Stanisław Lem: Eden

lem autor

Sonntags steh´ ich regelmäßig vor meinen Regalen und schau einfach ´mal wieder die Bücher an, die das so stehen… und manchmal greif´ ich nach einem und blättere ein wenig und noch manchmaler lese ich es dann tatsächlich.. so passiert mit diesem kleinen Roman von Stanisław Lem: Eden.

Lem nimmt in meinen Regalen einen recht großen Raum ein, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht sieht, denn leider sind fast alle Bücher von ihm unter anderen als a-b-clichen Gesichtspunkten eingeordnet: die alten Suhrkampf-TBs, Bücher aus der Bibliothek Suhrkamp, dtv-Ausgaben, andere Sonderbände…. Das führt dann dazu, daß ich einen Roman wie Solaris letztlich dreimal besitze, weil ich ihn einfach zweimal nicht gefunden hatte… ;-)


Eden mit Untertitel: Roman einer außerirdischen Zivilisation ist dem Genre: Science Fiction zuzurechnen, die Handlung ist relativ einfach: ein Raumschiff mit 6 Mann Besatzung havariert durch eine Nachlässigkeit und stürzt auf die Oberfläche eines fremden Planeten, von dem durch eine früher dort die Atmosphäre beprobende unbemannte Sonde nur bekannt ist, daß die Luft atembar ist. Die Besatzung (Koordinator, Chemiker, Physiker, Kybernetiker, Ingenieur und Mediziner) überlebt unverletzt, das Raumschiff (die Rakete) ist beschädigt, es besteht aber Hoffnung, sie mit vielen Wenns und Abers wieder einsatzfähig zu bekommen. Man konzentriert sich jetzt auf zwei Sachen: zum einen die Reparatur des Raumschiffs, zum anderen die Erkundung der Umgebung auf dem fremden Planeten, um möglichst auch Wasser zu finden, denn die Vorräte sind knapp und die Sonne brennt in der wüstenartigen Region, in der sie havariert sind, vom Himmel.

Insgesamt werden vier Expeditionen gestartet, in jede Himmelsrichtung eine. Von der Planung her sind diese „Ausflüge“ etwas seltsam, beim ersten gehen alle sechs Männer mit, die anderen sind zum Teil nachts ohne Funkverbindung zum Raumschiff. Allen Ausflügen gemein ist, daß sehr Seltsames beobachtet wird, auf daß sich keiner der Männer einen Reim machen kann. So finden sie z.B. bei der ersten Expedition eine Art Fabrik, die vollautomatisch arbeitet und etwas Undefinierbares produziert, das sofort wieder als Ausgangmaterial für einen neuen Prozesszyklus verwendet wird.

Bei der Rückkehr ins Raumschiff treffen sie dort auf ein Wesen, sehr groß und massig, wie ein amorpher Schleimbeutel, der eine zweite Kreatur enthält. Es kommt zu keiner Kommunikation und am Ende sind beide „Wesen“ tot, erschossen. Der Doktor nennt sie post mortem mangels einer besseren Bezeichnung: „Doppelt“.

Wunderliche Fahrzeuge begegnen ihnen bei anderen Gelegenheiten, aber es sind keine Insassen zu entdecken, seltsame Pflanzen stehen am Weg, sie finden Tote, sehen Skelette, ausgestellt wie in einem Museum, werden fast von panischen Horden solcher in Lumpen gekleideter Doppelts an den Mauern einer Stadt, auf die sie treffen, zerquetscht, sie müssen gegen die Insassen der seltsame Gefährte kämpfen, finden aber auch eine normale Stadt mit normalem Leben…. aus der Ferne drehen sie Filme dieses fast idyllischen Ortes an einem See….

In der Zwischenzeit wird das Raumschiff aber angegriffen. Nicht, daß man es direkt beschießt oder zerstören will, es wird im Gegenteil artilleristisch anorganischer Samen gepflanzt, aus dem eine massivste Glasmauer um das Raumschiff herum wächst…. mit einen Antiprotonenwerfer kann ein Loch in diesen Glaswall geschossen werden, um eine letzte Expedition durchzuführen. Durch das Loch in der Mauer gelingt es einem weiterer „Doppelt“ unbemerkt zu dem Raumschiff zu gelangen. Diesmal kommt es zu einer Art von Verständigung, die zumindest ausreicht, Grundlegendes über die Gesellschaftsstruktur auf diesem Planeten zu erfahren.

