Berlin in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, dem Deutschland der Weimarer Republik, das ist in der ersten Assoziation verknüpft mit urbanem Leben, mit einer pulsierenden Metropole, die sich gleichrangig sieht mit anderen Weltstädten wie Paris, London oder New York. Große Varietees, Theater, Kinos, Kleinkunstbühnen ohne Zahl verliehen ihr Glanz, speziell wir Literaturfreunde denken beispielsweise an das Romanische Café als Treffpunkt einer städtischen Bohemé aus Künstlern und Kreativen. Aber dieser Glanz überstrahlt anderes: Berlin war auch eine Industriestadt (AEG, Siemens u.a.) mit bedrückenden sozialen Verhältnissen. Das Wort von der Stadt, die niemals schläft, galt in anderer Bedeutung auch hier: knapper Wohnraum wurde schichtweise als Schlafstätte vermietet, das Bett wurde nie kalt…. die Arbeiter, die in Berlin lernten, nach der Stechuhr zu leben, sollten zu denen werden, die später dann im Stechschritt durch die Stadt marschierten.

Groß-Berlin war 1920 durch einen Verwaltungsakt entstanden, diese erweiterte Stadt von der Größe des Ruhrgebiets beherbergte um die vier Millionen Einwohner, in ihr fand sich urbanes Leben genauso wieder wie idyllisches, zu ihrem Stadtgebiet gehörten Wälder, Seen und Wiesen. Das urbane Leben konzentierte sich jeweils in bestimmten Bezirken, in der südlichen Friedrichsstraße das Filmquartier, nicht weit entfernt, Koch- und Zimmerstraße, das Zeitungsviertel, das quartier latin mit den Klinken und Instituten nördlich vom Friedriechsbahnhof von der Luisenstraße bis zur Invalidenstraße, um die Gedächtniskirche und die Tauentzienstraße das Amüsier- und Luxusviertel, dann die dunkle zweifelhafte Gegend zwischen Münzstraße und Rosenthaler Platz [3].

Diese ‚dunkle, zweifelhafte Gegend‘ begann direkt hinter dem Alexanderplatz. Es ist das Viertel, in das Franz Biberkopf direkt, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war, eintauchte, eintauchen musste. In einem finsteren Hofe stehend überkam es ihn und er fing an zu singen, laut zu singen, etwas, was er im Gefängnis nie hätte tun dürfen. Im Hof beachtet ihn niemand, aber am Tor nahm ihn der Jude in Empfang. Er folgte ihm auf der Straße, nahm ihn beim Arm, zog ihn unter unendlichem Gespräch weiter, bis sie in die Gormannstraße einbogen, der Jude und der starkbauchige Kerl im Sommermantel, der den Mund zusammenpreßte, als ob er Galle spucken müßte. [4]

Gormannstraße, Münzstraße, Rosenthaler Platz, Mulackstraße, Grenadierstraße: unter anderen diese Straßen bildeten das Scheunenviertel [5] in Berlin, in dem sich ein Bodensatz des Kleinkriminellen und der Prostituierten tummelte. Enge, verwinkelte Straßen, alte, teils baufällige Häuser, kleine Geschäfte und Handwerker, Unübersichtlichkeit und Gedränge: das Scheunenviertel war also nicht originär ein jüdisches Viertel. Die Berliner Juden lebten mehrheitlich im Westen der Stadt, hatten sich im Gegenteil ‚assimiliert‘ und sollten sich, als nach dem ersten Weltkrieg ihr Glaubensbrüder aus dem Osten Europas nach Berlin kamen, derer schämen. In einem umfangreichen und nicht immer leicht zu verstehenden Essay widmet sich der Soziologe Eike Geisel der Geschichte und dem Charakter des Scheunenviertels im Allgemeinen und seiner Bedeutung für das deutsche bzw. osteuropäische Judentum im Besonderen.

