Eckhard Fuhr: Schafe

13. Juli 2017

Bücher- und Naturliebhaber werden sie kennen, die Reihe Naturkunden, die bei Matthes & Seitz in Berlin verlegt werden, betreut und herausgegeben von Judith Schalansky. Als Band oder vielmehr Bändchen (denn diese Portraits einzelner Tier- und Pflanzenarten sind meist schmal) No 31 sind Schafe das Thema. Da ich seit Jahrzehnten selbst Schafhalter bin, nehme ich mir die Freiheit, diese Besprechung mit einigen Bildern der eigenen Schafe zu illustieren.

 

Der Autor Eckhard Fuhr, nach eigenen Angaben Journalist, Jäger und Waldläufer beginnt seine Ausführung mit einem tagesaktuellem Aufhänger: dem Wiederauftauchen des Wolfes in heimischen Regionen, aus/in denen der Beutegreifer vor anderthalb Jahrhunderten endgültig vertrieben/ausgerottet worden war. Der Wolf ist sozusagen der natürliche Feind des Schafes, da diese für ihn die adäquate Beute darstellen, zumal, wenn sie auf Koppeln gehalten dicht beieinander stehen. Auch wenn Schafe in Deutschland nie ein wirklich wichtiger Produktionsfaktor in der Landwirtschaft waren, tritt hier ein Interessenkonflikt auf, da die Schäfer sich zum Schutz ihrer Herden wieder auf lang vergessene Praktiken besinnen müssen bzw. auch die Gesellschaft – so sie die Rückkehr des Wolfes will – ihn entschädigen muss.

Dem Schaf haftet friedfertiges an, die Opferrolle. Wer jedoch je auf eine Schafkoppel geraten ist, in der ein z.B. Ostfriesischer Milchschafbock im Ritt ist, wird gemerkt haben, daß diese Friedfertigkeit nicht unter allen Bedingungen gewahrt wird, weit über hundert Kilo kampfbereite Kraft, die auf einen zustürmen, flößen Respekt ein und verleihen eine ungeahnte Fluchtgeschwindigkeit. Nichtsdestotrotz hat das Schaf als ‚Lamm Gottes‘ und Symbol Christi in der christlichen Religion einen zentralen Platz eingenommen, ist als Osterlamm aus diesem Fest nicht wegzudenken und steht auch in Begleitung von Ochs und Esel zu Weihnachten an der Krippe. Aber auch im weltlichen Rahmen symbolisiert das Schaf heute vor allen anderen landwirtschaftlichen Nutztieren noch oder wieder eine Rückbesinnung auf die Natur, auf natürliches Leben: der Beruf des Schäfers ist auch bei Frauen beliebt (wenngleich die harte Realität schon oft so manche romantische Vorstellung widerlegt hat), die Haltung von Schafen, auch seltener Rassen, selbst wenn es nur wenige sind, Liebhaberei von Menschen, die sich etwas Gutes tun wollen.

Wo kommt es her, unser Schaf? Zusammen mit der Ziege gehört es zu den ersten domestizierten Wildtieren, die Forschung geht davon aus, daß es ca. zehn Jahrtausende (vielleicht auch zwölf) her ist, daß man im Bereich des Fruchtbaren Halbmonds das Wildschaf häuslich machte. Stammvater des Schafs ist das Mufflon, das heute noch in der Wildform auf Korsika und Sardinien lebt, aber auch in heimischen Gefilden anzutreffen ist und – sofern der Wolf zurückkehrt und sich wieder einbürgert – durch diesen ausgerottet werden wird. Das mag bedauerlich klingen, ist aber durchaus zu begrüßen. Schon heute besteht prinzipiell für die Jägerschaft (vgl. Landesjagdgesetz Rheinland-Pfalz §31 Abs. 4) unter bestimmten Bedingungen die Abschusspflicht für weibliche und für Jungtiere [3]. Das Muffel ist nun mal keine heimische Tierart, im übrigen bekommt ihm, aus steinigen Gebirgslagen stammend, weder unser gutes, eiweißreiches Futter noch die weichen, feuchten Böden besonders gut [4]. Neben dem Mufflon gibt es noch weitere Wildschafarten, überhaupt ist das Schaf eine Tierart, die in weiten Teilen der Welt vorkommt: in Asien z.B. das asiatische Argali oder in Amerika das Dickhornschaf.