Sie erweist sich als ein System der Unterdrückung und des Terrors. Aber trotzdem entscheiden sich die Männer, nicht einzugreifen, sondern mit dem mittlerweile reparierten Raumschiff wieder zu starten und Eden, das von aussen, vom Weltraum aus, so schön aussieht, zu verlassen.


Lems Text ist düstere, klaustrophische Science Fiction. Sechs Männer sind gestrandet und kämpfen ums Überleben und die Rückkehr, bei den Erkundungen der Umgebung sehen sie eine Menge Dinge, die sie nicht verstehen. Lem schildert diese Expeditionen in langen Passagen, in denen er die Landschaft beschreibt, in denen er phantastische Szenarien entwirft und ausmalt. Nicht alles kann man sich als Leser vorstellen oder visualisieren, damit ist der Leser in einer ähnlichen Situation wie die Raumfahrer, die des Nachts dort erkunden: auch sie sehen nur eingeschränkt durch die Dunkelheit, die ihre Lampen und Lichter nur ungenügend durchdringen. Es ist die Kunst Lems, daß diese seitenlangen Expeditionsbeschreibungen mit unerklärlichen Dingen an keiner Stelle langweilig sind, im Gegenteil, es baut sich diese beengende, klaustrophobische Spannung auf, weil man wie die Männer in der Geschichte, völlig im Dunkeln tappt.

Das ist das eigentliche Thema Lems in seiner Geschichte, die er auf einen fremden Planeten verlegt hat: Der Mensch im allgemeinen und besonderen tut sich sehr schwer, nur zu beobachten und wahrzunehmen. Automatisch fängt er parallel zur Beobachtung an, zu kategorisieren, in Schubladen zu stecken, ihm bekannte Erklärungsmuster auf das Unbekannte anzuwenden… Der Arzt ist es, der immer wieder versucht, alternative Erklärungen zu finden: vllt waren die „Doppelts“ ja garnicht wegen ihnen so in Panik, sondern sie waren nur zufällig anwesend, als aus einem anderen Grund Panik ausbrach… vllt soll die Glasmauer ja garnicht sie einsperren, sondern Bewohner des Planeten hindern, zu ihnen zu gelangen… So wichtig solche eingefahrenen Denkschemata im Normalfall auch sind, man muss sich der Gefahren, die sie bergen, bewusst bleiben…. nicht jeder aus der Crew kann diese Zweifel des Mediziners akzeptieren, es gelingt dem Koordinator aber immer, offenen Streit zu vermeiden und Kompromisse zu finden.

Wie schon erwähnt, mit dem „Doppelt“, der sich unbemerkt durch das Loch in der Glasmauer zur Rakete schleichen konnte, kam eine rudimentäre Kommunikation zustande. So erfuhren die Raumfahrer, daß auf dem Planeten ein diktatorisches System herrscht, dessen Repräsentanten anonym bleiben, nicht bekannt sind. Es hat genetische Experimente gegeben, die verheimlicht werden, aber zu vielen Missgeburten bei den „Doppelts“ geführt haben. Für die Männer stellt sich die Frage (und ein Schelm, wem hier Worte wie „Iraq“, „Afghanistan“ oder „Libyen“ einfallen… [2]), ob sie eingreifen und gegen das Regime kämpfen sollen…. Lem läßt die Männer diskutieren:

  • … jede Intervention im Dienste dessen, was wir für gut und richtig halten, jeder Versuch dieser Art würde höchstwahrscheinlich genauso enden wie unser heutiger Ausflug. Mit dem Gebrauch des Annihilators. …

  • … Alles, was hier geschieht, ist Glied in der Kette eines langwierigen historischen Prozesses. Der Gedanke an Hilfe resultierte aus der Annahme, die Gesellschaftr eile sich in „Gute“ und in „Böse“. …