Mir hatte sich bis dato dieses Scheunenviertel literarisch erst einmal bemerkbar gemacht, in Israels J. Singers Die Familie Karnovski ist es ein Schauplatz der Handlung. Mit dem Worten In den altersgrauen, zerfallenen Gebäuden der Dragonerstraße im Scheunenviertel, dem Viertel der Altkleiderhändler, das die Nichtjuden spottend die Jüdische Schweiz nannten, lagen eng nebeneinander Läden, Märkte, Metzgereien Gasthäuser und Bethäuser…. leitet er eine Beschreibung des Viertels und seiner Bewohner ein [6]. Für diese (und weitere zum Viertel gehörende Straßen) hält die Statistik für das Jahr 1929 (dem Jahr, in dem der Roman spielt) tatsächlich auch fest, daß die Wohndichte fünfmal höher ist als in der ganzen Stadt, die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal….

In Martin Beradts Straße der kleinen Ewigkeit (ein weichgespülter Titel des Buches, das ursprünglich Die Beiden Seiten der Straße heißen sollte), sind es nicht die vorstehend genannten Straßen, sondern die Grenadierstraße, die im Mittelpunkt steht. Martin Beradt (1881 – 1949) war selbst Jude, 1913 zog die Familie, als es ihr besser ging, in den Westen. Beradt wurde später auf zwei Tätigkeitfeldern erfolgreich: er reüssierte sowohl als Schriftsteller und kam andererseits als Notar und Rechtsanwalt zu Wohlstand. Beides wurde nach 1933 sukzessive durch Berufs- und Publikationsverbote (1933 verlor er seine Zulassung als Notar, 1938 die als Rechtsanwalt zunichte gemacht. Der vorliegende Roman war 1933 (angeblich) fertig gestellt, der Rowohlt-Verlag, bei dem Beradt publizierte, war jedoch zu dieser Zeit der Auffassung, einige Stellen des Romans könnten tendenziös aufgefasst werden und lehnte eine Veröffentlichung ab. Daß Beradt am 10. Mai 1933 von den Machthabern und ihren studentischen Schergen nicht übersehen wurde, versteht sich danach von selbst. In seinem Nachruf geht Eike Geisel auf die Publikationsgeschichte des Buches ein.

Es erscheint schon fast ironisch, daß auch nach dem Krieg erhebliche Schwierigkeiten auftauchten, den Roman zu veröffentlichen, jetzt weil potentiell Antisemitisches darin gesehen wurde: Eine hiesige [i.e. New York, wohin Beradt 1939 geflohen war] jüdische Buchorganisation wollte ihn nicht veröffentlichen, wie ich unter der Hand erfuhr, weil er antisemitisch, sei, das heißt offenbar, daß er nicht aus Marzipan besteht: ich hatte gute und schlechte Juden geschildert und wende die Mittel des modernen Romans an Stelle der Sentimentalität an. … War dies noch Anfang der 40er Jahre, so lehnte Beradts alter Verleger Rowohlt noch 1957 eine Veröffentlichung aus nämlichen Gründen ab, auch andere Verlage zuckten zurück, erst 1962 fand ein kleiner Verlag in der Herausgabe des Romans ‚eine Freude und schöne Aufgabe‘ [Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt]. Eine weitere Buchausgabe erschien 1993 unter dem ursprünglich vom Autor gewählten Titel, 2000 schließlich gab Enzensberger den Roman zusammen mit den beiden umfangreichen Begleittexten von Geisel in Die Andere Bibliothek heraus, diese Ausgabe ist es, die bei mir im Regal wohnt.

beradt


…. mit den Juden dieser Gasse, die neben ihrem bescheidenen irdischen Dasein noch ein zweites, hohes, übersinnliches Leben führten.