Mit dem Schaf erschloss sich der Mensch ein Tier, das Wolle, Fleisch und Milch lieferte, und dazu aus Ressourcen, die ihm ansonsten unzugänglich geblieben wären: der Wiederkäuer Schaf kann Futter verwerten, das qualitativ schlecht ist bzw. auf Böden wächst, auf denen kein anderes, hochwertiges Futter (oder auch Getreide) gedeiht.

Aber das Schaf brachte nicht nur Segen über die Menschen. Spätestens mit der Erfinung der Spinnmaschine wurde Wolle so wertvoll, daß es lohnend war, Ackerland in Weide umzuwandeln. Wo vorher -zig Menschen von Ackerbau lebten, fanden danach nur noch wenige Arbeit beim Hüten der Schafe. Ganze Landstriche z.B. in England wurden menschenleer, die wildromantische Landschaft Schottlands ist Ergebnis einer solchen Vertreibung der Bevölkerung an die Küsten. Das in Kleinstaaten zersplitterte Deutschland entkam diesem Phänomen, kein Landesfürst konnte es sich leisten, der Wolle wegen seine Untertanen zu vertreiben.

Die ‚Transhumanz‘ ist ein Begriff, der nicht jedem geläufig sein wird. Er bezeichnet die Wanderweidewirtschaft, also die Wirtschaftsform, in der Schafe teils über weite Strecken auf Jahrhunderte alten Pfaden (‚Triften‘) zwischen Sommer- und Winterweiden hin- und hergetrieben werden. Sie kommt ohne Stall und Winterfütterung aus und ist nicht an einen landwirtschaftlichen Betrieb gebunden, schreibt Fuhr [7]. Andere altherbebrachte Wirtschaftsformen sind der Wanderschäferei in z.B. Süddeutschland und die Alpwirtschaft in Gebirgen. Bei wandernden Schafherden kommt noch ein weiterer Aspekt ins Spiel, auf den Fuhr ausführlich eingeht: der Hund ist wichtig als Helfer und Partner des Schäfers.

Das Hausschaf existiert in vielen Rassen, die nach diversen Kriterien systematisiert werden können. Mitte des 18. Jhdts. fand in Deutschland eine Revolution statt: der württembergische Herzog schickte eine Delegation aus, die aus Spanien Merinoschafe mit ihrer extrem feinen und wertvollen Wolle besorgen sollte. Die Expedition war erfolgreich, mit den eingeführten Merinos wurden die genügsamen heimischen Landschafe veredelt zu der heute weitverbreiteten Rasse der Merinolandschafe. Auf einen leicht übersehenen Effekt dieser Aktion mach Fuhr aufmerksam: die konservativen heimischen Schäfer taten sich schwer mit den neuen Tieren und mussten in neu zu gründenden Schäferschulen an-, ein- und umgelernt werden mit dem Ergebnis, daß sich das allgemeine Bildungsniveau erhöhte, Schäfer des Lesens und des Schreibens mächtig wurden.

Bevor Fuhr am Ende seines Büchleins einige Schafrassen beschreibt, geht er noch einmal auf die von mir vorstehend schon erwähnte moderne Bedeutung des Schafes im Kontext mit der Rückbesinnung auf die Natur (die neue ‚Landlust‘) ein. Dieser im gesamten Buch durchgängig etwas romantisierend eingefärbte Blick auf unserer Beziehung zum Schaf wird durch diverse Abbildungen unterstrichen. Gemälde von Caspar David Friedrich (Der einsame Baum), Thomas Sidney Cooper (der Schafe wohl zu seinen Lieblingsmotiven gezählt haben dürfte) oder auch das berühmte Agnus Dei von Francisco Zubaran. Neben den genannten Gemälden enthält das Bändchen noch eine Vielzahl weiterer Abbildungen.

Der Rassenportraits sind es nicht allzu viele angesichts der vielen existierenden Rassen. Die Portraits sind – so Fuhr – weitgehend nach persönlichem Gefallen ausgesucht. btw: Die „eindrucksvoll gedrehten Hörner bei den Böcken“ der Heidschnucke nennt man im übrigen ‚Schnecken‘, weiß man dies, kann man bei Heidschnuckenhaltern Punkte sammeln….