  • … Du kannst hier nicht das Modell unserer Zivilisation einführen. Du müsstest den Plan einer anderen entwerfen, die auch noch nach unserem Abflug funktionierte. …

  • … Ich befürchte, ihr würdet in einem Anfall von Edelmut hier „Ordnung“ machen wollen, was, in die Praxis übertragen, Terror bedeutet hätte. …

Außer diesen sehr grundsätzlichen Überlegungen der Männer läßt sich das auf Eden herrschende System auch problemlos als Bild für die politische Struktur des Ostblocks zu der Zeit, in der Lem diesen Roman schrieb (1959) interpretieren….


Kurz und bündig: Eden ist ein spannender, klaustrophobischer, intelligenter SF-Roman mit erstaunlich aktuellen Bezügen. So wie es von einem Roman, den Lem geschrieben hat, erwartet werden kann.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag über den Roman: http://de.wikipedia.org/wiki/Eden…
[2] der Leitartikel des Spiegel (Ausgabe 34/2014 vom 18. August) kommt ebenfalls auf diese Frage zu sprechen und verweist darauf, daß es in Ländern, in denen nicht von aussen eingegriffen wurde, keineswegs besser aussieht: Syrien und Ruanda führt er als Beispiele an….
[3] auf youtube sind clips zu finden, in denen der Text gelesen wird:  https://www.youtube.com/watch?……., ganz nett ist auch dieser Clip, auf dem das Romanthema künstlerisch umgesetzt wird:  https://www.youtube.com/watch?……

Weitere Bücher von Lem hier im Blog
Solaris: https://radiergummi.wordpress.com/2008/11/24/stanislaw-lem-solaris/
Provokation: https://radiergummi.wordpress.com/2012/02/29/stanislaw-lem-provokation/

[B]ildquelle: Autorenbild: http://de.wikipedia.org/wiki/Stanisław_Lem,

Stanisław Lem
Eden
Roman einer außerirdischen Zivilisation
Übersetzt aus dem Polnischen von Caesar Rymarowicz
Originalausgabe: Eden, 1959
diese Ausgabe: dtv, ca. 290 S., 1983

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Sibylle Knauss: Eden

Knausss Roman ist vieles.. er kann als (prä)historischer ebenso wie als biographischer Roman gelesen werden, es ist genauso gut eine Familiengeschichte wie die Geschichte einer faszinierenden Forschung bzw faszinierender Forscherpersönlichkeiten. „Eden“: der Titel deutet es an, es geht um unsere Herkunft als biologische Wesen, auch wenn bezweifelt werden darf, daß die Zustände wirklich paradiesisch waren, wie die Bezeichnung „Eden“ es suggeriert, damals, als der Roman mit seiner Handlung einsetzt.

Ein Paar ist auf der Flucht, mit einem Kind. Es ist auf der Flucht, so wie alle Lebewesen auf der Flucht sind, denn es geschieht etwas, dem man nicht entgegentreten kann: ein Vulkan bricht aus, hüllt die Landschaft mit feiner Asche in, die in den Lungen brennt, die Lungenbläschen zerstört, alles austrocknet und die unaufhörlich immer weiter alles bedeckt. Doch plötzlich fällt Wasser vom Himmel, dicke Tropfen regnen auf die Erde, auf die von Asche bedeckt Erde nieder… [5]

Dreieinhalb Millionen Jahre später entdeckt Mary Leakey die Fußspuren dieses Paares auf der Flucht im Tuff dieses prähistorischen Vulkanausbruchs verewigt. Es ist die entscheidende Entdeckung von Mary Leakey, die schon soviel gefunden hat, allein und mit ihrem schon vor Jahren verstorbenen Mann Louis.