Im Mittelpunkt des Romans steht – so deutet es der ursprüngliche Titel schon an – eine Straße und deren Bewohner. Sehr locker wird der Text durch eine Person zusammengehalten, dem jungen Ephrain, genannt Frajim, der schon früh eine unbeherrschte Unterlippe aufwies, der dazu gehörige Mund verriet die gröberen Instinkte, die Nase aber war edel, die Stirn klug – so überlegte sich die Mutter. Dieser Frajim sollte nach dem Willen der Eltern Karriere machen, erfolgreich sein, das ging nur als Kaufmann, aber nicht natürlich im litauischen Elend des Dorfes, in dem sie lebten, sondern vielleicht in Krakau oder Lodz? Man entschied sich letztlich dann für Berlin, denn Deutschland stand in ihren Augen sehr hoch, vor allem stand Polen in ihren Augen sehr viel tiefer. Und wo ging man als Ostjude in Berlin hin, wo zog es einen hin? Dorthin zog es einen, wo schon andere waren, mithin kam auch Frajim ins Scheunenviertel hinter dem Alexanderplatz. Nur zeigte sich dort, daß Deutschland vielleicht sehr hoch stand, doch sicher nicht in diesem Viertel, in dem er, der junge Frajim keinen Erfolg hatte, keine Arbeit fand, obwohl sich seine Zimmerwirtin selbstlos um ihn kümmerte, ihn vermittelte, anpries und in Lohn und Arbeit brachte. Meist jedoch nur für kurze Zeit, was Frajims Ungeschicklichkeit geschuldet war oder der Tatsache, daß wirtschaftliche Probleme zur Entlassung von Beschäftigten zwangen.

Im Umfeld von Frajim führt Beradt eine Vielzahl weiterer Figuren ein. Der achtbare Bettler Fischmann zum Beispiel, dessen Berufung es war, Menschen Gelegenheit zu geben, großzügig und mildtätig zu sein und der wahrnehmen muss, sie sein Berufsethos hier in der Fremde verloren geht. Die Schwägerinnen Riwka und Julchen, die stundenlang auf einem harten Stuhl vor ihrem Verkaufstand mit Wäsche, Unterwäsche (darunter auch orangefarbene (!) Schlüpfer) und Trikotagen stehen und meist vergeblich darauf warten, daß jemand nicht nur schaut, sondern auch kauft. Joel, der Wirt, mit seinem weitbekannten Gasthaus, in dem er auch Zimmer vermietet, an drei, vier der armseligen Gestalten einen Raum….

Sie lebten elend dort in ihrem Viertel, in dem sie nicht unter sich waren, sondern das sie sich teilten mit anderen verschlissenen und unscheinbaren Existenzen. Christliche Minderheiten waren dies, aber auch alteingesessene Juden, darunter ganz arme, halb arme, wohlhabende, aber auch zugewanderte und wohlhabend gewordene und diese noch nicht einmal vereinzelt. Ganz abgesehen vom höchsts bedenklichen Gesindel der gewerbs- und gewohnheitsmäßigen Verbrecher samt ihrem weiblichen Anhang. Es gab Bordelle und es wurde Alkohol getrunken und die Glaubensfestigkeit der Juden auf schärfste geprüft wurde. Sie waren ein Fähnlein Aufrechter, im Quartier mit der Unzucht und dem Verbrechen, eine letzte Kompanie vor Gott. Und warum kommen sie jetzt aus Europas Osten nach Berlin? Nun, ihnen erschien die Wahrscheinlichkeit, in Berlin zu verhungern immer noch attraktiver als die Sicherheit, es in Polen zu müssen….

Zwar war Berlin für manche der Ostjuden der halbe Weg zum eigentlichen Ziel, das New York hieß, aber für die meisten war im Scheunenviertel Endstation. Die Welt außerhalb dieser wenigen Straßenzüge war schon Exil, sie vermieden es, in diese Welt zu gehen, aber diese Welt kam zu ihnen: in Gestalt der Polizei und der Baubehörden. In Joels Wirtshaus wurde Schwamm festgestellt bei einer Inspektion, die Existenz dieses Fleckens an der Wand wird zum Gerücht, es wuchs und verbreitete sich als Angst und Schrecken. Noch einmal gab es später ein ähnliches Gerücht, der Putz der von der Decke rieselte in das Zimmer, in dem Fischmann die Nacht selig entschlafen war, wurde zum Loch in der Decke, dessen Steine ihn erschlugen, das Loch wurde zur Wand, die umgefallen war, die umgefallene Wand wurde zum Haus, das praktisch schon einstürzte! Ausgerechnet zu der Zeit, in dem zusätzliche Zugvögel, die ein Ticket nach New York in der Tasche hatten und hier nur einen Zwischenhalt einlegten, zu all den sowieso schon eng Einquartierten gepackt worden waren. Welch eine Panik, welch eine Unruhe entstand dort. Wie brüllende Rinder, über derem Haupt der Stall in Feuer steht, so schrien alle. Ausgelöst durch einen anonymen Brief, der bei der Polizei eingegangen war, von einem Menschen mit seltsamen Namen… natürlich wusste man gleich, wer diese gewesen sein konnte, nein: musste! Jeder wusste es außer dem Betreffenden, der den geballten Zorn zu spüren bekam.

