Liebe Frau Heidenreich,

gestern abend habe ich, davon gehe ich aus, wieder mal gegen Gesetz und Ordnung verstoßen, es ist nicht einfach in Deutschland, sich darüber wirklich klar zu werden. An dieser Stelle lobe ich mir immer wieder die Zehn Gebote. Das Urheberrecht hat so seine Tücken. Jedenfalls habe ich gestern im Kreise persönlicher Freunde und Bekannter vorgelesen (ich mache das hin und wieder), unter anderen ihren Text Die Liebe.

Es war ein schwieriger Text für mich zu lesen, sie werden, falls Sie diesen Brief zu Ende lesen, wissen, warum. Ihre Geschichte um den ‚Backfisch‘ Sonja herum (damals kannte man die jungen Menschen ja noch nicht als ‚teenager‘) spielt zu der Zeit, in der ich noch Windeln trug, aber doch schon Halbwaise war. Ich musste daran denken, da Sonjas größter Wunsch zu Beginn ihrer Geschichte ja ‚Waisenkind‘ zu werden war. Verständlicherweise kann ich mich an meine Halbwaisenzeit nicht mehr erinnern, möglicherweise könnte ein Psychologe einige meiner Eigenschaften auf Folgen dieses frühen Tod eines Elternteils zurückführen, aber das ist hier ja nicht das Thema. Sicher bin ich jedoch, daß ich nicht ohne Liebe aufgewachsen bin, auch nicht ohne mütterliche Liebe. Nicht verzärtelt, nicht überbehütet, aber innig geliebt. Und damit bin ich wieder bei der Geschichte um Sonja, denn Sonja sucht die Liebe. Nicht unbedingt die Liebe, auf die man mit vierzehn, fünfzehn Jahren mit wachsendem Hormonspiegel so ganz langsam neugierig wird, sondern auch die Liebe, die man zu Hause, bei und von den Eltern spüren will.

An einer Stelle lassen Sie Ihre Sonja sagen, die Mutter sei der Feind für sie. Sie lassen Sonja in Fantasien schwelgen, in denen ihre Mutter tot ist oder stirbt. Dramatisch stirbt, durch einen Sturz vom Kölner Dom. Körperkontakt hat Sonja nur durch Schläge und den Spuckefinger (den ich auch noch kenne), sie verhärtet, keine Schmerz mehr, keine Tränen. Die Liebe zwischen Vater und Mutter, längst vergangen, so sie denn Anfang des Krieges mal bestand – schließlich gibt es ja eine Tochter. Jetzt jedenfalls ist die Lieben dem Hass gewichen. Selbst die zaghafte Annäherung der Tochter an den Vater wird durch die Mutter roh unterbunden.

So sucht Sonja die Liebe ausserhalb ihrer Familie. Sie küsst wild alle Jungs und jungen Männer, die bei drei nicht auf den Bäumen sitzen, führt Listen darüber. Später, so schreiben Sie, geht sie sogar nur für eine Nacht mit Männern mit, zu einer Zeit, in der diese ONS – nach allem, was man so weiß – noch nicht allgemein üblich waren. So, wie ihr Tagebuch von der Mutter gelesen wird, so liest sie die Liebesbriefe der Untermieterin, auch in diesen auf der Suche nach dem, was die Liebe ausmacht….

In Irma findet sie schließlich eine Freundin, mit der sie über alles reden kann, nur nicht über die Mutter, denn Irma ist ohne Vater, vermisst diesen Vater unendlich. Die Mutter dagegen ist so ganz anders als die von Sonja: Können Sie mich nicht adoptieren? Lebenslust, Freude, sie vermittelt das Gefühl, das die Welt nur darauf wartet, umarmt zu werden.

Der Wendepunkt im Leben der Mädchen: sie gehen mit Irmas Mutter ins Kino, Jenseits von Eden. Und sie sehen James Dean, der sofort alle Gefühle bei ihnen besetzt. Projektionen, Schwärmereien… bei Irma ist jedoch noch es mehr als das, sie verknüpft ihr Leben förmlich mit dem ihre Idols, zumal ihre Mutter bekennt, daß der Vater so ein wenig war wie James Dean. Doch am 30. September 1955 verunglückt James Dean tödlich und für die Mädchen bricht eine Welt zusammen – und für Irma noch mehr als für Sonja.