Louis Leakey wurde 1903 in Kenia als Sohn eines Missionars geboren. Er wuchs unter den Kindern des benachbarten Stammes auf, wurde auch in diesen aufgenommen. Schon früh interessierte er sich für archäologische Fragen. Er studierte Anthropologie und Archäologie in Cambridge, heiratete und lernte 1933 die 20jährige Mary Nichols, Tochter eines Künstlerehepaares kennen. Es ist ein kleiner gesellschaftlicher Skandal, daß Mary sofort zu Louis zieht, dieser läßt sich scheiden und heiratet Mary 1936. Im folgenden Jahr gehen die beiden nach Kenia zurück zu Grabungen. Den allergrößten Teil ihres noch folgenden Lebens sollte Mary in Afrika bleiben und graben, Louis war derjenige, der die Öffentlichkeit suchte, der Vorträge hielt, reiste und bei Sponsoren das nötige Geld für die Ausgrabungen eintrieb. Auf solch einer Vortragsreise starb Louis 1972 an einem Herzinfarkt.

Den Leakeys [4] gelang eine Reihe Aufsehen erregender Funde von hominiden Fossilien, Knauss erwähnt für 1972 die Zahl von 37127 Fundstücken (darunter natürlich auch andere als Knochen, z.B. Faustkeile etc pp), die Mary registriert hat. Sie ist äußerst vorsichtig in der Interpretation der Funde, wo Louis offensiv deutet und mutmasst, hält sie zurück. Die Einstufung als „von Hominiden bearbeitet“ ist für sie die letzte aller Möglichkeiten, wenn alle anderen Deutungen sicher ausgeschlossen werden können. Für Louis ist dies Erbsenzählerei, aber es ist ihr Erbe, das, was ihnen -zigtausende von Genertionen mitgegeben haben: die Frau als geduldige, gewissenhafte Sammlerin und Louis als Mann der forsche Jäger, immer auf dem Sprung nach Neuem – und nach Anerkennung.

Die Ehe der beiden ist nicht frei von Spannungen. Louis betrügt seine Frau, hat Verhältnisse. Zeit seines Lebens wird er gerade von jungen Frauen angehimmelt, er muss eine starke Ausstrahlung gehabt haben, denn körperliche Attraktivität kann er zumindest im Alter und der Knaussschen Beschreibung nach nicht mehr geboten haben. Die ganzen berühmten „Affenforscherinnen“, die die Studien an Gorillas (Jane Goodall), Schimpansen (Dian Fossey) und Orang-Utans (Biruté Galdikas) durchgeführt haben, sind von ihm in diese Forschung gebracht und betreut worden. Einmal stand die Ehe der Leakeys kurz vor dem Scheitern, diese Frau war wirkliche Konkurrenz für Mary. Nur das energische Eingreifen eines der Söhne, der sich – dramatisch in der Schilderung der Autorin – mit seinem unfalbedingten Schädelbruch zu den streitenden Eltern ins Wohnzimmer quält und die Trennung „verbietet“, hat das verhindert.

Als Paar sind Mary und Louis sprachlos. So sehr Mary ihren Mann vermisst, so sehr sie ihn liebt, wenn er abwesend ist – kehrt er zurück, geht (von laufen nicht zu sprechen) sie ihm nicht entgegen, kann ihm nichts zum Willkommen sagen. Es soll zu ihr kommen, aber ihn verunsichert dieses abweisend wirkende Verhalten, auch er zieht sich zurück. Eine Aussprache gibt es nicht. In Mary sitzt ausserdem der Zweifel, was hat er gemacht, wo war er wirklich, als er nicht hier war? Diese Unsicherheit wird sich erst nach dem Tod von Louis geben…. Doch Louis ist ein begnadeter Lügner und die entscheidende Frage: War diese oder jene Frau bei dir? stellt sie nie…

Mary, die die Forschungsarbeit noch viele Jahre nach dem Tod von Louis fortsetzt, stirbt 1996 in einem Krankenhaus in Nairobi. Etwas melodramatisch versetzt Knauss sie in ihren letzten Lebensminuten in ihrer Vorstellung wieder nach Laetoli zu ihren Spuren, denen sie folgt, auch in der Zeit zurück und sie begegnet all den Wesen, die sie ausgegraben hat, ja, wird selber eins von ihnen….