Es gäbe eine Anordnung der Polizei, das Haus zu verlassen, auch das Bethaus sei zu räumen. Ist sie das jetzt, die Austreibung? Dieses schreckliche Wort fiel, wenn auch nur im Ton der Frage bei denen, die aufgeregt durch Hintertüren in die Schankstuben strömten, um über das Geschehen zu reden. Es ist dies die immanente, ständig über ihnen schwebende Angst vor Vertreibung, die ganz real in diesen Jahren 1928/29 am Horizont erschienen ist.

Es war keine homogene Gemeinschaft. Zwar einte die Not die meisten darin, daß sie genug damit zu tun hatten, zu überleben, aber sie waren, obschon das Scheunenviertel ihre Welt war, nicht abgeschlossen. Im Osten, in Krakau beispielsweise, lebten sie abgeschlossen in ihren Vierteln, lebten die Juden streng unter sich, mit den Andersgläubigen im Verkehr nur durch den Handel. … Es war kühn, von dort auszubrechen, waren auch viele im Laufe des Jahrhunderts von Ost nach West gezogen. Die Mehrheit saß noch da, fromm und strng wie einst, …. hier aber? Inmitten der Unzucht, im Angesicht der Frauen, die von den Männern nur stundenweise besucht wurden, im engen Kontakt – schließlich war überall ähnliche Not – mit christlichen Handwerker, mit Ganoven auch…? Der junge Seraphim, mit dem sich Frajim ein wenig angefreundet hatte, beispielsweise trat für Änderungen ein, die Religion sollte eine freiere und reiner Form erhalten. .. Er galt als Ketzer, er hetze die Jugend auf. Wirklich sagte er: seht euch Herrn Lämmchen an …. bei den Worten Heilig, Heilig, heilig! möchte er höher hüpfen als sie alle, er faßt, wie man sagt, Gott an die Füße, aber zu Hause schlägt er die Frau, und im Geshäft macht er zweifelhafte Sachen! Oh ja, Seraphim hatte ein dezidiertes Urteil, viel forderte er, aber auch er, selbst er, konnte ohne die Gasse nicht leben.

Einige der Personen, die Beradt in seinem wie in einer Art Mosaik als Einzelbildern zusammengesetzten Panorame der Grenadiergasse in das Geschehen einführt, seien noch wenigstens erwähnt.  Beispielsweise Tauber mit seinem Bauchladen, Frau Warszawski, die Vermieterin, Geppert, der Polizeispitzel, Wahrhaftig, der mit Tüchern handelt und jetzt unbändige Angst hat, weil welche dabei sind, die aus der Beute eines erschossenen Diebes sind, der wohlhabende, aber fast blinde Weichselbaum, der nach Berlin der Ärzte wegen kam, der ebenfalls nicht arme Lumpenhändler Lewkowitz, bei dem Frajim zeitweilig, aber nicht lange, arbeitete, der Rabbi Jurkim mit seiner schwermütigen Frau. Dieser betete, wie andere atmeten, es fehlt ihm die Wärme, sein Blick war Eis, entsetzlich, Bett an Bett mit ihm zu schlafen, wahrscheinlich schlief man im Keller wärmer. Dann war da noch Boas, der Arzt, der sich für seine Patienten aufrieb und selbst früh starb. Früh starb? Ein Arzt, der sich selbst nicht helfen konnte und sich früh sterben ließ? O Weh! Ein kollektiver Aufschrei ertönte und die Sicherheit stellte sich in der Menge ein, daß dieser Betrüger dann ja wohl auch seinen Patienten nicht helfen konnte, und war nicht der oder die, trotzdem sie zu ihm gegangen, gestorben? Wieviel vertrauenswürdiger erschien da doch der Heilkundige Jankuhn, der allerdings eher den Aberglauben der Menschen bediente als sie zu heilen….