Fuhrs Rassenportaits Schafe ist weniger ein Sachbuch über Schafe als vielmehr eine kleine Kulturgeschichte der Beziehung Mensch-Schaf. So schön dieses Thema ist und so ansprechend es in Schalanskys Reihe dargeboten wird, so ist es doch etwas einseitig, es vernachlässigt einen sehr negativen Aspekt der modernen Zeit: das Schaf an sich als Wirtschaftsgut im Rahmen der Globalisierung. Was hier so geschraubt klingt, ist grausame Realität und gehört auch zum Lebensbild des Schafes: Die Verschickung von abertausenden von Tieren unter grausamen Bedingungen von Europa aus in den Nahen Osten oder in die Türkei oder auf der anderen Erdhalbkugel die Transporte von Schafen aus Neuseeland in alle Welt. Youtube bietet unter den entsprechenden Suchwörtern genug Anschauungsmaterial für diese Qual, welche Menschen des Profits wegen den Tieren antun. Dieses traurige, verabscheuungswürdige Faktum gehört in die Wechselbeziehung Mensch-Schaf genauso hinein wie die so romantisch daher kommende Transhumanz. So schön und liebens- und damit auf jeden Fall auch empfehlenswert Fuhrs Büchlein also ist: es ist auch unvollständig, verschweigt in seiner kulturgeschichtlichen Ausrichtung all diese Inhumanitäten, die wir den Schafen antun. Nicht immer, nicht überall – aber viel zu oft. Und kaum ein Verbraucher, der im Supermarkt neuseeländisches Lammfleisch kauft, macht sich Gedanken darüber, was dahinter steckt [5]. Und dies ist nur ein Beispiel.

In diesem Sinnzusammenhang auch wenig kritisch möchte ich noch folgende Anmerkung anbringen: Im Abschnitt ‚Rasseportraits‘ zum Karakulschaf steht: „…hat das Fell neugeborener Karakullämmer einen seidigen Glanz….“ (Hinweis: es ist das Ausgangsprodukt für Persianerfelle). Dieser auf den ersten Blick harmlos klingende Satz bedeutet bei näherem Hinsehen natürlich, daß diese Lämmer nach der Geburt getötet werden, ihnen wird das Fell vom Leib gezogen und der Rest dann entsorgt. Ja, sogar das Töten der Föten noch im Mutterleib ist nicht unbekannt [6]. Wie immer im Leben bringt das Hinterfragen auch von auf den ersten Blick unverdächtigen Aussagen manchmal Häßliches zu Tage.

Links und Anmerkungen:

[1] Die Reihe Naturkunden beim Verlag Matthes & Seitz Berlin
[2] Judith Schalansky: der kurze Eintrag bei der Wiki
[3] Landesjagdgesetz (LJG) Rheinland-Pfalz, vom 9. Juli 2010
[4] https://www.oejv-bayern.de/presseinformationen/1609-pm-muffelwild/
[5] das internet bietet hierzu natürlich viel Information, hier ist nur eine dieser Quellen, willkürlich ausgewählt:  http://www.tier-im-fokus.ch/..ostern_ein_lamm
[6] http://www.pelzinfo.ch/pelztiere/karakulschaf/pelzgewinnung.html
[7] ich bin gerade durch Zufall auf diese Besprechung eines Bildbandes über die Transhumanz gestoßen: http://www.auf-den-berg.de/bergfilm-und-outdoor-buch/ueber-gletscher-und-grenzen/

Weitere Bücher der Reihe Naturkunden von Matthes & Seitz in diesem Blog:

Holger Teschke: Heringe
Jutta Person: Esel und von
Cord Riechelmann: Krähen

und von Judith Schalansky, der Herausgeberin gibt’s außerdem im Blog noch über:

den Atlas der abgelegenen Inseln
und den Der Hals der Giraffe zu lesen.

Eckhard Fuhr
Schafe
Ein Portrait.
Illustration: Falk Nordmann
diese Ausgabe: Matthes & Seitz, HC, 136 S., 2017

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