Nie wird man genau wissen, wie es geschah, wann und wo, es gibt keine überlieferten oder überkommenen Artefakte, kann es nicht geben, allenfalls Indizien. Wie ist die Sprache entstanden, wie die Vorstellung von dem, was nicht ist, aber was, wenn ich das und jenes mache, sein wird. Wie und warum haben die Hominiden ihr Fell verloren, wann und warum sind sie auf die Missionarsstellung gekommen, wo im Tierreich a tergo herrscht… wer hat den ersten Faustkeil gefertigt, wer als erster eine steinerne Speerspitze hergestellt? Sicher ist nur, es muss passiert sein, vllt -zig mal, vielleicht viel öfter, bis es verankert war in den Genen oder tradiert war in den Fähigkeiten und Kenntnissen. Wie hat sich das Sozialleben entwickelt, die Paarbindung.. wann ist der erste Mann dazu übergegangen, sich nur mit einer Frau zu paaren, wann hat die erste Frau sich nur auf einen Mann konzentriert? Gab es verschiedene Hominidengattungen zur gleichen Zeit [6], wenn ja, sind sie sich begegnet und gab es einen „kulturellen“ Austausch? Wann gab es den ersten Gedanken, daß jemand wütend und zornig ist, so zornig, daß er Blitze vom Himmel schickt und den Donner, dem niemand entgehen kann? So viele Fragen….

Es sind Fragen dieser Art, für die Knauss fiktionale Szenen entwirft. Es klingt plausibel, was sie schreibt, so könnte es gewesen sein, wenn man eine Entwicklung, die über Generationen verlaufen ist, auf einen Moment zusammenfasst. Die Frau, die erkennt, daß das Gesicht, das sie aus dem Wasser anschaut, ihr eigenes Gesicht ist und die in der Kühnheit dieser Erkenntnis dem Manne hinter ihr nicht ihren Hintern bietet, sondern die sich umdreht und ihm von Angesicht zu Angesicht willig ist… und da es ihm gefällt, was er sieht und wie er es macht (er verläßt sie nicht sofort „danach“, sondern bleibt auf ihr liegen und ruht), setzt er diese Art der Paarung auch mit den anderen Frauen durch. Überhaupt sieht Knauss in ihren Dioramen oft sexuelle Antriebe als Motor von Entwicklungen. Den zunehmenden Verlust des Felles z.B. deutet sie mit der Lust der Männer, das, was unter dem weiblichen Pelz liegt, zu sehen, so daß diese die „nackten“ Frauen bevorzugen und daher die Behaarung im Lauf der Generationen zurückgedrängt wird. Da ist die Gazellenfrau, eine Ausgestoßene, die ihrem Fellumhang öffnet und den sie anstarrenden Männern sagt, das könnt ihr haben, wenn ihr mir zu essen bringt und mir eine Hütte baut….

Wer nicht mit uns ist, ist Niemand.

Überhaupt die Gruppe, sie ist das Beherrschende. Ohne Gruppe ist man Niemand, Anders, Ausgestoßen und spätestens in der Nacht verloren, wenn die hungrigen Jäger kommen, die Katzen, die Schakale, die Hyänen, und  der Suche nach Beute sind. Die Gruppe bietet relativen Schutz, alles was ausserhalb der Gruppe ist, ist fremd und feindlich, selbst wenn jemand zurückgeblieben ist auf der Wanderung und trotzdem außerhalb der Gruppe die Nacht überlebt hat und wiederkommen will: er ist ein Geist, den niemand mehr will. In der Gruppe selbst gibt es außer zwischen Müttern und Kindern keine Zuordnung , die Kinder haben alle Männer zu Vätern.. wann ändert sich das? Wann tritt ein Gefühl auf wie Zuneigung und Liebe, das stark genug ist, sich als Paar abzusondern innerhalb der Gruppe…..?