Am Ende all dieser Geschichten, hiermit schließt sich dann der lockere Rahmen, der durch die Existenz von Frajim gebildet wird, reist dieser mit Weichselbaum, der von den Ärzten Berlins enttäuscht ist, wieder zurück in die Heimat, aus der er ausgeschickt worden war. Er hatte trotz aller Enttäuschungen doch manches gelernt – vielleicht gab es dann doch noch einmal einen Aufstieg für ihn – in Polen.


Es sind Zwiegespräche, innere Monologe, Diskussionen, auch Beschreibungen, die Beradt in Art einer Collage zu einem Gesamtbild der Grenadierstraße, nolens volens also des Scheunenviertels zusammengefügt hat. Des Scheunenviertels, in dem sich die Ostjuden sammelten (es ist an mehreren Stellen von dreitausend die Rede), in der Hoffnung auf einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg, der ihren Glaubensbrüdern rund zweihundertfünfzig Jahre vorher gelungen war. Doch – so schreibt Geisel bitter weiter – statt auf Aufklärung und Lessing treffen sie auf Antisemitismus und Ludendorff, die Austreibung als Schreckgespenst immer im drohend im Hintergrund. Ein paar Jahre später, 1939, besuchte Beradt die Grenadiergasse noch einmal, diesen Besuch fügte er seinem Text als Epilog bei: … Ich habe sie [i.e. die Grenadiergasse] im Juli 1939, wenige Wochen vor dem Ausbruch des Krieges, gesehen, sie war nicht wiederzuerkennen. Es war ein Nachmittag, keine besonders lebhafte Zeit, aber auch keine stille für die Gasse. Wieviel Hunderte standen sonst um diese Zeit in ihr herum! Nun waren sie tot! …Die befürchtete Austreibung war wahr geworden, nicht nur hatte man sie aus Berlin, aus ihrem Viertel getrieben, man trieb sie aus aus Frankreich, aus den Niederlanden, aus allen Ländern, in die Deutschland mit seiner Militärmaschine kam, ja, man hatte begonnen, ihnen allen, einem ganzen Volk, sogar das Leben aus dem Leib zu treiben…

Beradt war herumgereist und hat für seinen Roman gesammelt: Witze, Anekdoten, Gespräche, Diskussionen, Episoden und anderes mehr. So ist dieser Roman von jüdischem Leben durchzogen, liest sich an vielen Stellen auch humorig, geprägt auch von diesem ‚typisch‘ jüdischen Humor, der die Hürden des Alltags offenlegt und gleichzeitig zu ertragen und hin und wieder zu überwinden vermag. Beradts Juden sind nicht aus Marzipan, wie er später schreiben sollte. Es sind Menschen, und es gibt gute Menschen und nicht so gute. Es gibt welche, die ihren Vorteil über alles stellen, es gibt welche, die helfen, wo sie helfen können. Menschen eben. Martin Beradt, der selbst 1939, kurze Zeit nach seinem oben geschilderten Besuch in der Grenadiergasse nach New York emigierte, hat dem Berliner Scheunenviertel und den dort wohnenden Juden mit Der Straße der kleinen Ewigkeit ein Denkmal gesetzt, hat ihnen, den von der Erde Vertilgten zumindest ein literarisches Überleben gesichert.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Beradt
[2] —
[3] Willi Jasper: Berlin Alexanderplatz, in: Manfred Görtemaker: Weimar in Berlin, be.bra verlag, Berlin, 2002
[4] Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz, zitiert nach: dtv, 24. Aufl., 1980
[5] als Beispiel eine Touristentour durch´s Scheunenviertel:  http://travel.nationalgeographic.com/travel/city-guides/berlin-walking-tour-3/
[6] Israel Joshua Singer: Die Familie Karnovski, Besprechung hier im Blog

 

Martin Beradt
Die Straße der kleinen Ewigkeit
Ein Roman aus dem Berliner Scheunenviertel
Mit einem Essay und einem Nachruf von Eike Geisel.
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek, Bd. 190), HC, ca. 370 S., 2001.

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