Liebe Frau Heidenreich, wenn ich mit meiner Leserei fertig bin, so entsteht üblicherweise Leben unter meine Gästen. Ich kann dies meinen Freunden nicht verdenken, immerhin haben sie anderthalb Stunden dort still gesessen und einem Menschen zugehört, der nichts anderes machte also Vorzulesen. Sie stehen auf, lachen, rufen was, fragen was, vereinzelt treten sogar Verhaltensanomalien wie zaghaftes Applaudieren auf… Gestern dagegen, nach Ihrem Text, blieb es still, stiller hätte es nicht sein können, wenn niemand da gewesen wäre. Ein angegriffener Vorleser mühte sich, die Fassung wieder zu gewinnen (immerhin bin ich bis auf ein Zittern in der Stimme und etwas längere Sprechpausen hin und wieder ganz gut durch den Text gekommen) und die Zuhörer waren sichtlich ergriffen. Da hast du uns ja ganz schön einen vorgesetzt. Das muss ich erst einmal verdauen. Und: Normalerweise…. aber das muss sich jetzt erstmal setzen…. Und: Als ich fünfzehn war, war ich in Michael Grzimek verliebt, ich wollte ihn heiraten, war ganz sicher. Und dann stürzte er mit seinem Flugzeug ab…..

Sie verstehen es vorzüglich, aus einer unterhaltsamen, möglicherweise etwas melancholischen Stimmung, aus einem ‚ja, damals.. da erinner‘ ich mich auch dran… o gott, ja natürlich, das war bei mir ähnlich…. genau, sowieso…‘ innerhalb weniger Seiten eine emotionale Achterbahn zu machen, die …. ja, wie soll ich sagen, die die Verzweiflung, die sich ihrer Figuren in der Geschichte bemächtigt haben muss, körperlich werden läßt, jeglicher Abstand zu ihnen ist verschwunden, man hört ihrer Geschichte nicht mehr zu, man fühlt sie mit….

Mag sein, daß ich eine besondere Neigung dazu habe, mich derart berühren zu lassen, aber wie gesagt, auch meine Freunde waren durch die Bank hinweg aufgewühlt. Wenn Literatur die Axt sein soll für das gefrorene Meer in uns, so hat ihr Buch diese Aufgabe gut erfüllt: es hat das Meer geschmolzen, uns Leben, Gefühle, Anteilnahme, Verzweiflung, Trauer aber auch Freude und Erinnerung geschenkt: für all das möchte ich Ihnen danken!

Zum Büchlein selbst wäre noch zu erwähnen, daß es ein schmales ist, vorgelesen in einer knappen halben Stunde, angereichert und verschönert mit zeitgenössischen Fotografien, mit Wänden in Zimmern, die mit James-Dean-Fotos tapeziert sind, mit Kinoplakaten, die vom Wind noch nicht verweht sind, mit Straßenszenen aus Zechensiedlungen, auf denen eine Messerschmitt rollt (noch so eine Erinnerung…), mit jungen Menschen, die einem Tansistorradio lauschen, mit heimlich sich küssenden Paaren….

… ein kleiner, feiner Buchschatz…

Anmerkung:

ferner von Elke Heidenreich hier im Blog: (zusammen mit Bernd Schroeder): Alte Liebe

Elke Heidenreich
Die Liebe
diese Ausgabe
: Rowohlt, HC, ca. 62 S., mit vielen Abbildungen, 2008

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heidenreich

Eine Freundin hat mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht, diese hatte es wiederum von ihrer Freundin genannt bekommen, jene ihrerseits kam von einer Veranstaltung, in der die beiden Rollen dieses (fast) Zwei-Personenstückes von einer Frau und einem Mann gelesen wurden. Damit ist schon ein wenig über dieses Stück Literatur gesagt, das ich förmlich verschlungen habe und das mir am Ende (ich hätte Heidenreich und Schröder an die Wand klatschen können…) sogar Tränen in die Augen trieb.


Sie sind seit langem zusammen, Lore und Harry, seit vier Jahrzehnten, ein eingespieltes Ehepaar. Sie arbeitet noch in einer Bibliothek, hält sich dort für unverzichtbar, obwohl diese Unverzichtbarkeitsvermutung möglicherweise auch nur die Befürchtung bemäntelt, wenn sie ebenso wie ihr schon in Rente befindlicher Mann zu Hause wäre, das … nun ja, wäre nicht gut. Denn auch wenn sie eingespielt sind, sind sie unterschiedlich, haben sich ihre individuellen Leben auseinander gelebt. Für Harry, der nach außen hin etwas stoffelig daher kommt, ist der Garten, den er mit viel Einsatz und mittlerweile auch Kennerschaft bearbeitet, sein Ein und Alles, ein oder zwei Bierchen gehören dazu und daß er Golf spielt (er, ein Ex-Achtundsechziger! Lore ist fassungslos: mit einem Benz zum Golfspielen fahren) hat er nur der gewonnenen Wette gegen Ede, seinen Freund zu verdanken. Daß er Golf nach wie vor auch langweilig und ätzend findet… soll Lore doch erst einmal ruhig ein wenig den Kopf schütteln…