Hunderttausend Generationen trennen uns.. es kommt auf ein paar tausend nicht drauf an. Nein, sie trennen uns nicht, sie verbinden uns. Selbst mit dem Schimpansen, von dem sich unser Stammbaum vor ca. 6 Mio Jahren abspaltete, verbinden uns 99% aller Gene [2]. Finden wir Spinnen eklig, sind unsere Vorfahren es, die es in unseren Genen fixiert haben, ebenso die Angst vor Schlangen, das gute Gefühl, zu einer Gruppe  gehören, das Erschrecken im Wald, wenn ein Ast kracht oder bricht: es könnte sich jemand im Unterholz stecken und sich anschleichen. Das Gefühl im Traum, zu fallen.. obwohl wir nicht mehr in Bäumen schlafen, es ist noch da, kann noch auftauchen. Unsere Hände sind kaum anders als ihre…. wir sind ihre Zukunft, sie unsere Vergangenheit…

Knauss verwebt diese beiden Stränge, den biographischen und den fiktionalen, ihres Buches, indem sie für Fundstücke solche Episoden erfindet. Es ist (für uns) weitgehend unerheblich, wie wahrscheinlich es ist, daß das, was sie uns erzählt, tatsächlich so stattgefunden haben mag, sie macht plausibel, erfindet mögliche Szenarien, verdichtet Entwicklungen auf eine Momentaufnahme: eine bessere Wahrheit wird kaum jemand ableiten können aus den Beobachtungen unserer nächsten biologischen Verwandten.  Irgendwann in den letzten 3 Mio Jahren müssen die entscheidenden Mutationen eingetreten und weitergegeben worden sein, die uns, den Homo sapiens gemacht haben, die einzige Art der Gattung Homo, die überlebt hat [1]. Die Leakeys [6] haben entscheidenden Anteil daran, dies erforscht zu haben, auch wenn die modernen Methoden der Paläoanthropologie [3] immer wichtiger werden.

Der Roman selbst ist spannend geschrieben, speziell die Abschnitte, mit denen Knauss uns als Leser in die Vergangenheit führt. Durch ihren Schreibstil vermittelt sie die Atmosphäre des „ständig auf der Hut sein müssens“, des „immer Aufpassen müssens“. Es sind kurze Sätze, abgehackte Sätze, noch fehlen viele Worte, Knurrlaute, Schnalzen, Klicken u.a.m. ersetzen vieles, sind für lange einziges Kommunikationsmittel. Vieles muss wiederholt werden, einmal, zweimal, damit es verstanden wird, vieles kann noch garnicht verständlich gemacht werden ohne richtige Sprache…  Nahrung, Wasser, Schlafbäume, Schutz, das war wichtig, muss gesucht werden, muss erkämpft werden, muss verteidigt werden. Kopulieren, Kinder gebären, damit die Gruppe weiterexistiert.. es ist kein Text, der einen als Leser trägt, sanft durch eine Geschichte leitet, es ist ein gehetzter Text, so, als hätte auch Knauss keine Musse gehabt, immer wieder nach rechts und links sichern müssen….

So schafft dieser Wissenschaftsroman zweierlei: er schildert die komplizierte, aber (wissenschaftlich) fruchtbare Ehe eines aussergewöhnlichen Forscher- und Entdeckerpaares [6] und er gibt eine sehr anschauliche, spannend geschriebene (mögliche) Antwort auf die Frage, wie wir Menschen auf dem Weg gekommen sind zu dem, was wir heute darstellen.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zum Stammesgeschichte des Menschen
[2] vgl. hier im Spiegel
[3] Wiki-Artikel zur Paläoanthropologie
[4] Wiki-Artikel zu Louis Leakey  (auch Bildquelle)
– Wiki-Artikel zu Mary Leakey (auch Bildquelle)
– Wiki-Artikel zum Sohn Richard Leakey
[5] Die Fußspuren von Laetoli in: evolution-mensch.de (auch Bildquelle)
[6] .. es soll auch hier nicht unterschlagen werden, daß auch die Nachfolgegeneration noch ihre großen Verdienste um die Paläontolgie hat: „Am Anfang war dreimal der Mensch“, DIE ZEIT, 09.08.2012

Sibylle Knauss
Eden
ZEIT-Edition »Wissenschafts-Romane«, HC, 320 S., 2011
Erstveröffentlichung: Hoffmann und Campe, 2009