiert werden.

Im zweiten Teil des Romans wird die Zeit zwischen dem Tod Elischas und der Abreise nach Israel geschildert. Mascha leidet unter Apathie und Antriebslosigkeit, Erinnerungen an Elias beherrschen sie, aber auch an ihren Exfreund Sami, an diese unglückliche und auch unerwiderte Liebe, denn Sami liebt Neda und Neda liebt Paul, den älteren Bruder Samis… Die beiden letzten Teile spielen dann in Israel und schildern, wie angedeutet, den immer fragiler werdenden Zustand Maschas.

Die einzelnen Teile des Buches sind ihrerseits in kurze Abschnitte gegliedert, die beim Lesen des nicht immer einfachen Stoffes die Möglichkeit zum Innehalten bieten. Die Geschichte selbst spielt auf verschiedenen Zeitebenen, die in der Gegenwart spielende Handlung wird häufig von Erinnerungen und Rückblenden unterbrochen, es ist nicht immer einfach, diesen Zeitsprüngen zu folgen.

Dieser ’sprunghafte‘ Stil der Autorin entspricht dem nicht mehr planvollen Leben der Protagonistin, deren Handlungsmotive von außen nicht immer nachzuvollziehen ist. Der Entschluss, nach Israel zu fliegen, ist sicher der folgenschwerste Entschluss dieser Art, es gibt auch auch noch eine ganze Reihe anderer Szenen, in denen das deutlich wird. Dabei ist natürlich auch zu berücksichtigen, daß der Zustand Maschas sich im Lauf der im Roman überstrichenen Zeit immer deutlicher verschlechterte. Funktioniert der Verdrängungsmechanismus nicht mehr, ist einfach so viel Leid in ihr, daß sie es nicht mehr unter kontrollieren kann? Die schreckliche Szene beispielsweise mit der Frau im blauen Unterkleid, die sie als Kind erlebte, taucht jedenfalls in ihren Erinnerungen immer wieder auf und mit jeweils mehr Details.

Das Ende des Buches ist offen, kann – wie in meinen Lesekreis, in dem wir das Buch diskutierten, geschehen – in verschiedener Art und Weise interpretiert werden. Mascha steht in dieser letzten Szene jedenfalls ohne genau zu wissen, wo sie ist, blutend auf einem Feld und telefoniert nach Hilfe…. aber der einzige, der sie dort finden kann, ist Elias, der ihr ein Taschentuch gibt, das Bluten zu stoppen…. sie hakt sich bei ihm ein. Die Sonne ist schon fast untergegangen, aber es ist noch hell.

Der Russe ist einer, der Birken liebt und ich bin einer, der von diesem Buch sehr berührt war/ist. Olga Grjasnowa hat eine intensive Geschichte erzählt, sie ruft uns mit dieser Geschichte ins Bewusstsein, daß jeder, der als Flüchtling zu uns kommt, an seinen eigenen, traurigen, tragischen Schicksal leidet, das aus ihm ein Opfer macht, das wir mit Erwartungen, wie dieser Mensch sich hier zu verhalten hat, wie er auf ‚Zuwendungen‘ zu reagieren hat, nicht überfrachten dürfen.

Es ist kompliziert.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorenseite beim Hanser-Verlag: https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/olga-grjasnowa/
[2] zur neueren Geschichte Aserbeidschans erhält man hier einen Überblick: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Aserbaidschans#Neuere_Geschichte
[3] Wiki-Beitrag zu Kontingentflüchtlingen aus ehemalig sowjetischen Gebieten: https://de.wikipedia.org/wiki/Zuwanderergruppe#Kontingentfl.C3.BCchtlinge
[4] dieses Verstummen erinnert mich an Pat Barkers Niemandland, in dem sie beschreibt, wie die Traumatisierungen auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges auch zu solchen Verstummungen führten (https://radiergummi.wordpress.com/2017/03/08/pat-barker-niemandsland/). Man kann an diesem Analogon erahnen, wie tief die seelische Verwundung von Mascha Kogan gereicht hat.

Olga Grjasowa
Der Russe ist einer, der Birken liebt
Erstausgabe: Hanser, 2012
diese Ausgabe: dtv, 2013, ca. 280 S.