Lore dagegen ist Kulturschaffende und hadert damit, daß er sie nicht zu ‚Martin‘ begleitet (wie sowieso fast nie zu solchen Abenden und wenn er es ausnahmsweise tat, dann gab es gleich so etwas wie einen Eklat, weil er kein Blatt vor den Mund nahm…. aber zurück zu Martin,) dessen Lesung in der Stadt sie wieder organisiert hat. Harry dagegen ist zufrieden mit der Zeitung am Morgen, von acht bis elf…. und so stoffelig, brummig und einsilbig Harry sich auch gibt: während Lore sich in der Literatur auskennt, kennt er eine Menge Hintergründe aus der Zeitung, er liest eben nicht nur das Feuilleton… auch zu und über Walser weiß er einiges, was Lore unbekannt ist…. und wenn Lore ehrlich ist zu sich selbst, dann muss sie zugeben, daß bei weitem nicht jeder ein Engel ist, nur weil er schreiben und vorlesen kann: Mir macht mein Beruf keinen Spaß mehr. Die Bücher sind nicht mehr das, was sie mal waren. 

Der Aufhänger des Romans ist jedoch Gloria, die gemeinsame Tochter, das gemeinsame Sorgenkind: es steht dritte Eheschließung ins Haus, die Eltern sind eingeladen (natürlich) und Harry weigert sich. Sieht keinen Sinn in dieser Ehe (und dann auch noch in einer solchen!), sieht keine Linie im Leben seiner Tochter, die nicht nur eine, sondern viele Ausbildungen abgebrochen hat, die überforderte alleinerziehende Mutter eines furchterregend verzogenen Mädchens ist. Und jetzt wieder heiratet, in eine Familie mit viel Geld, unter Umständen auch nur ’noch‘ viel Geld, die genau das darstellt, gegen das sie beide damals auf die Straße gingen…. wie gesagt, Harry weiß mehr als es den Anschein hat.

Lieben sie sich eigentlich noch, Lore und Harry? Und wenn, warum? Und wenn, warum zeigen sie es sich nicht, ändern sich nicht? Sie kennen sich in- und auswendig, haben sich beim Älterwerden beobachtet, haben ihre Rituale, haben ihre Reviere in der Ehe, die sie gegeneinander verteidigen. Haben ihre kleinen Seitensprünge (und seien sie auch nur in der Fantasie und unvollendet), die sie tapfer und konsequent voreinander leugnen und wollen die Erinnerungen an früher, an wildere Zeiten und mehr Gefühle nicht missen.

Glorias Hochzeit mit dem Kotzbrocken wirkt wie ein Erweckungsruf auf beide: der Geist der achtundsechziger Jahre wacht noch einmal auf in ihnen, der Widerstand gegen diese aufgebrezelte, verlogene Veranstaltung zeigt ihnen, wie wertvoll sie sich gegenseitig sind und daß dies jede Mühe wert ist, sich zu ändern….


Alte Liebe ist eine kleine Leseperle. Ein wenig melancholisch, manchmal ruppig, manchmal sentimental, zweifelnd und räsonnierend blickt hier ein in Gemeinsamkeit gealtertes Ehepaar auf sein Leben zurück, in dem die Liebe sich dem Leben angepasst hat, aber nie verloren gegangen ist, auch wenn sie hinter manch grummeligem Vorwurf gut versteckt wird. Sie sind älter geworden, aber sie finden die Kraft noch, dieses Gefühl hervorzuzerren aus seinem Versteck, es wieder an die Oberfläche zu bringen und es zu leben…

Das alles ist in realitätsnahen und flotten Dialogen geschrieben, in inneren Monologen, zu denen man einfach: ‚ ja, ja, so ist es, genauso denkt es mir auch manchmal….‘ rufen möchte. Und wer schon ein wenig älter ist, möglicherweise sogar in dem Alter von Harry und Lore, der wird sich möglicherweise wieder erkennen und mit einem schmunzeln denken: ach, würde ich doch die Kraft finden, mich noch einmal zu ändern, so wie sie die beiden Autoren Lore und Harry auf den Pelz geschrieben haben…. wie gesagt: möglicherweise…

Heidenreich und Schröder, davon darf man ausgehen, da sie über lange Jahre selbst ein Paar waren, wissen, wovon sie geschrieben haben und das merkt man beim Lesen. Und auch wenn der letzte Abschnitt einen traurigen Kontrapunkt setzt, das Büchlein kann ich jedem als wunderschöne Unterhaltung, bei der man ausserdem noch viel über das Leben lernen kann, ans Herz legen. Der letzte Abschnitt.. aber das habe ich ja eingangs schon gesagt….. und daß es daneben noch einiges an Seitenhieben auf unsere Gesellschaft im allgemeinen und die Literaturszene im besonderen gibt, trägt erheblich zum Lesevergnügen bei.

Elke Heidenreich, Bernd Schroeder
Alte Liebe
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca. 192 S., 2009

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